Zum Hochfest der LEIBLICHEN AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL

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Santa Maria Maggiore – Koimesis – 1295

HEILIGE MESSE AM HOCHFEST DER AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL

PREDIGT VON PAPST BENEDIKT XVI.

Pfarrkirche „San Tommaso da Villanova“, Castel Gandolfo
Mittwoch, 15. August 201
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Liebe Brüder und Schwestern!

Am 1. November 1950 verkündigte der ehrwürdige Diener Gottes Papst Pius XII. als Dogma, daß die Jungfrau Maria, »nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden« ist. Diese Glaubenswahrheit war der Überlieferung bekannt, wurde von den Kirchenvätern bekräftigt und war vor allem ein wesentlicher Aspekt der Verehrung, die der Mutter Christi entgegengebracht wurde. Gerade das Element der Verehrung war sozusagen die entscheidende Antriebskraft für die Formulierung dieses Dogmas: Das Dogma ist gleichsam ein Lobpreis der allerseligsten Jungfrau. Das geht auch aus dem Text der Apostolischen Konstitution hervor, wo es heißt, daß das Dogma »zur Ehre des Sohnes, […] zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche« verkündigt wird. So wurde in dogmatischer Form das zum Ausdruck gebracht, was bereits in Verehrung und Frömmigkeit des Gottesvolkes als höchste und beständige Verherrlichung Mariens gefeiert wurde: Der Akt der Verkündigung der Aufnahme Mariens in den Himmel erwies sich gleichsam als eine Liturgie des Glaubens. Und im Evangelium, das wir soeben vernommen haben, spricht Maria selbst in prophetischer Weise Worte, die auf diese Perspektive hin ausgerichtet sind. Sie sagt: »Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter« (Lk 1,48). Es ist eine Prophezeiung für die ganze Kirchengeschichte.

Dieses Wort aus dem Magnifikat, das vom hl. Lukas überliefert wird, zeigt, daß der Lobpreis an die – mit ihrem Sohn Christus innig verbundene – Jungfrau und Gottesmutter die Kirche aller Zeiten und aller Orte betrifft. Und die Niederschrift dieser Worte von seiten des Evangelisten setzt voraus, daß die Verherrlichung Mariens zur Zeit des hl. Lukas bereits vorhanden war und er sie als eine Pflicht und eine Aufgabe der christlichen Gemeinschaft für alle Generationen betrachtete. Die Worte Mariens bedeuten, daß die Kirche die Pflicht hat, der Größe der Gottesmutter aufgrund des Glaubens zu gedenken. Dieses Hochfest ist also eine Einladung, Gott zu loben und auf die Größe der Gottesmutter zu schauen, denn wer Gott ist, das erkennen wir im Antlitz der Seinen.

Aber warum wird Maria durch die Aufnahme in den Himmel verherrlicht? Wie wir gehört haben, sieht der hl. Lukas die Wurzel des Lobpreises Marias im Wort der Elisabet: »Selig ist die, die geglaubt hat« (Lk 1,45). Und das Magnifikat, jener Lobgesang auf den lebendigen und in der Geschichte handelnden Gott, ist ein Hymnus des Glaubens und der Liebe, der aus dem Herzen der Jungfrau hervorgeht. Sie hat die Worte Gottes an sein Volk, die Verheißungen, die an Abraham, Isaak und Jakob ergangen sind, mit vorbildlicher Treue gelebt, sie in der Tiefe ihres Herzens bewahrt und sie zum Inhalt ihres Gebets gemacht: Das Wort Gottes ist im Magnifikat zum Wort Mariens geworden, zum Licht für ihren Weg, um sie bereit zu machen, das fleischgewordene Wort Gottes auch in ihrem Leib aufzunehmen. Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium verweist auf diese Gegenwart Gottes in der Geschichte und im Ablauf der Ereignisse. Insbesondere gibt es einen Bezug zum Zweiten Buch Samuel im sechsten Kapitel (6,1–15), in dem David die heilige Bundeslade überführt. Der Vergleich, den der Evangelist zieht, ist deutlich: Maria, die die Geburt ihres Sohnes Jesus erwartet, ist die heilige Lade, die die Gegenwart Gottes in sich trägt, eine Gegenwart, die Quelle des Trostes, vollkommener Freude ist. Denn Johannes hüpft im Leib der Elisabet, genau wie David vor der Lade getanzt hatte. Maria ist der »Besuch« Gottes, der Freude schenkt. Zacharias wird es in seinem Lobgesang ausdrücklich sagen: »Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen « (Lk 1,68). Das Haus des Zacharias hat den Besuch Gottes erfahren durch die unerwartete Geburt Johannes des Täufers, vor allem aber durch die Gegenwart Mariens, die in ihrem Leib den Sohn Gottes trägt.

