Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II -13

20051114123159!Weltreligionen

II. DIE KIRCHE UND DIE RELIGIONEN

1. Die Religion und der Götzendienst

„Für jedes menschliche Wesen, das in diese Welt kommt, gibt es nur einen einzigen göttlichen Plan (vgl. Joh 1,9), einen einzigen Anfang und ein einziges Ziel, unbeschadet seiner Hautfarbe, des geschichtlichen und geo­graphischen Horizonts, in dem es leben und handeln soll, der Kultur, in der es aufwächst und sich ausdrückt. Die Unterschiede sind im Vergleich zur Einheit weniger wichtig. Letztere ist dagegen tiefgreifend, grundle­gend und bestimmend.“29

Gottes einziger und endgültiger Plan für die Menschheit ist der einer umfassenden Einheit des Menschengeschlechtes. Die Menschheit hat ei­nen einzigen Ursprung und ein einziges letztes Ziel: Gott. Es besteht eine tiefe Einheit aller Menschen, insofern sie aufgrund des Geheimnisses der Schöpfung alle den gleichen Ursprung und die gleiche Bestimmung ha­ben und in den gleichen göttlichen Plan eingefügt sind. Die negativen Unterschiede in der Menschheit sind ein „Werk des Menschen“. Sie stam­men aus der Sünde Adams und den Sünden der Menschen. Die Spaltun­gen zwischen den Menschen sind eine Folge der Tatsache, daß sie sich von ihrem Ursprung und Ziel entfernt haben. Dennoch können die nega­tiven Unterschiede nicht den gemeinsamen Ursprung und die gemein­same Bestimmung der Menschen auslöschen, wie auch immer ihre ge­schichtlichen und geographischen, theologischen und anthropologischen Horizonte seien.

„Ich bin Jahwe, dein Gott. (…) Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ (Ex 20,2-3).

„In den Stunden der Versuchung und der Sünde macht sich Israel Göt­zen, einen falschen und leblosen Gott. Dies gilt für den Menschen jeder

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29 Johannes Paul II., Ansprache vom 22. 12. 1986, 2, 2021.

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Zeit, auch der unsrigen. Auf die Frage nach der letzten Bestimmung kann er antworten, indem er die Existenz Gottes anerkennt oder indem er ihn durch eine Karikatur eigener Erfindung ersetzt, durch einen Götzen wie zum Beispiel das Geld, – das für ihn Nützliche – oder das Vergnügen.

Deshalb ermahnt der heilige Paulus in aller Schärfe: »Sie behaupteten, weise zu sein, und wurden zu Toren. Sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit Bildern, die einen vergänglichen Men­schen und fliegende, vierfüßige und kriechende Tiere darstellen« (Röm 1,22-23).“30

Das erste Gebot des Dekaloges ist die Grundlage für alle weiteren, es ist das Fundament für das menschliche Dasein überhaupt. Die Person, die dem Gebot zuwiderhandelt, lehnt es ab, Gott als seinen Ursprung anzuer­kennen, und bricht die gebotene Ordnung in bezug auf sein letztes Ziel, auf sich selbst, auf andere Personen und auf alle geschaffenen Dinge (vgl. GS 13). Eine solche Person wendet sich einerseits dem Pol des Nichts und dem polaren Stern des höllischen Abgrundes, andererseits den Geschöp­fen zu. Indem die Person sich selbst und die Welt verabsolutiert, betet sie sich selbst, die Welt und Luzifer an. Sie wirft sich also auf die Knie und gibt sich der Götzenanbetung preis. Die Götzen sind eine Fata Morgana, oder auch „Nichtigkeiten“. Indem die Person in der Optik ihrer Erkennt­nis geschaffene Wirklichkeiten ins Unendliche vergrößert, verwandelt sie sie in das, was sie nicht sind: nämlich in Gottheiten.

Durch den schrecklichen Sündenfall zerstörte Adam sowohl die ur­sprüngliche allumfassende Religion als auch die vollkommene übernatür­liche und natürliche Einheit der Menschheit. Und er führte den Götzen­dienst (eine umgekehrte oder negative Religion) in die Geschichte und Geographie des Menschengeschlechtes ein. Der Götzendienst zerstückelte im Verlauf der Geschichte die ursprüngliche Religion, und die Mensch­heit spaltete sich innerlich und äußerlich. Die Spaltungen entfernten die Menschen von ihrem Ursprung und Ziel und machten sie zu Feinden untereinander. Das traurige Erbe der Spaltung zwischen den Menschen dau­ert durch die Jahrhunderte fort. Die Folgen sind Kriege, Unterdrückun­gen, Verfolgungen und Konflikte jeder Art.

Die absteigende Spirale der unteren Hemisphäre der Menschheit sam­melt zu jeder Zeit die Menschen, die die falschen Götter anbeten (vgl. Röm 1,18-32). Die verschiedenen Formen des Götzendienstes (die negati-

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30 Johannes Paul II., Ansprache vom 19. 10. 1983, 2, 816; vgl. ders., Ansprache vom 14. 3. 1993, 1, 631-632; ders., Ansprache vom 20. 9. 1980, 2, 687. Zur absteigenden Spirale der gefallenen Menschheit vgl. ders., Ansprache vom 17. 9. 1986, 2, 629; ders., Ansprache vom 3. 8. 1988, 3, 207-208.

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ven Religionen) stehen unter der Herrschaft der polaren Stadt Babylon. Unter ihrer Anleitung errichten sie den Turm von Babel. In den Staaten, Reichen und Imperien des Götzendienstes ist der Mensch kein Subjekt mit unveräußerlichen Rechten mehr. Er zählt nicht mehr als Mensch, sondern nur noch als Einheit und Objekt. Jedes Regime, das Götzen dient, hält den Menschen in einer Art von Sklaverei gefangen. Die entpersonalisierten Massen, die auf immer neue Weise den Turm von Babel errichten, sind der Sklaverei der Eitelkeit aller Eitelkeiten verfallen.

„Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die gestern wie heute die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Exi­stenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“ (NA 1).

„Der Mensch sucht in den Religionen nach der Antwort auf die oben auf­gezählten Fragen und geht in unterschiedlicher Weise eine Beziehung ein zu »dem Geheimnis, das unsere Existenz umhüllt«. Die verschiedenen nichtchristlichen Religionen sind also vor allem der Ausdruck dieser Suche von seiten des Menschen, während der christliche Glaube seine eigene Grundlage in der Offenbarung von seiten Gottes hat. Und darin besteht ­trotz einiger Ähnlichkeiten mit den anderen Religionen – sein wesentlicher Unterschied im Vergleich zu ihnen.“31

Die Religionen sind gleichsam das Echo der seit Jahrtausenden dauern­den Suche nach Gott; es handelt sich um eine unvollkommene, aber oft­mals aufrichtige Suche. Die Religionen bildeten sich in der unermeßlichen Komplexität der Geschichte, indem sie in verschiedenen Abstufungen und Arten eine Beziehung zu Gott eingingen. Eine jede Religion drückt in gewisser Weise das aus, „was den Menschen gemeinsam ist und sie treibt, ihr Geschick zu leben“ (NA 1). Eine jede setzt auf dem gemeinsamen Gang eine kleine oder große Zahl von Pilgern zum Absoluten in Bewe­gung.

Die Anhänger der Religionen stellen die ansteigende Spirale der gefal-

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31 Ders., Ansprache vom 5.6.1985, 1, 1721; vgl. Paul VI., Evangelii nuntiandi, Nr. 53; Johannes Paul II., Ansprache vom 3.4.1985, 1, 901-902; ders., Ansprache vom 25.1.1987, 1, 197.

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lenen Menschheit dar (vgl. Apg 17,22-28). Die ansteigende und die ab­steigende Spirale der Menschen verflechten sich im Leben der Religions­gemeinschaften. Deshalb vermischten und vermischen sich in ihnen in verschiedenen Abstufungen und Weisen die positiven und die negativen Elemente.

RelZErde

2. Die Weltkarte der Religionen

„Das Ökumenische Konzil hat einen entscheidenden Impuls gegeben, um das Selbstverständnis der Kirche zu formen, indem es uns in angemes­sener und kompetenter Weise die Sicht des Erdkreises als einer »Karte« mit verschiedenen Religionen vermittelt hat.“32

„Die katholische Religion ist von Jesus Christus offenbart, dem mensch­gewordenen, am Kreuz gestorbenen und auferstandenen Sohn Gottes: Daher ist sie eine einzige und ausschließliche Religion; sie ist vom Lehr­amt der Kirche garantiert; sie bleibt geheimnisvoll, weil sie göttlich ist, und fordernd, weil sie heilbringend ist. Sie kann sich nicht ändern, weil sie sich von der Unveränderlichkeit des Gottes der Schöpfung und Offen­barung herleitet.“33

Das Dekret „Unitatis redintegratio“ über den Ökumenismus und die Erklärung „Nostra aetate“ über die nichtchristlichen Religionen müssen beide im Kontext der Konstitution „Lumen gentium“ gelesen werden. Die katholische Religion, das heißt die allumfassende Religion der alles um­fassenden Kirche, ist ohne Irrtümer: Sie ist der Mittelpunkt der konzen­trischen Kreise der verschiedenen Religionen. Je mehr die Kreise von der Vollkommenheit des Mittelpunktes entfernt sind, desto mehr Unvollkom­menheiten und Irrtümer enthalten sie. Die Anhänger der christlichen Konfessionen bevölkern innerlich verschiedene theologische und anthro­pologische Breitengrade der oberen Hemisphäre der Menschheit, die mehr oder weniger weit vom polaren Jerusalem entfernt liegen.

Die von Christus eingesetzten Sakramente „besitzen die Kraft, den Menschen über sich selbst und die natürliche Ordnung in die Sphäre des Göttlichen zu erheben, ihm ein neues Leben einzugießen, um wirklich für Gott zu leben. Dieses Merkmal ist das einzigartige Merkmal des christli-

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32 Johannes Paul II., Redemptor hominis, Nr. 11.

