Das Heilige Jahr in Israel, Irak und Syrien

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Heilige Pforte in einem Elendsviertel von Manila

Weltweit haben sich an diesem Sonntag Türen geöffnet: Zum ersten Mal ist ein Heiliges Jahr dezentral; in nahezu allen Bistümern der Welt wartet jetzt eine Heilige Pforte auf Pilger. In gewisser Hinsicht ist das Heilige Jahr damit auch an seinen Ursprung zurückgekehrt, nämlich ins Heilige Land, wo schon zu prophetischer Zeit ein sogenanntes „Jobeljahr“ (das deutsche Wort „Jubel“ kommt davon) begangen wurde. Am Sonntag hat der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal, Jerusalems Heilige Pforte geöffnet, und zwar an der Todesangst-Christi-Basilika im Garten von Getsemani.

„In allen Pfarreien, in allen Ordenshäusern hat man sich darauf vorbereitet – überall, wo die Kirche präsent ist“, berichtet der Kustos des Heiligen Landes, Franziskanerpater Pierbattista Pizzaballa. „Wir haben vor allem gebetet und unsere Häuser für Flüchtlinge geöffnet – natürlich nicht für Syrien-Flüchtlinge, denn das ist wegen der politischen Lage nicht möglich… Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist fundamental für das Heilige Land. Seit Generationen erlebt es einen Konflikt, der unendlich scheint und der zwar im wesentlichen politisch, aber eben auch religiös grundiert ist: Eine religiöse Gemeinschaft wirft da der anderen Fehler und Ungerechtigkeiten vor. Ohne Vergebung und Barmherzigkeit wird man hier noch nicht mal von Gerechtigkeit sprechen können, die doch so dringend nötig ist. Dieses Heilige Jahr ist vor allem eine Gelegenheit, uns selbst zu helfen und den Menschen in unserer Umgebung – damit wir einen anderen, freieren Blick bekommen, einen barmherzigen Blick auf den anderen.“

Pater Pizzaballa insistiert: Doch, es sind vor allem wir Christen in Israel und Palästina, die barmherziger werden müssen. „Barmherzigkeit scheint im Moment im Judentum wie im Islam vergessen zu sein – aber ganz besonders im Christentum! Als kleine christliche Gemeinschaft wollen wir uns neu erinnern an die Barmherzigkeit, die Gott uns erwiesen hat, damit wir eine Kraft der Versöhnung in scheinbar unumkehrbaren Situationen sein können. Barmherzigkeit ist das einzige positive Wort, das wir in diesem verfahrenen Kontext aussprechen können!“

„Barmherzigkeit zu leben, ist hier sehr schwierig“

Szenenwechsel: Ankawa in Irakisch-Kurdistan, Bistum Erbil. Hier leben die Christen, die vor dem „Islamischen Staat“ aus der Ninive-Ebene fliehen mussten. Am Sonntagmorgen hat sich hier in der Josephs-Kathedrale die Heilige Pforte geöffnet. Der syrisch-katholische Priester Benham Benoka aus Mossul (selbst Flüchtling) sagt im Interview mit Radio Vatikan, Barmherzigkeit sei „eine Pflicht“ der Christen. „Das ist für uns nicht leicht. Es ist sogar sehr schwierig, denn wir finden uns als Verfolgte wieder in einer Gesellschaft, die wir vor mehr als tausend Jahren selbst mit aufgebaut haben. Heute sind wir Vertriebene und Verfolgte. Die Barmherzigkeit zu leben, ist hier etwas Schwieriges, wenn auch nicht Unmögliches für einen Christen. Die Hand auszustrecken auch zu denen, die uns verfolgen…“

Die Christen im Irak tragen heute „die Wunden Christi am eigenen Leib“, formuliert Pater Benoka in typisch nahöstlicher Drastik. „Die ganze Gesellschaft“ habe die Christen „verraten“, und sie trügen jetzt wie einst Jesus das Kreuz. „Vielleicht klingen solche Worte nicht akzeptabel für eine sehr vernünftige Gesellschaft, aber das trifft die Wirklichkeit von Christen, die tägliche Verfolgung erleben und die zuhause, also im Zelt oder im Container, das Kreuz Christi an die Wand gehängt haben. Womöglich liegt hier unsere einzige Hoffnung, aus der wir überhaupt die Kraft zum Weitermachen beziehen. Vergebung kann allerdings nicht bedeuten, dass man das Voranschreiten des Bösen akzeptiert! Das ist gegen den Plan Gottes, Frieden und Liebe in die Welt zu bringen.“

Natürlich seien die Christen des Irak zum Frieden mit ihren Mitmenschen bereit, versichert der Geistliche. Andererseits müsse es auch Gerechtigkeit geben, damit das Böse – gemeint ist vor allem die Terrorgruppe des „Islamischen Staats“ – gestoppt werde.

„Der Hass behält nicht das letzte Wort“

Das sehen die Christen in Aleppo – weiterer Szenenwechsel – ähnlich. In der belagerten syrischen Stadt wurde die Heilige Pforte schon am Samstagnachmittag geöffnet, und zwar in der Franziskuskirche, der Kirche also, die Ende Oktober einen Granatenangriff erlebt hat. Nur mit viel Glück ist es damals während der Messfeier nicht zu einem Blutbad gekommen. Dass gerade diese „lateinische“ Pfarrei jetzt eine Porta Sancta hat, nennt ihr Pfarrer, der Franziskaner Ibrahim Alsabagh, „ein großes Zeichen der Hoffnung“. „Das bedeutet auch, dass der Hass nicht das letzte Wort behält. Der Tod durch diese Bomben und durch alles, was im Moment in Syrien geschieht, siegt nicht über das Leben, das barmherzige Eingreifen Gottes ist stärker. Ein großes Zeichen der Hoffnung und Liebe also, nicht nur für die Christen, sondern für alle Einwohner!“

Abgesehen von der Heiligen Pforte nämlich gibt es aus Aleppo eigentlich nichts Positives zu vermelden. „Bei uns herrscht Angst, wir hören ständig von den vielen Bomben, die über verschiedenen Teilen der Stadt niedergehen – Stadtteilen, die von der regulären Armee gehalten werden. Diese Bomben richten immer neue Schäden an, zerstören Häuser, töten Menschen. Darum herrscht bei uns immer Angst, Spannung, Bitterkeit.“

(rv 14.12.2015 sk)

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