Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 4

1978-10-16: PAPA PAOLO VI MONTINI INPONE  BERRETTA CARDINALIZIA AL CARDINALE WOJTYLA

1978-10-16: PAPA PAOLO VI MONTINI INPONE BERRETTA CARDINALIZIA AL CARDINALE WOJTYLA

DRITTER TEIL

DAS ÖKUMENISCHE ZWEITE VATIKANISCHE KONZIL

Das Konzil prägt das Leben der Kirche. Das Gedächtnis der Kirche hat dieses große Ereignis aufgenommen, ihre Geschichte hat es festgehalten und ihre Überlieferung hat es bewahrt. Dieser Prozeß in der Kirche be­trifft das Konzil als vergangenes Ereignis. Das Konzil hinterläßt aber et­was, was weiterhin andauert und in der Kirche wirkt.

„Das Konzil ist wie eine Quelle, aus der ein Strom entspringt; die Quel­le kann weit weg liegen, der Strom des Flusses geht daraus hervor. Man kann sagen, daß sich das Konzil der Kirche, die es abgehalten hat, selbst überläßt. Das Konzil zwingt uns nicht so sehr zum Blick auf das Ereignis selbst, also auf seinen Ablauf, sondern vielmehr zum Blick auf das Erbe, das es uns hinterlassen hat, das gegenwärtig ist und in Zukunft bleiben wird.“1

Das Erbe des Konzils besteht aus den Konzilsdokumenten, die unter­schiedlicher Natur sind. Es gibt nämlich Konstitutionen (vier), Dekrete (neun) und Erklärungen (drei). Alle zusammen bilden das Kompendium der Lehre und Gesetze, das durch das Wirken des Heiligen Geistes der Kirche jene Erneuerung verleihen soll, um deretwillen das Konzil abge­halten wurde. Diese Dokumente zu kennen, zu studieren und anzuwen­den ist die Pflicht und das Glück dieser nachkonziliaren Epoche.

„Zu Beginn des Konzils stellten die im Petersdom versammelten Väter die Frage (ähnlich jener, die damals die Menschen an Johannes, den Täu­fer am Jordan, stellten): »Kirche, was sagst du über dich selbst?« (vgl. Joh 1,22).“2

Das war die Grundfrage, die dem ganzen Zweiten Vatikanischen Kon-

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1 Paul VI., Ansprache vom 12. 1. 1966, 698; Johannes Paul II., Ansprache vom 22. 2. 1987, 1, 394: Die wertvollen Konzilsdokumente haben „die Lebenskraft hervorspringenden klaren Quellwassers in sich, einzigartiger Quellen, die zu Christus, dem göttlichen Baumeister der Kirche, und durch Christus zum Ursprung hinführen, der Gott ist.“

2 Johannes Paul II., Ansprache vom 7 .6. 1991, 3, 1575; vgl. Paul VI., Ansprache vom 29. 9. 1963, 172f; ders., Ansprache vom 23. 12. 1965, 805f; Johannes Paul II., Ansprache vom 5. 3. 1992, 1, 552-553; ders., Slavorum apostoli, 16.

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zil und allen Arbeiten des Konzils die Ausrichtung gab. Das ganze Konzil ist in einem gewissen Sinn die Antwort auf diese Frage. Diese Antwort durchzieht alle Konzilsdokumente, doch vor allem die dogmatische Kon­stitution über die Kirche „Lumen gentium“ drückt sie aus.

Die Grundfrage betraf das Selbstbewußtsein der Kirche. Hauptaufgabe des Konzils war es, das Selbstbewußtsein der Kirche zu wecken. Auf dem Konzil reflektierte die Kirche über sich selbst; sie untersuchte die Lehre über ihren eigenen Ursprung, ihre eigene Natur, ihre eigene Sendung und ihre letzte Bestimmung.

Indem die Kirche ihr Selbstbewußtsein vertiefte, entdeckte sie erneut und umfassender ihre lebensnotwendige Beziehung zu Christus und zum Dreieinen Gott. Bei diesen Überlegungen begegnete die Kirche nicht nur sich selbst, sondern zugleich auch Christus und Gott, von dem sie aus­geht und lebt. In der Begegnung mit Christus und mit dem Dreieinen Gott hat die Kirche des Konzils das „aggiornamento“ (Erneuerung) ver­wirklicht.

Auf dem Konzil wurde sich die Kirche ihrer Einheit und Universalität stärker bewußt. Und zugleich erkannte sie tiefer, daß es notwendig ist, die Einheit der christlichen Familie wiederherzustellen. Das Konzil hat eine Katholizität angestrebt, die alles umfassen und universal sein will. Es hat die Türen der Kirche zu den getrennten christlichen Gemeinschaften hin geöffnet und wartet sehnsüchtig auf die Schafe Christi, die bisher noch nicht im einzigen Schafstall sind.

Indem die Kirche ihr Selbstbewußtsein vertiefte, ist sie schließlich der Welt, vor allem der menschlichen Welt von heute begegnet. Das Konzil hat der Kirche im Hinblick auf die Verkündigung der ewigen Heilsbot­schaft einen neuen missionarischen Impuls verliehen. Es hat das Evange­lium Jesu Christi in der Welt von heute inkulturiert.

