Nigeria: Politik, Menschenrechte und der Kreislauf des Terrors

Catholic_Bishop_of_Yola_DIocese_Stephen_Mamza

Bischof Stephen Mamza, Hilfe Für Inlandsflüchtlinge, Nigeria / Wikimedia Commons – Ogalaemmanuel, CC BY-SA 4.0

Das bevölkerungsreichste Land Afrikas zählt heute über 2,5 Millionen Inlandsflüchtlinge

Nigeria ist ein Land mit großem Potential mit einer jungen und tatkräftigen Bevölkerung von fast 200 Millionen Menschen. Diese Nation ist eine wunderbare Mischung aus unendlichem Talent, einer atemberaubenden Vielfalt an Kulturen, Sprachen und Weltanschauungen und einer alles überdauernden Hoffnung. Nigeria könnte mit diesen Eigenschaften nicht nur den afrikanischen Kontinent bereichern, sondern die ganze Welt, wenn nur die verschiedenen Elemente, die dazu gebracht werden, harmonisch zusammenwirkten.

Obwohl die Vorsehung das Land mit diesen zahlreichen Gaben ausgestattet hat, lebt die Nation weiter unterhalb dessen, was ihr Potential in Aussicht stellt. Über 70 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter kommen weiter unterhalb der Armutsgrenze gerade so über die Runden. Weitere Teile der Bevölkerung werden dahin abrutschen, wenn die neue Regierung unter Muhammadu Buhari nicht eine schnelle Lösung für die Bedrohung durch sinkende Ölpreise findet, ebenso wie für die Korruption der Eliten, durch die das Land an den Rand des Bankrotts gedrängt wird.

Ein Prozent der Bevölkerung, die Elite Nigerias, besitzen fast 80 Prozent des gesamten Reichtums. Es gibt keine Sozialsysteme, die den Armen helfen könnten, außer Familienstrukturen, ohne die viele Nigerianer völlig verloren wären. Die Wirtschaft ist einseitig auf den Ölexport spezialisiert, und damit fatal von den Schwankungen des Ölmarkts abhängig. Jede Chance, die Quellen der Einnahmen zu vervielfältigen und sich auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten, haben die Herrscher Nigerias ungenutzt verstreichen lassen. Die gewaltigen Erlöse, die in Nigerias Kassen gespült wurden, seit man 1956 in Olobri Öl fand, haben den Lebensstil der Elite finanziert, die allgegenwärtige Korruption, und den schamlosesten Diebstahl von Staatsressourcen in der afrikanischen Zeitgeschichte. Die große Masse der Bevölkerung wartet bis heute vergeblich darauf, auch etwas von diesem Kuchen abzubekommen.

Die Armut, welche die Hoffnungen und Träume von Millionen Nigerianern in Ketten legt, wird noch verschlimmert durch die Verwerfungslinien in der nigerianischen Gesellschaft, die sich aus der Vielfalt religiöser und ethnischer Gruppierungen innerhalb der Staatsgrenzen ergeben. Es kommt dem Beobachter vor, als finde in dem Land ein Wettbewerb darum statt, wer mit seinen Mitteln die Menschenrechte am schlimmsten verletzen kann. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Nordosten Nigerias der Ort auf der Welt, an dem es am gefährlichsten ist, ein Christ zu sein. Die Region liegt im Schatten des Terrors von Boko Haram, einer Gruppe, die sich jede Mühe gibt, als tödlichste Terrororganisation der Welt bekannt zu werden.

Die Gruppe Boko Haram, die seit 2010 gegen die Regierung kämpft, stürzt Nigeria immer tiefer in die Krise. Der Name Boko Haram, der “Bildung ist verboten” bedeutet, steht für einen Kampf gegen alles, was die Gruppe als westlichen Einfluss in Nigeria ansieht – Demokratie, das Christentum, säkulare Elemente in der Gesellschaft und Bildung, insbesondere für Mädchen und Frauen. Dies zeigt sich auch in den Zielen ihrer Angriffe: Sie greifen Regierungseinrichtungen, Schulen und Kirchen an, die Symbole ihres Feindbilds. Aber immer häufiger werden auch Märkte und andere Orte, an denen sich Menschen versammeln, ihre Ziele der Angriffe, die allein darauf ausgerichtet sind, möglichst viele Menschen zu töten.

Heute sind, verursacht durch den Terror, über 2,5 Millionen Nigerianer Flüchtlinge in ihrem eigenen Land, mehr als 800.000 davon Kinder. Die Zahl derer, die ihr Leben verloren haben, dürfte schon längst über 20.000 liegen. Die Sachschäden und anderen wirtschaftlichen Folgeschäden des Terrors sind kaum zu beziffern – und das in einem Land, das auch ohne Boko Haram schon genügend Probleme hat.

Boko Haram wächst zudem über Nigeria hinaus und wird zunehmend zu einem westafrikanischen Phänomen. Zur Zeit sind über 2.000 Schulen im Tschad, in Niger und in Kamerun wegen Angriffen von Boko Haram geschlossen. Diese drei Nachbarstaaten bekämpfen die Terrororganisation teils gemeinsam, teils auf eigene Faust, und ihre gelegentlichen Erfolge in diesem Kampf gehören zu den wenigen Lichtblicken in dieser Situation.

Boko Haram hat seine Verachtung für Werte der Zivilgesellschaft gezeigt, und damit internationale Bekanntschaft erlangt, als sie im April 2014 in Chibok im Bundesstaat Borno fast 300 Schülerinnen entführten. Mit einem Streich haben sie zahlreiche Familien zerrissen, und die Opfer und ihre Eltern gleichermaßen traumatisiert. Inzwischen sind zwölf Eltern von entführten Mädchen verstorben, ohne jemals zu erfahren, was aus ihren Töchtern geworden ist. Es gibt keine Spur mehr von den Mädchen, seit Abubakar Schekau, der Anführer von Boko Haram, gedroht hat, sie in die Sex-Sklaverei zu verkaufen.

Die meisten der Mädchen sind bis heute verschwunden. Einige, so befürchtet man, sind in der Gefangenschaft gestorben. Und selbst, wenn man sie findet und befreit, werden die Überlebenden nicht mehr die sein, die sie einst waren – nicht nach dem Trauma von jahrelanger Gefangenschaft und Sklaverei. Viele werden sich in einer Gesellschaft wiederfinden, die sie als verunreinigt, als Ausschussware, ansieht, nach dem, was ihre Entführer ihnen angetan haben. Was auch passiert, Chibok wird in die Geschichte eingehen als Beispiel für die Unfähigkeit der Regierung. In Chibok hat Nigeria seine Kinder grausam im Stich gelassen.

Boko Haram mag durch die Erfolge der Sicherheitskräfte im Kampf gegen sie geschwächt sein, aber die Natur lehrt, dass ein Raubtier dann am Gefährlichsten ist, wenn es verletzt und in die Enge getrieben worden ist. Nigeria wurde durch die Terrorkampagne von Boko Haram verändert. Tatsache ist, dass es Nigerias Politiker und Eliten waren, die das Land überhaupt erst verwundbar für den Terror gemacht haben, und die mit ihrer Korruption und ihrem Diebstahl der Landesschätze die Bedingungen geschaffen haben, unter denen Boko Haram entstehen konnte.

Der Autor ist Referent für Sub-Sahara-Afrika der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt/Main

[Übersetzt aus dem Englischen von Christian Schwietzke]

_______

Quelle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s