Kardinal Sarah: „Auf dem Weg hin zu einer authentischen Umsetzung von Sacrosanctum Concilium“

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Gott im Blick: Kardinal Sarah feiert die heilige Messe, nach Osten gerichtet, in der „normalen“ Form am zweiten Tag der Londoner Konferenz. Foto: Lawrence OP via Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Dokumentiert:
Die komplette Rede von Kardinal Sarah
bei der Konferenz „Sacra Liturgia“

(Original: Englische Version dieser kompletten Rede)

Verehrte Exzellenzen, liebe Geistliche, Diakone und liebe geweihte Männer und Frauen, liebe Brüder und Schwestern in Christus:

Zuerst möchte ich Seiner Eminenz Kardinal Vincent Nichols danken, für seine Begrüßung in der Erzdiözese von Westminster, und für seine freundlichen Worte der Begrüßung. Danken möchte ich auch Seiner Exzellenz, Bischof Dominik Rey, dem Bischof von Fréjus-Toulon, für seine Einladung zu dieser internationalen „Sacra Liturgia“-Konferenz, und die Eröffnungsansprache heute Abend zu halten. Exzellenz, ich gratuliere Ihnen zu dieser internationalen Initiative zur Förderung der Erforschung der Wichtigkeit liturgischer Bildung und Zelebration im Leben und der Mission der Kirche.

Ich bin sehr glücklich, mit Euch allen heute hier zu sein. Ich danke einem jeden von Euch für seine Anwesenheit, mit der er seiner Wertschätzung für jene wichtige Frage Ausdruck verleiht, die Kardinal Ratzinger einst „die Frage der Liturgie“ nannte, heute, am Eingang des 21. Jahrhunderts. Dies ist ein großartiges Hoffnungszeichen für die Kirche.

EINLEITUNG

In seiner Botschaft vom 18. Februar 2014 zum Symposium anlässlich des 50. Jubiläums der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die heilige Liturgie, Sacrosanctum Concilium, bemerkte der Heilige Vater, Papst Franziskus, dass der Zeitpunkt des 50. Jahrestags seit der Ausfertigung der Konstitution uns dazu bewegen sollte, „die Verpflichtung zu erneuern, [die] Lehre [von Sacrosanctium Concilium] in einer noch vollständigeren Weise umzusetzen.“ Der Heilige Vater fuhr fort:

Es ist notwendig, vereint mit erneuerter Bereitschaft den Weg weiter zu gehen, den die Konzilsväter angezeigt haben, da noch viel zu tun ist, was die richtige und vollständige Assimilation der Konstitution der heiligen Liturgie seitens der getauften und kirchlichen Gemeinschaften betrifft. Ich beziehe mich, insbesondere, auf die Verpflichtung zu einer soliden und natürlichen liturgischen Einführung und Bildung, sowohl der gläubigen Laien als auch des Klerus und geweihter Menschen.

Der Heilige Vater hat recht. Wir müssen noch viel erledigen, wenn wir die Vision der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils für das liturgische Leben der Kirche realisieren wollen. Wir haben sehr viel zu tun, wenn wir heute, gute 50 Jahre nach Abschluss des Konzils „eine rechte und vollständige Assimilierung der Konstitution der heiligen Liturgie“ erreichen wollen.

In diesem Vortrag möchte ich Ihnen einige Erwägungen vorstellen, wie die Kirche des Westens sich einer treueren Umsetzung von Sacrosanctum Concilium annähern kann. Dabei möchte ich die Frage stellen: „Was beabsichtigten die Konzilsväter mit der Liturgiereform?“ Dann möchte ich darauf eingehen, wie ihre Absichten nach dem Konzil umgesetzt wurden. Abschliessend möchte ich Euch einige Vorschläge unterbreiten für das liturgische Leben der Kirche heute, damit unsere liturgische Praxis besser den Absichten der Konzilsväter entspricht.

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A. WAS IST DIE HEILIGE LITURGIE?

Zuerst aber müssen wir eine Vorfrage betrachten. Es ist die Frage: „Was ist die heilige Liturgie?“ Denn wenn wir nicht das Wesen der katholischen Liturgie verstehen, im Gegensatz zu den Riten anderer christlicher Gemeinschaften und anderer Religionen, können wir auch nicht erwarten, die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die heilige Liturgie zu verstehen, oder uns einer gewissenhaften Umsetzung annähern.

In seinem Motu Proprio Tra le sollecitudini vom 22. November 1903 lehrte der heilige Papst Pius X., dass „die hochheiligen Mysterien“ und „das öffentliche, feierliche Gebet der Kirche“, das heißt, die heilige Liturgie, die „erste und unentbehrliche Quelle“ sei für den „wahrhaft christlichen Geist“. Der heilige Pius X. rief somit zu einer echten und fruchtbringenden Teilnahme aller an den liturgischen Riten der Kirche auf. Wie wir wissen, sollte diese Lehre und Exhortation in Artikel 14 von Sacrosanctum Concilium wiederholt werden.

Papst Pius XI. erhob etwa 25 Jahre später aus dem gleichen Grund seine Stimme in seiner Apostolischen Konstitution Divini Cultus (20. Dezember 1928), und lehrte,

„[f]ürwahr, etwas Heiliges ist die Liturgie, denn durch sie werden wir zu Gott erhoben und mit ihm vereinigt, in ihr legen wir Zeugnis ab für unseren Glauben; zu ihr sind wir auch strengsten verpflichtet wegen der Wohltaten und der Hilfe, die wir empfangen haben und deren wir stets bedürfen.“

Papst Pius XII. widmete ein Rundschreiben, Mediator Dei, (20. November 1947) der heiligen Liturgie, in dem er lehrte:

Die heilige Liturgie bildet folglich den öffentlichen Kult, den unser Erlöser, das Haupt der Kirche, dem himmlischen Vater erweist und den die Gemeinschaft der Christgläubigen ihrem Gründer und durch ihn dem Ewigen Vater darbringt; um es zusammenfassend kurz auszudrücken: sie stellt den gesamten öffentlichen Gottesdienst des mystischen Leibes Jesu Christi dar, seines Hauptes nämlich und seiner Glieder. (Nr. 20)

Der Papst lehrte, dass die „Wesen und Sinn der heiligen Liturgie“ sei, dass „die Verbindung unserer Seelen mit Christus [bezweckt], ihre durch den göttlichen Erlöser zu erwirkende Heiligung, auf daß Christus geehrt werde und durch ihn und mit ihm die heiligste Dreifaltigkeit“. (Nr. 171)

Das Zweite Vatikanische Konzil lehrte, dass sich durch die Liturgie „das Werk unserer Erlösung“ vollziehe (Sacrosanctum Concilium, 2) und dass die Liturgie mit Recht:

…als Vollzug des Priesteramtes Jesu Christi [gelte]; durch sinnenfällige Zeichen wird in ihr die Heiligung des Menschen bezeichnet und in je eigener Weise bewirkt und vom mystischen Leib Jesu Christi, d.h. dem Haupt und den Gliedern, der gesamte öffentliche Kult vollzogen.

Infolgedessen ist jede liturgische Feier als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist, in vorzüglichem Sinn heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht. (Nr. 7)

Vor diesem Hintergrund lehrte Sacrosanctum Concilium, dass die Liturgie:

…der Höhepunkt [ist], dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt. Denn die apostolische Arbeit ist darauf hingeordnet, daß alle, durch Glauben und Taufe Kinder Gottes geworden, sich versammeln, inmitten der Kirche Gott loben, am Opfer teilnehmen und das Herrenmahl genießen. (Nr. 10)

Nun könnte man diese Exposition der Lehre des Magisteriums über die Natur der heiligen Liturgie mit den Lehren der nachkonziliaren Päpste weiterführen, und mit dem Katechismus der Katholischen Kirche. Aber lasst uns fürs erste beim Konzil anhalten. Denn es ist klar, denke ich, dass die Kirche lehrt, dass die katholische Liturgie der einzigartig privilegierte Ort der erlösenden Handlung Christi in unserer Welt von heute ist, durch welche wir, bei echter Teilnahme, Seine Gnade und Kraft empfangen, die so notwendig ist für unser Ausharren und Wachsen im Leben als Christen. Es ist der göttlich begründete Ort, an den wir kommen um unsere Pflicht der Opfergabe für Gott zu leisten, das Eine Wahre Opfer darbringen. Die katholische Liturgie ist etwas Heiliges, etwas, das seinem Wesen nach heilig ist. Katholische Liturgie ist keine gewöhnliche Zusammenkunft von Menschen.