Aber jetzt fragen wir uns: Was gibt die Aufnahme Mariens in den Himmel unserem Weg, unserem Leben? Die erste Antwort lautet: In der Aufnahme Mariens in den Himmel sehen wir, daß in Gott Raum ist für den Menschen. Gott selbst ist das Haus mit den vielen Wohnungen, von dem Jesus spricht (vgl. Joh 14,2); Gott ist das Haus des Menschen, in Gott gibt es Raum Gottes. Und Maria, die sich mit Gott vereint, mit Gott vereint ist, entfernt sich nicht von uns, geht nicht in eine ferne Galaxie; vielmehr ist, wer zu Gott geht, uns nahe, weil Gott uns allen nahe ist, und Maria, die mit Gott vereint ist, hat teil an der Gegenwart Gottes, ist uns sehr nahe, einem jeden von uns. Es gibt ein schönes Wort des hl. Gregor des Großen über den hl. Benedikt, das wir auch auf Maria anwenden können: Der hl. Gregor der Große sagt, daß das Herz des hl. Benedikt so groß geworden ist, daß die gesamte Schöpfung in dieses Herz hineinpaßte. Das gilt noch mehr für Maria: Maria, die völlig mit Gott vereint ist, hat ein so großes Herz, daß die ganze Schöpfung in dieses Herz hineinpaßt, und die Votivgaben in allen Teilen der Welt zeigen das. Maria ist nahe, kann zuhören, kann helfen, sie ist uns allen nahe. In Gott ist Raum für den Menschen, und Gott ist nahe, und Maria, die mit Gott vereint ist, ist sehr nahe, sie hat ein Herz, das so weit ist wie das Herz Gottes.

Aber da ist auch der andere Aspekt: Es ist nicht nur in Gott Raum für den Menschen; im Menschen ist Raum für Gott. Auch das sehen wir in Maria, der heiligen Lade, die die Gegenwart Gottes trägt. In uns ist Raum für Gott, und diese Gegenwart Gottes in uns, die so wichtig ist, um der Welt in ihrer Traurigkeit, in ihren Problemen Licht zu schenken, diese Gegenwart wird im Glauben verwirklicht: Im Glauben öffnen wir die Türen unseres Daseins, damit Gott in uns hineinkommt, damit Gott die Kraft sein kann, die unserem Dasein Leben und Weg schenkt. In uns ist Raum, öffnen wir uns, wie Maria sich geöffnet hat, indem wir sagen: »Dein Wille möge verwirklicht werden, ich bin die Magd des Herrn.« Wenn wir uns Gott öffnen, verlieren wir nichts. Im Gegenteil: Unser Leben wird reich und groß. Und so gehören Glaube, Hoffnung und Liebe zusammen. Es gibt heute viele Worte über eine zu erwartende bessere Welt: das soll unsere Hoffnung sein. Ob und wann diese bessere Welt kommt, wissen wir nicht, weiß ich nicht. Sicher ist, daß eine Welt, die sich von Gott entfernt, nicht besser wird, sondern schlechter. Nur die Gegenwart Gottes kann auch eine gute Welt gewährleisten. Aber lassen wir das.

