„Der Herr des Risikos“ – Eine persönliche Bilanz des Weltjugendtags

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Einsatzkräfte und Pilger bei der Gebetswache am Samstag. Foto: CNA/Alan Holdren

Im Radio hörte ich heute morgen die Durchsage, die Stadt Wien wolle Maßnahmen ergreifen gegen das überhandnehmende Unsicherheitsgefühl ihrer Bürger. Es ist offensichtlich, dass die Menschen Angst haben. Die Reaktionen darauf sind der Rückzug ins Private, die Transformation der Angst in Wut und Hass auf Andere oder auch die Negierung und Verdrängung dieses ungewollten und störenden Gefühls, das nicht in unsere Welt des Wohlfühlens passt.

Der Weltjugendtag in Krakau gehörte hinsichtlich des Angstpotenzials zur vordersten Linie. Überschattet von der Ermordung des Priesters Jacques Hamel schien die Möglichkeit vor einem Anschlag auf hunderttausende junge Christen nicht unwahrscheinlich – vor allem, da der Papst selbst dabei war.

Ich gebe zu: Ich hatte Angst auf dem Weg zum „Campus Misericordiae“, dem Feld, das am Samstag und Sonntag zu einem Konzentrat der Katholischen Kirche werden sollte. Und ich wurde überrascht. Der Weltjugendtag in Krakau wurde für mich mehr, als ein katholisches Happening und ein Fest des Glaubens – es wurde zu einer Antwort auf die allgegenwärtige Frage unserer Generation, wie wir damit umgehen, dass unsere Welt zu verschwinden scheint.

Die Weltjugendtage sind immer stark vom Charakter des jeweiligen Gastgeberlandes geprägt. Was die meisten sich von Polen erwarteten waren übertriebene, leicht kitschige Frömmigkeitsformen, ein wenig Chaos und ein Haufen Plattenbauten.

Tatsächlich fanden sich jedoch tausende Jugendliche aus aller Welt in einer bezaubernden, unglaublich sauberen mittelalterlichen und barocken Stadt wieder, die nicht nur die historisch weniger verwöhnten amerikanischen Gruppen in sichtbares Staunen versetzte.

An unseren ersten Morgen in Krakau, kamen wir aus der Unterkunft raus, gingen um die Ecke und standen plötzlich vor einer riesigen gotischen Basilika, in der mehrere hundert Jugendliche aus verschiedenen Ecken der Welt gemeinsam Messe feierten. Dass diese auf Polnisch war, störte dabei niemanden. Ebenso erging es uns danach in jeder anderen der vielen schönen Kirchen in der Altstadt von Krakau. Überall wurde gebetet, die Messe gefeiert, gebeichtet. Die ganze Stadt schien voller Gebet, voller Anbetung zu sein. In der völlig überfüllten Dominikanerkirche, wurde nicht nur im Hauptschiff eine englische Messe gelesen, sondern gleichzeitig feierten mehrere Bischöfe und Priester ihre Messen in den Seitenkapellen – sowas hatte ich bis dahin nur im Petersdom erlebt.

Krakau wurde für eine Woche zu Rom – allerdings zu einer überraschend organisierten, sicheren und sauberen Version. Jeder, der diese Tage erlebt hat, hat ein Volk erlebt, dessen Glauben tatsächlich noch in volkskirchenartiger Weise lebendig ist. Es werden in den Vororten überall neue Kirche gebaut, es stehen bei jedem Wegkreuz Blumen (wenn auch zum Teil offensichtlich Kunstblumen) und in den zahlreichen Klöstern Krakaus sah man ungewohnt viele junge Ordensleute. Alles schien ein wenig anachronistisch, aber auf eine so lebendige Art, dass es keinen Zweifel über die Echtheit dieser emotionalen Spiritualität geben konnte.

Am beeindrucktesten zeigte sich der polnische Katholizismus jedoch in der überragenden Gastfreundschaft. Nicht nur die polnischen Gastfamilien übertrafen sich in rührender Großzügigkeit, sondern beinahe jeder schien seinen Teil beitragen zu wollen. Überall am Weg zum Campus Misericordiae stellten die Leute vor ihren Türen Tische mit Getränken und Wasserschläuchen für die Pilger auf. Kleine Kinder reichten am Straßenrand aufgeregt volle Wasserbecher und freuten sich sichtbar, wenn ein junger Mensch sich daran erfrischte. Jeder wollte Teil dieses großen Festes sein. Nicht ein Einziger regte sich darüber auf, dass am Wochenende Tag und Nacht Hunderttausende laut singend durch eigentlich ruhige Wohngegenden zogen – ganz abgesehen von der ständig aktiven Sirene von Polizei oder Krankenwagen, die auffällig präsent für Ordnung und Sicherheit sorgten.

