Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 6

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Papst Paul VI. überreicht [am 27. Juni 1977] [Erzbischof] Joseph Ratzinger den Kardinals-Ring

Vorgang:

Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 5
Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 4
Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 3
Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 2
Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 1

VIERTER TEIL

DAS ÖKUMENISCHE
ZWEITE VATIKANISCHE KONZIL

UND DIE LETZTEN NACHFOLGER PETRI

„Wir wandeln nicht in der Finsternis: Das Konzil hat uns ein Kompen­dium der Lehre hinterlassen. Und wir tun gut daran, uns daran zu erin­nern, und es als Ansporn für das Werk der Erneuerung und der Weiter­entwicklung zu betrachten, welches die Kirche benötigt, und auch als Kennzeichen für den richtigen Weg, dem wir folgen müssen. An einer anderen Stelle haben wir von der Treue zum Konzil gesprochen. Es ist gut, wenn wir uns von diesem Wegweiser leiten lassen, um die unabding­bare Übereinstimmung mit der Tradition und den ununterbrochenen Zu­sammenhang unseres Fortschreitens zu garantieren hin zu einem immer lebendigeren und authentischeren Christentum, und hin zu einer immer mehr sich entsprechenden jungen und neuen Kirche»1

Paul VI. (Giovanni Battista Montini), Johannes Paul I. (Albino Luciani) und Johannes Paul II. (Karol Wojtyla) haben von Anfang bis Ende am Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzil teilgenommen. Die letzten Nachfolger Petri stammen aus dem zweiten Zönakel der Apostel: sie sind die Päpste des zweiten Pfingsten, die Päpste des Frühlings des Konzils, das heißt des neuen großen Frühlings der Kirche. Erfüllt vom Heiligen Geist förderten sie eifrig die wunderbare Erneuerung (aggiornamento) des Konzils. Die gewaltigen Kräfte des Winters und der Hölle bekämpfen die Päpste des zweiten Zönakels der Apostel und versuchen, den neuen und großen Frühling der Kirche aufzuhalten und zu ersticken.

Die Treue zum Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzil ist ein Wegweiser, das heißt also ein allgemeiner Maßstab des Denkens und Handelns der letzten Nachfolger Petri. In ihrem umfassenden Lehramt legen sie das Konzil zuverlässig aus und wenden es richtig an. Vom Geist Christi erleuchtet, verwirklichen sie die vollkommene und umfassende Erneuerung des Konzils. In den großen Wirren überwinden sie die ein-

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1 Paul VI., Ansprache vom 11.9.1968, 896-897; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 17.10.1978, 4f; ders., Ansprache vom 26.4.1981, 1, 1047.

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seitigen und widersprüchlichen Auslegungen des Konzils, die sich zu-nehmend in der Kirche verbreitet haben. Die letzten Päpste ziehen dem Volk Gottes prophetisch voran und führen es in einen neuen Zeit­abschnitt seiner Geschichte.

 

I. DER HEILIGE VATER PAUL VI. (19631978)

„Das Zweite Vatikanische Konzil ist wirklich eine außerordentliche Gnade, die der Heilige Geist seiner Kirche in diesem Jahrhundert schen­ken wollte.“2

Der Heilige Vater Paul VI. war ein Geschenk des Herrn an die Kirche. Als Nachfolger von Johannes XXIII. verwirklichte er das von der Vorsehung gewollte Programm des Zweiten Vatikanischen Konzils. Vom Geiste Christi geführt „schritt Paul VI. (in der Zeit des Konzils und in der ersten Zeit seiner Verwirklichung und Durchführung) dem Volk Gottes voran.“3

„Heute befindet sich die Menschheit an einem entscheidenden Wende­punkt ihrer Geschichte. Eine neue Welt entsteht; die Menschen sind auf der Suche nach neuen Denk- und Handlungsformen, die ihr Leben in den künftigen Jahrhunderten bestimmen werden.“4

Das Konzil ist auch eine Antwort auf ein herausragendes Kennzeichen des 20. Jahrhunderts, das in seiner Gesamtheit sich in einer schnellen und enormen Umwandlung befindet. Der Heilige Vater Paul VI. lenkte die Kirche durch die Wogen einer sich insgesamt verändernden Epoche. In Bedrängnis und Leiden verschiedenster Art trug er zur Geburt einer völ­lig erneuerten Kirche und Menschheit bei. Darin zeigen sich seine Heilig­keit und seine wahre geistliche Größe.

Der Heilige Vater Paul VI. war auch ein Geschenk Gottes für die Menschheit.

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2 Paul VI., Ansprache vom 12. 3. 1969, 889; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 26. 9. 1982, 3, 588-589.

3 Johannes Paul II., Ansprache vom 8. 8. 1982, 3,194.

4 Paul VI., Ansprache vom 2. 2. 1972, 103; ders., Ansprache vom 22. 6. 1973, 631: „Das Ziel, das wir erreicht haben, spornt uns an, an das zu denken, was die Kirche und die Welt von uns erwarten; und in der Zwischenzeit können wir die erhabenen Fragen, die »das Amt der Versöhnung< (vgl. 2 Kor 5,18) in dieser besonderen Stunde, die das letzte Vierteljahrhundert eröffnet, behandeln, insofern als wir, so glauben wir, in vollkommener Treue zum Zweiten Vatikanischen Konzil gewirkt haben. Wenn man etwas bei der Mitwirkung mit allen wunderbaren Kräften in der Kirche und in der Welt tun konnte, war das nur eine Vorbereitung für ein weiteres Wachstum für einen neuen Zeitabschnitt, in welchem man einen Sprung nach vorne machen sollte, und zwar in der voll­kommenen Fügsamkeit zum Heiligen Geist und für die Verwirklichung der Pläne Gottes über die Menschheit.“

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Er verstand den Menschen unserer Zeit und half ihm auch, die Wahrheit Christi in seiner ganzen Fülle zu verstehen. Paul VI. ist ein Prophet des erfüllten Menschseins und der „Zivilisation der Liebe“ gewesen.

1. Ein Papst der Verklärung

Giovanni Battista Montini hat als Priester zunächst viele Jahre bei den Päpsten Pius XI. und Pius XII. seinen Dienst geleistet und ist in ihrer Schule groß geworden. Dann war er in Mailand einige Jahre lang Erzbi­schof und Kardinal. Zum Nachfolger Petri gewählt, gab er sich den Na­men Paul VI. und übernahm das heilige und ruhmreiche Erbe von Pius XI., Pius XII. und Johannes XXIII. Die göttliche Vorsehung wollte, daß er das große und schwierige, von seinem Vorgänger begonnene Werk fort­führe: das Ökumenische Konzil. Sie wollte, daß er die Verwirklichung des Konzils in der Kirche beginne.

Das Konzil „will in jeglicher Hinsicht die Durchdringung und Verbrei­tung der Wahrheit, der Gnade und des heiligen Eifers sein. Es ist sicher, daß seine Aussaat, die nach den Gesetzen der Vorsehung die freie Mit­wirkung des Menschen an den großen Plänen Gottes respektiert und an­regt, zu gegebener Zeit Frucht bringen wird.“5

„Der Herr hatte Paul VI. unvergleichliche Gaben geschenkt, und er, Paul VI., hatte sie – wenn auch in feiner Bescheidenheit – zur erstaunlichen Fruchtbarkeit heranreifen lassen: das Herz voll Verständnis und Langmut; den scharfen, klaren, zusammenfassend schauenden Verstand; den lebhaf­ten, durchdringenden Blick; den festen, lauteren Willen, der keine Kompro­misse kannte; die Kraft und Schönheit des mündlichen und schriftlichen Ausdruckes; die unvergeßlichen Werke seiner Enzykliken und Anspra­chen; die Kühnheit seiner Reisen, mit denen er als erster in diesem Jahr­hundert auf internationaler Ebene den Anfang machte; von dem inneren Drang getrieben, die Wahrheit zu verkündigen; Christus zu predigen, Maria, die Mutter der Kirche, lieben zu lehren und die Kirche selbst be­kannt zu machen.“6

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5 Johannes XXIII., Ansprache vom 10.8. 1962, in: Discorsi IV, 462.

6 Johannes Paul II., Ansprache vom 28.9. 1988, 3, 989; vgl. Johannes XXIII., Ansprache vom 4. 11. 1961, in: Discorsi IV,27; Paul VI., Ansprache vom 29. 1. 1969, 860f; ders., Ansprache vom 7. 1. 1970, 26; Johannes Paul II., Ansprache vom 22. 12. 1992, 2, 979.

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Johannes XXIII. erkannte prophetisch die Zukunft: das Konzil wird eine neue Aussaat des Evangeliums sein, die nach dem Plan Gottes eine überreiche Ernte bringen wird. Die Saat wird um so mehr wachsen, je mehr ihre Arbeiter am Plan des Herrn mitwirken. Und es wird eine Zeit kommen, in der die Saat des erwählten Weizens wie ein Feld goldener Ähren zum Himmel aufragen wird.

Paul VI. war der erste, der die Saat des Zweiten Vatikanischen Konzils hegte und pflegte. Er wirkte in völliger Fügsamkeit zum Heiligen Geist und in vollkommener Treue zum Konzil. Paul VI. verfolgte die zeitlich geordnete Wirkkraft des Evangeliums, die nicht blitzartige und im Grun­de genommen bequeme Wirkkraft des Feuers ist, das jeden Widerstand bricht, sondern die Wirkkraft des Samens, der „in Beharrlichkeit“ Früchte bringt (Lk 8,15; vgl. Mk 4,27-28; Mt 13,29). Hinter dem stufenweisen Vor­gehen Pauls VI. in der schwierigen Zeit nach dem Konzil verbirgt sich die Achtung vor der Freiheit des anderen, die Methode der Liebe und des nicht schicksalsgläubigen, sondern weisen und weitblickenden Vertrauens auf das Wirken Gottes in Vereinigung mit dem Tun des Men­schen.

Das Konzil ist der neue und große Frühling der Kirche. Die Kirche in ihrer Gesamtheit zeigt nach dem Konzil eine außerordentliche Lebens­kraft, die die jetzige Zeit zu einer der fruchtbarsten ihrer Geschichte macht. Diese Lebenskraft offenbart sich vor allem in Paul VI. Er war ein großer Papst und ein großer Kirchenlehrer. Das Konzil stellte den roten Faden seines Denkens und seines Handelns dar. Er erklärte und entwik­kelte es in Treue zur Heiligen Schrift und zur heiligen Überlieferung. Er verwirklichte es unter teilweise dramatischen Umständen, wobei er aber immer ruhig, maßvoll und ausgeglichen vorging.

„Auf dem Berg Tabor hat sich derselbe Herr den Aposteln offenbart, aber er offenbarte sich ihnen »verklärt«. In dieser Verklärung zeigte und ver­wirklichte sich ein Bild ihres Meisters, das ihnen in allen vorhergehenden Situationen unbekannt und darum verhüllt gewesen war.

Johannes XXIII., und nach ihm Paul VI., haben vom Heiligen Geist das Charisma »Umzuwandeln« empfangen, so daß durch ihr Wirken die Ge­stalt der Kirche – wie sie alle kannten – sich zugleich als gleich und zu­gleich als verschieden offenbart. Diese »Verschiedenheit« bedeutet aber nicht Trennung von ihrem Wesen, sondern vielmehr eine tiefere Durch­dringung des Wesens selbst. Sie ist Offenbarung jener Gestalt der Kirche, die in der vorausgehenden verborgen war. Es war notwendig, daß sie durch die »Zeichen der Zeit«“, die das Konzil erkannt hat, offenbar und sichtbar gemacht würde, und daß sie zum Lebens- und Handlungsprinzip für die gegenwärtigen, wie auch für die zukünftigen Zeiten erhoben würde.“7

Das letzte Ökumenische Konzil auf dem vatikanischen Hügel war ein großes Wunder der neuen Verklärung der Kirche: ein großes Wunder ihrer Erneuerung (aggiornamento). Das Konzil ist in einem gewissen Sinn in Christus ein Berg der neuen Verklärung der Kirche. Es ist in einem gewis­sen Sinn in Christus für die gesamte Kirche ein neuer Berg Tabor. Johannes XXIII. und Paul VI. sind die wichtigsten Initiatoren und Bauleute des Kon­zils gewesen. Diese beiden Hohenpriester – weilend auf dem Gipfel des vatikanischen Hügels – waren die »Seher« und die Bewegenden hin auf die wunderbare Verklärung der Kirche des Konzils in Christus.

Der Tod von Paul VI. am Tage der Verklärung des Herrn (am 6. Au­gust) ist wie ein prophetisches Zeichen seines Pontifikats. Auch seine er­ste und programmatische Enzyklika „Ecclesiam suam“ (1963) stammt vom 6. August. Man könnte Paul VI. aufgrund seines Werkes, das er im Hinblick auf das Konzil und auf seine Verwirklichung in der Kirche voll­brachte, als „Papst der Verklärung des Konzils“ bezeichnen. In der Zeit nach dem Konzil war Paul VI. auf dem Gipfel des vatikanischen Hügels der erste »Seher« und der Bewegende hin auf die neue wunderbare Um­wandlung der Kirche in Christus.

2. Die falsche Umwandlung

„Ihr kommt zum Papst nicht nur um seine Person zu sehen, sondern um etwas zu sehen, was sich hinter ihm erkennen läßt, was er in seinem Herzen trägt, – die Ereignisse, die sein Interesse erwecken, – das Panora­ma unserer Geschichte von seinem Standpunkt aus, und das wie von ei­nem Turm aus gesehen, von dem her das Auge weit umherschweifen kann. Gern würdet ihr wie er für einen Augenblick die gesamte Kirche, die gesamte Menschheit schauen: eine grenzenlose Sicht, eine wunder-

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7 Johannes Paul II., Ansprache vom 1. 8. 1979, 2, 98; vgl. ders., Ansprache vom 8. 8. 1979, 2,116; ders., Ansprache vom 6. 8. 1989, 2,175f; ders., Ansprache vom 26. 9. 1982, 3, 588f; vgl. ders., Ansprache vom 22. 12. 1992, 2, 978: Pius XII., Johannes XXIII. und Paul W. waren die Bauleute und treibenden Kräfte des großen konziliaren Werkes; ders., Ansprache vom 6. 8. 1989: „Das ganze Leben Pauls VI. war eine fortwährende Verklärung in der Schule unseres Herrn Jesus Christus, des »Lichtes der Welt« (Joh 8,12).“

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bare Schau, eine vielfältige und mannigfaltige Schau.“8

Papst Paul VI. wohnte geistig im Turm (im Hochhaus) des Zweiten Va­tikanischen Konzils, im Jerusalem auf dem Gipfel der theologischen und anthropologischen Welt. Vom Geist des Herrn erleuchtet, besaß er eine Gesamtsicht des Konziles und der Welt von heute: der heutigen Kirche und Menschheit. In der Zeit seines Pontifikats beobachtete er aufmerksam die vielseitige und verschiedenartigste Gestaltung der Kirche und der Menschheit, ihre rasche Entwicklung, ihre weiten und tiefgreifenden Ver­änderungen, ihre vielfältigen und verschiedenartigsten Berührungspunk­te. Er bemerkte auch ihre radikale Auseinandersetzung.

a) Die Erstürmung von außen her

„Wir alle kennen mehr oder weniger den gewaltigen und systemati­schen Angriff, den in dieser unserer Zeit die Religion, vor allem aber un­sere Religion erleidet, insofern sie eine gesellschaftliche Struktur aufweist und in ihrer Lehre und Liturgie organisch genau gegliedert ist. Man neigt heute dazu, die Verweltlichung der Gesellschaft als Fortschritt zu be­trachten und einen gottlosen Humanismus hervorzubringen.“9

Während des Pontifikates Pauls VI. nahm der Unglaube in der moder­nen Welt mehr und mehr zu. Im Herzen der Welt herrschte der Säkularis­mus: eine Weltanschauung, nach der die Welt sich selbst erklärt, ohne daß sie sich auf Gott berufen müßte, der auf diese Weise überflüssig und lästig wird. Um die Macht des Menschen anzuerkennen, mußte dieser Säkularismus letztlich ohne Gott auskommen und ihn sogar leugnen. Vom Säkularismus leiteten sich daher neue Formen von Atheismus ab, der auf den Menschen bezogen, programmatisch und kämpferisch war. Der gottlose Säkularismus bewegte die entpersönlichten Massen dazu, ein „materialistisches Paradies“ aufzubauen, und verherrlichte die Kon-

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8 Paul VI., Ansprache vom 9. 2. 1966, 71-72; vgl. ders., Ansprache vom 2. 9. 1964, 935: „Den Papst besuchen ist gleichsam auf die Höhe steigen, von der aus er die Welt sieht und beobachtet. Nähert man sich dem Papst, denkt man leicht an seine Stellung und sein Amt in der Kirche und in der Welt, und es ist einfach, den Umfang und die Tiefe der Fragen zu erkennen, die sich bei ihm anhäufen.
Diese Perspektive macht die ungeheure hierarchische Organisation der Kirche deutlich, die Vielzahl der Gläubigen, die fernen Missionen, die Mannigfaltigkeit der riesigen Einrichtungen, Diözesen, Pfarreien, Ordens­familien, Vereinigungen, Gebetsgruppen, karitative Einrichtungen und Apostolatsbewegungen. Von dieser Warte aus hat man eine faszinierende und beeindruckende Sicht der Katholizität und der Universalität der Kirche.“

9 Paul VI., Ansprache vom 13. 6. 1973, 579; vgl. Evangelii nuntiandi, Nr. 54f.

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sumgesellschaft, den zügellosen Hedonismus, den Willen zur Macht und zur Herrschaft sowie Diskriminierungen jeglicher Art.

