PAPST PAUL VI.: ANSPRACHE IM GEHEIMEN KONSISTORIUM AM 24. MAI 1976

April 1976: Pope Paul VI, Giovanni Battista Montini, at his Easter Address on the balcony of St Peter's Basilica. (Photo by Keystone/Getty Images)

April 1976: Pope Paul VI, Giovanni Battista Montini, at his Easter Address on the balcony of St Peter’s Basilica. (Photo by Keystone/Getty Images)

DIE KARDINÄLE — VERTRETER AUS ALLEN ERDTEILEN

Verehrte Mitbrüder!

Seit dem Tage, als wir vor mehr als drei Jahren die Lücken in Ihrem Heiligen Kollegium entsprechend der Zahl der wahlberechtigten Kardinäle aufgefüllt hatten, hat dieses Kollegium durch den Tod einiger Mitbrüder schmerzliche Verluste erlitten; wir gedenken ihrer aller in inniger Trauer. Andererseits haben einige der Mitglieder dieses Kollegiums das Alter erreicht, in dem sie nicht mehr an der Papstwahl teilnehmen können. Deshalb haben wir Sie heute zur Kreierung neuer Kardinäle zusammen­gerufen und gleichzeitig zur Promulgierung neuer Bischofsernen­nungen; außerdem bitten wir Sie um Ihre Zustimmung zur Hei­ligsprechung dreier Seliger und schließlich um die Vorlage der Postulationen zur Verleihung der Pallien.

Das sind die traditionellen und bekannten Aspekte eines jeden Konsistoriums. Aber deswegen sind sie nicht weniger eindrucksvoll in ihrer kirchlichen Bedeutung und in ihrer geschichtlichen Trag­weite, und zwar so, daß die Feier dieses Ereignisses der römi­schen Kirche jedesmal von ganz besonderem Interesse ist. Das Konsistorium ist gewiß ein besonders wichtiger und feierlicher Augenblick. Durch Ihre Teilnahme und Ihre Gegenwart sehen wir, daß Sie dies verstanden haben. Und dafür danken wir Ihnen vor allem.

I. Um bei dem Anlaß zu bleiben, der heute die Aufmerksam­keit der katholischen Kirche, ja der ganzen Öffentlichkeit auf sich zieht — nämlich der Kreierung neuer Kardinäle —, betonen wir, daß wir damit nicht länger zögen wollten, Vorsorge zu treffen für die Vollzahl des Heiligen Kollegiums; dies um so mehr, als wir in der Apostolischen Konstitution Romani Pontifici eligendo die besonderen, hohen Aufgaben seiner Mitglieder hervorgeho­ben haben, die zur Wahl des Papstes berufen sind. Bei den Neuernenungen hielten wir uns an Kriterien, die uns sehr wesentlich sind: daß nämlich das Heilige Kollegium aus Mitgliedern aller Völker bestehe und so einen internationalen Charakter trage.

Es will und muß im Angesichte der Welt das getreue Bild der heiligen katholischen Kirche sein, die in der alleinigen Hürde Christi aus den vier Himmelsrichtungen versammelt ist (vgl. Joh 10, 10) und allen Völkern wie Kulturen offen steht, um deren echte Werte sich anzueignen und sie in den Dienst der guten Sache der Frohbotschaft zu stellen, die da ist die Ehre Gottes und die Erhebung des Menschen. Daher — außer der ge­schuldeten Anerkennung gegenüber den treuesten Dienern des Apostolischen Stuhles bei den Päpstlichen Vertretungen und in der Römischen Kurie — haben wir zuerst und vor allem an die residierenden Bischöfe gedacht, indem wir besonders den Blick auf die jungen Gemeinschaften einer hoffnungsvollen, leuchtenden Zukunft richteten und zugleich auf die Bischofssitze mit einer be­rühmten, jahrhundertealten, geschichtsträchtigen Vergangenheit, reich an Werken und Heiligkeit. Es ist wie ein Blick, der zugleich die ganze Welt umfaßt, wo die Kirche lebt, liebt, hofft, leidet und kämpft: keiner der Punkte, auch der entferntesten Erdteile, ist abwesend. Wenn der repräsentative Charakter der orientalischen Kirchen heute nicht so hervorzutreten scheint, so bedeutet dies nicht, daß unsere Wertschätzung und Achtung geringer ist ge­genüber diesen Ländern, die die Wiege der Kirche waren, heute noch mit eifersüchtiger Sorge deren kostbarste Schätze an Fröm­migkeit, Liturgie und Lehre hüten und in ihren Hirten, den von uns so geliebten Patriarchen, zusammen mit den Mitarbeitern der jeweiligen Heiligen Patriarchal-Synode, Ermutigung, Licht und Kraft der Zusammengehörigkeit finden. Ja, noch mehr, wir möch­ten diese Gelegenheit benützen, um ihnen unser herzliches Wohl­wollen zu bekunden mit der Versicherung unseres Gedenkens, un­serer Verehrung und unseres Gebetes.