„Das Konzil ist und bleibt ein Meilenstein und Ereignis von höchster Bedeutung in der 2000jährigen Geschichte der Kirche und infolgedessen der religiösen und kulturellen Geschichte der Welt.“3

Das Konzil ist wie der Epilog der geistigen Erfahrung und der erlebten Geschichte der Kirche in unserer Zeit und in den letzten Jahrhunderten; es ist der Prolog einer neuen geistigen und geschichtlichen Epoche der Kirche für das nächste Jahrhundert und für das dritte Jahrtausend der

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3 Johannes Paul II., Ansprache vom 29. 9. 1985, 2, 802-803.

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christlichen Ära. Das Konzil bildet sozusagen den Übergang zwischen zwei Epochen: einerseits beschließt es die Geschichte der Kirche in der Neuzeit, und andererseits ist es der Anfang der neuen Epoche der Kirche.

I. DAS EREIGNIS DES KONZILS

1. Der Ablauf des Konzils

„Dies ist das Konzil: der Papst an der Spitze, um ihn und mit ihm die Kardinäle, die Bischöfe aller Riten und aller Länder und die kompetent­sten Doktoren und Lehrer in den verschiedenen speziellen Bereichen. Aber das Konzil ist geschaffen für das ganze christliche Volk.“4

Das Zweite Vatikanische Konzil wurde am 11. Oktober 1962 ganz feier­lich eröffnet, und zwar an dem Tag, da die Kirche die Gottesmutterschaft der allerseligsten Jungfrau Maria feierte. Aus allen Teilen der Welt waren die Bischöfe zusammengekommen und leiteten nun unter dem mütterlichen Blick der allerseligsten Jungfrau Maria das große kirchliche Ereignis ein. Die einzigartige Prozession der Konzilsväter begann in der Sixtinischen Ka­pelle. Der Hymnus zu Ehren der unbefleckten Mutter und unserer Mutter begleitete den Nachfolger Petri und die Nachfolger der Apostel auf ihren Schritten. Sie erflehten den Beistand derjenigen, die durch das Wirken des Heiligen Geistes den Weg des Konzils mütterlich vorbereitete und ihn zu Christus führte.

Die Prozession verließ den Apostolischen Palast und zog über den Pe­tersplatz. Unter der Führung des Heiligen Vaters, Papst Johannes XXIII., stieg der lange Zug aller Bischöfe der Kirche Gottes (es waren etwa 2400 Bischöfe) den Vatikanischen Hügel hinauf und zog in den Petersdom ein: in den größten Tempel der Christenheit.

Die prächtige Prozession, der das Kreuz mit dem Gekreuzigten vor-anzog, eröffnete feierlich die neue Epoche der Kirche: der große neue Aufstieg der Nachfolger Petri, der Hirten und des pilgernden christlichen Volkes auf den Berg des Herrn. Das Konzil schreitet fort und wird mit dem den Widerspruch herausfordernden Kreuz Christi weiter fortschrei­ten; es wird auf dem Weg des Kreuzes und der Auferstehung Christi sei­nem Ziel entgegengehen, das Gott der Vater bestimmt hat.

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4 Johannes XXIII., Ansprache vom 19.3.1961, in: Discorsi III, 779; vgl. Ansprache vom 11.10.1962, in: Discorsi IV, 574f; Johannes Paul II., Ansprache vom 11.10.1981, 2, 393.

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Im Petersdom sangen die Konzilsväter den Hymnus „Veni, Creator Spiri­tus“ und riefen so das Licht und die Kraft des Heiligen Geistes herab. Nach einigen Gebeten feierten sie die Heilige Messe, die sakramental das Kreuzesopfer Jesu vergegenwärtigte. Die Konzilsväter verharrten in der Anbetung Jesu, der auf dem Altar unter den Gestalten von Brot und Wein real gegenwärtig war.

Nach der Heiligen Messe versprach das heilige Kollegium der Patriar­chen, des Episkopats, der Äbte und Ordensgeneräle dem Papst ihren Ge­horsam. Nach diesem Akt kniete der Heilige Vater nieder und sprach vor der ganzen Versammlung, die ebenfalls kniete, das feierliche katholische Glaubensbekenntnis.

Danach folgte das einmütige Gebet zum Heiligen Geist, wie damals im Zönakel, das der Stellvertreter Christi im Namen aller sprach: „Siehe, wir stehen vor Dir, o Herr, Heiliger Geist. Siehe wir stehen vor Dir, mit der Last unserer Sünden beladen, doch in Deinem Namen versammelt. Komm auf uns herab und bleibe bei uns und würdige Dich, unsere Her­zen zu reinigen. Lehre uns das, was wir tun sollen, das Ziel, das wir er­reichen sollen, und das, was wir wirken müssen, damit wir Dir mit Deiner Hilfe in allem wohlgefällig werden können. Sei Du unser einziger Führer und der Lenker unserer Gedanken, damit Dein Name allein mit dem Va­ter und dem Sohn verherrlicht sei.

