Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II -12

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SIEBTER TEIL

DIE GRUNDZÜGE
DER NEUEN GESAMTSICHT DER KIRCHE

 

„So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt“ (DV 8).

Die Kirche hat die göttliche Offenbarung empfangen und gibt sie von Generation zu Generation weiter. Das Konzil behandelt die Lehre von der Weitergabe der göttlichen Offenbarung im 2. Kapitel der Konstitution Dei Verbum. Dieses Kapitel muß im Rahmen der neuen Gesamtsicht der Kir­che betrachtet werden. Deshalb bietet es sich zunächst an, die wichtigsten Grundzüge der konziliaren Gesamtsicht der Kirche kurz zu skizzieren, um dann die Lehre von der Weitergabe der göttlichen Offenbarung zu erläutern. Das Lehramt entwickelt diese Gesamtsicht der Kirche sehr aus­führlich.

I. DIE KIRCHE
UND DIE ERDE DER MENSCHLICHEN PERSONEN

1. Das Gottesvolk des neuen Bundes
und der mystische Leib Christi

„Das Zweite Vatikanische Konzil bietet uns einige bedeutende Texte über die entscheidende Bedeutung des Pfingsttages, der oft als die Ge­burtsstunde der Kirche vor der Welt vorgestellt wird: »Durch die Sen­dung des Geistes der Wahrheit erfüllt er (Christus) die Offenbarung und schließt sie ab und bekräftigt durch göttliches Zeugnis, daß Gott mit uns ist, um uns aus der Finsternis von Sünde und Tod zu befreien und zu ewi­gem Leben zu erwecken« (DV 4). Zwischen Jesus und dem Heiligen Geist besteht also eine enge Verbindung im Heilswerk.“1

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1 Johannes Paul II., Ansprache vom 28. 11. 1990, 2,1315.

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Das Heilswerk Christi offenbart die Sendung des Sohnes und des Heili­gen Geistes. Sie gehen im Schoße der Dreifaltigkeit „aus dem Vater“ her­vor und offenbaren die „trinitarische Ökonomie“, die in der Erlösung und in der Heiligung gegenwärtig ist. Gott ist nicht in sich verschlossen, son­dern sein inneres Leben spiegelt sich „nach außen“ („ad extra“) im Ge­heimnis der Schöpfung und der Erlösung wider. Das Werk der Schöpfung ist ein Werk des Vaters durch den Sohn im Heiligen Geist. Und auch das Werk der Erlösung ist ein Werk des Vaters durch den Sohn im Heiligen Geist. Das dreifaltige Leben Gottes wird zur Heilsökonomie der Ge­schichte des Universums und der Menschen.

Die „Sendungen“ des Sohnes und des Heiligen Geistes entscheiden über die gesamte Heilsökonomie der Geschichte der Menschheit. Sie set­zen die innergöttlichen „Hervorgänge“ voraus und offenbaren sie. Der Sohn, der seinen ewigen Ursprung im Vater hat, der ihn in Ewigkeit zeugt und in die Welt sandte, nahm in der Zeit zu unserem Heil eine menschliche Natur an. Der Heilige Geist geht durch den Sohn ewig vom Vater aus, oder er hat seinen Ursprung im Vater und im Sohn. Der Heili­ge Geist wurde vom Vater und vom Sohn gesandt, nachdem der Sohn seine Heilssendung erfüllt hatte und in seine Herrlichkeit eingetreten war (vgl. Joh 7,39; 16,7).

„Am Pfingsttag (…) wurde die Kirche vor der Menge öffentlich bekannt gemacht“ (AG 4; vgl. LG 4).

„Im Pfingstgeschehen von Jerusalem bringt die Herabkunft des Heiligen Geistes als »Geschenk« aus der Höhe« (vgl. Jak 1,17) endgültig den »neuen und ewigen« Bund zur Erfüllung und Krönung, den Gott mit der Menschheit »im Blut« seines eingeborenen Sohnes geschlossen hat. In diesem Bund schenkt der Dreieinige Gott sich nunmehr nicht nur dem auserwählten Volk, sondern der ganzen Menschheit. Die Prophezeiung Ezechiels: »Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein« (Ez 36,28) nimmt jetzt eine neue und endgültige Dimension an: sie wird universal. Sie bringt die Dimension der Innerlichkeit zu ihrer Vollendung, denn die Fülle der göttlichen Gabe, der Heilige Geist, soll alle Herzen erfüllen und allen die notwendige Kraft geben zur Überwin­dung aller Schwäche und Sünde. Sie nimmt die Dimension der Ewigkeit an: Es ist ein »neuer und ewiger« Bund (vgl. Hebr 13,20). In dieser Fülle der Gabe hat die Kirche als Volk Gottes des neuen und ewigen Bundes ihren Anfang.2

Durch das Pfingstereignis wird in Jerusalem die Kirche geboren. Die Kirche ist das neue Israel: das Gottesvolk des neuen und ewigen Bundes, das neue messianische Volk. Sein Haupt ist Jesus Christus, und der Heili­ge Geist – die Salbung selbst – fließt vom Haupt auf die Glieder des Vol­kes. Zu einem Glied des christlichen Volkes wird man durch die „Geburt von oben“, „aus Wasser und Geist“ (Joh 3,3-5), das heißt durch den Glau­ben und die Taufe. Das neue Gottesvolk ist universell, weil es in seinem Schoße die Menschen aller Nationen der Erde versammelt. In diesem Volk werden die Menschen zu Adoptivkindern Gottes, das heißt zu Brü­dern und Schwestern in Christus. Das neue Volk fördert die universelle Verbrüderung aller Menschen und Nationen.

Die Kirche ist der mystische Leib Christi (vgl. LG 7). „Deshalb ist sie in einer nicht unbedeutenden Analogie dem Mysterium des fleischgeworde­nen Wortes ähnlich“ (LG 8; vgl. SC 2).

„Diese göttlich-menschliche Wirklichkeit der Kirche ist organisch mit der gottmenschlichen Wirklichkeit Christi selbst verbunden. Die Kirche ist in gewissem Sinn die Fortsetzung des Geheimnisses der Menschwer­dung. Deshalb sagte der Apostel Paulus von der Kirche, daß sie der Leib Christi ist (vgl. 1 Kor 12,27; Eph 1,23; Kol 1,24), wie Jesus das Christ-kirch­liche »Ganze« mit der Einheit des Weinstocks und seiner Reben verglich (vgl. Joh 15,1-5).“3

Bei der Menschwerdung nahm der Sohn Gottes durch das Wirken des Heiligen Geistes aus der Jungfrau Maria einen menschlichen Leib an. Die Kirche ist wie eine weitere „Entfaltung“ des Geheimnisses der Mensch­werdung. In der Kirche „werden“ immer neue Menschen durch das Werk

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2 Ders., Ansprache vom 2. 8. 1989, 2, 167; vgl. ders., Ansprache vom 13. 11. 1991, 2, 1132f; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 781f; vgl. Pius XI., Ansprache vom 13. 8. 1936, in: Discorsi III, 541: Die Gnade Christi erhebt den Menschen über das Geschaffene, sie stellt ihn in die über allen menschlichen Wechselfällen stehende Sphäre, in das Herz Gottes.