II. Das Konsistorium, sagten wir, ist ein besonders bedeutsa­mer und feierlicher Augenblick für das Leben der Kirche in der Zeit. Wir können diese Gelegenheit, die uns mit Ihnen in Ver­bindung bringt, nicht vorübergehen lassen, ohne in Ihrer Gegen­wart Anliegen und Fragen zu behandeln, die uns sehr am Herzen liegen und die wir von großer Bedeutung erachten, ohne Sie teil­nehmen zu lassen an Empfindungen, die wir im Innern hegen.

Es sind einerseits Empfindungen der Dankbarkeit und Freude, an­dererseits aber auch der Besorgnis und des Schmerzes.

1) Die erste Empfindung geht aus dem natürlichen Optimis­mus hervor — der sich auf die unwandelbaren Verheißungen Christi gründet (vgl. Mt 28, 20; Joh 16, 33) und auf die Fest­stellung von immer neuen und tröstlichen Begebenheiten —, den wir ständig im Herzen hegen: es ist die Vitalität, die Jugend­kraft der Kirche, von der wir so viele Anzeichen haben. Wir hatten hierfür den Beweis im kürzlichen Heiligen Jahr, das immer noch seinen Einfluß auf unser Geistesleben ausstrahlt. Das Wesen des christlichen Leben, in diesem übernatürlichen Leben, das ein Geschenk Gottes ist. Wir haben den überaus großen Trost zu beobachten, wie es sich in so vielen Ländern entfaltet in der Zeugniskraft des Glaubens, in der Liturgie, in dem wiederent­deckten und tiefempfundenen Gebetsleben, in der Freude des klaren, geistigen Blickes und der Reinheit des Herzens.

Außerdem beobachten wir, daß sich immer mehr und mehr die Liebe unter den Menschen entfaltet, die untrennbar ist von der Liebe zu Gott, die den wachsenden Einsatz so vieler unserer Söhne anregt und ihre tiefe Solidarität mit den Armen, den Aus­gestoßenen, den Wehrlosen.

Wir beobachten, daß die Richtlinien, die das letzte Konzil vor­gezeichnet hat, das ständige Bemühen um die Gefolgschaft des Evangeliums Christi in einem echten, gelebten Christentum, in der Übung der theologischen Tugenden leiten und stützen.

In ergriffener Bewunderung beobachten wir, daß missionarische Initiativen aufblühen, und vor allem haben wir untrügliche An­zeichen dafür, daß es auch in einem mehr delikaten und wichtigen Bereich, wie es jener der Priester- und Ordensberufe ist, nach einem Stillstand ohne Zweifel in verschiedenen Ländern ein Wie­deraufleben gibt.

Wir beobachten, daß in allen Erdteilen viele junge Menschen hochherzig und konkret dem Anruf des Evangeliums entsprechen und die Kraft absoluter Folgerichtigkeit aufbringen gegenüber der Pflicht, dieses in die Praxis umzusetzen.

Gewiß, verehrte Mitbrüder, der Heilige Geist ist wahrhaft in allen Bereichen am Werk, auch in jenen, die nicht mehr vital zu sein schienen.

