„Übersetzungen tragen immer auch den Stempel ihrer Zeit“

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Msgr. Joachim Wanke (Photo: 2007) / Wikimedia Commons – Th1979, CC BY-SA 30 (Croppped)

Wir dokumentieren im Folgenden das Statement von Bischof em. Dr. Joachim Wanke (Erfurt), langjähriger Vorsitzender des Leitungsgremiums für die Revision der Einheitsübersetzung, im Pressegespräch zum Thema „Die neue Einheitsübersetzung der Bibel – Vorstellung des ersten Exemplars“ am 20. September 2016 in Fulda zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK).

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Die Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift und ihre Revision

In diesem Buch, das ich hier in Händen halte und das Ihnen allen in einem Vorab-Sonderdruck vorliegt – in diesem Buch steckt ein ganzes Jahrzehnt harter Arbeit und, wie Sie sich denken können, sehr, sehr viel Herzblut. Ich freue mich daher außerordentlich, dass wir heute diese revidierte, diese neue Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift erstmals der Öffentlichkeit präsentieren können. Es ist mir und uns allen hier am Tisch eine große Freude, Sie dazu begrüßen zu können.

„Einheitsübersetzung“ – Was ist das eigentlich?

Der Name „Einheitsübersetzung“ beschreibt einfach das, was er bezeichnet: eine katholische Bibelübersetzung, die einheitlich für das ganze deutsche Sprachgebiet gelten soll. Heute würde man vermutlich glanzvollere Überschriften finden, aber das Projekt „Einheitsübersetzung“ reicht zurück in das Jahr 1960 – und es sollte ein wahrhaft bahnbrechendes Projekt werden. Denn was uns heute so selbstverständlich erscheint – nämlich dass man katholischerseits, von Kiel bis nach Bozen, von Echternach bis Görlitz denselben deutschen Bibelton im Ohr hat –, das war bis dahin noch keineswegs der Fall.

Die erste Idee zu einer einheitlichen Übersetzung kam 1960 auf. Ein Jahr später bereits – alles noch vor Konzilsbeginn – gaben die Bischöfe, zunächst nur die deutschen, den Auftrag, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Eine ökumenische Ausrichtung war, anders als der Name Einheitsübersetzung oft verstanden wird, zunächst nicht im Blick, sollte tatsächlich aber später noch beim Neuen Testament und den Psalmen zum Zuge kommen. Jedenfalls zeigte sich schon bald, wie klug und vorausblickend das Vorhaben war. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) forderte nämlich nicht weniger als eine biblische Erneuerung von Seelsorge und Liturgie, und in der Liturgie machte es den Weg frei für die Volkssprachen. Spätestens jetzt war klar: Wollte man dem Wunsch der Kirchenversammlung gerecht werden, brauchte es getreue und praxistaugliche Übersetzungen. So entschlossen sich am Ende sämtliche Bischöfe des deutschen Sprachgebiets, sich am Projekt „Einheitsübersetzung“ zu beteiligen – konkret waren das: die Bischofskonferenzen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie die Bischöfe bzw. Erzbischöfe von Straßburg, Luxemburg, Bozen-Brixen und Lüttich. Nach Phasen von Erarbeitung, Probeveröffentlichungen und nochmaliger Überarbeitung konnte 1979 schließlich die Einheitsübersetzung in verbindlicher Fassung erscheinen. Sie wurde damit zugleich die offizielle Bibelausgabe der katholischen Kirche im deutschen Sprachgebiet – und in dieser Aufgabe hat sich die Einheitsübersetzung voll und ganz bewährt.

Warum jetzt also eine Revision der Einheitsübersetzung?

Zwei wesentliche Antworten gleich vorab: Erstens ist Sprache nicht statisch, sie verändert sich; und zweitens ist die beste Übersetzung doch nie so gut, als dass sie nicht noch verbessert werden könnte. Aber lassen Sie mich das etwas näher ausführen.

Wenn Sie eine Bibelübersetzung drei Jahrzehnte lang jeden Tag in unterschiedlichsten Kontexten nutzen – und nicht nur Sie allein, sondern viele Tausende mit Ihnen –, dann zeigt sich schon recht genau, wo der Text seine Stärken hat und wo seine Schwächen liegen. Und irgendwann ist dann auch klar, dass eine Nachjustierung ansteht.

Bei der Einheitsübersetzung war dieser Punkt im Jahr 2003 erreicht. Die drei Bischofskonferenzen – Deutschland, Österreich, Schweiz –, die Erzbischöfe von Luxemburg und Vaduz, außerdem die Bischöfe von Straßburg, Lüttich und Bozen-Brixen verständigten sich deshalb darauf, hier eine Revision in Angriff zu nehmen. Beginn der Arbeit war 2006.

