KIRCHE IN NOT: BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN ROM UND MOSKAU (2)

Nicht Kür, sondern Pflicht

Kurt Kardinal Koch, der seit 2010 Präsident des Päpstlichen Einheitsrates ist, betont, das ökumenische Engagement sei für die katholische Kirche „nicht Kür, sondern Pflicht“. Die Ökumene sei „kein bloßer Zusatz oder ein Anhängsel im Leben der Kirche, sondern gehört elementar zum Wesen der Kirche“. Es handele sich dabei um eine „Pflicht, der sich jeder Gläubige, aber auch die Kirchenspitze verpflichtet fühlen muss“.

Ikonen, die die Umarmung der beiden Brüder Petrus und Andreas darstellen, sind ein Symbol der innigen Verbindung zwischen östlicher und westlicher Christenheit. Petrus ist der Apostel der westlichen Kirche, während Andreas der Apostel der östlichen Kir­chen ist. Im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre ist die Sehnsucht gewachsen, die Umarmung der beiden Brüder Petrus und Andreas auch in der unmittelbaren Wirklich­keit des Miteinanders der Kirchen wiederzubeleben. Dass es dazu kommen konnte, dass der Papst eine Ansprache an das russische Volk und damit auch an das Ober­haupt, die Hirten und die Gläubigen der Russischen Orthodoxen Kirche halten konnte,

andreas-petrus-ikonenkarteDie Umarmung der Apostel Petrus und Andreas ist ein Sinnbild für die brüderliche Liebe zwischen östlicher und westlicher Kirche.

Mit dieser Broschüre in russischer Sprache erklärt KIRCHE IN NOT den orthodoxen Partnern in Russland, was das Hilfswerk tut und warum Katholiken Orthodoxen helfen möchten.

 

 

ist einer der Höhepunkte des „Dialogs der Liebe“ zwischen der Römischen Katholi­schen Kirche und der Orthodoxie, der sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ent­wickelt hat.

Papst Johannes Paul II. prägte das schöne Wort: „Wir brauchen zwei Lungen, die west­liche und die östliche, mit denen die Christenheit atmet.“ In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist diese Beziehung nach tausendjähriger Trennung inniger geworden, und inzwischen sind Bilder orthodoxer Würdenträger, die im Vatikan ein- und ausgehen, und katholischer Würdenträger, die ihre orthodoxen Mitbrüder im Bi­schofsamt besuchen, nahezu normal geworden.

Diese positive Entwicklung hatte damit begonnen, dass die Römische Katholische Kir­che die orthodoxen Kirchen während des Zweiten Vatikanischen Konzils als „Schwes­terkirchen“ definierte. Bereits zuvor gab es einige positive Schritte. So kondolierte Patriarch Athenagoras von Konstantinopel, als Ökumenischer Patriarch zugleich Ober­haupt der gesamten orthodoxen Christenheit, 1958 der Römischen Katholischen Kirche zum Tod von Papst Pius XII. und gratulierte zur Wahl Johannes XXIII. Am Zweiten Vati­kanischen Konzil nahmen Vertreter der orthodoxen Kirchen teil, darunter auch eine De­legation der Russischen Orthodoxen Kirche.

Seit dem Konzil sind viele positive Schritte geschehen. Einer der Höhepunkte war die Begegnung von Papst Paul VI. mit Patriarch Athenagoras im Januar 1964 in Jerusalem. Eine Frucht der Begegnung zwischen dem Papst und dem ranghöchsten Vertreter der Orthodoxie war die feierliche Aufhebung des gegenseitigen Anathemas, des Kirchen­banns zwischen der östlichen und der westlichen Kirche. Dieser 1054 ausgesprochene Bann wurde am vorletzten Tag des Konzils, dem 7. Dezember 1965, sowohl im Vatikan als auch im Phanar, dem Amtssitz des Patriarchen von Konstantinopel, zeitgleich auf­gehoben und sollte, wie es in der Erklärung hieß, „dem Vergessen anheimgestellt wer­den“. Am 25. Juli 1967 stattete Papst Paul VI. Patriarch Athenagoras im Phanar in Istanbul einen Besuch ab und empfing den Patriarchen im Oktober desselben Jahres feierlich in Rom.