2) Aber es gibt auch Motive zur Bitterkeit, die wir sicher nicht verbergen oder verharmlosen wollen. Sie erwachsen durch die Betonung einer in ihren Auswüchsen oft unnachgiebigen Polarität, die in verschiedenen Bereichen eine oberflächliche Unreife auf­zeigt oder auch einen hartnäckigen Starrsinn, im Grunde eine be­klagenswerte Taubheit gegenüber dem Aufruf zu einer die Span­nungen überwindenden Ausgeglichenheit, der vor mehr als zehn Jahren von den großen Weisungen des Konzils ausgegangen ist.

a) Es gibt einerseits solche, die unter dem Vorwand einer grö­ßeren Treue zur Kirche und zum Lehramt systematisch die Lehren selbst des Konzils ablehnen, seine Durchführung und die Refor­men, die sich aus ihm ergeben, seine stufenweise Durchführung mit Hilfe des Apostolischen Stuhles und der Bischofskonferenzen unter unserer von Christus gewollten Autorität. Man bringt die Autorität der Kirche in Mißkredit im Namen einer Überlieferung, der man nur materiell und mit Worten Achtung entgegenbringt. Man entfernt die Gläubigen von den Bindungen des Gehorsams gegenüber dem Stuhle Petri wie auch gegenüber ihren rechtmä­ßigen Bischöfen. Man lehnt die Autorität von heute im Namen jener von gestern ab. Und diese Tatsache ist um so schwerwie­gender, als die Opposition, von der wir sprechen, nicht nur von einigen Priestern gestützt wird, sondern von einem Bischof geleitet ist, Msgr. Marcel Lefebvre, dem nach wie vor immer unsere Ver­ehrung gilt.

Es ist so sehr schmerzlich, dies zu bemerken. Wie muß man aber nicht in einer solchen Haltung — was auch immer die Ab­sicht dieser Personen sein möge — die Tatsache sehen, daß man sich außerhalb des Gehorsams und der Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri und folglich der Kirche stellt?

Da dies leider die logische Folge ist, wenn man nämlich sich darauf stützt, es sei vorzuziehen ungehorsam zu sein, unter dem Vorwand, den eigenen Glauben unversehrt zu bewahren, für die Bewahrung der katholischen Kirche auf eigene Weise zu arbeiten, ihr aber gleichzeitig den effektiven Gehorsam verweigert. Und man spricht dies offen aus! Man wagt zu behaupten, daß das Zweite Vatikanische Konzil nicht bindend sei; daß der Glaube ebenfalls in Gefahr sei durch die nachkonziliären Reformen und Richtlinien; daß man die Pflicht habe, ungehorsam zu sein, um gewisse Traditionen zu erhalten. Welche Traditionen? Steht es dieser Gruppe und nicht dem Papst, nicht dem Kollegium der Bischöfe, nicht dem Ökumenischen Konzil zu, festzusetzen, welche unter den unzähligen Traditionen als Glaubensnorm betrachtet werden müssen? Wie Sie sehen, verehrte Mitbrüder, eine solche Haltung wirft sich zum Richter über den Willen Gottes auf, der Petrus und seine rechtmäßigen Nachfolger zum Oberhaupt der Kirche bestellt hat, um die Brüder im Glauben zu weiden (vgl. Lk 22, 32, Joh 21, 15 ff), und ihn zum Garanten und Hüter des Glaubensgutes bestimmt hat.

Das ist vor allem dann um so schwerwiegender, wenn man die Spaltung gerade dort hineinträgt, wo die Liebe Christi uns zur Einheit versammelt, in der Liturgie und beim eucharistischen Opfer, indem man den im liturgischen Bereich festgesetzten Nor­men die gebührende Beobachtung verweigert. Im Namen der Tradition bitten wir alle unsere Söhne und Töchter und alle ka­tholischen Gemeinschaften, die erneuerte Liturgie mit Würde und Eifer zu feiern. Der Gebrauch des neuen Ordo Missae ist na­türlich nicht dem Gutdünken der Priester oder der Laien anheim­gestellt. Die Instruktion vom 14. Juni 1971 hat die Meßfeier in der alten Form mit Erlaubnis des Ordinarius nur für alte oder kranke Priester vorgesehen, die das Meßopfer ohne Volk darbrin­gen. Der neue Ordo ist nach reifer Überlegung und gemäß den Wünschen des Zweiten Vatikanischen Konzils erlassen worden, damit er den alten ersetze. Ähnlich hatte unser heiliger Vorgänger Pius V. das Missale, das infolge des Trienter Konzils unter sei­ner Autorität reformiert worden war, als verpflichtend vorge­schrieben.