In den Jahren des Pontifikates Pauls VI. schritt die Säkularisierung der alten christlichen Welt weiter fort. Die Kirche wurde vom Osten und vom Westen „umzingelt“ und von verschiedenen Formen des atheistischen Säkularismus belagert. Ein immer heftigerer Sturm, der alles mit sich riß, erschütterte das mystische Schiff der Kirche „von außen.“

b) Der Angriff von innen

„Die Welle der Kontestation der Ablehnung und der Gewalt überflutet heute die sichersten Dämme. Der seinem Schicksal überlassene Mensch gleicht oft dem verlorenen Seemann auf hoher See, der die Verbindung mit dem Ufer verloren hat, oder dem Bergsteiger, der beim Aufstieg von einem Orkan überrascht wurde und dem vor dem Abgrund schwindlig wird.

Wie könnte daher der Christ von diesem Sturm, der offenbar die Kirche selbst heimsucht, verschont bleiben?10

Die Generation nach dem Konzil war von der schnellen und außeror­dentlichen Umwandlung der Welt berauscht. Sie vergaß die Vergangen­heit, brach mit der Tradition und bezeichnete diese Umwandlung als „Fortschritt“. Auf der übertriebenen Suche nach Neuheiten bildete sich der moderne Mensch ein, daß Veränderung zugleich Erneuerung, Ver­besserung und Fortschritt bedeute. Auch die Wahrheit war für ihn weder festgelegt, noch endgültig oder sicher. Er bezeichnete die Schule eher als Suche nach der Wahrheit und weniger als Besitz und Erlangung der Wahrheit.

Der Historismus beherrschte die Kultur, und zwar mit dem Ergebnis, daß nichts mehr sicher oder feststehend oder würdig sei, als Wert aner­kannt und geglaubt zu werden, der dem Leben Führung und Sinn geben könnte. Auf jedem Gebiet kam es zur Kontestation und Revolution. Von einem Veränderungswahn berauscht, wollte der Mensch alles umstürzen (die globale Protestbewegung). In blindem Vertrauen meinte er, eine neue

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10 Paul VI., Ansprache vom 18. 5. 1970, 585; Pius MI., Ansprache vom 7. 9. 1955, in Discorsi XVII, 212: „Der Begriff »Historismus« bezeichnet ein philosophisches System, das in der gesamten spirituellen Wirklichkeit, in der Erkenntnis des Wahren, in der Religion, in der Moral und im Recht, nichts anderes sieht als Veränderung und Fortschritt, und daher alles ablehnt, was ewig gültig und absolut ist. Solch ein System ist sicherlich mit der katholischen Weltanschauung unvereinbar, und im allgemeinen mit jeder Religion, die einen personalen Gott anerkennt.“

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Ordnung würde schicksalhaft entstehen.

„Wir werden nie die Probleme und Schwierigkeiten genügend einschät­zen können, mit denen Paul VI. sich auseinandersetzen mußte, damit die Identität der Kirche nicht von einer mißverstandenen »Umwandlung« verletzt würde. Wir werden dem Herrn Jesus Christus nie genug dafür danken können, daß er Paul VI. zum Steuermann des mystischen Schiffes Petri in einer Zeit ausersehen hat, in der die Wogen es von allen Seiten erschütterten.“11

Das erstaunlichste war, daß nach dem Konzil ungeheuerliche Erschüt­terungen „von innen her“ aufbrachen, die das mystische Schiff der Kirche zu bedrängen begannen. Eine falsche Erneuerung (aggiornamento) be­gann die Kirche zu bedrohen: eine Erneuerung, die auf einem Kompro­miß mit dem Geist der modernen Welt aufbaute (eine Erneuerung, die auf einer falschen Anpassung an das Leben der Welt von heute gründete). Der große Steuermann Paul VI. sah das Schiff Petri im Sturm mehr von innen als von außen bedroht.

„Sich auf die Lage der Kirche von heute beziehend, behauptete der Hei­lige Vater, er habe den Eindruck, daß »durch einen Spalt der Rauch des Teufels in den Tempel Gottes eingedrungen sei«. Es herrschen Zweifel, Unsicherheit, Probleme, Unruhe, Unzufriedenheit, Konfrontation. Man glaubte, daß nach dem Konzil ein lichterfüllter Tag für die Geschichte der Kirche anbrechen würde. Statt dessen ist ein wolkiger, stürmischer, dunk­ler Tag des Suchens und der Unsicherheit angebrochen. Wir predigen den Ökumenismus und entfernen uns immer mehr von den anderen. Wir sind

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11 Johannes Paul II., Ansprache vom 26. 9. 1082, 3, 589; vgl. ders., Redemptor hominis, Nr. 3-4; Paul VI., Ansprache vom 15. 12. 1969, 797; ders., Ansprache vom 20. 6. 1971, 543; ders., Ansprache vom 15. 11. 1970, 1137-1138; ders., An­sprache vom 3. 4. 1968, 761; ders., Ansprache vom 15. 1. 1969, 847-848; ders., Ansprache vom 11. 9. 1974, 815: „Die meisten Übel greifen die Kirche nicht »von außen« an, sondern schwächen sie, quälen sie und entkräften sie von innen“; ders., Ansprache vom 4. 9. 1974, 782-783: Nicht wenige Statistiken der Phänomene, „die das kirchliche Leben betreffen, zeigen eine absteigende Kurve auf (ähnliche Ergebnisse finden wir bei der Beobachtung der Gesellschaft). Was ist geschehen? Es ist schwierig, diese Fragen mit zwei Worten zu beantworten. Aber wenn wir die äußeren Gegebenheiten in ihrer Gesamtheit betrachten, könnten wir sagen, daß die vorteilhaften und manchmal notwendi­gen Neuerungen in vielen Herzen unruhige und sogar manchmal blinde Wünsche nach irgenwelcher Änderung hervorbrachten. Diese Psychologie des Sich-Verändern hat sich dann rasch umgewandelt in einen brennenden Wunsch und in ein Gefühl der Befreiung. Diese Befreiung brachte jedoch keinerlei Schrecken hervor, obschon sie bis zum Punkt des Verfalles und der Untreue gelangte, und obschon sie in die Unsicherheit und Leere einmündete. Das Neue also, obschon es von inneren und äußeren Fesseln der maßgebenden Tradition losgelöst wurde, schien mit dem Guten, ja sogar mit dem Besseren zusammenzufallen … Ob dieser Prozeß modernistischen Verfalls wohl weiter gehen wird? Ob er sich wohl auch auf die Strukturen der Kirche ausdehnt? Ob er auch die Treue zur Lehre und zur Moral erfaßt? Ob er sich auch auf die jahrhundertalten Institutionen der christlichen Vollkommenheit und der apostolischen Tätigkeiten ausbreitet?“

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dabei, Klüfte aufzureißen, anstatt sie zu überbrücken.

Wie ist dieses geschehen? Der Papst vertraut den Versammelten einen seiner Gedanken an: Eine feindliche Macht hat eingegriffen. Ihr Name ist Teufel. „12

In der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil bedrohte der totale und endgültige Angriff der Mächte der Finsternis die Kirche mehr „von außen“ als „von innen.“ In der Zeit nach dem Konzil ging dieser Angriff systematisch „auf“ den Boden der Kirche über und bedrohte sie immer mehr „von innen.“ Durch die falschen Propheten und Lehrer drang der Rauch des Teufels in das Heiligtum der Kirche ein und trübte die konzi­liare Erneuerung. Die Mächte der Finsternis drangen immer heimtücki­scher und umfangreicher in die Katholische Kirche ein, um sie „von in­nen“ her zu zerstören. Sie brachten in der Kirche Kontestationen hervor. Der Geist des Widerspruches drang vor allem in einige theologische Schulen des Westens ein. Von diesen ging er dann auf viele andere theo­logische Schulen der Kirche über und verbreitete sich wie eine Epidemie in den kulturellen Kreisen der Kirche.

In der Kirche wurde die systematische Kontestation ihrer Anhänger als Quelle lebendiger Neuheit und origineller Kreativität betrachtet. Die Kontestation äußerte sich in zwei Formen: sie war offenkundig oder still­schweigend. Die erste Form war leichter erkennbar, die zweite gefähr­licher, da sie fast unbemerkt wirkte. Geräuschlos drängte sie zum Beispiel die Lehre des lebendigen Lehramtes der Kirche an den Rand und ließ sie dann in die Leere fallen.

„Ihr dürft nicht denken, das Konzil sei eine Art Orkan, gleichsam eine Revolution. Diese stürzt Ideen und Bräuche um und erlaubt undenkbare und kühne Neuheiten. Nein, das Konzil ist Erneuerung, keine Revolu­tion. Das Konzil hat keine umstürzende, sondern eine erneuernde Wir­kung.“13

„In »der Kontestation« hallen (so scheint es) unter verschiedenen Ge-

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12 Paul VI., Ansprache vom 29. 6. 1972, 707-708; ders., Ansprache vom 15. 11. 1972, 1168.1170: „Eines der größten Bedürfnisse der Kirche von heute ist der Schutz vor dem Übel, das wir Teufel nennen. »Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereiches« (Eph 6,11-12). Und daß es sich nicht nur um einen einzigen Dämon handelt, sondern um viele, zeigen uns verschiedene Abschnitte aus dem Evangelium (Lk 11,21; Mk 5,9); aber einer ist der wichtigste: Satan, was Widersacher, Feind bedeutet.“

13 Paul VI., Ansprache vom 28. 10. 1966, 510.

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sichtspunkten instinktiv die Streitfragen der antikatholischen Auseinan­dersetzung der Reformation wider.“14

In den Jahren nach dem Konzil beobachtete Paul VI. von seiner umfas­senden Warte die Entstehung des großen Heeres der „Midianiter“ oder besser gesagt des „babylonischen“ Heeres. Durch dieses Heer haben die Pforten der Hölle den totalen und endgültigen Angriff „von innen“ gegen die Kirche unternommen. Ihr Ziel war es, die Pastoral und die Lehre des neuen Jerusalems zu besetzen, zu zerschlagen, zu verfälschen und zu er­setzen, um so – in seinem Namen – die Kirche selbst zu zerstören.

Das neue „babylonische Heer“ drang mit der Kontestation in das Israel Gottes ein. Es schritt voran, indem es verkürzende, dilettantische, ober­flächliche und partielle Auslegungen der Pastoral und der Lehre des Neu­en Jerusalems vertrat. Es rückte rasch in drei Richtungen vor: gegen die Heilige Schrift, gegen die heilige Überlieferung und gegen das heilige Lehramt der Kirche. Nach dem bekannten Leitsatz „divide et impera“ (teile und herrsche), trennte es diese drei Realitäten, die „gemäß dem wei­sen Ratschluß Gottes so miteinander in Zusammenhang stehen und ver­knüpft sind, daß keine ohne die anderen besteht“ (DV 10).

Der große Papst Paul VI. verteidigte die Pastoral und die Lehre des Neuen Jerusalems, und demzufolge auch die Kirche, gegen die Invasion des neuen „Heeres der Verwirrung“. Von seiner umfassenden Warte aus wies er rechtzeitig auf die vorangeschrittene Invasion hin und erteilte Weisungen, um sie aufzuhalten und zu besiegen.

Die erste Richtung der Invasion

„Die Gegenwart Christi in der Welt, ja, sie ist ein Licht, das sie erleuch­tet, jedoch nicht ohne den Schleier des Geheimnisses. Es ist ein Geheim­nis, das von jedem von uns verlangt, daß er es beachte und erforsche. Die Offenbarung ist nicht nur eine äußerliche und sinnlich wahrnehmbare Tatsache: sie ist eine in Gleichnisse gehüllte Offenbarung (vgl. Mt 13, 13). Es sieht, wer sehen will; es sieht, wer betrachtet; es sieht, wer den Sinn und das Ziel der Offenbarung durchdringen möchte. Diese ist in ihrem

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14 Ansprache vom 10. 7. 1974, 648. Zur Kontestation in der Kirche, vgl. z. B. Paul VI., Ansprache vom 4. 12. 1968, 1145; Ansprache vom 3.4. , 2.4. und 3. 12. 1969, 190-191, 1142; Ansprache vom 28. 11. 1973, 1149-1150; Ansprache vom 12. 10. 1976, 828; vgl. Synode der Bischöfe 1971, Das Amtspriestertum, in: EnV 4, 755: Die Kontestation in der Kirche entsteht aus dem Phänomen der Säkularisierung.

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göttlichen Inhalt grenzenlos und rechtfertigt daher die kontemplative Bemühung der Gläubigen, denen der göttliche Meister sagen wird: »Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören« (Mt 13,16).“15

Die Heilige Schrift ist ein Buch, das von außen her (gemäß seines „Buchstabens“: das heißt der wörtliche, menschliche, natürliche Sinn) ­und von innen her geschrieben worden ist (gemäß seines „Geistes“: das heißt der geistliche, geheimnisvolle, göttliche, übernatürliche, ewige, vom Himmel her kommende, polare und globale Sinn). Die Kirche betrachtet die Heilige Schrift als Wort Gottes. Sie ist von Ihm inspiriert und daher in ihrer authentischen Bedeutung mit der göttlichen Irrtumslosigkeit ausge­stattet (vgl. DV 11). „Die Heilige Schrift muß mit Hilfe desselben Geistes, mit dem sie geschrieben wurde, gelesen und ausgelegt werden“ (DV 12). Daher darf man sie weder von der heiligen Überlieferung, noch vom kirchlichen Lehramt trennen. Nur der Heilige Geist erhellt dem Leser, der an Christus glaubt, den „Geist“ der Heiligen Schrift. Dieser Leser ver­sucht, die Kenntnis des „Buchstabens“ und des „Geistes“ der Heiligen Schrift harmonisch zu verbinden.