3 Johannes Paul II., Ansprache vom 24. 7. 1991, 2,139; vgl. Paul VI., Ansprache vom 25. 12 .1965, 810-811; Johannes Paul II., Ansprache vom 28. 1. 1986, 1, 203; Pius XII., Ansprache vom 6. 11. 1940, in: Discorsi II, 297-298; Katechis­mus der Katholischen Kirche, Nr. 787f. „Die Kirche Gottes ist der Leib Christi auf Erden (in terris)“ (Augustinus, Enarr. in Ps 71,8, in: PL 36, 906); Paul VI., Ansprache vom 7. 7. 1976, 544: „Wir sind Kirche, die Kirche, der geschichtliche, sichtbare und zugleich geistige und unser geschichtliches Szenarium übersteigende Leib, der mystische Leib Christi“; Johannes Paul II., Ansprache vom 14. 8 .1993, 2, 474: „Die Kirche hat die Menschwer­dung des ewigen Wortes vor Augen und begreift darin umso tiefer ihre zweifache Natur: die menschliche und die göttliche. Sie ist der mystische Leib des fleischgewordenen Wortes.“

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des Heiligen Geistes zum Leib Christi. Die Kirche ist nicht nur um Chri­stus versammelt, sondern sie ist in ihm vereint, insofern sie seinen mysti­schen Leib bildet.

Die Kirche ist ein einziger Leib, deren Haupt Christus ist. Die Christen sind in Christus ein einziger Leib: jedoch kein physischer Leib, in dem die einzelnen Glieder nicht ihre Individualität bewahren würden; und sie sind auch kein ausschließlich moralischer Leib, in dem die Glieder nur durch ein rein äußerliches Band miteinander verbunden wären; sie sind ein mystischer Leib. Im mystischen Leib sind die einzelnen Glieder eng mit Christus und untereinander verbunden, wobei sie jedoch ihre Individua­lität bewahren. In ihrer Einheit verbindet sie untereinander ein einziges übernatürliches Lebensprinzip, und das ist der Heilige Geist.

Die pilgernde Kirche auf Erden, die sich im Fegefeuer läuternde Kirche und die im Himmel triumphierende Kirche sind in Christus eine einzige Kirche.

Die Kirche ist göttlich und menschlich, übernatürlich und natürlich, unsichtbar und sichtbar. Christus als Haupt (Kopf) und die Kirche als Leib bilden den „ganzen Christus“, einen einzigen neuen Menschen, eine mystische Person. Die Kirche ist die Braut Christi. Sie ist mit dem gekreu­zigten und auferstandenen Christus im unauflöslichen Bund vereint.

„Der Heilige Geist wohnt in der Kirche und in den Herzen der Gläubi­gen wie in einem Tempel (vgl. 1 Kor 3,16; 6,19)“ (LG 4). Die Kirche ist Tempel des Heiligen Geistes, Wohnstatt des Dreieinigen Gottes. Der Hei­lige Geist ist wie die Seele der Kirche, des mystischen Leibes Christi. Der Heilige Geist ist ganz im Haupt, ganz im Leib, ganz in den einzelnen Glie­dern.

„Die Kirche ist durch die Jahrhunderte der weiterlebende Jesus.“4

„Die Kirche ist der in der Zeit mit seinem Wort und seinem Erlösungs­werk gegenwärtige Christus.“5

Die „Sendungen“ des Sohnes und des Heiligen Geistes setzen sich in der Kirche fort. Die Kirche ist in der Welt der menschlichen Personen durch die Jahrhunderte eine Fortsetzung des geborenen, gekreuzigten

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4 Johannes XXIII., Ansprache vom 1. 5. 1963, in: Discorsi V, 223.

5 Johannes Paul II., Ansprache vom 21. 11. 1982, 3,1390.

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und auferstandenen Christus. Der vom Vater und vom Sohn gesandte Heilige Geist aktualisiert vollkommen in der Kirche die Selbstoffenba­rung Gottes in Christus.

2. Die Kirche – der Beginn des Reiches Christi und Gottes

„»Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! (…) Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und die Hoffart des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt« (1 Joh 2, 15-16). Und mit noch eindringlicheren Worten: »Wir wissen: Wir sind aus Gott, aber die ganze Welt steht unter der Macht des Bösen« (1 Joh 5,19).

Wie sind diese Worte über die »Sünde der Welt« (vgl. Joh 1,29) zu ver­stehen? Die zitierten Stellen aus der Heiligen Schrift zeigen deutlich, daß es sich nicht um die »Welt« als Schöpfung Gottes handelt, sondern um die Welt als eine spezifische Dimension, sozusagen als ein geistiger Raum, der für Gott verschlossen ist, und in welchem aufgrund der geschaffenen Freiheit das Böse entstanden ist. Dieses Böse gelangte durch den Einfluß der »alten Schlange« (vgl. Gen 3; Offb 12,9), das heißt von Satan, dem »Vater der Lü­ge«, in das Herz der Stammeltern und hat von Anfang der Geschichte des Menschen an schlechte Früchte hervorgebracht. Die Ursünde hat jene »Neigung zur Sünde«, nämlich die dreifache Begehrlichkeit mit sich ge­bracht, die den Menschen zur Sünde verführt. Die vielen persönlichen Sünden, die die Menschen begehen, bilden ihrerseits gleichsam ein »Umfeld der Sünde«, das seinerseits die Bedingungen für neue persönliche Sünden schafft und in gewisser Weise die einzelnen Menschen dazu verführt und verleitet. Deshalb identifiziert sich die »Sünde der Welt« nicht mit der Ursünde, sondern stellt gleichsam eine Synthese oder eine Summe ihrer Folgen in der Geschichte der einzelnen Generationen und infolgedessen der ganzen Menschheit dar. Daraus folgt, daß die Sünde auch in den verschiedenen menschlichen Initiativen, Bestrebungen, Verwirklichungen und Einrich­tungen ihre Spuren hinterläßt, auch in jenen »Gebilden«, die die Kulturen und Zivilisationen darstellen und das Leben und das Verhalten der ein­zelnen Menschen bedingen.“6

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6 Ders., Ansprache vom 5. 11. 1986,2, 1343-1344; vgl. ders., Salvifici doloris; Nr. 14-15; ders., Ansprache vom 22. 12. 1986, 2, 2020f; ders., Ansprache vom 3 .11. 1993; Pius XII., Ansprache vom 5. 3. 1957, in: Discorsi XIX, 14-15; Paul VI:, Ansprache vom 13. 1. 1966, 24; ders., Ansprache vom 5.4. 1967, 727; Johannes Paul II., Ansprache vom 3. 8. 1988, 3, 206: „Indem Jesus die Menschen vom Übel der Sünde befreit, entlarvt er den, der der »Vater der Sünde« ist. Genau von ihm, vom bösen Geist, geht die »Sklaverei der Sünde« aus, in der sich die Menschen befinden. »Amen, amen, das sage ich euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; nur der Sohn bleibt für immer im Haus. Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei«

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Das Übel der Sünde ist tatsächlich das Grundübel, das die menschliche Person vom Reich Gottes entfernt. Die Person kehrt Gott den Rücken zu, indem sie die Herrschaft des „Vaters der Lüge“ (vgl. Joh 8,44) annimmt, der als „Herrscher der Finsternis“ (vgl. Kol 1,13) durch die Sünde zum „Herrscher dieser Welt“ (Joh 12,31) geworden ist und es weiterhin immer von neuem wird. Durch ihr Heraustreten aus dem Reich Gottes stirbt die Person geistig: durch den Verlust der heiligmachenden Gnade verliert sie auch das ewige Leben.

Nach dem Sündenfall Adams und Evas begann sich die untere He­misphäre der Erde der menschlichen Personen in ihrer Länge und Breite zu bilden. Diese Hemisphäre ist die Welt, die „unter die Knechtschaft der Sünde geraten“ (GS 2) ist. Die Grundeinstellung der Personen in der He­misphäre ist egoistisch: Sie widerspricht dem Willen Gottes und somit der höchsten Wahrheit und dem höchsten Gut. Die gefallenen und ver­drehten Personen sind in verschiedenen Abstufungen Sklaven ihrer selbst, und dies zeigt sich auch in ihren zwischenmenschlichen Beziehun­gen. Insofern sie einerseits Gott gegenüber verschlossen sind, öffnen sie sich andererseits in verschiedenen Abstufungen dem Stern des höllischen Abgrundes und seiner Macht. Sie leben in der schweren Sklaverei der dreifachen Begehrlichkeit. Die untere Hemisphäre ist die der Sklaverei Satans unterstellte Welt.

