Papst in Armenien: Aus den Gräueln der Vergangenheit lernen

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Papst Franziskus zu Besuch in Armenien

Aus den Gräueln der Vergangenheit lernen, wie Frieden zu gestalten wäre: Diesen Wunsch äußerte Papst Franziskus auf armenischem Boden in seiner Ansprache an den Staatspräsidenten, Diplomaten, Politiker und Vertreter des öffentlichen Lebens. Der Papst ging auf das nationale Trauma der Armenier ein, das von den Osmanen durchgeführte Massaker in den Jahren 1915/1916. Der „Metz Yeghern” –  das „große Übel”, wie die Armenier selbst die Vertreibung und die Massaker nennen – „diese Tragödie, dieser Völkermord“ habe „leider die traurige Liste der entsetzlichen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts” wiederholt, die „von anormalen rassistischen, ideologischen oder religiösen Motivationen ermöglicht wurden, welche den Geist der Menschenschinder so weit verdunkelten, dass sie sich das Ziel setzten, ganze Völker auszurotten.”

Er wünsche sich von Herzen, fuhr der Papst fort, dass „die Menschheit aus diesen tragischen Erfahrungen die Lehre ziehen kann, verantwortungsvoll und klug zu handeln, um den Gefahren vorzubeugen, in solche Gräuel zurückzufallen.” In den internationalen Streitfragen – Franziskus nannte keine konkret, doch alle Anwesenden dachten an die Scharmützel Armeniens mit den Nachbarländern Georgien, Aserbeidschan, Türkei und Iran – solle daher stets Dialog vorherrschen, die „echte Suche nach dem Frieden” und „der beharrliche Einsatz der internationalen Organismen”. Franziskus bot in einem solchen Prozess auch die Unterstützung der katholischen Kirche an. Und er mahnte alle religiösen Menschen dazu, gemeinsam gegen Religionsmissbrauch vorzugehen. Wer sich der Religion bediene, um Krieg und gewaltsame Verfolgung zu rechtfertigen, müsse isoliert werden. Auf diese Weise nämlich werde der „heilige Name Gottes instrumentalisiert und manipuliert”.

Besondere Verfolgung erfahren im Moment Christen, stellte der Papst in Armenien klar. Sie werden „verfolgt wie zur Zeit der ersten Märtyrer und vielleicht sogar noch mehr”. Darüber hinaus gebe es derzeit zu viele ungelöste Konflikte in verschiedenen Weltgegenden, die Zerstörung und Zwangsmigration verursachen. Hier müssten die Verantwortlichen in den Regierungen mutig und rasch handeln und klare Ziele vor Augen haben: Frieden, Aufnahme von Flüchtenden, Förderung von Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung. Armenien habe in dieser Hinsicht viel zu geben, sagte der Papst, nicht nur weil es die Verfolgung am eigenen Leb erlebte, sondern auch, weil es jedesmal wieder neu anfing. „In diesem Sinn ermutige ich [Armenien], seinen wertvollen Beitrag der internationalen Gemeinschaft nicht vorzuenthalten.”

Seit 25 Jahren ist Armenien unabhängig. Franziskus lobte ausdrücklich die christliche Identität, die der Kaukasus-Nation niemals abhanden gekommen ist und weit davon entfernt sei, “die gesunde Laizität des Staates” zu behindern, im Gegenteil: die christliche Identität Armeniens stärke die Religionsfreiheit und die Archtung gegenüber den Minderheiten.

(rv 24.06.2016 gs)


Gemeinsames Zeugnis gegen Spaltungen

Papst Franziskus hat bei seiner ersten Ansprache seiner Armenienreise in der Apostolischen Kathedrale des heiligen Gregors des Erleuchters in Etschmiadsin die Bedeutung der Ökumene im Umgang mit Krisen und Konflikten in der Welt betont. Im Beisein des Apostolischen Katholikos Karekin II. sagte er, die Welt sei leider gezeichnet von Spaltungen und Konflikten, materieller und geistlicher Armut und Christen müssten ein Zeugnis der gegenseitigen Achtung und brüderlichen Zusammenarbeit geben. Hierfür sei wichtig, dass sie diesen Weg gemeinsam gingen: „Der ökumenische Geist gewinnt auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der kirchlichen Gemeinschaft einen Vorbildcharakter und ist für alle ein starker Aufruf, die Divergenzen durch den Dialog und die Würdigung dessen, was eint, beizulegen.“ Darüber hinaus verhindere der ökumenische Geist die Instrumentalisierung und Manipulierung des Glaubens. Denn er verpflichte dazu, die echten Wurzeln des Glaubens wiederzuentdecken.