Der Protestantismus beseitigte die heilige Überlieferung als Quelle der göttlichen Offenbarung. Er beseitigte auch das kirchliche Lehramt als zu­verlässige Auslegung der Offenbarung. Der Protestantismus legte den Christen die Bibel zur „freien Erforschung“ vor.

In der Zeit nach dem Konzil fing ein großer Teil der katholischen Exe­gese an, dem Weg der protestantischen Exegese zu folgen. Dieser schob das Lehramt der Kirche und zugleich auch die heilige Überlieferung an den Rand. Die „großen“ und „gelehrten“ Leser der Heiligen Schrift im neuen Israel haben den Schwerpunkt vom Glauben auf die Vernunft ver­schoben, von der teleskopischen Kontemplation (von der Betrachtung des „Geistes“ der Heiligen Schrift) auf eine Bibelwissenschaft aus dem kurz­sichtigen Blick (auf das rationale Erforschen des „Buchstabens“ der Heili­gen Schrift).

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15 Paul VI., Ansprache vom 28. 12. 1977, 1245. Vgl. Ansprache vom 5. 1. 1964, 24; Ansprache vom 1. 7. 1970, 689ff; ders., Ansprache vom 23. 7. 1977, 283: „Und wie können wir unser inneres menschliches Auge an das Verstehen des göttlichen Sinnes der Offenbarung anpassen, wenn wir nicht vorerst zugestehen, daß dieses Auge ge­schlossen, krank ist und die eigentlichen Umrisse von dem, was es erblickt, nicht erfaßt? Um gut sehen zu können, braucht man einen klaren Blick“; vgl. ders., Ansprache vom 6. 4. 1977, 318f; ders., Ansprache vom 29. 9. 1977, 872; ders., Schreiben vom 27. 6. 1971: EnV 4, 625: Die katholischen Exegeten wissen, „daß Gott die Heilige Schrift der Kirche überlassen hat, und nicht dem privaten Urteil der Gelehrten; sie soll außerdem gemäß den Regeln der Überlieferung und der christlichen Hermeneutik ausgelegt werden, unter der Führung und Aufsicht des kirchlichen Lehramtes (vgl. Vat. Konzil. I., Sess. III, Kap. II; DV 12).“

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Nach dem schicksalhaften Umschwung haben sich die „großen“ Exe­geten in den Forschungen der modernen Bibelwissenschaft aus dem kurz­sichtigen Blick verloren. Sie verirrten sich im Labyrinth der menschlichen und natürlichen Auslegungen des Wortes Gottes und so hinterfragten, bezweifelten und leugneten sie viele historischen Tatsachen und Wahr­heiten der göttlichen Offenbarung des Alten und Neuen Testamentes. Diesen, nur menschlich „intelligenten“ und „gelehrten“ Lesern, verbarg der himmlische Vater das Geheimnis (und die Geheimnisse) der Heiligen Schrift, vor allem aber die Geheimnisse des Evangeliums (vgl. Mt 11,25).

In der Zeit nach dem Konzil taucht auf dem Gebiet der Bibelwissen­schaften ein mehrfaches Hindernis für den katholischen Glauben auf. Die Bibelwissenschaften maßen sich das Recht an, „mit Hilfe einer scharf­sinnigen und gut gerüsteten Bildung die Heilige Schrift, insbesondere die Evangelien, einer Hermeneutik – die sich als neue und subversive Aus­legung darstellt – zu unterwerfen. Das aber bedeutet durch trügerische, aber anfechtbare Kriterien dem Heiligen Buch seine ihm ursprüngliche Autorität zu nehmen, welche die Kirche ihm zuerkennt, und es deshalb zum Thema und Gegenstand des überlieferten Glaubens macht.“16

Die wahre Identität Christi steht heute erneut vor einem Gerichtsver­fahren: seine jungfräuliche Empfängnis, seine Worte und seine Wunder, seine Auferstehung, seine Menschheit, seine Gottheit werden untersucht und unter Anklage gestellt. Einige Auffassungen und Theorien leugnen die immerwährende Jungfräulichkeit der Mutter Jesu, den geschichtli­chen und übernatürlichen Inhalt des „Evangeliums von der Kindheit Jesu“, die wirkliche Auferstehung Christi, seine Gründung der Kirche, die Existenz der Engel und der bösen Geister, die Erbsünde, usw. Anhand von rationalen und naturalistischen Auslegungen wird das Evangelium der menschgewordenen Weisheit durch ein neues „wissenschaftliches Evangelium“ ersetzt: in Wirklichkeit handelt es sich aber nur um „wis­senschaftliche“ Fabeleien (vgl. 1 Tim 4,3; 1 Tim 6,20).

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16 Paul VI., Ansprache vom 1. 8. 1973, 761; vgl. ders., Ansprache vom 30. 10. 1968, 922; ders., Ansprache vom 15.4. 1970, 316; ders., Ansprache vom 24. 5. 1976, 391; Augustinus, Contra Faustum, 17, 3, in: PL 42, 342, zitiert von Paul VI, Ansprache vom 5.7.1967, 822: „Ihr, die ihr im Evangelium nur an das glaubt, was euch gefällt, und an das, was euch nicht gefällt, nicht glaubt, — ihr glaubt doch mehr an euch selbst als an das Evangelium“; ders., Ansprache vom 18. 4. 1976, 278: „Wir können nicht verschweigen, daß das Heer der Leugner und der Kritiker an diesem so bedeutenden Geheimnis (der Auferstehung Christi) gearbeitet hat und arbeitet, um seinen eindeutigen und wirklichen Sinn zu entleeren.“

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Die zweite Richtung der Invasion

In der Zeit nach dem Konzil griff (und greift) das „babylonische Heer“ die heilige Überlieferung an. Zuerst richtete es sich gegen die Ökume­nischen Konzilien des Altertums, später gegen die übrigen Konzilien. Die Konzilien der alten Kirche haben auf der Grundlage der apostolischen Überlieferung die Grundwahrheiten des katholischen Glaubens unfehlbar definiert.

„Beim Versuch, der katholischen Religion einen der heutigen Sprache und der gängigen Denkweise entsprechenderen Ausdruck zu geben, das heißt, die religiöse Lehre zu »erneuern«, hat man leider oft ihre innerste Wirklichkeit verdreht. Man versucht, sie »verständlicher« zu machen, indem man zunächst einmal die Formeln ändert, mit denen die Kirche ihre Lehre bekleidet und gleichsam versiegelt hat, um so ihre Identität durch die Jahrhunderte zu bewahren. Dann verändert man den Inhalt der überlieferten Lehre, indem man sie dem vorherrschenden Gesetz des umwandelnden Historismus unterwirft. Das Wort Christi ist so nicht mehr die Wahrheit, die sich nicht ändern kann, und die immer mit sich identisch und gleich ist, und immer lebendig, immer erleuchtend, immer fruchtbar bleibt, auch wenn sie oft unser rationales Verständnis über­steigt; man verkürzt es auf eine partielle Wahrheit, die der Verstand in seinen Grenzen wie jede andere bemessen und formen kann. Daher kann er ihm auch in der nächsten Generation nach einer freien Untersuchung einen anderen Ausdruck geben, der es jeglicher Objektivität und tran­szendenter Autorität beraubt.“17

„Die von den Konzilien promulgierten Definitionen sind dem Inhalt und auch der Formulierung nach unveränderlich und müssen es auch bleiben.“18

„Die dogmatischen Formeln sind in solcher Weise mit ihrem Inhalt verbunden, daß jede Veränderung entweder eine Verfälschung des Inhal­tes birgt oder verursacht.19

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17 Paul VI., Ansprache vom 3. 4. 1968, 761-762.

18 Ders., Ansprache vom 2. 8. 1967, 413.

19 Ders., Ansprache vom 5. 7. 1967, 821; vgl. ders., Ansprache vom 30. 11. 1966, 919-920; ders. Apostolisches Schreiben Quinque iam anni, 8. 12. 1970, 1408f; ders., Apostolisches Schreiben Paterna cum benevolentia, 16. 12. 1974, 1270f; Kongregation für die Glaubenslehre, Mysterium Filii Dei (1972), in: EnV 4, 980f; ders., Mysterium Ecclesiae

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In der Zeit nach dem Konzil hat die absteigende theologische Spirale auf einer gewissen Ebene den Bund mit der Philosophia perennis gebrochen. Danach hat sie einen Bund mit verschiedenen Strömungen der modernen Philosophie geschlossen. Vom Protestantismus hat sie die Lehre über­nommen, daß die Kirche in der Antike eine Hellenisierung des Christen­tums erlitten habe. Der Mentalität der umgedrehten theologischen Spirale folgend würden die Konzilien der Antike die Hellenisierung des Chri­stentums darstellen. Sie hätten die Grundwahrheiten des Glaubens näm­lich mit Hilfe der „hellenistischen“ Kategorien definiert und damit ent­stellt.

Die säkularisierende theologische Strömung hat in subjektivistischer und rationalistischer Weise die dogmatischen Definitionsformeln der Konzilien der Antike verändert oder neu interpretiert. In beiden Fällen aber hat sie deren Inhalte in einer Weise verändert, daß die Grundwahr­heiten des katholischen Glaubens umgedreht wurden. So haben jene Wahrheiten ihren göttlichen, übernatürlichen, ewigen, eindeutigen und universalen Inhalt verloren. Sie sind auf die Ebene partieller, zweideuti­ger und mit der Zeit veränderbarer Wahrheiten herabgezogen worden …

„Wenn also ein Gegenstand eindeutig von Gott geoffenbart ist und wir ihm den Glauben verweigern, so glauben wir überhaupt nichts mit gött­lichem Glauben.  Das Urteil des Apostels Jakobus über eine Sünde auf moralischem Gebiet muß auch auf die irrige Auffassung auf dem Gebiet des Glaubens angewandt werden: »Wer (…) gegen ein einziges Gebot verstößt, der hat sich gegen alle verfehlt« (Jak 2,10). Das gilt sogar in noch höherem Maße für eine irrige Meinung. Wer hingegen die geoffenbarten Wahr­heiten auch nur in einem Punkte leugnet, hat in Wirklichkeit den Glauben vollkommen verloren, da er sich weigert, sich Gott als der höchsten Wahrheit und dem eigentlichen Beweggrund des Glaubens zu unterwerfen. Diejenigen, die von der christlichen Lehre nur das annehmen, was sie wollen, berufen sich auf ihr eigenes Urteil und nicht auf den Glauben; sie

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(1973), in: EnV 4,1672-7; Kongregation für das katholische Bildungswesen über die theologische Ausbildung der zukünftigen Priester (1976), in EnV 5,1194: „Die Kirche klagt über einen willkürlichen und chaotischen Pluralis­mus, der sich bewußt der vom Glauben weit entfernten philosophischen Systeme und der verschiedensten Terminologien bedient und so das wahre und eigentliche Verständnis unter den Theologen immer mehr erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht. Ein solches Phänomen, das letztlich eine Sprach- und Begriffs­verwirrung und den Bruch mit der theologischen Überlieferung der Vergangheit darstellt, kann für die Aus­bildung der zukünftigen Priester gewiß nicht für vorteilhaft erachtet werden und ist deshalb in der theologischen Lehre nicht statthaft.“ Paul VI., Ansprache vom 20. 5. 1970, 520: „Wohin wurde unsere gesunde Rationalität, unsere „philosophia perennis“ verdampft?“

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gehorchen nämlich mehr sich selbst als Gott.“20

Durch die zweideutigen Auslegungen der von den ersten Ökumeni­schen Konzilien definierten Wahrheiten des Glaubens sind in der Zeit nach dem Konzil in der Kirche die großen Irrlehren der Antike in „erneu­erter“ und „wissenschaftlicher“ Gestalt wieder aufgetaucht (und sie tau­chen auch weiterhin noch auf). Ohne den Glauben offen zu leugnen, wur­de der göttliche und katholische Glaube an Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, an die göttliche Dreifaltigkeit, an die immerwährende Jungfräulichkeit und an die Gottesmutterschaft Mariens verfälscht und entleert. Ohne das Nizänisch-Konstantinopolitanische Glaubensbekennt­nis offen zu leugnen, wurde sein Inhalt verändert.

Sind die ersten Ökumenischen Konzilien erst einmal gefallen, dann gehen später auch die anderen Konzilien, das Zweite Vatikanum einge­schlossen, in die Brüche. Das an den Rand gedrängte oder geleugnete Mysterium der Erbsünde verringerte (verringert) den Begriff und das Bewußtsein der Sünde selbst und damit auch die Notwendigkeit des Erlösers. Unter dem Einfluß dieser Denkweise nahmen die schweren Mißbräuche in der Praxis der Generalabsolution zu, und die Einzelbeichte ging zurück, ja sie verschwand an einigen Orten sogar ganz; man verdun­kelte die Gewißheit von der Existenz der Hölle (sollte die Hölle existieren, dann ist keiner verdammt)…

„Denn es ist nicht erlaubt, die Heilige Messe, die sie »Gemeinschaftsmesse« nennen, so herauszuheben, daß die Heiligen Messen, die privat gefeiert werden, in ihrer Bedeutung gemindert werden. Es ist nicht erlaubt, darauf zu drängen, das Augenmerk auf den Bereich des sakramentalen Zeichens zu richten, als ob der Symbolismus, der (wie keiner bestreitet) der heiligsten Eucharistie ganz sicher innewohnt, die ganze Weise der Gegenwart Christi in diesem Sakrament erschöpfend zum Ausdruck bringe. Es ist nicht erlaubt, vom Geheimnis der Transsubstantiation zu handeln, ohne daß die wunderbare Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes in den Leib und der ganzen Substanz des Weines in das Blut Christi erwähnt wird. Es ist nicht erlaubt, die Wandlung, von der das Trienter Konzil spricht, so aufzufassen, daß sie allein in der »Transsignifika­tion« und der »Transfinalisation«, wie sie behaupten, besteht. Es ist nicht er­laubt, schließlich die Meinung vorzutragen und in die Praxis umzusetzen, nach der in den konsekrierten Hostien, die nach Beendigung der Feier des Meßopfers

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20 Leo XIII., Satis cognitum; vgl. Thomas von Aquin, II-II, q. 5., a. 3: Der Irrlehrer, der einen Artikel des Glaubens­bekenntnisses leugnet, hat nach eigenem Gutdünken eine eigene Meinung (und nicht mehr den göttlichen Glauben!) über alle anderen Artikel.

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übrig sind, Christus, der Herr nicht mehr gegenwärtig sei.

Jedermann erkennt, daß in solchen Meinungen oder in anderen ähnli­chen verbreiteten Äußerungen der Glaube und die Verehrung der gött­lichen Eucharistie nicht wenig zerbrochen wird.“21

Gegen umherschleichende Irrtümer und Häresien haben das 4. Ökume­nische Laterankonzil (1215) (vgl. DzH 802), das Konzil von Konstanz (1414-1418) (vgl. DzH 1198-9), das Konzil von Florenz (1439-1445) (vgl. DzH 1321) und schließlich das Trienter Konzil (1545-1563) (vgl. DzH 1642 und 1652) die Lehre der Kirche über das Geheimnis der eucharistischen Verwandlung dargelegt. Das Dogma von der Wesensverwandlung ist ein Artikel des Glaubens. Der dogmatischen Erklärung des Trienter Konzils kommt die höchste Bedeutung zu: „Durch die Konsekration des Brotes und Weines geschieht eine Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes in die Substanz des Leibes Christi, unseres Herrn, und der ganzen Sub­stanz des Weines in die Substanz seines Blutes. Diese Wandlung wird von der heiligen Katholischen Kirche treffend und im eigentlichen Sinne We­sensverwandlung genannt.“22

Einige Jahre vor und während des Zweiten Vatikanischen Konzils bil­dete sich eine neue theologische Lehre über die Heilige Messe und die heilige Eucharistie. Eine theologische Strömung, welche die existentiali­stische Phänomenologie übernommen hatte, verkürzte die Substanz auf die organische Gesamtheit der äußeren Eigenschaften und Merkmale der Dinge. Diese Eigenschaften und Merkmale sind aber von unserer Wahr­nehmung nicht unabhängig. Die neue Richtung hat darüber hinaus auch eine neue Theorie über das Symbol ausgearbeitet. Das Symbol ist kein äußeres Zeichen der Dinge mehr, sondern wird vom Menschen mit seiner „anthropologischen“ Bewegung geschaffen. Der Mensch schafft die Sym­bole und gibt der Wahrnehmung der „Eigenschaften“ und „Merkmale“ der Phänomene die Bedeutungen, die den Bedürfnissen seines persönli­chen und zwischenmenschlichen Lebens entsprechen.