Das zehnjährige Gedenken der Aufhebung des Anathemas wurde 1975 zeitgleich von Papst Paul VI. in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan und von Patriarch Dimitrios, dem Nachfolger des 1972 verstorbenen Patriarchen Athenagoras, in der St. Georgskirche im Phanar mit einem feierlichen Gottesdienst begangen. An der Feier in Rom nahm als Vertreter aus Konstantinopel Metropolit Meliton teil. Ein symbolischer und überra­schender Höhepunkt war der spontane Kniefall des Papstes vor dem Metropoliten, dem er die Füße küsste, als dieser die Einsetzung einer gesamtorthodoxen Kommission verkündete, die den theologischen Dialog zwischen der Orthodoxie und der Römischen Katholischen Kirche vorbereiten sollte. Auch die katholische Kirche kündigte an, eine Kommission für diesen Dialog einzurichten. Papst Paul VI. sagte in seiner Ansprache, die katholische und die orthodoxe Kirche seien „durch so eine tiefe Gemeinschaft vereint, dass nur wenig fehlt, um die Fülle zu erreichen, die eine gemeinsame Feier der Eucharistie des Herrn erlaubt“.

1973 empfing Papst Paul VI. den koptischen Papst Shenuda III. kurz nach dessen Amts­antritt und unterzeichnete gemeinsam mit ihm eine christologische Erklärung, die den gemeinsamen Glauben beider Kirchen betonte. Papst Johannes Paul II. stattete einer­seits Papst Shenuda am 24. Februar 2000 während seiner Apostolischen Reise auf den in Ägypten gelegenen Berg Sinai einen Besuch ab. Am 10. Mai 2013 besuchte der Nach­folger Shenudas, Papst Tawadros II., Papst Franziskus in Rom.

Am 3o. November 1979, dem Fest des Apostels Andreas, besuchte Papst Johannes Paul II. Patriarch Dimitrios, den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, in seinem Amtssitz in Istanbul. Auf den Tag genau 27 Jahre später stattete auch Benedikt XVI. während seiner dreitägigen Reise in die Türkei Patriarch Bartholomäus einen Besuch ab. Der Papst war auch während der Göttlichen Liturgie anwesend, die anlässlich des Festes des heiligen Apostels Andreas an diesem Tag in der Patriarchalkirche St. Georg im Phanar gefeiert wurde. In der gemeinsamen Erklärung dankten die beiden Kirchen­oberhäupter Gott für diese „brüderliche Begegnung“ und erklärten: „Der Heilige Geist wird uns helfen, den großen Tag der Wiederherstellung der vollen Einheit vorzubereiten, wann und wie Gott will. Dann werden wir uns wahrhaft freuen und frohlocken können.“ Fotos, auf denen Papst Benedikt XVI. und der Ökumenische Patriarch gemeinsam auf der Loggia standen und sich an den Händen hielten, gingen um die ganze Welt.

Patriarch Bartholomäus nahm auch an der Inthronisierungsfeier von Papst Franziskus am 19. März 2013 teil. Es war das erste Mal seit der Kirchenspaltung von 1054, dass ein orthodoxer Patriarch an der Inthronisierungsfeier eines römischen Papstes teil­nahm. Auch zahlreiche andere Vertreter der verschiedenen orthodoxen Kirchen waren anwesend. Nach dem Vaterunser tauschte Papst Franziskus mit Patriarch Bartholomäus sowie mit dem Armenischen Katholikos Karekin II. den Friedenskuss aus.