Lasse nicht zu, daß wir in der Gerechtigkeit fehlen, Du, der Du die voll­kommene Gerechtigkeit liebst. Möge uns die Unwissenheit nicht in Irr­tum und weltliche Anreize nicht auf Abwege bringen und das eigene In­teresse oder der eigene Vorteil uns nicht verführen. Vereinige uns dage­gen durch das Geschenk Deiner Gnade fest mit Dir, damit es uns gegeben wird, in Einheit mit Dir alles zu tun, und wir uns in nichts von der Wahr­heit entfernen mögen.

So wie wir in Deinem Namen versammelt sind, so gib auch, daß wir in allem die Gerechtigkeit zugleich in Liebe üben, so daß unser Urteil sich in nichts von Deinem unterscheidet und es uns in Zukunft gegeben wird, für das Gute, das wir getan haben, den ewigen Lohn zu erhalten.“

Nach dem Gebet zum Heiligen Geist sangen die Konzilsväter kniend gemeinsam die Allerheiligenlitanei. Sie riefen die triumphierende Kirche in den himmlischen Chören, über die Maria als Königin herrscht, an, dem Konzil beizustehen.

„Das Konzil war ein denkwürdiges, ein einmaliges und ein wohlgeord­netes Ereignis. Kein Ökumenisches Konzil in der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche kann sich aufgrund der Zahl der Redner und auf­grund der Regelmäßigkeit und Intensität der Arbeiten mit dem vergleichen, was unser betrauerter und verehrter Vorgänger, Papst Johannes XXIII. einberufen und selbst im Oktober 1962 eröffnet hat und was wir am Ende der vierten Session im vergangenen Dezember beschlossen ha­ben. Bei jeder Session waren etwa 2500 Konzilsväter versammelt; und das Konzil dauerte insgesamt 280 Tage; es gab 168 Konzilskongregationen, 10 öffentliche Sitzungen, 16 promulgierte Dokumente, welche das Gedächt­nis und das Wirken des letzten Konzils in der Welt und in der Zukunft verbreiteten.

Zur Zufriedenheit aller müssen wir feststellen, daß kein Zwischenfall, weder von innen noch von außen, den Ablauf der großen Sitzungen beeinträchtigte.“5

Nach dem Tod von Johannes XXIII. setzte Paul VI. das Konzil fort und leitete es bei den drei letzten Sitzungen. Paul VI. beschloß das Konzil am 8. Dezember 1965, am Festtag der Unbefleckten Empfängnis. Der Ritus des feierlichen Abschlusses des Konzils wurde auf dem Petersplatz in Rom vor der vatikanischen Basilika vollzogen.

In der Reihe der Ökumenischen Konzilien war das Zweite Vatikanum das umfassendste und feierlichste. Auf keinem anderen Konzil herrschte eine solch ruhige und friedliche Atmosphäre. Außerordentlich war auch die Fülle der Faktoren, die bei seinen Arbeiten und der Erstellung der Dokumente zusammenkamen: 2860 Väter nahmen als Vertreter der Orts­kirchen daran teil, die überall auf der Erde gegenwärtig sind. Eine große Schar von Fachleuten, etwa 400 Theologen, leistete ihren gültigen Beitrag zur Vertiefung der behandelten Probleme und zur Ausarbeitung der Do­kumente.

Die Konzilsversammlung betete und arbeitete von 1962 bis 1965. Es gab vier Sessionen: die erste dauerte vom 11. Oktober bis zum 8. Dezember 1962; die zweite vom 29. September bis zum 4. Dezember 1963; die dritte vom 4. September bis zum 21. November 1964; die vierte vom 14. Septem­ber bis zum 8. Dezember 1965. Die Plenarsitzungen der Konzilsversamm­lung fanden im Petersdom statt, der eigens dafür hergerichtet worden war.

Die Konzilsversammlung leistete eine immense Arbeit. Sie verringerte die 70 Schemen, die in der Vorbereitungsphase erarbeitet worden waren,

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5 Paul VI., Ansprache vom 21. 3. 1966, 124; vgl. Johannes XXIII., Ansprache vom 31. 10. 1962, in: Discorsi V, 281; Johannes Paul II., Ansprache vom 11. 10. 1987, 3, 830f. Am Konzil nahmen auch Beobachter anderer christlicher Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften teil. Auch der katholische Laienstand war durch eine bedeutende Anzahl von Hörern und Hörerinnen vertreten.

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auf 17 und änderte tiefgreifend den Gegenstand und die Ausrichtung. Die Acta synodalia sacrosancti Concilii Oecumenici Vaticani II, Vatikanstadt 1970f (26 Bände, die de facto aus 80 Büchern bestehen), das heißt die Konzils­akten bezeugen den enormen Prozeß der Neuordnung, der Klärung, Prä­zisierung und der klaren Umschreibung der behandelten Fragen. Ergeb­nis dieser Arbeit sind die 16 Schlußdokumente, die von einer kristallkla­ren Klarheit zeugen.