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21 Paul VI., Mysterium fidei: EnV 2, 435; vgl. ders., Ansprache vom 24. 5. 1976, 391; Kongregation für die Glaubens­lehre, Schreiben vom 6.8. 1983, in: EnV 9, 351; Sekretariat für die Einheit der Christen, Dans ces derniers temps, 1970, in: EnV 3, 1219: In der letzten Zeit wurden in einigen Regionen folgende Initiativen unternommen: „Manchmal handelt es sich um die Zulassung von katholischen Gläubigen zum protestantischen oder anglika­nischen Abendmahl, manchmal um die Teilnahme von Protestanten oder Anglikanern an der eucharistischen Gemeinschaft der Katholischen Kirche, manchmal auch um eine Eucharistiefeier, die gemeinsam von Geistlichen gehalten wird, die zu Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gehören, die noch untereinander getrennt sind, an der die Gläubigen dieser Gemeinschaften teilnehmen.“

22 Konzil von Trient, Verordnung über die Heilige Eucharistie, in: DzH 1642.

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Als Jesus die heilige Eucharistie einsetzte, schuf er diese Art von Sym­bolismus. Im Kontext des Mahles und des Paschamahles machte er Brot und Wein zum natürlichen Symbol seiner menschgewordenen Person, so wie sein menschlicher Leib Zeichen seiner göttlichen Person war. Brot und Wein haben so für uns eine neue Bedeutung (Transsignifikation) und einen neuen Zweck (Transfinalisation) erlangt. Sie sind Äußerungen der Person Christi geworden, da sie natürliche Erweiterungen seines Leibes sind; sie sind natürliche Zeichen der Person Christi, der sie mit der Ab­sicht verwendete, den Neuen Bund zu stiften. Denn Christus möchte sich uns schenken und wartet, daß wir uns ihm schenken.

Der Ausgangspunkt der neuen eucharistischen „Lehre“ ist falsch: sie verkürzt nämlich die Substanz als ontologische Wirklichkeit auf die phä­nomenologische Ebene und löst damit die Substanz vollkommen auf. Demzufolge geht aber auch die Lehre von der menschlichen Erkenntnis und vom Symbol falsche Wege. Obwohl die neue Lehre das Dogma von der Transsubstantiation nicht ablehnen will, verdrängt sie es in Wirklich­keit nicht nur, sondern sie hat es geleugnet und leugnet es auch weiter­hin. Dort, wo die neue Lehre aufgenommen worden ist, ist der Glaube an die reale und wesenhafte Gegenwart Christi in der heiligen Eucharistie geschwunden. Die Messe ist kein Opfer mehr: Es ist nur noch das heilige Mahl übriggeblieben, das heißt die Erinnerung an das, was Christus bei seinem letzten Mahl getan hat. Diese neue Lehre über die Eucharistie mündet damit vollkommen in den Protestantismus ein.

Die neue Lehre, oder besser gesagt die eucharistische Irrlehre, hat das Herz des mystischen Leibes Christi, nämlich die heiligste Eucharistie getroffen und verletzt. Diese Lehre hat dazu geführt, daß die Verehrung der heiligsten Eucharistie in vielen Gebieten der Kirche beängstigend abgenommen hat oder sogar verschwunden ist. Dies beweist, daß sie genau das Gegenteil dessen ist, was das Konzil mit der eucharistischen Erneuerung beabsichtigte. Paul VI. hat den zerstörerischen Weg der neu­en eucharistischen Irrlehre prophetisch vorhergesehen und widerlegte sie in seiner großen Enzyklika Mysterium fidei (1965). Noch energischer wies er sie im „Glaubensbekenntnis des Volkes Gottes“ (1968) zurück.

„Der Schutz des Lebens muß am Anfang der menschlichen Existenz beginnen. Dies ist eine ernste und eindeutige Lehre des Konzils, das in der pastoralen Konstitution »Gaudium et spes« ermahnte, »das Leben von der Empfängnis an mit höchster Sorgfalt zu schützen. Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuungswürdige Verbrechen« (GS 51). Wir haben nur dieses Erbe übernommen, als wir die Enzyklika »Humanae vitae« verfaßten. Dabei wurden wir von der unverletzlichen Lehre der Heiligen Schrift und des Evangeliums inspiriert, das die Normen des Naturgesetzes sowie die nicht unterdrückbaren Weisungen des Gewis­sens über die Achtung vor dem Leben bestätigt, dessen Weitergabe der verantworteten Vaterschaft und Mutterschaft anvertraut ist. Und deshalb ist dieses Dokument heute von neuer und dringlicher Aktualität.“23

In der materialistischen und hedonistischen Zivilisation hat man die Verbindung zwischen Sexualität und Ehe gelöst; in der letzten Zeit hat man zudem die Sexualität von der Zeugung getrennt. Mit der Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) hat Paul VI. die unauflösliche Verbindung zwi­schen Sexualität und Zeugung in der Ehe bekräftigt. Die säkularisierende Strömung der katholischen Moraltheologie hat eine große Welle des Pro­testes gegen die genannte Enzyklika hervorgerufen. Einige ihrer Gelehr­ten rechtfertigten, wenn auch nur unter bestimmten Bedingungen, vor­eheliche Beziehungen, und betrachteten Masturbation als ein normales Phänomen in der Entwicklung des Jugendlichen; andere Gelehrte forder­ten die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zu den Sakramen­ten; einige rechtfertigten sogar die Homosexualität.

Die dritte Richtung der Invasion

„Damit aber der Episkopat selbst eins und ungeteilt sei und durch die untereinander eng verbundenen Priester die gesamte Menge der Gläubi­gen in der Einheit des Glaubens und der Gemeinschaft bewahrt werde, errichtete Christus, indem er den heiligen Petrus an die Spitze der übri­gen Apostel stellte, in ihm ein dauerhaftes Prinzip dieser zweifachen Einheit.“24

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23 Paul VI., Ansprache vom 29. 6. 1978, 523; Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Persona humana, 1975, in: EnV 5, 1126ff; Johannes Paul II., Ansprache vom 8. 10. 1994: In der Enzyklika »Humane vitae« bekräftigte Paul VI. das besondere Gebot des Sittengesetzes, das jederzeit und überall Empfängnisverhütung verbietet. „In »Humanae vitae« nannte Paul VI. die Richtlinien, um das Ehepaar vor der Gefahr des hedonistischen Egoismus zu bewahren, die in vielen Erdteilen dazu führt, die Lebenskraft der Familie auszulöschen und die Ehe nahezu zu sterilisieren“; Joseph Kardinal Ratzinger, Zur Lage des Glaubens, München 1985, S. 87-88: Die Enzyklika „ist nicht verstanden worden, sie ist im Gegenteil in weiten kirchlichen Kreisen mehr oder weniger offen abgelehnt worden.“
Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben vom 1. 10. 1986, in: EnV 10, 671: Von den Ursachen, die zur Verwirrung über die Lehre der Kirche geführt haben, „ist hier eine neue Auslegung der Heiligen Schrift zu nennen, nach der die Bibel entweder nichts zur Frage der Homosexualität zu sagen habe oder diese sogar in gewisser Weise stillschweigend befürworte, oder letztlich derart geschichts- und kulturbedingte moralische Normen biete, daß sie für das Leben von heute nicht mehr gelten.“

24 Erstes Vatikanisches Konzil, Konstitution über die Kirche, DzH 3051.

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„»Gott ist einer, Christus ist einer, und die Kirche ist eine, der Lehrstuhl ist einer, der mit der Stimme des Herrn auf Petrus gegründet wurde« (Cyprian). Ohne die Einheit der Leitung und ohne Disziplin kann nicht nur kein Heer den Sieg erringen, sondern es kann nicht einmal Bestand haben: in kurzer Zeit löst es sich auf und geht unter.“25

Auf seiner Pilgerfahrt durch die Geschichte kämpfte das katholische Volk für das Reich Gottes, das heißt für das Reich der Wahrheit, des Gu­ten, der Liebe, der Gerechtigkeit. Es war mit dem Stuhl Petri eng verbun­den, der den Glauben jederzeit unversehrt und frei von jedem Irrtum bewahrt hat. Auf das Fundament Petri gegründet, war die Hierarchie in Einheit verbunden, und demzufolge war auch die Vielzahl der Gläubigen einig. Dank der Einheit in Moral und Disziplin gelang es dem streitenden katholischen Volk in den kleinen und in den großen Kämpfen Irrtümer, Irrlehren und Spaltungen zurückzudrängen. Die vollkommen geeinte Kirche widersetzte sich entschieden den Pforten der Hölle und wehrte ihre Angriffe ab.

Das Erste Vatikanische Konzil stellte 1870 fest, daß die Pforten der Hölle sich mit tagtäglich zunehmendem Haß überall gegen das irdische Fundament der Kirche (gegen den Nachfolger Petri) auflehnten, um wenn möglich die Kirche selbst umzustürzen. In der Tat verstärkten sie im Lau­fe des 19. Jahrhunderts ihre Angriffe gegen die Kirche und vor allem gegen ihr irdisches Fundament. Diese Angriffe nahmen im 20. Jahrhun­dert dann sogar noch zu.

Die Freimaurerei umfaßt mit ihrem riesigen Netz fast alle Länder. Ihr Ziel ist es, ihren Einfluß „auf das ganze gesellschaftliche Leben auszudeh­nen und über alles zu herrschen und zu gebieten. Somit wird sie den Weg für die Abschaffung des Papsttums freimachen. So wird Italien von sei­nem unerbittlichen Todfeind befreit, und Rom, in der Vergangenheit Mittelpunkt der universellen Theokratie, wird in Zukunft das Zentrum der universellen Säkularisation sein. Von dort her muß dann der ganzen Welt die Magna Charta der menschlichen Freiheit offen verkündet wer­den. Das sind ebenfalls Erklärungen, Bestrebungen und wahre Beschlüsse

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25 Pius XII., Apostolisches Schreiben vom 28. 6. 1948, in: Discorsi X, 463; Leo XIII., Satis cognitum: „Petrus hat nur einen Nachfolger, die Apostel hingegen deren viele. Die Beziehung der Bischöfe zum Papst ist eine klare und unzweifelhafte Notwendigkeit: Ist dieses Band zerrissen, so löst sich das christliche Volk selbst auf und zerstreut sich, so daß es in keiner Weise einen Leib und eine Herde bilden kann. »Das Heil der Kirche ist mit der Würde des Hohenpriesters verknüpft: besitzt dieser nicht eine außerordentliche und alle überragende Gewalt, so werden in der Kirche ebenso viele Spaltungen entstehen, als Priester da sind« (Hieronymus, Dial. contra Luciferianos, 9, in: PL 23, 173)“; vgl. Paul VI., Ecclesiam suam, in: Encicliche II, 1719.

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der Freimaurer und ihrer Versammlungen.“26

Im pilgernden katholischen Volk (auch in der katholischen Theologie) nahmen nach dem Ersten Vatikanischen Konzil eine aufsteigende Spirale und eine absteigende Spirale zu. Die erste vereinigte sich immer inniger mit dem Nachfolger Petri, die zweite entfernte sich von ihm … Die Scha­ren von Katholiken, die die Einheit der Befehlsgewalt und Disziplin – die Einheit mit dem Papst – vernachlässigten, unterlagen früher oder später im spirituellen Kampf, da sie auf erbärmliche Weise der Knechtschaft der Stadt Babylon verfielen.

„Der erhabene Papst wiederholt die Frage: »Was seht ihr im Papst?« Und antwortet: Signum contradictionis (ein Zeichen des Widerspruches): ein Zeichen der Kontestation. Die Kirche erlebt heute eine unruhige Zeit. Einige betreiben Selbstkritik, man könnte sogar sagen Selbstzerstörung. Es ist wie ein innerer heftiger und intensiver Umbruch, den niemand nach dem Konzil erwartet hätte.“27

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Lehre des vorherigen Konzils über den Primat und das Amt des Nachfolgers Petri in der Kirche bestä­tigt. Kurz nach dem Konzil fing das „babylonische Heer“ an, das Lehramt der Kirche systematisch anzugreifen. Sein hauptsächliches Ziel war es, das universelle Lehramt des Nachfolgers Petri zu verdrängen. Sonderein­heiten des babylonischen Heeres untergruben hinterlistig die Einheit der Befehlsgewalt und Disziplin, um das streitende katholische Volk zu zer­streuen und um schließlich die Kirche umzustürzen. In der Tat führte die erhebliche Schwächung der Einheit mit dem Papst auch zu gefährlichen Spaltungen in der Hierarchie und unter der Vielzahl der Gläubigen.

„Zusammen mit dem guten Korn ist freilich gelegentlich das Unkraut einer gewissen Ideologie gewachsen, die von dem Gedanken einer ständi­gen Synodalität der Kirche und einer funktionalistischen Auffassung der heiligen Weihe ausgeht – zum großen Schaden für die theologische Iden­tität sowohl der Laien wie der Kleriker und infolgedessen des ganzen

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26 Leo XIII., Dall’alto (1890), in: Encicliche I, 426; vgl. Leo XIII., Vigesimus quinto anno, in: Encicliche I, 511: Eines der Ziele der freimaurerischen Aktivität ist es auch, den katholischen Priesterstand abzuschaffen. Nach einem Jahrhundert ist die prophetische Tragkraft der Lehre Papst Leos XIII. über die Freimaurerei viel besser erkennbar.

27 Paul VI., Ansprache vom 7. 12. 1968, 1188.

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Werkes der Evangelisierung.“28

Die Identitätskrise des Priesters hatte ihren Ursprung in den Jahren un­mittelbar nach dem Konzil. Sie beruhte auf einem falschen, bisweilen sogar tendenziösen Verständnis der Lehre des Konzils. Sie führte auch zu einem sich immer neu wiederholenden Protest gegen den Zölibat.

Die Verpflichtung des Zölibates leitet sich von einer Tradition her, die an Christus anknüpft. Aufgrund von Erfahrungen und Überlegungen hat sich allmählich das Zölibatsgesetz durchgesetzt, bis es in der westlichen Kirche kraft der kanonischen Gesetzgebung allgemein gültig wurde. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Bedeutung und Wichtigkeit des Zöli­bates überaus deutlich aufgezeigt. Er ist in besonderer Weise dem prie­sterlichen Leben angemessen. Der Zölibat ist ein Zeichen und zugleich Ansporn der Hirtenliebe und ein besonderer Quell geistlicher Fruchtbar­keit in der Welt (P0 16). Die Synode der Bischöfe im Jahre 1971 hat bestä­tigt, daß die in der lateinischen Kirche gültige Regel des priesterlichen Zölibates vollständig bewahrt werden muß.

Die Identitätskrise hat einen Teil der Mitglieder der Hierarchie und der Ordensinstitute erfaßt. Sie hat zu schweren Verlusten unter den Priestern und Geistlichen geführt. Dies wiederum hat zahlreiche Reihen des pil­gernden Volkes Gottes verwirrt. Von der beängstigenden Unausgegli­chenheit eines Teils der Mannschaft des Schiffes Petri, das in einem im­mer stärker werdenden Sturm dahinfuhr, gingen verschiedene Versuche aus, den „Laienstand zu klerikalisieren“ beziehungsweise den „Klerus zu laisieren.“ Hinzu kam auch eine Strömung, die die Zulassung von Frauen zum Priesteramt forderte. Ein übertriebener Feminismus hat diese Forde­rung aufgegriffen und in verschiedenen Kreisen der Kirche verbreitet.

