Papst Johannes Paul II.: Ansprache an Wissenschaftler und Studenten Im Kölner Dom am 15. November 1980

albertus-magnusVerehrte Mitbrüder im Bischofsamt!
Liebe Brüder und Schwestern!
Sehr geehrte Damen und Herren!

1. Mit Freude und Dankbarkeit begrüße ich Sie, die Frauen und Männer aus dem wissenschaftlichen Leben der Bundesrepublik Deutschland, die Studen­tinnen und Studenten aus den deutschen Hochschulen, die die europäische Wissenschaftsgeschichte so nachhaltig beeinflußt haben. Sie haben sich hier versammelt gleichsam stellvertretend für die vielen Forscher, Lehrer, Mit­arbeiter und Studierenden in den Universitäten, Akademien und den anderen Forschungseinrichtungen. Sie vertreten ferner die vielen Mitarbeiter in der staatlichen und nichtstaatlichen Wissenschaftsförderung, die auf die Entwick­lung von Wissenschaft und Technologie einen nicht unerheblichen Einfluß ausüben und deshalb eine besondere Verantwortung für die Menschen tragen.

2. Das heutige Zusammentreffen soll als ein Zeichen der Gesprächsbereitschaft zwischen Wissenschaft und Kirche verstanden werden. Der heutige Tag selbst und der Ort geben dieser Begegnung eine besondere Bedeutung. Heute vor 700 Jahren starb im Dominikanerkonvent, nicht weit von diesem Dom, bei dessen Gründung er wohl anwesend war, Albert „der Deutsche“, wie ihn die Zeitgenossen nannten; die Nachwelt hat ihm als einzigem Gelehrten den Beinamen „der Große“ gegeben.

Albert hat in seiner Zeit vielfältig gewirkt: als Ordensmann und Prediger, als Ordensoberer und als Bischof und als Friedensvermittler in seiner Stadt Köln. Weltgeschichtliche Größe gewann er aber als Forscher und Gelehrter, der das Wissen seiner Zeit umfassend beherrschte und in einem gewaltigen Lebenswerk neu gestaltete. Schon Zeitgenossen anerkannten ihn als „auctor“, als Urheber und Mehrer der Wissenschaft; die Folgezeit zeichnete ihn als den „doctor universalis“ aus. Die Kirche beruft sich auf ihn, den sie zu ihren Heiligen zählt, als einen ihrer „Lehrer“ und feiert ihn liturgisch unter diesem Titel.

Unsere Erinnerung an Albert den Großen soll aber nicht nur ein Akt schuldiger Pietät sein. Wichtiger ist es, den wesentlichen Sinn seines Lebenswerkes gegenwärtig werden zu lassen, dem wir grundsätzliche und bleibende Bedeutung zumessen müssen. Werfen wir kurz einen Blick auf die geistesgeschichtliche Lage der Zeit Alberts: Ihr Kennzeichen ist das zunehmende Bekannt­werden des aristotelischen Schrifttums und der arabischen Wissenschaft. Das christliche Abendland hatte bis dahin die Tradition der christlichen Spätanti­ke wiederbelebt und wissenschaftlich weiterentwickelt. Jetzt tritt ihm eine umfassende nichtchristliche Welterklärung entgegen, die sich nur auf profane Rationalität stützt. Viele christliche Denker, darunter sehr bedeutende, sahen in diesem Anspruch vor allem eine Gefahr. Sie glaubten, die geschicht­liche Identität der christlichen Traditionen dagegen schützen zu müssen; denn es gab auch radikale Einzelne und Gruppen, die einen ungelösten Widerstreit zwischen dieser wissenschaftlichen Rationalität und der Glau­benswahrheit erblickten und sich zugunsten dieser „Wissenschaftlichkeit“ entschieden.

