PAPST PAUL VI.: WER IST PETRUS – WAS TUT DER PAPST?

Petrus

Bei der Generalaudienz am 31. August 1977

Eure Anwesenheit erfreut, bewegt und ergreift uns. Sie bringt uns immer wieder unser päpstliches Amt voll zum Bewußt­sein. Obwohl wir euch zum erstenmal treffen, wollen wir euch so­gleich als Brüder, als Söhne und Töchter, als Freunde betrachten. Ehe wir jedoch an euch denken, fühlen wir uns verpflichtet, über uns selbst, über die uns aufgegebene Sendung, die universale Kir­che zu leiten, in Ehrfurcht, Scheu und Verwunderung nachzuden­ken, wobei uns die Worte auf die Lippen kommen, mit denen sich Jesus selbst an die Jünger des Johannes wandte, der sie im Kerker beauftragt hatte, Jesus zu fragen: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11, 3). Dieselbe Frage wissen wir auch an uns gerichtet. Obwohl ihr alle die Frage genau beantworten könnt, ist sie bedeutsam und gleichzeitig eng mit der geschuldeten Antwort auf die Probleme verbunden, die unter gewissen Gesichtspunkten jeden von euch, unter anderem aber die großen Probleme sozusagen des Geschickes der Welt be­rühren. Können wir uns in unserer menschlichen Schwachheit der drängenden Frage: Wer bist du? Wer ist der Papst? entziehen und auf eine solche oder ähnliche Frage nicht antworten, auch wenn sie uns noch so in Verlegenheit bringt und sich nicht zureichend be­antworten läßt?

Doch da vernehmen wir in uns die Antwort, ja geradezu die De­finition, die Jesus dem Simon, Sohn des Jonas, selbst überlassen wollte, die wir von Petrus übernommen haben und die wir in den Texten des Ersten Vatikanischen Konzils (vgl. Denz.-Schön. 3050-3060) und erneut in einem Dokument des Zweiten Vatikani­schen Konzils (Lumen gentium, Nr. 18 und 23) lesen: Jesus Chri­stus hat im hl. Petrus ein „immerwährendes Prinzip und Funda­ment der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft eingesetzt. Hier findet sich ein gewaltiges Kapitel katholischer Glaubenslehre aus­gesprochen. Der Glaube, d. h. die Zustimmung zum göttlichen Wort, bekennt sich dazu, und die Theologie beschreibt und erläutert ihn. Hier erfahren wir, wer Petrus und sein rechtmäßiger Nachfolger ist, und es wird uns im Lichte dieses Geheimnisses dar­gelegt, was der Papst tut: dies einmal klargestellt, möchten wir hier einige grundlegende Worte über den zweiten Aspekt, die Sendung des Petrus, sagen, auch weil das Geheimnis Petri in der Tiefe des göttlichen Gedankens gründet, während sein Tun sich offen kund­tut, d. h. wenigstens äußerlich bekannt ist und dem allgemeinen Urteil unterliegt (vgl. Joh 10, 38; 14, 12; usw.).

Beschränken wir uns jetzt auf einen allgemeinen Überblick, wie er in einer solchen einfachen Ansprache möglich ist.

Was tut also die Kirche? Wenn sie ihrem Herrn, dem Geist, der sie leitet, und der Menschheit, in der sie und für die sie lebt, in Treue folgt, vermag sie viele und große Dinge zu tun, vorausge­setzt freilich, daß sie die Freiheit und in bestimmtem Umfang auch die nötigen Mittel dazu hat (vgl. Mt 14, 17; 17, 26; usw.).

Doch hören wir, wie der Herr selbst in seinen Weisungen an die Jünger bei seiner Abschiedsrede ihre Tätigkeit zusammenfaßt. Dabei soll uns für heute ein einziges Wort genügen, ein Wort, dem eine Dynamik entspringt, die das gesamte christliche Leben ent­scheidend bestimmt. Eines der letzten Worte des Mattäus-Evange­liums lautet nämlich: „Geht . .!“ Jesus will keine unbeweglichen Jünger (vgl. Mt 20, 6), er will sie auf dieser Erde in Bewegung se­hen. Deshalb hat er sie ja „Apostel“ genannt (Lk 6, 13), Ausge­sandte, Zeugen, Boten, Verkünder seines Wortes und seines Heilsplans. Mit einer immer wieder aktuellen Bezeichnung kön­nen wir sagen: Jesus wollte, daß seine Jünger Missionare seien. Kardinal Suenens zeigt in einem seiner Bücher, daß jeder Katholik, der dem Evangelium wirklich treu sein will, auf die eine oder an­dere Weise Missionar sein müsse. War etwa eine Heilige wie die in strenger Klausur lebende Theresia vom Kinde Jesu keine glühende Missionarin?

Weder menschlicher Respekt noch geistliche Indifferenz und schon gar nicht aufdringliche Proselytenmacherei dürfen die christliche Ehrfurcht vor dem eigenen Glauben bestimmen, wenn er wirklich christlich und katholisch heißen soll, sondern vielmehr ein ehrliches Gefühl der Verantwortung und der Liebe zur Ver­breitung des Evangeliums, ein Gefühl missionarischer Solidarität. Die Kirche ist der Sauerteig (Mt 13, 33). Prägen wir unseren Her­zen das leidenschaftliche Wort Jesu ein: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen; wie froh wäre ich, wenn es schon brennen würde“ (Lk 12, 49).

Das Evangelium ist ein Feuer, das brennen und leuchten muß. Wir alle sind aufgerufen, es zu entzünden und weiterzutragen. Möge sich jeder von uns daran erinnern!

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Quelle: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1977, Libreria Editrice Vaticana – Butzon & Bercker

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