In der unteren Hemisphäre der Erde der Personen gibt es eine negative Seite: das herrschende Kreuz der Sünde, das wächst und sich verzweigt. Das negative Kreuz äußert sich in gewisser Weise durch die Geschichte der physischen Personen auf den geographischen Längen- und Breitengraden der sichtbaren Erdkugel. Durch das Netz der Sünde beherrscht der Teufel die untere Hemisphäre und zieht die Personen, die Bevölkerungen und die Völker in den höllischen Abgrund hinab (vgl. Hab 1,13-17).

In der unteren Hemisphäre der Erde der Personen gibt es auch eine positive Seite: das Kreuz des Guten. Die Personen sind Geschöpfe Gottes. Daher können sie mit ihren natürlichen Fähigkeiten und Kräften auch Gutes vollbringen. Außerdem wirkt in der unteren Hemisphäre die sieg­reiche Gnade Christi des Erlösers, der die Personen anspricht und sie zur Umkehr zum lebendigen Gott führt.

In der sehr komplexen Geschichte und Geographie der unteren He-

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(Joh 8,34-36)“; vgl. ders., Ansprache vom 27. 7. 1988, 3,183f.

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misphäre der Welt der menschlichen Personen vermischen sich Wahrheit und Irrtum (und Lüge) sowie auch Gut und Böse. An das schreckliche Kreuz der Sünde genagelt, ist die „Welt“ für Gott geistig tot. Begraben in der unteren Hemisphäre, sehnen sich die Personen, Gesellschaften und Völker nach Befreiung.

Jesus Christus befreit den Menschen aus der Sklaverei der Sünde. Es handelt sich dabei um eine geistige Befreiung. „Es handelt sich um die Befreiung des inneren Menschen, um die »Freiheit des Herzens«. Die Befrei­ung im sozialen und politischen Sinn ist nicht das eigentliche messiani­sche Werk Christi. Andererseits muß festgestellt werden, daß ohne die von ihm vollzogene Befreiung, ohne die Befreiung des Menschen von der Sün­de und daher von jeder Art von Egoismus auch keine wirkliche Befreiung im sozio-politischen Sinn erreicht werden kann. Keine äußerliche Umwandlung der Strukturen führt zu einer wirklichen Befreiung der Gesellschaft, so­lange der Mensch der Sünde und der Lüge unterworfen ist, solange die Leidenschaften und mit ihnen die Ausbeutung und die verschiedenen Formen der Unterdrückung herrschen.“7

In der heilbringenden Befreiung durch Jesus bekehrt sich die innere menschliche Person „von der Finsternis zum Licht und von der Macht des Satans zu Gott“ (Apg 26,18), vom geistigen Tod zum ewigen Leben im Reich Gottes. Jesus befreit die Person vom Grundübel der Sünde: von der Sklaverei des Egoismus und der dreifachen Begehrlichkeit, „von der Skla­verei des Zerfalles“ (Röm 8,21) im Grab der unteren Hemisphäre, von der Sklaverei Satans. Jesus erhebt die innere Person von der Ebene der un­teren Hemisphäre der menschlichen Welt in das Reich Gottes und auf die obere Hemisphäre der menschlichen Welt. Jesus pfropft in die Person die Gnade der Gotteskindschaft ein. In diesem heilbringenden Übergang än­dert die Person ihre Grundeinstellung. Sie ist jetzt auf übernatürliche Weise für die Gottes- und Nächstenliebe offen. Die Person bewegt sich, das heißt sie lebt jetzt im unendlichen und ewigen Reich Gottes und ge­nießt das Glück der Freiheit in der Wahrheit und Liebe.

„Im Leben und in der Sendung Jesu Christi ist das Reich Gottes nicht nur »nahe« (Lk 10,9), sondern schon in der Welt gegenwärtig und handelt bereits in der Geschichte des Menschen. Jesus selbst sagt: »Das Reich Got­tes ist mitten unter euch« (Lk 17,21).

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7 Johannes Paul II., Ansprache vom 3. 8. 1988, 3, 209; vgl. ders., Ansprache vom 13. 11. 1991, 2,1135.

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(…) Nur durch Christus werden die Menschen wahre »Kinder des Rei­ches«: das heißt des neuen Reiches, das jenes weit übersteigt, von dem die damaligen Juden glaubten, die natürlichen Erben zu sein (vgl. Mt 8,12).

Das neue Reich hat einen höchst geistlichen Charakter. Um dort einzu­treten muß man sich bekehren und an das Evangelium glauben, sich von den Mächten des Geistes der Finsternis befreien und sich der Macht des Geistes Gottes unterwerfen, den Christus den Menschen bringt. Wie Jesus sagt: »Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen« (Mt 12,28; vgl. Lk 11,20).

Die geistliche und transzendente Natur dieses Reiches wird auch in dem entsprechenden Wort vom »Himmelreich« ausgedrückt, das wir im Text des Evangeliums finden. Ein herrliches Bild, das den Ursprung und das Ziel des Reiches, den »Himmel« und die göttlich-menschliche Würde dessen durchblicken läßt, in dem das Reich Gottes durch die Menschwer­dung in der Geschichte konkrete Gestalt annimmt: in Christus.“8

Das Reich Gottes ist das Reich des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und es ist auch das Reich Christi. Das Reich Gottes ist das Him­melreich, weil die Personen in ihm in den „Himmel Gottes“ und gleich­zeitig in die intelligible Welt eintreten, die der wahrnehmbaren Welt übergeordnet ist. Das Himmelreich ist in und durch Christus auf der Er­de angebrochen, um den Menschen den Eintritt in diese neue Welt (das Universum) der Geistlichkeit und der Ewigkeit zu ermöglichen. Durch Kreuz und Auferstehung hat Jesus Christus das umfassende Heil und somit die umfassende Befreiung der menschlichen Person und der Welt der menschlichen Personen gewirkt. Im gekreuzigten und auferstandenen Christus, also durch ihn, werden die Personen in das Reich Gottes erho­ben.

Auf der Erde (in terris) stellt die Kirche den Beginn des Reiches Christi und Gottes (vgl. LG 5) dar. Die Kirche ist in die übernatürliche und natür­liche Ordnung erhoben. Die Kirche ist in der inneren Ordnung in Chri­stus, in sein göttlich-menschliches Herz, eingetaucht. Das Herz des Gott­menschen schlägt im Herz der Kirche und umgekehrt. In und durch Chri­stus ist die Kirche in der inneren Ordnung in den Dreieinen Gott einge­taucht. Die Kirche nimmt am Leben Christi teil, oder besser: sie nimmt in und durch ihn am Leben des Dreieinen Gottes teil.

Durch die Tür der Taufe tritt die menschliche Person in die Kirche ein

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8 Ders., Ansprache vom 4. 9. 1991, 2, 462-463; vgl. pius XI., Ansprache vom 21. 4. 1926, in: Discorsi I, 571f; Johannes Paul II., Redemptoris missio, Nr. 18: „Das Reich Gottes, wie wir es von der Offenbarung her kennen, kann weder von Christus noch von der Kirche losgelöst werden.“

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und wird nach dem Bild und Gleichnis Christi und des Dreieinen Gottes neu geschaffen. Von der „animalischen Person“ (oder „fleischlichen Per­son“) verwandelt sie sich in eine „geistige Person“: in eine übernatürliche und natürliche, eine himmlische und irdische Person. Die Taufe gibt der Person in der gegenwärtigen Ökonomie jedoch nicht die präternaturalen Gaben zurück. Die neugeschaffene Person ist in ihrer Tiefe erneuert: Sie ist ein neue Person.