Zwischen diesen Extremen geht Albert den mittleren Weg: Der Wahrheits­anspruch rational begründeter Wissenschaft wird anerkannt; ja, sie wird inhaltlich übernommen, ergänzt, korrigiert und weiterentwickelt in ihrer eigenständigen Rationalität. Eben dadurch wird sie zum Eigentum der christ­lichen Welt. Diese findet so ihr Weltverständnis ungemein bereichert, aber sie muß kein Wesenselement ihrer Tradition oder gar die Glaubensgrundlage auf­geben. Denn zwischen einer Vernunft, welche durch ihre gottgegebene Natur auf Wahrheit angelegt und zur Erkenntnis der Wahrheit befähigt ist, und dem Glauben, der sich der gleichen göttlichen Quelle aller Wahrheit verdankt, kann es keinen grundsätzlichen Konflikt geben. Der Glaube bestätigt gerade das Eigenrecht der natürlichen Vernunft. Er setzt es voraus; denn seine Annahme setzt jene Freiheit voraus, die nur dem Vernunftwesen eigen ist. Damit zeigt sich zugleich, daß Glaube und Wissenschaft verschiedenen Erkenntnisordnungen zugehören, die nicht ineinander überführbar sind. Dann aber erweist sich: Die Vernunft kann nicht alles aus sich selbst, sie ist endlich. Sie muß durch eine Vielzahl einzelner Erkenntnisse fortschreiten, sie ist in einer Mehrheit von einzelnen Wissenschaften verfaßt. Die Einheit von Welt und Wahrheit mit ihrem Ursprung kann sie nur in je besonderen Wis­sensweisen erfassen: Auch die Philosophie und die Theologie sind als Wissen­schaften endliche Bemühungen, welche die Einheit der Wahrheit nur in der Unterschiedlichkeit, also in einem offenen Ordnungsgefüge darstellen kön­nen.

Wiederholen wir: Albert vollzieht die anerkennende Aneignung der rationa­len Wissenschaft in einem Ordnungsgefüge, in dem sie ihren Eigenstand bestätigt erhält — und doch bleibt sie darin auf das maßgebende Sinnziel des Glaubens bezogen. Damit hat Albert das Statut einer christlichen Intellektua­lität verwirklicht, dessen Grundsätze auch heute noch als gültig anzusehen sind. Wir schmälern nicht die Bedeutung dieser Leistung, wenn wir zugleich feststellen: Alberts Werk ist inhaltlich zeitgebunden und gehört insofern der Geschichte an. Die von ihm erbrachte „Synthese“ behält exemplarischen Charakter, und wir tun gut daran, ihre Grundsätze im Gedächtnis zu behalten, wenn wir uns den gegenwärtigen Fragen von Wissenschaft, Glaube und Kir­che zuwenden.

3. Viele sehen den Kern dieser Fragen im Verhältnis von Kirche und moderner Naturwissenschaft, und sie empfinden noch die Belastung durch jene berühm­ten Konflikte, die aus dem Eingriff kirchlicher Instanzen in den Prozeß wissen­schaftlichen Erkenntnisfortschritts entstanden sind. Die Kirche erinnert sich daran mit Bedauern, denn wir wissen heute um die Irrtümer und Mängel die­ser Verfahren. Wir können heute sagen, daß sie überwunden sind: Dank der Überzeugungskraft der Wissenschaft, dank vor allem der Arbeit einer wissen­schaftlichen Theologie, welche das Glaubensverständnis vertieft und von Zeitgebundenem befreit hat. Das kirchliche Lehramt hat seit dem I. Vatikani­schen Konzil mehrfach jene Grundsätze wieder in Erinnerung gerufen, zuletzt und ausdrücklich im II. Vaticanum (Gaudium et spes, Nr. 36), die schon in Alberts des Großen Werk erkennbar sind. Es hat ausdrücklich die Unter­schiedlichkeit der Erkenntnisordnungen von Glaube und Vernunft ausgespro­chen, es hat die Autonomie und Freiheit der Wissenschaften anerkannt und ist für die Freiheit der Forschung eingetreten. Wir fürchten nicht, ja, wir halten es für ausgeschlossen, daß eine Wissenschaft, die sich auf Vernunftgründe stützt und methodisch gesichert fortschreitet, zu Erkenntnissen gelangt, die in Konflikt mit der Glaubenswahrheit kommen. Dies kann nur dort der Fall sein, wo die Unterschiedlichkeit der Erkenntnisordnungen übersehen oder ver­leugnet wird.