Franziskus hob die besondere christliche Identität Armeniens hervor, das bereits 301 das Christentum als Religion annahm – „in einer Zeit, als im Römischen Reich noch die Verfolgungen wüteten“, betonte er. „Der Glaube an Christus war für Armenien nicht wie ein Gewand, das man je nach Umständen oder Vorteil an- oder ablegen kann, sondern er war eine konstitutive Wirklichkeit seiner eigentlichen Identität, ein Geschenk von unermesslicher Tragweite, das es freudig anzunehmen und engagiert und kraftvoll zu hüten galt, auch um den Preis des eigenen Lebens.“

Er danke dem Herrn für dieses leuchtende Glaubenszeugnis der Armenier, das die machtvolle Wirkung der Taufe beweise. „Ihr habt sie vor über tausendsiebenhundert Jahren mit dem beredten Zeichen des heiligen Martyriums empfangen, das ein ständiges Element der Geschichte eures Volkes geblieben ist.“Franziskus erinnerte an die bisherigen Bemühungen im Dialog durch Katholikos Vasken I., Karekin I. sowie seiner beiden Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

„Wenn unser Handeln von der Kraft der Liebe Christi inspiriert und bewegt ist, nehmen die gegenseitige Kenntnis und Achtung zu, werden bessere Bedingungen für einen fruchtbaren ökumenischen Weg geschaffen und wird zugleich allen Menschen guten Willens und der gesamten Gesellschaft ein konkreter gangbarer Weg aufgezeigt, um die Konflikte zu schlichten, die das bürgerliche Leben zerreißen und Spaltungen verursachen, die schwer zu heilen sind.“

(rv 24.06.2016 cz)


Ankunft des Papstes im „ersten christlichen Land“

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Es ist die erste Etappe einer Doppelreise: Papst Franziskus ist an diesem Freitag in Armenien angekommen, pünktlich um 15 Uhr Ortszeit, also 13 Uhr mitteleuropäischer Zeit, landete der Papstflieger in der Hauptstadt Jerewan, wo er von Staatspräsident Sersch Sargsjan sowie Vertretern der Kirchen und der Gesellschaft begrüßt wurde.

In diesem Jahr wird der Papst zwei Mal in den Kausasus reisen, nach der dreitägigen Armenienreise wird es im September noch eine zweite Reise nach Aserbaidschan und Georgien geben, weswegen der Vatikan von einer „Reise in zwei Etappen“ sprach.

Die Reise habe vor allem spirituellen Charakter. Das hatte der Papst in einer Videobotschaft betont, die er am Donnerstag an Armenien gerichtet hatte. Auf dem Programm der Reise stehen neben den Treffen mit Vertretern von Staat und Gesellschaft der Besuch bei den Katholiken im Land, die ökumenischen Begegnungen mit den Vertretern der armenisch-orthodoxen Kirche und der Besuch im Denkmalkomplex Zizernakaberd, der an den Völkermord vor gut 100 Jahren durch das Osmanische Reich erinnert.

Interview mit dem Präsidenten Armeniens

In einem Interview mit Radio Vatikan spricht Präsident Sersch Sargsjan vor der Anreise des Papstes davon, dass er sich wünsche, dass das gesamte armenische Volk die Wärme und die Energie dieses Papstes spüre. Gerade angesichts der Verfolgungen von Christen – auch armenischen – im Nahen Osten sei der Papstbesuch in seinem Land bedeutend, Papst Franziskus stehe für Dialog, Respekt und friedliches Zusammenleben.

Frieden – das sei auch in den Beziehungen zu Aserbeidschan nötig, so der Präsident weiter. Gerade erst sei er von einem Treffen mit den Präsidenten des Nachbarlandes und Russlands gekommen, man sei sich einig, dass es nur eine friedliche Lösung für die seit Jahrzehnten anhaltenden Konflikte und kriegerischen Auseinandersetzungen um die Region Bergkarabach geben könne.

Wie üblich hatte der Vatikan im Namen des Papstes Telegramme an die Staatschefs der überflogenen Länder gesandt, darunter an Recep Tayyip Erdoğan, den Präsidenten der Türkei. Mit dem Land gibt es Spannungen, seitdem am 12. April 2015 Papst Franziskus die Massaker an den Armeniern als Genozid bezeichnet und in eine Reihe mit dem Holocaust gestellt hatte.

Zu seiner eigenen geistlichen Vorbereitung war Papst Franziskus am Vorabend der Reise zu einem privaten Besuch in der Basilika Santa Maria Maggiore, wo er vor der dortigen Marienikone betete. Dort legte er auch einen Strauß Blumen nieder, die wie üblich in die Farben des zu besuchenden Landes gewickelt waren.

