PAPST PAUL VI. ÜBER DIE KIRCHE UND DEN GLAUBEN

PaoloVI

Bei der Generalaudienz am 7. September 1977

UND WENN ES DIE KIRCHE NICHT GÄBE?

Unsere Gedanken sind noch bei der Kirche, wobei wir mehr ihr Tun, nicht so sehr das Geheimnis ihrer Existenz betrachten wollen. Diese Betrachtungsweise bietet uns die Möglichkeit, den Glauben aus unserer Erfahrung heraus zu verteidigen, wie es Chri­stus selbst zugunsten seiner Person und seiner messianischen Sen­dung getan hat: „Glaubt den Werken, wenn ihr schon mir nicht glaubt!“ rief der Herr in der heftigen Auseinandersetzung seinen jüdischen Gegnern zu (Job 10, 38). Angriffe gegen die Kirche und unsere Religion gibt es immer, und erst recht in einer Zeit wie der unseren, wo in der öffentlichen Meinung das Zeugnis vernunftge­mäßer und sinnhafter Beweise mehr gilt als das Zeugnis des Geistes und des Glaubens.

Als Christus, der Herr, von dieser Welt Abschied nahm, formu­lierte er in den allerletzten Worten seines Evangeliums mit aller Deutlichkeit das Programm für die Arbeit der Kirche, ein Pro­gramm, dem wir uns nun kurz widmen wollen. Jesus sagte zu sei­nen Jüngern, die schon als apostolische und kirchliche Hierarchie konstituiert waren: „Gehet hin und lehret . . .“ (Mt 28, 19). Was sollten sie lehren? „Alles — so der Herr —, was ich euch geboten habe.“ Dieser Einsetzung des Lehramtes kommt eine überragende Bedeutung zu: Die zu Aposteln gewählten Jünger (vgl. Lk 6, 13) werden in den Rang von „Zeugen“ erhoben (Apg 1, 8; 1, 22; 2, 32; 3, 15; usw.), sie sind Garanten einer Wahrheit, die Evangelium heißt und die ihnen in geheimnisvoller Weise vom Geist, dem Bei­stand und Tröster (Joh 14, 26), bestätigt wird. Sie sind die künfti­gen Märtyrer, die mit ihrem Blut für das Wort Zeugnis ablegen; sie sind die Hirten, die berufenen Führer des Gottesvolkes; sie sind die Kirche, die ihren Lehrauftrag ausführt, die aber auch Sorge trägt für das Verständnis und den Ausdruck des übernatürlichen Wissens von Gott, also den Glauben.

In unseren Tagen, wie immer im Laufe der Jahrhunderte, hört man die Frage: Warum Kirche? Was tut sie? Wem nützt sie? Nun gut. Stellen wir uns einmal vor — nach Christus zum Glück eine völlig widersinnige Idee —, was wäre, wenn es auf Erden die Kirche der Apostel nicht mehr gäbe? Es geschähe das, was in einer dunk­len Nacht, in einem geschlossenen Raum geschieht, wenn das Licht ausgeht: Es käme zu Verwirrung, Platzangst und endlosen Auseinandersetzungen ohne Sinn und Hoffnung. Jesus hat gesagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis gehen, sondern er wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8, 12).

