„Die Barmherzigkeit ohne Werke ist in sich selbst gestorben“

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Außerordentliche Generalaudienz, 30. Juni 2016

Außerordentliche Generalaudienz
von Donnerstag, dem 30. Juni 2016 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung den Volltext der Katechese von Papst Franziskus bei der außerordentlichen Generalaudienz von Donnerstag, dem 30. Juni 2016.

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Werke der Barmherzigkeit (vgl. Mt 25,31-46)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Wie oft haben wir in diesen ersten Monaten des Jubeljahres von Werken der Barmherzigkeit gehört! Heute fordert uns der Herr zu einer ernsten Gewissensprüfung auf. So ist es gut, niemals zu vergessen, dass Barmherzigkeit kein abstraktes Wort ist, sondern ein Lebensstil: Ein Mensch kann barmherzig oder nicht barmherzig sein; es handelt sich um einen Lebensstil. Entweder entscheide ich mich, barmherzig oder nicht barmherzig zu leben. Von Barmherzigkeit zu sprechen und sie zu leben, sind zwei verschiedene Dinge. Wenn wir die Worte des hl. Apostels Jakob paraphrasieren (vgl. 2,14-17), können wir sagen: Die Barmherzigkeit ohne Werke ist in sich selbst gestorben. Genau so ist es! Was die Barmherzigkeit lebendig macht, ist ihre ständige Dynamik, den Notleidenden und den Bedürfnissen jener entgegenzugehen, die sich in geistigem und materiellem Elend befinden. Die Barmherzigkeit hat Augen um zu sehen, Ohren um zu hören und Hände, um wieder hochzuheben …

Das tägliche Leben erlaubt es uns, viele Nöte mit den Händen zu berühren, von denen die ärmsten und am meisten geprüften Menschen betroffen sind. Von uns wird jene besondere Aufmerksamkeit gefordert, die uns dazu führt, den Zustand des Leidens und der Not zu erkennen, in den viele Brüder und Schwestern geraten. Manchmal kommen wir an dramatischen Situationen der Armut vorbei, die uns scheinbar nicht berühren; alles geht so weiter, als sei nichts geschehen. Diese Gleichgültigkeit macht uns letzten Endes scheinheilig und mündet ohne, dass uns dies bewusst ist, in eine Form der spirituellen Lethargie, aufgrund derer die Seele ihre Sensibilität und das Leben seine Fruchtbarkeit verliert. Jene Menschen, die vorbeigehen, im Leben vorankommen, ohne die Bedürfnisse der anderen Menschen zu erkennen, ohne viele geistige und materielle Nöte zu sehen sind Menschen, die vorbeigehen ohne zu leben und den anderen nicht dienen. Vergesst nicht darauf: Wer nicht lebt um zu dienen, dient dem Leben nicht.

Wie viele Aspekte hat die Barmherzigkeit Gottes uns gegenüber! Wieviele Gesichter wenden sich uns in gleicher Weise zu, um Barmherzigkeit zu erlangen. Wer in seinem Leben die Barmherzigkeit des Vaters erfahren hat, kann nicht unempfänglich für die Nöte der Brüder bleiben. Die gehörte Lehre Jesu erlaubt keine Fluchtwege: Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war nackt, auf der Flucht, krank, im Gefängnis und ihr habt mir geholfen (vgl. Mt 25,35-36). Vor einem hungrigen Menschen kann man nicht zögern: man muss ihm zu essen geben. Dies sagt uns Jesus! Die Werke der Barmherzigkeit sind keine theoretischen Themen, sondern konkrete Zeugnisse. Sie verpflichten uns dazu, die Ärmel hochzukrempeln, um das Leiden zu lindern.

Aufgrund der Veränderungen unserer globalisierten Welt haben sich manche Formen der materiellen und geistlichen Armut vervielfacht. Geben wir der Fantasie der Nächstenliebe daher Raum, um neue operative Modalitäten zu finden. Auf diese Weise wird der Weg der Barmherzigkeit zunehmend konkreter. Wir sind daher dazu aufgerufen, wie Wachen aufmerksam zu bleiben, damit nicht geschieht, dass der Blick der Christen sich angesichts der von der Wohlstandskultur geschaffenen Armut schwächt und unfähig wird, nach dem Wesentlichen zu trachten. Nach dem Wesentlichen trachten. Was bedeutet dies? Nach Jesus zu trachten, im Hungrigen, im Inhaftierten, im Kranken, im Armen, in einem Menschen ohne Arbeit mit einer Familie Jesus anzublicken. In unseren Brüdern und Schwestern Jesus anblicken, Jesus in einem einsamen, traurigen und einem Menschen, der Fehler begeht und Rat braucht, anzublicken; in einem, der in Stille mit ihm gehen will, damit er sich in Gesellschaft fühlt. Dies sind die Werke der Barmherzigkeit, die Jesus von uns erbittet! Blicken wir Jesus in diesen Menschen an. Warum? Denn so blickt Jesus mich und uns alle an.

* * *

Gehen wir nun zu einem anderen Aspekt über.

In den vergangenen Tagen ermöglichte es mir der Herr, Armenien zu besuchen – die erste Nation, die das Christentum zu Beginn des vierten Jahrhunderts umarmte. Im Laufe seiner langen Geschichte bezeugte dieses Volk den christlichen Glauben mit dem Martyrium. Ich danke Gott für diese Reise und meine lebendige Dankbarkeit gilt dem Präsidenten der Republik Armenien, Katholikos Karekin II., dem Patriarchen und den katholischen Bischöfen sowie dem armenischen Volk für meine Aufnahme als Pilger der Brüderlichkeit und des Friedens.

In drei Monaten werde ich – so Gott will – eine weitere nach Georgien und Aserbaidschans unternehmen – zwei weitere Länder der kaukasischen Region. Ich nahm die Einladung zum Besuch dieser Länder aus zwei Gründen an: einerseits zur Valorisierung der in diesen Ländern vorhandenen alten christlichen Wurzeln – stets im Geiste des Dialogs mit den anderen Regionen und Kulturen – und andererseits zur Ermutigung der Hoffnung und der Wege des Friedens. Die Geschichte lehrt uns, dass der Weg des Friedens große Beharrlichkeit und ständige Schritte erfordert; beginnend bei den kleinen und nach und nach größer werdend, indem man einander entgegenkommt. Gerade deshalb ist es meine Hoffnung, dass ein jeder seinen Beitrag zum Frieden und zur Versöhnung leistet.

Als Christen sind wir dazu berufen, unter uns die brüderliche Gemeinschaft zu stärken, um das Evangelium Christi zu bezeugen und um der Sauerteig einer immer gerechteren und solidarischen Gesellschaft zu sein. Daher wurde der gesamte Besuch mit dem höchsten Patriarchen der apostolischen Kirche Armeniens geteilt, der mich drei Tage lang brüderlich in seiner Wohnung aufgenommen hat.

Ich erneuere meine Umarmung der Bischöfe, der Priester, der Ordensfrauen und –männer und allen Gläubigen Armeniens. Die Jungfrau Maria, unsere Mutter, helfe ihnen, die Festigkeit im Glauben zu bewahren und offen für die Begegnung und großzügig in den Werken der Barmherzigkeit zu bleiben. Danke.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

Ein Kommentar zu “„Die Barmherzigkeit ohne Werke ist in sich selbst gestorben“

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