Diese Einsicht, die von den Wissenschaftlern vollzogen werden sollte, könnte die geschichtliche Belastung des Verhältnisses von Kirche und Naturwissen­schaft überwinden helfen und einen partnerschaftlichen Dialog ermöglichen, wie er ja schon vielfach im Gang ist. Es geht dabei nicht nur um Vergangen­heitsbewältigung, sondern um neuartige Probleme, die sich aus der Rolle der Wissenschaften in der heutigen Gesamtkultur ergeben.

Die naturwissenschaftliche Erkenntnis hat zu einer tiefgreifenden Umgestal­tung der menschlichen Technik geführt. In der Folge haben sich die Bedin­gungen des menschlichen Lebens auf dieser Erde in unerhörtem Maße verän­dert und weitgehend auch verbessert. Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis wurde zum Motor eines allgemeinen kulturellen Fortschritts. Technische Weltveränderung erschien vielen als Sinn und Ziel der Wissen­schaft. Inzwischen hat sich gezeigt, daß der zivilisatorische Fortschritt nicht immer die Lebensumstände verbessert. Es gibt unbeabsichtigte und unvor­hergesehene Folgen, die gefährlich und verderblich werden können. Ich erinnere nur an das ökologische Problem, das durch den Fortschritt der technisch-wissenschaftlichen Industrialisierung entstanden ist. So entstehen ernste Zweifel, ob denn der Fortschritt insgesamt dem Menschen diene. Solche Zweifel schlagen zurück auf die technisch verstandene Wissenschaft. Ihr Sinn, ihre Zielsetzung, ihre menschliche Bedeutung werden in Frage gestellt. Besonderes Gewicht erhält diese Frage angesichts der Anwendung naturwis­senschaftlichen Denkens auf den Menschen. Die sogenannten Humanwissen­schaften haben durchaus wichtige und weiterführende Erkenntnisse über menschliches Tun und Verhalten erbracht. Sie stehen aber in Gefahr, in einer technisch bestimmten Kultur zur Manipulation des Menschen, zu Zwecken ökonomischer und politischer Herrschaft mißbraucht zu werden.

Wird die Wissenschaft wesentlich als „technisch“ verstanden, so kann man sie als die Suche nach solchen Verfahren auffassen, die zu einem technischen Erfolg führen. Als „Erkenntnis“ gilt dann, was zum Erfolg führt. Die der Wis­senschaft vorgegebene Welt wird zum bloßen Komplex beeinflußbarer Phä­nomene, ihr Gegenstand ein funktionaler Zusammenhang, der auch nur auf seine Funktionalität hin untersucht wird. Solche Wissenschaft wird sich selbst als bloße Funktion auffassen können. Der Gedanke der Wahrheit wird dann entbehrlich, ja, es wird zuweilen ausdrücklich auf ihn verzichtet. Die Vernunft selbst erscheint schließlich als bloße Funktion oder als Instrument eines Wesens, das den Sinn seines Daseins außerhalb von Erkenntnis und Wissen­schaft, womöglich im bloßen Leben hat.

Unsere Kultur ist in allen Bereichen von einer Wissenschaft durchdrungen, die weithin funktionalistisch verfährt. Das gilt auch für den Bereich der Werte und Normen, der geistigen Orientierung überhaupt. Gerade hier stößt die Wissenschaft an ihre Grenze. Man spricht von einer Legitimationskrise der Wissenschaft, ja von einer Orientierungskrise unserer gesamten wissenschaft­lichen Kultur. Wo liegt ihr Kern? Die Wissenschaft selbst kann nicht die umfassende Antwort auf die Frage nach dem Sinn geben, die sich in der Krise stellt. Wissenschaftliche Aussagen sind immer partikulär. Sie rechtfertigen sich nur im Hinblick auf einen bestimmten Ansatz, sie stehen in einem Prozeß des Fortschritts und sind in ihm korrigierbar und überholbar. Vor allem aber: Wie könnte etwas das Resultat eines wissenschaftlichen Ansatzes sein, was diesen Ansatz allererst rechtfertigen und also von diesem schon vorausgesetzt sein muß?