Hier stehen wir vor endlosen Fragen: Vor allem sind es zwei Probleme, zwei offenen Fenstern gleich: einmal geht es um die un­verrückbare Wahrheit, d. h. die Dogmen, welche die Kirche die Menschen lehrt; sie, die selbst erste Schülerin Christi, des wahren und einzigen Lehrers der höchsten, uns unerreichbaren Wahrhei­ten (vgl. Mt 23, 8), des sich offenbarenden Gottes, ist. Wir kennen die Haltung der Kirche sehr gut, es ist die Haltung des Glaubens und der Treue, wie es Vinzenz von Urins, ein Heiliger des 5. Jahr­hunderts, ausgedrückt hat: Die Glaubenswahrheiten können er­forscht, erläutert, dargestellt werden, aber ihr eigentlicher Sinn muß dabei stets gewahrt bleiben (vgl. Denz. Schön. 2803, 3020). Das andere ist— nach Kardinal Newman —, daß der Glaube sich wie ein Baum aus ein und derselben lebendigen Wurzel verzweigt, wo­bei sich aber dieses Wachstum der Lehre nicht in die Widersprüche eines gewissen modernen Pluralismus verlieren darf, der sich als Schiedsrichter gebärdet und sich die Freiheit herausnimmt, die Geheimnisse des Glaubens seinem persönlichen Horizont anzu­passen (vgl. Denz. Schön. 3806). Die Kirche achtet streng, wie wir wissen, auf die Beständigkeit dieser Treue. Weshalb ihr das Ver­ständnis für religiöse, pietistische Systeme und Haltungen zu feh­len scheint; wenn diese sich von der eindeutigen, ewigen, authenti­schen Offenbarung, wie sie die Kirche vertritt, gelöst haben, ent­fernen sie sich zunächst von dieser, um schließlich die Verbindung mit der einzigen apostolischen Wahrheit ganz abzubrechen. Je­doch nur sie allein garantiert die Identität der religiösen Lehre mit der Lehre Christi. Sie allein vermag die liebevoll werbende Forde­rung nach der Einheit seiner Heilsbotschaft zu gewährleisten, wie Jesus in seinem Wort an die Apostel bekräftigt: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10, 16).

Das soll für uns und für euch gelten (vgl. Romano Guardini, Wege des Glaubens).

 

Bei der Generalaudienz am 14. September 1977

WEM NÜTZT DIE KIRCHE?

Wem nützt die Kirche? Sprechen wir auch heute wieder davon, was die Kirche tut. Denken wir dabei wieder an die grundlegenden Worte, die Chri­stus den Aposteln sozusagen als programmatisches Statut hinter­lassen hat, unmittelbar bevor er die sichtbare Welt verließ: „Geht . . ., lehrt . . .“, gebot er, und fügte dann hinzu: „Tauft!“ (Mt 28, 19-20). Damit erhält das Apostelamt sakramentalen Cha­rakter. Das ist allgemein bekannt, aber von größter Wichtigkeit. Die Tätigkeit der Kirche wird „göttlich und sichtbar“. Ein Aspekt, der dem puritanischen Religionskritiker nicht immer ge­fällt: Er möchte diese lieber nur nach innen, spirituell ausgerichtet haben, ohne ein besonders autorisiertes und qualifiziertes Amt, ohne sichtbare Zeichen, besonders wenn es sich um solche handelt, die heiligende, notwendige und übernatürliche Wirkungen auslö­sen. Zur Verteidigung unserer christlich-religiösen Wahrheit wol­len wir uns stets der wunderbaren Gründungsworte des Herrn er­innern: „Geht zu allen Völkern . ., lehrt sie und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes . . .“ (Mt 28, 19-20). So entsteht das Christentum, so sagt und stellt sich auch heute noch die Kirche dar, von der man weiß und sieht, daß sie mit offenkundiger Macht, nämlich religiöser, die in göttlichem Auftrag handelt, ausgestattet ist. Wenn sie, die Kirche, am Prie­steramt Christi teilhat, wirkt sie als aktives Werkzeug, nicht aus ei­gener Kraft, sondern durch die vom lebendigen Gott ausströ­mende Wirkkraft. Und was wir von der Taufe sagen, läßt sich mit entsprechenden Einschränkungen auch auf die anderen Sakra­mente anwenden: „Empfanget den Heiligen Geist“, sagt der auf­erstandene Herr, „allen, denen ihr die Sünden erlaßt, sind sie erlas­sen; allen, denen ihr sie nicht erlaßt, sind sie nicht erlassen“ (Joh 20, 22-23).

Was sollen wir über das Sakrament sagen, dessen Geheimnis gerade in diesen Tagen — auf dem Eucharistischen Nationalkongreß in Pescara — mehr als je realistische und begeisterte Aufmerksam­keit findet? In der Eucharistie werden die sichtbaren sakramenta­len Elemente, Brot und Wein, zu schlichten, ihrer normalen Sub­stanz entäußerten Zeichen, wenn sie ihre Wirklichkeit zugunsten jener wahren und realen, aber unaussprechlichen Wirklichkeit Christi opfern, der als sakramentale Speise zum Gedächtnis und zum übernatürlichen Leben der Seinen gegenwärtig geworden ist (vgl. S. Th. III, 73, 5).