Die aus den neuen Personen gebildete Kirche ist der Beginn der neuen Erde und des neuen Himmels. Die äußere irdische Kirche besteht aus äu­ßeren menschlichen Personen. Die innere irdische Kirche besteht aus in­neren menschlichen Personen. Sie erhebt sich über die sichtbare Erde und Welt in das Himmelreich und bildet die vollkommene obere Hemisphäre der Erde der Personen. Das herrliche übernatürliche und natürliche Uni­versum der irdischen Kirche ist der Beginn und der Keim des Reiches Christi und des Dreieinen Gottes.

Die Kirche ist „die Seele und das Herz der Welt.“9

Die Kirche ist der Raum der befreiten Menschheit. Sie ist die Familie der freien Adoptivkinder Gottes. Die innere Hemisphäre der Kirche ist in Got­tes Freiheit eingetaucht, in die umfassende „Höchste Wahrheit“ und in das umfassende „Höchste Gut“. Die Kirche ist wirklich und zuinnerst mit dem Menschengeschlecht und ihrer Geschichte verbunden (vgl. GS 1; 40), und sie dient ihr, indem sie ihr das Geheimnis Gottes offenbart, der ihr letztes personales Ziel ist. Die Kirche beseelt alles, was zur Befreiung der Per­son(en) und der Gesellschaft(en) aus der Sklaverei der unteren Hemisphäre der Erde beitragen kann. Ihre Aufgabe ist es, das Reich Christi und Gottes in allen Völkern der Erde zu errichten.

3. Die Kirche – das neue Jerusalem

„Der Verfasser der Geheimen Offenbarung beschreibt die Kirche als Braut, vor allem in einer herabsteigenden Phase als Gabe aus der Höhe. Die Braut des Lammes (vgl. Offb 21,9) wird identifiziert als »die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes« (Offb 21,10-11), als »das neue Jerusalem (…) bereit wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat«

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9 Johannes Paul II., Ansprache vom 19. 10. 1985, 2,1044; vgl. ders., Ansprache vom 3. 7. 1983, 2,17.

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(Offb 21,2).“10

Jesus selbst (vgl. Lk 9,51; 13,33) hat Jerusalem als Ort der Erfüllung sei­ner messianischen Sendung gewählt: als Ort seines Kreuzestodes und sei­ner Auferstehung. Und er hat diese Stadt zum Ort der Geburt der Kirche am Pfingsttag bestimmt. Die Stadt Jerusalem ist ein Symbol der Kirche.

Die Kirche ist das neue Jerusalem. Es steigt vom Himmel auf die Erde der menschlichen Person herab, um sie zu vereinen und in die Stadt Chri­sti und Gottes zu verwandeln. Auf der Erde der menschlichen Personen wird die Kirche geboren, und sie bildet sich dank der Sendung des Heili­gen Geistes, dank der Herabkunft Christi im Heiligen Geist und dank der heilbringenden Selbstmitteilung des Dreieinen Gottes in Christus und durch Christus. Die Kirche ist das auf die Erde herabgestiegene himm­lische Jerusalem. In der Kirche – im neuen Jerusalem – aktualisiert der Heilige Geist vollkommen das Wort des Kreuzes und der Auferstehung Christi.

„Groß ist der Herr und hoch zu preisen
in der Stadt unseres Gottes.
Sein heiliger Berg ragt herrlich empor;
er ist die Freude der ganzen Welt.
Der Berg Zion liegt weit im Norden;
er ist die Stadt des großen Königs.
Gott ist in ihren Häusern bekannt
als ein sicherer Schutz“ (Ps 48,2-4).

„Die Kirche wird auch bezeichnet als »Jerusalem, das oben liegt« und als »unsere Mutter« (Gal 4,26; vgl. Offb 12,17)“ (LG 6).

„Mitten in der Menschheit erhebt sich »die Stadt auf dem Berg« (Mt 5,14), die Kirche Christi, als Wächterin und Beschützerin.“11

Die Kirche ist die Stadt Gottes, die Stadt des Königs der Könige der Erde. Die Christen sind als Bürger der Kirche, die mit dem gekreuzigten

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10 Ders. Ansprache vom 8. 1. 1992, 1, 33-34; vgl. ders., Ansprache vom 5. 3. 1988, 1, 569; ders., Ansprache vom 19.1. 1992, 1, 114; Paul VI., Ansprache vom 20. 10. 1965, 1070.

11 Pius XII., Ansprache vom 24. 12. 1944, in: Discorsi VI, 230; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 31. 1. 1985,1, 310; ders., Ansprache vom 2. 11. 1985, 2,1171; ders., Ansprache vom 31. 5. 1989, 1, 1399-1400; ders., Ansprache vom 6. 1. 1989, 1, 37-38; vgl. Leo XII., Vigesimo quinto anno, in: Encicliche I, 512: In der Sprache der Bibel befindet sich die Kirche auf dem Berg Zion.

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Christus gekreuzigt wurden und mit dem auferstandenen Christus auf­erstanden sind, die wahren Könige der Erde der Menschen. Die Kirche ist der heilige Berg, der Berg Zion, der Berg des Tempels des Herrn. Die äu­ßere Kirche ist sein Fuß; die hemisphärische Kirche mit ihren Hängen erhebt sich von allen Seiten zum Nordgipfel empor: Dies ist der Pol der oberen Hemisphäre der Erde der menschlichen Personen.

In der Wandelbarkeit der Geschichte und Geographie der Menschheit ragt die Kirche unverrückbar und fest wie ein wunderbarer Berg des neu­en und ewigen Bundes empor. Die Kirche ist mit ihren unsagbaren Reich­tümern und inneren Schönheiten die Freude der ganzen Erde der menschlichen Personen.

Die Kirche ist in ihrem innersten Kern die polare Stadt der oberen He­misphäre der theologischen und anthropologischen Welt. Diese polare Stadt ist das polare Jerusalem: die geistige Hauptstadt der oberen He­misphäre der Menschheit. (Auch das himmlische Jerusalem könnte man „polares Jerusalem“ nennen. Aber diesen Namen behalte ich mir aus­schließlich für das irdische polare Jerusalem vor, um terminologische und begriffliche Verwirrungen zu vermeiden.) Das polare Jerusalem ist in vollendeter Weise die Stadt des höchsten Königs und auch das innere irdische Zentrum der Heilsgeschichte und Heilsgeographie des neuen Israels. Das neue polare Jerusalem stellt sich diametral der polaren Stadt Babel (Babylon) entgegen: der geistigen Hauptstadt der unteren He­misphäre der theologischen und anthropologischen Welt.

Das irdische Jerusalem ist Zielpunkt einer geheimnisvollen universel­len Bewegung. Die Völker verschiedener Teile und verschiedener Länder sind zu ihm unterwegs und ziehen zu ihm hin. Das irdische Jerusalem selbst zieht dem himmlischen Jerusalem und somit der „beseligenden Schau des Friedens“ im Paradies entgegen. Das apokalyptische Bild der heiligen Stadt, die vom Himmel herabsteigt, verwirklicht sich beständig in der Kirche als Bild eines wandernden Volkes.