Mit der Enzyklika Sacerdotalis coelibatus(1967) hat Papst Paul VI. das Zölibatsgesetz in der lateinischen Kirche bekräftigt. Er approbierte außer­dem die Erklärung der Kongregation der Glaubenslehre zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt (Inter insigniores 1976). Die un-

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28 Johannes Paul II, Ansprache vom 22. 4.1994; vgl. ders., Pastores dabo vobis, Nr. 11; ders., Ansprache vom 4. 4. 1979, 1, 792: „Es wäre eine Form der Pflichtverletzung, spräche man nicht von der Krise in der nachkonziliaren Zeit oder leugnete man, daß gewisse Fragen manchmal ”radikal« gestellt wurden und zum »Widerspruch« geführt haben, oder verkennte man, daß diese unter anderem das Amtspriestertum, die Berufung zum Priestertum sowie das Priesterseminar als Institution betraf und sie fast überrollt hätte“; vgl. Paul VI., Ansprache vom 1. 3. 1973, 174-175; Johannes Paul II., Ansprache vom 1. 10. 1979, 2, 489-490: Die Abnahme der Treue der priesterlichen Verpflichtung und die Aufgabe des Priestertums sind die Hauptgründe für den Rückzug der Kirche nach dem Konzil; ders., Ansprache vom 4. 2. 1989, 1, 282-283: „Die Kirche steht überall nach einer Zeit der Kritik und der Kontestation besonders im priesterlichen Bereich ärmer da als vorher.“

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unterbrochene Tradition der Kirche lehrt, daß die Priesterweihe nur Männern vorbehalten ist. Um dem Streit, der weiterhin verschiedene Kreise der Kirche verwirrte, ein Ende zu setzen, erklärte Papst Johannes Paul II: „Die Kirche hat keinerlei Vollmacht, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und alle Gläubigen haben sich endgültig an diese Entscheidung zu halten.“29

3. Die Folgen des Angriffes

a) Eine neue „Gnosis“

„Unsere erste Sorge muß die Treue zum Glauben sein. Der heilige Bischof Irenäus von Lyon bleibt somit ein Vorbild für uns alle. Auch er mußte den Glauben gegen eine Vielzahl von aufkommenden Irrlehren verteidigen, vor der „Gnosis“, die obwohl sie die Worte des Evangeliums bewahrte, im Namen von Ideologien der Umwelt, die das Geheimnis zu rationalisie­ren suchten, ihr Wesen hätten entleeren können. Das ist unsere Aufgabe angesichts der Bedrohung durch die „Gnosis“, die den Glauben auflösen könnte, oder angesichts einer falschen Auffassung vom Pluralismus in Glaubensfragen. Dies ist das Werk der mit dem Nachfolger Petri verein­ten Bischöfe, dies ist auch das Werk der Theologen.“30

In der Zeit nach dem Konzil haben die „großen“ Theologen des neuen Israels unbemerkt den Schwerpunkt vom Glauben auf die Vernunft ver­legt. Nach dieser fatalen Verdrehung haben sie sich in den Forschungen der modernen Theologiewissenschaft aus kurzsichtigem Blick verirrt. Sie sind außerdem in schwere Irrtümer und Irrlehren verfallen. Ihre theoreti­schen Systeme sind verworren, partiell und widersprüchlich. Die uni­verselle Sprache der katholischen Theologie wird in ihnen durch neue partielle und zweideutige Ausdrucksweisen ersetzt. In der neuen „Gno­sis“ haben auch die bewahrten klassischen Begriffe nunmehr eine andere Bedeutung.

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29 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Ordinatio sacerdotalis, 22. 5. 1994, Nr. 4.

30 Paul VI., Ansprache vor den französischen Bischöfen, 20. 6. 1977, 621; vgl. ders., Apostolisches Schreiben Quinque iam anni, 8. 12. 1970, 1408ff; ders., Apostolisches Schreiben Paterna cum benevolentia, 16. 12. 1974, 127Off; ders., Ansprache vom 24. 5. 1976, 376ff; Kongregation für die Glaubenslehre, Mysterium Ecdesiae, 1973, in: EnV 4, 166Off. Das griechi­sche Wort „Gnosis“ bedeutet Erkenntnis, Lehre, Wissen, usw. In der Theologie hat es eine positive oder auch eine negative Bedeutung. Der Heilige Irenäus von Lyon (t 200) bekämpfte eine „Gnosis“, das heißt eine falsche theologi­sche Wissenschaft, die mit ihren verschiedenen Systemen ein wahres Labyrinth darstellte.

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Die Gesamtheit der neuen rationalistischen Auslegungen der katho­lischen Lehre stellt das Labyrinth einer neuen „Gnosis“ (einer neuen fal­schen theologischen Wissenschaft) dar. Wie ein Krebsgeschwür begann sie, den umfassenden Glauben der Kirche „von innen her“ zu zerstören. Ein besonderes und bezeichnendes Merkmal der neuen „Gnosis“ ist ihre Abweisung der vom Lehramt der Kirche vorgelegten Lehre.

b) Eine „neue“ Kirche

„Man muß feststellen, daß viele ihr Interesse für die Erneuerung auf die äußerliche und unpersönliche Verwandlung des kirchlichen Gebäu­des und auf die Aufnahmen der Formen und des Geistes der protestanti­schen Reformation richteten, anstatt auf die erste und hauptsächlich vom Konzil gewollte Erneuerung: auf die moralische, die persönliche, die innere.“31

Das Konzil hat die Lehre über die Kirche dermaßen vervollkommnet, daß es keinerlei Unschlüssigkeit über die Identität ihres theologischen Geheimnisses gibt und daß aus ihr Ströme einer neuen und grenzenlosen Schönheit entspringen. Diese Neuheit scheint aber das plötzliche Auf­kommen von Zweifel und Unruhe zu fördern, die das Widerspruch her­vorrufende Erbe der Reform im Unterbewußtsein einiger Theologen und Gläubigen hinterlegt hatte. Die Übernahme des Geistes der Reformation „hat die gemeinschaftliche Communio der Kirche erschüttert; sie hat das System ihrer Autorität in Frage gestellt; sie hat den dem katholischen Leben eigentümlichen brüderlichen und kindlichen Gehorsam ge­schwächt; sie hat einen zweideutigen Pluralismus gefördert, der oft einer unverbindlichen Prüfung ähnelt und die Einheit des Glaubens, die Moral und die Disziplin zersetzt.“32

Der Vorzug, den man der horizontalen, das heißt der sozialen und irdischen Schau der Kirche (und der katholischen Religion) vor der verti­kalen und umfassenden Schau gibt, hat die wahre konziliare Erneuerung (aggiornamento) verdreht. Denn sie hat den Schwerpunkt von der über­natürlichen und natürlichen Erneuerung auf die äußerliche und unper­sönliche Umwandlung des kirchlichen Gebäudes verschoben.

Die auf den Kopf gestellte (theologische) Richtung förderte eine „Be-

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31 Paul VI., Ansprache vom 15. 1. 1969, 849; vgl. Ansprache vom 15. 3. 1976, 176-177.

32 Ders., Ansprache vom 15. 3. 1976, 176-177.

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kehrung“ der Katholiken zur Welt von heute: eine radikale Säkularisie­rung. Die zweideutige Auslegung der Glaubenswahrheiten (der „Ver­kehrszeichen“), der moralischen und kirchlichen Gesetze (die „Straßen­verkehrsordnung“) bewirkte ein enormes Durcheinander im „Verkehr“ des pilgernden katholischen Volkes.

„In der gestaltlosen Menge der Christen können wir im großen und ganzen zwei große Strömungen feststellen, die in entgegengesetzter Rich­tung unterwegs sind: die eine neigt dazu, die Bedeutung dieses Namens zu verwässern; sie verbindet ihn so wenig wie möglich mit dem eigenen persönlichen Leben, sie entleert ihn (heute sagt man: sie entmythologi­siert ihn), wie sie nur kann, seines ursprünglichen, religiösen und theolo­gischen Inhalts, sie bewahrt nur einige Aspekte, die bereits Bestandteile des Zivilverhaltens geworden sind; sie begnügt sich, wenn ihr wollt, mit einem zwar edlen und menschlichen, aber vagen Christentum, das für jede persönliche und zufällige Auslegung offen ist. Es ist gesagt worden: Wir alle sind Christen; doch wir könnten hinzufügen: Jeder auf seine Weise.

Die andere Strömung hingegen neigt dazu, im christlichen Namen einen verpflichtenden Bezugspunkt zu sehr wichtigen Wirklichkeiten zu sehen: eine Lehre, eine Lebensform, eine Religion, eine Zugehörigkeit zur Kirche, ein Geheimnis der Gemeinschaft mit Gott und schließlich eine persönliche Beziehung des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu Christus, zum historischen Christus der Evangelien, zu Christus dem Erlöser, dessen Wort und Gnade die Kirche bewahrt und spendet, zu Christus dem Auferstandenen, der jeden wahren Gläubigen an der Wie­dergeburt seiner Erlösung teilhaben läßt, zum himmlischen, lebendigen, gegenwärtigen und unsichtbaren Christus, der über das Schicksal des Menschen und der Menschheit verfügt. Das heißt heute, wie übrigens immer, gehen die Christen auf einer schiefen Ebene: einerseits auf ein absteigendes, nominelles und verschwommenes Christentum zu; ande­rerseits auf ein Christentum zu, das zum lebendigen, personalen, realen Christus emporsteigt.“33

Die absteigenden Spirale des katholischen Volkes hat eine zentrifugale Dynamik. Sie verbreitet einen ins Endlose gehenden zentrifugalen Plura­lismus und führt demzufolge zur Zerstreuung des Katholizismus. Auf

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33 Paul VI., Ansprache vom 13.1.1971, 33-34; vgl. Ansprache vom 13.10.1965, 1062, 981. Daß alle Menschen Christen sind – zumindest anonym – ist eine irrtümliche These einer gewissen nachkonziliaren Theologie gewesen.

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der oberen Hemisphäre der theologischen und anthropologischen Welt kehrt sich die absteigende Spirale nach und nach von Christus, vom neu­en Jerusalem auf dem Berg und von der Weltkirche ab. Sie steigt auf die untere Hemisphäre herab und flieht so vor Christus und vor der Kirche; ja sie widersetzt sich sogar (und widerspricht, protestiert) Christus und der Kirche. Sie befindet sich nunmehr unter der Herrschaft der Stadt Babylon.

Sofort nach dem Konzil bildeten sich zwei abweichende Strömungen: der Progressismus und der Integralismus (Traditionalismus). Diese zwei Richtungen gehörten zur absteigenden Spirale. Sie waren daher einander horizontal entgegengesetzt und bekämpften sich gegenseitig. Beide ab­weichenden Richtungen hatten gemeinsam einen falschen Traditions­begriff, die Vernachlässigung und sogar den Ungehorsam gegenüber dem Lehramt der Kirche. Indem sie das Lehramt ausgrenzten und sich ihm widersetzten, trennten sie eigentlich, was untrennbar ist: die heilige Über­lieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt (vgl. DV 10).

Die Neigung und das Abweichen hin zum Protestantismus wurde und wird ganz besonders beim Progressismus deutlich. Was der Progressis­mus anstrebt, findet man zum größten Teil schon seit Jahrhunderten und zu einem Teil erst seit heute im Protestantismus verwirklicht: die „un­abhängige Erforschung“ der Bibel, der Glaubenslehre, der Moral und der Disziplin, die Abschaffung der hierarchischen Struktur der Kirche und des Amtspriestertums, die Beseitigung des priesterlichen Zölibates und die Einführung des Frauenpriestertums, der Schwund des Glaubens an die wirkliche Gegenwart Christi im Sakrament der Eucharistie, die Ver­kürzung der Heiligen Messe auf eine bloße Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu …

Von zwei entgegengesetzten „Spannungen rührt ein Zustand des Un­behagens her, den wir weder verbergen können, noch wollen: zuallererst eine falsche und mißbräuchliche Auslegung des Konzils, die, auch in der Lehre, einen Bruch mit der Tradition möchte und zur Zurückweisung der vorkonziliaren Kirche führt sowie zur Erlaubnis, eine »neue«, gleichsam von innen her in der Verfassung, im Dogma, in der Sitte und im Recht »erfundene« Kirche zu errichten.“34

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34 Paul VI., Ansprache vom 23. 6. 1972, 672-673; ders., Ansprache vom 22. 11. 1972, 1186: „In einigen Bereichen hat sich die ideale Gestalt der Kirche nicht reformiert, sondern zumindest gedanklich deformiert. Für einige Unruhegeister und für viele ohne ausreichende Bildung ist die mehr oder weniger radikale Formel der »Kirche ohne« aufgeleuchtet. Es handelt sich um eine Formel mit Geschichte: Irrlehren und Schismen haben sich im Laufe

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In der Zeit nach dem Konzil wurde die absteigende Spirale des katho­lischen Volkes immer größer, und der Glaubensabfall verbreitete sich zunehmend. Zur Zeit von Paul VI. bildete sich in der Katholischen Kirche allmählich eine „neue Kirche“, das heißt eine säkularisierte Kirche. Die Kirche litt an einer tiefen geistigen Spaltung.

Ein Papst des Ökumenischen II. Vatikanischen Konzils

a) Ein Papst des Konzils

„»Der unergründliche Reichtum« (Eph 3,8), der aus der geöffneten Seite des göttlichen Erlösers strömte, als er am Kreuz sterbend das Menschen­geschlecht mit seinem Vater versöhnte, ist durch die Verehrung des Hei­ligsten Herzens Jesu, die sich in letzter Zeit allmählich zum Segen für die Kirche verbreitete, in ein glänzendes Licht gestellt worden.“35

Das Konzil lehrt, daß „aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus das wunderbare Sakrament der ganzen Kirche hervorgegangen ist“ (SC 5). Die Kirche entstand, entsteht und wächst ununterbrochen aus dem geöffneten Herzen des Erlösers. Der Erlöser ist der einzige Architekt der Kirche. Das Geheimnis der Kirche und seiner wesentlichen und unver­änderlichen Struktur ist im Herzen des gekreuzigten und auferstandenen Gottmenschen geborgen.

Aus dem Herzen des einzigen Architekten floß im Geist der Liebe ein neues Geschenk heraus: das Zweite Vatikanische Konzil. Jesus Christus hat durch seinen Geist das neue Jerusalem der Pastoral und der Lehre der Kirche errichtet. Er hat es durch die Ökumenische Versammlung aufge­baut. Während das neue Jerusalem äußerlich gut erkennbar ist, ist seine innere Seite unerforschlich und unzugänglich: denn es ist im Herzen des gekreuzigten und auferstandenen Gottmenschen verborgen. Nur Er of-

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der Jahrhunderte ihrer umfangreich bedient. Man versuchte zum Beispiel eine Kirche ohne schwere Dogmen zu bilden, und nahm so die Geheimnisse des göttlichen Denkens aus dem Glaubensgut heraus und verkürzte die Wirklichkeit der offenbarten Religion auf die Dimension der menschlichen Vernunft; eine Verkürzung, die leider auch weiterhin hier und da die katholische Lehre ihres Inhalts und ihrer Gewißheit entleert. Neben diesem ersten »ohne« ist eine Kirche ohne Autorität, sowohl ohne Lehramt als auch ohne Leitung, entstanden, gleichsam als ob sie eine befreite und für alle zugängliche Kirche wäre, die eine rein geistige und gegenüber objektiven mora­lischen und sozialen Vorschriften gleichgültige Kirche möchten. So hat man sich eine bequeme Kirche ohne hierarchische und juristische Gestalt herbeigewünscht, eine Kirche ohne Gehorsam, liturgische Richtlinien, eine Kirche ohne Opfer. Doch was ist eine Kirche ohne Kreuz?“; zur Spaltung in der Kirche verweisen wir auf Paul VI., Ansprache vom 28. 8. 1973, 801f.