Das Konzil war das größte Ereignis im Leben der Katholischen Kirche, ja der ganzen Christenheit, im 20. Jahrhundert. Das Zweite Vatikanum ist das Konzil des 20. Jahrhunderts und das größte Ereignis zu seiner Ver­wandlung.

2. Ein zweites apostolisches Zönakel

Jesus Christus ist „derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Er ist der Anfang und das Ende, das Alpha und das Omega (vgl. Offb 21,6). Das sind die denkwürdigen und bewegenden Worte Pauls VI. zur Eröffnung der zweiten Session des Konzils:

„Christus, Christus ist unser Ausgangspunkt. Christus ist unser Führer und unser Weg, Christus ist unsere Hoffnung und unser Ziel.

Möge dieses Ökumenische Konzil diese eine und zugleich vielfältige, feste und doch dynamische, geheimnisvolle und doch klare, zwingende und zugleich beglückende Bindung, durch die wir Jesus Christus zugehö­ren, ganz und gar erkennen. Durch dieses Band wird diese lebendige und heilige Kirche, das heißt wir, an Christus gebunden, von dem wir ausge­hen, von dem wir leben und nach dem wir streben. Möge diese Versamm­lung hier durch kein anderes Licht erleuchtet werden als durch Christus, das Licht der Welt. Suchen wir keine andere Wahrheit als das Wort des Herrn, unseres einzigen Lehrers! Möge uns keine andere Sehnsucht leiten als der Wunsch, ihm absolut treu zu sein. Kein anderes Vertrauen soll uns aufrecht halten, außer das Vertrauen zu seinem Herrenwort, das unsere klägliche Schwachheit stärkt: »Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans En­de der Welt« (Mt 28,20).“6

In dem herrlichen Mosaik in der Apsis der Basilika Sankt Paul vor den

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6 Paul VI., Ansprache vom 29.9.1963, in: EnV 1, 92-93; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 12.10.1992, 2, 312f.

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Mauern (in Rom) ist der Christus Pantocrator dargestellt. Papst Honorius III., klein von Gestalt und fast auf dem Boden ausgestreckt, küßt in einem Akt der demütigen Anbetung den Fuß Christi des Herrn. Christus thront und segnet von diesem gigantischen Mosaik aus in der Haltung des kö­niglichen Lehrers die Versammlung in der Basilika, das heißt die Kirche. Das Konzil ließ sich von diesem Bild leiten. Christus war sein Anfang, sein Licht, sein Weg, sein Führer und sein Ziel.

Die Hirten der Kirche von allen Längen- und Breitengraden der Erde waren im Petersdom über dem Grab des Fürsten der Apostel und unter der Kuppel von Michelangelo versammelt. Zusammen mit dem Nachfol­ger Petri „blickten sie auf Jesus, den Urheber und Vollender des Glau­bens“ (Hebr 12,2). Mit dem teleskopischen Auge des Glaubens war das Konzil auf Christus und auf Gott ausgerichtet (den Polarstern des Uni­versums).

Vom Heiligen Geist erleuchtet, hat das Konzil eine neue umfassende Sicht der Kirche und der Welt und eine neue umfassende Sicht aller Wirk­lichkeiten aufgezeigt. Das Konzil hat in diese Sicht die positiven Beiträge der Kultur und Zivilisation der Neuzeit integriert. Mit besonderer Auf­merksamkeit hat das Konzil eine ganzheitliche Sicht der Kirche und Menschheit von heute vorgezeichnet.

Das Zweite Vatikanische Konzil ist „Führer und Zusammenfassung der heiligen Kirche Gottes.“7

„Dieses Konzil überreicht der Geschichte das Bild der Katholischen Kirche, das von der Aula voller Hirten verkörpert wird, die alle densel­ben Glauben bekennen, von derselben Liebe erfüllt, in derselben Gemein­schaft des Gebetes, der Disziplin, des Tuns verbunden sind und – was wunderbar ist – nur ein und dasselbe wünschen, sich selbst wie Christus unser Herr und Meister für das Leben der Kirche und das Heil der Welt hinzugeben.“8

Im Petersdom waren die Bischöfe von beiden Hemisphären der sicht­baren Erde versammelt, von den Polarkreisen bis zum Äquator. Die Kon­zilsväter und ihre Mitarbeiter waren durch das Bekenntnis des gleichen

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7 Paul VI., Ansprache vom 28. 10. 1965, 583.

8 Ders., Ansprache vom 7. 12. 1965, 726; vgl. Johannes Paul II, Ansprache vom 28. 6. 1989, 1, 1773; Paul VI., Ansprache vom 24. 5. 1966, 263; ders., Ansprache vom 15.9. 1965, 1036: „Das Konzil ist nur ein Augenblick, ein Ausdruck, sozusagen eine Zusammenfassung der Kirche“; vgl. ders., Ansprache vom 29. 11. 1972, 1210.