Ich möchte an dieser Stelle eine sehr wichtige Tatsache betonen: Gott, nicht der Mensch, steht im Mittelpunkt der Liturgie. Wir kommen, um Ihn anzubeten. In der Liturgie geht es nicht um Dich oder mich; wir feiern dort nicht unsere eigene Identität oder Leistungen oder verherrlichen oder unterstützen dort unsere eigene Kultur und örtlichen religiösen Bräuche. In der Liturgie geht es zuerst und vor allem um Gott und was Er für uns getan hat. In Seiner Göttlichen Vorsehung hat der Allmächtige Gott die Kirche geschaffen und die Heilige Liturgie begründet, durch die es uns möglich ist, Ihm wahrhaftige Anbetung zu erweisen im Einklang mit dem durch Christus geschaffenen Neuen Bund. Auf diese Weise, indem wir in die Anforderungen der heiligen Riten eintreten, wie sie in der Tradition der Kirche entwickelt wurden, erhalten wir unsere wahre Identität und Bedeutung als Söhne und Töchter des Vaters.

Es ist unerlässlich, dass wir diese Spezifizität katholischer Anbetung verstehen, denn in den vergangenen Jahrzehnten haben wir viele liturgische Feiern erlebt in denen Leute, Persönlichkeiten und menschliche Errungenschaften zu sehr im Vordergrund standen, fast bis zur Exklusion Gottes. Wie Kardinal Ratzinger einst schrieb: Wenn die Liturgie zuallererst wie eine Werkstatt unserer Aktivitäten ist, dann wird vergessen, was wesentlich ist: Gott. Denn die Liturgie dreht sich nicht um uns, sondern um Gott. Gottvergessenheit ist das größte Problem unserer Zeit (vgl. Joseph Ratzinger — Gesammelte Schriften: Theologie der Liturgie: Die sakramentale Begründung christlicher Existenz).

Wir müssen uns über das Wesen katholischer Anbetung völlig klar sein, wenn wir die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Liturgie richtig lesen wollen und treu umsetzen wollen. Denn die Konzilsväter waren in den lehramtlichen Schreiben der Päpste des 20. Jahrhunderts gebildet, die ich zitiert habe. Der heilige Papst Johannes XIII berief kein Ökumenisches Konzil ein, um diese Lehren zu unterwandern, die er selber unterstützte. Die Konzilsväter kamen nicht nicht im Oktober 1962 nach Rom in der Absicht, eine anthropozentrische Liturgie zu schaffen. Vielmehr suchten der Papst und die Konzilsväter nach Wegen, wie die Christgläubigen immer tiefer aus der „ersten und unentbehrlichen Quelle“ trinken können, um so „den wahrhaft christlichen Geist“ für ihre Erlösung und für alle Männer und Frauen ihrer Zeit.

B. WAS BEABSICHTIGTEN DIE VÄTER
DES ZWEITEN VATIKANISCHEN KONZILS?

Wir müssen die Absichten der Konzilsväter genauer betrachten, besonders wenn wir heute ihren Intentionen gerecht werden wollen. Was wollten sie mit der Konstitution über die heilige Liturgie erreichen?

Beginnen wir mit dem allerersten Artikel von Sacrosanctum Concilium:

Das Heilige Konzil hat sich zum Ziel gesetzt, das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen, die dem Wechsel unterworfenen Einrichtungen den Notwendigkeiten unseres Zeitalters besser anzupassen, zu fördern, was immer zur Einheit aller, die an Christus glauben, beitragen kann, und zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen. (Nr. 1)

Erinnern wir uns daran, dass liturgische Reformen bereits seit einem Jahrzehnt im Gange waren zum Zeitpunkt der Konzilseröffnung, und die Konzilsväter mit diesen Reformen sehr vertraut waren. Sie dachten über diese Fragen nicht theoretisch nach, ohne jedweden Kontext. Sie erwarteten, die bereits begonnene Arbeit fortzusetzen und die „altiora principia“ zu erwägen, die höheren oder fundamentalen Prinizipien liturgischer Reform, von denen der heilige Papst Johannes XXIII. in seinem Motu Proprio Rubricarum Instructum vom 25. Juli 1960 sprach.

Somit beschreibt der erste Artikel der Konstitution vier Gründe für eine liturgische Reform. Der erste, „das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen“, ist das stete Anliegen der Seelsorger der Kirche in jedem Zeitalter.

Der zweite, „die dem Wechsel unterworfenen Einrichtungen den Notwendigkeiten unseres Zeitalters besser anzupassen“, mag uns Anlass geben, innezuhalten und nachzudenken, besonders angesichts des Zeitgeists der 1960er Jahre. Doch in Wahrheit, wenn betrachtet aus der Warte der Hermeneutik der Kontinuität, wie es die Konzilsväter mit größter Wahrscheinlichkeit intendierten, bedeutet dies, dass das Konzil sich liturgische Entwicklungen wünschte, die dem Leben der Christen eine größere Lebendigkeit verleihen sollten. Die Konzilsväter wollten nicht die Dinge einfach um der Änderung willen ändern!

Und so mag auch der dritte Grund, „zu fördern, was immer zur Einheit aller, die an Christus glauben, beitragen kann“, zum Nachdenken bringen, dass wir nicht glauben, dass die Konzilsväter die heilige Liturgie instrumentalisieren wollten als ein ökumenisches Werkzeug, daraus ein Mittel zum Zweck machen. Aber kann dies der Fall sein? Gewiß, nach dem Konzil mögen manche dies versucht haben. Doch die Väter selber wußten, dass dies nicht möglich war. Einheit im Kultus vor dem Opfer-Altar ist das angestrebte Ziel ökumenischer Bemühungen. Die Liturgie ist kein Mittel, mit dem man gute Absichten oder Zusammenarbeit in Werken des Apostolats. Nein, die Konzilsväter sagen hier, dass sie glauben, dass die Liturgiereform Teil einer Dynamik sein kann, die Menschen dabei hilft, die katholische Einheit zu erzielen ohne die eine volle Kommunion im Kultus nicht möglich ist.

Die gleiche Motivation findet sich im vierten angegebenen Grund für die Liturgiereform: „zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen.“ Hier gehen wir aber weiter als unsere getrennten christlichen Brüder und Schwestern und betrachten „die gesamte Menschheit“. Die Mission der Kirche ist an jeden Mann und jede Frau gerichtet! Die Konzilsväter glaubten dies und hofften, dass eine fruchtbarere Teilnahme an der Liturgie eine Erneuerung der missionarischen Tätigkeit der Kirche erleichtern würde.

Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel geben. Viele Jahre lang wurde vor dem Konzil eine große Debatte über die Möglichkeit geführt — sowohl in Ländern, in denen missioniert wurde als auch in weiter entwickelten —, in der Liturgie mehr Landessprachen zu verwenden, vor allem in den Lesungen aus der Heiligen Schrift, wie auch für einige andere Teile des ersten Teils der Messe (was wir heute den „Wortgottesdienst“ nennen) sowie für liturgische Gesänge. Der Heilige Stuhl hatte bereits viele Genehmigungen für die Verwendung der Landessprache bei der Spendung von Sakramenten erteilt. Vor diesem Hintergrund sprachen die Konzilsväter über mögliche positive ökumenische oder missionarische Effekte der Liturgiereform. Es ist richtig, dass die Landessprachen einen positiven Platz in der Liturgie haben. Die Väter strebten dies an, ohne die Protestantisierung der heiligen Liturgie zu erlauben oder einer falschen Inkulturation der Liturgie zuzustimmen.