33 Ders., Ansprache vom 4. 10. 1980, 2, 767.

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chen Glaubens; er ist die Religion der persönlichen Freundschaft zwi­schen Gott und seiner Schöpfung, die Religion der Gotteskindschaft des Menschen.“34

Zwischen der katholischen und christlichen Religion und den Religio­nen der gefallenen Menschheit besteht ein wesentlicher Unterschied. Die nichtchristlichen Religionen, die sich untereinander fast als konzentrische Kreise anordnen, befinden sich auf der unteren Hemisphäre der Mensch­heit auf unterschiedlichen theologischen und anthropologischen Längen­graden. Das Konzil erwähnt die Naturreligionen und die mit dem kultu­rellen Fortschritt verbundenen Religionen (vgl. NA 2). Die Katholische Kirche „lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist“ (NA 2).

Die islamische (vgl. NA 3) und die jüdische (vgl. NA 4) Religion gehören einer anderen Gattung an. Erstere bildete sich in bezug auf die göttliche Offenbarung des Alten und des Neuen Testamentes. Sie ist vom fundamen­talen Bruch mit Christus und seiner Kirche gekennzeichnet. Aber „die Kir­che betrachtet mit Hochachtung auch die Muslime“ (NA 3) und weiß das Wahre und Heilige in ihrem geistigen Erbe zu schätzen. Der fundamentale Bruch mit Christus und seiner Kirche kennzeichnet auch die jüdische Reli­gion. Ein Großteil des jüdischen Volkes hat seinerzeit den verheißenen Messias nicht angenommen. Daher wartet das jüdische Volk noch immer auf sein Kommen. Die Kirche hat mit der jüdischen Religion das große Erb­gut der Offenbarung des Alten Testamentes gemeinsam.

3. Die Kirche, das Geheimnis der Sendung

„Im großen Plan Gottes über die Menschheit findet die Kirche ihre Identität und ihre Aufgabe als »allumfassendes Heilssakrament« (LG 48) gerade darin, daß sie »Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereini­gung mit Gott und für die Einheit der ganzen Menschheit« (LG 1) ist.“35

„Wie der heilige Thomas von Aquin schreibt, »gibt es kein Heil ohne die Einheit mit dem mystischen Leib: Niemand kann sich ohne die Kirche

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34 Pius XII., Ansprache vom 17. 2. 1945, in: Discorsi VI, 310; Johannes Paul II., Ansprache vom 1. 3.1 990, 1, 563: „Gott ist Gemeinschaft, weil er Liebe ist. Unsere Brüder und Schwestern der nichtchristlichen Religionen haben zwar einen Begriff von Gott dem »Einzigen«, einen »monotheistischen« Gottesbegriff, aber sie haben keinen Begriff von Gott als Communio.“

35 Johannes Paul II., Ansprache vom 15.4. 1992, 1, 1109.

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retten, wie bei der Sintflut sich niemand außerhalb der Arche Noachs ret­ten konnte, des Symbols der Kirche, wie Petrus lehrt (1 Petr 3,20-21)« (S. th., III, q. 73, a. 3).“36

Es ist eine offenbarte Wahrheit, daß das Heil nur und ausschließlich in Chri­stus ist (vgl. 1 Tim 2,5; Apg 4,12). Das einfache Instrument dieses Heils ist die Kirche, weil sie der Leib Christi ist. In der Kirche, in die die Menschen „durch die Taufe wie durch eine Tür“ (LG 14) eintreten, werden sie durch Christus in das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes eingeführt und neh­men so am Geheimnis des inneren göttlichen Lebens, am ewigen Leben teil.

Die Arche Noachs war ein Sinnbild der Kirche. Die Kirche ist die wahre Arche Noachs: ein universelles Sakrament des Heiles. In der Kirche werden die Menschen von der Sintflut der Sünde erlöst, die die gefallene Mensch­heit überflutet und die untere Hemisphäre der Erde der Personen verwü­stet. Sie werden zur Teilnahme am Leben Christi und Gottes erhoben.

„Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach »missionarisch« (das heißt als Gesandte unterwegs), da sie selbst ihren Ursprung aus der Sendung des Sohnes und der Sendung des Heiligen Geistes herleitet, gemäß dem Plan Gottes des Vaters“ (AG 2).

„Die Kirche lebt die Wirklichkeit der Communio dank des Wirkens des Geistes, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Er ermöglicht es ihr, die Liebe zu leben; er erfüllt sie mit innerer Freude und läßt sie in der Wahrheit wachsen. Diese Liebe treibt sie auch, für alle Menschen zum Ort und zur Gemeinschaft des Heiles zu werden. Daher ist sie selbst Communio und Sen­dung. Das ist die grundlegende Aussage der ganzen Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils.“37

Die Sendung Christi des Priesters, des Meisters oder Propheten und Königs setzt sich in der Kirche fort. Durch die Salbung bei der Taufe gleicht der Heilige Geist die Menschen Christus, dem Priester, Propheten

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36 Ders., Ansprache vom 15. 4. 1992, 1, 1109; vgl. ders., Redemptor hominis, Nr. 10; Redemptoris missio, Nr. 20: „Die Kirche ist das Heilssakrament für die ganze Menschheit.“

37 Ders., Ansprache vom 9. 6. 1990, 1, 1555; vgl. ders., Ansprache vom 22.10. 1978, 38; ders., Christifideles laici, Nr. 14; Paul VI., Ansprache vom 27. 7. 1966, 821f: Die Kirche ist eine ständig in der Mission befindliche Gemeinschaft. Ihre Glieder sind jedenfalls zur Mission berufen (vgl. LG 17; AG 35-36), jedoch in verschiedener Weise und unter unterschiedlichen Bedingungen, vgl. Johannes Paul II., Botschaft vom 8. 6. 1985, 1, 1743f; Paul VI., Ansprache vom 26. 10. 1966, 878f.

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und König, an. Sie erhalten einen neuen Namen und werden erleuchtet bezüglich ihrer göttlichen Berufung und ihrer Sendung in Kirche und Welt. Die Christen – die „Gesalbten“ – haben am priesterlichen, propheti­schen und königlichen Amt Christi teil. Als neue Menschen führen sie ihre messianische Sendung kraft des österlichen Geheimnisses Christi aus.

Das Gebiet der Sendung der allumfassenden Kirche ist unermeßlich groß, weil sie sich „bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8) der Menschen erstreckt. Im Heiligen Geist bringt die Kirche Christus zu allen Nationen der Erde: Sie bringt Gottes Heil. Andererseits trachtet die Kirche in ihrer missionarischen Dynamik danach, alle Nationen der Erde zu Christus und zu dem Dreieinen Gott hinzuführen.

„Das Konzil spricht im Hinblick auf die Christen von der Zugehörigkeit zur Kirche, – und im Hinblick auf die Nicht-Christen, die an Gott glauben, also auf die Menschen, die guten Willens sind, von der Hinordnung zur Kirche (vgl. LG 15-16). Diese Dimensionen sind beide wichtig für das Heil, und jede einzelne besteht aus mehreren Stufen. Die Menschen retten sich durch die Kirche, sie retten sich in der Kirche, doch immer retten sie sich dank Christus. Abgesehen von der formalen Zugehörigkeit können auch andere Formen der Hinordnung dem Bereich des Heiles zugehören. Paul VI. legt diese Lehre in seiner ersten Enzyklika Ecclesiam suam dar, wenn er von verschiedenen Gesprächskreisen des Heiles spricht (Nr. 101-117), die identisch sind mit den vom Konzil bezeichneten Bereichen der Zugehörigkeit und der Hinordnung zur Kirche. Dies ist der ursprüngliche Sinn der bekann­ten Aussage: »Außerhalb der Kirche ist kein Heil«.“38

Das Konzil lehrt, daß die heilbringende Gnade Christi unsichtbar auch in den Herzen der Menschen wirkt, die sein Evangelium nicht kennen. Die Gnade wirkt jedoch nicht unabhängig von der Kirche. Die religiösen Menschen, die der Anregung der Gnade nachkommen, treten in den Be­reich der oberen Hemisphäre der theologischen und anthropologischen Welt ein. Formell treten diese Menschen zwar nicht in die Kirche ein, aber innerlich gehören sie in gewisser Weise zu ihrem Herzen.

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38 Johannes Paul II., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, 168.

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4. Die Kirche, das Sakrament der Einheit

„Der einzige und endgültige göttliche Plan hat seinen Mittelpunkt in Jesus Christus, Gott und Mensch, »in dem die Menschen die Fülle des reli­giösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat« (NA 2).“39

Jesus Christus ist der Mittelpunkt von Gottes großartigem Plan einer vollkommenen übernatürlichen und natürlichen Einheit des Menschen­geschlechtes. Durch das Kreuz Christi und durch seine Auferstehung hat Gott die trennenden Mauern in der in Adam gefallenen Menschheit nie­dergerissen und die vollständig umfassende, übernatürliche und natürli­che Einheit wiederhergestellt (vgl. Eph 2,13-16). Indem die Menschen und Völker im Glauben das österliche Wort Christi aufnehmen, versöhnen sie sich mit Gott und untereinander. Sie treten jetzt in eine vollkommen um­fassende, übernatürliche und natürliche Einheit ein und bilden den mysti­schen Leib Christi, das heißt die Kirche.

Die Kirche ist in Christus das Sakrament der umfassenden, übernatürli­chen und natürlichen Einheit des Menschengeschlechtes. In der Kirche werden die menschlichen Personen aus Spaltung und Zerstreuung ge­rettet. Innerlich sind sie in der umfassenden, übernatürlichen und natürli­chen Einheit auf den Längen- und Breitengraden der Heilsgeschichte und Heilsgeographie vereinigt. Und äußerlich sind sie in der umfassenden Einheit auf den Längen- und Breitengraden der Heilsgeschichte und Heilsgeographie versammelt.

„Zu dieser katholischen Einheit des Gottesvolkes, die den allumfassen­den Frieden bezeichnet und fördert, sind alle Menschen berufen. Auf ver­schiedene Weise gehören zu ihr oder sind ihr zugeordnet die katho­lischen Gläubigen, die anderen an Christus Glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes zum Heile berufen sind“ (LG 13).