35 Paul VI., Schreiben Investigabiles divitias, 6. 2. 1965: EnV 2, 365.

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fenbart im Heiligen Geist das Geheimnis des Zweiten Vatikanischen Kon­zils, sowie auch die dramatische Errichtung seiner Verwirklichung von seiten der Kirche. Aus seinem durchbohrten Herzen strömt außerdem die Gnade hervor, die die Kirche von innen her zur Verwirklichung des Kon­zils bewegt.

„In unserem Pontifikat werden Wir Uns hauptsächlich mit der Fortfüh­rung des Zweiten Vatikanischen Konzils beschäftigen. Dies wird das wichtigste Werk sein, wofür wir alle Kräfte einsetzen wollen, die uns der Herr gegeben hat, damit die Katholische Kirche mit der Erhabenheit ihres Organismus, mit der Erneuerung ihrer Struktur, mit der Vermehrung ihrer Kräfte alle Menschen zu sich führen kann. Nur vom Evangelium Jesu Christi ist das ersehnte Heil zu erwarten.“36

Kardinal Montini wurde am 21. Juni 1963 zum Papst erwählt. Damals feierte man an diesem Tag das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu. Was das Konzil betrifft, so leistete er ein außerordentliches Werk: er führte es fort, beendete und verwirklichte es mit einer Beharrlichkeit und einem Weitblick, die wirklich bewundernswert sind.

Paul VI. verweilte mit dem Herzen im Heiligsten Herzen Jesu und war so zugleich der erste Einwohner des mystischen Hochhauses (Turmes) des Zweiten Vatikanums, in der Stadt auf dem Gipfel des Berges der irdi­schen Kirche. Mit dem fest auf Christus (auf den Polarstern) gerichteten Auge (Objektiv) des Glaubens legte Paul VI. das Konzil in wesentlicher Kontinuität zur heiligen Überlieferung aus. Indem er das Konzil dem Buchstaben und dem Geist nach richtig auslegte, vertiefte er allmählich die neue umfassende Weltsicht des Konzils. Als der höchste Mystagoge führte er das christliche Volk in das Geheimnis des Konzils ein: er führte es ins „Heilige“ und ins „Allerheiligste“ des Tempels des Zweiten Vatika­nischen Konzils.

Der Heilige Vater Paul VI. ist der zweite universelle Lehrer des Ökume­nischen Zweiten Vatikanischen Konzils. Seine „Veröffentlichungen“ über­ragen quantitativ die Lehren des Papstes Pius XII.

„Der Glaube ist nicht Ergebnis der menschlichen Spekulation (vgl. 2 Petr 1,16), sondern das von den Aposteln empfangene Glaubensgut, das diese

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36 Paul VI., Ansprache vom 22. 6. 1963, 4-5. Vgl. Paul VI., Ansprache vom 29. 9. 1963, 168; Ansprache vom 21. 6. 1978, 489; Johannes Paul II., Ansprache vom 1. 8. 1979, 2, 97ff.; Ansprache vom 20. 12. 1990, 2, 1698-1699; Ansprache vom 26.9. 1982, 3, 570.

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von Christus entgegengenommen haben. Ihn haben sie »gesehen, ge­schaut und gehört« (1 Joh 1,1-3). Dies ist der Glaube der Kirche, der Glau­be der Apostel. Die von Christus empfangene Lehre wird sich in der Kir­che unversehrt bewahren, weil der Heilige Geist in ihr in besonderer Weise gegenwärtig ist und weil Petrus, für den Christus gebetet hat: »Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht erlischt« (Lk 22,32) und dem mit ihm vereinigten Apostelkollegium ein besonderes Amt übertragen wurde: »Wer euch hört, der hört mich« (Lk 10,16).

Vor allem möchten Wir unser »Glaubensbekenntnis« nicht vergessen, das wir am 30. Juni 1968 feierlich im Namen und in Verpflichtung der ge­samten Kirche als »Glaubensbekenntnis des Volkes Gottes« feierlich ver­kündet haben, um an die wesentlichen Artikel des Glaubens der Kirche, wie ihn die wichtigsten Ökumenischen Konzilien verkündet haben, zu erinnern, um sie zu bestätigen und zu bekräftigen.“37

Mit dem „Glaubensbekenntnis des Volkes Gottes“ hat sich Paul VI. von Anfang an gegen die Invasion des „babylonischen Heeres“ zur Wehr gesetzt. Mit dem Mut der Wahrheit kämpfte er gegen die irreführenden Auslegungen des großen Konzils und gegen die Kontestation. Mit einer vollkommenen umfassenden Auslegung des letzten Konzils hat Paul VI. in der Zeit seines Pontifikats die Invasion des „Heeres der Verwirrung“ zurückgeschlagen.

b) Ein Papst der Kirche

„Wie alle verstehen können, nehmen Kirche und Konzil Unsere Aufmerk­samkeit, Unser Interesse, Unsere Leidenschaft in Anspruch. Können wir in Anbetracht der Verpflichtung Unseres apostolischen Amtes und der kritischen Stunde, die wir durchleben, an etwas anderes denken als an die Kirche und an das gerade gefeierte Konzil?“38

„Paul VI. ist der Papst der Kirche gewesen.“39

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37 Paul VI., Ansprache vom 30. 6. 1978, 520-522. Vgl. den Text des Glaubensbekenntnisses, Ansprache vom 30. 6. 1968, 292-299.

38 Paul VI., Ansprache vom 19. 1. 1970, 53.

39 Johannes Paul II., Ansprache vom 26. 9. 1982, 3, 568; vgl. Paul VI., Ansprache vom 22. 6. 1973, 641-642; ders., Ansprache vom 21. 6. 1976, 499; Johannes Paul II., Redemptor hominis, Nr. 3; Paul VI., Schreiben Disserti interpretes, 25. 5. 1965: „Das leuchtende Geheimnis der Kirche kann nicht richtig begriffen werden, wenn sich die Herzen nicht jener ewigen Liebe des fleischgewordenen Wortes zuwenden, dessen wunderbares Symbol sein durchbohr­tes Herz ist.“

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Paul VI. wohnte mit dem Herzen im Herzen des gekreuzigten und auf­erstandenen Gottmenschen und zugleich im Herzen des Zweiten Vatika­nischen Konzils. So beobachtete er aufmerksam die übernatürliche und natürliche Welt der Kirche (seiner Zeit). Mit dem teleskopischen Blick des Glaubens, der den Blick der Vernunft überragt, erforschte er das Geheim­nis des Zweiten Vatikanischen Konzils. Paul VI. entwickelte die Ekklesio­logie des Konzils in ihrer Gesamtheit. Er beschrieb das Wesen und die Aufgaben der Kirche in einer Tiefe, die sich aus dem Wort Gottes und aus den großen patristischen und theologischen Traditionen nährte.

„Das persönliche Bemühen und Leiden Pauls VI. in seinem inneren un­erschütterlichen Vertrauen auf Christus und auf den Beistand des Heili­gen Geistes kommt fast dem Bemühen und Leiden der Kirche, der Braut Christi selbst gleich, die ganz darauf ausgerichtet ist, den Willen des Herrn zu erfüllen, wie er in den Lehren des Zweiten Vatikanischen Kon­zils zum Ausdruck kommt. Jede wahre Erneuerung kostet etwas, erfor­dert Verzicht auf den eigenen Willen, um den des Vaters zu erfüllen, so, wie er denen sich kundtut, die die Verantwortung für die Leitung der Seelen haben.

Paul VI. hat die Interessen der Kirche ganz und gar zu seinen eigenen gemacht, und darin haben wir einen Widerschein des Weges der Braut Christi, die zu einer neuen Ära ihrer Geschichte in einem mühevollen, doch wesentlich freudvollen Umwandlungsprozeß der »Verklärung« entgegengeht. So hat Paul VI. die konziliare Erneuerung verstanden.“40

Das Zweite Vatikanische Konzil ist nicht nur von Papst Johannes XXIII. inspiriert, sondern es hat auch sein Opfer zur Grundlage seines Werkes. Er hat ein großes Kreuz getragen, und für das glückliche Gelingen des Konzils gab er sein Leben hin. Paul VI. widmete sein gesamtes fünfzehn­jähriges schweres Pontifikat dem großen neuen Verklärungsprozeß der Kirche, die Papst Johannes XXIII. begonnen hatte. Die Bemühungenen und Leiden Pauls VI. wurden mit der Zeit größer. Das Leben der zwei Päpste bezeugt, daß das Zweite Vatikanische Konzil auch für die gesamte Kirche in Christus in einem gewissen Sinn ein neuer Kalvarienberg ist.

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40 Johannes Paul II., Ansprache vom 6. 8. 1989, 2,178; vgl. ders., Ansprache vom 20. 2. 1993, 1, 481; ders., Ansprache vom 28.9. 1988, 3, 990: Paul VI. „hat die Kirche wunderbar geführt und sie fest und sanft zu jener Umwandlung geleitet, die das Zweite Vatikanische Konzil auf allen Ebenen verlangt hatte: eine Umwandlung, die das besondere Charisma, aber auch die besondere Last seines Lebens war“; vgl. ders., Ansprache vom 6. 8. 1990, 2, 189.

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Der sonnige Weg der Erneuerung

Das Konzil nahm sich vor, die Liturgie der Kirche zu erneuern und zu fördern, indem sie den Gläubigen eine bewußtere, aktivere und frucht­barere Teilnahme an den heiligen Geheimnissen ermöglichte (vgl. SC 1-3; 11; 21; 48). Die Konstitution über die heilige Liturgie stellt eine neue Etap­pe der authentischen Entwicklung des christlichen Kultes dar. Die Litur­gie der Kirche wird mit gutem Recht christlich genannt, weil sie in Chri­stus ihren Ursprung und ihre Wirksamkeit hat; in Christus findet sie ihren vollendeten Ausdruck; sie führt durch Christus im Geist zum Vater. Der christliche Kult strömt zutiefst aus dem Tempel des Herzens des gekreuzigten und auferstandenen Gottmenschen hervor. Er vollzieht sich im „Heiligen“ und im „Allerheiligsten“ des Tempels der Kirche; er äußert sich im Vorhof der Kirche und mündet in den Tempel des gekreuzigten und auferstandenen Gottmenschen.

„Die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu, die bei einigen, wie wir leider feststellen müssen, ziemlich zurückgegangen ist, soll immer mehr aufblühen und von allen als eine wirklich vorzügliche Frömmigkeitsform geschätzt werden, die zur Verehrung Jesu Christi, des Königs und Mittel­punkts aller Herzen, des Hauptes des Leibes, das heißt der Kirche, vor al­lem nach den Normen des Zweiten Vatikanischen Konzils, von unserer Zeit eindringlich verlangt wird.

Und da die heilige ökumenische Synode nachdrücklich die heiligen Exer­zitien empfiehlt …, vor allem wenn sie nach dem Willen des Apostoli­schen Stuhles gehalten werden (vgl. SC 13), muß man offenbar diese An­dachtsform vor jeder anderen pflegen.“41

Die umgekehrte theologische Strömung hielt die Verehrung des Heilig­sten Herzens Jesu für veraltet und überholt. Unter ihrem Einfluß war die Herz-Jesu-Verehrung in der Zeit nach dem Konzil in verschiedenen Re­gionen der Kirche ziemlich zurückgegangen, während sie in anderen gänzlich verschwunden war. Papst Paul VI. bekräftigte dagegen, daß diese Andachtsform, obwohl das Konzil sie in seinen Dokumenten nicht nennt, offenbar mehr als alle andere gepflegt werden muß, weil sie auf

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41 Paul VI., Schreiben Investigabiles divitias, 6. 2. 1965, in: EnV 2, 385; vgl. ders., Marialis cultus, in: EnV 5, 43-45; ders., Schreiben Disserti interpretes: Aus dem Heiligsten Herzen Jesu „muß man vor allem Inspiration und Impuls ziehen, um sowohl die erhoffte Erneuerung der Seelen und die Änderung der Lebensweise zu erreichen, als auch die größere Wirksamkeit und Energie der kirchlichen Institutionen, wie es das Zweite Vatikanische Konzil fordert“; vgl. ders., Ansprache vom 2. 6. 1969, 973-974; ders., Ansprache vom 14. 6. 1970, 639-640; ders., An­sprache vom 8. 6. 1975, 609-610.

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der Linie des Konzils steht. Die konziliare Erneuerung entspringt nämlich aus dem Herzen Christi des Hohenpriesters und guten Hirten und ver­breitet sich von daher im Herzen der Kirche. Gerade die Verwirklichung der Erneuerung verlangt von der Kirche das Wachsen der Herz-Jesu-Ver­ehrung.

Die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu erreicht in der Weihe ihren Höhepunkt. Mit dem Akt der Weihe an das Heiligste Herz Jesu erneuert der Gläubige in einem gewissen Sinn den Bund mit Jesus. Der Gläubige gibt in „der aufrichtigen Hingabe seiner selbst“ (GS 24), das heißt mit der totalen und unwiderruflichen Hingabe seiner Person, seines Herzens, seines Lebens Jesus, der sich in seiner ewigen Liebe hinschenkt, bewußt eine Antwort. Indem der Gläubige die Weihe lebt, lebt er mit seinem Her­zen (als innerlicher Mensch) im Herzen des Erlösers. Er läßt sich zuin­nerst von Ihm besitzen, bewegen, formen. Das Herz Jesu ist sozusagen sein Herz; Jesus Christus ist nunmehr sein Leben …

Die gelebte Weihe an das Heiligste Herz Jesu, des Hohenpriesters und guten Hirten ist der leuchtende Weg der konziliaren Erneuerung (aggior­namento) der Liturgie, der Lehre und der Pastoral der auf Erden pilgern­den Kirche. Indem Hirten und Gläubige diesen Weg gehen, treten sie als innere Menschen in das Herz Christi und in das Innerste der göttlichen Dreifaltigkeit ein. Gleichzeitig dringen sie in das „Herz“ (in den „Geist“) des Konzils ein: in das „Heilige“ und in das „Allerheiligste“ des Tempels des Zweiten Vatikanischen Konzils. Indem sie ihre Herzen nach dem Herzen des gekreuzigten und auferstandenen Gottmenschen bilden, ver­wirklichen sie das Konzil seinem „Geist“ und seinem „Buchstaben“ nach. Auf dem Weg der gelebten Weihe an das göttliche und menschliche Herz Jesu den Spuren von Papst Paul VI. folgend, stieg das katholische Volk zum neuen Jerusalem der Liturgie, der Lehre und der Pastoral auf den Gipfel des Berges der irdischen Kirche hinauf (die Vorhut wohnte schon in ihr). Das gläubige Volk verwirklichte auf diese Weise die liturgische, doktrinelle und pastorale Erneuerung und brachte sie in der sichtbaren Kirche zum Ausdruck. Die aufsteigende Spirale des Volkes (auch der Theologie) war (und ist) Trägerin der wahren Erneuerung der Kirche. Da sie auf grenzenlose Weise zum Mittelpunkt hinstrebte, vereinigte sie die Katholiken immer mehr mit Christus und damit mit Gott sowie gleich­zeitig untereinander. Weiterhin verwirklichte diese Spirale in der nach­konziliaren Zeit die neue globale innere und äußere Ordnung (die Diszi­plin des Konzils).

c) Ein Papst der Mutter der Kirche

Im Ökumenischen Konzil von Ephesus (431) grüßten die Kirchenväter Maria als Theotokos: als Gottesgebärerin. „Vor allem seit der Synode von Ephesus ist die Verehrung des Gottesvolkes gegenüber Maria wunderbar gewachsen in Verehrung und Liebe, in Anrufung und Nachahmung“ (LG 66). Die Glaubenswahrheit über die Gottesmutterschaft Mariens, die das Konzil von Ephesus definierte, war der Anfang einer neuen Etappe der Mariologie (der Lehre über Maria) und der Verehrung der Mutter Gottes in der Kirche. Die Marienverehrung war außerdem der Schlüssel für ein tiefe­res Verständnis und damit für eine Vertiefung der Lehre über das Geheim­nis Christi und des Dreieinen Gottes. Die gewachsene Verehrung der Mut­ter Gottes war ein wirksames Hilfsmittel für die Erneuerung des Lebens der Kirche und für die Evangelisierung der neuen Völker.

