Ungarns Botschafter: Papstaussagen sind differenzierter geworden

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Kurze Begegnung zwischen dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban und Papst Franziskus.

Der ungarische Vatikanbotschafter Eduard Habsburg registriert in den letzten Monaten bei Papst Franziskus „Aussagen, bei denen man spüren kann, dass die Realität mancher Staaten durch den riesigen Strom von Migranten und Flüchtlingen etwas mehr bei ihm angekommen ist“. Habsburg äußerte sich in einem Interview für die deutsche katholische „Tagespost“ (30. August) im Anschluss an den Empfang für Ministerpräsident Viktor Orban und eine internationale Parlamentariergruppe beim Papst. Dessen Aussagen zur Flüchtlingspolitik seien „im Lauf der vergangenen Monate differenzierter geworden“, befand Habsburg.

Auf die Frage, wie er zur Diskrepanz zwischen Papstappellen zur großherzigen Flüchtlingsaufnahme – etwa in „Evangelii gaudium“ – und Orbans Aussage, Ungarn wolle „gar keinen Migranten aufnehmen und sich auch nicht dazu zwingen lassen“, stehe, antwortete Habsburg, Franziskus bewege sich hier zwischen zwei Polen: „Als Verkünder des Evangeliums predigt er, in jedem Menschen in Not Christus selbst zu sehen und ihn großherzig aufzunehmen. Das andere ist, dass er als Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken auch die politischen Wirklichkeiten weltweit im Blick hat.“ Unter Papst Franziskus seien die diplomatischen Aktivitäten des Staatssekretariats massiv angewachsen, die Aussagen „differenzierter geworden“.

So habe der Papst etwa beim Neujahrstreffen der Diplomaten erklärt, die Länder hätten die Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen, aber auch, ihre Grenzen zu sichern und ihren Bürgern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. „Der Papst weiß also auch um die Probleme der Länder in Europa in der Aufnahme so vieler Migranten und Flüchtlinge. Beim Heiligen Stuhl ist, wie ich in zahlreichen Gesprächen erfahren darf, durchaus Verständnis für die konkreten Probleme Ungarns aufgrund seiner Größe und geografischen Lage gegeben.“

Im Blick auf das Referendum am 2. Oktober, bei dem sich die ungarische Regierung grünes Licht vom eigenen Volk holen will, jegliche Umverteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU zu blockieren, sagte Habsburg, es gehe um die Frage, „ob ohne die Zustimmung des ungarischen Parlaments Flüchtlinge nach Ungarn gebracht werden können“. Ministerpräsident Orban wolle, dass bei der Verteilung von Flüchtlingen „Rücksicht genommen werden muss auf die Belastbarkeit und auf die Biografie“ der jeweiligen Länder. Habsburg zufolge gehe es am 2. Oktober jedoch nicht um „bereits gemeinsam beschlossene Quoten“.

„Gewisse Nervosität“ in Visegrad-Staaten

Zur Islam-Debatte sagte er, die Visegrad-Staatengruppe habe selbst fast keine muslimische Bevölkerung. Daher rühre „eine gewisse Nervosität in weiten Teilen der Bevölkerung angesichts des doch massiven Zustroms“. In Ungarn komme die historische Erinnerung an die osmanische Besatzungszeit dazu.

Habsburg befürwortete aber die Dialogpolitik des Papstes gegenüber dem Islam, denn „die große, breite Masse in der islamischen Welt will mehr oder weniger ein normales Leben führen“. Das stütze die Haltung von Franziskus, die Muslime zu ermutigen, eine Friedensreligion zu sein und radikaleren Strömungen das Wasser abzugraben. „Der Papst will den anderen zeigen, dass er sie auf Augenhöhe anspricht und um Allianzen wirbt. Was sollte der weltweit am meisten respektierte religiöse Repräsentant denn sonst tun? Der Papst muss mit einem Islam in Dialog treten, der in einem Selbstfindungsprozess ist.“

Laut Eduard Habsburg wird Ungarn im Vatikan als christlich geprägt, auch in der Politik, wahrgenommen. „Hier [in Ungarn] treten Politiker ausgesprochen christlich auf. Im Umfeld des Parlaments gibt es etwa gemeinsame Gebete.“ Der Vatikan schätze auch sehr, dass „das christliche Familienbild die Politik unserer Regierung prägt“. Kinderreiche Familien würden gefördert, Gott werde in der Verfassung erwähnt, ebenso wie die Ehe „klar als freier Bund zwischen Mann und Frau“ definiert werde. Viele Sozialprojekte in Ungarn würden von den Kirchen gemacht, aber vom Staat finanziert.

(kap 30.08.2016 gs)

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