Das Zweite Vatikanische Konzil „war nicht so sehr deswegen notwen­dig, weil einer ganz bestimmten Häresie entgegengewirkt werden sollte, wie das in den ersten Jahrhunderten der Fall war, sondern vielmehr, um einen bipolaren Prozeß einzuleiten. Auf der einen Seite sollte der Ausein­anderentwicklung der Christenheit, wie sie das gesamte zweite Jahrtau­send gekennzeichnet hat, ein Ende gesetzt werden; auf der anderen Seite

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39 Ders., Ansprache vom 22. 12. 1986, 2, 2021-2022.

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sollte an der Schwelle zum dritten Jahrtausend soweit wie möglich eine gemeinsame Verkündigung in Angriff genommen werden.40

„Alle sollen eins sein (…) damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21). Am Vor­abend der Passion, die ihn zum Tod am Kreuz führen sollte, „um die ver­sprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln“ (Joh 11,52), betete Jesus für die vollkommene Einheit seiner Kirche bis zum Ende der Welt. Von eini­gen kleineren Spaltungen abgesehen, war das erste christliche Jahrtau­send eine Zeit der ungeteilten Kirche. Das zweite Jahrtausend hat sowohl im Osten als auch im Westen tiefgreifende Spaltungen unter die Christen gebracht.

Am Ende des zweiten Jahrtausends hat der Heilige Geist die Christen in ihrem Herzen „berührt“ und sie aufgefordert, sich für das wahrhaft hi­storische Unternehmen einzusetzen, die alten und neuen Spaltungen zu überwinden. Das II. Vatikanische Konzil hat sich auf höchster Ebene zum Vermittler der ökumenischen Bewegung gemacht. Das „Konzil der Kir­che“ hat der ökumenischen Bewegung einen starken Impuls gegeben. Der öku­menische Weg ist ein Prozeß, der schrittweise die natürlichen Hinder­nisse überwinden muß, die sich im Lauf der Jahrhunderte angehäuft ha­ben, ob sie nun die Lehre betreffen oder kultureller und sozialer Art sind.

„Wir vertrauen darauf, daß »Gott der Herr (…) auf der ganzen Erde von seinem Volk die Schande hinwegnimmt« (Jes 25,8). Die Zerstörung der Ein­heit ist eine Schande; eine Schande ist die Spaltung. Möge der Tag bald kommen, da wir alle, die wir an Christus glauben, untereinander versöhnt in Freude gemeinsam rufen können: »Seht, das ist unser Gott, auf ihn haben wir unsere Hoffnung gesetzt, er wird uns retten!« (Jes 25,9).“41

Die ökumenische Bewegung will alle Christen in der übernatürlichen und natürlichen Einheit des polaren und globalen Jerusalems wiederver­einen. Die Anhänger der christlichen Konfessionen, die sich von Jerusa­lem entfernen, vertiefen jedoch in dieser nachkonziliaren Zeit die Spal­tungen. In diesem Zusammenhang bewahrheitet sich nur noch mehr, daß „die Wiederversöhnung aller Christen in der Einheit der einen und ein­zigen Kirche Christi die menschlichen Kräfte und Fähigkeiten übersteigt“ (UR 24). Gleichzeitig verringern die Anhänger der christlichen Konfessio-

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40 Ders., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, 188; vgl. ders., Ansprache vom 26. 1. 1989, 1, 188f; ders., Ansprache vom 24. 1. 1990, 1, 162f.

41 Ders., Ansprache vom 26. 1. 1989, 1, 191.

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nen, die zum polaren und globalen Jerusalem aufsteigen, die Spaltungen. Im Rahmen des zweiten Advents schreitet die ansteigende Spirale der Katholiken und Christen Jesus entgegen, der in Herrlichkeit wiederkom­men wird. Im Augenblick der größten Verherrlichung seines Kreuzes wird Jesus Christus durch den Heiligen Geist sehr machtvoll wirken. Im großartigen Geheimnis des zweiten Pfingsten (des zweiten Weihnachten) wird er die vollkommene Einheit aller seiner Jünger wiederherstellen. Das erneuerte polare und globale Jerusalem, das heller als tausend Son­nen erstrahlen wird, wird die Macht besitzen, allen Völkern der Erde den Erlöser zu verkünden.

„Das Menschengeschlecht muß durch die Pluralität zur Einheit gelangen; es muß sich unter Berücksichtigung der Vielzahl an Denk- und Handlungsweisen, Kulturen und Gesellschaften in der einen Kirche versammeln.“42

„Der Christus des Millenniums ist der göttliche Christus der Evangelien, der zwar in die Herrlichkeit eingegangen ist, aber trotzdem in seinem Wort und in seiner Kirche weiterlebt. Er ist kein schwacher und untätiger Christus, sondern ein Christus, der über zwanzig Jahrhunderte trium­phiert hat und auch weiterhin »Gottes Kraft und Weisheit« (1 Kor 1,24) ist. Dem, der ihn aufnimmt, gibt er darüber hinaus die Macht, Kind Gottes zu werden, durch Adoption das zu werden, was er von Natur aus ist: der Sohn Gottes. Der Christus des Millenniums ist der Mensch, der in die Ge­schichte der Völker eingetreten ist (…).“43

„Der Bund mit Noach bleibt solange in Kraft, wie die Zeit der Völker dauert (vgl. Lk 21,24).“44 Mit dem zweiten Kommen Christi wird sich die Zeit der Nationen erfüllen. Für sie wird der unsagbare Moment kommen, da „die Zeit erfüllt“ ist (vgl. Gal 4,4). In der höchsten Verherrlichung sei­nes Kreuzes wird Christus sie mit Feuer und mit dem Heiligen Geist tau­fen. Im noch nie gehörten Wunder des zweiten Pfingsten (des zweiten Weihnachten) wird Christus, wird der Dreieine Gott die Anhänger aller Religionen in seine Arme nehmen; und auch die umfassende Kirche wird sie umarmen. Dann werden sich auch die Muslime bekehren.

Das jüdische Volk „hat am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts dasselbe

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42 Ders., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, 180.

43 Ders., Ansprache vom 16. 4. 1988, 1, 911.

44 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 58.

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Bewußtsein wie Abraham, als die Stimme Gottes ihn aufrief, den Pilgerweg des Glaubens einzuschlagen und er ihr folgte. Und welches andere Wort des Evangeliums hören wir häufiger als dieses: »Folge mir nach!« (Mt 8,22)?“45 „Der zweitausendste Jahrestag seiner Ankunft (der Geburt Christi) auf Er­den wird auch für die Juden ein Fest sein.“46

Das jüdische Volk ist ein besonderes Volk, das noch immer die Zeichen der göttlichen Erwählung trägt. Die Ereignisse des Leidens Christi und seinen Leidensweg „kann man (…) weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen“ (NA 4), son­dern vielmehr den Sünden aller Menschen und Völker. Der Antisemitismus ist eine Sünde gegen die Menschheit. Die Juden liegen Gott dank der Väter am Herzen, dessen Gnade und Berufung ohne Reue sind (vgl. Röm 11,28­29). Das jüdische Volk hat tatsächlich einen hohen Preis für seine „Erwählung“ bezahlt. Vielleicht ist es deshalb dem Menschensohn, der der Geburt nach auch ein Sohn Israels war, sehr ähnlich.

Wenn der Eintritt der Nationen in die Kirche vollendet ist, wird der lange herbeigesehnte und erwartete Augenblick der Bekehrung des jü­dischen Volkes zu Jesus Christus kommen (vgl. Röm 11,25-27). In der höchsten Verherrlichung seines Kreuzes wird Christus es mit Feuer und mit dem Heiligen Geist taufen. In einem unermeßlichen Wunder barm­herziger Liebe wird Christus, wird der Dreieine Gott, das jüdische Volk in seine Arme nehmen; und auch die umfassende Kirche wird es liebevoll umarmen. Im wunderbaren Ereignis des zweiten Pfingsten (des zweiten Weihnachten) werden die Anhänger der jüdischen Religion mit übermä­ßiger Freude den triumphierenden Messias und seine glorreiche Herr­schaft anerkennen. Ganz und gar vom König der Herrlichkeit erleuchtet, werden sie mit eiligen Schritten in den Frieden des übernatürlichen und natürlichen Jerusalems eintreten.

„An der Schwelle zum dritten christlichen Jahrtausend stehen wir vor einem neuen großen Anfang der Geschichte der Menschheit.“47

„Die Zivilisation der Zukunft wird entweder eine Zivilisation der Liebe

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45 Ders., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, 144-145.

46 Ebd., 127; vgl. ders., Ansprache vom 13. 4. 1986, 1,1024f.

47 Ders., Ansprache vom 16. 9. 1994.

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sein oder überhaupt keine Zivilisation sein.“48

Mit der wundersamen Bekehrung der Völker zu Jesus Christus wird die untere Hemisphäre der Menschheit nicht mehr existieren. Dann wird auch die große Stadt Babylon verschwinden (vgl. Offb 18,21). Die christli­che und menschliche Familie wird wieder in vollständiger Einheit in der vollkommenen Einheit der polaren und umfassenden Kirche vereint sein. Das dritte Jahrtausend wird das Zeitalter der Kirche – des neuen Jerusa­lems – in einer nie zuvor dagewesenen Pracht sein (vgl. Offb 21,1-4.10-11. 23-27). Mit dem Verschwinden der Spaltungen wird es auch den herrsch­süchtigen, individuellen, kollektiven, nationalen und internationalen Egoismus und damit auch die unerbittlichen Klassenkämpfe, Revolutio­nen und Kriege nicht mehr geben. Im umfassenden Frieden wird auf der Erde der Personen ein unermeßlicher Frühling der Verherrlichung des Dreieinen Gottes und eine Zivilisation der Liebe aufblühen.

III. DIE HIERARCHISCHE KONSTITUTION DER KIRCHE

1. Die Struktur des Gottesvolkes

„So kommt es, daß das Gottesvolk nicht nur aus den verschiedenen Völkern sich sammelt, sondern auch in sich selbst aus verschiedenen Ord­nungen gebildet wird“ (LG 13).