Eine Sache, eine Hoffnung ist sicher: Gott wartet auf uns, er erwartet uns, wir gehen nicht ins Leere, wir werden erwartet. Gott wartet auf uns, und wenn wir in die andere Welt gehen, finden wir die Güte der Mutter, finden wir unsere Lieben, finden wir die ewige Liebe. Gott erwartet uns: Das ist unsere große Freude und die große Hoffnung, die gerade aus diesem Fest heraus entsteht. Maria besucht uns, und das ist die Freude unseres Lebens, und die Freude ist Hoffnung.

Was soll man sagen? Ein großes Herz, die Gegenwart Gottes in der Welt, der Raum Gottes in uns und der Raum Gottes für uns, Hoffnung, Erwartetsein: Das ist die Symphonie dieses Festes, der Hinweis, den die Betrachtung dieses Hochfestes uns schenkt. Maria ist Morgenröte und Glanz der triumphierenden Kirche; dem pilgernden Volk ist sie ein Zeichen der Hoffnung und eine Quelle des Trostes, wie es in der heutigen Präfation heißt. Vertrauen wir uns ihrer mütterlichen Fürsprache an, auf daß sie uns vom Herrn erlange, unseren Glauben an das ewige Leben zu stärken; sie möge uns helfen, die Zeit, die Gott uns schenkt, gut und mit Hoffnung zu leben – einer christlichen Hoffnung, die nicht nur Sehnsucht nach dem Himmel ist, sondern das lebendige und aufrichtige Verlangen nach Gott hier in der Welt, das Verlangen nach Gott, das uns zu unermüdlichen Pilgern macht und in uns den Mut und die Kraft des Glaubens nährt, die gleichzeitig Mut und Kraft der Liebe sind. Amen.

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Quelle


 

EUCHARISTIEFEIER AM HOCHFEST
DER AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL

PREDIGT VON PAPST BENEDIKT XVI.

Pfarrkirche „San Tommaso da Villanova“, Castel Gandolfo
Montag, 15. August 2011

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Wieder einmal sind wir versammelt, um eines der ältesten und am meisten geliebten Feste zu feiern, die der allerseligsten Jungfrau Maria gewidmet sind: das Hochfest ihrer Aufnahme in die Herrlichkeit des Himmels mit Leib und Seele, also mit ihrem ganzen menschlichen Sein, in der Unversehrtheit ihrer Person. So ist uns die Gnade gegeben, unsere Liebe zu Maria zu erneuern, sie zu bewundern und zu loben für das »Große«, das der Allmächtige an ihr getan und in ihr gewirkt hat.

Durch die Betrachtung der Jungfrau Maria ist uns eine weitere Gnade gegeben: die Gnade, auch tief in unser eigenes Leben hineinblicken zu können. Ja, denn auch unser tägliches Leben, mit seinen Problemen und seinen Hoffnungen, erhält Licht von der Mutter Gottes, von ihrem geistlichen Weg, von der ihr verheißenen Herrlichkeit: ein Weg und ein Ziel, die in gewisser Weise unser eigener Weg und unser eigenes Ziel werden können und müssen. Wir lassen uns leiten von den Abschnitten der Heiligen Schrift, die die Liturgie uns heute vorlegt. Ich möchte insbesondere bei einem Bild verweilen, das wir in der Ersten Lesung finden, die der Offenbarung entnommen ist, und das im Lukasevangelium einen Widerhall findet: das Bild der »Bundeslade«.