Dieselbe Aufnahmebereitschaft verlangen wir mit derselben höch­sten Autorität, die wir von Jesus Christus erhalten haben, auch für alle übrigen liturgischen, disziplinären und pastoralen Re­formen, die in diesen Jahren in Verwirklichung der Konzilsde­krete herangereift sind. Jede Initiative, die sie zu verhindern trach­tet, kann sich nicht den Anspruch anmaßen, damit der Kirche einen Dienst zu erweisen. In Wirklichkeit fügt sie ihr einen gro­ßen Schaden zu.

Mehrere Male haben wir direkt durch unseren Mitarbeiter und andere bekannte Persönlichkeiten Msgr. Lefebvre auf den Ernst seiner Verhaltensweisen, auf die Regelwidrigkeit seiner wichtigsten derzeitigen initiativen, auf die Unhaltbarkeit und teilweise Falschheit der Lehren, auf denen er aufbaut, und auf den Schaden, der dadurch in der Kirche entsteht, aufmerksam gemacht.

Mit tiefer Bitterkeit, jedoch mit väterlicher Hoffnung wenden wir uns nun erneut an diesen unseren Mitbruder, an seine Mitarbeiter und an jene, die sich von ihnen haben mitreißen lassen. Gewiß, wir glauben, daß viele von diesen Gläubigen, wenigstens am Anfang, guten Glaubens gewesen sind. Wir verstehen auch ihre gefühlsmäßige Anhänglichkeit an gewohnte Formen des Kul­tes oder der Disziplin, die sie für lange Zeit in ihrem geistlichen Leben gestützt haben und in denen sie geistliche Nahrung gefunden haben. Wir haben jedoch die Zuversicht, daß sie mit Gleichmut und ohne vorgefaßte Parteinahme sich zu besinnen vermögen und zugestehen wollen, daß sie die Stütze und Nahrung, die sie suchen, heute in den erneuerten Formen finden, die das Zweite Vatika­nische Konzil und wir selbst als notwendig für das Wohl der Kirche, für ihre Entfaltung in der heutigen Welt und für die Einheit festgesetzt haben. Wir ermahnen deshalb abermals alle diese unsere Brüder, Söhne und Töchter, wir flehen sie an, sich der großen Wunden bewußt zu werden, die sie anderenfalls der Kirche erneut zufügen. Wir fordern sie auf, an die ernsten Mah­nungen Christi über die Einheit der Kirche (vgl. Joh 17, 21 f) und über den Gehorsam zu denken, der dem rechtmäßigen und von ihm der ganzen Herde vorangestellten Hirten geschuldet wird als Zeichen für den dem Vater und dem Sohn geschuldeten Ge­horsam (vgl. Lk 10, 16). Wir warten auf sie mit offenem Herzen und mit Armen, die bereit sind, sie brüderlich zu empfangen. Mögen sie in Demut und Erbauung zur Freude des Gottesvolkes den Weg der Einheit und der Liebe wiederfinden!

b) Auf der entgegengesetzten Seite, was ihre ideologische Po­sition betrifft, jedoch gleichermaßen Ursache tiefen Schmerzes ist, befinden sich jene, die im irrigen Glauben, die Linie des Kon­zils fortzusetzen, eine Haltung vorgefaßter und mitunter unbeug­samer Kritik an der Kirche und ihren Einrichtungen eingenommen haben.

Wir müssen deshalb mit der gleichen Bestimmtheit sagen, daß wir auch die Einstellung derer nicht annehmen können:

— die sich für autorisiert halten, sich ihre eigene Liturgie zu schaffen, wobei sie mitunter das Meßopfer oder die Sakra­mente auf die Feier ihres eigenen Lebens oder Kämpfens oder aber auf das Symbol der Brüderlichkeit einschränken oder sogar mißbräuchlich die Interkommunion praktizieren;

— die in der Katechese die Unterweisung in der Lehre herab­mindern oder sie nach ihrem Geschmack entstellen, entsprechend den Interessen, dem Druck oder den Forderungen der Menschen — Tendenzen, die die christliche Botschaft tiefgreifend verfäl­schen, wie wir schon in dem Apostolischen Mahnschreiben Quin­que iam anni vom 8. Dezember 1970, fünf Jahre nach Abschluß des Konzils, aufgezeigt haben (vgl. AAS 63/1971, S. 99);

