Bischof Rudolf Voderholzer: Predigt bei der Ausstellungseröffnung zum Turiner Grabtuch

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Bischof Rudolf Voderholzer hielt einen Gottesdienst anlässlich der Eröffnung der Ausstellung zum Turiner Grabtuch „Wer ist der Mann auf dem Tuch? Eine Spurensuche“ am 19. August 2016. Hier  die komplette Predigt.

Statio und Predigt zur Messfeier mit Eröffnung der Ausstellung des Turiner Grabtuches im Dom zu Regensburg am Freitag 19. August  2016

Statio

Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt! Liebe Verantwortliche und Mitglieder des Malteserordens ! Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Ohne zu zögern und mit großer Freude habe ich die Einladung angenommen, mit Ihnen im Regensburger Dom die Eucharistie zu feiern anlässlich der Eröf fnung der Ausstellung zum Turiner  Grabtuch.

Ich habe, wie Sie wissen, selbst ein solches sehr getreues und ausdrucks­ starkes Faksimile des Turiner Grabtuches erworben. Und zum Jahr der Barmherzigkeit ist es seit der Fastenzeit durch das Bistum unterwegs.

Und so fügt es sich großartig, dass ergänzend und vertiefend dazu nun auch Ihre, der Malteser Ausstellung in Regensburg gezeigt wird. Ich habe sie schon in Altötting und auch in Salzburg gesehen, finde sie sehr gelungen und ich kann nur allen von Herzen danken, die sich um die Ausstellung in Regensburg verdient gemacht haben. Der Malteser­ Hilfsdient, dessen Wirken man für gewöhnlich mit den leiblichen Werken der Barmherzigkeit  verbindet -und wir haben ja  die Vorstellung gerade gehört, tut mit der Organisation dieser Ausstellung auch hier in Regensburg ein wichtiges Werk der geistlichen Barmherzigkeit, weil es uns informiert und uns hilft zur Begegnung mit dem Antlitz des barmherzigen  Gottes.

Bei all dem ist uns klar: diese Ikone ersetzt nicht die Begegnung mit dem Herrn in seinem Wort und im Sakrament der Eucharistie, führt aber hin: Und so bereiten wir uns vor auf das heilige Tun, indem wir den Herrn, gegenwärtig in unserer Mitte, darum bitten, uns würdig und bereit zu machen für die Begegnung mit ihm:

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

„Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“, mit diesem Schriftwort aus dem Alten Testament begründet der Johannesevangelist den besonderen Umstand, dass man Jesus am Kreuz mit der Lanze ins Herz bohrte, so dass Blut und Wasser herausströmten. Und mit einem anderen Schriftwort wird die Besonderheit erklärt, dass man Jesus -weil er schon tot war – die Beine nicht zertrümmerte . Beide Besonderheiten, die bei einer Kreuzigung so gut wie nie vorkamen, uns aber in der Johannespassion, wie wir gerade gehört haben, überliefert sind, bezeugt auch das Turiner Grabtuch. Aber nicht nur dies! Auf wen schauen wir, wir dieses Tuch betrachten?

Eigentlich hätte es im Jahr 1898 endgültig verräumt werden sollen, noch einmal fotografisch – mit der damals neuen und  aufstrebenden  Technik – dokumentiert werden und dann endgültig auf der Müllhalde frommer Fälschungen und dem Glauben nicht dienlicher Pseudo-Reliquien verschwinden sollen.

Und dann die Sensation: Das Negativ der Fotoplatte zeigt ein viel deutlicheres Bild eines von dem Grabtuch ganz umhüllten Gekreuzigten, und die Gesichtsabdrücke des Toten blicken einen -paradox – geradezu durchdringend an. Sie haben eine Reproduktion dieses Negativs vom Antlitz des Gekreuzigten – nur ein kleiner Teil natürlich des ganzen Grabtuches – ausgeteilt bekommen.

Das Grabtuchbild wirkt also, das war die Sensation, selbst wie eine Art Fotonegativ, ohne es freilich zu sein. Vorbei war es mit dem ruhigen Wegräumen. Im Gegenteil! Seit dieser Entdeckung hält das Tuch, das seit dem 16. Jahrhundert in der Kathedrale von Turin aufbewahrt wird, Naturwissenschaftler, insbesondere Botaniker und Chemiker, Textilkundler, Ikonographen, Byzantinisten, Kunsthistoriker und Kunstmaler, Gerichtsmediziner, Historiker und nicht  zuletzt Bibelwissenschaf tler in Atem. Es gilt mittlerweile als das am besten untersuchte Objekt der Geschichte.