Die einzelne Wissenschaft kann die Sinnfrage nicht beantworten, ja, sie nicht einmal im Rahmen ihres Ansatzes stellen. Und doch duldet diese Sinnfrage keinen unbegrenzten Aufschub ihrer Beantwortung. Wenn eine verbreitete Wissenschaftsgläubigkeit enttäuscht wird, so schlägt leicht die Stimmung um in Wissenschaftsfeindlichkeit. In diesen leeren Raum brechen unversehens Ideologien ein. Sie gebärden sich zuweilen zwar als „wissenschaftlich“, ver­danken aber ihre Überzeugungskraft dem dringenden Bedürfnis nach Antwort auf die Sinnfrage und dem Interesse an sozialer oder politischer Ver­änderung. Die funktionalistische, wertfreie und wahrheitsentfremdete Wis­senschaft kann durchaus in den Dienst solcher Ideologien treten; eine nur noch instrumentelle Vernunft droht unfrei zu werden. Schließlich gibt es noch neue Erscheinungen von Aberglaube, von Sektierertum und sogenannten „neuen Religionen“, deren Auftreten mit der kulturellen Orientierungskrise zusammenhängt.

Diese Irrwege können aus dem Glauben her durchschaut und vermieden werden. Aber auch den gläubigen Wissenschaftler geht die allgemeine Krise an. Er wird sich fragen müssen, in welchem Geiste, in welcher Orientierung er selbst seine Wissenschaft betreibt. Er wird sich unmittelbar oder mittelbar der Aufgabe stellen müssen, Verfahren und Zielsetzung der Wissenschaft unter dem Aspekt der Sinnfrage ständig neu zu überprüfen. Wir sind mitverantwort­lich für diese Kultur, und wir sind aufgefordert, an der Bewältigung der Krise mitzuwirken.

4. In dieser Situation rät die Kirche nicht zu Vorsicht und Zurückhaltung; sie rät zu Mut und Entschlossenheit.

Es gibt keinen Grund, sich der Wahrheit nicht zu stellen oder sie zu fürchten. Die Wahrheit und alles Wahre ist ein hohes Gut, dem wir uns mit Liebe und Freude zuwenden sollen. Auch die Wissenschaft ist ein Weg zum Wahren; denn in ihr entfaltet sich die gottgegebene Vernunft, die ihrer Natur nach nicht zum Irrtum, sondern zur Wahrheit der Erkenntnis bestimmt ist.

Dies muß auch für die technisch-funktional orientierte Wissenschaft gelten. Es ist eine Verkürzung, Erkenntnis nur als „Methode mit Erfolg“ zu verstehen; aber umgekehrt ist es legitim, Erfolg als Ausweis für die Erkenntnis zu werten, aus der er folgt. Wir können die technische Welt, die des Menschen Werk ist, nicht als ein Reich sehen, das gänzlich von der Wahrheit entfernt ist. Auch ist diese Welt keineswegs sinnleer: es ist wahr, daß es die menschlichen Lebens­verhältnisse entschieden verbessert hat, und die Schwierigkeiten, welche ungute Folgen des Fortschritts der technischen Zivilisation mit sich bringen, rechtfertigen es nicht, die Güter zu vergessen, die dieser Fortschritt selbst erbracht hat.

Es besteht kein Anlaß, unsere technisch-wissenschaftliche Kultur als gegen­sätzlich zur Schöpfungswelt Gottes zu sehen. Freilich ist klar, daß technische Erkenntnis zum Guten wie auch zum Bösen angewendet werden kann. Wer die Wirkungsweise von Giften erforscht, wird diese Erkenntnisse zum Heilen  wie auch zum Töten verwenden können. Aber es kann nicht zweifelhaft sein, wohin wir schauen müssen, um das Gute vom Schlechten zu unterscheiden.