Wir wollen das jetzt nicht weiter ausführen. Es soll genügen, uns diesen wesenhaften Aspekt unserer Religion, nämlich ihr sakra­mentales Leben, ins religiöse Bewußtsein zu rufen. Es handelt sich dabei nicht um eine illusionäre oder trügerische Magie. Das sakra­mentale Leben kann sich auf ein göttliches Wort als seine unver­zichtbare Quelle berufen: Christus allein ist der Urheber dieses unerschöpflichen Wunders, das die lebendige Teilhabe an seiner Göttlichkeit darstellt. Diese Teilhabe verlangt von uns menschli­che Zustimmung, die vor allem vom Glauben und von der morali­schen, bewußten und gelebten Rechtschaffenheit bestimmt sein muß (vgl. 1 Kor 11, 28). Sie erfordert ein Amt und einen genau fest­gelegten Ritus. Sie verbindet unsere zerbrechliche und vergängli­che irdische Existenz mit dem Leben Christi, der Mensch und Gott ist, und bereitet so unsere vollendete, zukünftige Existenz in der endzeitlichen Offenbarung der Ewigkeit vor. Sie macht unsere zeitliche Erfahrung nicht wertlos und setzt sie nicht herab, sondern wird in deren völliges Ungenügen hineingenommen; sie ist frei vom unerbittlichen Ablauf der Zeit, die ihre eigenen Kreaturen verzehrt, und hebt uns allmählich zum Aufstieg ins ewige Leben empor.

Liebe Söhne und Töchter, geben wir uns nicht der Täuschung hin, wir könnten unser Leben ohne Hilfe der wahren Religion, wie sie die Kirche uns bietet, gestalten. Und glauben wir nicht, es ge­nüge, einen allgemeinen Begriff von der Religion zu haben und ihr irgendwie zuzustimmen. Sie ist die unersetzliche Wahrheit unseres Daseins. Einzig und allein die Kirche bietet uns dafür heute die Gewähr und morgen die Erfüllung.

Drücken wir diese Botschaft Christi tief in unser Herz ein: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11, 25).

 

Bei der Generalaudienz am 21. September 1977

WAS DIE KIRCHE IN DER WELT VOLLBRINGT

An diesen letzten Mittwochen haben wir bei den Generalau­dienzen in unserer Sommerresidenz unserer Ansprache eine Frage zugrunde gelegt, die wir von vielen heutigen Vertretern einer religionsfeindlichen oder einfach areligiösen Haltung immer wie­der hören können: Wem nützt die Kirche? Genügt sich die mo­derne Gesellschaft nicht selbst? Eine solche Denkweise wird scheinbar von dem wunderbaren menschlichen Fortschritt unserer Zeit unterstützt. Leider ist sie oberflächlich und beschränkt sich häufig darauf, das menschliche Leben ausschließlich nach Nütz­lichkeitskriterien zu beurteilen, die der Materialismus als beson­dere Entdeckung, als Fortschritt, ja als befreienden Humanismus ausgibt. Dabei bringt sie unaufhörlich nicht nur gegen die institu­tionelle Kirche, sondern gegen jede Geisteshaltung, die keinen Gewinn abwirft bzw. auf keinen wirtschaftlichen oder wissen­schaftlichen Nutzen abzielt, philosophisch verkleidete, radikal ne­gative Formulierungen vor. Wem nützt die Kirche, wenn die pro­fane Welt in der Lage ist, alle, auch die sinnlichsten Bedürfnisse zu befriedigen? Die Kirche organisiert die Religion, doch wem nützt heute noch Religion? Man will heute nicht einmal mehr die Mög­lichkeit der Wahrheit gelten lassen, die doch die Basis der Religion ist und damit ihre Existenz rechtfertigt. Noch weniger läßt man ihre Wirksamkeit in einer modernen Gesellschaft gelten, die meint, sich selbst zu genügen und von leeren theologischen und spirituel­len Gedanken frei zu sein.