„Die Kirche ist gleichsam eine Stadt, eine »civitas«. Und was ist eine Stadt? Die Stadt ist nicht zuerst ein bewohnter Ort, eine Gruppe von Häu­sern (urbs), sondern die Vereinigung von Individuen, Familien, Stämmen, Menschengruppen, die sich einander nahestehen, um eine Gesellschaft zu bilden, die sich durch eigene Gesetze und Autoritäten homogen und selb­ständig macht; sie ist eine in einem bestimmten Sozialrecht geeinte und geleitete Gemeinschaft; eine Nation, so können wir sagen, wenn wir ihre ethnischen, geschichtlichen und sprachlichen Elemente betrachten; ein Staat, wenn wir sie unter juristischer Rücksicht betrachten. Die Kirche ist eine juristische, organisierte, sichtbare und vollkommene Gesellschaft.“12

Das neue Jerusalem, in dem sich Menschen aus allen vier Himmelsrich­tungen versammelt haben, ist eine vollkommene und souveräne Gesell­schaft. Die Kirche ist eine wahre, sichtbare, organisierte und religiöse Ge­meinschaft mit den Gewalten einer vollkommenen und souveränen Ge­sellschaft, mit eigenen Gesetzen, Autoritäten sowie eigenen Mitteln und Zielen. Jesus der Herr wollte die Kirche als eine sichtbare Gesellschaft, die er selbst durch den Papst und die Bischöfe leitet (vgl. LG 14).

4. Die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche

„Das Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis spricht von der »einen, heiligen, katholischen und apostolischen« Kirche. Es sind die sogenannten »Wesensmerkmale« der Kirche.“13

Die irdische Kirche hat aufgrund ihrer göttlichen Einsetzung eine un­veränderliche Struktur (Wesen). Die „Wesensmerkmale“ sind die We­senseigenschaften und konstitutiven Proprietäten der Kirche. Einerseits sind sie unsichtbar, insofern es sich um Eigenschaften der inneren irdi­schen Kirche handelt, und andererseits sind sie aber auch sichtbar, inso­fern es sich um Eigenschaften der äußeren irdischen Kirche handelt.

„Es ist klar, daß die Einheit der Kirche, die wir im Glaubensbekenntnis bekennen, der Gesamtkirche eigen ist.“14

Die Kirche ist eine von ihrem Ursprung her. „Höchstes Vorbild und Urbild dieses Geheimnisses ist die Einheit des einen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in der Dreiheit der Personen“ (UR 2). Die Kirche ist eine aufgrund ihres Gründers, der durch sein österliches Geheimnis alle Menschen mit Gott und untereinander versöhnt hat. Auf diese Weise hat er die Einheit aller Völker in einem einzigen Gottesvolk

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12 Paul VI., Ansprache vom 25. 5. 1966, 786; vgl. Pius XI., Ansprache vom 19. 3. 1926, in: Discorsi I, 545: Die Kirche ist in der Erhabenheit ihrer übernatürlichen Elemente die höchste Stadt; Johannes Paul I., Ansprache vom 17.9. 1988, 3, 839: „Die Gegenüberstellung zwischen Amtskirche beziehungsweise Kirche als Institution und Kirche als communio, die man manchmal vornimmt, ist unzulässig. Denn diese beiden Wirklichkeiten sind keineswegs voneinander getrennt, und sie können es auch nie sein.“

13 Johannes Paul II., Ansprache vom 10. 7. 1991, 2, 79; vgl. Paul VI., Ansprache vom 2. 10. 1963, 493.

14 Johannes Paul II., Ansprache vom 10. 7. 1991, 2, 80; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 813f.

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wiederhergestellt. Die Kirche ist eine aufgrund ihrer Seele, des Heiligen Geistes.

Die Einheit der Kirche schließt eine gewisse Verschiedenheit ein. Die Verschiedenheit der Kirche kommt von der Vielfalt der Gaben Gottes her, von den Unterschieden zwischen den Personen und Völkern sowie von den unterschiedlichen Aufgaben der Glieder der Kirche. Die Geographie der äußeren Kirche ist unterschiedlich und reichhaltig. Aber noch unter­schiedlicher und reichhaltiger ist die Geographie der inneren irdischen Kirche. Die Einheit der Kirche ist in den Bürgern des polaren Jerusalems in seinen verschiedenen Stufungen vollkommen. In den anderen Gliedern der Kirche ist die Einheit allerdings unvollkommen, weil sie entsprechend der Größe eines negativen Kreuzes der Sünde abnimmt. Die Sünde schafft eine negative Verschiedenheit, die der Einheit der Kirche schadet. So kam es, daß verschiedene Spaltungen die Einheit der Kirche im Lauf der Jahr­hunderte verletzten.

„Im Glaubensbekenntnis wird auch gesagt, daß die Kirche »heilig« ist. Man muß sofort klarstellen, daß sie es kraft ihres göttlichen Ursprunges und ihrer Stiftung ist. Heilig ist Christus, der die Kirche eingesetzt hat, indem er für sie durch das Kreuzesopfer das Geschenk des Heiligen Geistes er­worben hat, der die unerschöpfliche Quelle der Heiligkeit der Kirche wie auch das Prinzip und das Fundament ihrer Einheit ist. Heilig ist die Kir­che durch ihr Ziel: die Verherrlichung Gottes und die Rettung der Men­schen; heilig ist sie auch durch die Mittel, die auf dieses Ziel hin verwen­det werden und die in sich die Heiligkeit Christi und des Heiligen Geistes ent­halten. Es sind dies: die Lehre Christi, zusammengefaßt in der Offenba­rung der Liebe Gottes zu uns und im zweifachen Gebot der Liebe; die sieben Sakramente und der gesamte Gottesdienst (die Liturgie), beson­ders die Eucharistie; das Gebetsleben. Das alles ist eine göttliche Lebens­ordnung, in der der Heilige Geist durch die Gnade wirkt, die in die Gläu­bigen eingegossen ist und in den Glaubenden genährt und mit vielfälti­gen Charismen bereichert wird zum Wohl der ganzen Kirche.“15

Viele Glieder der Kirche haben eine gewöhnliche Heiligkeit, die aus dem Stand der heiligmachenden Gnade hervorgeht. Als innere Personen leben sie im „Heiligtum“ des Tempels der Kirche, das heißt auf der Ebene

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15 Johannes Paul II., Ansprache vom 10. 7. 1991, 2, 81; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 823f; vgl. Paul VI., Ansprache vom 10. 8. 1966, 830-831: Die Kirche ist trotz der Sünden und Schwächen ihrer Glieder heilig und indefektibel.

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der verschiedenen hemisphärischen Breitengrade der inneren Kirche. Ihre Heiligkeit ist mehr oder weniger unvollkommen, weil sie mehr oder we­niger von einem Kreuz der Sünde gezeichnet sind. Die Bewohner des po­laren Jerusalems leben im „Allerheiligsten“ des Tempels der Kirche. Sie erwerben verschiedene Stufen einer heldenhaften, vollkommenen Heilig­keit: die Gipfel der Heiligkeit. Die Christen im Stand der Todsünde sind mit dem „Leib“ in der Kirche, nicht aber mit dem „Herzen“ (vgl. LG 14). „Die Kirche umfaßt Sünder in ihrem eigenen Schoße. Sie ist zugleich hei­lig und stets der Reinigung bedürftig“ (LG 8).

„Die Kirche ist durch göttliche Stiftung »katholisch«, das heißt »univer­sal« (griechisch: [kath’holon] = das Gesamt betreffend). Soweit bekannt, wurde dieser Ausdruck erstmals vom heiligen Ignatius von An­tiochien verwandt, als er an die Gläubigen von Smyrna schrieb: »Wo Jesus Christus ist, dort ist die Katholische Kirche« (Ad Smyrn., 8).“16

Das Wort „katholisch“ bedeutet „allumfassend“, im Sinne von „ganz“ oder „vollständig“. Die Kirche ist katholisch, weil in ihr die Fülle des mit seinem Haupt vereinten Leibes Christi subsistiert; dies impliziert, daß sie von ihm „die Gesamtheit oder die Fülle der Heilsmittel“ (AG 6) erhält, die er gewollt hat: ein rechtgläubiges und vollständiges Glaubens­bekenntnis, das vollständige sakramentale Leben und das Weiheamt in der apostolischen Sukzession.