(rv 24.06.2016 ord)


Papstbesuch in Armenien:
Stimmen aus dem Osservatore Romano

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Die Pastoralreise von Papst Franziskus nach Armenien ist eine günstige Gelegenheit, die Beziehungen zwischen der armenisch-apostolischen und der katholischen Kirche noch weiter zu stärken. Das hofft der vatikanische Ökumenekardinal Kurt Koch in einem Beitrag für den L´Osservatore Romano, der im Vorfeld der Reise veröffentlicht wurde. Kardinal Koch betont in seinem Artikel die ökumenische Bedeutung der Papstvisite, die durch seinen Aufenthalt in der Residenz des Katholikos der armenisch-apostolischen Kirche, genau 15 Jahre nach dem Heiligen Johannes Paul II., noch vertieft werde. Es seien die Gemeinsamkeiten und jüngsten Fortschritte in den ökumenischen Beziehungen, die durch den Papstbesuch unterstrichen werden sollten, betont Kurt Koch. Deswegen sei eines der zentralen Anliegen der Reise das gemeinsame Gebet, in einer Art Vorwegnahme einer Einheit, die erst noch erreicht werden müsse.

Ein wichtiges Zeichen sei erst jüngst mit der Erhebung des Heiligen Gregor von Narek in den Rang eines Kirchenlehrers gesetzt worden. Diese bedeute nicht nur „Einladung, sich mit dem spirituellen Schatz des armenischen Volkes“ vertieft auseinanderzusetzen, sondern sei auch insgesamt ein Zeichen für den „neuen Geist“, der die Beziehungen der Kirchen durchwehe.

Armenien, so erinnert der Kardinal, war die erste Nation überhaupt, die sich als ganze zum Christentum bekannte. Bereits im Jahr 301 wurde der damalige König Trdat III. vom heiligen Gregor von Narek oder „dem Erleuchter“ getauft; demselben Heiligen, den er zuvor 13 Jahre lang in einer Grotte unter dem Berg Khor Virap gefangen gehalten hatte. Dies sei der Beginn der Konversion eines ganzen Volkes gewesen, die neben dem Glauben an Christus Erlöser jedoch auch zu einer Reihe von Verfolgungen und Leiden für das armenische Volk führte. Sichtbares Zeichen des Martyriums des armenischen Volkes: die charakteristischen Steinkreuze, die allerorten zu finden seien. Es sei letztlich auch der gemeinsame Blutzoll, der die Ökumene ausmache, erinnert Kardinal Koch mit Verweis auf die drei letzten Päpste, Johannes Paul II., Benedikt XVI. und schließlich Franziskus selbst, der von einer „Ökumene des Blutes“ gesprochen habe. Am 12. April 2015 wurde im Beisein der beiden Katholikoi der armenisch-apostolischen Kirche und des Patriarchen der armenisch-katholischen Kirche während eines Gottesdienstes im Petersdom die Erhebung des armenischen Heiligen Gregor zum Kirchenlehrer gefeiert. Im Verlauf der denkwürdigen Zeremonie habe der Papst auf die Leiden des armenischen Volkes hingewiesen und deutlich vom „ersten Genozid des XX. Jahrhunderts gesprochen“, indem er sich auf die Vertreibungen und Verfolgung der armenischen Christen durch Truppen des Osmanischen Reiches im Jahr 1915 bezog, betonte Koch.

Die Bedeutung dieser Worte Franziskus´ für das armenische Volk unterstrich auch ein anderer hochrangiger Kirchenvertreter im Osservatore Romano. Der armenisch-katholische Erzbischof Raphael Minassian betonte in seinem Gastbeitrag, wie der Papst bereits seit seinem Amtsantritt die Sympathien der Armenier gewonnen habe. Doch es sei jener 12. April 2015 gewesen, der die Sympathien in tiefe Verehrung und Dankbarkeit des gesamten Volkes gewandelt habe. Dies werde sich auch in den Reaktionen auf seine Visite zeigen, die als diejenige eines spirituellen Vaters bei seinen in der Welt verstreuten Kindern wahrgenommen werde. Vor allem die armenischen Katholiken im Land, etwa 160.000 an der Zahl, warteten mit Ungeduld auf ihren Hirten, um mit ihm gemeinsam aufs Neue in ihrem Glauben und in ihren Bestrebungen für Einheit und Versöhnung bestärkt zu werden.

Für Kardinal Leonardo Sandri, den Präfekten der Ostkirchenkongregation, bedeutet die Reise des Papstes an die Peripherien Europas eine Erinnerung an unsere eigenen christlichen Ursprünge. Ebenfalls im Osservatore schrieb er, die Reise stelle einen Tribut an das Martyrium dar, mit dem der Glaubensweg der zutiefst christlichen Armenier seit jeher verbunden gewesen sei. Er erinnerte in seinem Beitrag daran, dass es die Christianisierung des Landes gewesen sei, die ihm das Alphabet geschenkt habe. Gleichzeitig betont der Kardinal, dass Franziskus kein politisches oder soziales Ziel verfolge. Es sei vielmehr stets das Evangelium des Herrn, von dem aus er seinen Ausgang nähme und zu dem er zurück führen wolle. Diese Interessenlosigkeit sei es, die ihm den direkten Zugang zu den Herzen der Menschen garantiere und zu einer Versöhnung auch der gegensätzlichsten Positionen beitragen könne.

(or 24.06.2016 cs)

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