Ich bin Afrikaner. Lassen sie es mich klar sagen: Die Liturgie ist nicht der Ort, an dem ich meine Kultur pflege. Vielmehr ist sie der Ort, an dem meine Kultur getauft wird, an dem meine Kultur ins Göttliche aufgenommen wird. Durch die Liturgie der Kirche (welche Missionare der ganzen Welt gebracht haben) spricht Gott zu uns, Er ändert uns und läßt uns an Seinem göttlichen Leben teilhaben. Wenn jemand zum Christen wird, wenn jemand in die volle Kommunion mit der katholischen Kirche eintritt, dann erhält diese Person etwas, das über sie hinausgeht, etwas das sie verändert. Gewiß, Kulturen und anderen Christen bringen Geschenke in die Kirche ein – die Liturgie des Ordinariates der Anglikaner, die nun in voller Kommunion mit der katholischen Kirche sind: Das ist ein schönes Beispiel dafür. Aber sie bringen diese Geschenke mit Demut, und die Kirche nutzt diese in ihrer mütterlichen Weisheit, wie sie es für angemessen beurteilt.

Nichtsdestotrotz scheint sehr klar sein zu müssen, was wir unter Inkulturation verstehen. Wenn wir diesen Begriff wirklich als eine Einsicht in das Mysterium Jesu Christi verstehen, dann haben wir den Schlüssel zur Inkulturation, die kein Streben nach – oder Anspruch auf – Zulässigkeit einer Afrikanisierung oder Latein-Amerikanisierung oder Asiatisierung als Ersatz für eine Verwestlichung der Kirche ist. Inkulturation ist weder eine Kanonisierung örtlicher Kultur noch ein Niederlassen in dieser Kultur auf die Gefahr hin, diese zu Verabsolutisieren. Inkulturation ist ein Hereinbrechen und eine Manifestation des Herrn in den Tiefen unseres Seins. Und das Hereinbrechen des Herrn in unser Leben bedeutet einen Bruch, ein Ablösen, dass den Zugang zu einem Weg neuer Orientierungen eröffnet welche Teile einer neuen Kultur sind, ein Gefährt der Frohen Botschaft für den Menschen und seiner Würde als Sohn Gottes. Wenn das Evangelium in unser Leben eintritt, dann unterbricht es unser Leben, verändert es. Es gibt ihm eine neue Richtung, eine neue Moral und ethische Orientierungen. Es verwandelt das Herz des Menschen auf Gott und auf seinen Nachbarn hin, sie zu lieben und ihnen zu dienen, absolut und ohne Hintergedanken. Wenn Jesus in ein Leben eintritt, dann verklärt er es, vergöttlicht es durch das strahlende Licht Seines Antlitzes, so wie es dem heiligen Paulus ging auf der Straße nach Damaskus (vgl. Apg 9,5-6).

So wie durch seine Inkarnation das Wort Gottes  in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat (Heb 4,15), so nimmt das Evangelium all menschlichen und kulturellen Werte an, aber weigert sich, Gestalt in den Strukturen der Sünde anzunehmen. Das bedeutet, dass je mehr individuelle wie kollektive Sünden in einer menschlichen oder kirchlichen Gemeinschaft sind, desto weniger Raum gibt es für Inkulturation. Im Gegenteil, je mehr eine christliche Gemeinschaft vor Heiligkeit leuchtet und die Werte des Evangeliums ausstrahlt, umso wahrscheinlicher inkulturiert sie die christliche Botschaft. Die Inkulturation des Glaubens ist die Herausforderung der Heiligkeit. Sie prüft den Grad der Heiligkeit, und den Stand der Durchdringung mit der Frohen Botschaft, und des Glaubens an Jesus Christus als christliche Gemeinschaft. Inkulturation ist daher keine religiöse Folklore.

Sie ist nicht wesentlich im Gebrauch örtlicher Sprachen, Instrumente und latein-amerikanischer Musik, afrikanischer Tänze oder asiatischer Rituale und Symbolen in der Liturgie und den Sakramenten realisiert. Inkulturation ist Gott, der in unser Leben herabkommt, in das moralische Verhalten, in die Kulturen und die Bräuche der Menschen um diese von der Sünde zu befreien und sie in das Leben der Dreifaltigkeit zu bringen. Gewiß bedarf der Glaube einer Kultur um kommuniziert zu werden. Deshalb hat der heilige Papst Johannes Paul II. bekräftigt, dass ein Glaube, der nicht Kultur wird, ein Glaube ist, der stirbt: „Die Inkulturation in ihrem recht verstandenen Prozeß muß sich von zwei Prinzipien der ‚Vereinbarkeit mit dem Evangelium und der Gemeinschaft mit der Gesamtkirche‘ leiten lassen.“ (Enzyklika Redemptoris Missio, 7. Dezember 1990, Nr. 54)

Ich habe einige Zeit der Betrachtung des ersten Abschnitts der Konstitution gewidmet, weil es sehr wichtig ist, dass wir wirklich Sacrosanctum Concilium in diesem Zusammenhang lesen, als ein Dokument, dass beabsichtigte, die rechte Entwicklung (wie etwa die häufigere Verwendung von Landessprachen) zu unterstützen, in Kontinuität mit der Natur, Lehre und Mission der Kirche in der modernen Welt. Wir dürfen aus ihr nicht Dinge herauslesen, die sie gar nicht sagt. Die Konzilsväter beabsichtigten keine Revolution, sondern eine Evolution, eine maßvolle Reform.

Die Absichten der Konzilsväter sind aus anderen Schlüsselpassagen klar herauslesbar. Absatz 14 ist einer der wichtigsten der ganzen Konstitution:

Die Mutter Kirche wünscht sehr, alle Gläubigen möchten zu der vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern geführt werden, wie sie das Wesen der Liturgie selbst verlangt und zu der das christliche Volk, „das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, der heilige Stamm, das Eigentumsvolk“ (1 Petr 2,9; vgl. 2,4-5) kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet ist.

Diese volle und tätige Teilnahme des ganzen Volkes ist bei der Erneuerung und Förderung der heiligen Liturgie aufs stärkste zu beachten, ist sie doch die erste und unentbehrliche Quelle, aus der die Christen wahrhaft christlichen Geist schöpfen sollen. Darum ist sie in der ganzen seelsorglichen Arbeit durch gebührende Unterweisung von den Seelsorgern gewissenhaft anzustreben.

Es besteht aber keine Hoffnung auf Verwirklichung dieser Forderung, wenn nicht zuerst die Seelsorger vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind und in ihr Lehrmeister werden. Darum ist es dringend notwendig, daß für die liturgische Bildung des Klerus gründlich gesorgt wird.

Hier hören wir die Stimme der vorkonziliaren Päpste, die eine echte und fruchtbringende Teilnahme an der Liturgie anstreben, und dass – um dies in die Tat umzusetzen – das Bestehen auf gründliche Ausbildung oder Bildung in der Liturgie dringend notwendig ist. Die Väter beweisen hier einen Realitätssinn, der später vielleicht vergessen wurde. Hören wir noch einmal die Worte des Konzils und betrachten wir ihre Wichtigkeit: „Es besteht aber keine Hoffnung auf Verwirklichung dieser Forderung, wenn nicht zuerst die Seelsorger vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind und in ihr Lehrmeister werden.

Auch am Anfang von Artikel 21 hören wir sehr klar die Absichten der Väter: „Damit das christliche Volk in der heiligen Liturgie die Fülle der Gnaden mit größerer Sicherheit erlange, ist es der Wunsch der heiligen Mutter Kirche, eine allgemeine Erneuerung der Liturgie sorgfältig in die Wege zu leiten.“ „Ut populus christianus in sacra Liturgia abundantiam gratiarum securius assequatur…“ Wenn wir Latein studieren, lernen wir, dass das Wort „ut“ einen klaren Zweck bezeichnet, der im gleichen Satz folgt. Was bezweckten die Konzilsväter? – dass das christliche Volk mit größerer Sicherheit in der heiligen Liturgie die Fülle der Gnaden erlange. Wie sollte dies erreicht werden? – indem mit großer Sorgfalt eine allgemeine Erneuerung der Liturgie in die Wege geleitet werden dass die Väter über eine „Erneuerung“ sprechen, nicht über eine Revolution!