— die so tun, als ob sie die lebendige Tradition der Kirche von den Vätern bis zu den Verlautbarungen des Lehramts nicht kenn­ten, und die Lehre der Kirche, ja selbsts das Evangelium, die geistlichen Realitäten, die Gottheit Christi, seine Auferstehung oder die Eucharistie neu interpretieren, sie so praktisch ihres Inhalts entleeren, eine neue Gnosis schaffen und in gewisser Weise in die Kirche die „freie Prüfung“ (liberum examen) einführen; dies ist um so gefährlicher, wenn es sich dabei um Personen han­delt, die die überaus hohe und schwierige Aufgabe haben, ka­tholische Theologie zu lehren;

— die die spezifische Funktion des Priesteramtes verkürzen;

— die die Gesetze der Kirche oder die von ihr aufgezeigten ethischen Forderungen schmerzlich übertreten;

— die das Leben aus dem Glauben so verstehen, als handle es sich darum, die irdische Gesellschaft zu ordnen, es auf poli­tische Aktionen reduzieren und zu diesem Zweck Wege ein­schlagen, die dem Evangelium widersprechen; man geht dabei so weit, daß man die jenseitige Botschaft Christi, seine Verkündigung des Reiches Gottes, sein Gesetz der Liebe unter den Men­schen, die in der unaussprechlichen Vaterschaft Gottes gründet, mit Ideologien vermischt, die eine solche Botschaft von ihrem Wesen her verneinen durch eine völlig entgegengesetzte Lehre; man propagiert einen widernatürlichen Bund zwischen zwei Wel­ten, die selbst nach Meinung der Theoretiker der anderen Seite miteinander unvereinbar sind.

Es ist wahr, daß solche Christen nicht sehr zahlreich sind, aber sie machen viel Lärm, wobei sie allzu leicht glauben, die Nöte des ganzen christlichen Volkes oder den irreversiblen Sinn der Geschichte zu interpretieren. Sie können sich in ihrem Tun weder auf das Zweite Vatikanische Konzil berufen, weil seine Interpretation und seine Verwirklichung für Mißbräuche solcher Art nichts hergeben, noch auf die Erfordernisse des Apostolates, um die Fernstehenden oder die Ungläubigen zu erreichen: das wahre Apostolat geht von der Kirche aus, um für die Lehre und das Leben der Kirche selbst Zeugnis abzulegen. Der Sauerteig muß den ganzen Teig durchdringen, er muß aber der Sauerteig des Evangeliums bleiben. Andernfalls verdirbt auch er mit der Welt.

Verehrte Mitbrüder! Es war uns ein Anliegen, Ihnen diese Überlegungen anzuvertrauen, eingedenk der jetzigen Stunde der Kirche. Sie ist und wird immer das unter den Nationen aufgerich­tete Banner sein (vgl. Jes 5, 26; 11, 12), weil sie die Sendung hat, der Welt, die auf sie blickt, mitunter sie auch herausfordert, die Wahrheit jenes Glaubens zu verkünden, der ihr Geschick er­hellt, die Hoffnung, die allein nicht enttäuscht (Röm 5, 5), die Liebe, die vom Egoismus befreit, der unter verschiedenen For­men in sie einzudringen und sie zu ersticken sucht. Es ist gewiß nicht der Augenblick der Abkehr, der Fahnenflucht, des Nachgebens; noch weniger der der Furcht. Die Christen sind einfach dazu aufgerufen, sie selbst zu sein: und sie werden es in dem Maße sein, wie sie der Kirche und dem Konzil treu sein werden.