Am Tag darauf traf sich der Papst mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften. Bei dieser Begegnung sprach er als Nachfolger des Apostels Petrus den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der als „Erster unter Gleichen“ den Ehrenvorsitz unter den Oberhäuptern der orthodoxen Kirchen innehat, bewusst als „meinen Bruder An­dreas“ an. Metropolit Hilarion, der die russisch-orthodoxe Delegation leitete, über­reichte dem Papst als Geschenk des Moskauer Patriarchen eine Ikone der Muttergottes.

Mit mehr als 100 Millionen Mitgliedern ist die Russische Orthodoxe Kirche die größte und einflussreichste unter den orthodoxen Kirchen. Das Moskauer Patriarchat hatte bereits zu den Trauerfeierlichkeiten für Papst Johannes Paul II. am 8. April 2005 seinen „Außenminister“, Metropolit Kyrill, geschickt, der nur vier Jahre später Patriarch von Moskau und ganz Russland werden sollte. Er nahm am 24. April des gleichen Jahres ebenfalls an der Inthronisierungsfeier Papst Benedikts XVI. teil. Unter diesem Pontifikat wurde der Kontakt zwischen dem Vatikan und dem Moskauer Patriarchat immer inten­siver. Zahlreiche russische orthodoxe Bischöfe besuchten Papst Benedikt, und hoch­rangige Kardinäle reisten nach Russland. Im Sommer 2006 erschien in Russland zudem eine von KIRCHE IN NOT unterstützte Übersetzung der „Einführung in das Christentum“ von Joseph Ratzinger, um dem russischen Publikum einen unmittelbaren Zugang zur Theologie Ratzingers zu ermöglichen. Die russische Übersetzung wurde mit großem Interesse aufgenommen.

Die Zusammenarbeit zwischen beiden Kirchen wurde immer enger. 2007 erschien das von Kardinal Bertone, der als Kardinalstaatssekretär der zweite Mann im Vatikan nach dem Papst war, verfasste Buch „Die Ethik des Gemeinwohls in der kirchlichen Sozial­lehre“. Das Vorwort dazu hatte Metropolit Kyrill verfasst. Im folgenden Jahr gab der Va­tikanverlag ein Buch über soziale Themen von Metropolit Kyrill mit einem Vorwort von Kardinal Bertone heraus. Im Oktober 2007 reiste Patriarch Aleksij II. auf eine Einladung der Französischen Bischofskonferenz nach Paris und betete dort in der katholischen Kathedrale Notre Dame vor der Dornenkrone Christi.

2008 fand ein handschriftlicher Brief von Papst Benedikt XVI. an Patriarch Aleksij II. große — auch mediale — Aufmerksamkeit. Das Schreiben überbrachte Crescenzio Kar­dinal Sepe, der Erzbischof von Neapel, als er auf eine Einladung des Patriarchen vom 3o. September bis 3. Oktober 2008 Moskau besuchte. Der Patriarch zeigte sich von dem Schreiben des Papstes „sehr bewegt“. In seinem Antwortschreiben fand er warme Worte und drückte dem Papst seine „tiefste Achtung und aufrichtiges Wohlwollen“ aus. Er schrieb überdies, er sei „über die wachsenden Perspektiven der Entwicklung guter Beziehungen und einer positiven Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Kir­chen erfreut. Die feste Grundlage dazu besteht in unseren gemeinsamen Wurzeln und in den Positionen, die wir hinsichtlich vieler Probleme, die heute die Welt betreffen, teilen.“

Vom 20. bis zum 23. Dezember 2008 sollte Aleksij II. auf Einladung von Christoph Kar­dinal Schönborn Wien besuchen. Der Patriarch verstarb jedoch am 5. Dezember. An den Trauerfeierlichkeiten nahmen aus Rom die Kurienkardinäle Walter Kasper und Roger Etchegaray teil, darüber hinaus der Apostolische Nuntius in Moskau, Erzbischof Antonio Mennini, der polnische Primas Józef Kardinal Glemp sowie weitere Vertreter der katholischen Kirche.