Eine der klarsten und schönsten Ausdrücke der Absichten der Konzilsväter findet sich am Anfang des zweiten Kapitels der Konstitution, die das Mysterium der Allerheiligsten Eucharistie betrachtet. Wir lesen in Artikel 48:

So richtet die Kirche ihre ganze Sorge darauf, daß die Christen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium wohl verstehen lernen und so die heilige Handlung bewußt, fromm und tätig mitfeiern, sich durch das Wort Gottes formen lassen, am Tisch des Herrenleibes Stärkung finden. Sie sollen Gott danksagen und die unbefleckte Opfergabe darbringen nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm und dadurch sich selber darbringen lernen. So sollen sie durch Christus, den Mittler, von Tag zu Tag zu immer vollerer Einheit mit Gott und untereinander gelangen, damit schließlich Gott alles in allem sei.

Meine Brüder und Schwestern, das ist es, was die Konzilsväter beabsichtigten. Ja, gewiß, sie diskutierten und stimmten über spezifische Wege ab, wie sie ihre Absichten erreichen wollten. Aber lasst uns klar feststellen: Die in der Konstitution vorgeschlagenen Ritualreformen, wie die Wiedereinführung des Gebets der Gläubigen bei der Messe (Nr. 53), die Ausdehnung der Konzelebration (Nr. 57) oder einige andere Punkte – wie die in Artikel 34 und 50 angestrebte Einfachheit – unterliegen alle den grundlegenden Absichten der Konzilsväter, die ich soeben skizziert habe. Sie sind Mittel zum Zweck, und es ist dieser Zweck, den wir erfüllen müssen.

Wenn wir uns einer authentischeren Umsetzung von Sacrosanctum Concilium annähern wollen, dann sind es diese Ziele, diese Zwecke, die wir vor allem und zuerst vor Augen haben müssen. Es mag sein, dass wir, wenn wir sie mit einem frischen Blick betrachten und dem Vorteil der Erfahrung der vergangenen fünf Jahrzehnte, manche bestimmte Ritualreformen und gewisse liturgische Regeln in einem neuen Licht sehen. Wenn heute, um „das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen“ und „alle in den Schoß der Kirche zu rufen“, einige dieser Regeln und Reformen neu geprüft werden müssen, lasst uns den Herrn bitten, uns die Liebe und Demut und Weisheit zu geben, dies so zu tun.

C. WAS GESCHAH NACH DER PROMULGATION VON
SACROSANCTUM CONCILIUM?

Ich werfe die Frage einer neuen Prüfung der Konstitution und der Reform, die ihrer Promulgierung folgte, auf weil ich nicht glaube, dass wir auch nur den ersten Artikel von Sacrosanctum Concilium heute ehrlich lesen können und meinen, seine Ziele seien erreicht worden. Meine Brüder und Schwestern, wo sind die Gläubigen, von denen die Konzilsväter sprachen? Viele der Gläubigen sind nun ungläubig: Sie kommen gar nicht zur Liturgie. Um es mit den Worten des heiligen Johannes Paul II. zu sagen: „Das Vergessen Gottes hat zum Niedergang des Menschen geführt. Es wundert daher nicht, daß in diesem Kontext ein großer Freiraum für die Entwicklung des Nihilismus im philosophischen Bereich, des Relativismus im erkenntnistheoretischen und moralischen Bereich, des Pragmatismus und sogar des zynischen Hedonismus in der Gestaltung des Alltagslebens entstanden ist. Die europäische Kultur erweckt den Eindruck einer ’schweigenden Apostasie‘ seitens des satten Menschen, der lebt, als ob es Gott nicht gäbe“. (Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Europa, 28. Juni 2003, Nr. 9). Wo ist die Einheit, die das Konzil zu leisten hoffte? Wir haben sie noch nicht erreicht. Haben wir echte Fortschritte beim Bemühen erzielt, alle in den Schoß der Kirche zu rufen? Ich denke nicht. Und doch haben wir mit der Liturgie sehr viel gemacht!

In meinen 47 Jahren als Priester und nach mehr als 36 Jahren bischöflicher Seelsorge kann ich bezeugen, dass viele katholische Gemeinschaften und Individuen mit Eifer und Freude so leben und die Liturgie beten, wie sie nach dem Konzil reformiert wurde, und daraus viele, wenn nicht sogar alle, Dinge beziehen, welche die Konzilsväter beabsichtigten. Dies ist eine große Frucht des Konzils. Aber aus meiner Erfahrung heraus weiß ich auch – nun auch durch meinen Dienst als Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung – dass es viele Verzerrungen der Liturgie in der Kirche heute gibt, und dass es viele Situationen gibt, die verbessert werden könnten damit die Ziele des Konzils auch erreicht werden. Bevor ich einige dieser möglichen Verbesserungen in Betracht ziehe, lasst uns darüber nachdenken, was nach der Promulgation der Konstitution über die heilige Liturgie geschah.

Im sechzehnten Jahrhundert vertraute der Papst die vom Konzil von Trient gewünschte Liturgiereform einer besonderen Kommission an, die sich daran machte, überarbeitete Ausgaben der liturgischen Bücher vorzubereiten, die schließlich vom Papst promulgiert wurden. Dies ist eine völlig normale Vorgehensweise und wurde 1964 vom seligen Paul VI. angewendet, als er das Consilium ad exsequendam constitutionem de sacra liturgia schuf. Wir wissen viel über diese Kommission dank der veröffentlichten Memoiren ihres Sekretärs, Erzbischof Annibale Bugnini („Die Liturgiereform. 1948-1975. Zeugnis und Testament“, Herder Verlag, 1988).

Die Arbeit der Kommission war bei der Umsetzung der Konstitution gewiß Einflüssen, Ideologien und neuen Vorschlägen ausgesetzt, die nicht in Sacrosanctum Concilium anzutreffen sind. So ist es zum Beispiel Tatsache, dass das Konzil nicht vorgeschlagen hat, neue Eucharistische Gebete einzuführen, diese Idee jedoch aufkam und akzeptiert wurde, und dass der Papst diese als Autorität in Kraft setzte. Es ist auch wahr, wie Erzbischof Bugnini selber klarmacht, dass manche Gebete und Riten unter dem Einfluss des damaligen Zeitgeistes konstruiert oder überarbeitet wurden, besonders entsprechend ökumenischer Sensibilitäten. Ob zu viel getan wurde oder nicht, oder ob das, was getan wurde, wirklich dabei half, die Ziele der Konstitution zu erreichen, oder in der Tat diese behinderten, sind Fragen, die wir prüfen müssen. Ich bin sehr froh darüber, dass heute die Gelehrten diese grundlegend prüfen. Nichtsdestotrotz ist es eine wichtige Tatsache, dass der selige Paul VI. die von der Kommission vorgeschlagenen Reformen als angemessen betrachtete und in Kraft setzte. Mit seiner apostolischen Autorität setzte er sie als normgebend ein und stellte ihre Rechtmäßigkeit und Gültigkeit fest.

Doch während die offizielle Reform-Arbeit stattfand, kam es in aller Welt zu einigen sehr schwerwiegende Fehlinterpretationen der Liturgie, die sich etablierten. Diese Missbräuche der heiligen Liturgie wuchsen heran durch ein falsches Verständnis des Konzils, was zu liturgischen Feiern führte, die subjektiv waren und mehr auf die Wünsche individueller Gemeinde fokussiert als auf die sakramentale Anbetung des Allmächtigen Gottes. Mein Vorgänger als Präfekt der Kongregation, Kardinal Franziskus Arinze, nannte das einmal die „Do-It-Yourself Messe“. Sogar der heilige Papst Johannes Paul II. sah sich gezwungen, in seiner Enzyklika Ecclesia de Eucharistica vom 17. April 2003 zu schreiben:

Dieser Verkündigung durch das Lehramt entspricht das innere Wachstum der christlichen Gemeinschaft. Ohne Zweifel war die Liturgiereform des Konzils von großem Gewinn für eine bewußtere, tätigere und fruchtbarere Teilnahme der Gläubigen am heiligen Opfer des Altares. An vielen Orten findet die Anbetung des heiligsten Sakramentes täglich einen weiten Raum und wird so zu einer unerschöpflichen Quelle der Heiligkeit. Die andächtige Teilnahme der Gläubigen an der eucharistischen Prozession am Hochfest des Leibes und Blutes Christi ist eine Gnade des Herrn, welche die teilnehmenden Gläubigen jedes Jahr mit Freude erfüllt.

