Brief des Opus-Dei-Prälaten (November 2015)

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Die christliche Sicht des Todes ist das beste Mittel gegen die logische Furcht, die uns angesichts dieses unbekannten Schritts befallen mag, der aber „unerbittlich kommen wird“ (Hl. Josefmaria).

4. November 2015

Ihr Lieben, Gott schütze Euch!

Ich bin sehr glücklich über die Diakonatsweihe einiger eurer Brüder, die ich gestern in der Basilika Sant’ Eugenio vorgenommen habe. Diese meine Söhne werden für die apostolischen Unternehmungen der Prälatur arbeiten, die ein lebendiger Teil des mystischen Leibes Christi ist, und so mit ganzer Seele der Kirche dienen. Sie hat geweihte Amtsträger, die darum kämpfen, entsprechend dem Wunsch des hl. Josefmaria ihre geistliche Berufung heiligmäßig, gelehrt, froh und sportlich zu leben, dringend nötig. Bitten wir Gott intensiv darum, dass dieses Geschenk in der ganzen Welt niemals fehlen möge, dass es in allen Diözesen heilige Seminaristen und Priester gibt.

Der Beginn dieses Monats erinnert uns an die tröstliche Wahrheit der Gemeinschaft der Heiligen. Heute denken wir besonders an die Gläubigen, die im Himmel schon die Anschauung der Heiligsten Dreifaltigkeit genießen, und morgen werden wir in unseren Gebeten der verstorbenen Gläubigen gedenken, die sich noch im Fegefeuer reinigen. Mit ihnen sollten wir eine tiefe Freundschaft pflegen.

Mir ist noch gut in Erinnerung, mit welcher Andacht unser Vater diesen Tag durchlebte. Es war sein großer Wunsch, dass die Armen Seelen – dank der Fürbitte, die die Kirche für sie einlegt – den vollkommenen Erlass ihrer zeitlichen Sündenstrafen erhalten und so zur beseligenden Gegenwart Gottes gelangen können. Dieser Akt der Barmherzigkeit und der Liebe lag ihm so sehr am Herzen, dass er festlegte, dass die Feier der Messe, der Empfang der Kommunion und das Gebet des Rosenkranzes häufig für die ewige Ruhe seiner Töchter und Söhne, unserer Eltern und Geschwister, der verstorbenen Mitarbeiter und für alle Verstorbenen aufgeopfert werden sollte. Tun wir dies großherzig, und fügen wir von unserer Seite hinzu, was uns angebracht erscheint; vor allem die Aufopferung einer vollkommen getanen Arbeit, die wir mit frohen Gebets- und Opfergeist verrichtet haben.

Die Empfehlung, die Paulus gibt, ist sehr treffend: cotídie móriror[1], täglich sehe ich dem Tod ins Auge, sterbe ich der Sünde, um mit Christus Jesus aufzuerstehen. Der hl. Josefmaria griff diesen Rat des Apostels auf und lud uns ein, oft an das Ende unseres irdischen Lebens zu denken, um uns so gut wie möglich auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten. Der Tod ist eine Wirklichkeit, die alle ohne Ausnahme trifft. Viele fürchten sie und tun daher alles, um ihn zu vergessen. Bei einem konsequent nach seinem Glauben lebenden Christen sollte das nicht so sein. „Die »anderen« lähmt der Tod, und sie sind entsetzt. – Uns weckt der Tod (das Leben) auf und treibt uns voran. Für sie ist er Ende, für uns Anfang.“[2]

Trotzdem ist dieser Übergang manchmal von großer Dramatik, besonders wenn er unerwartet kommt oder noch junge Menschen ereilt, vor denen eine Zukunft voller Möglichkeiten lag. Der Heilige Vater sagte vor kurzem, dass in solchen Fällen „der Tod gleichsam ein schwarzes Loch im Leben der Familien ist, für das wir keine Erklärung finden“[3].