Wir wollen nun keine vollständige Antwort auf so radikale und, wie es scheint, erschreckende Einwände geben. Freilich wäre eine Verteidigung der Religion und der Kirche möglich, wie sie uns der hl. Augustinus in seinen Bekenntnissen geboten hat, jenem großar­tigen autobiographischen Werk über die Wirklichkeit unseres Da­seins, wo Augustinus gleich im ersten Kapitel sein leidenschaftli­ches, realistisches Wort an Gott richtet und feststellt: „Du, o Gott, hast uns zu dir hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es seine Ruhe findet in dir.“ Die Diskussion über ein so grundlegen­des Thema wird übrigens in solchem Umfang und mit solcher Lei­denschaftlichkeit geführt (wenn sich auch in etwa eine gewisse theoretische Besinnung oder wenigstens praktische Mäßigung be­merkbar zu machen beginnt), daß wir die interessierten Intellektu­ellen unter unseren Zuhörern auf die eine oder andere Spezialstudie hinweisen möchten (z. B. die Arbeit von Cornelio Fabro, Introdu­zione all’ateismo, Studium 1964; Veuillot u. a., L’Atheisme Cerf 1963). Hier soll es genügen, auf die einfachste Ebene, nämlich die Frage nach dem praktischen und gesellschaftlichen Nutzen der Kirche, herabzusteigen, in die unermeßlich weite Ebene der kirch­lichen Arbeit auf dem Gebiet der Nächstenliebe.

Ja, die Kirche beweist ihre Nützlichkeit im Gehorsam gegen­über dem Evangelium. Es ist überflüssig, dafür Beweise anzufüh­ren, sehen wir doch, daß die Kirche überall, auch in unserer heuti­gen Gesellschaft, aktiv präsent ist. Die Kirche zeigt für die mensch­lichen Nöte Verständnis in einem Maße, wie es keine andere Sozial­institution je zeigen konnte, obwohl die Zivilisation von heute gewiß bewundernswerte Fortschritte kennt. Es ist ein Verständnis, das den Leiden und Nöten zuvorkommt: Wie viele wohltätige Ein­richtungen sind im Schoße der Kirche bereits zu einer Zeit entstan­den, als die Gesellschaft noch gar nicht an solche Hilfeleistungen dachte! Die Kirche nimmt das Leiden des Menschen in jeder Situa­tion, in jedem Alter, in jedem Land wahr, wo ihr die Erfüllung ih­res humanitären Auftrags möglich ist. Fragt nur die Kenner dieser karitativen Soziologie, was dieses gelebte Evangelium zu erreichen vermag und welche Wunder der Hingabe, der Geduld, der Selbstaufopferung es hervorgebracht hat!

Es gibt kein menschliches Elend, das nicht in der Kirche eine ihm entsprechende Einrichtung gefunden hätte, wo vor allem Ordens­männer und Ordensfrauen mit unendlicher Geduld und in stiller Liebe ihr ganzes Leben einsetzen. Auch heute gibt es noch Zeug­nisse für dieses gelebte Evangelium. Wir wollen nur einige der be­rühmtesten Beispiele nennen: Pater Damian, der, selbst an Lepra erkrankt, unter den Leprakranken auf der Insel Molokai lebt; Mut­ter Teresa, die mitten unter den unzähligen Armen Kalkuttas wirkt; oder die über die ganze Welt verstreuten Kleinen Brüder und Schwestern des Charles de Foucauld; die vielen Töchter, Schwestern und Dienerinnen der Nächstenliebe in unzähligen Ordensfamilien und ihre vielfältigen, karitativen Initiativen. Sie alle beweisen mit dem Heroismus ihrer Selbstaufopferung, was die Kirche in der Welt vollbringt. In den Großstädten und den Elends­vierteln am Stadtrand sind mit bewundernswerter Ausdauer Frau­engruppen und Vinzenzkonferenzen am Werk oder auch Laien und Jugendliche, die sich den hl. Vinzenz von Paul oder andere Heilige zum Vorbild genommen haben, und zahllose wirkliche Christen, die den Armen suchen, wo immer sie ihn finden. Sie ent­decken in seinem erniedrigten Antlitz voll Freude das Antlitz Christi in seiner ganzen Demut, denn Christus sagt im Evange­lium: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan“ (vgl. Mt 25, 35-45). Wer ist dieser „mich“, der uns im leidenden Antlitz irgendeines Menschen ent­gegentritt und eine mächtige, unauslöschliche Liebe in uns weckt? Es ist Christus selbst, der das Programm seiner Kirche in seinem verpflichtendsten und ausdrücklichsten Teil inspiriert, leitet, un­terstützt, verwandelt und heiligt. Denn eben dies ist sein Pro­gramm und sein Geist: Gott in Christus lieben und ihm im leiden­den Mitmenschen dienen.