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katholischen Glaubens und durch das Band der göttlichen Liebe in Chri­stus und im Dreieinen Gott zutiefst vereint. In ihrem inständigen Gebet waren sie aber auch tiefer mit der Mutter Gottes und der Mutter der Kir­che verbunden. Und schließlich waren sie enger mit dem Nachfolger Petri und untereinander geeint.

Die Mutter Jesu und Braut des Heiligen Geistes war unsichtbar in der Konzilsaula gegenwärtig. Sie hat durch ihre Fürsprache das Gebet der Ökumenischen Versammlung und des christlichen Volkes unermeßlich wertvoll gemacht. Sie hat für das Konzil vor allem das Wunder eines neu­en Pfingsten erfleht. Mit und durch den Morgenstern teilt sich Christus, die Sonne, in der Kraft des Heiligen Geistes dem Konzil überreich mit. Das Konzil war gleichsam ein wahres zweites apostolisches Zönakel.

Im zweiten apostolischen Zönakel auf den Vatikanischen Hügeln ist die Gottesmutter als Stern und Mutter des Konzils und der konziliaren Erneuerung aufgegangen. Sie wurde als Mutter der Kirche verherrlicht. Mit und durch sie ist das Konzil nun zutiefst in den neuen Tag der Sonne Christi und der göttlichen Dreifaltigkeit eingetreten. Im Zönakel ist die Ökumenische Versammlung zutiefst „ein Herz und eine Seele“ (Apg 4,32) geworden.

II. DAS KONZIL DER KIRCHE

1. Ein ekklesiologisches Konzil

„Das Geheimnis der Kirche wurde von dieser Synode besonders darge­legt“ (OT 9).

„Was ist, so können wir uns fragen, der zentrale Punkt des II. Vatika­nums? Oder besser, die seinen Dokumenten zugrunde liegende Idee? Es scheint klar zu sein: es ist die Kirche.“9

„Das Zweite Vatikanische Konzil wird vor allem als ekklesiologisches Kon­zil in die Geschichte eingehen. Die Kirche war und bleibt sein zentrales Thema: die Kirche – eine menschliche und geschichtliche Wirklichkeit, aber zugleich eine Institution göttlichen Ursprungs und Geheimnis des

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9 Paul VI., Ansprache vom 21. 7. 1971, 639-640.

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Glaubens. Aus diesem Grund sind alle Versuche, die Wirklichkeit der Kirche auf andere, zum Beispiel nur soziologische Dimensionen zu redu­zieren, ungeeignet und sogar abwegig, denn sie werden jenem Geheimnis nicht gerecht, das das tiefste Wesenselement (»constitutivum«) der Kirche als göttlich-menschliche Wirklichkeit darstellt.“10

Das zentrale Thema des Konzils war die Kirche. Das II. Vatikanum wird als „Konzil der Kirche“ bezeichnet und auch weiterhin so genannt werden. Das Konzil behandelte die Kirche (die Lehre über die Kirche: die Ekklesiologie) vor allem in der monumentalen dogmatischen Konstitu­tion Lumen gentium. Das Konzil hatte viel Mühe, von der Kirche ein schlichtes, lineares und einfaches Bild zu zeichnen. Es sah sich vor eine so bedeutungsvolle, große und komplexe Wirklichkeit gestellt, daß es sie ein Geheimnis nennen mußte.

Die Kirche umfaßt viele Aspekte (Dimensionen). Die Konstitution Lu­men gentium vereinigt diese in ihrer Sicht der Kirche zu einer vollkommen harmonischen Einheit. Die Konstitution gibt der Kirche viele Namen. Sie versieht sie mit Gestalten und Symbolen, wie es Brauch der Autoren der Heiligen Schrift und der Kirchenväter war. Damit hat sie die verschiede­nen Aspekte (Dimensionen) der Kirche hervorgehoben. Die Konstitution behandelt mit besonderer Aufmerksamkeit die Kirche als „mystischer Leib“ und als „Volk Gottes“. Das sind zwei komplementäre Begriffe: der erste macht die Einheit der Kirche deutlich, während der zweite die Viel­falt in der Kirche aufzeigt.

„Das Konzil, das kirchlich ist in seinemKern, ist auch zutiefst trinitarisch: »das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes geeinte Volk« (Cyprian, De Orat. Dom., zitiert in Lumen gentium, Nr. 4). Der Höhepunkt und der innerste Kern der »Theo-logie« – Wahrheit über Gott, Personengemeinschaft in der absoluten Einheit der Gottheit – ist gleich­zeitig die Quelle, der die Ekklesiologie entspringt. Die Kirche ist – und wird zu allen Zeiten – aus dem Schoß des ewigen Vaters geboren, der die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen eingeborenen Sohn in die Welt sandte (vgl. Joh 3,16), und durch das Wirken des Sohnes, durch sein Erlö­sungsopfer, auch den Heiligen Geist. Wir stehen hier im Mittelpunkt der »trinitarischen Ökonomie«. Die Kirche ist in der grundlegenden Dimension