Am 21. November 1964, dem Fest der Darstellung Mariens im Tempel (Mariä Opferung) beendete Paul VI. die dritte Session des Konzils. Der Papst promulgierte in der Vatikanischen Basilika die dogmatische Kon­stitution über die Kirche und die Dekrete über die orientalischen Kirchen und über den Ökumenismus. Zum Abschluß der Session verkündete er feierlich Maria, die erhabene Mutter Gottes, als geistliche Mutter der Kirche, das heißt aller Gläubigen und der heiligen Hirten. Diese Verkün­digung war ein Höhepunkt des Zweiten Vatikanischen Konzils. Sie ist in einem gewissen Sinn mit dem Dogma der „Theotokos“ des Ökumeni­schen Konzils von Ephesus verbunden.

Eine neue Etappe der Mariologie

„»Deine Geburt, Jungfrau und Gottesgebärerin, hat der ganzen Welt Freude gebracht« (Magnifikat-Antiphon aus dem Stundengebet zum Fest Mariä Geburt). Maria ist die Verkündigung, Maria ist das Vorspiel, Maria ist die Morgenröte, Maria ist die Vigil, Maria ist die unmittelbare Vorbereitung, die die jahrhundertelange Entfaltung des göttlichen Planes der Erlösung krönt und abschließt; sie ist das Ziel der Prophezeiung und der Schlüssel zum Verständnis der geheimnisvollen messianischen Botschaften.

Jetzt braucht das Konzil, das ohne Zweifel ein großes Ereignis in der Ge­schichte der Kirche und des Heiles der Welt darstellt, dieses marianische Vorwort.“42

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42 Paul VI., Ansprache vom 8.9. 1965, 1025-1026; vgl. Ansprache vom 21. 11. 1964, 673-674.

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Maria, die Jungfrau, ist die Morgenröte Christi, der Sonne der Gerechtig­keit. Daher ist sie der Schlüssel, um die göttliche Offenbarung des Alten Testamentes, ja sogar des Neuen Testamentes zu verstehen. Maria, Mut­ter Gottes und Mutter der Kirche, ist die Morgenröte des Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils. Sie ist der Schlüssel, um das Geheimnis des Konzils verstehen zu können. Wir müssen die Gottesmutter verehren, damit wir die Gnade erlangen, das Konzil als die Stunde Gottes und als ein Ereignis zu verstehen, das mit der Heilsgeschichte und mit der Heils­geographie der Kirche und der Menschheit verbunden ist.

„Die Kenntnis der wahren katholischen Lehre über die allerseligste Jung­frau Maria wird immer ein wirksames Hilfsmittel für das genaue Ver­ständnis des Geheimnisses Christi und der Kirche sein.“43

Das Kapitel 8 von Lumen gentium krönt das Schlüsseldokument des II. Vatikanums. Das Konzil hat mit diesem Kapitel die süße und strahlende Gestalt Mariens gleichsam auf die Spitze des wunderbaren Lehrgebäudes der Konstitution über die Kirche gestellt. Die Mariologie des Konzils ist der Schlüssel für ein tieferes Verständnis und damit auch für eine Vertie­fung der Lehre des Konzils über das Geheimnis Christi und des Dreieinen Gottes. Sie ist zugleich der Schlüssel für ein tieferes Verständnis und folglich für eine Vertiefung der Lehre des Konzils über die Kirche.

„Maria» ist mit der höchsten Aufgabe und Würde beschenkt, die Mutter des (menschgewordenen) Sohnes Gottes und daher die bevorzugt gelieb­te Tochter des Vaters und Tempel des Heiligen Geistes zu sein, die durch die Fülle der Gnaden in jeder Hinsicht alle himmlischen und irdischen Geschöpfe übersteigt.« (LG 53). Man kann nicht auf die Mutter Gottes schauen, ohne auf die göttliche Dreifaltigkeit zu schauen und sie anzube­ten, in die sie eingefügt ist.“44

Das Kapitel 8 von Lumen gentium bildet die Grundlage für eine neue Etap­pe in der Entwicklung der Lehre über die Mutter Gottes. Während seines Pontifikats vertiefte Paul VI. die Mariologie des Konzils. Er betrachtete die Gottesmutter im Herzen des Mysteriums Jesu und im Inneren der Allerheiligsten Dreifaltigkeit sowie im Herzen des Geheimnisses der

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43 Paul VI., Ansprache vom 21. 11. 1964, 674.

44 Paul VI., Ansprache vom 29. 5. 1968, 800.

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Kirche. Er verherrlichte Maria als Mutter der Kirche. Maria, die mit der Sonne bekleidete Frau, erscheint jetzt mehr denn je als großes Zeichen am Himmel. Sie steigt wie nie zuvor vom Himmel herab, um uns das Evange­lium Jesu zu lehren.

Eine neue Etappe der Marienverehrung

Die Frömmigkeit der Kirche gegenüber der Jungfrau Maria ist ein innerer Bestandteil des christlichen Kultes. Jeder Etappe in der Entwicklung die­ses Kultes folgt notwendigerweise eine richtige Zunahme der Mutter­gottes-Verehrung. Die Mariologie des Konzils führt zu einer neuen Etap­pe der Marienverehrung.

„Die Verehrung, die die Kirche Maria erweist, beeinträchtigt nicht die Gesamtheit und die Einzigartigkeit der Anbetung, die allein Gott und Christus als wesensgleichem Sohn des Vaters gebührt. Die Verehrung führt uns vielmehr zu dieser Anbetung und sichert uns den Zugang zu ihr, weil sie den Weg emporsteigt, auf dem Christus herabgestiegen ist, um Mensch zu werden.“45

Die Kirche verehrt die Mutter Gottes mit einem besonderen Kult (vgl. LG 66), der sich wesentlich von dem allein Gott gebührenden Kult unter­scheidet. Es gilt die allgemeine Regel: Durch Maria zu Jesus (Per Mariam ad Jesum). Die Verehrung der Mutter Gottes führt in die Anbetung Jesu ein. Aber niemand kann zu Jesus kommen, es sei denn im Heiligen Geist. Und Jesus kam und kommt im Heiligen Geist zu uns, — und er kommt durch und mit Hilfe der Mutter Gottes. Maria ist für die Kirche im Heiligen Geist die Christusträgerin. Daher ist sie die geistige Mutter der Kirche Christi: die Mutter der Kirche Christi durch den Heiligen Geist. Die Ma­rienverehrung führt in die Verehrung des Heiligen Geistes ein.

„Der Heilige Geist, die Gottesmutter, die Kirche. Wir können eine Emp­fehlung nicht unterlassen: Trennt nie die zwar sehr verschiedenen Ele­mente, die dazu bestimmt sind, eine Synthese von wunderbarer Komple-

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45 Paul VI., Ansprache vom 21. 12. 1977, 1213; vgl. ders., Marialis cultus, Nr. 25 ff, in: EnV 5, 76ff; ders., Signum magnum, in: EnV 2, 995; ders., Ansprache vom 29. 11. 1972, 1213: „Wir müssen als erste «Andacht» diejenige zum Heiligen Geist pflegen (und diejenige zur Gottesmutter führt uns zu ihr, wie sie uns auch zu Christus führt!)“; ders., Ansprache vom 24. 4. 1970, 361: „Wenn wir Christen sein wollen, müssen wir marianische Menschen sein, das heißt, daß wir die wesentliche, lebendige, von der Vorsehung bestimmte Beziehung anerkennen, die die Gottesmutter mit Jesus verbindet und uns den Weg eröffnet, der uns zu Ihm führt.“

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mentarität zu bilden, die der göttliche Plan verfügt hat. An erster Stelle eurer Anbetung, besonders der inneren, stehe der Heilige Geist. Dann darf eure Verehrung Mariens nicht lau werden, denn sie ist die bevor­zugte Christusträgerin für die Welt und geistige Mutter der Kirche im Zönakel!“46

In der Zeit nach dem Konzil verkürzte die absteigende und umgekehrte theologische Spirale die Marienverehrung und drängte sie wie auch das Gebet des heiligen Rosenkranzes an den Rand. Sie trennte sogar die Ver­ehrung der Mutter Gottes von der Verehrung Christi und von der Ver­ehrung des Heiligen Geistes. Sie führte somit in das christliche Leben die Trennung zwischen Maria und Christus, zwischen Maria und dem Heili­gen Geist ein.

Leider unterlag diese Spirale den Angriffen des Polarsternes des hölli­schen Abgrundes. Der höllische Stern bekämpfte gerade durch diese Spi­rale mehr denn je die Verehrung der mit der Sonne bekleideten Frau. Denn indem sie die Marienverehrung verdunkelte, verdunkelte sie die Kirche selbst und ließ den Rauch der Irrtümer und Irrlehren in sie ein­dringen. Von dieser Spirale verführt und gleichsam von ihr mitgerissen, ließ ein großer Teil des katholischen Volkes in der Verehrung der Mutter Gottes nach und drängte sie ins Abseits: und damit ebenso die Verehrung Christi und die Verehrung des Heiligen Geistes. In diesem Prozeß wan­derten viele Katholiken innerlich von der oberen Hemisphäre der Kirche auf die untere Hemisphäre der in Adam gefallenen Menschheit.

„Die Kirche versammelte sich im Obergemach (im Zönakel) mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern. Man kann also nicht von Kirche sprechen, wenn Maria nicht da ist, die Mutter des Herrn, mit seinen Brüdern.“47

„Wo die Muttergottes ist, dort ist Jesus; dort ist die Kirche (vgl. Apg 1, 14).“48

„Die Kirche ist Gemeinschaft, ist Versammlung, ist Zönakel, wo alle, wie

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46 Paul VI., Ansprache vom 26. 5. 1971, 471.

47 Cromatius von Aquileja : Sermo 30,1, zitiert in Paul VI. Marialis cultus, Nr. 28, in: EnV 5,85.

48 Paul VI., Ansprache vom 29. 8. 1976, 683.

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an den ersten Tagen, »ein Herz und eine Seele« sind (Apg 4,32).“49

Die Gemeinschaft des ersten Zönakels war im Gebet um die Gottesmutter versammelt (vgl. LG 59). Die Kirche des zweiten Zönakels ist aufgerufen, sich im Gebet, insbesondere im Rosenkranzgebet, immer mehr um ihre geistige Mutter zu versammeln. Auf die Kirche kommt im Zönakel der Heilige Geist herab: er kommt durch das Unbefleckte Herz Mariens, sei­ner Braut, herab. Und im Heiligen Geist kommt Jesus selbst. So wieder­holt sich das Wunder von Pfingsten, so wächst die Kirche.

Die Kirche des zweiten Zönakels schreitet auf dem Weg der Nachahmung ihrer geistigen Mutter, der Gleichgestaltung mit Christus dem Gekreuzig­ten und Auferstandenen sowie der Verherrlichung des Dreifaltigen Got­tes voran. Und zugleich wird sie immer mehr ein Herz und eine Seele; sie überwindet den großen zentrifugalen Pluralismus vieler Christen und bereitet die Niederlage des totalen und endgültigen Angriffes der Mächte der Finsternis vor.

„In diesem Jahr begehen wir den 25. Jahrestag der feierlichen Weihe der Kirche und des Menschengeschlechtes an die Gottesmutter Maria und an ihr Unbeflecktes Herz, die Unser Vorgänger, Seine Heiligkeit Pius XII., am 31. Oktober 1942 in einer Radiobotschaft an die portugiesische Nation vollzogen hat. Wir selbst haben diese Weihe am 21. November 1964 er­neuert und ermahnen daher alle Söhne und Töchter der Kirche, persön­lich die eigene Weihe an das Unbefleckte Herz der Mutter der Kirche zu erneuern und diesen erhabenen Akt der Verehrung in einem dem Willen Gottes immer gleichförmigeren Leben, in einem Geist kindlichen Dienens und ergebener Nachahmung ihrer himmlischen Königin zu leben.“50

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49 Ders., Ansprache vom 6. 8. 1972, 789; vgl. ders., Ansprache vom 21. 12. 1966, 643; ders., Ansprache vom 4. 6. 1972, 603; ders., Ansprache vom 29. 5. 1968, 801-802: An Pfingsten „erfüllte der Heilige Geist ihr Herz (das Herz der Mutter Jesu) und machte es so weit, daß sie Mutter der entstehenden Kirche, ja der Kirche durch die Jahr­hunderte werden konnte“; ders., Christi Matri (1966), in: Encicliche II, 1746-1747: „Das Zweite Vatikanische Konzil hat, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch mit einem klaren Hinweis, die Seelen aller Kinder der Kirche zum Rosenkranzgebet ermuntert und ihnen empfohlen »die Gebräuche und Übungen der Andacht zu ihr (der allerseligsten Jungfrau Maria), die im Laufe der Jahrhunderte vom Lehramt empfohlen wurden, hochzuschätzen« (LG 67)“; Zum heiligen Rosenkranz verweisen wir auf Paul VI., Marialis cultus, Nr. 42f, in: EnV 5,103f; ders., Ansprache vom 3. 10. 1976, 788: Im Rosenkranzgebet „führt uns die Gottesmutter als Pforte des Himmels die großen Ereignisse aus dem Leben Jesu vor Augen, als ob sie über den bescheidenen Ereignissen unseres Lebens stehen würden. Es handelt sich um eine Art geistlichen Fernsehens.“

50 Paul VI., Signum magnum, in: EnV 2,1003; vgl. ders., Ansprache vom 21. 11. 1964, 677-678; vgl. ders., Ansprache vom 8. 12. 1965, 746; ders., Ansprache vom 30. 5. 1973, 475: „Wenn wir fest auf Maria, die gebenedeite, schauen, dann können wir in uns die Linie und die Struktur der erneuerten Kirche wieder in Ordnung bringen. (…) Wir müssen unsere Verehrung der Gottesmutter wiederbeleben (vgl. LG 67), wenn wir den Heiligen Geist empfangen und aufrichtige Jünger Jesu Christi sein wollen. Ihr Glaube (vgl. Lk 1,45) führt uns in die Wirklichkeit des Evangeliums ein.“

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Vom am Kreuz sterbenden Jesus wurde die Muttergottes dem Apostel als Mutter gegeben; der Jünger ihr als Sohn anvertraut (vgl. Joh 19,26-27) (vgl. LG 58). Durch diesen Akt hat Jesus der Kirche Maria als geistige Mutter anvertraut und Maria der Kirche geschenkt. Durch diesen Akt hat Jesus außerdem die Verehrung der Mutter Gottes in der Kirche gegrün­det. Er hat sie in der vollkommenen Form gegründet: in jener des Anver­trauens (der Ganzhingabe) oder der Weihe. Die Kirche (der Christ) weiht sich Maria, ihrem Unbefleckten Herzen gerade deshalb, damit Maria ihre Mutterschaft in bezug auf sie selbst in vollendeter Form durch das Wir­ken des Heiligen Geistes ausüben kann und damit die Kirche ganz und total die Kirche Christi sein kann.