Die irdische Kirche ist in ihrer inneren Ordnung allumfassend: Sie brei­tet sich auf allen übernatürlichen und natürlichen, theologischen und an­thropologischen Längen- und Breitengraden der oberen Hemisphäre der Menschheit aus. Sie bildet eine vollkommene übernatürliche und natürli­che Hemisphäre. Das polare Jerusalem ist die katholische Stadt: In ihr fließen in einer alles umfassenden Einheit die übernatürlichen und natür­lichen Längen- und Breitengrade der irdischen Kirche zusammen. Das

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16 Johannes Paul II., Ansprache vom 10. 7. 1991, 2, 82; vgl. Paul VI., Ansprache vom 17. 5. 1964, 340f; ders., An­sprache vom 9. 12 1964, 735; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 830-831; Johannes Paul I., Ansprache vom 2. 1. 1991, 1, 8: Die Katholizität der Kirche „hat im Heiligen Geist ihren Ursprung, der »das All erfüllt« (Weish 1,7) und das universale Prinzip von Kommunikation und Gemeinschaft ist. Die »Kraft des Heiligen Geistes« (Apg 1,8) strebt danach, den Glauben an Christus und das christliche Leben »bis an die Enden der Erde« (Apg 1,8) zu verbreiten, indem sie die Wohltaten der Erlösung auf alle Völker ausdehnt“; vgl. Pius XII., An­sprache vom 7. 11. 1954, in: Discorsi XVI, 259-260: Der Begriff „katholisch“ weist auf den universellen und rechtgläubigen Charakter und schließt in sich nur Sünde und Irrtum aus; Johannes Paul I., Ansprache vom 10. 5. 1989, 1, 1207: „Das Heiligtum des Volkes Gottes ist überall, es befindet sich an verschiedenen Orten der Erdkugel und umfaßt die einzelnen Völker und Nationen der weltumspannenden »Ökumene«.“ Das Wort „oikuméne“ bedeutet die von Häusern besiedelte Welt – die von Menschen bewohnte Welt. Der Ausdruck „ökumenisch“ entspricht dem Wort „universal“.

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polare Jerusalem ist das unmittelbare Zentrum der Heilsgeschichte und Heilsgeographie der inneren irdischen Kirche. Die Kirche ist in ihrer äu­ßeren Ordnung katholisch: Sie breitet sich auf der Oberfläche der ganzen Erde und somit auf den verschiedenen geographischen und anthropologi­schen Längen- und Breitengraden aus.

Die Kirche ist katholisch, weil sie zum ganzen Menschengeschlecht ge­sandt ist. Die Katholizität ist die Ausdehnung der Einheit auf die Mensch­heit hin, die in ihrer inneren und äußeren Ordnung geteilt ist. Die Ge­samtkirche dehnt diese Einheit aus, insofern sie „mit Tatkraft und Stetig­keit danach strebt, die ganze Menschheit mit all ihren Gütern unter dem einen Haupt Christus zusammenzufassen, in der Einheit seines Geistes“ (LG 13).

„Die Kirche Christi ist »apostolisch«, das heißt auf den Aposteln errich­tet, von denen sie die von Christus und in Christus offenbarte göttliche Wahrheit empfangen hat. Die Kirche ist apostolisch, weil sie diese aposto­lische Tradition bewahrt und als ihren kostbarsten Schatz hütet. Die be­auftragten und bevollmächtigten Wächter dieses Schatzes sind die Nach­folger der Apostel.“17

Die Kirche wird weiterhin von den Aposteln geleitet, und zwar dank ihrer Nachfolger im Hirtenamt: das Bischofskollegium, „dem die Presby­ter zur Seite stehen, in Einheit mit dem Nachfolger Petri und obersten Hirten der Kirche“ (AG 5). An dieser Apostolizität der Kirche haben aber auch alle Gläubigen teil, die mit den rechtmäßigen Hirten vereint sind.

5. Die Kirche, das Netz Christi und Gottes

„Die Kirche ist die neue Gemeinschaft der Menschen, die Christus ein­gesetzt hat als eine »Versammlung« all derjenigen, die berufen sind, zum neuen Israel zu gehören, um nach den Gnaden und Forderungen des im Kreuzesopfer gestifteten Bundes das göttliche Leben zu leben.“18

Das hebräische Wort qahal und das griechische ekklesia: die Kirche bedeuten „Zusammenkunft, Versammlung“. ixxXlicsia hat einen

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17 Johannes Paul II., Ansprache vom 10. 7. 1991, 2, 83; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 857f.

18 Johannes Paul II., Ansprache vom 20. 7. 1991, 2,123.

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etymologischen Bezug zu dem griechischen Verb kalein, das „ru­fen“ bedeutet. Im Alten Testament ist Israel qahal Jahwes, weil es Jahwe gehört, der es erwählt, gerufen und mit ihm seinen Bund geschlossen hat. Die Kirche ist das Israel des neuen und ewigen Bundes. Christus gründet und errichtet „seine“ Kirche als „Berufung aller Menschen zum neuen Bund“. Die von Christus einberufene Versammlung ist die „Kirche Got­tes“ (vgl. 1 Kor 1, 2; 2 Kor 1,1) oder die „Kirche Gottes in Jesus Christus“ (vgl. 1 Thess 2,14) oder die „Kirche Christi“ (vgl. Röm 16,16).

„Am Pfingsttag wurde unter dem machtvollen Wehen des Heiligen Geistes die Kirche geboren. Sie wurde geboren, damit sie immer von neu­em durch das Wort des Evangeliums geboren würde, indem sie die Men­schen und die Nationen lehrt.“19

„Die Katholische Kirche ist die Fortsetzung, die Projektion des Evange­liums Christi in Raum und Zeit, das die Menschheit und die Welt durch­zieht.“20

Die in Adam gefallene Menschheit ist auf den theologischen und an­thropologischen Längen- und Breitengraden der unteren Hemisphäre der Erde der Personen und gleichzeitig auf den geographischen Längen- und Breitengraden der sichtbaren Erdkugel gespalten und zerstreut. Der Hei­lige Geist aktualisiert durch die Evangelisierung der Kirche vollkommen das Wort des Kreuzes und der Auferstehung Christi.

Christus, der göttliche Fischer, ruft, zieht an und sammelt mit dem Netz des Evangeliums die verschiedenen Teile der Menschheit in die um­fassende Einheit der inneren und äußeren Ordnung. Er versammelt sie in einer vollständigen Einheit auf der Ebene der theologischen und anthro­pologischen Längen- und Breitengrade der oberen Hemisphäre der Erde der Personen. Und gleichzeitig versammelt er sie in einer vollständigen Einheit der geographischen Längen- und Breitengrade der sichtbaren Erdkugel. Er versammelt verschiedene Teile der Menschheit in der Ein­heit auf der Ebene der allumfassenden Wahrheit und Liebe. So wird die allumfassende Kirche von Generation zu Generation neu geboren.

Die allumfassende Kirche ist „das große Netz, das in den Ozean der

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19 Ders., Ansprache vom 22. 5. 1983, 1, 1349.