In der Ersten Lesung haben wir gehört: »Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und in seinem Tempel wurde die Lade des Bundes sichtbar« (Offb 11,19). Welche Bedeutung hat die Lade? Was wird sichtbar? Für das Alte Testament ist sie das Symbol der Gegenwart Gottes unter seinem Volk. Aber das Symbol hat nunmehr der Wirklichkeit Platz gemacht. So sagt uns das Neue Testament, daß die wahre Lade des Bundes eine lebendige und konkrete Person ist: die Jungfrau Maria. Gott wohnt nicht in einem beweglichen Möbel, Gott wohnt in einer Person, in einem Herzen: in Maria, die den menschgewordenen ewigen Sohn Gottes, Jesus, unseren Herrn und Erlöser, in ihrem Schoß getragen hat. Bekanntlich wurden in der Lade die beiden Tafeln mit dem Gesetz des Mose aufbewahrt, die den Willen Gottes, den Bund mit seinem Volk zu wahren, zum Ausdruck brachten und die Bedingungen aufzeigten, dem Bund mit Gott treu zu sein, um sich dem Willen Gottes und damit auch unserer tiefsten Wahrheit anzugleichen. Maria ist die Lade des Bundes, weil sie Jesus in sich aufgenommen hat. Sie hat das lebendige Wort in sich aufgenommen, alles, was im Willen Gottes, in der Wahrheit Gottes enthalten ist; sie hat denjenigen in sich aufgenommen, der der neue und ewige Bund ist. Dieser Bund hat seinen Höhepunkt gefunden in der Hingabe seines Leibes und seines Blutes: des Leibes und des Blutes, die er von Maria empfangen hat. Zu Recht ruft die christliche Frömmigkeit sie daher in den Litaneien zu Ehren der Gottesmutter an als »Foederis Arca«, also »Arche des Bundes«, Lade der Gegenwart Gottes, Lade des Bundes der Liebe, den Gott in Christus endgültig mit der gesamten Menschheit geschlossen hat.

Der Abschnitt aus der Offenbarung soll auf einen weiteren wichtigen Aspekt der Wirklichkeit Mariens verweisen. Ihr, der lebendigen Lade des Bundes, ist eine außerordentliche Herrlichkeit verheißen, weil sie mit dem Sohn, den sie im Glauben angenommen und im Fleisch hervorgebracht hat, so eng verbunden ist, daß sie völligen Anteil hat an seiner himmlischen Herrlichkeit. Das vermitteln uns die Worte, die wir gehört haben: »Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger … Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker … herrschen wird« (12,1–2;5).

Die Größe Mariens: Sie ist die Mutter Gottes, die Begnadete, die vollkommen fügsam ist gegenüber dem Wirken des Heiligen Geistes, sie lebt bereits in Gottes Himmel mit ihrem ganzen Sein, Seele und Leib. Der hl. Johannes von Damaskus sagt in einer berühmten Predigt in bezug auf dieses Geheimnis: »Heute wird die heilige und einzigartige Jungfrau zum himmlischen Tempel geführt … Heute ruht die heilige und vom lebendigen Gott beseelte Lade, [die Lade], die ihren eigenen Schöpfer im Schoß getragen hat, im Tempel des Herrn, der nicht von Menschenhand erbaut ist« (In Dormitionem sanctissimae Dei Genitricis ac perpetuae Virginis Mariae 2, PG 96,723). Und weiter sagt er: »Sie, die den göttlichen ›Logos‹ in ihrem Schoß getragen hatte, mußte in die Zelte ihres Sohnes eingehen … Die Braut, die der Vater sich erwählt hatte, mußte im Brautgemach des Himmels wohnen« (ebd. 14,PG 96,742).

Heute feiert die Kirche die unendliche Liebe Gottes zu diesem seinem Geschöpf: Er hat sie erwählt als wahre »Lade des Bundes«; als diejenige, die Christus, den Erlöser, immerfort hervorbringt und ihn der Menschheit schenkt; als diejenige, die im Himmel Anteil hat an der Fülle der Herrlichkeit, die Gottes Glückseligkeit genießt und gleichzeitig auch uns einlädt, auf unsere bescheidene Weise zur »Lade« zu werden, in der das Wort Gottes gegenwärtig ist, damit die Menschen im anderen Menschen der Nähe Gottes begegnen können und so in Gemeinschaft mit Gott leben und die Wirklichkeit des Himmels kennenlernen können.

Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium, den wir soeben gehört haben (vgl. Lk 1,39–56), zeigt uns diese lebendige Lade, Maria, in Bewegung: Sie hat ihr Haus in Nazaret verlassen und eilt in eine Stadt im Bergland von Judäa, um in das Haus von Zacharias und Elisabet zu gehen. Es scheint mir wichtig hervorzuheben, daß sie »eilt«: Die Dinge Gottes verdienen Eile, ja die einzigen Dinge der Welt, die Eile verdienen, sind die Dinge Gottes. Sie sind wirklich dringlich in unserem Leben.

Maria betritt also das Haus des Zacharias und der Elisabet, aber sie betritt es nicht allein. Als sie es betritt, trägt sie im Schoß ihren Sohn, Gott selbst, der Mensch geworden ist. Gewiß wurde sie, wurde ihre Hilfe in jenem Haus erwartet, aber der Evangelist gibt uns zu verstehen, daß diese Erwartung auf eine andere, eine tiefere verweist. Zacharias, Elisabet und der kleine Johannes der Täufer sind nämlich das Symbol für alle Gerechten Israels, deren Herz hoffnungsvoll auf das Kommen des Messias, des Erlösers wartet. Und der Heilige Geist öffnet Elisabet die Augen und läßt sie in Maria die wahre Lade des Bundes erkennen, die Mutter Gottes, die kommt, um sie zu besuchen. Und so empfängt ihre betagte Verwandte sie, indem sie »mit lauter Stimme« ruft: »Gesegnet bis du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?« (Lk 1,42–43). Und der Heilige Geist öffnet in ihrer Anwesenheit, da sie den menschgewordenen Gott in ihrem Schoß trägt, auch das Herz Johannes’ des Täufers in Elisabets Leib. Elisabet ruft aus: »In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib« (V. 44). Hier benutzt der Evangelist Lukas den Ausdruck »skirtan«, also »hüpfen«. Denselben Ausdruck finden wir in einer der antiken griechischen Übersetzungen des Alten Testaments, um den Tanz des Königs David vor der heiligen Lade zu beschreiben, die endlich in die Heimat zurückgekehrt ist (2 Sam 6,16). Wie David tanzt Johannes der Täufer im Leib seiner Mutter vor der Lade des Bundes und bekennt so: Maria ist die neue Lade des Bundes, vor der das Herz freudig jubelt, die Mutter des in der Welt gegenwärtigen Gottes. Und sie behält diese göttliche Gegenwart nicht für sich, sondern bietet sie dar und teilt die Gnade Gottes mit den anderen. So ist Maria – wie es im Gebet heißt – wirklich »causa nostrae laetititae«, die »Lade«, in der der Erlöser wirklich unter uns gegenwärtig ist.

Liebe Brüder! Wir sprechen von Maria, aber in gewissem Sinne sprechen wir auch von uns, von jedem von uns: Auch wir sind Empfänger jener unendlichen Liebe, die Gott – ganz gewiß in absolut einzigartiger und unwiederholbarer Weise – Maria vorbehalten hat. Heute am Hochfest ihrer Aufnahme in den Himmel blicken wir auf Maria. Sie macht uns offen für die Hoffnung, für eine Zukunft voll Freude, und sie lehrt uns den Weg, sie zu erlangen: ihren Sohn im Glauben annehmen; nie die Freundschaft mit ihm verlieren, sondern uns von seinem Wort erleuchten und leiten lassen; ihm täglich nachfolgen, auch in den Augenblicken, in denen wir spüren, daß unser Kreuz schwer auf uns lastet. Maria, die Lade des Bundes, die im Heiligtum des Himmels ist, zeigt uns mit leuchtender Klarheit, daß wir auf dem Weg sind zu unserem wahren Zuhause, der Gemeinschaft der Freude und des Friedens mit Gott. Amen!