Durch die Inkraftsetzung der Konzilskonstitution über die Kirche hat der Heilige Vater Paul VI. der Muttergottes und der Mutter der Kirche und ihrem Unbefleckten Herzen die Kirche selbst und die Menschheit anver­traut. Er vertraute ihr auch das Konzil an. Der Papst schloß das Konzil im Glanz der Immakulata am 8. Dezember 1965. Damals ermahnte er die Konzilsväter die nachkonziliare Arbeit mit festem Blick auf die Immaku­lata zu beginnen, in der sich das Bild Gottes widerspiegelte und sich im­mer in absoluter Reinheit widerspiegelt.

„Wenn wir uns fragen, welcher der zentrale und direkte Weg unserer irdischen Welt ist, der uns zu jener Menschheit Christi bringt, in der wir die Offenbarung Gottes und unseres Heiles finden, ist die Antwort schnell bei der Hand und wunderschön: jener Weg ist die Madonna, ist die allerseligste Jungfrau Maria, ist die Mutter Christi und deshalb die Mutter Gottes und unsere Mutter.“51

Maria ist Mutter in der Ordnung der Gnade (vgl. LG 61-62) und deshalb auch Mutter in der Ordnung des neuen liturgischen, doktrinellen und pastoralen Jerusalems der Kirche. Das neue innerliche Jerusalem (das Ge­heimnis des Konzils) ist auch eingeschlossen im Unbefleckten Herzen Mariens. In ihrem Unbefleckten Herzen, durch das Wirken des Heiligen Geistes, führt Maria mütterlich ihre Kinder (die Mitglieder des pilgern­den christlichen Volkes) ins Herz des Konzils: ins „Heilige“ und ins „Al­lerheiligste“ des Tempels des II. Vatikanums.

Vom Herz Jesu Christi, Sohn des Vaters, durch das Unbefleckte Herz der

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51 Paul VI., Ansprache vom 21. 12. 1966, 643; ders., Ansprache vom 8. 9. 1965, 1027: Es ist notwendig, „die Ver­ehrung Mariens mit Weisheit und Glut wieder zu beleben, so wie schon das Konzil mit tiefem christologischen und ekklesiologischen Sinn lehrte: Daraus wird zum großen Teil die vollkommene Erneuerung unseres christli­chen Lebens beginnen“; vgl. ders., Marialis cultus, Nr. 57: EnV 5, 119-125.

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dufter Gottes und Mutter der Kirche, durch das Wirken des Heiligen Geistes kommt das Neue Jerusalem vom Himmel herab. Indem sie die entrale und direkte Straße der gelebten Weihe an das Unbefleckte Herz Ler eigentlichen geistigen Mutter durchläuft, dringt die Kirche des II. önakels ins Innerste des Heiligsten Herzens Jesu und ins Innerste der ;öttlichen Dreifaltigkeit ein. Sie zieht so immer mehr das Jerusalem an, Las vom Himmel herabsteigt. Entlang dieser Straße zeigt sich Maria als Ler mütterliche Stern der Verwirklichung der konziliaren Erneuerung Lnd als „Stern der Evangelisierung.“52 Sie offenbart sich in immer leuch­mderer Weise als die Unbefleckte Mutter der Erneuerung der Kirche.

d) Ein Papst der Neuevangelisierung

Die Ziele des Zweiten Vatikanischen Konzils lassen „sich letztendlich in inem Wort zusammenfassen: die Kirche des 20. Jahrhunderts besser zu efähigen, der Menschheit des 20. Jahrhunderts das Evangelium zu verkünden.“53

in seinem sehr schönen Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi (1975) at Paul VI. das Zweite Vatikanische Konzil in der Perspektive der Evan­elisierung, und zwar der Neuevangelisierung neu gelesen. Die Neuekangelisierung nimmt im Konzil ihren Ausgang und betrifft die ganze Kirche.

Die Eucharistie zeigt sich als Quelle und Höhepunkt aller Evangelisa­tion“ (PO 5). Paul VI. war ein ausgezeichneter Verteidiger des Glaubens er Kirche an die göttliche Eucharistie. Er war ein weiser Förderer der onziliaren eucharistischen Erneuerung, welche die Quelle und der Hö­epunkt der Neuevangelisierung ist. Im Mittelpunkt der Liturgie und des ebens der Kirche steht „das eucharistische Opfer wie eine strahlende onne, die alles an sich zieht.“54

In unserer Religion besitzt die Eucharistie eine bündelnde Kraft; sie ist ine Zusammenfassung der Lehre, weil in diesem geheimnisvollsten und ellsten Brennpunkt unseres Glaubens die ganze Offenbarung zusam-

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52 Paul VI., Evangelii nuntiandi, Nr. 82.

53 Paul VI., Evangelii nuntiandi, Nr. 2.

54 Ders., Schreiben vom 15. 8. 1966, in: EnV 2,771.

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menläuft. Denn die Eucharistie ist gleichsam eine Verlängerung der Menschwerdung des Wortes Gottes unter uns (vgl. Joh 1,14) und die sakkramentale Erneuerung des Erlösungsopfers Christi; sie ist wesentliche Zusammenfassung, denn in diesem Sakrament des Himmelsbrotes findet jede Wirklichkeit, jede Tugend, jede Herleitung des christlichen Lebens ihren Bezugspunkt und ihre Nahrung.“55

Papst Paul VI. sah im Zweiten Vatikanischen Konzil ein höchstes Postuklat, gleichsam eine vollkommene Sehnsucht der Kirche nach der Euchari­stie. Die Kirche „bringt die Eucharistie hervor“, und die Eucharistie „stifktet die Kirche“. Das Konzil hebt zum einem das Opfer, das zum Wesen der Heiligen Messe gehört, und ebenso das Sakrament, an dem die Gläukbigen in der heiligen Kommunion teilhaben, hervor (vgl. SC 47). Die vom Priester in persona Jesu Christi gefeierte Heilige Messe ist das Opfer von Kalvaria, das sakramental auf unseren Altären gegenwärtig wird. Brot und Wein, die der Priester konsekriert, werden in Leib und Blut Christi verwandelt, der in der Herrlichkeit des Himmels als König herrscht. „Deshalb kann Christus in diesem Sakrament nicht anders gegenwärtig sein, als durch die Wesensverwandlung des Brotes in seinen Leib und durch die Wesensverwandlung des Weines in sein Blut, während nur die Eigentümlichkeiten des Brotes und Weines unverändert bleiben, die unksere Sinne wahrnehmen. Diese geheimnisvolle Verwandlung wird von der Kirche in sehr annähernder Weise Transsubstantiation genannt.“56

Das Wunder der eucharistischen Verwandlung ereignet sich auf der ontoklogischen Ebene der Substanz, während die sichtbaren Gestalten von Brot und Wein unverändert bleiben. Hat sich die Wesensverwandlung ereig­net, gewinnen die Gestalten von Brot und Wein eine neue Bedeutung und eine neue Bestimmung, insofern sie eine neue „Wirklichkeit“ enthalten: den ganzen Gottmenschen. Im eucharistischen Mahl genießen der Priekster und die Gläubigen das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekkommen ist; in der Kommunion ernähren sie sich mit Christus.

Das Sakrament macht die einzige und unsichtbare Existenz des im Himkmel verherrlichten Herrn überall dort gegenwärtig, wo die Heilige Messe gefeiert wird. Nach dem Opfer bleibt diese Existenz im Allerheiligsten Sakrament gegenwärtig, das sich im Tabernakel, dem lebendigen Herzen

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55 Ders., Ansprache vom 21. 8. 1961, 349; vgl. ders., Ansprache vom 15.9. 1965, 1036-1037; ders., Ansprache vom 10. 6. 1965, 337-338; ders., Mysterium fidei, in: EnV 2, 430-433; ders.; Glaubensbekenntnis des Volkes Gottes, 30. 6. 1968, 297-298.

56 Ders., Glaubensbekenntnis des Volkes Gottes, 30. 6. 1968, 297.

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jeder Katholischen Kirche befindet. Die Katholische Kirche betet immer das menschgewordene Wort an – und zwar im Sinne der „latria“, die allein Gott gebührt -, das wirklich, real und wesenhaft im Sakrament der Eucharistie gegenwärtig ist: jedoch nicht nur während der Heiligen Meskse, sondern auch außerhalb der Meßfeier, indem sie den Gläubigen die konsekrierten Hostien zur feierlichen Anbetung aussetzt oder indem sie in der Freude des christlichen Volkes eine Prozession durchführt.

5. Ein Papst der Menschheit

„Paul VI. war ein Papst der Menschheit: wenn er die Kirche tief geliebt hat, so hat er nicht weniger aufrichtig den Menschen geliebt, geachtet, geprieksen und verteidigt. Er ist wirklich allen alles geworden, um allen das Heil Christi zu bringen (vgl. 1 Kor 9,22), damit niemand im Hause des Vaters fremd sei.“57

Die Menschen haben heute ein so ausgeprägtes Bewußtsein von Freiheit wie nie zuvor; die Welt nimmt ihre Einheit und die gegenseitige Abhänkgigkeit der einzelnen Menschen und Völker in einer notwendigen Solikdarität wahr wie nie zuvor. Die aufsteigende Spirale der Menschen in allen Teilen der Welt sucht nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Frie­den, usw. Sie sucht letztlich Gott in den verschiedenen Religionen. In den Missionsländern nimmt der Aufstieg der neuen Völker zu Christus und zur Kirche allmählich zu.

Paul VI. war der Papst des Heilsdialoges: mit den getrennten Christen, mit den nichtchristlichen Religionen und auch mit den Nichtgläubigen. Er hat den Dialog innerhalb der Katholischen Kirche empfohlen und durchgekführt. Er ahmte den Völkerapostel nach und begann zu reisen und das Evangelium in der Welt zu verkünden. Er war sich der Universalität der Kirche zutiefst bewußt.

„Der Mensch kann zweifellos die Erde »ohne Gott organisieren, aber ohne Gott kann er sie letztlich nur gegen den Menschen organisieren. Der auskschließliche Humanismus ist ein unmenschlicher Humanismus« (Henri de Lubac). Es gibt daher keinen wahren Humanismus, der nicht auf das Absolute hin offen ist, und der nicht eine Berufung, die das wahre Ver-

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57 Johannes Paul II., Ansprache vom 26.9.1982, 3, 570; vgl. Paul VI., Ansprache vom 4.11.1965, 517: Paul VI. war „ein Experte für den Menschen“.

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ständnis des menschlichen Lebens bietet, anerkennt. Weit davon entfernt, die letzte Norm der Werte zu sein, kann sich der Mensch nur selbst ver­wirklichen, wenn er sich übersteigt. Oder wie es Pascal (1623k1662) so treffend sagt: »Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen.« (Pensées, Nr. 434).“58

Das 20. Jahrhundert hat es gewagt, die törichteste Leugnung Gottes zu proklamieren: „Gott ist tot!“ In dem Maße, wie man Gott leugnete, verkdunkelte man zugleich das Antlitz des Menschen, Gottes Ebenbild. Man hat heute, so könnte man sagen, das wahre Menschenverständnis verlo­ren. Der Fall der Menschheit und ihre Verdorbenheit war noch nie so groß wie heute. Die Erbsünde durchdringt alle Zweige der Menschheit, das ganze Innere des Baumes ihres irdischen Lebens. Die gigantische absteigende Spirale der Menschheit ist im 20. Jahrhundert Trägerin der fatalen religiösen, geistigen und moralischen Dekadenz.

„Zwei entgegengesetzte Kräfte, so kann man sagen, bewegen die Welt: Liebe und Haß. Sie sind wie Ebbe und Flut, die den Ozean der Mensch­heit ununterbrochen aufwühlen. Und der Konflikt scheint sich mit der Zeit auszuweiten. Es handelt sich nicht mehr um einen Konflikt zwischen Städten oder zwischen Nationen, sondern zwischen Kontinenten.

Was Gott betrifft, so hat die Offenbarung des liebenden Gottes im Evan­gelium die geistige Lage der Menschheit verwandelt. Sie muß nun entwe­der einen Gott bejahen, der Liebe ist und von uns Liebe, unsere höchste Liebe, verlangt: Daher ist sie – die Menschheit – von einer Kraft und von einer Hoffnung angetrieben, die die Geschichte der Welt nicht kennt. Oder sie muß den liebenden Gott ablehnen, doch dann wird sie bis in ihre Fundamente erschüttert: die Versuchung zum vollkommenen Haß, zur absoluten Gewalt, zur Verrücktheit der Weltkriege wird kommen.“59

Die katholische Religion ist äußerst innerlich und persönlich und zugleich äußerst sozial und gemeinschaftlich. Der Abfall vom katholischen Glaukben bei der Lösung der „sozialen Frage“ führte zum liberalen Kapitaliskmus (ein auf verschiedene Weise organisierter Egoismus des einzelnen) und zum marxistischen Kommunismus oder Sozialismus (ein auf ver­schiedene Weise organisierter Egoismus des Kollektivs). Unerbittliche soziale Kämpfe waren die Folge, die auf neue Weise die ewige Tragödie

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58 Paul VI., Populorum progressio, Nr. 42; vgl. ders. Ansprachen vom 15. 8. 1966, 1065.

59 Ders., Ansprache vom 10. 6. 1969, 406-407; vgl. ders., Ansprache vom 18. 8. 1976; ders., Botschaft vom 24. 5. 1978, in: EnV 6, 569-571: ders., Ansprache vom 8. 8. 1973, 775; ders., Ansprache vom 8. 8. 1973, 775.

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des Sisyphus verkörpern.

Die Großmächte der Welt haben sich in eine Spirale des Rüstungswettklaufes verstrickt. Heute haben die Menschen die Waffen in der Hand, mit denen sie alles Leben auf diesem Planeten zerstören können. Die giganti­sche und schreckliche Spirale der Ablehnung des liebenden Gottes erkzeugt Haß und Gewalt, die zerstören und sich selbst zerstören. Der fort­schreitende moralische Permissivismus, das heißt „alles ist erlaubt“, zeigt, welches Unwetter über die Welt hereinbricht und welch möglicher Schiffbruch der Zivilisation bevorsteht.

„Die Zivilisation der Liebe wird im Schmerz der unerbittlichen sozialen Kämpfe überwiegen und der Welt die erträumte Umgestaltung der end­lich christlichen Menschheit geben.“60

Paul VI. war ein Prophet der neuen umfassenden Form der Zivilisation der Liebe. Er wünschte sich auf universeller Ebene die Förderung eines Plenarhumanismus, daß heißt der Entwicklung des ganzen Menschen und aller Menschen. Dies ist der ganzheitliche Humanismus, der von Christus ausgeht und zu ihm zurückkehrt.

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60 Paul VI., Ansprache vom 25. 12. 1975, 1568; ders., Ansprache vom 25. 12. 1972, 1321: „Der wahre und voll­kommene Humanismus kann nur christlich sein“; ders., Ansprache vom 11.4. 1971, 280: „Wir sind heute in der Lage, an euch eine Botschaft der Hoffnung zu richten. Die Sache des Menschen ist nicht nur nicht verloren, sondern im sicheren Vorteil. Die großen Ideen, welche große Scheinwerfer der modernen Welt darstellen, werden nicht erlöschen. Die Einheit der Welt wird erreicht werden. Die Würde der menschlichen Person wird nicht nur formal, sondern real anerkannt werden. Die Unantastbarkeit des Lebens vom Mutterschoß bis ins hohe Alter wird eine allgemeine und wirksame Stimme haben. Die widerrechtliche soziale Ungleichheit wird ausgegli­chen. Die Verständigung zwischen den Völkern wird friedlich, vernünftig und brüderlich sein.“

Ein Kommentar zu “Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 6

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