20 Paul VI., Ansprache vom 25. 8. 1963, 560.

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Geschichte geworfen ist.“21

Die allumfassende Kirche ist das Netz Christi, noch mehr des Dreieinen Gottes. Die Kirche ist das vollkommen christozentrische (christologische) Netz: sie ist vollkommen theozentrisch (theologisch) und anthropozen­trisch (anthropologisch). Die Heilsgeschichte und Heilsgeographie der glo­balen Kirche sind deshalb voll theozentrisch und voll anthropozentrisch. Im unbeständigen und stürmischen Meer der menschlichen Geschichte und Geographie hat das Netz der Kirche an der Festigkeit der ewigen Wahrheit und Liebe teil. Das Netz der allumfassenden Kirche gibt das ewige Evange­lium an die gefallene Menschheit weiter, indem sie sich der Wellenlänge ihrer theologischen und anthropologischen Sprachen anpaßt. Die Kirche tut dies, um die Menschheit in die allumfassende Einheit in Christus und in Gott zusammenzurufen und zu versammeln.

6. Die Kirche, das Geheimnis der Communio

Die Communio (koinonia) ist ein Schlüsselbegriff der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Communio ist der Leitgedanke und die tragende Achse der Konzilsdokumente. Die Communio ist eine Di­mension, die die Konstitution der Kirche betrifft und in allen ihren Äuße­rungen eine wichtige Bedeutung einnimmt: vom Bekenntnis des Glau­bens zum Zeugnis der Praxis, von der Weitergabe der Lehre zur Gliede­rung der Strukturen.

„Der zentrale Gedanke des Lehramtes des Konzils ist die Communio-­Ekklesiologie.

Die Einheit der Gemeinschaft des Volkes Gottes, die Universalität in Raum und Zeit, zu der ihre Sendung bestimmt ist, die gleiche grundsätz­liche Würde aller seiner Glieder, die Verschiedenheit der Aufgaben und Charismen finden in der Wirklichkeit und im Geist der communio ihren notwendigen und fruchtbaren Halt. Communio heißt wesentlich Vereini­gung mit Gott durch Jesus Christus im Heiligen Geist und Vereinigung

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21 Johannes Paul II., Ansprache vom 25. 7. 1990, 2, 156; vgl. Paul VI., Ansprache vom 1. 6. 1966, 791; Johannes Paul I., Ansprache vom 14. 8. 1993, 2, 474: „Heute grüße ich alle, die Christus – der »Menschenfischer«, der göttliche Fischer – im Netz seiner Kirche gesammelt hat.“

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mit allen Brüdern und Schwestern im Glauben.“22

Die göttliche Dreieinigkeit ist das Geheimnis der Gemeinschaft des Va­ters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die Gemeinschaft der drei un­endlich vollkommenen Personen ist unendlich vollkommen. Insbesondere der Heilige Geist ist das „Band der Liebe“ und somit das „Band der Ge­meinschaft“ des Vaters und des Sohnes. Die Gemeinschaft der drei gött­lichen Personen ist die Quelle und das höchste Modell der Gemeinschaft der Personen in der Kirche.

Die theologische und dreifaltige Gemeinschaft eines jeden Gläubigen mit dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist strömt in die Gemein­schaft der Gläubigen hinein und versammelt sie zu einem Volk. „So er­scheint die ganze Kirche als »das von der Einheit des Vaters und des Soh­nes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk« (Cyprian, De Orat. Dom. 23, in: PL 4, 553; Hartel III A, 285; Augustinus, Serm. 71, 20, 33, in: PL 38, 463f; Johannes von Damaskus, Adv. Iconocl. 12, in: PG 96, 1358 D)“ (LG 4).

Die Kirche ist der mystische Leib Christi und deshalb ein Herz und eine Seele (vgl. Apg 4,32). So stellen Christus als Haupt und die Kirche als Leib eine einzige mystische Person dar. Die Communio der Kirche ist „organisch“, analog zu der des lebenden und wirkenden Leibes.

Die Communio der Kirche ist göttlich und menschlich, übernatürlich und natürlich, vertikal und horizontal.

Die Kirche, das heißt das messianische Volk des neuen Bundes ist „von Christus als Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit ge­stiftet“ (LG 9).

„Der Begriff communio (Gemeinschaft) steht im Herzen des Selbstver­ständnisses der Kirche: in erster Linie ist damit eine Teilhabe durch die Gna­de am Leben des Vaters, das uns durch Christus im Heiligen Geist geschenkt ist, gemeint.“23

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22 Johannes Paul II, Ansprache vom 22. 3. 1987, 1, 650; vgl. ders., Christfideles laici, Nr. 19-20; ders., Ansprache vom 20. 12. 1990, 2,1699-1700; ders., Ansprache vom 15. 1. 1992, 1, 92f; Paul VI., Ansprache vom 8. 6. 1966, 793f; ders., Ansprache vom 21. 7. 1971, 640f; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 787 f; Schlußdokument der Außer­ordentlichen Bischofssynode 1985, in EnV 9, 1761-1763: „Die »Conununio«-Ekklesiologie ist die zentrale und grundlegende Idee der Konzilsdokumente. Die Koinonia/Communio, die in der Heiligen Schrift gründet, genoß in der alten Kirche und in den Ostkirchen bis heute hohes Ansehen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil geschah viel, damit die Kirche als »Communio« klarer verstanden und konkreter ins Leben umgesetzt wurde.“

23 Johannes Paul II., Ansprache vom 16.9. 1987, 3, 553; ders., Ansprache vom 7. 5 .1989, 1, 1196: Die Gemeinschaft mit Gott und die Gemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern ist die erste Frucht des Geistes; ders., An­sprache vom 1. 11. 1983, 2, 958: „Communio heißt innige Vereinigung, die mehr als ein einfacher Kontakt oder eine einfache Kommunikation ist: in der übernatürlichen Ordnung bringt sie die innige Vereinigung zum Ausdruck,

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In der Kirche leben die menschlichen Personen in der inneren Einheit mit Gott und untereinander. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Heili­gen. Sie ist eine Versammlung, ein zugleich menschliches, physisches und mystisches Gefüge. Die Kirche ist eine Gemeinschaft, das heißt eine aus ihren eigenen Bändern zusammengefügte Gesellschaft. Die irdische Kir­che ist eine unsichtbare Gemeinschaft (eine heilige Gemeinschaft der in­neren Personen) und eine sichtbare Gemeinschaft (eine heilige Gemein­schaft der äußeren Personen).

Die Kirche ist die Familie der Kinder Gottes, die durch das österliche Wort Christi in der universellen Wahrheit und Liebe verbunden sind. Die Kirche ist die universelle Gemeinschaft der Liebe, die im Glauben, in den Sakramenten und in der hierarchischen Ordnung gründet.

Die irdische Kirche lebt auch in der Gemeinschaft mit der Kirche des Fegfeuers und mit der himmlischen Kirche. Sie strebt nach der endgülti­gen Gemeinschaft mit dem Dreieinen Gott im himmlischen Paradies.

„Die communio des eucharistischen Leibes Christi bedeutet und bewirkt, das heißt errichtet die innige Gemeinschaft aller Gläubigen im Leib Christi, der die Kirche ist (vgl. LG 10).“24

Die vertikale und die horizontale Dimension der Communio der Kirche bilden ein Kreuz, in dem sich in gewisser Weise das Kreuz Christi und sein österliches Geheimnis widerspiegeln. Die Eucharistie ist die Krone aller Sakramente. Sie vergegenwärtigt auf höchste Weise das österliche Geheimnis Christi. Die Eucharistie ist die Quelle der Gemeinschaft der Glieder der Kirche untereinander, weil sie jedes Glied mit Christus ver­eint. „Beim Brechen des eucharistischen Brotes erhalten wir wirklich An­teil am Leib des Herrn und werden zur Gemeinschaft mit ihm und unter­einander erhoben. »Denn ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot« (1 Kor 10,17).“ (LG 7).