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Quelle


 

HEILIGE MESSE AM HOCHFEST DER AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL

PREDIGT VON PAPST BENEDIKT XVI.

Pfarrkirche des hl. Thomas von Villanova, Castel Gandolfo
Sonntag, 15. August 2010


Bilder von der Messfeier

 

Eminenz,
Exzellenz,
geehrte Obrigkeiten,
liebe Brüder und Schwestern!

Heute feiert die Kirche eines der wichtigsten Feste im Kirchenjahr, die der allerseligsten Jungfrau Maria gewidmet sind: Mariä Himmelfahrt. Am Ende ihres irdischen Lebens ist Maria mit Leib und Seele in den Himmel erhoben worden, das heißt in die Herrlichkeit des ewigen Lebens, in die volle und vollkommene Gemeinschaft mit Gott.

Dieses Jahr begehen wir den 60. Jahrestag, seit der ehrwürdige Diener Gottes Papst Pius XII. am 1. November 1950 dieses Dogma feierlich verkündet hatte, und ich möchte die Formel der Dogmatisierung vorlesen, wenngleich sie ein wenig kompliziert ist. Der Papst sagte: »Deshalb hat es die erhabene Mutter Gottes, mit Jesus Christus von aller Ewigkeit her durch ein und denselben Ratschluß der Vorherbestimmung auf geheimnisvolle Weise verbunden, unbefleckt in ihrer Empfängnis, in ihrer göttlichen Mutterschaft völlig unversehrte Jungfrau, die edle Gefährtin des göttlichen Erlösers, der den völligen Triumph über die Sünde und ihre Folgen davongetragen hat, schließlich als höchste Krone ihrer Vorrechte erlangt, daß sie von der Verwesung des Grabes unversehrt bewahrt wurde und daß sie, wie schon ihr Sohn, nach dem völligen Sieg über den Tod mit Leib und Seele zur erhabenen Herrlichkeit des Himmels emporgehoben wurde, wo sie zur Rechten eben dieses ihres Sohnes, des unsterblichen Königs der Zeiten, als Königin erstrahlen sollte« (Apostolische Konstitution Munificentissimus Deus, AAS 42 [1950], 768–769).

Das also ist der Kern unseres Glaubens an die Aufnahme in den Himmel: Wir glauben, daß Maria wie Christus, ihr Sohn, bereits über den Tod gesiegt hat und schon in der himmlischen Herrlichkeit in der Ganzheit ihres Seins »mit Leib und Seele« den Triumph fortträgt. In der zweiten Lesung von heute hilft uns der hl. Paulus, etwas Licht auf dieses Geheimnis zu werfen, während er von der zentralen Tatsache der Menschheitsgeschichte und unseres Glaubens ausgeht: das heißt von der Tatsache der Auferstehung Christi, der der »Erste der Entschlafenen« ist. Versenkt in sein Paschageheimnis sind wir seines Sieges über die Sünde und den Tod teilhaftig geworden. Hierin liegen das überraschende Geheimnis und das Schlüsselereignis der gesamten menschlichen Geschichte. Der hl. Paulus sagt uns, daß wir alle in Adam, den ersten und alten Menschen, »einverleibt« sind, wir alle besitzen dasselbe menschliche Erbe; zu diesem gehören: das Leid, der Tod, die Sünde. Doch zu dieser Wirklichkeit, die wir alle jeden Tag sehen und erleben können, kommt etwas Neues hinzu: Wir stehen nicht nur in diesem Erbe des einzigen Menschseins, das mit Adam seinen Anfang genommen hat, sondern wir sind auch in den neuen Menschen »einverleibt«, in den auferstandenen Christus, und so ist das Leben der Auferstehung bereits in uns gegenwärtig. Diese erste biologische »Einverleibung« ist also eine Einverleibung in den Tod, eine Einverleibung, die den Tod hervorbringt. Die zweite und neue, die uns in der Taufe geschenkt wird, ist die »Einverleibung«, die das Leben schenkt. Ich zitiere noch einmal die zweite Lesung von heute, in welcher der hl. Paulus sagt: »Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören« (1 Kor 15, 21–24).