Am 27. Januar 2009 wurde Metropolit Kyrill zum Patriarchen von Moskau und ganz Russland gewählt. An seiner Inthronisierungsfeier am 1. Februar 2009, die in der Chris­tus-Erlöser-Kathedrale in Moskau stattfand, nahmen Walter Kardinal Kasper aus Rom, der Apostolische Nuntius in Russland, Erzbischof Antonio Mennini, der katholische Erz­bischof von Moskau, Paolo Pezzi, sowie der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der heute der Präfekt der Glaubenskongregation ist, teil. Die Vertreter der katholischen Kirche überbrachten das Gratulationsschreiben Papst Benedikts XVI., in dem der Papst seine „glühende Hoffnung“ auf eine weitere Zusammenarbeit aus­drückte, „um Wege und Formen der Förderung und Festigung der Gemeinschaft im Leib Christi zu finden“. Auch unterstrich er seinen Wunsch, dass die „guten Beziehungen“ zwischen der Römischen Katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche weiter gestärkt werden mögen. Er schenkte dem Patriarchen einen Kelch als „Unter­pfand des Wunsches, bald zur vollen Einheit zu gelangen“.

In den darauffolgenden Jahren bildete sich immer mehr der Begriff einer „strategischen Allianz“ in der Zusammenarbeit beider Kirchen. An anderer Stelle wird sich dieses Buch ausführlicher damit befassen. Das Konzept beruht darauf, dass beide Kirchen sich in der modernen Welt mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert sehen, denen sie gemeinsam begegnen müssen. Dazu zählen die Bedrängnis und Verfolgung von Christen in Ländern, in denen sie eine Minderheit bilden, die Auseinandersetzung mit dem Islam, eine immer stärker werdende Feindseligkeit gegenüber dem Christen­tum auch in Europa, der sich ausbreitende Säkularismus, Relativismus und Materia­lismus sowie die auch in der Politik schwindende Achtung vor dem menschlichen Leben und der christlichen Familie. Diese und zahlreiche weitere ethische Fragen erfordern es, dass Christen der verschiedenen Konfessionen gemeinsam die Stimme erheben. Bei einer Vielzahl von Begegnungen zwischen hohen Vertretern der Russischen Ortho­doxen Kirche und der Römischen Katholischen Kirche, die in den vergangenen Jahren stattfanden, wurde und wird von beiden Seiten stets eine vollständige Übereinstim­mung auf dem Gebiet der Ethik und der christlichen Werte betont. Metropolit Kyrill stellte bereits im Juni 2008, wenige Monate vor seiner Wahl zum Patriarchen, beim Lan­deskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche fest, seine Kirche sehe in der katholischen Kirche einen „engen Verbündeten im Schutz der traditionellen christlichen moralischen Werte“. Er erklärte: „Die Positionen beider Kirchen stimmen in diesem Bereich faktisch völlig überein.“

Weitere Schritte der Versöhnung

Auch innerorthodox sowie zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Römi­schen Katholischen Kirche in einzelnen Ländern kam es in den vergangenen Jahren zu wichtigen Ereignissen. So fand im Jahr 2007 nach langen Verhandlungen die Vereini­gung zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland und dem Moskauer Pa­triarchat statt. Die Auslandskirche war entstanden, als nach der Oktoberrevolution von 1917 zahlreiche Russen ins Ausland emigrierten. Seit 1927 verwaltete sie sich selbst. Ihr Vorwurf an das Moskauer Patriarchat bestand darin, es sei dem Sowjetsystem ge­genüber zu unterwürfig gewesen. Die wahren Erben der russischen Kirche befänden sich im Exil oder in den Katakomben. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1989 gründete die Auslandskirche auch in der Sowjetunion bzw. später Russ­land Dutzende ihr unterstehende Gemeinden. Am 17. Mai 2007 wurde mit der Unter­zeichnung eines „Aktes der kanonischen Gemeinschaft“ durch Patriarch Aleksij II. von Moskau und das Oberhaupt der Auslandskirche, Metropolit Lavr, die Einheit hergestellt.