Der Verkehr unter den Personen in der menschlichen Welt ist komplex. Das pilgernde Gottesvolk ist keine Summe oder Masse von sich in Bewe­gung befindenden Individuen, sondern eine Gemeinschaft von Gläubi­gen, die unterwegs sind. Unter allen Gliedern des Volkes besteht durch ihre Wiedergeburt in Christus eine wahre Gleichheit, was die Würde und das Handeln betrifft. Als neue Menschen wandeln sie alle in der Übung der Tugenden in der übernatürlichen und natürlichen Ordnung.

Das christliche Volk besitzt eine göttliche und eine menschliche Struktur. Christus selbst hat in der Kirche verschiedene Ordnungen und Ämter ein­gesetzt, um das Gottesvolk zu leiten und immer weiter zu vermehren. Die Grundstruktur umfaßt all das, was in der Kirche auf göttliche Einsetzung zurückzuführen ist, das heißt drei verschiedene Ordnungen: die Hierar-

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48 Ders., Ansprache vom 27. 5. 1984,1, 1550; ders., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, 253: „André Malraux hatte gewiß recht, als er sagte, daß das 21. Jahrhundert entweder das Jahrhundert der Religion sein oder gar nicht sein werde.“

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chie, die Laien und die gottgeweihten Personen. Die Grundstruktur nimmt im Lauf der Zeit kontingente und somit veränderliche Formen an.

„Die Kirche, eine priesterliche, sakramentale und prophetische Ge­meinschaft, wurde von Jesus Christus als eine gegliederte und hierarchi­sche Gemeinschaft mit Dienstämtern gegründet, deren Aufgabe die seel­sorgliche Leitung zur Förderung und zum ständigen Wachstum der Ge­meinschaft ist. Die ersten mit einem solchen pastoralen Dienstamt Beauf­tragten sind die zwölf Apostel, von Jesus Christus als sichtbares Funda­ment seiner Kirche ausgewählt.“49

Christus hat in der Kirche eine Hierarchie und eine Amtsstruktur ge­schaffen, die von den Aposteln gebildet wurde und die „bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20) fortbestehen soll. Christus ist kraft seines Osterge­heimnisses zum Vater zurückgekehrt. In seiner unendlichen Liebe wollte er aber inmitten seines Volkes bleiben. Dies in besonderer und sichtbarer Weise durch die Hierarchie, die seine messianische Sendung fortsetzt und seine erlösende Wirkung in Raum und Zeit verlängert.

Die Empfänger des Sakramentes der Weihe sind durch eine besondere Gnade des Heiligen Geistes Christus gleichgestaltet. Sie sind befähigt, als Vertreter Christi, des Hauptes der Kirche, in seinem dreifachen Amt als Priester, Prophet und König zu handeln. Das Sakrament der Weihe ver­leiht ihnen eine besondere Gabe des Heiligen Geistes und ihrer Seele ein unauslöschliches Siegel. Es überträgt eine „heilige Gewalt“, die Voll­macht Christi, des Hauptes der Kirche.

Die Empfänger des Sakramentes der Weihe werden zu Gliedern der kirchlichen Hierarchie, die drei Stufen hat: das Episkopat, das Presbyterat und das Diakonat. Die Glieder der Hierarchie stehen im Dienste Christi, des Hauptes der Kirche, und der Menschen in der Heilsgeschichte und Heilsgeographie. Sie stehen im Dienst der Gemeinschaft und der Aufer­bauung des Volkes Gottes. Sie müssen Christus nachahmen, der sich aus Liebe zum Geringsten zum Diener aller gemacht hat (vgl. Mk 10,43-45; 1 Petr 5,3).

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49 Ders., Ansprache vom 1. 7. 1992, 2, 1; Paul VI., Ansprache vom 1. 3. 1964, 1072: „Die Kirche hat zwei Dimensio­nen: eine hierarchische der Paternität, die man als vertikale bezeichnen könnte; eine der Brüderlichkeit, der Gemeinschaft, die vom Herrn gewollt ist“; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1533f.

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2. Das Kollegium der Apostel und der Bischöfe

„Der ewige Hirt Jesus Christus hat die heilige Kirche erbaut, indem er die Apostel sandte, wie er selbst gesandt war vom Vater (vgl. Joh 20,21). Er wollte, daß deren Nachfolger, das heißt die Bischöfe, in seiner Kirche bis zur Vollendung der Weltzeit Hirten sein sollten“ (LG 18).

„Mit der Stiftung der Zwölf (Apostel) schuf Jesus die Kirche als sichtbare, gegliederte Gesellschaft im Dienst des Evangeliums und der Ankunft des Reiches Gottes. Die Zahl zwölf nahm Bezug auf die zwölf Stämme Israels, und der Gebrauch, den Jesus davon machte, offenbart seine Absicht, ein neues Israel, das neue Volk Gottes als Kirche, zu schaffen. (…)

Was Jesus mit der Einsetzung der Zwölf bezweckte, wird von Markus erklärt: »Und er setzte die Zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten und mit seiner Vollmacht Dämo­nen austrieben« (Mk 3,14-15).“50

Die erste Grundlage des Zwölferkreises ist die vollkommene Hingabe an Christus; wer ihm nachfolgt, muß alles zurücklassen. Die zweite Grundlage ist die Sendung nach dem Vorbild Christi, der predigte, Dä­monen austrieb und das Reich Gottes in die Geschichte und Geographie der Menschheit brachte. Die Zwölf haben die Sendung und die Macht alle, Völker (vgl. Mt 28,18-20) zu evangelisieren, zu taufen (Mt 28,19), die Eu­charistie zu feiern (Lk 22,19) und Sünden zu vergeben (Joh 22,23). Um diese Sendung zu erfüllen, haben die Apostel außer der Vollmacht die besondere Gabe des Heiligen Geistes erhalten (vgl. Joh 20,21-22), der sich am Pfingsttag gemäß der Verheißung Jesu offenbart hat (vgl. Apg 1,8). Die Vollmacht der Apostel stellt sich als unabdingbare Forderung der Sen­dung dar. Dennoch ist sie die „Macht zu dienen“ (vgl. LG 24).

Jesus wollte, daß das Reich Gottes, das er in die Geschichte und Geo­graphie der Menschheit gebracht hat, auch nach seiner Rückkehr zum Vater in der Menschheit fortbesteht: und zwar durch die von ihm einge­setzte hierarchische Struktur. Jesus „überträgt“ den Aposteln das Reich, in enger Verbindung mit der Fortsetzung seiner messianischen Sendung (vgl. Lk 22,29). Der Dienst der Apostel ist an das „Geheimnis“ gebunden: Sie sind „Diener Christi und Verwalter von Geheimnissen Gottes“ (1 Kor 4,1).

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50 Johannes Paul II., Ansprache vom 1. 7. 1992, 2, 2; ders., Ansprache vom 8. 7. 1992, 2, 37f; ders., Ansprache vom 15. 10. 1993, 2, 1017-1018; ders., Ansprache vom 4. 11. 1987, 3, 995f; ders., Ansprache vom 20. 12. 1987, 3, 1475; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 880f.

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Christus gründete die Kirche als sein Sakrament. Und in ihr setzte er die sieben Sakramente als Quellen des göttlichen Lebens und somit der Teil­nahme am Leben des Dreifaltigen Gottes ein.

Die Apostel waren einstmals der Keim des neuen Israel und der Ursprung der heiligen Hierarchie (vgl. AG 5). Sie haben von Christus das Amt erhal­ten, in seinem Namen und mit seiner Vollmacht das neue messianische Volk zu lehren, zu heiligen und zu führen (vgl. AA 2). Die Apostel haben ihren Nachfolgern dieses Amt übertragen, das heißt den von ihnen geweihten Bi­schöfen. „Die Bischöfe sind aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel als Hirten der Kirche getreten“ (LG 20). Das Kollegium der Bischöfe folgt dem der Apostel.

„Der Herr Jesus setzte die Apostel nach Art eines Kollegiums oder ei­nes festen Kreises ein, an dessen Spitze er den aus ihrer Mitte erwählten Petrus stellte“ (LG 19).

Im Namen der Zwölf bekannte der Apostel Simon die Gottheit Jesu, und daraufhin enthüllte Jesus, welche Rolle er diesem Apostel in seiner Kirche zuteilen würde (vgl. Mt 16,16-19). Simon hatte eine Erleuchtung und Eingebung, die Jesus als „Offenbarung“ bezeichnete. Jesus gab Si­mon einen neuen Namen: Petrus (das aramäische Wort „Kephas“ wird im Griechischen mit „Petros“ übersetzt), was soviel wie „Fels“ oder „Stein“ bedeutet. Durch die neue Namensgebung läßt Jesus Simon Petrus an seiner Eigenschaft als Fundament teilhaben.

„Jesus sagt weiter: »Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen« (Mt 16,18). Das sind Worte, welche die Absicht Jesu bestätigen, seine Kirche mit ei­nem wesentlichen Bezug auf die besondere Sendung und Vollmacht des Simon Petrus zu bauen, die er ihm später verleihen wird. Jesus bezeichnet Simon Petrus als Fundament, auf dem die Kirche gebaut wird. Die Bezie­hung Christus-Petrus spiegelt sich also in der Beziehung Petrus-Kirche wider. Die erste verleiht der zweiten ihren Wert und enthüllt deren theo­logische und spirituelle Bedeutung, die objektiv und ekklesiologisch den Grund für die rechtliche Bedeutung legt. (…)

In jedem Fall kann (…) die auf den »Felsen« gebaute Kirche nicht zerstört werden. Das Bestehen der Kirche ist an den »Felsen« gebunden. In der Be­ziehung Petrus-Kirche wiederholt sich das Band zwischen Kirche und Christus. Denn Jesus sagt: »Meine Kirche.« Das heißt, daß die Kirche im­mer die Kirche Christi sein wird, die Kirche, die Christus gehört. Sie wird nicht Kirche Petri. Aber als Kirche Christi ist sie auf Petrus gebaut, der im Namen und durch die Kraft Christi »Fels« genannt wird.“51

Die Eigenschaft des Felsens ist auf die Person Simons bezogen, nicht auf eine Tat von ihm, sei sie auch noch so edel und Jesus wohlgefällig. Das Wort Felsen bezeichnet ein bleibendes, subsistierendes Sein; somit ist es einer Person gewidmet und nicht einer Handlung von ihr, die notgedrun­gen vergänglich sein muß.