Man könnte noch andere positive Zeichen des Glaubens und der Liebe zur Eucharistie erwähnen.

Leider fehlt es neben diesen Lichtstrahlen nicht an Schatten. Es gibt Orte, an denen der Kult der eucharistischen Anbetung fast völlig aufgegeben wurde. In dem einen oder anderen Bereich der Kirche kommen Mißbräuche hinzu, die zur Schmälerung des rechten Glaubens und der katholischen Lehre über dieses wunderbare Sakrament beitragen. Bisweilen wird ein stark verkürzendes Verständnis des eucharistischen Mysteriums sichtbar. Es wird seines Opfercharakters beraubt und in einer Weise vollzogen, als ob es den Sinn und den Wert einer brüderlichen Mahlgemeinschaft nicht übersteigen würde. Darüber hinaus wird manchmal die Notwendigkeit des Amtspriestertums, das in der apostolischen Sukzession gründet, verdunkelt, und die Sakramentalität der Eucharistie allein auf die Wirksamkeit in der Verkündigung reduziert. Von da aus gibt es hier und da ökumenische Initiativen, die zwar gut gemeint sind, aber zu eucharistischen Praktiken verleiten, die der Disziplin widersprechen, mit der die Kirche ihren Glauben zum Ausdruck bringt. Wie sollte man nicht über all dies tiefen Schmerz empfinden? Die Eucharistie ist ein zu großes Gut, um Zweideutigkeiten und Verkürzungen zu dulden.

Ich vertraue darauf, daß diese Enzyklika wirksam dazu beitragen kann, die Schatten nicht annehmbarer Lehren und Praktiken zu vertreiben, damit das Mysterium der Eucharistie weiterhin in seinem vollen Glanz erstrahle. (Nr. 10)

Neben den liturgischen Missbräuchen gab es auch Widerstand gegen die offiziell in Kraft gesetzten Reformen. Manche Personen befanden, dass diese zu schnell zu weit gegangen waren, oder verdächtigten die offiziellen Reformen sogar, doktrinär fragwürdig zu sein. Man erinnere sich an die Kontroverse im Jahr 1969, als die Kardinäle Ottaviani und Bacci in einem Brief an Paul VI. sehr schwerwiegende Befürchtungen zum Ausdruck brachten, was zur Folge hatte, dass der Papst es für angemessen sah, bestimmte doktrinelle Klarstellungen zu machen. Auch diese Fragen müssen sorgfältig untersucht werden.

Aber es gab auch eine pastorale Wirklichkeit hier: Ob nun aus guten oder weniger guten Gründen konnten oder wollten manche Gläubige nicht an den reformierten Riten teilnehmen. Sie blieben diesen fern, oder nahmen nur an Liturgien teil, die nicht reformiert blieben, selbst wenn deren Feier nicht autorisiert war. So wurde die Liturgie ein Ausdruck der Unstimmigkeiten innerhalb der Kirche, statt katholischer Einheit. Das Konzil beabsichtigte nicht, dass uns die Liturgie von einander trennt! Der heilige Papst Johannes Paul II. arbeitete daran, diese Trennung zu heilen, unterstützt durch Kardinal Ratzinger, der, als Papst Benedikt XVI., diese innere Versöhnung erleichtern wollte, indem er durch sein Motu Proprio Summorum Pontificum (7. Juli 2007) festsetzte, dass die alte Form des Römischen Ritus ohne Beschränkungen allen Individuen und Gruppen verfügbar sein muss, die sich seiner Reichtümer bedienen wollen. Unter Gottes Vorsehung ist es nun möglich, unsere katholische Einheit zu feiern und gleichzeitig eine legitime Vielfalt ritueller Praxis zu respektieren und sogar ihrer zu erfreuen.

Zuletzt möchte ich anmerken, dass während der Arbeit an Reformen und Übersetzungen, die nach dem Konzil stattfand (und wir wissen, dass manche Arbeit zu schnell gemacht wurde, was bedeutet, dass wir die Übersetzungen überarbeiten müssen, damit sie dem lateinischen Original besser entsprechen), vielleicht aus dem Blick geriet, was den Konzilsvätern zufolge unverzichtbar war, wenn die von ihnen gewünschte fruchtbringende Teilnahme an der Liturgie erreicht werden sollte: Dass Geistlich „vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind und in ihr Lehrmeister werden“. Wir wissen, dass ein Gebäude mit schwachem Fundament Gefahr läuft, Schaden zu nehmen oder gar einzustürzen.

Wir haben vielleicht eine sehr neue, moderne Liturgie in der jeweiligen Landessprache geschaffen, aber wenn wir nicht die richtigen Fundamente gelegt haben – wenn unsere Seminaristen und Geistlichen nicht „vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind“ wie es das Konzil vorschrieb – dann können sie selbst nicht die Menschen bilden, die in ihrer Obhut sind. Wir müssen die Worte des Konzils sehr ernst nehmen: Es besteht „keine Hoffnung auf Verwirklichung“ einer liturgischen Erneuerung ohne gründliche liturgische Bildung. Ohne diese unverzichtbare Bildung könnte der Klerus sogar den Glauben der Menschen an das Eucharistische Geheimnis beschädigen.

Ich will nicht als übertrieben pessimistisch wahrgenommen werden, und ich sage noch einmal: es gibt viele, viele gläubige Laien – Männer und Frauen –, viele Geistliche und Ordensleute, für welche die nach dem Konzil reformierte Liturgie eine Quelle viel spiritueller wie apostolischer Frucht ist, und dafür bin ich dem Allmächtigen Gott dankbar. Aber, selbst von meiner eben vollzogenen, kurzen Analyse ausgehend, denke ich, werdet Ihr mir zustimmen, dass wir Besseres leisten können, wenn wir erreichen wollen, dass die heilige Liturgie wirklich Quelle und Gipfel des Lebens und der Mission der Kirche wird, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wie es die Konzilsväter so aufrichtig ersehnten.

Wie auch immer – Papst Franziskus fordert uns auf: „Es ist notwendig, vereint mit erneuerter Bereitschaft den Weg weiter zu gehen, den die Konzilsväter angezeigt haben, da noch viel zu tun ist, was die richtige und vollständige Assimilation der Konstitution der heiligen Liturgie seitens der getauften und kirchlichen Gemeinschaften betrifft. Ich beziehe mich, insbesondere, auf die Verpflichtung zu einer soliden und natürlichen liturgischen Einführung und Bildung, sowohl der gläubigen Laien als auch des Klerus und geweihter Menschen“.

D. WIE SOLLTEN WIR HEUTE AUF
EINE AUTHENTISCHERE UMSETZUNG VON
SACROSANCTUM CONCILIUM HINARBEITEN?

Angesichts der grundsätzlichen Wünsche der Konzilsväter und der unterschiedlichen Situationen, die nach dem Konzil entstanden sind, würde ich gerne ein paar praktische Erwägungen vorschlagen, wie wir heute Sacrosanctum Concilium treuer umsetzen können.

Auch wenn ich als Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung diene, schlage ich diese in aller Demut als Priester und Bischof vor, in der Hoffnung, dass sie ein gereiftes Nachdenken und Forschung und gute liturgische Praxis in der gesamten Kirche befördern.