Was der hl. Paulus von allen Menschen erklärt, sagt nun die Kirche in ihrem unfehlbaren Lehramt von Maria, auf klare Weise und in einem genauen Sinn: Die Gottesmutter ist derart in das Geheimnis Christi eingeschrieben, daß sie der Auferstehung ihres Sohnes mit ihrem ganzen Sein bereits am Ende ihres irdischen Lebens teilhaftig wird; sie lebt das, was wir am Ende der Zeiten erwarten, wenn der »letzte Feind«, der Tod, vernichtet werden wird (vgl. 1 Kor 15,26); sie lebt bereits das, was wir im Glaubensbekenntnis erklären: »Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.«

So dürfen wir uns fragen: Was sind die Wurzeln dieses Sieges über den Tod, der in Maria wunderbar vorweggenommen ist? Die Wurzeln liegen im Glauben der Jungfrau von Nazaret, wie der Abschnitt aus dem Evangelium bezeugt, den wir soeben gehört haben (Lk 1,39–56): ein Glaube, der Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes und völlige Hingabe an die Initiative und das Wirken Gottes ist, entsprechend dem, was ihr der Erzengel verkündet. Der Glaube ist also die Größe Mariens, wie Elisabet voller Freude ausruft: Maria ist »gesegnet unter den Frauen«, »gesegnet ist die Frucht ihres Leibes«, da sie »die Mutter des Herrn« ist, da sie glaubt und auf einzigartige Weise die »erste« der Seligkeiten lebt, die Seligkeit des Glaubens. Elisabet bekennt es in ihrer Freude und in der des Kindes, das in ihrem Leib hüpft: »Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (V. 45). Liebe Freunde, beschränken wir uns nicht darauf, Maria in ihrer Bestimmung zur Herrlichkeit als einen Menschen zu bewundern, der weit weg von uns ist: Nein! Wir sind dazu aufgerufen, auf das zu blicken, was der Herr in seiner Liebe auch für uns gewollt hat, für unsere endgültige Bestimmung: durch den Glauben mit ihm in der vollkommenen Gemeinschaft der Liebe zu leben und so wahrhaft zu leben.

Diesbezüglich möchte ich bei einem Aspekt der dogmatischen Erklärung verweilen, wo von der Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit die Rede ist. Wir alle sind uns heute bewußt, daß wir uns mit dem Begriff »Himmel« nicht auf irgendeinen Ort im Universum beziehen, auf einen Stern oder ähnliches: Nein. Wir beziehen uns auf etwas, das viel größer und schwer mit unseren begrenzten menschlichen Begriffen zu bestimmen ist. Mit diesem Begriff des »Himmels« wollen wir sagen, daß uns Gott, der Gott, der uns nahe geworden ist, nicht einmal im Tod und jenseits des Todes verläßt, sondern einen Platz für uns hat und uns die Ewigkeit schenkt; wir wollen sagen, daß es in Gott einen Platz für uns gibt. Um diese Wirklichkeit ein wenig besser zu verstehen, wollen wir auf unser Leben blicken: Wir alle machen die Erfahrung, daß ein Mensch, wenn er gestorben ist, in einer bestimmten Weise in der Erinnerung und im Herzen derer weiterlebt, die ihn gekannt und geliebt haben. Wir könnten sagen, daß in ihnen ein Teil dieser Person weiterlebt, doch sie ist wie ein »Schatten«, da auch dieses Weiterleben im Herzen der Lieben dazu bestimmt ist, zu einem Ende zu kommen. Gott hingegen vergeht nie, und wir alle existieren kraft seiner Liebe. Wir existieren, weil er uns liebt, weil er uns gedacht und ins Leben gerufen hat. Wir existieren in den Gedanken und in der Liebe Gottes. Wir existieren in unserer gesamten Wirklichkeit, nicht nur als unser »Schatten«. Unsere Zuversicht, unsere Hoffnung, unser Friede gründen gerade darin, daß in Gott, in seinem Gedanken und in seiner Liebe, nicht nur ein »Schatten« unserer selbst überlebt, sondern in ihm, in seiner Schöpferliebe werden wir behütet und mit unserem ganzen Leben, mit unserem ganzen Sein in die Ewigkeit eingeführt.