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10 Johannes Paul II, Ansprache vom 22. 12. 1992, 2, 981-982; vgl. Paul VI., Ansprache vom 14. 9. 1964, 540-541; ders., Ansprache vom 15. 8. 1966, 1064; ders., Ansprache vom 27. 4. 1966, 761-762; ders., Ansprache vom 21. 7. 1976, 598: „Um die Frage: Was ist die Kirche? dreht sich die jüngste Lehre des Konzils, das der Kirche in einem klaren Spiegel ihr Gesicht gezeigt hat.“

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des Geheimnisses eine zutiefst christologische und pneumatologische Wirk­lichkeit. Diese Wahrheit über die Kirche wird bereits auf den ersten Seiten der Konstitution Lumen gentium deutlich und ist dann in allen Lehraus­sagen des Konzils gegenwärtig.“11

Das Konzil hat eine neue und tiefere Gesamtschau des Mysteriums Christi und des Dreieinen Gottes eröffnet. Und es hat in diesem Mysteri­um zugleich eine neue und tiefere Schau des Geheimnisses der Kirche enthüllt.

2. Eine neue Gesamtschau der Kirche

Das Konzil hat hauptsächlich in der dogmatischen Konstitution Lumen gentium eine neue, wunderbare und umfassende Schau der Kirche eröff­net. Das erste Kapitel dieser Konstitution ist wie folgt überschrieben: Das Mysterium (Geheimnis) der Kirche. Die Kirche ist aufgrund der Tiefe, die in ihrem Leben verborgen ist, ein Geheimnis. Und sie ist ein Geheimnis, weil sie weniger eine menschliche, historische und sichtbare Wirklichkeit, sondern vielmehr eine göttliche Wirklichkeit ist, welche die natürliche Erkenntnisfähigkeit der Vernunft übersteigt. Das Geheimnis der Kirche ist im Mysterium Christi und letztlich im Mysterium der Allerheiligsten Dreieinigkeit geborgen. Das Geheimnis der Kirche entspringt dem Mysteri­um Christi und damit letztlich dem Mysterium der Dreifaltigkeit.

„Der ewige Vater hat die ganze Welt nach dem völlig freien verborge­nen Ratschluß seiner Weisheit und Güte erschaffen. Er hat auch beschlos­sen, die Menschen zur Teilhabe an dem göttlichen Leben zu erheben. Und als sie in Adam gefallen waren, verließ er sie nicht, sondern gewährte ihnen jederzeit Hilfen zum Heil um Christi, des Erlösers, willen“ (LG 2).

„Um deshalb zu einem guten Verständnis des Anfangs der Kirche als Gegenstand unseres Glaubens (des »Geheimnisses der Kirche«) zu gelan­gen, ist es notwendig, an den Grundsatz des heiligen Paulus anzuknüp-

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11 Johannes Paul II., Ansprache vom 22. 12. 1992, 2, 982; ders., Ansprache vom 1.3. 1990, 1, 563: „Das Zweite Vatika­nische Konzil, das sich vor allem mit der Kirche beschäftigte, war zugleich auch ein tiefschürfend theologisches Konzil und hat uns den unbedingt notwendigen Weg gezeigt, der die Kirche zu Gott führt, zur Wirklichkeit Gottes, zum Geheimnis Gottes (…)“; ders., Ansprache vom 20. 12. 1985, 2,1563: Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils sind die „Summe des Nachdenkens der Kirche über ihre wesensgemäße Sendung, den Dreifaltigen Gott und die Fleischwerdung des Wortes in der Menschheit zu offenbaren“; die Christologie ist die Lehre (Wahrheit) über Christus, während die Pneumatologie die Lehre über den Heiligen Geist ist.

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fen: allen Menschen zu »enthüllen, wie jenes Geheimnis Wirklichkeit gewor­den ist, das von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war. So sollen jetzt im Himmel die Fürsten und Gewalten durch die Kirche die Kenntnis erhalten von der vielfältigen Weisheit Gottes, nach seinem ewi­gen Plan, den er durch Christus Jesus unseren Herrn ausgeführt hat« (Eph 3,9-11). Wie aus diesem Text hervorgeht, gehört die Kirche zum christo­zentrischen Plan, der von Ewigkeit her im Ratschluß Gottes des Vaters liegt.“12

Das ewige Fundament der Kirche ist der Heilsplan, den der Vater im Herzen der Dreifaltigkeit entworfen hat. Christus ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung und das Prinzip, in dem Gott die ganze Schöpfung vereint (vgl. Eph 1,9-10), damit Gott „alles in allem“ (1 Kor 15,28) sein kann. Betrachtet man die Kirche im Blick auf den ewigen Heilsplan des Vaters, dann erscheint sie als Frucht der unendlichen Liebe Gottes, die den Vater mit dem Sohn im Herzen der Dreifaltigkeit vereint: Denn der Vater wollte kraft dieser Liebe die Menschen in seinem Sohn vereinen.