Es wird niemanden überraschen wenn ich sage, dass wir zu allererst die Qualität und Tiefe unserer liturgischen Ausbildung untersuchen müssen; wie wir unseren Klerus, unsere Ordensleute und unsere Laiengläubigen durchtränken mit dem Geist und der Macht der Liturgie. Allzu oft gehen wir davon aus, dass unsere Weihekandidaten für das Priesteramt oder das ständige Diakonat genug über die Liturgie „wissen“. Aber das Konzil bestand hier nicht auf Wissen, obwohl natürlich, die Konstitution die Wichtigkeit liturgischer Bildung betont (siehe Artikel Nr. 15-17). Nein, die liturgische Ausbildung, die vorrangig und unverzichtbar ist, besteht vielmehr im Eintauchen in der Liturgie, im tiefen Mysterium Gottes, unseres liebenden Vaters. Es geht darum, die Liturgie zu leben, in ihrem ganzen Reichtum, damit wir, nachdem wir in tiefen Zügen aus ihrer Quelle getrunken haben, immer einen Durst nach ihren Freuden haben, nach ihrer Ordnung und Schönheit, ihrer Stille und Kontemplation, ihrem Jubel und ihrer Anbetung, ihrer Fähigkeit, uns aufs Engste mit Ihm vertraut zu machen, der in uns wirkt und durch die heiligen Riten der Kirche.

Das ist der Grund dafür, dass jene „in Ausbildung“ für pastoraler Arbeit die Liturgie so vollkommen wie möglich in ihren Seminaren und Bildungshäusern leben sollten. Auch Kandidaten für das Ständige Diakonat sollten über einen längeren Zeitraum hinweg tief in ein intensives liturgisches Leben eintauchen. Und, würde ich hinzufügen, dass die vollständige und reichhaltige Feier des Römischen Ritus, des usus antiquior, eine wichtige Rolle spielen sollte in der liturgischen Bildung des Klerus, denn wie können wir sonst auch nur annähernd die reformierten Riten aus einer Hermeneutik der Kontinuität heraus verstehen oder zelebrieren, wenn wir nie die Schönheit der liturgischen Tradition erlebt haben, welche die Konzilsväter selber kannten und welche so viele Heilige im Lauf der Jahrhunderte hervor brachte? Eine weise Offenheit gegenüber dem Mysterium der Kirche und ihrer reichhaltigen, jahrhunderte alten Tradition sowie eine demütige Fügsamkeit dem gegenüber, was der Heilige Geist den Kirchen heute sagt, sind echte Zeichen, dass wir zu Jesus Christus gehören: „Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.“ (Mt 13,52).

Wenn wir uns dessen annehmen, wenn unsere neuen Priester und Diakone wirklich nach der Liturgie dürsten, dann werden sie selber dazu in der Lage sein, die Menschen zu bilden, die in ihrer Obhut sind – selbst wenn die liturgischen Umstände und Möglichkeiten ihrer kirchlichen Mission bescheidener sind als die des Priesterseminars oder einer Kathedrale. Ich kenne viele Priester, die unter solchen Umständen ihre Menschen im Geist und der Macht der Liturgie bilden, und deren Pfarreien Beispiele großer liturgischer Schönheit sind. Wir sollten  nicht vergessen, dass würdevolle Schlichtheit nicht das gleiche ist wie reduktionistischer Minimalismus oder ein nachlässiger und vulgärer Stil. Wie unser Heiliger Vater, Papst Franziskus, in seiner Apostolischen Exhortation Evangelii Gaudium lehrt: „Die Kirche evangelisiert und evangelisiert sich selber mit der Schönheit der Liturgie, die auch Feier der missionarischen Tätigkeit und Quelle eines erneuerten Impulses zur Selbsthingabe ist.“ (Nr. 24)

Zweitens denke ich, dass es sehr wichtig ist, uns über das Wesen liturgischer Teilnahme völlig im Klaren zu sein, über das, was das Konzil die participatio actuosa nannte. Darüber hat es in den vergangenen Jahrzehnten viel Verwirrung gegeben. Artikel 48 der Konstitution besagt: „So richtet die Kirche ihre ganze Sorge darauf, daß die Christen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium wohl verstehen lernen und so die heilige Handlung bewußt, fromm und tätig mitfeiern“. Das Konzil versteht die Teilnahme als eine vorrangig innerliche, ein „verstehen lernen“ der „Riten und Gebete“. Die Innerlichkeit, das Leben in enger Vertrautheit und Erfüllung durch Gott, ist die unverzichtbare Voraussetzung einer erfolgreichen und fruchtbaren Teilnahme an den Heiligen Mysterien, die wir in der Liturgie feiern. Die Eucharistische Feier muß wesentlich innerlich gelebt werden. Gott will uns in unserem Inneren begegnen. Die Väter riefen die Gläubigen auf, zu singen, dem Priester zu antworten, liturgische Dienste zu übernehmen, die ihnen rechtmäßig zustehen, gewiß, aber die Konstitution besteht darauf, dass alle dies „bewußt, fromm und tätig“ tun.

Wenn wir verstehen, dass die Innerlichkeit unserer liturgischen Teilnahme Priorität hat, dann werden wir auch den lärmenden und gefährlichen liturgischen Aktivismus vermeiden, der in den vergangenen Jahrzehnten allzu sichtbar war. Wir gehen nicht zur Liturgie um etwas zu veranstalten, um Dinge zu tun, die andere dann sehen: Wir gehen, um uns mit Christi Handlung durch eine Verinnerlichung der äußerlichen liturgischen Riten, Gebete, Zeichen und Symbole zu verbinden. Vielleicht müssen wir Priester, deren Berufung es ist, liturgisch zu dienen, dies mehr als andere erinnern! Aber wir müssen auch die anderen ausbilden, besonders unseren Kindern und jungen Menschen müssen wir beibringen, was die wahre Bedeutung liturgischer Teilnahme ist, wie die Liturgie wahrhaftig gebetet wird.

Drittens habe ich über die Tatsache gesprochen, dass einige der Reformen nach dem Konzil entsprechend dem Zeitgeist zusammengestellt wurden, und dass es eine wachsende Zahl kritischer Studien durch treue Söhne und Töchter der Kirche gibt, welche fragen, ob das, was gemacht wurde wirklich die Ziele der Konstitution umsetzte, oder in Wahrheit vielmehr darüber hinaus ging. Dieses Diskussion findet unter der Überschrift einer „Reform der Reform“ statt, und ich bin mir bewußt dass Pfarrer Tomhas Kocik eine gelehrte Untersuchung der Frage auf der Sacra Liturgia-Konferenz in New York vergangenes Jahr vorgestellt hat.

Ich glaube nicht, dass wir die Möglichkeit oder Erwünschtheit einer offiziellen Reform der liturgischen Reform einfach abweisen können, denn ihre Befürworter machen einige wichtige Ansprüche geltend mit Blick darauf, der Forderung von Artikel 23 der Konstitution treu zu bleiben: „Damit die gesunde Überlieferung gewahrt bleibe und dennoch einem berechtigten Fortschritt die Tür aufgetan werde, sollen jeweils gründliche theologische, historische und pastorale Untersuchungen“ unternommen werden, und, „sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, daß die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch hervorwachsen. Auch soll nach Möglichkeit verhütet werden, daß sich zwischen den Riten benachbarter Gebiete auffallend starke Unterschiede ergeben“.

In der Tat kann ich sagen, dass mich Papst Franziskus bat, als mich der Heilige Vater im vergangenen April zu einer Audienz empfing, die Frage einer Reform der Reform zu untersuchen, und wie die beiden Formen des Römischen Ritus einander bereichern könnten. Dies wird eine langwierige und delikate Aufgabe, und ich bitte Euch um Eure Geduld und Euer Gebet. Aber wenn wir Sacrosanctum Concilium treuer umsetzen wollen, wenn wir erreichen wollen, was die Absicht des Konzils war, dann muss diese wichtige Frage sorgfältig untersucht werden, und mit der notwendigen Klarheit und Klugheit im Gebet und völliger Unterwerfung vor Gott umgesetzt.

Wir Priester, wir Bischöfe haben eine große Verantwortung. Wie unser gutes Beispiel gute liturgische Praxis aufbaut; wie unsere Nachlässigkeit, unsere Gewohnheiten oder Fehlverhalten doch der Kirche und ihrer heiligen Liturgie schaden!

