Kardinal Kurt Koch: Nachfolge bedeutet auch Martyrium

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Saïda Keller-Messahli und Kardinal Kurt Koch | © 2016 Jacques Berset

Kurienkardinal Kurt Koch würdigt bei der Jahreswallfahrt von „Kirche in Not“ in Einsiedeln die Regensburger Rede Benedikts XVI.

Von Katrin Krips-Schmidt

Einsiedeln (DT) Am Sonntag [22. Mai 2016] hat in Einsiedeln in der Schweiz bei herrlichem Frühlingswetter mit nahezu sommerlichen Temperaturen die traditionelle Jahreswallfahrt des internationalen katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ stattgefunden. Den feierlichen Auftakt der Veranstaltung bildete das in der Klosterkirche des Benediktinerklosters gefeierte Pontifikalamt mit Kardinal Kurt Koch, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.

Am Nachmittag fand im Kongresszentrum „Zwei Raben“ unter der Moderation des Beauftragten für Medien und Kommunikation des Bistums Chur, Giuseppe Gracia, vor etwa 350 Zuhörern eine Podiumsdiskussion zum Thema „Unsere Pflichten gegenüber den Flüchtlingen“ statt. Daran nahmen Kardinal Koch, Saida Keller-Messahli, die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam aus Zürich sowie Roberto Simona aus Fribourg teil – Fachperson bei „Kirche in Not“ für christliche Minderheiten in muslimischen Ländern und für die Staaten der ehemaligen Sowjetunion sowie verantwortlich für die Lateinische Schweiz. Simona berät zudem die Schweizerische Bischofskonferenz zu Flüchtlingsfragen.

Kardinal Koch nahm in seiner Predigt das Kreuzzeichen als Segensgebärde sowie als Zeichen, mit dem wir uns als Christen zu erkennen geben – kurz, als das grundlegende Bekenntnis zum dreifaltigen Gott – zum Anlass, um am Dreifaltigkeitssonntag über diese „Identitätskarte“ des christlichen Glaubens zu reflektieren. Von dieser Hymne an die Dreifaltigkeit ausgehend schlug er einen Bogen zur Hingabe des liebenden Sohnes an seinen Vater und damit zur heutigen Bedrohungslage der Christen in aller Welt. Das Kreuz ist radikale Konsequenz der Liebe Gottes zu uns Menschen: „Als Christ, als Christin muss man realistischerweise davon ausgehen, dass die Nachfolge Jesu Christi immer auch das Martyrium einschließen kann.“ Am Ende des zweiten und zu Beginn des dritten Jahrtausends sei die Christenheit erneut zu einer Märtyrerkirche geworden. Das Martyrium der Christen habe heute schließlich ein solches Ausmaß angenommen, dass man „nicht um das Urteil herumkommt, dass es heute mehr christliche Märtyrer gibt als während der Christenverfolgungen der ersten Jahrhunderte.“ 80 Prozent der Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt werden, seien Christen. Diese würden nicht aufgrund einer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Denomination verfolgt, sondern schlicht wegen ihres Christseins, so dass man von einer „Ökumene der Märtyrer“ oder einer „Ökumene des Blutes“ sprechen könne: „Die Ökumene der Märtyrer macht uns bewusst, dass das Martyrium wesenhaft zu unserem Glauben an den dreieinen Gott gehört.“

Die sich am Nachmittag anschließende Podiumsdiskussion wurde mit einer Videobotschaft von Papst Franziskus eingeleitet. Darin beauftragte Franziskus „Kirche in Not“, im Sinne ihres Gründers, Pater Werenfried van Straaten, fortzufahren und „auf der ganzen Welt Werke der Barmherzigkeit zu tun“. Denn, so der Papst: „Die Barmherzigkeit ist die Zärtlichkeit Gottes“.

Eine souveräne Moderation sorgte anderthalb Sunden lang für einen lebendigen Austausch der Positionen. Als Stichwortgeber fungierten Zitate, die in den vergangenen Monaten zum Thema „Flüchtlinge“ in den Medien aufgetaucht waren, bereits für Kontroversen gesorgt hatten und nun in der Runde debattiert wurden. Einig war man sich über die „Pflicht, den leidenden Menschen, die kommen, zu helfen“ (Koch). Andererseits sollten wir uns über die Gründe und Ursachen, weshalb sie flüchten, klar werden. Der Schweizer Kurienkardinal verwies auf die Äußerungen seiner Brüder im Bischofsamt aus dem Mittleren Osten, die zwar dankbar für die Aufnahme von Flüchtlingen in Europa seien, die sich ihm gegenüber jedoch auch besorgt zeigten: „Ruft sie aber nicht, sonst haben wir in diesen ehemals christlichen Ländern nur noch Steine und keine lebenden Menschen mehr.“

Eine Aussage des Philosophen Robert Spaemann fand indes nicht ungeteilte Zustimmung auf dem Podium. Spaemann stellte im Dezember 2015 fest: „Es kann eine moralische Verpflichtung zur uneingeschränkten Hilfsbereitschaft geben, aber nicht zu einer tatsächlichen Hilfe, sofern diese nicht möglich ist (…) Wir sollten kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir unserer Hilfe Obergrenzen setzen oder wenn wir auswählen, wen wir aufnehmen und wen nicht.“ Damit stand das Wort „Obergrenze“ im Raum.