Dieses Programm ist uns immer aufgetragen und entfaltet sich in tausend Formen. Es betrifft uns alle. Denken wir daran.

 

Bei der Generalaudienz am 28. September 1977

JEDER DARF IHN BEIM NAMEN NENNEN

Wir wollen ganz einfach die Worte und Bilder nennen, die dieses Kunstwerk zum Ausdruck bringen möchte, gleichsam überwältigt von ihrer realen Bedeutung (vgl. S. Th. 11-11-1-2 ad 2): Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14, 6). Jesus ist das Licht der Welt (Joh 8, 12; 9, 5). Jesus ist das Brot des Lebens (Joh 6, 48). Jesus ist der gute Hirte (Joh 10, 11-14). Jesus ist der Menschensohn (Mt 16, 13; 25, 31; 26, 24), er ist der Sohn Marias (Mt 13, 55) und zugleich Gottes Sohn (Mt 14, 33; 26, 64;Joh 9, 35; usw.). Jesus ist das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende (Offb 22, 13).Heute empfangen wir in dieser Halle wieder Besucher aus aller Welt, die sich am Sitz Petri eingefunden haben. Sie möchten seinem lebenden Nachfolger begegnen, der die Sendung des ersten der Apostel weiterführt, nämlich „ein immerwährendes und sichtbares Prinzip und Fundament der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft“ zu sein (Lumen gentium, Nr. 18).

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Wir wollen aber heute nur von jener einzigartigen Darstellung des auferstandenen, lebendigen und segnenden Christus sprechen, die diesen Saal be­herrscht und die wir heute einweihen: ein Werk des Bildhauers Pe­ricle Fazzini. Diese Skulptur zeigt, welches Zeugnis dem apostoli­schen Amt aufgetragen ist, ein Zeugnis, das der Nachfolger des Pe­trus hier in Gewißheit und Demut des Glaubens verkünden will: nämlich daß jener Jesus, der am Kreuz hing, zum Herrn und Chri­stus eingesetzt worden ist (Apg 2, 36).

Wir wollen euch, liebe Brüder und Schwestern, und allen in der Welt, die am Ruhm und an der Hoffnung des christlichen Namens teilhaben, bestätigen, daß immer schon im Lauf der Weltge­schichte und heute mehr denn je Christus lebt und Wirklichkeit ist. Er lebt wahrhaftig, nicht im Halbdunkel des Zweifels und der Un­gewißheit, nicht in der sinnentleerenden Deutung eines kurzsich­tigen und stolzen Rationalismus, der ihn auf das Maß der begreifli­chen und allenfalls den normalen Rahmen übersteigenden Erschei­nungen reduzieren möchte. Nein, er lebt wahrhaftig in der alles überschreitenden Dimension seines göttlichen Wesens, das allein der frohlockende Glaube gelten läßt, welcher die von Christus selbst verkündeten und bezeugten Geheimnisse durchdringt (vgl. Joh 10, 38).

Christus ist gegenwärtig. Die Zeit setzt ihm keine Schranken und zehrt ihn nicht auf. Die Geschichte entwickelt sich und kann das Antlitz der Welt verändern. Aber seine Gegenwart erhellt sie und offenbart dadurch, daß alle Weisheit und Schönheit ihm zu verdanken ist; seine Gegenwart erfüllt ihre tiefen Abgründe mit hei­lender Barmherzigkeit, die nur er auszugießen vermag. Er ist die Freude der Welt (vgl. Joh 3, 29). Er heilt jede menschliche Schwä­che (Joh 8, 7). Er verkörpert sich in jedem Menschen, der leidet, solange es Schmerz auf Erden gibt. Er wird zum Bild des Leidens, um großmütige Liebe zu wecken (vgl. Mt 25, 40). Jesus ist immer und überall gegenwärtig.