Später sagt Jesus Petrus voraus, daß der Apostel ihn dreimal verleug­nen würde und beklagt seine Schwäche. Trotzdem übergibt er ihm die Aufgabe, die anderen zu stärken (vgl. Lk 22,31-34). Dieses Paradox zeigt die Größe der göttlichen Erwählung und Gnade, die die Schwäche des Menschen Simon übersteigen und ihm die Fähigkeit und die Kraft verlei­hen, den erhaltenen Auftrag zu erfüllen. In den Nachfolgern Petri wirkt eine besondere Gnade, die ihnen in ihrer Schwäche hilft und es ihnen er­möglicht, ihre Brüder im Glauben zu stärken.

Jesus vertraut Petrus die Schlüssel des Himmelreiches an und verleiht ihm die Binde- und Lösegewalt (vgl. Mt 16,19). Jesus verleiht Simon Pe­trus eine universelle und umfassende Vollmacht, die durch die himm­lische Bestätigung gesichert ist. Der Gegensatz „binden – lösen“ soll zei­gen, daß diese Vollmacht allumfassend ist. Es handelt sich nicht nur um die Vollmacht, bestimmte Punkte der Lehre und generelle Handlungs­regeln vorzulegen, sondern auch darum, alle für das Leben und die Ent­wicklung der Kirche notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Das Ziel dieser Vollmacht ist es, den Zugang zum Himmelreich zu öffnen, nicht ihn zu verschließen.

„Der Herr hat allein Simon zum Fels und Schlüsselträger der Kirche bestellt (vgl. Mt 16,18-19) und ihn als Hirten seiner ganzen Herde einge­setzt (vgl. Joh 21,15ff)“ (LG 22).

„Nach der Auferstehung gibt Jesus der Ankündigung und dem Verspre­chen bei Cäsarea Philippi (vgl. Mt 16,18-19) eine konkrete Form, indem er die Autorität des Petrus als Hirtenamt für die Gesamtkirche einsetzte.“52

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51 Johannes Paul II., Ansprache vom 25. 11. 1992, 2, 695.697; vgl. ders., Ansprache vom 9. 12. 1992, 2, 865f; vgl. Paul VI., Ansprache vom 24. 11. 1965, 1105; Johannes XXIII., Ansprache vom 28. 6. 1959, in: Discorsi I, 399; Pius Ansprache vom 30. 1. 1949, in: Discorsi X, 358.

52 Johannes Paul II., Ansprache vom 9. 12. 1992, 2, 865; vgl. Ökumenisches Konzil von Florenz, Dekret für die Griechen, in: DzH 1307; Erstes Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche I, in: DzH 3053; Johannes Paul II., Ansprache vom 2. 12. 1992, 2, 798f; ders., Ansprache vom 24. 3. 1993, 1, 734f; Pius XII., An-

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Durch das Opfer der Erlösung ist Christus endgültig zum Hirten und zur „Tür zu den Schafen“ (vgl. Joh 10,7.11.17) geworden, zur Tür zum neuen Jerusalem, das er mit seinem am Kreuz vergossenen Blut erbaute. Nach seiner Auferstehung überträgt Jesus Simon Petrus sein „Hirten“-Amt. Diese Übertragung impliziert eine innige Gemeinschaft in der Liebe und eine tiefere Vereinigung Petri mit dem Geheimnis des Kreuzes: „Weide meine Lämmer, (…) meine Schafe.“

Jesus setzt Petrus als Hirten seiner Herde (der Gesamtkirche) ein und verleiht ihm den apostolischen Primat. Jesus, der ewige Hirte, ernennt Petrus zu seinem Stellvertreter auf Erden: zum obersten und universellen Hirten der Kirche. Gleichzeitig verleiht er ihm die Vollmacht, die Gesamt­kirche zu weiden, zu führen und zu leiten. Der apostolische Primat Petri bringt auch den Jurisdiktionsprimat mit sich. Indem der ewige Hirte Pe­trus als universellen Hirten einsetzt, vertraut er ihm die Schlüssel für die Tür des neuen Jerusalems an. Petrus wird zum Schlüsselträger Jesu: Er nimmt in höchstem Maße an seiner heilbringenden Macht teil. Und Petrus wird auch zum Schlüsselträger (Haupt) des neuen Jerusalems. Petrus ist jetzt der erste Verwalter der heilbringenden Macht Christi. Er ist gemäß dem Geist des Evangeliums der „Diener der Diener Gottes“.

Petrus hat den Auftrag, „die Schafe zu weiden“ und „die Brüder im Glauben zu stärken“ (vgl. Lk 22,32). Die durchgehende Tradition der Kir­che hat zu Recht angenommen, daß in diesem apostolischen Primat Petri „auch die höchste Vollmacht des Lehramtes enthalten ist.“53 Christus hat einer einzelnen Person, nämlich Petrus, sowohl den Primat als auch die damit verbundene Vollmacht übertragen, auch wenn beide Vorrechte auf die Kirche hingeordnet sind. Sie leiten sich jedoch nicht von der Kirche her, sondern ausschließlich von Christus.

Das Erste Vatikanische Konzil hat als Glaubenswahrheit definiert, daß „durch die Einsetzung Christi des Herrn oder durch das göttliche Recht der selige Petrus fortdauernd Nachfolger hat im Primat über die gesamte Kirche.“54 Das gleiche Konzil hat unter Berufung auf die Tradition defi­niert, daß der Bischof von Rom der Nachfolger Petri ist und denselben Primat besitzt. Nachdem Simon Petrus Jerusalem und dann Antiochia verlassen hatte, führte ihn die göttliche Vorsehung nach Rom. Rom war die Hauptstadt des Reiches und das Zentrum der damaligen Welt. Petrus

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sprache vom 4. 9. 1947, in: Discorsi XIX, 362.

53 Erstes Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche IV, in: DzH 3065.

54 Erstes Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche II, in: DzH 3058.

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war der erste Bischof der römischen Kirche. Der Bischofssitz von Rom ist durch die ununterbrochene apostolische Nachfolge mit der Person Petri verbunden.

3. Das Bischofsamt

„»Die Heilige Synode lehrt, daß durch die Bischofsweihe die Fülle des Weihesakramentes übertragen wird. Sie heißt ja auch im liturgischen Brauch der Kirche wie in den Worten der heiligen Väter das Hoheprie­stertum, die Ganzheit des heiligen Dienstamtes« (LG 21).

Bei dieser Aussage gründet sich das Konzil auf die Tradition und erläu­tert die Gründe, die bekräftigen, daß die Bischofsweihe sakramental ist. Sie verleiht den Bischöfen tatsächlich die Fähigkeit, daß sie »die Aufgabe Christi selbst, des Lehrers, Hirten und Priesters innehaben und in seiner Person handeln« (LG 21).“55

Der Episkopat ist der Gipfel und die Fülle des Priestertums des neuen Bundes. Die Bischofsweihe gestaltet den Empfänger durch die besondere Gnade des Heiligen Geistes in höchstem Maße Christus gleich. Das Erbe der Apostel – als Sendung und als heilige Gewalt – überträgt sich inner­halb des Bischofskollegiums auf jeden einzelnen Bischof. Zu einem Glied des Bischofskollegiums wird man kraft der Bischofsweihe sowie auch durch die hierarchische Gemeinschaft mit dem irdischen Haupt des Kollegiums und seinen Gliedern. Für den rechtmäßigen Empfang der Bischofsweihe ist heute eine besondere Bestätigung durch den Bischof von Rom nötig. Er verleiht jedem Bischof die „missio canonica“.

„Die Einzelbischöfe (…) sind sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit in ihren Teilkirchen“ (LG 23).

„Der Bischof ist das Prinzip und Fundament der Ortskirche, wie der Papst es für die Gesamtkirche ist (vgl. DzH 3050-3059).“56

Die Diözese als ein Teil des Gottesvolkes ist dem Bischof anvertraut.

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55 Johannes Paul II., Ansprache vom 30. 9. 1992, 2, 206; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1555.

56 Paul VI., Ansprache vom 3. 9. 1969, 1041; vgl. ders., Ansprache vom 30. 9. 1967, 474-475; vgl. ders., Ansprache vom 26. 3. 1964, 206: Der Bischof ist der wirkende und heiligende Mittelpunkt der Ortskirche; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 28. 9. 1992, 2, 203f; ders., Ansprache vom 7. 10. 1992, 2, 251f; ders., Ansprache vom 28. 10. 1992, 2, 434f.

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Der residierende Diözesanbischof ist als Stellvertreter Christi das irdische Haupt einer Teilkirche. Er ist in und durch Christus das Fundament, das Zentrum, der Pol und der irdische Angelpunkt der Teilkirche. In der inni­gen Vereinigung mit Christus führt der Bischof durch das Wirken des Heiligen Geistes in der Ortskirche das Amt Christi des Lehrers, Priesters und Hirten fort.

Die erste Aufgabe des Bischofs ist die pastorale Sendung, das Wort Gottes zu verkünden. Er ist der Verkünder des Glaubens und läßt als solcher das Wort Gottes im Gottesvolk wachsen und Früchte tragen (vgl. LG 25; CD 12). Er ist der erste Verkünder des Evangeliums in der Diözese. Als guter Hirte bemüht er sich darum, das Evangelium vom Heil auch zu jenen Menschen zu bringen, die mehr oder weniger weit vom Schafstall der Kirche entfernt sind. Das Konzil ermahnt den Bischof, die geoffenbarte Lehre auf eine Weise vorzutragen, „die den Erfordernissen der Zeit ange­paßt ist, das heißt, die den Schwierigkeiten und Fragen, von denen die Menschen so sehr bedrängt und geängstigt werden, entspricht“ (CD 13). Bei der Aktualisierung des Wortes Gottes muß der Bischof darauf achten, daß er das Erbe der geoffenbarten Wahrheit nicht verstümmelt, sondern daß er es vollständig weitergibt.