Wenn Krakau Rom ist, dann ist der Heilige Johannes Paul II. der Papst. Überall wurde der „Missionar der Barmherzigkeit“ in Krakau und bei den Katechesen und Treffen des Weltjugendtages verehrt, zitiert und zum Fürsprecher der Jugend. In jeder Kirche findet sich ein Bild des polnischen Papstes, das eine treue Schar an Pilgern anzieht. Diese Verehrung Johannes Pauls II. scheint auch maßgeblich für das Verhältnis der Polen zu Papst Franziskus zu sein. Er ist das Kirchenoberhaupt und auch als Person sehr beliebt, aber der nationale Papst der Polen bleibt der Heilige Johannes Paul II. – was möglicherweise auch den Umgang der polnischen Kirche mit Differenzen in politischen Fragen erleichtert.

Der Höhepunkt des Weltjugendtages war ohne Zweifel die Vigil mit dem Papst am Samstag Abend. Während die Andacht der Jugendlichen bei der Heiligen Messe am Sonntag von der Hitze, der Masse und der riesigen Entfernung zum Altar beeinträchtigt wurde, war am Samstag Abend eine beeindruckende Konzentration der Pilger zu spüren. Die Vigil trug ganz deutlich die Handschrift von Papst Franziskus. Die Predigt des Papstes war die eines Hirten. Hier traf der Pontifex den Nerv dieser Generation:“Das Empfinden, dass in dieser Welt, in unseren Städten, in unseren Gemeinschaften kein Raum mehr ist, um zu wachsen, zu träumen, schöpferisch zu sein, auf Horizonte zu schauen, letztlich: um zu leben, ist eines der schlimmsten Übel, die uns im Leben geschehen können.“ Vor dieser Angst, der Verschlossenheit und der Lähmung warnte uns der Papst.

Gerade unsere Generation ist befallen davon, die Grausamkeiten der Welt und die sich in relativistischen Nichtigkeiten auflösenden Grundfesten unserer Kultur nicht mehr mit Rebellion, sondern mit Resignation zu beantworten. Nicht nur das führte der Papst uns deutlich vor Augen, sondern warnte auch vor der schädlichen Konsequenz vieler junger Menschen auf diese Situation – die Suche nach dem momentanen Glück in Bequemlichkeit und Konsum. Er nannte das“ein Sofa gegen jede Art von Angst oder Furcht“. Die Konsequenz daraus, so der Papst, ist“die lautlose Lähmung, die uns am meisten schaden kann, denn nach und nach versinken wir, ohne es zu merken, im Schlaf, sind duselig und benommen, während andere – vielleicht die lebendigeren, aber nicht die besseren – für uns über die Zukunft entscheiden.“ Auf dem sonst so lebendigen und lauten Feld war es still bei den Worten des Papstes. Er hatte recht, das wussten wir. Schonungslos ehrlich, legte Papst Franziskus dar, was der Preis dieser Droge der Bequemlichkeit ist – unsere Freiheit. Und er fragte uns“Wollt ihr eine verschlafene Jugend sein? Wollt ihr, dass andere über eure Zukunft entscheiden? Wollt ihr frei sein? Wollt ihr für eure Zukunft kämpfen?“

Ob nun beabsichtigt oder nicht, die Menge der Jugendlichen antwortete auf die Frage mit jubelnden Zurufen. Und der Papst sagte uns, wie, was und wer der Weg dahin ist: nicht durch das Errichten von Mauern, sondern durch das Bauen von Brücken, nicht auf dem Sofa liegend, sondern die Stiefel anziehend, in der Haltung der Barmherzigkeit gegen jeden, als“politisch Handelnde, Denker, gesellschaftliche Vorreiter“. Und mit Christus als dem“Herrn des Risikos“, dem zu folgen eine“gewisse Dosis an Mut“ erfordert.

Die starken Worte des Papstes wurden mitgenommen in die gemeinsame Anbetung des“Herrn des Risikos“ mit der Bitte um Barmherzigkeit. Dieser Abend mit der Predigt des Papstes und dem unglaublich verbindenden Erlebnis des gemeinsamen Ausrichtens aller Augen und Herzen auf Jesus in der Anbetung, war nicht nur für mich als Katholikin tief bewegend. Es war auch für die säkulare Welt ein politisch so nie erreichbares Bild der Gemeinschaft und des Friedens.

Die Jugendlichen auf dem Feld waren der laute und lebendige Beweis für die Worte des Papstes. Hier waren Hunderttausende, die eine Nacht auf einem Feld, unbequeme Isomatten, erdrückende Hitze und staubige Sandalen dem Samstagabend auf dem Sofa vorzogen. Hier waren fast zwei Millionen junge Menschen, die sich nicht aus Angst versteckten, sondern laut singend etwas wagten. Hier war der Beweis, dass unsere Generation doch nicht in Resignation versinkt, sondern den Mut hat, Risiken einzugehen, um die Freiheit zu kämpfen und Protagonisten der Geschichte zu werden.

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Quelle

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