Revision, ja – aber wie?

Zunächst einmal war uns allen klar, dass wir keine grundständig neue Übersetzung brauchten. Die bisherige Einheitsübersetzung war ja bestens eingeführt, ihr sprachlicher Grundton weithin vertraut und auch bibelwissenschaftlich stand sie auf durchaus solidem Grund. Eine Überarbeitung konnte demnach nur moderat angegangen werden, unter möglichst weitgehender Wahrung des Textbestands. Wichtig für die Revision waren aber folgende Punkte:

Erstens: Die Bibelwissenschaften schlafen nicht. Ihre Aufgabe ist es, zur Sicherung der originalen Textgrundlage die sogenannten Textzeugen auszuwerten, die ja aus verschiedensten Zeiten stammen und in recht unterschiedlicher Erhaltung und Qualität überliefert sind. Hier hat sich in der Forschung der vergangenen Jahrzehnte natürlich einiges getan. Auch wenn es dabei meist um philologische Nuancen geht – eine seriöse Bibelübersetzung kann nicht davon absehen, mit der zuletzt gesicherten Originaltextgrundlage zu arbeiten.

Zweitens: Übersetzungen tragen immer auch den Stempel ihrer Zeit. Mit einigen Jahren Abstand erweisen sich manche Wiedergaben, vom Stil oder von der Wortwahl her, als doch recht zeitgebunden.

Ein Beispiel: In der bisherigen Einheitsübersetzung findet sich verschiedentlich (z. B. Mt26,22; Mk 1,22; Lk 2,48) das Adjektiv „betroffen“ – ein Wort, das in seiner emotionalisierten Verwendung heute doch sehr abgegriffen wirkt. Die Revision spricht daher, je nach griechischer Grundlage, von „traurig“ oder verwendet den Ausdruck „voll Staunen“.

Aber nicht nur Zeitgeistiges, sondern auch Fehler schleichen sich in Übersetzungen ein, zumal von so komplexen Texten wie der Bibel. Aufgabe der Revision war es daher, beides – das Fehlerhafte ebenso wie das Überlebte – zu bereinigen. Wir dürfen gespannt sein, was man in zwanzig Jahren einmal hier unter dieser Rubrik verbuchen wird.

Drittens: Mut zu biblischen Redeweisen, auch wenn sie uns manchmal ungewohntvorkommen. Die bisherige Einheitsübersetzung hatte teilweise versucht, das unmittelbare Textverständnis zu erleichtern – durch erklärende Zusätze und Paraphrasen oder auch durch Kürzung und Auslassung bestimmter Sprachbilder und Ausdrücke.

Ein Beispiel: Wo im Ausgangstext schlicht und einfach nur von „Hand“ die Rede ist, hieß es bisher z. B. „Macht“, „Herrschaft“, „Gewalt“ usw. Nun sind zwar solche Wiedergaben unmittelbar verständlich, und doch bringen sie – wegen der Vereindeutigung – oft einen Verlust der Sinnfülle mit sich.

Auf der anderen Seite gibt es auch den Fall, dass die Wiedergabe eines Wortes durch mehrere Wörter nur auf den ersten Blick als Textzusatz erscheint, tatsächlich aber angesichts unserer heutigen Sprachgewohnheiten geradezu geboten ist – so etwa bei Stellen, wo eine Maskulinform Menschen beiderlei Geschlechts bezeichnet. Hier musste eine sachgemäße Wiedergabe gefunden werden. In besonderer Weise fällt das bei der griechischen Anrede adelphoi („Brüder“) in den Apostelbriefen ins Gewicht. Die Revision übersetzt deshalb dort, wo Männer und Frauen gleichermaßen Ziel der direkten Anrede sind, das adelphoi sinngerecht mit „Brüder und Schwestern“. An den anderen Stellen ist es aus Gründen des Textflusses bei der einfachen Wiedergabe mit „Brüder“ geblieben.

„Mut zu biblischen Redeweisen“ heißt außerdem, besondere Eigenarten biblischer Lesetraditionen zu wahren. Ich denke hier vor allem an den persönlichen Namen Gottes, der nach jüdischem Herkommen nicht ausgesprochen werden darf. Anders als bisher folgt die Revision nun künftig wieder der jüdischen und immer schon auch kirchlichen Tradition des Ersatzwortes „HERR” – hier speziell kenntlich gemacht durch Verwendung von Kapitälchen. Aufgabe der Revision an der Stelle war also: Dem biblischen Text voll entsprechen, dabei Verlorengegangenes wiedergewinnen und Textfremdes tilgen. Der Leser darf die volle und ausschließliche Wiedergabe des biblischen Originals erwarten. Hierhin gehört übrigens auch das Streben nach Konkordanz, also Gleiches möglichst auch gleich wiederzugeben – nur so werden Bezüge in und zwischen den einzelnen Büchern der Bibel erkennbar.