Aber vergessen wir nicht, dass, wie die Heilige Schrift feststellt, Gott den Tod nicht gemacht hat und keine Freude hat am Untergang der Lebenden[4]. Der Mensch wurde mit einer sterblichen Natur geschaffen, aber die göttliche Weisheit und Allmacht hatte ihm Unsterblichkeit verliehen, unter der Bedingung, dass unsere Stammeltern die Gebote Gottes achteten und ihnen gehorchten. Sie ließen sich jedoch durch den Versucher täuschen, und das Ergebnis liegt offen vor uns: Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.[5]

Zu diesem Thema gibt es viele hilfreiche und tröstliche Gedanken unseres Vaters. Unter anderem schrieb er einmal: „Der Tod wird kommen, unerbittlich. Deshalb ist es leerer Wahn, unsere Existenz ausschließlich mit diesem irdischen Leben gleichzusetzen. Sieh doch, wie sehr viele Menschen darunter leiden: die einen, weil das Leben zu Ende geht und sie es hinter sich lassen müssen, die anderen, weil es nicht enden will und ihnen zur Last wird … Auf jeden Fall ist es abwegig, aus unserem Lebensweg das Lebensziel zu machen.

Man muss die Fesseln einer solchen, rein innerweltlichen Betrachtungsweise spren­gen und sich der kurzen Dauer der eigenen Existenz bewusst werden. Dazu bedarf es eines radikalen inneren Umschwungs: Sich vom eigenen Ich und von allen zeitlichen, egoistischen Motivationen ganz und gar loslösen und in Christus, der ewig ist, neu geboren werden.“[6]

Nur mit dem Blick des Glaubens auf den gekreuzigten Christus ist es uns möglich, dieses Geheimnis zu erahnen, das mehr Trost als Traurigkeit für uns bereithält. DerKatechismus der Katholischen Kirche sagt uns: »Durch Christus hat der christliche Tod einen positiven Sinn. „Für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn“ (Phil 1,21). „Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben“ (2 Tim 2,11). Das wesentlich Neue am christlichen Tod liegt darin: Durch die Taufe ist der Christ sakramental schon „mit Christus gestorben“, um aus einem neuen Leben zu leben. Wenn wir in der Gnade Christi sterben, vollendet der leibliche Tod dieses „Sterben mit Christus“ und vollzieht so endgültig unsere Eingliederung in ihn durch seine Erlösungstat.«[7] Folgender Satz der Mutter eines unserer Brüder, die den Tod vor Augen hatte, enthält, ohne theologisch ganz korrekt zu sein, einen Funken Wahrheit: Wie kann es sein, dass Christus mich nicht aufnimmt, wenn ich ihn doch viele Jahre lang täglich in der Heiligen Kommunion empfangen habe?

Die Sicherheit des Glaubens, zusammen mit der Hoffnung und der Liebe, macht es möglich, den Schleier der Traurigkeit und der Furcht wegzuziehen, durch den man nicht selten den letzten Schritt der irdischen Existenz betrachtet. Mehr noch, wie der Heimgang der Heiligen mit großer Klarheit zeigt, ist es dank des Glaubens möglich, den Tod in Frieden anzunehmen, eben weil man dem Herrn entgegen geht. „Hab keine Angst vor dem Tod. – Nimm ihn schon jetzt großmütig an … wann Gott will … wie Gott will … wo Gott will. – Sei ganz sicher: er kommt zu einer Zeit, an einem Ort und in einer Weise, wie es für dich am besten ist … gesandt von deinem Vater Gott. – Willkommen sei unser Bruder Tod!“[8]

Diese Überlegungen haben eine alte Tradition in der christlichen Lehre und im Leben. Sie sind keineswegs Ausdruck einer negativen Haltung und beabsichtigen auch nicht, eine irrationale Unruhe zu schüren, vielmehr rufen sie auf zu einer heiligen Furcht, die voll kindlichen Gottvertrauens ist. Sie schließen einen übernatürlichen und menschlichen Realitätssinn ein und sind ein klarer Ausfluss der christlichen Weisheit, die, vom Glauben gestützt, der Seele Ruhe und Vertrauen einflößt.