„Der Bischof ist der Verwalter der Gnade des höchsten Priestertums (Gebet zur Bischofsweihe im byzantinischen Ritus, in: Euchologion to mega [Rom 1873] 139)“ (LG 26). Er repräsentiert in seiner Diözese Chri­stus, den Hohenpriester, und in immer tiefereren Vereinigung mit ihm übt er sein Priestertum aus. Der Bischof als Hoherpriester der Diözese richtet den Dienst des Wortes auf den Dienst der Gnade der heiligen Sa­kramente der Kirche aus. In der Spendung der Sakramente verwirklicht er sein Amt, das Volk Gottes zu heiligen. Im Mittelpunkt dieses sakra­mentalen Dienstes des Bischofs steht die Eucharistie, „die er selbst dar­bringt oder darbringen läßt (vgl. Ignatius von Antiochien, Smyrn. 8,1 in: ed. Funk I, 282)“ (LG 26). Der Bischof ist gerufen, den anderen in der Hei­ligkeit voranzuschreiten (vgl. LG 41). Priester und Gläubige empfinden tiefen Trost, wenn sie ihren Hirten auf dem Weg der Heiligkeit und daher in der Anbetung des eucharistischen Jesus und in der Marienverehrung voranschreiten sehen.57

Der Bischof als Spender der heiligen Geheimnisse ist der Erbauer der Ortskirche. Dies war ganz zu Beginn der Kirchengeschichte jedoch viel deutlicher. Damals war der Bischof der ordentliche Spender der sieben

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57 Vgl. Johannes XXIII., Schreiben vom 15. 4. 1962, in: Discorsi W, 906f.

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Sakramente. Heute ist er nur noch der ordentliche Spender des Sakra­mentes der Firmung und natürlich der alleinige Spender des Weihesakra­mentes.

„»Gebt acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Bischöfen bestellt hat, damit ihr als Hirten für die Kirche Gottes sorgt, die er sich durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben hat« (Apg 20,28). »Bischöfe« bedeutet Aufseher und Leiter: sie sind also einge­setzt zu weiden, indem sie auf dem Fundament der apostolischen Wahrheit blei­ben, die, wie es der Apostel voraussah, Schmeicheleien und Bedrohungen ausgesetzt sein würde, insofern Verbreiter von »falschen Lehren« (Apg 20, 30) versuchen, die Jünger von der Wahrheit des Evangeliums abzubrin­gen, die die Apostel verkündet haben.“58

„Die Bischöfe leiten die ihnen zugewiesenen Teilkirchen als Stellvertre­ter und Gesandte Christi. Ihnen ist das Hirtenamt, das heißt die beständige tägliche Sorge für ihre Schafe, im vollen Umfang anvertraut. Sie (…) heißen in voller Wahrheit Vorsteher des Volkes, das sie leiten“ (LG 27).

Die Aufgabe des Bischofs als Hirte ist es, „die Herde zu führen. Führen heißt vorangehen: vorangehen, um den Weg zu erkennen, die Tiefe der reißenden Flüsse abzumessen, die Gefahren zu erkennen, den Weg zu sichern; vorangehen, um anzutreiben und Mut einzuflößen; vorangehen, um den sicheren Weg zu weisen und Verirrungen zu vermeiden.“59

Christus steht der Kirche „vor“, er „nährt und pflegt“ sie (Eph 5,29), indem er ihr sein Leben schenkt. Der Bischof steht nicht nur in der Kirche, sondern er steht ihr auch gegenüber. Der Bischof als Nachahmer des ge­kreuzigten und auferstandenen Christus steht der Herde „vor“ und geht ihr voran. Als Hirte ist er das Haupt, das die Herde versammelt, — das an seiner Spitze geht, — das regiert, indem es die Dienste verteilt, — das mit seinen Priestern und Mitarbeitern die Herde zur Quelle des Lebens führt. Er wacht darüber, daß sie mit der „gesunden Lehre“ (2 Tim 4,3) genährt wird und führt sie mit den Sakramenten des Glaubens zur Heiligkeit.

Der Bischof, der mit der strahlenden Weisheit und Liebe Christi beklei­det ist, ist der Führer eines Teils des Gottesvolkes, das zur himmlischen

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58 Johannes Paul II., Ansprache vom 9. 1. 1991, 1, 54-55.

59 Ders., Ansprache vom 13. 5. 1982, 2,1561; ders., Ansprache vom 23. 4. 1988, 1,1008f; ders., Ansprache vom 18. 11. 1992, 2, 624f; ders., Pastores dabo vobis, Nr. 22; Pius XII., Ansprache vom 2. 11. 1954, in: Discorsi XVI, 254-255; Johannes XXIII, Ansprache vom 28. 10. 1960, in: Discorsi II, 523f.

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Heimat unterwegs ist. Er ist der Führer einer großen Einheit von Christen auf dem Weg (von einer christlichen „Karawane“), die aus vielen kleine­ren Einheiten („Karawanen“) besteht. Die Liebe Christi treibt ihn als Vor­steher dazu, die gegenwärtige Heilsgeschichte und Heilsgeographie sei­nes „Zuges“ und dessen Gruppen der Länge und Breite nach zu erfor­schen. In seinem Eifer um das ewige Seelenheil untersucht der Bischof auch die gegenwärtige Gestalt der Umwelt der Erde der Personen und sucht die verirrten Schafe. Die Liebe zu Christus bewegt den Bischof da­zu, über sich selbst und die gesamte Herde zu wachen. Der wachsame Hirte schaut auf die Herde und verteidigt sie gegen die Wölfe im Schafs­pelz, das heißt gegen falsche Propheten und falsche Lehrer, die geschickt das Evangelium Christi verdrehen und falsche Lehren verbreiten. Der gute Hirte gibt sein Leben, seine Kraft und sein Herz für seine Schafe.

Man muß die Gewalt, die ordentliche und unmittelbare Vollmacht über die Diözese, die der Bischof im Namen Christi besitzt, im Hinblick auf seinen Dienst „als guter Hirte“ verstehen. Die Ausübung dieser Voll­macht untersteht letztlich der höchsten Autorität der Kirche, das heißt dem Bischof von Rom. Die Autorität, die der Bischof ausübt, ist die Auto­rität des Vaters, der versucht den Priestern, den Ordensleuten und den Laien nahe zu sein und ihnen auf dem Weg der Heiligkeit zu helfen.

4. Das irdische Haupt
des Bischofskollegiums und der Kirche

„Das Amt des Apostels Petrus bürgt für die Beständigkeit und den Zu­sammenhalt für die ganze Kirche und für das enge Band, das zwischen den einzelnen Hirten zum Wohl des Volkes Gottes besteht. Wie das Zwei­te Vatikanische Konzil betont: »Damit aber der Episkopat selbst einer und ungeteilt sei, hat er (Christus) den heiligen Petrus an die Spitze der übri­gen Apostel gestellt und in ihm ein immerwährendes und sichtbares Prin­zip und Fundament der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft gesetzt (vgl. Erstes Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kir­che IV, in: DzH 3050 f)« (LG 18). »Unus pro omnibus, quia unitas est in omnibus — ein einziger (Petrus) steht an der Stelle aller, damit die Einheit in allen besteht«, hatte der heilige Augustinus in seinem Kommentar so eindrucksvoll gesagt (In Jo. Ev., 118,4).“60

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60 Johannes Paul II., Ansprache vom 28. 6. 1984, 1, 1953.

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„Katholizität bedeutet etymologisch gesehen Universalität. Doch Uni­versalität heißt wiederum harmonische Zurückführung des Ganzen auf ein Eines. Die Einheit der Kirche, die in alle Ewigkeit in der Person Christi besteht, äußert sich auch in der Person des Stellvertreters.“61

Die geographischen Längen- und Breitengrade laufen harmonisch in einem Punkt zusammen und zwar im Nord- und im Südpol der Erdkugel. Christus ist das Haupt, das heißt das Fundament, das Zentrum, der Pol und der transzendente Mittelpunkt des Bischofskollegiums, ja der ganzen Kirche. Daher vereinigen sich die mystischen Längen- und Breitengrade des Bischofskollegiums (und der Kirche) in höchstem Maße in ihm. Das Bischofskollegium ist mystisch in Christus, und Christus ist in ihm. Die Kirche ist mystisch in Christus, und Christus ist in ihr.

Johannes Paul II. spricht vom apostolischen und petrinischen Charakter der Kirche, von ihrer apostolisch-petrinischen Dimension und von ihrer petrinischen Dimension. Die petrinische Dimension ist zunächst dem Bi­schofskollegium eigen. Der Nachfolger Petri ist in und durch Christus das irdische Haupt des Bischofskollegiums, das heißt sein Fundament, sein Zentrum, sein Pol und sein irdischer Angelpunkt. Die äußeren und inne­ren Längen- und Breitengrade des Kollegiums vereinigen sich harmo­nisch in der äußeren und inneren Person des Nachfolgers Petri. Er verkör­pert das Kollegium. Letzteres ist geheimnisvoll in seinem irdischen Haupt, und das irdische Haupt ist im Kollegium. Der Papst ist gemäß der göttlichen Einsetzung das Haupt des polaren Jerusalems sowie dessen Zentrum.

Der Papst, der Nachfolger Petri, ist „das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ (LG 23).

„Von Rom verzweigen sich die Wege in alle Richtungen, und ebenso führen diese Wege alle nach Rom zurück.“62

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61 Ders., Ansprache vom 5.4. 1982, 1, 1113; vgl. ders., Ansprache vom 22. 12. 1987, 3,1483-1485; ders., Ansprache vom 17. 3. 1992, 1, 615; ders., Ansprache vom 20. 12. 1990, 2,1702; vgl. Paul VI., Ansprache vom 25. 2. 1965,123: Die Person des Nachfolgers Petri ist der Mittelpunkt der Katholizität der Kirche.