Im ewigen Heilsplan des Vaters ist die Bestimmung der Menschen ent­halten, die er in Christus nach dem Abbild Gottes und ihm ähnlich ge­schaffen und sie zur Würde der Kinder Gottes berufen hat. Adam wurde so in die Ordnung der göttlichen Gnade (in die übernatürliche Ordnung) erhoben. Damit bekam er auch die Würde des Adoptivkindes Gottes. Im irdischen Paradies war er in die übernatürliche und natürliche Ordnung hineingesetzt und lebte in ihr. Mit seinem Sündenfall hat Adam alle Men­schen aus der göttlichen Ordnung der Gnade herausgenommen und sie infolgedessen der Würde der Adoptivkinder Gottes beraubt. Ja, Adam hat alle Menschen aus der übernatürlichen und natürlichen Ordnung hin­ausgestoßen.

Die ganze Menschheit hat sich in Adam von Gott abgewandt und das Leben in Gott, das göttliche Leben, verloren. Durch diesen Umsturz fiel sie in die Knechtschaft der Sünde, des Todes und des Teufels. Die gefalle­ne Menschheit zerbrach und zerstreute sich in ihrer inneren Ordnung (auf der unteren Hemisphäre der anthropologischen Welt, die sich nach dem Sündenfall Adams zu bilden begann) und in ihrer äußeren Ordnung (auf der Oberfläche der sichtbaren Erde).

Der menschgewordene, gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes ist

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12 Johannes Paul II., Ansprache vom 31.7.1991, 2, 163; ders., Ansprache vom 8.12.1985, 2, 1447; ders. Ansprache vom 14.2.1991, 1, 337.

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zur Quelle einer neuen Einheit der Menschen geworden, die in ihm geru­fen sind, wieder die Würde der Adoptivkinder Gottes und das göttliche Leben zu erlangen, wieder die göttliche Gnade durch das Wirken des Heiligen Geistes zu erhalten.

„Die aber an Christus glauben, beschloß er, in der heiligen Kirche zu­sammenzurufen. Sie war schon seit dem Anfang der Welt vorausgeplant: in der Geschichte des Volkes Israel und im Alten Bund wurde sie auf wunderbare Weise vorbereitet (vgl. Cyprian, Epist. 64,4: PL 3,1017; Hila­rius von Poitiers, zuMt 23,6: PL 9, 1047; Augustinus, passim; Cyrill von Alexandrien, Glaph. zu Gen 2,10: PG 69, 110A), in der letzten Zeit gestif­tet, durch die Ausgießung des Heiligen Geistes geoffenbart, und am Ende der Weltzeiten wird sie in Herrlichkeit vollendet werden. Dann werden, wie bei den heiligen Vätern zu lesen ist, alle Gerechten von Adam an, »von dem Gerechten Abel bis zum letzten Erwählten« (vgl. Gregor der Große, Hom. in Evang. 19,1: PL 76, 1154B; Augustinus, Serm. 341, 9, 11: PL 39, 1499f; Johannes von Damaskus, Adv. Iconocl. 11: PG 96, 1537), in der allumfassenden Kirche beim Vater versammelt werden“ (LG 2).

„Besser und in weniger Zeilen konnte man die ganze Heilsgeschichte nicht zusammenfassen, wie man sie in den heiligen Büchern ablaufen sieht, und die ekklesiologische Bedeutung bestimmen, die von den Vätern gemäß den Angaben der Apostel und Jesu selbst bereits formuliert und erläutert wurde.“13

Christus ist der Schlußstein des Universums. Im ewigen Heilsplan Got­tes ist die Kirche in Christus und mit Christus ein wesentlicher Teil der allgemeinen Heilsökonomie, in der die Liebe Gottes offenbar wird. Im ewigen Heilsplan Gottes wird die Kirche als Einheit der Menschen in Christus dem Haupt in einen Plan eingebettet, der die ganze Schöpfung umfaßt, man kann sagen, in einen „kosmischen“ Plan, in dem Gott beschlossen hat, „alles in Christus zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist“ (Eph 1,10). Die Kirche, der lebendige Leib derer, die in der Antwort auf die Berufung zur Gotteskindschaft Christus angehören, ist als Teil­haberin und Verwalterin mit Christus im Zentrum des universellen Erlö­sungsplanes verbunden.

Die pilgernde Kirche auf Erden, die leidende Kirche im Fegefeuer und

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13 Ders., Ansprache vom 31. 7. 1991, 2,164.

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die selige Kirche im Himmel bilden das eine messianische Volk des neuen und ewigen Bundes. Die pilgernde Kirche auf Erden ist der Keim und der Anfang des Reiches Christi und des Reiches Gottes (vgl. LG 5). Daher ist sie der zentrale Kern der neuen Menschheit. Die Kirche auf Erden ist in die übernatürliche und natürliche Ordnung eingebettet und lebt in ihr. Sie hat eine äußere und eine innere Seite. Die innere Seite der irdischen Kirche ist die obere Hemisphäre der Welt der Menschheit.

Gott hebt im Sakrament der Taufe die in Adam gefallenen Menschen in die übernatürliche und natürliche Ordnung empor; er erhebt sie von der unteren Hemisphäre auf die obere Hemisphäre der Menschheit. Die Men­schen erlangen in Jesus Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes die Würde der Adoptivkinder des himmlischen Vaters und das göttliche Leben wieder und werden so Glieder der Kirche.