Technische, auf Weltveränderung gerichtete Wissenschaft rechtfertigt sich durch ihren Dienst am Menschen und an der Menschheit.

Man kann nicht sagen, daß der Fortschritt zu weit gegangen ist, solange noch viele Menschen, ja ganze Völker in bedrückenden und sogar menschenunwür­digen Verhältnissen leben, die mit Hilfe technisch-wissenschaftlicher Er­kenntnis verbessert werden können. Gewaltige Aufgaben liegen noch vor uns, denen wir uns nicht entziehen können. Ihre Erfüllung ist ein brüder­licher Dienst am Mitmenschen, den wir ihm in eben der Weise schulden wie dem Bedürftigen das Werk der Barmherzigkeit, das seiner Not hilft.

Wir leisten dem Mitmenschen brüderlichen Dienst, weil wir in ihm jene Würde erkennen, die ihm als sittlichem Wesen zukommt; wir sprechen von personaler Würde. Der Glaube belehrt uns, daß es des Menschen Auszeich­nung darstellt, Abbild Gottes zu sein; die christliche Tradition sagt dazu, der Mensch sei um seiner selbst willen da, nicht Mittel für irgendeinen Zweck. Darum ist die personale Menschenwürde jene Instanz, von der aus alle kultu­relle Anwendung technisch-wissenschaftlicher Erkenntnis zu beurteilen ist. Dies ist von besonderer Bedeutung, wenn der Mensch selbst immer mehr Gegenstand der Forschung und Objekt von Humantechniken wird. Dies ist in sich noch kein unerlaubtes Vorgehen, da der Mensch ja auch „Natur“ ist. Frei­lich ergeben sich hier Gefahren und Probleme, die aufgrund der weltumspan­nenden Auswirkungen der technischen Zivilisation schon heute die meisten Völker vor ganz neue Aufgaben stellen. Diese Gefahren und Probleme sind seit langem Gegenstand einer internationalen Diskussion. Es zeugt von dem hohen Verantwortungsbewußtsein der heutigen Wissenschaft, daß sie selbst sich dieser fundamentalen Fragen annimmt und sich mit wissenschaftlichen Mitteln um ihre Lösung bemüht. Die Human- und Sozialwissenschaften, aber auch die Kulturwissenschaften, nicht zuletzt Philosophie und auch Theologie haben die Reflexion des modernen Menschen über sich selbst und seine Exi­stenz in der wissenschaftlich-technischen Welt in vielfältiger Weise voran­getrieben. Der Geist des neuzeitlichen Bewußtseins, der die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften beflügelt, hat sich auch die wissenschaftliche Erforschung des Menschen und seiner sozialen und kulturellen Lebenswelt zum Ziel gesetzt. Dabei wurde eine schier unüberschaubare Fülle von Erkenntnissen zutage gefördert, die sich ebenfalls auf das öffentliche und pri­vate Leben auswirken. Das soziale System der heutigen Staaten, das Gesund­heits- und Bildungswesen, wirtschaftliche Prozesse und kulturelle Leistungen, sie alle sind mannigfach vom Einfluß dieser Wissenschaft (mit-)geprägt. Aber es kommt darauf an, daß die Wissenschaft den Menschen nicht entmündigt. Auch in der technischen Kultur muß der Mensch entsprechend seiner Würde frei bleiben; ja es muß der Sinn dieser Kultur sein, ihm ein Mehr an Frei­heit zu geben.

Die Einsicht in die personale Würde des Menschen und ihre maßgebende Bedeutung ist nicht erst durch den Glauben möglich. Sie ist auch der natür­lichen Vernunft nicht verschlossen, die wahr und falsch, gut und böse unter­scheidet und die Freiheit als Grundbedingung menschlichen Daseins erkennt. Es ist ein ermutigendes Zeichen, daß sie sich weltweit verbreitet; nichts ande­res besagt ja der Gedanke der Menschenrechte, dem sich selbst jene nicht entziehen können, welche ihm in ihren Taten entgegenhandeln. Es besteht Hoffnung, und diese Hoffnung wollen wir ermutigen.