Papst Franziskus hat mit dem Schreiben „Misericordiae vultus“, Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes, dieses Jahr zum Heiligen Jahres der Barmherzigkeit ausgerufen. Ich bin mehr denn je überzeugt, dass in der Begegnung mit dem Antlitz, das sich in dieses Tuch eingeprägt hat und das möglicherweise das getreue Abbild von Christi Antlitz birgt, dem barmherzigen Gott in einzigartiger Weise begegnen kann.

Was das Grabtuch betrifft: Es ist ganz offenkundig kein von Menschen gemachtes Kunstwerk, hat aber wohl die Ikonographie der Christus­-Ikone und auch der westlichen Christusdarstellungen geprägt bis hin zum Selbstporträt Albrecht Dürers aus dem Jahre 1500, dem so genannten Selbstbildnis im Pelzrock, bei dem er ja sein eigenes Bild mit dem Christi in eins malt.

Das so genannte Turiner Grabtuch ist über vier Meter lang und über  einen Meter breit. Während es in Turin der ganzen Länge nach  ausgestellt wird, präsentieren Sie es so, dass man es umschreiten und so die Vorder- und Rückseite sehen kann. Die längste Zeit seiner Geschichte war das Tuch aber wohl zusammengefaltet. Man kann es so zusammenlegen , dass es -ca. 2,5 kg schwer -bequem in einer Aktentasche Platz hat. So zusammengelegt hat das Tuch auch etliche brenzlige Situationen überstanden. Man sieht darauf Wasserflecken, aber auch, ganz dominant, die symmetrisch angeordneten Stellen, an denen bei einem Brand flüssiges Metall durch die einzelnen Lagen hindurchtropfte. Man hat diese Brandlöcher dann zunächst mit Flecken übernäht, bei einer der letzten Ausstellungen aber wurden sie abgenommen, so dass jetzt die dreieckigen Löcher zu sehen sind.

Alle Versuche, das Tuch als eine Fälschung, etwa als ein frommes Gemälde zu entlarven, sind gescheitert. Die Datierung durch eine nicht sehr sorgfältig durchgeführte Radio-Carbon-Untersuchung im Jahre 1988, die das Tuch in das Mittelalter stellt, ist unhaltbar. Eine Pollenuntersuchung hingegen hat Spuren von Blütenstaub zutage gefördert, wie er so und in dieser Zusammensetzung nur in Palästina vorkommt. Das Zustandekommen ist nicht geklärt. Wir stehen vor einem Geheimnis.

Folgende Gründe werden für die hohe Wahrscheinlichkeit genannt, dass es sich bei dem Turiner Grabtuch tatsächlich um das Leinen handelt, in das der gekreuzigte und vom Kreuz abgenommene Jesus am Karfreitag auf die Schnelle eingehüllt und in dem er bestattet wurde – wie wir es vorhin aus dem Johannesevangelium gehört haben, in dem er aber nur kurz gelegen sein kann.

Da ist zunächst die Tatsache, dass der Gekreuzigte, dessen anatomisch exakte Züge sich in dem Leinentuch abgebildet haben, überhaupt in ein solches kostbares, nach dem Fischgrat-Muster gewebtes, Tuch gehüllt wurde. Das war selten. Die meisten Leichen wurden zur Abschreckung am Kreuz belassen und wilden Tieren zum Fraß überlassen. Dass eine geordnete Kreuzabnahme und eine Bestattung überhaupt stattfanden, spricht für ein tatkräftiges soziales Umfeld des Mannes.

Geradezu einzigartig sind die Kopfverletzungen, die der Mann in dem Grabtuch von Turin aufweist und die von einer Art Dornenhaube herrühren. Es gibt kein Zeugnis dafür, dass dies bei der Kreuzigung eines Verbrechers üblich gewesen wäre, weder bei den Römern noch anderswo. Von Jesus aber wird überliefert, dass ihm die Soldaten zum Spott eine solche Krone geflochten und aufgedrückt haben. Der Rücken weist darüber hinaus Spuren von über 100 Geiselhieben auf. Üblich waren weit weniger. Bei Jesus wissen wir, dass Pontius Pilatus ihn eigentlich zur Erziehung und Besserung nur hätte geißeln lassen und dann freilassen wollen, bevor er sich dann doch zum Todesurteil entschloss. So aber ging Jesu Kreuzigung eine besonders heftige Geißelung voraus, die ihn dann ja auch so geschwächt hatte, dass er am Kreuz nicht mehr lange aushielt.