Zu einem großen Durchbruch kam es auf Initiative des Moskauer Patriarchates und der polnischen katholischen Bischofskonferenz auch im Verhältnis zwischen Polen und Russland. Anfang 2010 hatten die katholische Kirche in Polen und die Russische Or­thodoxe Kirche eine gemeinsame Dialogkommission gegründet, um die Versöhnung voranzutreiben. Vom 16. bis 19. August 2012 besuchte Patriarch Kyrill als erstes Ober­haupt der Russischen Orthodoxen Kirche das Land Polen. Während dieses Besuches fand eine historische Begegnung statt, die einen bislang nie dagewesenen Höhepunkt im Versöhnungsprozess der beiden Länder darstellte: Am 17. August unterschrieben Patriarch Kyrill und der Vorsitzende der Polnischen Katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jözef Michalik, eine gemeinsame Erklärung, die sich „an die Nationen Polens und Russlands“ richtete. Das Dokument war einstimmig von der Polnischen Bischofs­konferenz und der Synode der Russischen Orthodoxen Kirche verabschiedet worden. Darin heißt es: „Die Sünde, die die Hauptquelle aller Spaltungen ist, die menschliche Schwäche, der individuelle und kollektive Egoismus, aber auch der politische Druck haben uns untereinander entfremdet, bis hin zu offener Feindschaft und auch Kampf unter unseren Nationen. (…) Spaltungen und Brüche, die dem Willen Christi entgegen­stehen, sind zu einem großen Skandal geworden, und darum kehren wir nun um, um unsere Kirchen und Nationen einander wieder anzunähern und um glaubwürdigere Zeugen des Evangeliums für die heutige Welt zu werden.“ Als verbindendes Element wurde die tiefe Verehrung betont, die sowohl Polen als auch Russen für die Gottesmut­ter Maria hegen. Daher heißt es am Schluss des Dokuments: „Wir vertrauen auf die Fürsprache der Gottesmutter und vertrauen ihrem Schutz das große Werk der Versöh­nung und Wiederannäherung unserer Kirchen und unserer Nationen an.“ Leider wurden der historische Besuch des Moskauer Patriarchen in Polen und die gemeinsame Ver­söhnungserklärung überschattet von dem exzessiven monatelangen Medieninteresse an der russischen Punkband „Pussy Riot“, deren Mitglieder am 12. Februar desselben Jahres in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau eine politische Demonstration in Form eines sogenannten „Punkgebets“ abgehalten hatten und daraufhin vor Gericht gestellt wurden.

Ende November 2013 fand in Warschau eine dreitägige internationale Konferenz zum Thema der Rolle der polnischen und der russischen Kirche im christlichen Europa statt. Diese schloss mit einem feierlichen Gebet der Vesper in der Kathedrale von Warschau, an der auch die Vertreter des Moskauer Patriarchats teilnahmen. Metropolit Hilarion schloss nicht aus, dass ein ähnliches Treffen auch in Russland stattfinden werde. Als eine Geste der gewachsenen Brüderlichkeit zwischen beiden Kirchen darf in diesem Zusammenhang auch die Tatsache gedeutet werden, dass der Erzbischof von Krakau, Stanislaw Kardinal Dziwisz, den russisch-orthodoxen Patriarchen zum Weltjugendtag eingeladen hat, der 2016 in Krakau stattfinden wird. Diese Einladung ist ein wichtiges Zeichen des Entgegenkommens. Auch wenn der Patriarch wahrscheinlich nicht am Weltjugendtag teilnehmen wird, handelt es sich um ein Zeichen seitens der Kirche in Polen, dass sich das Verhältnis wesentlich gebessert hat, und um eine Geste mit Sig­nalwirkung.