Unser Vater hat uns beigebracht, aus der Betrachtung dieses Augenblicks und ganz allgemein der Letzten Dinge praktische Konsequenzen zu ziehen. Ganz kalt sollten uns diese Dinge jedenfalls nicht lassen, sagte er einmal in einer Betrachtung für eine Gruppe seiner Söhne, die noch jung waren. “Ich möchte nicht, dass irgendjemand von euch stirbt. Lass sie noch auf der Erde, Herr, hol sie noch nicht! Sie sind doch noch jung, und hier unten hast du nur wenige Werkzeuge! Ich hoffe, Gott erhört mich … Aber der Tod kann in jedem Augenblick kommen.“[9] Und er fügte hinzu: „Die Betrachtung des Todes hilft uns wirklich zu einem objektiven Gewissensurteil. Sie ist ein gutes Hilfsmittel, um unseren aufbegehrenden Willen und den Stolz des Verstandes zu beherrschen. Liebe ihn, und sage Gott vertrauensvoll: Wie du willst, wann du willst, wo du willst.“[10]

Sicher ist die Tatsache des Todes härter zu verkraften, wenn es um geliebte Menschen wie Eltern, Kinder, Ehegatten, Geschwister … geht. Und doch „können wir im Licht der Auferstehung des Herrn, der nie auch nur einen von denen verlässt, die der Vater ihm anvertraut hat, dem Tod seinen ›Stachel‹ nehmen, wie der Apostel Paulus gesagt hat (1 Kor 15, 55); können wir ihn daran hindern, unser Leben zu vergiften, unsere Bindungen zu zerstören, uns in die finsterste Leere fallen zu lassen.“[11] Nichts ist gewisser, als dass Gott uns an seiner Seite haben möchte, damit wir ihn schauen wie er ist, und so glücklich sind. Stärken wir Tag für Tag diese Hoffnung in uns? Beten wir andächtig – wie unser Vater – das Gebet des Psalms: Vultum tuum, Dómine, requíram[12]; dein Angesicht, Herr, will ich suchen?

Wenn in einer christlichen Familie der Glaube tiefe Wurzeln geschlagen hat, dann werden solche von Schmerz gekennzeichneten Augenblicke zu einer Gelegenheit – und in der Tat kommt das oft vor –, die Bindungen der Familienmitglieder untereinander zu verstärken. „In diesem Glauben können wir einander trösten, im Wissen, dass der Herr den Tod ein für allemal überwunden hat. Unsere Angehörigen sind nicht in der Finsternis des Nichts verschwunden: Die Hoffnung versichert uns, dass sie in den guten und starken Händen Gottes sind. Die Liebe ist stärker als der Tod. Daher besteht der Weg darin, die Liebe wachsen zu lassen, sie zu festigen. Und die Liebe wird uns behüten bis zu dem Tag, an dem jede Träne abgewischt wird: »Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal« (Offb 21, 4).“[13]

Die christliche Sicht hält in der Tat das Gegengift für die Angst bereit, die die Menschen zu befallen pflegt, wenn sie die Vergänglichkeit des irdischen Lebens erfahren. Gleichzeitig ist nichts natürlicher – wie ich bereits sagte –, als dass uns der Tod geliebter Menschen schmerzt und wir Tränen vergießen, weil sie uns verlassen. Auch Jesus weinte um den verstorbenen Lazarus, den geliebten Freund, bevor er ihn auferweckte. Aber wir sollten den Schmerz nicht übertreiben, denn für einen konsequenten Christen heißt Sterben Hochzeit feiern. So drückte sich der hl. Josefmaria aus und erläuterte: „Wenn euch gesagt wird: ecce spónsus venit, exíte óbviam ei (Mt 25, 6) – komm, denn der Bräutigam kommt, um dich zu holen –, dann werden wir uns an die Fürsprache Mariens wenden. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt … Und dann wirst du in der Todesstunde sehen, welches Lächeln dich empfängt! Du wirst keine Angst haben, denn die Arme Mariens werden dich auffangen.“[14]