Es ist seine Liebe, die über den Tod siegt und uns die Ewigkeit schenkt, und es ist diese Liebe, die wir »Himmel« nennen: Gott ist so groß, daß er auch für uns Platz hat. Und der Mensch Jesus, der gleichzeitig Gott ist, ist für uns die Gewährleistung dessen, daß Mensch-Sein und Gott-Sein auf ewig miteinander existieren und leben können. Das will heißen, daß von einem jeden von uns nicht nur ein Teil fortbestehen wird, der uns sozusagen entrissen worden ist, während andere Teile vergehen; es will vielmehr besagen, daß Gott den ganzen Menschen, der wir sind, kennt und liebt. Und Gott nimmt in seine Ewigkeit das auf, was jetzt, in unserem Leben, das aus Leiden und Liebe, aus Hoffnung, Freude und Traurigkeit besteht, wächst und ins Sein kommt. Der ganze Mensch, sein ganzes Leben wird von Gott genommen und empfängt – in ihm gereinigt – die Ewigkeit.

Liebe Freunde, ich denke, daß dies eine Wahrheit ist, die uns mit tiefer Freude erfüllen muß. Das Christentum verkündet nicht nur irgendein Heil der Seele in einem nicht weiter bestimmten Jenseits, in dem alles, was in dieser Welt kostbar und teuer gewesen ist, ausgelöscht werden würde, sondern es verheißt das ewige Leben, »das Leben der kommenden Welt«: Nichts von dem, was uns kostbar und teuer ist, wird vergehen, sondern es wird Fülle in Gott finden. Alle Haare auf unserem Kopf sind gezählt, sagte Jesus eines Tages (vgl. Mt 10,30). Die endgültige Welt wird auch die Vollendung dieser Erde sein, wie der hl. Paulus sagt: »Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes« (Röm 8,21). So ist zu verstehen, wie das Christentum eine starke Hoffnung auf eine lichtvolle Zukunft schenkt und einen Weg zur Verwirklichung dieser Zukunft auftut. Gerade als Christen sind wir dazu berufen, diese neue Welt zu errichten, zu arbeiten, damit sie eines Tages die »Welt Gottes« werde, eine Welt, die über all das hinausgehen wird, was wir errichten könnten. In der in den Himmel aufgenommenen Jungfrau Maria, die gänzlich der Auferstehung des Sohnes teilhaftig ist, betrachten wir die Verwirklichung des menschlichen Geschöpfes nach der »Welt Gottes«. Beten wir zum Herrn, daß er uns begreifen lasse, wie kostbar in seinen Augen unser ganzes Leben ist; er stärke unseren Glauben an das ewige Leben; er lasse uns Menschen der Hoffnung sein, die für den Aufbau einer Welt wirken, die offen ist für Gott, Menschen voller Freude, die es verstehen, die Schönheit der künftigen Welt inmitten der Mühen des alltäglichen Lebens zu erkennen, und die in dieser Gewißheit leben, glauben und hoffen. Amen.

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