Wir Priester müssen vor allem und zu allererst Gläubige sein. Unser Volk kann den Unterschied zwischen einem Priester, der gläubig zelebriert und einem, der in Eile feiert sehen, der häufig auf die Uhr schaut, fast als würde er damit sagen wollen, dass er so schnell wie möglich zurück an seine pastorale Arbeit oder anderen Verpflichtungen will, oder um Fernsehen zu schauen! Ihr Priester, wir können nichts wichtigeres tun als die heiligen Mysterien zu feiern: Hüten wir uns vor der Versuchung liturgischer Faulheit oder Lauwärme, denn das ist eine Versuchung des Teufels.

Wir müssen uns daran erinnern, dass wir nicht die Autoren der Liturgie sind, wir sind ihre bescheidenen Diener, nach Maßgabe der Disziplin und der Gesetze. Wir sind auch dafür verantwortlich, jene auszubilden, die uns im liturgischen Dienst unterstützen, sowohl im Geist wie der Macht der Liturgie und auch ihrer Regeln. Manchmal habe ich Priester gesehen, die zurücktreten, damit Kommunionhelfer die heilige Kommunion austeilten kann: Das ist falsch, es ist ein Leugnen des priesterlichen Dienstes und eine Klerikalisierung der Laien. Wenn sowas passiert, ist es ein Zeichen dafür, dass die Ausbildung sehr falsch gelaufen ist, und der Korrektur bedarf. (Siehe Mt 14,18-21). „Darauf nahm er die fünf Brote… gab sie den Jüngern, damit sie sie an die Leute austeilten…Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten. (Mk 6,30-44, Mt 14,18-21).

Ich habe auch Priester gesehen, und Bischöfe, gekleidet zur Zelebration der heiligen Messe, die Mobiltelefone und Kameras herausnahmen und während der heiligen Liturgie verwendeten. Das ist ein schreckliches Zeugnis dessen, was sie glauben, dass ihre Mission ist, wenn sie liturgische Gewänder anziehen, die uns kleiden und verwandeln als einen alter Christus – und viel mehr noch, als ipse Christus, als Christus selbst. Das zu tun ist ein Sakrileg. Kein Bischof, Priester oder Diakon, der für liturgische Dienste gekleidet ist oder in der Sakristei anwesend ist, sollte Photographien machen, selbst bei einer großen Messe mit vielen Konzelebranten. Dass dies Preister leider bei solchen Messen tun, oder miteinander zusammensitzen und reden, ist ein Zeichen dafür, glaube ich, dass wir dringend die Angemessenheit dieser immensen Konzelebrationen überdenken müssen. Besonders wenn sie Priester zu einem solchen skandalösen Verhalten verleiten, das dem Mysterium, das gefeiert wird, unwürdig ist, oder wenn die schiere Menge der Konzelebrationen das Risiko birgt, dass die Eucharistie profaniert wird.

Es ist ebenso skandalös und profanierend, wenn gläubige Laien während der heiligen Messe photographieren. Sie sollten durch Gebete teilnehmen, und nicht ihre Zeit damit verbringen, Bilder zu machen!

Ich möchte einen Appell an alle Priester richten. Ihr habt vielleicht meinen Artikel in L’Osservatore Romano vor einem Jahr gelesen (Ausgabe vom 12. Juni 2015), oder mein Interview mit dem Magazin Famille Chrétienne im Mai dieses Jahres. Bei beiden Gelegenheiten habe ich gesagt, dass ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass wir so bald wie möglich zu einer gemeinsamen Orientierung zurückkehren, dass Priester und Gläubige gemeinsam in die gleiche Richtung blicken – nach Osten oder zumindest Richtung Apsis gewendet – wenn wir uns an Gott wenden. Diese Praxis ist durch die derzeitige liturgische Gesetzgebung erlaubt. Es ist im modernen Ritus völlig legitim, dies zu tun. In der Tat denke ich, dass es ein sehr wichtiger Schritt ist, um sicherzustellen, dass in unseren Feiern der Herr wirklich im Mittelpunkt steht.

Und so, liebe Geistliche, bitte ich Euch demütig und brüderlich, diese Praxis in die Tat umzusetzen, wo immer dies möglich ist, gewiß mit Klugheit und der notwendigen Katechese, aber auch mit der Zuversicht eines Pastors, dass dies etwas Gutes für die Kirche ist, etwas Gutes für unser Volk. Euer eigenes pastorales Urteilsvermögen wird bestimmen, wie und wann das möglich ist, aber vielleicht zum ersten Adventssonntag in diesem Jahr, denn wenn wir beten „der Herr wird kommen und nicht zögern“ (siehe: Eröffnungsvers, Mittwoch der zweiten Adventwoche), könnte dies ein guter Zeitpunkt sein. Liebe Geistliche, wir sollten wieder der Klage des Propheten Jeremia erinnern: „Sie kehren mir den Rücken zu und nicht das Gesicht; sind sie aber in Not, dann rufen sie: Erheb dich und hilf uns!“ (Jer 2,27) Lasst uns wieder uns Gott zuwenden! Seit dem Tag seiner Taufe kennt der Christ nur eine Richtung: den Osten. „Gen Osten (ad Orientem) wendetest du dich; denn wer dem Teufel widersagt, wendet sich Christus zu, ihm schaut er geraden Blickes ins Auge“ (aus „Über die Mysterien“ des heiligen Ambrosius von Mailand).

Gerne würde ich auch, demütig und brüderlich, einen Appell an meine Brüder Bischöfe richten: Bitte führt Eure Priester und Euer Volk in diese Richtung, besonders bei großen Zelebrationen in Euren Diözesen und Euer Kathedrale. Bitte bildet Eure Seminaristen so aus, dass sie die Wirklichkeit lernen, dass wir nicht zum Priestertum berufen sind um selber im Mittelpunkt der liturgischen Verehrung zu stehen, sondern um Gottes Gläubige zu ihm zu führen, als Mit-Anbetende, vereint im gleichen Akt der Anbetung. Bitte ermöglicht diese einfache aber tiefgehende Reform in Euren Diözesen, Euren Kathedralen, Euren Pfarreien und Euren Seminaren.

Wir Bischöfe haben eine große Verantwortung, und eines Tages werden wir dem Herrn gegenüber Rechenschaft ablegen müssen für unser Verwalteramt. Wir besitzen nichts! Nichts gehört uns! Wie der heilige Paulus lehrt, sind wir nur „Diener Christi“ und „Verwalter von Geheimnissen Gottes. Von Verwaltern aber verlangt man, dass sie sich treu erweisen.“ (1 Kor 4,1-2). Es obliegt unserer Verantwortung sicherzustellen, dass sie heiligen Wirklichkeiten der Liturgie in unseren Diözesen geachtet werden und unsere Priester und Diakone nicht nur die liturgischen Gesetze beachten, sondern auch den Geist und die Macht der Liturgie kennen, aus denen sie hervorgehen. Ich war sehr ermutigt von der Lektüre des Vortrags „Der Bischof: Statthalter, Förderer und Beschützer des Liturgischen Lebens der Diözese“, den Erzbischof Alexander Sample von Portland (Oregon, USA) im Jahr 2013 bei der Sacra Liturgia-Konferenz in Rom gehalten hat, und brüderlich ermutige ich meine Brüder Bischöfe, dessen Überlegungen sorgfältig zu studieren.

Alle liturgischen Diener sollten in regelmäßigen Abständen ihr Gewissen prüfen. Dafür empfehle ich Teil II der Apostolischen Exhortation Sacramentum Caritatis von Benedikt XVI. (22. Februar 2007), „Eucharistie, ein Geheimnis, das man feiert.“ Vor bald zehn Jahren wurde dieses Schreiben als die kollegiale Frucht der Bischofssynode von 2005 veröffentlicht. Wie viel Fortschritt haben wir seitdem gemacht? Was müssen wir noch mehr tun? Wir müssen uns diese Fragen vor dem Herrn stellen, jeder nach seiner Verantwortung, und dann alles tun, was wir können und müssen, um diese Vision zu verwirklichen, die Papst Benedikt umrissen hat.