62 Johannes Paul II., Ansprache vom 8. 12. 1987, 3,1347; Paul VI., Ansprache vom 28. 4. 1964, 866: „Dieses Sprich­wort, das sagt, daß »alle Wege nach Rom führen«, und das sich auf den wunderbaren Kranz von Wegen bezieht, mit dem sich das antike Rom zu umgeben verstand, um um sich herum die Einheit und Universalität seines Reiches zu bewahren, dieses Sprichwort darf und muß man auch im geistigen und religiösen Sinn verstehen“; vgl. Pius MI., Ansprache vom 20. 4. 1953, in: Discorsi XV, 101: Der Stuhl Petri ist das „Haupt des Erdkreises“ – caput orbis – (Leo der Große); Pius XI., Ansprache vom 23. 5. 1936, in: Discorsi III, 494: Die Arbeit der römischen

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Der katholische Erdkreis ist die Katholische Kirche auf Erden in ihrer äußeren und inneren Ordnung: die auf der Erde verstreute Kirche sowie die Hemisphäre und polare Ebene der inneren irdischen Kirche. Die petri­nische Dimension ist der Gesamtkirche eigen. Dank des Nachfolgers Pe­tri, der seinen Sitz in Rom hat, ist diese Stadt das Zentrum der Einheit und der Katholizität der Kirche. Vom Nachfolger Petri aus verteilen sich die Längen- und Breitengrade auf dem gesamten katholischen Erdkreis. Und umgekehrt laufen sie alle harmonisch in seiner Person zusammen.

Die Längen- und Breitengrade der äußeren Kirche vereinigen sich har­monisch in der Gestalt des Papstes als äußerer Person. Als solche ist der Papst der Pol der äußeren Kirche, der zentrale Bezugspunkt für alle Ka­tholiken als äußere Personen. Die mystischen Längen- und Breitengrade der inneren irdischen Kirche vereinigen sich harmonisch in der Gestalt des Papstes als innerer Person. Der Papst ist der innere irdische Pol der katholischen Welt. Er ist der zentrale irdische Bezugspunkt für alle Ka­tholiken als innere Personen.

Petrus der Fels ist der Stütz- und Einheitspunkt aller Kraftlinien, die die Katholische Kirche durchziehen; er ist der irdische Schwerpunkt des Gravitationsfeldes des katholischen Erdkreises.63

„Es ist Petrus, zu dem Jesus sagt: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.« Wo Petrus ist, da ist die Kirche. Und wo die Kirche ist, da gibt es keinen Tod, sondern ewiges Leben.“64

„Wo Petrus ist, da ist die Kirche, da ist Jesus selbst, da ist der sichere Führer zum ewigen Heil.“65

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Kongregationen „betrifft den ganzen katholischen Erdkreis, das heißt die ganze Welt im schönsten Sinn des Wortes, in dem Sinn nämlich, der die Ausbreitung der göttlichen Erlösung aufzeigt“; Paul VI., Ansprache vom 25. 4. 1970, 385: Der Nachfolger Petri ist in der Kirche der »Pol der Einheit und der Liebe“; ders., Ansprache vom 27. 4. 1966, 760: Er ist der Mittelpunkt der Kirche.
Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 7. 5. 1989, 1, 1197: Rom ist das Zentrum und das Herz der Katholizität; Paul VI., Ansprache vom 29. 1. 1964, 804: Der Papst ist das Zentrum, das Herz und die Einheit der Katholizität; Pius XII., Ansprache vom 18. 2. 1958, in: Discorsi XIX, 769: Rom ist der geistige und moralische Mittelpunkt der Welt; Johannes XXIII., Schreiben vom 8. 4. 1962, in: Discorsi IV, 894: Rom ist die wahre Hauptstadt der geistlichen Welt und Sammelpunkt und Ausgangspunkt heiliger, eifriger und unzähliger Frömmigkeitsübungen, Bildungs-, Apostolats- und Wohltätigkeitsaktivitäten.

63 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 29. 6. 1983, 1, 1684-1685; Paul VI., Ansprache vom 22. 4. 1964, 867.

64 Ambrosius von Mailand, In Psalmum 40, 30, in: PL 14,1082.

65 Pius XI., Ansprache vom 18. 2. 1925, in: Discorsi I, 350; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 17. 3. 1988, 1, 562; ders., Ansprache vom 23. 2. 1987, 1, 414; Pius XI., Ansprache vom 15. 2. 1925, in: Discorsi I, 348: „Der mystische Leib der Kirche Gottes nimmt im Stellvertreter Christi Gestalt und Person an“; ders., Ansprache vom 24. 3. 1935,

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Der Nachfolger Petri vertritt Christus; er ist wie seine irdische Fortset­zung. Er ist der Stellvertreter Christi auf der Erde der menschlichen Per­sonen; er ist sein Stellvertreter in der Kirche. Die Kirche ist harmonisch in der Person des Papstes als ihrem irdischen Zentrum und Pol zusammen­gefaßt. Die Kirche ist im Papst, und der Papst ist in der Kirche. Der Papst, der Heilige Vater, ist nicht nur das irdische Haupt des Bischofskollegi­ums, sondern auch der Gesamtkirche. Und als solches gehört er innerlich jeder einzelnen Teilkirche an. Da die Längen- und Breitengrade der Ge­samtkirche im Papst zusammenlaufen, ist er auch ein Bild der Kirche. Er verkörpert, vertritt und führt sie als Gesamthirte.

5. Das irdische Haupt und das Bischofskollegium

„Wie nach der Verfügung des Herrn der heilige Petrus und die übrigen Apostel ein einziges apostolisches Kollegium bilden, so sind in entspre­chender Weise der Bischof von Rom, der Nachfolger Petri und die Bischö­fe, die Nachfolger der Apostel, untereinander verbunden“ (LG 22).

Das Konzil gab der „bischöflichen Kollegialität die Bedeutung und den Wert, die Christus seinen Aposteln in der Gemeinschaft und im Gehor­sam gegenüber dem ersten von ihnen, Petrus, verleihen wollte.“66

Den Schriften des Neuen Testamentes ist zu entnehmen, daß Petrus in der Urkirche die Autorität, auf höchster Ebene entscheidend, ausübte. Diese Ausübung, die von der Gemeinschaft angenommen und anerkannt wurde, entspricht historisch den Worten Jesu über die Sendung und die Vollmacht Petri. In der Urkirche handelt Petrus zwar in Gemeinschaft mit den anderen Aposteln, doch als Haupt übernimmt er die Initiative und entscheidet persönlich. Er handelt als derjenige, der im Kollegium der Apostel die oberste Autorität hat und der deshalb im Namen der Zwölf als Zeuge vom Kreuz der Auferstehung Christi spricht. Petrus hat durch seine Autorität auch bei der Öffnung der Urkirche für die Heiden eine entscheidende Rolle gespielt.

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in: Discorsi III, 294: „Der Papst ist die Fortsetzung Christi auf Erden“; vgl. Pius XII., Mystici corporis, in: Discorsi V, 285; vgl. Augustinus, In Joann. Ev. 124, 5: Petrus ist die Gestalt der Kirche; Johannes Paul II., Ansprache vom 28. 6. 1982, 2, 2428; ders., Ansprache vom 9. 12. 1992, 2, 866.

66 Paul VI., Ansprache vom 26. 3. 1964, 208; vgl. ders., Ansprache vom 27. 10. 1969, 695; Johannes Paul II., An­sprache vom 7. 10. 1992, 2, 251f; ders., Ansprache vom 16. 12. 1992, 2, 923f; ders., Ansprache vom 13. 1. 1993, 1, 88f; Paul VI., 25. 10. 1969, 687: „Die kirchliche Gemeinschaft auf der apostolischen Ebene nennen wir Kollegialität, das heißt miteinander in Liebe und apostolischer Wirksamkeit in Verbindung stehen.“

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In der Antike waren die Bischöfe der ganzen Welt durch das Band der Einheit, der Liebe und des Friedens untereinander und mit dem Bischof von Rom verbunden. Die Bischöfe versammelten sich in Partikular- und Provinzkonzilien, um gemeinsam in verschiedenen Fragen eine Entschei­dung zu treffen. Zudem versammelten sie sich zu den Ökumenischen Konzilien, um über für das kirchliche Leben wichtige Fragen zu entschei­den. Die Bischofskonferenzen gibt es seit dem 19. Jahrhundert, und sie haben sich insbesondere nach dem II. Vatikanischen Konzil verbreitet. Die Bischofssynoden, die nach dem II. Vatikanum eingerichtet wurden, sollen die Teilnahme des Bischofskollegiums an der Gesamtleitung der Kirche noch konkreter verwirklichen.

Das bischöfliche Amt ist von Natur aus persönlich und kollegial. Diese beiden Dimensionen ergänzen sich gegenseitig. Es gibt niemals ein Bi­schofskollegium ohne das irdische Haupt. Und es gibt niemals einen wah­ren (vollkommenen) kollegialen Akt ohne dieses Haupt. Der Papst ruft das Kollegium zu einem kollegialen Akt auf oder approbiert zumindest den gemeinsamen Akt der in der ganzen Welt verstreuten Bischöfe oder erkennt ihn an. Als Glied des Bischofskollegiums hat jeder Bischof an der Sorge für alle Teilkirchen teil. „Alle Bischöfe müssen nämlich die Glau­benseinheit und die der ganzen Kirche gemeinsame Disziplin fördern und schützen“ (LG 23).

„Es steht aber fest, daß jenes Binde- und Löseamt, welches dem Petrus verliehen wurde (Mt 16,18-19), auch dem mit seinem Haupt verbundenen Apostelkollegium zugeteilt worden ist (Mt 18,18; 28,16-20)“ (LG 22).67

Sowohl der Papst als auch das Bischofskollegium haben im neuen Jeru­salem „die ganze Fülle“ der Vollmacht. Der Papst besitzt diese Fülle in Person, während das unter der Autorität des Papstes vereinte Bischofs­kollegium sie kollegial besitzt. Das Bischofskollegium übt auf dem Ökume­nischen Konzil auf feierliche Weise die oberste Vollmacht der Kirche aus. Es gibt jedoch kein Ökumenisches Konzil, das als solches nicht vom Nachfolger Petri bestätigt oder zumindest anerkannt worden ist.

Der Nachfolger Petri hat als Hirte der Gesamtkirche die unmittelbare Gewalt über die ganze christliche Gemeinschaft, das heißt über Bischö­fe und Gläubige. Es wurde mehrmals versucht, die Gewalt des römi­schen Bischofs auf ein „Amt der Aufsicht und Administration“ zu re-

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67 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 883; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 7.10.1992, 2, 251f; ders., Ansprache vom 24.2.1993, 1, 507f; Paul VI., Ansprache vom 28.6.1972, 690.