Niemand, so denken wir, wird über die Gesamtheit der Hin­weise und Ermutigungen Zweifel hegen, die wir während dieser Jahre unseres Pontifikates den Hirten und dem Volke Gottes, ja der ganzen Welt gegeben haben. Wir sind denen dankbar, die aus diesen Lehren, die stets mit einer von lebendiger Hoffnung getragenen Absicht und mit einem zuversichtlichen Optimismus wie auch konkretem Realismus gegeben worden sind, ein Pro­gramm gemacht haben. Wenn wir heute mehr auf einige negative Aspekte hingewiesen haben, so geschah das deshalb, weil dieser einzigartige Anlaß und Ihr wohlwollendes Vertrauen es uns für angemessen erscheinen ließen. In der Tat besteht das Wesen des prophetischen Charismas, für das uns der Herr den Beistand seines Geistes verheißen hat, darin, zu wachen, auf die Gefahren hin­zuweisen und die Zeichen der Morgendämmerung am dunklen Ho­rizont der Nacht zu erforschen. Wächter, wie weit ist die Nacht? Wächter, wie weit ist die Nacht? legt uns der Prophet in den Mund (Jes 21, 11). Bis der heitere Morgen der Welt die Freude wiedergibt, wollen wir fortfahren, unsere Stimme für jene Sendung zu erheben, die uns anvertraut worden ist. Sie, unsere Freunde und engsten Mitarbeiter, können vor allem und besser als jeder andere sie an so viele unserer Brüder, Söhne und Töchter wei­tervermitteln. Und während wir uns nun anschicken, den Herrn zu feiern, wie er mit den Zeichen des Leidens und der glorreichen Auferstehung zur Rechten des Vaters aufsteigt, wir da wir die Himmel offen sehen (Apg 7, 56), voller Hoffnung, Freude und Mut ausharren. In nomine Domini! In diesem heiligen Namen segnen wir Sie alle.

Es ist uns eine Freude, nunmehr im folgenden die verehrten Bischöfe aufzuzählen, die wir aufgrund ihrer Verdienste für wür­dig erachtet haben, in diesem Konsistorium dem Kardinalskol­legium anzugehören.

Es sind dies:

Octavio Antonio Beras Rojas, Erzbischof von Santo Domingo;

Opilio Rossi, Titularerzbischof von Ancira und Apostolischer Nuntius in Österreich;

Giuseppe Maria Sensi, Titularerzbischof von Sardi und Apostolischer Nuntius in Portugal;

Juan Carlos Aramburu, Erzbischof von Buones Aires;

Corrado Bafile, Titularerzbischof von Antiochia di Pisidia und Pro-Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen;

Hyacinthe Thiandoum, Erzbischof von Dakar;

Emmanuel Nsubuga, Erzbischof von Kampala;

Joseph Schröffer, Titularerzbischof von Volturno und Sekretär der Kongregation für das katholische Bildungswesen;

Lawrence Trevor Picachy, Erzbischof von Kalkutta;

Jaime L. Sin, Erzbischof von Manila;

William ‚Wakefield Baum, Erzbischof von Washington;

Aloisio Lorscheider, Erzbischof von Fortaleza;

Reginald John Delargey, Erzbischof von Wellington;

Eduardo Pironio, Titularerzbischof von Tiges und Pro-Präfekt der Kongregation für die Ordensleute und Säkularinstitute;

Laszlo Lekai, Erzbischof von Esztergom;

Basil Hume, Erzbischof von Westminster;

Victor Razafimahatratra, Erzbischof von Tananarive;

Boleslaw Filipiak, Titularerzbischof von Plestia;

Dominic Ekandem, Bischof von Ikot Ekpene.

In Bezug auf die beiden Kardinäle, die wir uns „in pectore“ vorbehalten haben, geben wir nun öffentlich den Namen eines von ihnen bekannt: es handelt sich um Monsignor Joseph Maria Trin-nhu-Khué, Erzbischof von Hanoi, der erst gestern in Rom eingetroffen ist. Wir behalten uns den zweiten Namen noch vor und werden ihn zu gegebener Zeit bekanntgeben.

Durch die Kraft Gottes, des Allmächtigen, der heiligen Apostel Petrus und Paulus kreieren und ernennen wir feierlich zu Kar­dinälen der Heiligen Römischen Kirche die voraufgenannten Bi­schöfe.

Davon sind Kardinaldiakone: Opilio Rossi, Giuseppe Maria Sensi, Corrado Bafile, Joseph Schröffer, Eduardo Pironio, Bo­leslaw Filipiak.

Die anderen gehören zur Gruppe der Kardinalspriester.

Zugleich werden alle etwa entgegengesetzten Rechtsvorschriften aufgehoben. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hei­ligen Geistes. Amen.

_______

Quelle: PAPST PAUL VI. WORT UND WEISUNG IM JAHR 1976

Ein Kommentar zu “PAPST PAUL VI.: ANSPRACHE IM GEHEIMEN KONSISTORIUM AM 24. MAI 1976

  1. Pingback: Ulrich Nersinger: DER PRÜFSTEIN DES KONZILS | POSchenker

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.