Es mehren sich auch die Stimmen, die sich mit der immanenten Beschrän­kung der Wissenschaften nicht zufriedengeben wollen und die nach der einen ganzen Wahrheit fragen, in der sich das menschliche Leben erfüllt. Es ist, als ob Wissen und wissenschaftliche Forschung ins Unendliche sich ausdehnten, so aber gerade sich wieder unaufhaltsam in ihre Ursprünge zurückbeugten: Die alte Frage nach dem Zusammenhang von Wissen und Glauben ist durch die Entwicklung der modernen Wissenschaften nicht überholt, sondern sie zeigt gerade in einer mehr und mehr wissenschaftlichen Welt ihre volle le­benskräftige Bedeutung.

5. Wir haben bis jetzt vornehmlich von der Wissenschaft gesprochen, die im Dienste der Kultur und damit des Menschen steht. Es wäre aber zu wenig, sich auf diesen Aspekt zu beschränken. Gerade angesichts der Krise müssen wir uns daran erinnern, daß die Wissenschaft nicht nur Dienst für andere Zwecke ist. Die Erkenntnis der Wahrheit trägt ihren Sinn in sich selbst. Sie ist ein Voll­zug humanen und personalen Charakters, ein menschliches Gut von hohem Rang. Die reine „Theorie“ ist selbst eine Weise menschlicher „Praxis“, und der Gläubige erwartet eine höchste, ihn ewig mit Gott vereinende „Praxis“: sie ist Schau, sie ist also „Theorie“.

Wir sprachen von „Legitimationskrise der Wissenschaft“. Ja, die Wissen­schaft hat ihren Sinn und ihr Recht, wenn sie als wahrheitsfähig und wenn die Wahrheit als menschliches Gut erkannt wird. Dann rechtfertigt sich auch die Forderung nach der Freiheit der Wissenschaft; denn wie anders kann ein menschliches Gut zustande kommen als durch Freiheit? Frei muß die Wissen­schaft sein auch in dem Sinne, daß nicht unmittelbare Zwecke, gesellschaft­licher Nutzen oder ökonomisches Interesse ihren Vollzug bestimmen. Das heißt nicht, daß sie von der „Praxis“ prinzipiell getrennt werden muß. Aber um in die Praxis hineinzuwirken, muß sie zuvor durch die Wahrheit bestimmt sein, also zur Wahrheit frei sein.

Die freie und nur der Wahrheit verpflichtete Wissenschaft läßt sich nicht auf das Modell des Funktionalismus oder ein anderes festlegen, welches das Verständnis der wissenschaftlichen Rationalität einschränkt. Wissenschaft muß offen sein, ja auch vielfältig, und wir brauchen nicht Furcht vor dem Verlust einer einheitgebenden Orientierung zu haben. Diese ist in der Dreiheit von personaler Vernunft, Freiheit und Wahrheit gegeben, in welcher die Vielfalt konkreter Vollzüge begründet und bewahrt ist.

Ich trage keine Bedenken, auch die Glaubenswissenschaft im Horizont einer so verstandenen Rationalität zu sehen. Die Kirche wünscht eine selbständige theologische Forschung, die vom kirchlichen Lehramt unterschieden ist, sich ihm aber verpflichtet weiß im gemeinsamen Dienst an der Glaubenswahrheit und am Volke Gottes. Es wird nicht auszuschließen sein, daß Spannungen und auch Konflikte entstehen. Aber dies ist auch im Verhältnis von Kirche und Wissenschaft niemals auszuschließen. Es hat seinen Grund in der Endlichkeit unserer Vernunft, die in ihrer Reichweite begrenzt und dazu dem Irrtum aus­gesetzt ist. Dennoch können wir stets Hoffnung auf versöhnende Lösung ha­ben, wenn wir auf die Wahrheitsfähigkeit eben dieser Vernunft bauen.