An dieser Stelle wiederhole ich, was ich anderswo schon gesagt habe, dass Papst Franziskus mich gebeten hat, die außergewöhnliche liturgische Arbeit fortzusetzen, die Papst Benedikt begann (siehe: Botschaft zur Sacra Liturgia-Konferenz in New York, 2015). Nur weil wir einen neuen Papst haben, heißt das nicht, dass die Vision seines Vorgängers nun ungültig wäre. Im Gegenteil, wie wir wissen, hat unser Heiliger Vater Franziskus den größten Respekt für die liturgische Vision und Maßnahmen, die Papst emeritus Benedikt XVI. implementierte, in äußerster Treue zu den Absichten und Zielen der Väter des Konzils.

Bevor ich schließe, erlaubt mir ein paar kleine Dinge zu erwähnen, die auch dazu beitragen können, dass Sacrosanctum Concilium treuer umgesetzt wird. Eines wäre, dass wir die Liturgie singen müssen, dabei die liturgischen Traditionen der Kirche achtend und uns erfreuend am Schatz sakraler Musik, der uns gehört, besonders die Musik, die dem Römischen Ritus zu eigen ist, Gregorianischer Gesang. Wir müssen heilige liturgische Musik singen, nicht nur religiöse Musik, oder schlimmer noch, profane Lieder.

Wir müssen eine gute Balance zwischen Landessprachen und Latein hinbekommen. Das Konzil wollte nie andeuten, dass der Römische Ritus ausschließlich in der Landessprache gefeiert werden sollte. Aber es beabsichtigte dessen stärkere Nutzung, vor allem für die Lesungen. Heute sollte es möglich sein, besonders dank der modernen Drucktechniken, das Verständnis aller zu erleichtern, wenn Latein verwendet wird, vielleicht für die Liturgie der Eucharistie, und natürlich ist dies besonders angemessen für internationale Zusammenkünfte, wo die Landessprache von vielen nicht verstanden wird. Und dort, wo die Landessprache verwendet wird, muss sie natürlich eine dem lateinischen Original getreue Übersetzung sein, wie Papst Franziskus mir gegenüber erst kürzlich bekräftigte.

Wir müssen sicherstellen, dass die Anbetung das Herzstück unserer liturgischen Feiern ist. Das Herz unserer Liturgie ist die Anbetung Gottes. Viel zu oft bewegen wir uns nicht von Feier hin zu Anbetung [von Zelebration zu Adoration]. Wenn wir aber dies nicht tun, so meine Sorge, haben wir vielleicht nicht immer an der Liturgie vollumfänglich teilgenommen, innerlich. Zwei körperliche Vorkehrungen sind hier hilfreich, um nicht zu sagen unentbehrlich. Die erste ist Stille. Wenn ich nie still bin, wenn die Liturgie mir keinen Platz läßt für stilles Gebet und Kontemplation, wie kann ich dann Christus anbeten, wie kann ich mich mit ihm im Herzen und der Seele verbinden? Stille ist sehr wichtig, und nicht nur vor und nach der Liturgie. Sie ist das Fundament eines tief spirituellen Lebens.

Ebenfalls unerlässlich ist das Niederknien bei der Wandlung (es sei denn, dass ich krank bin). Im Westen ist dies ein Akt körperlicher Anbetung, der uns vor unserem Herrn und Gott demütigt. Es ist an und für sich eine Gebetshandlung. Dort, wo Knien und Verbeugung aus der Liturgie verschwunden sind, müssen sie wieder hergestellt werden, besonders beim Empfang unseres Gesegneten Herrn in der Heiligen Kommunion. Liebe Geistliche wo auch immer möglich, und mit der gleichen pastoralen Klugheit, von der ich vorher gesprochen habe, bildet Euer Volk in diesem schönen Akt der Verehrung und Liebe aus. Lasst uns in Anbetung und Liebe wieder vor dem Eucharistischen Herrn knien! „Der Mensch ist nicht vollkommen Mensch, es sei denn er geht vor Gott in die Knie um Ihn anzubeten, um seine überwältigende Heiligkeit zu betrachten und sich nach seinem Bild und Gleichnis neu schaffen zu lassen“ (R. Sarah, On the Road to Ninive, Paulines Publications Africa 2012, S. 199).

Mit Blick auf den Empfang der Heiligen Kommunion auf den Knien möchte ich an das Schreiben aus dem Jahr 2002 der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung erinnern, dass klarstellt, das „jede Weigerung, die Heilige Kommunion einem Gläubigen zu spenden weil er oder sie kniet ist ein schwerer Verstoß gegen eines der wichtigsten Grundrechte eines Christgläubigen“ (Brief, 1. Juli 2002, Notitiae, n. 436, Nov-Dez 2002, S. 583).

Die richtige Kleidung aller liturgischen Diener im Altarraum, Lektoren inbegriffen, ist ebenfalls sehr wichtig um sicherzustellen, dass solche Dienste als authentisch gesehen werden und mit der Würde begangen werden, die der heiligen Liturgie zusteht – auch damit die Helfer selber die rechte Ehrfurcht vor Gott und die Mysterien, denen sie dienen, erweisen.

Dies sind ein paar Vorschläge: Ich bin mir sicher, dass viele andere gemacht werden könnten. Ich lege sie Euch dar als mögliche Schritte einer „Bewegung zur Liturgie hin und in ihren rechten äußeren und inneren Vollzug hinein“, was natürlich das Anliegen von Kardinal Ratzinger am Anfang seines großen Werkes, Der Geist der Liturgie, war (Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger, Der Geist der Liturgie, in Ders., Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz (Gesammelte Schriften, Bd. 11), Freiburg, 2008, S. 31)

Ich ermutige Euch alle, alles zu tun, was Ihr könnt um dieses Ziel zu realisieren, das völlig übereinstimmt mit der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die heilige Liturgie.

ABSCHLUSS

Ich begann diesen Vortrg mit einer Betrachtung der Unterweisungen der Päpste des 20. Jahrhunderts in der heiligen Liturgie. Der erste, der heilige Pius X., hatte das persönliche Motto: instaurare omnia in Christo — Alles in Christus erneuern. Ich schlage vor, dass wir uns dieser Worte annehmen und sie uns zum eigenen Maßstab machen in unserem Trachten, auf eine treuere Umsetzung von Sacrosanctum Concilium hinzuarbeiten. Denn wenn wir zur heiligen Liturgie kommen, dann betreten wir die Mentalität Christi, wenn wir Christus anlegen wie wir unser Taufgewand oder die Paramenten anlegen, die unserem liturgischen Dienst zu eigen sind, dann können wir nicht weit danebenliegen.

Es ist leider wahr, dass in den den Jahrzehnten seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil es „neben diesen Lichtstrahlen nicht an Schatten“ fehlt im liturgischen Leben der Kirche, wie es der heilige Papst Johannes Paul II. in Ecclesia de Eucharistia (Nr.10) formulierte. Und es ist unsere Pflicht, die Ursachen dessen anzusprechen. Aber es ist eine Quelle großer Hoffnung und Freude dass heute, im fortschreitenden 21. Jahrhundert, viele gläubige Katholiken von der Wichtigkeit der Liturgie im Leben der Kirche überzeugt sind und sich dem liturgischen Apostolat, breiter gefaßt einer neuen liturgischen Bewegung, widmen.

Meine Brüder und Schwestern, ich danke Euch für Euer Engagement für die heilige Liturgie. Ich ermutige Euch und segne all Eure Bemühungen, große wie kleine, um „den richtigen Weg, die Liturgie zu feiern, innerlich wie äußerlich“. Haltet in diesem Apostolat durch: die Kirche und die Welt braucht Euch!

Ich bitte Euch um Euer Gebet für meinen geistlichen Dienst. Vielen Dank. Gott segne Euch.

Robert Kardinal Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung

(Aus dem Englischen übersetzt von Anian Christoph Wimmer. Publiziert mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah.)

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Quelle

2 Kommentare zu “Kardinal Sarah: „Auf dem Weg hin zu einer authentischen Umsetzung von Sacrosanctum Concilium“

  1. Pingback: Kardinal Sarah: „Towards an authentic implementation of ‹Sacrosanctum Concilium›“ | POSchenker

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