Ein Hinderungsgrund, der bislang einem Treffen zwischen dem Papst und dem Ober­haupt der Russischen Orthodoxen Kirche noch entgegensteht, sind unter anderem Streitigkeiten zwischen der mit Rom unierten Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche in der Ukraine um Gotteshäuser, auf die beide Kirchen Anspruch erheben. Über die Ukraine wurde daher auch gesprochen, als Kardinal Koch am 18. Dezember 2013 in Moskau von Patriarch Kyrill empfangen wurde. Der Kardinal sagte nach diesem Gespräch, es „brauche Zeit, um anzuerkennen, dass beide Seiten verletzt worden seien und man sich darum bemühen müsse, dass die Wunden nicht noch tiefer werden. Dies betrifft beide Seiten.“

Dennoch wurde im Laufe der vergangenen Jahre schon einiges erreicht. So würdigte das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, Großerzbischof Swja­toslaw Schewtschuk, das Verhältnis zu den Orthodoxen als „exzellent“, als er im Fe­bruar 2012 die internationale Zentrale von KIRCHE IN NOT in Königstein besuchte. Er erklärte, die Beziehungen seien „noch nie so gut gewesen wie heute“. Es liege ihm be­sonders am Herzen, diese „freundlichen und brüderlichen Beziehungen zu pflegen“.

Als Kardinal Koch im Juni 2013 in die Ukraine reiste, lud Großerzbischof Schewtschuk während eines Treffens mit dem Kardinal den ebenfalls anwesenden Metropoliten Wla­dimir, das Oberhaupt der dem Moskauer Patriarchat unterstehenden Ukrainischen Or­thodoxen Kirche, zur Einweihung der neuen griechisch-katholischen Kathedrale in Kiew ein. „Dies ist ein sehr freudiges Ereignis im Leben unserer Kirche, aber unsere Freude wird nicht vollkommen sein, wenn unsere orthodoxen Brüder sich uns nicht anschlie­ßen“, sagte er zu dem Metropoliten. Im Vorfeld hatte es zu Irritationen geführt, als der Amtssitz des Oberhauptes der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche 2005 von Lemberg in der Westukraine nach Kiew in der Ostukraine verlegt und mit dem Bau der neuen Kathedrale begonnen wurde. Während die Westukraine traditionell stark von der Präsenz der griechisch-katholischen Kirche geprägt ist und sich nach Westen hin orientiert, ist die Ostukraine überwiegend orthodox und nach Russland hin ausgerich­tet. Nun reagierte Metropolit Wladimir überraschend positiv: Er dankte für die Einla­dung und wünschte für die Fertigstellung der Kathedrale Gottes Segen.

Die Tendenz scheint dahin zu gehen, Lösungen auf lokaler Ebene zu suchen, das heißt im direkten Kontakt der Kirchenvertreter in der Ukraine. Zudem wächst das Bewusst­sein, dass es notwendig ist, in einer Welt, in der das Christentum immer mehr an Be­deutung verliert, Zeugnis abzulegen. Bischof Borys Gudziak, der frühere Rektor der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg, betonte am 2. Juni 2013 bei einem von KIRCHE IN NOT in Eichstätt veranstalteten Podiumsgespräch zum Thema „Die Ukraine — eine Hochburg der Ökumene“, es sei „lächerlich“, wenn sich die oftmals nur noch wenige Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachenden Christen in Europa un­tereinander stritten, anstatt das Evangelium zu verkünden. „Das Problem sind heute nicht mehr die Konfessionen. Die Frage ist vielmehr: Werden die Menschen noch auf das Evangelium hören?“

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Quelle: Buch „Brückenschlag zwischen Rom und Moskau – Zwei Jahrzehnte Versöhnung und Aufbauhilfe für die Russische Orthodoxe Kirche“ von Eva-Maria Kolmann, KIRCHE IN NOT /Ostpriesterhilfe Deutschland e.V., München, 1. Auflage 2014.

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