Während Kardinal Koch die einzelnen Nationalstaaten Europas als Zimmer in einem riesigen Boot bezeichnete und daher strikt auf eine gesamteuropäische Lösung der Flüchtlingsproblematik pochte und auf Nachfrage von Gracia doch die Notwendigkeit einer wie auch immer gearteten Obergrenze einräumte („es ist nicht von vornherein klar, wo sie ist und wer sie festlegt“), strebte Saida Keller Messahli gar eine globale Lösung an, die auch reiche muslimische Staaten wie Saudi-Arabien, die überhaupt keine Flüchtlinge aufgenommen haben, in die Pflicht nimmt.

Roberto Simona hingegen meinte, als Christen könnten wir keine Aufteilung der Menschen, die zu uns kommen, in „Gute“ und „Böse“ vornehmen. Damit widersprach er der von Robert Spaemann vorgetragenen Argumentation. Simona sprach sich auch gegen getrennte Unterkünfte von Christen und Muslimen aus, denn beide Gruppen von Flüchtlingen müssten lernen, miteinander umzugehen.

Das Thema „Gewalt im Islam“ wurde von der Muslima Keller-Messahli im Sinne eines, wie sie es nennt, „offenen und toleranten“ Islam erörtert. Die in Tunesien geborene und in der Schweiz seit ihrem neunten Lebensjahr in einer Pflegefamilie aufgewachsene Gymnasiallehrerin setzt sich für einen friedlichen und gemäßigten Islam ein. Für einen Islam, der sich mit den Menschenrechten und der Bundesverfassung ihres Landes, der Schweiz, vereinbaren lassen soll. Keller-Messahli zufolge hätten sich gewisse Gruppen die Texte des Korans, die ja Texte aus dem siebten Jahrhundert sind, zueigen gemacht, die sie nun den anderen Muslimen aufzwingen wollen. Mangels einer höchsten Instanz im Islam habe aber jeder seine eigene Lesart, um die Religion zu interpretieren, so dass somit auch kriminelle Handlungen und Gewalt legitimiert werden können. Ihr zufolge seien die Texte des Korans jedoch in einem kriegerischen Kontext entstanden und in unserer Zeit ganz anders, nämlich durchaus auch gewaltfrei auszulegen. Was der Moderator nachdenklich kommentierte: „Entschuldigung, aber die Reformierten haben auch keinen Papst und laufen nicht mit der Kalaschnikow herum.“

Das Verhältnis von Religion und Gewalt müsse ein Diskurs im Islam sein, meinte jedoch auch Kardinal Koch. Der frühere Bischof von Basel und ehemalige Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz ist Papst Benedikt XVI. „grenzenlos dankbar“ dafür, dass dieser 2006 jene Frage an der Universität Regensburg aufgeworfen habe: „Heute müssen wir sagen, er war prophetisch“, sagte Koch. Koch wies zudem auf die „Ursünde der Christen“ – laut Koran – hin: Damit meinte er das für den Islam ungeheuerliche Dogma der Christen, dass Gott einen Sohn hat. „Deswegen sind wir in den Augen vieler Muslime Erzhäretiker“, so das Fazit des Kardinals. Deshalb glaubt er, dass wir einen Dialog mit den Muslimen auch über diese Glaubensfragen führen müssen.

Ein Statement des Historikers Jörg Baberowski vom 13. Mai 2016 griff das aktuelle „Diktat der Tugendwächter“ auf. Baberowski wird in der Basler Zeitung zitiert: „Politik ist kein Gottesdienst. Sie ist das Bohren dicker Bretter, und deshalb muss sie sich am Machbaren orientieren und darf nicht das Wünschbare über alles stellen. Für die deutsche Gesellschaft hat die Moralisierung des Politischen verheerende Folgen. Sie ist das Ende allen Streits, denn niemand will gegen das moralisch Korrekte stehen. Das ist der Feind des Arguments und der Opposition.“ Keller-Messahli berichtete von einer Münchnerin, die ihr sagte, dass in Deutschland eine Angst herrsche, sich öffentlich zu Flüchtlingsfragen zu äußern. Sie denkt, es sei gefährlich, wenn man sich in einer demokratischen Gesellschaft nicht mehr äußern dürfe.

Dass die Diskussion um die Flüchtlinge in beiden Richtungen emotional so angeheizt ist, sieht Kardinal Koch jedoch auch positiv. Es sei ein Indiz dafür, dass die Menschen davon unmittelbar betroffen seien. Daran werde auch die Dimension des Christentums in Europa sichtbar: „Wir können nur in einen offenen Dialog und Diskurs mit dem Islam treten, wenn wir eine einigermaßen klare Identität als Christen haben.“„Das große Problem in Europa“ scheint ihm nicht „die Stärke des Islams, sondern die Schwäche des Christentums“ zu sein, denn, so Koch weiter, „die Präsenz des Islam macht uns natürlich etwas Neues bewusst: Das Grunddogma in Europa ist die privatisierte Religion. Religion ist eine Privatsache.“

In seinem Schlussplädoyer betonte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, das Allerwichtigste sei für ihn, alles dafür zu tun, dass die Menschen nicht flüchten müssen, und alles zu tun, dass sie wieder zurückgehen können. Neben der Verantwortung, die Menschen aufzunehmen, hätten wir zugleich die Verantwortung, „Vorsorge dafür zu treffen, dass die Menschen gar nicht erst flüchten müssen“.

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