Und jeder kann das selbst erfahren. Denn wie es wahr ist, daß Je­sus Christus durch den universalen Heilsplan, der sich in ihm er­füllt (vgl. Eph 1-2), der Brennpunkt der Menschheit, der „Men­schensohn“ schlechthin ist, so ist es auch wahr, daß er Lehrer, Bruder, Hirte und Freund eines jeden der Seinen ist, der Erlöser jedes menschlichen Geschöpfes, dem das Glück zuteil wurde, Zelle des mystischen Leibes zu sein, dessen Haupt er ist. Jeder darf ihn beim Namen nennen, und zwar nicht wie einen fernstehenden, unnahbaren Fremden, sondern er darf ihn mit dem „Du“ höchster und einmaliger Liebe ansprechen, als den Bräutigam, der uns be­glückt (vgl. Mt 9, 15; Offb 22, 17) und uns auf geheimnisvolle Weise näher ist, als man — auf der Suche nach ihm — je geglaubt hat, so wie geschrieben steht: „Tröste dich, du hättest mich nicht ge­sucht, wenn du mich nicht schon gefunden hättest“ (Pascal, Le mystère de Jesus; hl. Augustinus, Bekenntnisse, X, 18).

Die Darstellung dieser transzendenten und immanenten Ge­genwart Christi hier ist unserer Meinung nach schön, eindringlich und lehrreich; denn diese Audienzhalle scheint uns gleichsam ein Vorraum zur Abfahrt, eine Schule der Wahrheiten, der elementa­ren und höheren, jedenfalls für das Leben unerläßlichen „wirkli­chen Wahrheiten“. Sie scheint uns zum nahegelegenen Grab des hl. Petrus zu gehören, des „Menschenfischers“ (Mt 4, 19), des er­sten Hirten, der vom guten Hirten Jesus Christus seinen Auftrag erhalten hat (Joh 21, 15; 10, 11), des Apostels, dem „die Schlüssel des Himmelreiches“ anvertraut worden sind (Mt 16, 19). Denkt darüber nach!

 

Bei der Generalaudienz am 5. Oktober 1977

DER GLAUBE KANN NICHT GENUG GELEHRT
UND GELERNT WERDEN

Womit beschäftigt sich eine Synode? Sie befaßt sich mit allge­meinen, für das Leben der Kirche bedeutsamen Themen, gewöhn­lich auf jeder Synode mit einem bestimmten. Daher kommt der Synode eine außergewöhnliche Bedeutung zu. Diesmal wissen alle, welches Thema im Mittelpunkt der Beratungen steht. Es wurde schon vor einiger Zeit festgelegt, um den Teilnehmern die Möglichkeit zu geben, die Thematik nicht nur von der Lehre, son­dern vor allem von der konkreten Erfahrung her anzugehen und neben die Probleme des tatsächlichen Lebens der Kirche und der heutigen Gesellschaft zu stellen. Dieses Thema ist die Katechese, vor allem der Kinder und Jugendlichen, wobei nicht vergessen werden darf, daß natürlich auch die Erwachsenen der Katechese bedürfen.Vor einigen Tagen ist, wie ihr wißt, hier in Rom, in der Vatikan­stadt, die Bischofssynode zusammengetreten. Sie wird unge­fähr einen Monat, also den ganzen Oktober, dauern. Was ist diese Synode? Sie ist eine neue, aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstandene Einrichtung. Es handelt sich dabei um eine Versamm­lung von Bischöfen, die von den Bischofskonferenzen der Ortskir­chen gewählt wurden und hier — den Weltepiskopat vertretend ­zusammengekommen sind, um durch Information und Beratung mit dem Papst in der Leitung der Gesamtkirche zusammenzuar­beiten. Zur Teilnahme an der jetzigen Synode — drei Jahre nach der vorangegangenen — wurden 204 Mitglieder eingeladen, von denen nahezu alle anwesend sind. Außer den von den nationalen Bi­schofskonferenzen gewählten Bischöfen gehören noch die Patriar­chen der Ostkirchen, einige Ordensleute und die Kardinalpräfek­ten der römischen Dikasterien zur Synode. Eine wahrhaft reprä­sentative Versammlung, die ihren eigenen Generalsekretär und ei­nige Berater und Experten hat.