Bei der eucharistischen Kommunion empfangen wir Christus selbst. Unsere heilbringende Vereinigung mit ihm bewirkt, daß wir in ihm auch

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die mit denen besteht, die durch den Besitz der heiligmachenden Gnade lebendige Glieder der Kirche sind.“

24 Ders., Ansprache vom 30. 10. 1987, 3, 960; vgl. ders., Ansprache vom 13. 11. 1990, 2,1177; ders., Ansprache vom 8. 4. 1992, 1, 1057f; Paul VI., Ansprache vom 1. 3. 1972, 204-206; ders., Ansprache vom 30. 3. 1972, 322; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 17. 9. 1988, 3, 830: Das Wort Gottes teilte sich mit und schuf Gemeinschaft, indem es die menschliche Natur annahm und in die Geschichte der Menschen eintrat; ders., Ansprache vom 30. 6. 1985, 1, 2049: „Die Eucharistie als Sakrament der Gemeinschaft und des einzelnen offenbart sich als neuschaf­fende Macht des ganzen menschlichen Universums“; Pius XII., Ansprache vom 17. 4. 1940, in: Discorsi I, 74: „Die heilige Kommunion, durch die sich Jesus selbst euch mit seinem Leib, mit seinem Blut, mit seiner Seele und mit seiner Gottheit schenkt, ist die realste und innigste Begegnung mit Gott.“

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in der Einheit seines mystischen Leibes stehen, das heißt mit der Kirche verbunden sind. Die heilige Eucharistie wird im allgemeinen das Sakra­ment der Liebe genannt. Die zweifache Dimension der Gemeinschaft der Kirche erreicht ihren Höhepunkt in der eucharistischen Communio. Durch die Eucharistie bewirkt und nährt der Heilige Geist die vollständi­ge und vollkommene Gemeinschaft in der Kirche. Bei der eucharistischen Kommunion erhalten die Christen die göttliche Kraft, die im Übermaß das Netz ihrer übernatürlichen Kommunikationen nährt.

„Unter »Teilkirche« — Bistum (oder Eparchie) — versteht man eine Ge­meinschaft von Christen, die mit ihrem in der apostolischen Sukzession stehenden Bischof im Glauben und in den Sakramenten vereint ist (vgl. CD 11; CIC, cann. 368-369).“25

Die Kirche Christi läßt sich in der Vielfalt der kulturellen, sozialen und menschlichen Gebiete nieder. Auf diese Weise übernimmt sie im Lauf der Geschichte in einem jeden Teil der menschlichen Welt andere mensch­liche Gebiete. Die benachbarten Teilkirchen mit einer gleichartigen Kultur bilden die Kirchenprovinzen oder größere Wirklichkeiten, die Patriar­chate oder Erzbistümer genannt werden.

„Die Ortskirche ist der Abglanz der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche im kleinen, die wahrhaft und wirklich in der Orts­kirche subsistiert.“26

„Die »vertikale Dimension« der kirchlichen Gemeinschaft hat für das Verständnis der Beziehung der Teilkirchen zur Universalkirche eine tiefe Be­deutung. Es ist wichtig, ein rein soziologisches Verständnis dieser Bezie­hung zu vermeiden. »In den Teilkirchen und aus ihnen besteht die eine und einzige Katholische Kirche« (LG 23), aber diese Universalkirche darf nicht als Gesamtheit der Teilkirchen oder als Verband der Teilkirchen verstanden werden.“27

Es besteht eine innere gegenseitige Wechselbeziehung zwischen der universel-

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25 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 833.

26 Johannes Paul II., Ansprache vom 5. 9. 1983, 2, 383.

27 Ders., Ansprache vom 16. 9. 1987, 3, 555; vgl. Paul VI., Evangelii nuntiandi, Nr. 62; Johannes Paul II., Ansprache vom 25. 5. 1985, 1, 1631; ders., Ansprache vom 2. 1. 1991, 1, 10; ders., Ansprache vom 11. 4. 1985, 1, 998; Kon­gregation für die Glaubenslehre, Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über einige Aspekte der Kirche als Communio, 28. 5. 1992.

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len Kirche und den Teilkirchen. Die allumfassende Kirche ist die Mutter, die im Lauf ihrer Geschichte die Teilkirchen erzeugt. Die Teilkirchen stammen von der allumfassenden Kirche, sie sind in ihr und haben deshalb von und in ihr ihre Kirchlichkeit. Die Teilkirche (Ortskirche) ist gerade deshalb „Kirche“, weil sie eine besondere Gegenwart der Gesamtkirche darstellt. Die Gesamtkirche ist in jeder Teilkirche anwesend und wirksam.

Die Teilkirchen sind „nach dem Bild der Gesamtkirche“ (LG 23) gestal­tet. Die Teilkirchen sind katholisch, weil die Gesamtkirche sie nach ihrem Bild gezeugt hat. In der Teilkirche sind alle wesentlichen Elemente der Gesamtkirche gegenwärtig und wirksam. Die Gesamtheit des Geheim­nisses der Kirche erschöpft sich jedoch nicht in der Teilkirche, weil sich einige ihrer konstitutiven Elemente nicht aus einer reinen Analyse der Teilkirche selbst ableiten lassen. Solche Elemente sind das Amt des Nach­folgers Petri und das Bischofskollegium.

„»Die Diözese (…) bildet eine Teilkirche, in der die eine, heilige, katho­lische und apostolische Kirche Christi wirkt und wahrhaft gegenwärtig ist« (CD 11). Der Konzilsaussage entsprechend lebt also jede Teilkirche aus der Gesamtkirche, die die fundamentale Wirklichkeit der Kirche ist.“28

Aus der inneren ontologischen Verbindung zwischen der Gesamtkirche und den Teilkirchen (Ortskirchen) entspringt ihre „organische“ Lebens­gemeinschaft. Diese besteht zwischen der Kirche Roms (die den Primat Petri besitzt) und jeder Teilkirche sowie auch zwischen den Teilkirchen selbst.

„Kraft dieser Katholizität bringen die einzelnen Teile ihre eigenen Ga­ben den übrigen Teilen und der ganzen Kirche hinzu, so daß das Ganze und die einzelnen Teile zunehmen aus allen, die Gemeinschaft mitein­ander halten und zur Fülle in Einheit zusammenwirken“ (LG 13).

Zwischen den einzelnen Teilkirchen besteht eine ontologische Bezie­hung gegenseitiger Einbeziehung. Diese ontologische Beziehung muß

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28 Johannes Paul II., Ansprache vom 28. 10. 1992, 2, 435; ders., Ansprache vom 5. 10. 1979, 2, 642: „Die Einheit der Ortskirche wird authentisch und fest durch die Treue zur Gemeinschaft mit der Universalkirche. Die Teilkirchen finden in der Gemeinschaft mit der Universalkirche immer klarer ihre eigene Identität und ihre Bereicherung. Doch all dies erfordert, daß die einzelnen Kirchen eine völlige Offenheit auf die Universalkirche bewahren“; ders., Ansprache vom 21. 12. 1984, 2,1623f; ders., Ansprache vom 17.9. 1988, 3, 837: Die Teilkirche – das wissen wir ­atmet auch in ihren örtlichen Dimensionen und mit ihren örtlichen Kennzeichen „stets mit den »Lungen« der Weltkirche und wird vom gleichen Geist genährt.“

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sich auf die dynamische Ebene des konkreten Lebens übertragen. Jede Teilkirche kommuniziert mit den anderen Teilkirchen, indem sie ihre ei­genen Gaben einbringt. Durch den Austausch der Gaben bereichern sich sowohl die Teilkirchen gegenseitig als auch die Gesamtkirche selbst.

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Quelle: Ivan Pojavnik: DAS MYSTERIUM DES KONZILS – Erster Band – Meckenheim – 1996 – Maximilian-Kolbe-Verlag – ISBN 3-924413-13-4

Ein Kommentar zu “Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II -12

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