Und schließlich viertens: Die Leser nicht alleine lassen! Einleitungen, Gliederung und Zwischenüberschriften, Anmerkungen und parallele Vergleichsstellen – all das sind wichtige Hilfen, um sich in der Heiligen Schrift zurechtzufinden. Aufgabe der Revision war es hier, das Angebot der bisherigen Einheitsübersetzung zu überprüfen und, wo sinnvoll, zu überarbeiten.

Zur organisatorischen Seite der Revision

Hier gleich ein Wort vorweg: Die ökumenische Zusammenarbeit konnte diesmal nicht fortgesetzt werden. Die Gründe hierfür waren hauptsächlich verfahrenstechnischer Natur. Jenseits dessen steht außer Frage, welch entscheidende Bedeutung der Heiligen Schrift für das gemeinsame Christusbekenntnis zukommt. Dank der sehr behutsamen Überarbeitung gerade beim Neuen Testament ist die ökumenische Signatur in gewisser Weise durchaus weiter erfahrbar. Auch weiß sich die Revision, was die Wiedergabe biblischer Orts- und Personennamen angeht, ganz den ökumenisch vereinbarten Loccumer Richtlinien von 1979/1981 verpflichtet. In diesem Sinne auch werden wir Bischöfe nächstes Jahr – am 9. Februar 2017 – zusammen mit der EKD eine ökumenische Bibeltagung in Stuttgart abhalten und wollen dabei das Wort Gottes, das uns verbindet, gemeinsam ins Zentrum rücken.

Nun aber zur Revisionsarbeit selbst. Diese lief – Text für Text, Satz für Satz – nach folgendem Verfahren ab: Die Einzelbearbeiter – alles ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet – bereiteten zunächst ihre Revision vor und danach legten sie die Ergebnisse dem sogenannten Leitungsgremium vor, ein Kreis, der ebenfalls aus Bibelwissenschaftlern bestand, Professoren wie Bischöfe. Nachdem wir 2008 den Tod des Bischofs von Bozen-Brixen, Dr. Wilhelm Egger, zu beklagen hatten, habe ich damals seine Aufgabe als Vorsitzender übernommen. Als Leitungsgremium hatten wir die eingesandten Arbeiten zu prüfen und gaben bei weiterem Klärungsbedarf entsprechende Vorschläge an die Revisoren zurück. Diese konnten sich nun wiederum zu unserer Stellungnahme verhalten und sie gegebenenfalls auch ablehnen. Die Rückmeldungen wurden dann im Leitungsgremium erneut besprochen und beantwortet. Um manche Lösungen haben wir länger ringen müssen, aber in den meisten Fällen hat dieser Austausch sehr rasch und gut zum Ziel geführt.

Nach all den Textarbeiten musste die neue Einheitsübersetzung die verschiedenen kirchlichen Prüf- und Genehmigungsverfahren durchlaufen, was etwa zwei Jahre in Anspruch nahm. Auch diese Zeit hat sich als durchaus nützlich erwiesen. So konnten noch Ungereimtheiten und Fehler behoben und die eine oder andere Entscheidung nochmals auf Stichhaltigkeit geprüft werden. Da auch die neue Einheitsübersetzung in der Liturgie Verwendung finden sollte, war es mit den an sich ausreichenden Approbationen auf Ebene der Bischofskonferenzen nicht getan, sondern wir haben – mit Blick auf künftige liturgische Bücher – auch gleich das Placet der vatikanischen Gottesdienstkongregation, die sogenannte Rekognitio, eingeholt.

Seit dem Frühjahr 2016 sind nun jedenfalls alle Schritte getan, die es zu tun galt. Auch die redaktionellen Anstrengungen haben ihr Ziel erreicht. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn wir, wie ich vom Verlag höre, Anfang 2017 die neue Einheitsübersetzung in den Regalen des Buchhandels wiederfinden und dann – hoffentlich – vor allem auch in den Händen vieler, vieler Menschen.

Fazit

Verständliche Sprache und wissenschaftliche Genauigkeit – das macht die Einheitsübersetzung von Anfang an aus. Nun bleibt aber weder die biblische Grundlagenforschung stehen noch die deutsche Sprache. Und so ist es jetzt Zeit für eine revidierte, neue Einheitsübersetzung. Viel Vertrautes bleibt, und einiges wird uns ungewohnt vorkommen – eine wunderbare Chance, dass wir wieder genauer hinhören und Gottes Wort neu an uns heranlassen.

(Quelle: Pressemitteilung der DBK)

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