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duzieren. Das erste Vatikanische Konzil hat festgestellt: Der Papst hat „die volle und höchste Jurisdiktionsvollmacht über die gesamte Kirche, nicht nur in Angelegenheiten, die den Glauben und die Sitten betreffen, sondern auch in solchen, die die Disziplin und die Regierung der auf dem ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche betreffen.“68 Es handelt sich dabei um eine ordentliche Gewalt des Papstes, weil sie dem römischen Bischof kraft des ihm zukommenden Amtes und nicht aufgrund von Delegation durch die Bischöfe eigen ist. Diese Gewalt ist unmittelbar, weil er sie direkt, ohne Erlaubnis oder Vermittlung der Bischöfe, aus­führen kann.

Das Zweite Vatikanische Konzil wiederholt die Lehre des Ökumeni­schen Konzils von Florenz (1439) und des I. Vatikanums über den Primat des römischen Bischofs. Sein Verdienst ist es jedoch, die Wechselbezie­hung zwischen dem Primat und der Kollegialität des Episkopats in der Kirche hervorgehoben zu haben.

„Insofern dieses Kollegium aus vielen zusammengesetzt ist, stellt es die Vielfalt und Universalität des Gottesvolkes, insofern es unter einem Haupt versammelt ist, die Einheit der Herde Christi dar“ (LG 22).

„Das Konzil zögert nicht zu bestätigen, daß jeder Bischof wahre Voll­macht über seine Diözese oder Ortskirche besitzt. Aber es unterstreicht deutlich auch einen anderen Punkt, der für die Einheit und Katholizität der Kirche wesentlich ist: die Gemeinschaft jedes einzelnen Bischofs und der ganzen Bischofskörperschaft »mit Petrus« (cum Petro); sie ist auch Ge­meinschaft »unter Petrus« (sub Petro) kraft des ekklesiologischen Prinzips (das man manchmal übersehen will), wonach das Amt des Nachfolgers Petri „von innen her“ zum Wesen jeder Teilkirche gehört, was bedeutet, daß es die Beschaffenheit der Kirche selbst erfordert und nicht etwas aus historischen, soziologischen oder praktischen Gründen von außen Über­gestülptes ist.“69

„Die Einheit der Kirche gründet in der Einheit des Episkopats mit Petrus

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68 Vgl. Erstes Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche III, in: DzH 3064.

69 Johannes Paul II., Ansprache vom 18. 11. 1992, 2, 626.

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und unter Petrus.“70

Die Kollegialität ist die kirchliche Gemeinschaft auf der Ebene des Bi­schofskollegiums. Sie ist mehr als nur die Zusammenarbeit der Bischöfe. Die Kollegialität vereint alle Bischöfe untereinander und um den Nachfol­ger Petri, damit sie die Glaubenslehre vermitteln, die gemeinsame Diszi­plin in die Tat umsetzen und den Bedürfnissen und dem Fortschritt der Gesamtkirche nachkommen. Die Kollegialität ist affektiv, weil sie Ge­meinschaft in Liebe, Einheit und Brüderlichkeit ist. Die Kollegialität ist gleichzeitig effektiv, weil sie im Hinblick auf die Glaubenslehre eine Ge­meinschaft im Denken und im Hinblick auf die große Sendung der Kirche die Willensgemeinschaft voraussetzt. Die Kollegialität ist die dynamische Einheit zwischen dem sichtbaren Haupt und dem Bischofskollegium und umgekehrt. Das Kollegium ist um Petrus (mit Petrus) vereint und seiner Autorität (unter Petrus) untergeordnet.

Das Amt fügt den Bischof von Rom als Angel- und Mittelpunkt der bischöflichen Gemeinschaft zutiefst in das Kollegium der Bischöfe ein. Sein Primat ist ein Dienst zum Wohl der ganzen Kirche, er stellt ihn in ein Verhältnis intensiverer Einheit und Zusammenarbeit. Das Amt des Nach­folgers Petri dient auch der Kollegialität der Bischöfe, und umgekehrt ist die effektive und affektive Kollegialität der Bischöfe eine große Hilfe für den Dienst des petrinischen Primats.

Der Dienst des Nachfolgers Petri ist nicht nur ein Dienst, der jede Teil­kirche von „außen“ erreicht, sondern er ist im wesentlichen schon in jeder Teil­kirche „von innen her“ vorhanden. Ein wesentliches konstitutives Element der Teilkirche und die Bedingung für ihr Kirche-Sein ist die Verbindung mit der Gesamtkirche und mit ihrem Zentrum in der römischen Kirche. Die Gemeinschaft mit dem Papst sichert die Katholizität der Teilkirchen und bewirkt, daß die Bischöfe am Geheimnis der Kollegialität der Bischö­fe Anteil haben.

Christus ist der höchste Angel- und der Mittelpunkt der Gemeinschaft des Bischofskollegiums. Je tiefer die Bischöfe in der Einheit mit Christus leben, desto mehr versammeln sie sich als innere Personen um ihn und unter ihm. Und gleichzeitig verbinden sie sich geistig um so mehr mit dem Papst (sie scharen sich um den Papst und unter ihm) und unterein-

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70 Ders., Ansprache vom 13. 12. 1991, 2, 1376; vgl. ders., Ansprache vom 15. 6. 1984, 1, 1779f; ders., Ansprache vom 30. 4. 1983, 1, 1105; ders., Ansprache vom 16. 9. 1987, 3, 556; ders., Ansprache vom 24.9. 1988, 3, 942-943; ders., Ansprache vom 1 .2. 1986, 1, 264-265; ders., Ansprache vom 29. 9. 1979, 2, 450; ders., Ansprache vom 10. 10. 1988, 3, 1154-1155; Pius XII., Meminisse iuvat, in: Discorsi XX, 481.

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ander. Die Bischöfe als äußere Personen bezeugen diese geistige Gemein­schaft in der sichtbaren Kirche. Die Bischöfe, die als innere Personen in der Heilsgeschichte auf den Längen- und Breitengraden der hemisphäri­schen Kirche unterwegs sind, leben die Einheit mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus unvollkommen (gewöhnlich). Daher verwirkli­chen sie auch die bischöfliche Kollegialität nur unvollkommen (gewöhn­lich). Die Bischöfe, die in der Heilsgeschichte Bürger des polaren Jerusa­lems sind, sind mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus voll­kommen und heldenhaft vereint. Deshalb verwirklichen sie die episkopa­le Kollegialität genauso vollkommen und heldenhaft.

„Der Papst muß ein Herz für die Kirche sein, damit sich der Kreislauf der Liebe schließt, die vom Herzen ausgeht und zum Herzen zurück­kehrt, gleichsam ein Ort der Liebe, der alle empfängt und alle liebt, weil Christus »uns, als er in den Himmel auffuhr, Petrus als Stellvertreter sei­ner Liebe hinterlassen hat« (Ambrosius, Exp. in Luc., X, 175).“71

Im Nachfolger Petri hat Christus ein immerwährendes und sichtbares Prinzip und Fundament für die Gemeinschaft der Bischöfe (vgl. LG 18) und für die Gesamtkirche eingesetzt. Der heilige Ignatius von Antiochien, Bischof und Märtyrer († 107), hat dies gut bezeugt, indem er feststellte, daß die Kirche von Rom „in der Liebe den Vorrang hat.“72 Der Papst ist durch das Wirken des Geistes der Liebe für das Bischofskollegium und die Gesamtkirche das irdische Herz der umfassenden Gemeinschaft in der Wahrheit und in der Liebe Christi. Er ist in und durch Christus der hauptsächliche Diener der umfassenden Einheit des Bischofskollegiums und der Kirche in der Heilsgeschichte und Heilsgeographie.

Dem Nachfolger Petri kommt es zu, das Zusammenfließen der „Gaben“ (vgl. LG 13) der Ortskirchen im Zentrum der Kirche zu bewirken. Und er muß auch dafür sorgen, daß diese „Gaben“, – durch die sie sich im Aus­tausch untereinander bereichern, – in die verschiedenen Glieder des my-

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71 Paul VI., Ansprache vom 27. 10. 1969, 697; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 21. 12. 1984, 2,1625-1626; ders., Schreiben vom 8. 4. 1979, 1, 880: „Der Herr hat an die Sendung Petri die Forderung eines Primats der Liebe zur Bedingung gemacht, als er sagte: »Weide meine Schafe« (Joh 21,16)“; ders., Ansprache vom 29. 6. 1993, 1, 1681: Im mystischen und organischen Leib der Kirche „ist das Blut die Liebe Christi, das die Glieder durchströmt. Dieser Ort, wo Petrus und Paulus ihr Blut vergossen haben, ist wie das Herz, das dem Organismus Antrieb und Kraft verleiht.“

72 Ignatius von Antiochien, Ad Romans, Intr.; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 7. 5. 1989, 1, 1196-1197; ders., Ansprache vom 27. 1. 1993, 1, 188: „Das Wort Liebe  (agápe) bezieht sich im Sprachgebrauch des heiligen Ignatius auf die kirchliche Gemeinschaft. Vorsitz in der Liebe bedeutet Primat in der Gemeinschaft der Liebe, die die Kirche ist, und schließt notwendigerweise den Dienst der Autorität, den Petrusdienst (ministerium Petrinum), ein.“

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stischen Leibes Christi ausströmen und ihnen neuen Eifer und neue Le­bensimpulse verleihen. Im Laufe der Jahrhunderte beanspruchte das Pe­trusamt seine Träger immer mehr. Die Päpste bedienten sich der Hilfe der verschiedenen Mitarbeiter und dann auch immer mehr der Organe, die auf ihre Initiative hin eingerichtet wurden und um den Heiligen Stuhl herum anwuchsen. „Bekanntermaßen stellt die Römische Kurie das Werkzeug dar, durch das der Papst sein Amt in der Kirche ausübt, wobei er seine Vorrechte als Universalhirte wahrnimmt.“73

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73 Johannes Paul II., Ansprache vom 20. 12. 1990, 2,1703.

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Quelle: Ivan Pojavnik: DAS MYSTERIUM DES KONZILS – Erster Band – Meckenheim – 1996 – Maximilian-Kolbe-Verlag – ISBN 3-924413-13-4

Ein Kommentar zu “Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II -13

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