Neues Vatikanschreiben: Unser Interview mit Kardinal Müller

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Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Dem neuen Vatikandokument ‚Iuvenescit Ecclesia‘ geht es vor allem darum, einen falschen „Gegensatz“ zwischen der angeblich starren Hierarchie und den Charismen in der Kirche zu überwinden. „Die Charismen sind ja auch nicht einfach auf die Laien verteilt, und die anderen würden sozusagen nur in dumpfer Institutionalität vor sich hingehen“, sagte der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, am Dienstag in einem Interview mit Radio Vatikan. Die Fragen stellte Stefan v. Kempis.

Wenn die Hierarchie – also die Glaubenskongregation – ein Dokument über Charismen schreibt, dann würde man denken, es würde nicht heißen ‚Die Kirche verjüngt sich‘, sondern ‚Die Kirche hat Sorgenfalten‘…

„Ja, das ist das falsche Image, das mit uns verbunden wird. Die Glaubenskongregation ist ja 1965 völlig neu ausgerichtet worden; sie hat die Hauptaufgabe, den Glauben zu fördern und Anstöße zu geben – und erst in zweiter Linie die Aufgabe, bestimmte Probleme zu lösen. Wir sind, auch wenn das viele nicht kapieren wollen, nicht die Inquisition, die sozusagen gerichtlich, wie das vor fünfhundert Jahren der Fall war, auf bestimmte Entwicklungen und Herausforderungen – damals des Protestantismus  – reagiert, sondern im Sinne des Zweiten Vatikanums ist auch diese Kongregation eine missionarische Kongregation.“

Dennoch gab es immer eine Spannung zwischen Institution/Hierarchie auf der einen und Charisma/Orden/Bewegungen auf der anderen Seite. ‚Löscht den Geist nicht aus!‘, schreibt der Apostel Paulus. In diese Spannung tritt nun das Dokument hinein…

„Die Kirche hat eine ganz bestimmte Mission, einen ganz bestimmten Auftrag: die Lehre Christi zu verkünden, die Taufe zu spenden, also die Sakramente zu feiern und somit eben auch durch den apostolischen Dienst die Gottesbeziehung auf diese sakramentale Ebene hin zu führen. Aber darüber hinaus ist ja die Kirche auch der Leib Christi, das Volk Gottes, jeweils lebend in der Zeit. Und deshalb gibt es auch neue Formen, Methoden, Arten, wie der Glaube verkündet und gelebt wird, über diese Grunddienste der Kirche ‚Bekenntnis, Liturgie und Diakonie‘ hinaus. Von der ‚Diakonie‘ wissen wir, dass es darum geht, die Liebe Christi den Armen, Bedürftigen, Notleidenden zuzuwenden. Aber das bedarf immer neuer Initiativen. In der Neuzeit, als die barbaresken Staaten Italien und die Küsten Spaniens überfallen haben und die Türken, das Osmanische Reich, viele Christen als Sklaven gefangen haben, war der Freikauf der Sklaven eine große Herausforderung…

Heute sagt uns ja der Heilige Vater, dass wir an die Peripherie gehen sollen: Hier müssen wir auch neue Formen entwickeln. Aber das sind neue Formen, sie reagieren auf die Herausforderungen der Zeit, und nicht sozusagen neue Inhalte. Statt der Liebe Christi können wir nichts anderes verkünden und verwirklichen. Wir verkünden immer die Lehre Christi – aber in unterschiedlicher Weise und unterschiedlichen Formen.“

Das Dokument spricht von einer ‚Gleichwesentlichkeit‘ – coessenzialità – zwischen hierarchischen und charismatischen Gaben. Ist das der springende Punkt – dass es da kein Gegen- oder Nebeneinander gibt, sondern ein Miteinander?

„Ja, die Charismen sind ja auch nicht einfach auf die Laien verteilt, und die anderen würden sozusagen nur in dumpfer Institutionalität vor sich hingehen, sondern die Charismen sind eben auch verteilt auf die Geistlichen, auf den Kleriker- und Ordensstand, auf die Laien. Das ist sozusagen das, was Christus uns ein für alle Mal gegeben hat – wie wird das lebendig durch den Geist Jesu Christi? Und sowenig es einen Widerspruch gibt zwischen Christus und dem Heiligen Geist, so wenig kann es einen Widerspruch geben zwischen dem, was durch Christus eingesetzt worden ist – apostolischer Dienst, Sakramente – und der stetigen Verlebendigung durch den Heiligen Geist. Man hat das oft auch so formuliert: Christus ist ja der Leib der Kirche, der Heilige Geist die Seele, also das Leben im Leibe Christi. Das muss zusammengesehen werden. So wie Christus und der Heilige Geist eine Einheit bilden, so ist es eben auch der gemeinsame Dienst der Menschen in der apostolischen Sendung, mit allen anderen zusammen aufgrund der Gabe des Heiligen Geistes – das Weihesakrament ist auch eine Gabe des Heiligen Geistes!“

Das Dokument wurde im Jahr 2000 angefangen, jetzt schreiben wir 2016 und haben zwei weitere Päpste erlebt. Warum hat das so lange gedauert?

„Das Ganze stand nicht unter Zeitdruck, weil die Charismen nicht von unserem Dokument abhängen, sondern in diesem Dokument gewissermaßen mal eine Zusammenschau versucht worden ist. Und gut Ding braucht Weile…“

(rv 14.06.2016 sk)

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