Wenn Gott eine Tochter oder einen Sohn von ihm in jungen Jahren zu sich rief, protestierte unser Vater in kindlicher Weise, denn er empfand tiefen Schmerz darüber; aber dann nahm er sofort den Willen Gottes an, der immer weiß, was gut für uns ist. Fiat, adimpleátur… betete er. „Es geschehe, es erfülle sich, gelobt und in Ewigkeit gepriesen sei der über alles gerechte und über alles liebenswerte Wille des Herrn! Amen. Amen.“[15] Und so erlangte er den Seelenfrieden wieder.

Alle diese Gedanken müssen wir immer mit der Betrachtung verbinden, dass die Allmacht Gottes uns das Leben zurückgeben wird: Vita mutátur, non tóllitur[16], das Leben wird gewandelt, nicht genommen. Die Gewissheit, Gott schon ganz nahe zu sein, und alle Hilfen, die wir in diesen Momenten von unserer Mutter, der Kirche, erhalten werden, wird uns zu folgender Überlegung führen: „Herr, ich glaube, dass ich auferstehen werde; ich glaube, dass mein Leib sich wieder mit meiner Seele verbinden wird, um ewig mit dir zu herrschen. Und das wird geschehen aufgrund deiner unendlichen Verdienste, durch die Fürsprache deiner Mutter und wegen der Vorliebe, die du für mich hast.“[17]

Meine Töchter und Söhne, bemühen wir uns, diese Sicherheit und Freude im Glauben an andere weiterzugeben. Beten wir jeden Tag für die, die ihre Seele Gott zurückgeben werden, damit sie sich der reichen Gnade öffnen, die Gott durch die Fürsprache seiner heiligen Mutter in diesen Augenblicken gewährt. Und beten wir weiter für die Heiligkeit aller Familien auf der Welt, damit die Ergebnisse der Synode sie ermutigen, in ungebrochener Treue zu den heilbringenden Plänen Gottes zu leben, die er selbst in den innersten Kern der Ehe und der Familie eingeschrieben hat.

Es ist mein Wunsch, dass ihr innehaltet bei der Betrachtung der Weisheit der heiligen Kirche, die das Hochfest Allerheiligen mit dem Gedenken an alle verstorbenen Gläubigen am folgenden Tag so eng verbunden hat. Verkostet die himmlische Freude, die die Liturgie dieses Monats – und eigentlich des ganzen Jahres – durchdringt.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

+ Javier

Rom, 1. November 2015

P.S. In wenigen Tagen werde ich mich in der Klinik der Universität von Navarra einer Operation unterziehen. Ich werde sehr vereint mit Euch allen sein und hoffe, dass Ihr mich mit der Kraft Eures Gebetes unterstützt.


[1] 1 Kor 15, 31

[2] Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 738

[3] Papst Franziskus, Ansprache bei einer Generalaudienz, 17.6.2015

[4] Weish 1, 13

[5] Röm 5, 12

[6] Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 897

[7] Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1010

[8] Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 739

[9] Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einer Betrachtung, 13.12.1948

[10] Ebd.

[11] Papst Franziskus, Ansprache bei der Generalaudienz, 17.6.2015

[12] Vgl. Ps 27, 8

[13] Papst Franziskus, Ansprache bei der Generalaudienz, 17.6.2015

[14] Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einem Familientreffen, 23.6.1974

[15] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 769

[16] Messbuch, Präfation von den Verstorbenen (I)

[17] Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einer Betrachtung, 13.12.1948

Titelfoto von GideoTsang (cc)

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Quelle

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