In einer vergangenen Epoche haben Vorkämpfer der neuzeitlichen Wissen­schaft gegen die Kirche mit den Schlagworten Vernunft, Freiheit und Fort­schritt gekämpft. Heute, angesichts der Sinnkrise der Wissenschaft, der vielfäl­tigen Bedrohung ihrer Freiheit und des Zweifels am Fortschritt, haben sich die Kampfesfronten geradezu vertauscht.

Heute ist es die Kirche, die eintritt für die Vernunft und die Wissenschaft, der sie die Fähigkeit zur Wahrheit zutraut, welche sie als humanen Vollzug legitimiert.

Heute ist es die Kirche, die eintritt für die Freiheit der Wissenschaft, durch die sie ihre Würde als menschliches, personales Gut hat.

Heute ist es die Kirche; die eintritt für den Fortschritt im Dienste einer Menschheit, die seiner zur Sicherung ihres Lebens und ihrer Würde be­darf.

Mit dieser Aufgabe steht die Kirche und stehen alle Christen im Zentrum der Auseinandersetzungen unserer heutigen Zeit. Eine tragfähige Lösung für die drängenden Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz, nach den Maßstäben des Handelns und nach den Perspektiven einer weiterreichenden

Hoffnung ist nur in der erneuerten Verbindung des wissenschaftlichen Den­kens mit der wahrheitssuchenden Glaubenskraft des Menschen möglich. Das Ringen um einen neuen Humanismus, auf den die Entwicklung des dritten Jahrtausend gegründet werden kann, wird nur zum Erfolg führen, wenn in ihm die wissenschaftliche Erkenntnis wieder in lebendige Erziehung tritt mit der Wahrheit, die dem Menschen als Geschenk Gottes offenbart ist. Die Vernunft des Menschen ist ein großartiges Instrument für die Erkenntnis und Gestal­tung der Welt. Sie bedarf aber, um die ganze Fülle der menschlichen Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen, einer Öffnung für das Wort der ewigen Wahrheit, das in Christus Mensch geworden ist.

Eingangs sagte ich, unser Treffen heute solle ein Zeichen der Gesprächsbe­reitschaft zwischen Wissenschaft und Kirche sein. Ist nicht bei diesen Über­legungen deutlich geworden, wie dringend dieser Dialog ist? Beide Seiten soll­ten nüchtern, hörend, beständig fortsetzen. Wir brauchen einander.

In diesem Dom werden seit Jahrhunderten die Gebeine der Weisen bewahrt und verehrt, die am Beginn des neuen Zeitalters, das mit der Menschwerdung Gottes angebrochen ist, sich aufmachten, um den wirklichen Herrn der Welt zu huldigen. Diese Männer, in denen sich das Wissen ihrer Zeit vereinigte, werden so zum Leitbild für den wahrheitssuchenden Menschen überhaupt. Der Mensch, der auf diese Wahrheit zugeht, erleidet keine Einbuße seiner Freiheit, sondern wird in der vertrauensvollen Hingabe an den Geist, der uns durch das Erlösungswerk Jesu Christi zugesagt ist, zur vollen Freiheit und zu einer wirklich humanen Existenzereihung geführt.

Die Wissenschaftler und Studenten und Sie alle aber, die Sie heute hier zusammengekommen sind, rufe ich auf und bitte Sie, in Ihrem Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis das letzte Ziel Ihrer Arbeit und Ihres ganzen Lebens ständig vor Augen zu haben. Dazu empfehle ich Ihnen besonders die Tugenden der Tapferkeit, die in einer zweifelnden, der Wahrheit entfremde­ten und sinnbedürftigen Welt die Wissenschaft verteidigt, und der Demut, mit der wir die Endlichkeit der Vernunft vor der sie übersteigenden Wahrheit anerkennen. Es sind genau die Tugenden Alberts des Großen.

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Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls (25) – Papst Johannes Paul II. in Deutschland – 15.-19. November 1980

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