Ein dritter Gesichtspunkt: Der Mann auf dem Grabtuch muss ein schweres Objekt auf den Schultern getragen haben. Davon zeugen die entsprechenden Schürfwunden. Es stimmt, dass oft Delinquenten ihr Kreuz zum Hinrichtungsplatz tragen mussten. Aber gerade auch bei Massenhinrichtungen waren gar nicht genügend neue Folterwerkzeuge parat. Der Mann gehörte, so wie wir es auch von Jesus überliefert haben, zu denen, die wohl den 40 bis 50 kg schweren Querbalken selbst zur Hinrichtungsstätte schleppen mussten.

Der Mann wurde darüber hinaus mit Nägeln am Kreuz befestigt. Auch dies war nachweislich nur offiziellen Kreuzigungen vorbehalten. Bei Massenkreuzigungen wurden Hände und Füße oft nur mit Seilen angebunden, so dass nach dem Brechen der Gebeine die Hingerichteten qualvoll erstickten.

Ein außerordentlich sprechendes Zeichen des Turiner Grabtuches ist, dass die Beine des darin eingehüllten gerade keine Spuren des Zerschlagens zeigen, dafür aber eine Stichwunde an der Seite. Diese beiden Aspekte in einem gehören zu den Besonderheiten des Turiner Grabtuches. Sie entsprechen aber exakt dem Bericht, den uns der Johannesevangelist überliefert hat.

Ferner zeugen die erhaltenen Spuren für eine eilige und nur provisorische Bestattung, der Leichnam war nicht gewaschen worden.

Und schließlich kann der Leichnam nur kurz im Leinentuch gelegen haben. Es zeigt keine Anzeichen von Verwesung, während aufgrund der nachgewiesenen Totenstarre am wahren Tod des Bestatteten kein  Zweifel besteht.

„Der Mathematiker Bruno Barberis hat berechnet, dass alle genannten ,jesustypischen‘ Merkmale des Grabtuchs nur auf einen einzigen unter 200 Milliarden Gekreuzigten wieder zuträfen. Selbstverständlich ist das kein zwingender Beweis, aber es sei doch angemerkt, dass in den letzten 2 000 Jahren maximal 200 Milliarden Menschen gelebt haben.“ So Prof. Dietz, einer der besten Kenner der Grabtuschforschung (in der DT vom Karsamstag letzten Jahres).

Das kirchliche Lehramt, liebe Schwestern und Brüder, hat gut daran getan, sich nicht zur Authentizität des Grabtuches zu äußern. Und es ist klar festzuhalten: Niemand ist verpflichtet, an die Echtheit des Grabtuches zu glauben. Und selbst wenn die Authentizität erwiesen wäre, würde es den Glauben noch nicht beweisen,  der ein personaler Akt und ein Akt der Freiheit ist.

Papst Benedikt hat im Sinne eines persönlichen Glaubenszeugnisses einmal darauf hingewiesen, ,,dass das heilige Grabtuch wie  ein ,fotografisches‘ Dokument ist, das ein ,Positiv‘ und ein ,Negativ‘ hat. Es ist wirklich so: Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zur gleichen Zeit das hellste Zeichen einer Hoffnung, die keine Grenzen hat. Der Karsamstag ist das ,Niemandsland‘ zwischen Tod und Auferstehung, aber dieses ,Niemandsland‘ hat einer, der Einzige betreten, der es durchquert hat mit den Zeichen seines Leidens für den Menschen.“

Sollte das Turiner Grabtuch nicht dasjenige sein, in das der gekreuzigte Jesus gehüllt worden ist, dann stellt es uns zumindest die Grausamkeit  vor Augen, den Erfindungsreichtum menschlicher Grausamkeit, wenn es darum geht, einen anderen Menschen auf entwürdigende Weise zu Tode zu quälen.

,,Sie werden auf  den schauen, den sie durchbohrt haben!“

Sollte es wirklich das Grabtuch Jesu sein, dann zeigt es uns, was es wirklich und konkret geheißen hat, was Paulus im Zweiten Korintherbrief heute sagt, dass Gott ihn für uns zur Sünde gemacht hat. Wie er allen Hass der Welt gleichsam auf sich gezogen hat, an sich hat austoben lassen, indem er das Böse nicht mit Bösem vergolten sondern für seine Peiniger noch gebetet hat. Als der einzige, der das Niemandsland des Todes durchschritten und zum Jemandsland gemacht hat, ist Er Grund für eine Hoffnung, die stärker ist als Grab und  Tod.

Setzen wir uns seinem Antlitz aus, das das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes ist. Lassen wir uns von diesem Antlitz bewegen, in der Tiefe anrühren, damit wir ihm immer ähnlicher werden und die empfangene Barmherzigkeit weiterschenken. Amen.

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Quelle

Siehe dazu ferner:

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