Das „Wunder des Abendlandes“ – MONT ST. MICHEL

 Von Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Um es vorwegzunehmen: Wunder ist eigentlich kein offizieller Titel, UNESCO-Weltkulturerbestätte schon. Aber bei dem Klosterberg, um den es hier gehen soll, darf man wohl gleichzeitig „Wunder“ und „Welterbe“ gebrauchen, auch wenn er noch nicht einmal ganz klar in die Bretagne gehört. Diese Unsicherheit – gehört er in die Normandie oder in die Bretagne? – verdankt er einer Laune der Natur: der Mont St. Michel, von dem die Rede ist, liegt auf einer von Ebbe und Flut mit starkem Strom und gewaltigem Tidenhub umspülten Gezeiteninsel innerhalb einer nach ihm benannten Bucht, genau im Mündungsgebiet des Flüsschens Cuesnon. Und da dieses knapp hundert Kilometer lange Gewässer der historische Grenzfluss zwischen Normandie und Bretagne ist, der seinen Verlauf in den letzten Jahrhunderten schon mehrfach geändert hat, wurde der Mont Sant Michel mal zur einen und mal zur anderen Region gezählt.

Kaum ein Bauwerk in Europa, das Menschenhand errichtet hat, ist so oft als „Wunder“, „heilig“ oder „Gottes wohlgefälliges Werk“ bezeichnet worden wie der in über 1000-jähriger Bauzeit seit dem 8. Jahrhundert errichtete und immer wieder veränderte Klosterberg Mont St. Michel, seit 1979 in der Liste der UNESCO als Stätte des Weltkulturerbes geführt.

War er schon seit dem Mittelalter ein überaus bedeutsames Pilgerziel, so zeugen nunmehr über 3,5 Millionen Besucher jährlich von seiner ungebrochenen Beliebtheit – diesmal als Touristendestination. 157 m über den Meeresspiegel ragt seine mit einer Figur des Erzengels Michael gekrönte Spitze auf und der gewaltige, vom gewachsenen Felsen ab wie eine mehrstufige Pyramide aufstrebende Baukörper ist schon aus sehr großer Entfernung auszumachen – wenn nicht der häufig über der Bucht sich bildende Nebel die Sicht behindert. Der ist übrigens zusammen mit dem tückischen, in zahlreichen Legenden mit dem für Bucht und Berg namengebenden Erzengel Michael in Verbindung gebrachten Sand der Bucht und mit der mitunter fast urplötzlich und mit ungeahnter Geschwindigkeit hereinbrechenden Flut verantwortlich für tausende Opfer, die in Unkenntnis der Gegebenheiten den Berg durch die Bucht watend erreichen wollten…

Eine Legende rankt sich auch um die Entstehung des Klosters: Als sich um 700 n. Chr. Aubert, Bischof von Avranches, oft auf die von Gezeiten umtoste Felseninsel zurückzog, auf der es mehrere Einsiedeleien gab, erschien ihm hier im Traum der Erzengel Michael mit der Aufforderung, eine Kirche für ihn zu erbauen. Der Bischof zögerte, und um die Ernsthaftigkeit des Ansinnens und seine göttliche Macht zu betonen, drückte ihm der Erzengel ein Loch in die Schädeldecke, ohne des Bischofs Haut zu verletzen. Der Schädel wird heute noch in der Kirche von Avranches in der Normandie gezeigt und der Bischof beeilte sich, die Kapelle zu errichten. Die Bedeutung als herausragendes Pilgerziel erhielt das Kirchlein, als Bischof Aubert Reliquien vom Erzengel aus dessen heiligem Ort Monte Sant Angelo in Apulien beschaffen und in diesem Gotteshaus unterbringen ließ.

Nachdem im 11. Jahrhundert eine normannische Kirche auf dem Gipfel des Felsens errichtet worden war, wandelte man die ursprüngliche Kapelle aus der Zeit des Frankenreiches in eine Krypta um, die zusammen mit weiteren Bauten die Plattform für die späteren Kirchen bildete. Vorzugsweise in der Gotik entstanden dann die herrlichen aufstrebenden Bauten der Kirche, der Abtei und der Gästeunterkünfte für illustre Pilger und gekrönte Häupter. Verschiedene Bauperioden und auch Verwendungszwecke folgten bis Ende des 19. Jahrhunderts. Stilelemente zumindest aus Romanik, Gotik, Renaissance und Klassizismus finden sich in dieser mit einer starken Befestigung umgebenen Klosteranlage, deren unbeschreiblicher Gesamteindruck niemals unter den Umbauten gelitten hat und sie bis heute zu einem der bedeutendsten Gebäudekomplexe Europas macht.

Das vielleicht aufregendste Detail ist der Kreuzgang, der trotz seiner umfassenden Restaurierung im 19. Jahrhundert die Besonderheiten eines einzigartigen Stils bewahrt hat, den die damals über das Gebiet des Mont St. Michel herrschenden Normannen aus der sizilianisch-normannischen Architektur, beeinflusst von islamischen Details, übernahmen. Der von schlanken, optisch versetzt gestellten Säulen getragene Kreuzgang heißt nicht umsonst „der Schwebende“ – in seiner dreidimensional wirkenden Erscheinung behindern ihn, da frei genau auf der Bergkuppe bzw. auf dem Dach der von dieser aufstrebenden Unterbauten stehend – keinerlei umliegende Bezugspunkte bis hin zum Horizont, was ihn in unwirklich scheinender Anmut und Leichtigkeit tatsächlich gleichsam zwischen Himmel und Erde schweben lässt …

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