Wer die Kirche in dem ganzen Ausmaß ihrer Lehre und ihrer so­zialen Proportionen betrachtet, dem könnte dieses Thema viel­leicht als zu enges Teilproblem erscheinen, das die Gesamtschau der religiösen, geschichtlichen und moralischen Probleme, in wel­che die Kirche verflochten ist, einschränkt. Aber dem ist nicht so. Gewiß, bei der Katechese handelt es sich um ein Spezialproblem, aber ein grundlegendes und ursprüngliches Problem, von dessen Lösung die Vitalität und Wirksamkeit der Kirche abhängt. Das vor allem darum, weil die Religion Jesu Christi sich auf den Glauben gründet, das heißt auf das Wort Gottes, bei der Unterweisung, bei seiner Annahme, mit anderen Worten: sie gründet auf dem, was nach seinem theologischen Lehrinhalt wichtiger ist, was das auch sein mag.

Denken wir an den Ursprung und das Wesen des Christentums, die man mit Recht mit einem einzigen, gewohnten, aber stets ge­heimnisvollen Wort zu benennen pflegt: dem Wort Evangelium. Jesus, von dem unsere ganze Religion ihren Ursprung nimmt, ist das menschgewordene „Wort“; das göttliche Wort, das Fleisch geworden und in die Welt gekommen ist, um das „Reich Gottes“ zu verkünden (vgl. Mt 4, 17). Jesus ist der Lehrmeister der Menschheit (vgl. Mt 23, 8). Der Plan seines Wirkens gründet sich darauf, daß die Menschen sein Wort hören, annehmen und in die Tat umsetzen. Wenn das Los des Menschen von dieser Begegnung mit Christus abhängt, also von seiner Seite von der Verkündigung seiner Lehre, von der anderen Seite der des Glaubensgehorsams durch Annahme der Lehre als Lebensnorm, dann kann man ermes­sen, welche vorrangige Bedeutung die Katechese für den Menschen hat.

Was ist nun Katechese? Katechese ist der grundlegende Unter­richt in den religiösen Wahrheiten, die Jesus durch Predigt und Beispiel gelehrt hat und durch sein Evangelium mittels der „Glau­benserziehung“ der verantwortlichen Kirche (vgl. hl. Augustinus, De doctrina christiana, Prologus; PL 3, 15 ff.).

Und so werden wir gewahr, daß alle Menschen zu allen Zeiten der Katechese bedürfen — mit den didaktischen Forderungen, die eine exakt formulierte Wahrheit stellen muß, und mit der Leben­digkeit, zu der ihr Inhalt immer aufs neue anregt, und mit dem Ei­fer, also der Liebe dessen, der sich als Schüler versteht und fühlt und sich daher nicht scheut, immer wieder seine Lehre von vorn zu beginnen. Denn sie kann nicht genug gelehrt und gelernt werden. Man sieht, wie aktuell das Interesse für die Katechese gerade in ei­ner Epoche ist, in der sich das Denken des Menschen der Täu­schung hingibt, auf sich selber gründen zu können, auch wenn noch Wertschätzung und Geschmack für das Geistliche und Reli­giöse als subjektives Empfinden übrig bleibt. Schlimmer ist, wie es heute nur zu oft vorkommt, die Illusion, man könne von der Heilswahrheit, also dem Evangelium, absehen und das Fehlen des Lichtes Christi durch die Torheit der Permissivität ersetzen.

Kehren wir also alle zur Katechese, das heißt in die Schule unse­res göttlichen Lehrmeisters zurück, sei es, um als demütige Apo­stel seinem heilbringenden Wort Widerhall zu geben, sei es, um uns von der Wahrheit, die uns das Ewige Leben verheißt, zuerst durchdringen und dann berauschen zu lassen.

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Quelle: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1977, Libreria Editrice Vaticana – Butzon & Bercker

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