Im Alten Testament erhob Gott kraft der Erlösung in Christus die Ge­rechten in gewisser Weise in die übernatürliche und natürliche Ordnung und damit gleichzeitig von der unteren Hemisphäre der Menschheit auf die obere. Deshalb war die Heilsgeschichte des Alten Testaments nach dem Sündenfall Adams die Zeit der Vorbereitung der Kirche Christi.

Jesus Christus ist der Gründer der Kirche. Sie ist am Pfingsttag gebo­ren, als der vom Vater und von Christus gesandte Heilige Geist begann, das von Jesus Christus gewirkte Heil in seiner Fülle zu aktualisieren. Die Sendung der Kirche ist gleichsam wie eine Verlängerung oder eine ge­schichtliche Ausbreitung der Sendung des Sohnes und des Heiligen Gei­stes. Daher kann man sagen, daß sie eine lebendige Teilhabe am Wirken der Dreifaltigkeit in der Geschichte, sozusagen in dienender Weise ist. Die Kirche strebte im Laufe der Jahrhunderte danach, alle Menschen in Christus, dem Haupt und dem einzigen Erlöser der Welt, zusammenzu­führen. Indem sie alle Menschen in Christus und in Gott umfaßt, vereint die Kirche sie zu einer umfassenden übernatürlichen und natürlichen Bruderschaft.

3. Eine neue umfassende Menschen- und Weltsicht

„In Christus offenbart sich das Geheimnis des Menschen in all seiner Fülle (vgl. Gaudium et spes, Nr. 22). Es »offenbart sich«: Obwohl die Wahr­heit über den Menschen anscheinend für seine Erkenntnis, sowohl für die vorwissenschaftliche als auch für die wissenschaftliche mit ihren ver­schiedenen Zweigen, restlos zugänglich scheint, entspringt ihre Fülle nur »dem Abbild und Gleichnis Gottes«. Christus »offenbart eben dem Menschen in der Offenbarung das Geheimnis des Vaters und seiner Liebe den Men­schen selbst vollständig und erschließt ihm seine hohe Berufung« (GS 22)“14

Das Konzil hat im Lichte Christi und des Dreieinen Gottes eine neue umfassende Sicht des Geheimnisses des Menschen und der Welt eröffnet. Diese neue, universelle Sicht hat für die Kirche und die Menschheit eine große Bedeutung, und diese Bedeutung wird in Zukunft noch zunehmen.

Das Konzil liegt damit auf der Linie der gesamten Tradition, wenn es lehrt, daß „der Mensch, (…) [der] die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Schenkung seiner selbst vollkommen finden kann“ (GS 24). Mit dieser Feststellung berüh­ren wir die Tiefen des trinitarischen Geheimnisses: Diese »Schenkung seiner selbst« wird ja für uns deshalb möglich, weil sie die göttliche Gemeinschaft (»Communio«) der Personen in der Einheit des trinitarischen Lebens zum Ausgangspunkt hat. Das Konzil spricht sogar von einer gewissen „Ähn­lichkeit zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der Kinder Gottes in der Wahrheit und der Liebe“ (GS 24).

Diese Anthropologie des Konzils „erhellt das tiefe Wesen des Men­schen, insofern er nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen ist. Gleich­zeitig erlaubt sie uns, die wahre Identität der »Welt« zu verstehen, indem sie uns diese Welt als Welt der Menschen, als Welt der ganzen Menschheits­familie entdecken läßt »im Zusammenhang der Wirklichkeiten, in dem sie lebt; die Welt, Schauplatz der Geschichte des Menschengeschlechts, von seinen Anstrengungen, Niederlagen und Siegen geprägt; die Welt, die nach dem Glauben des Christen in der Liebe des Schöpfers ihre Grundlegung und ihren Bestand hat; die unter die Herrschaft der Sünde geraten, von Christus aber, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der die Macht des Bösen gebrochen hat, befreit und bestimmt ist, nach Gottes Heilsratschluß verwandelt zu werden und so zur Vollendung zu kommen« (GS 2).

Diese Stelle könnte man als theologische Kosmologie des Konzils bezeich­nen, die zutiefst von der soteriologischen Wahrheit durchdrungen ist. Die Schöpfung und Erlösung der Welt passen sich in der Einheit des göttli­chen Planes an.“15

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14 Ders., Ansprache vom 22. 12. 1992, 2, 982; vgl. Paul VI., Ansprache vom 7. 12. 1965, 729-730.

15 Johannes Paul II., Ansprache vom 22. 12. 1992, 2, 983. Was die „anthropologische Kugel“ betrifft, vgl. Paul VI., Ansprache vom 4. 9. 1972, 123-124. Die Soteriologie ist die Lehre (Wahrheit) vom Heil.

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Die kosmologische Theologie betrachtet den Kosmos auf der Grundlage der göttlichen Offenbarung. Die theologische und anthropologische Kos­mologie betrachtet die Welt der Menschen auf der Grundlage der Offen­barung Gottes. Die „Welt der Menschen“ ist der „gesamte Erdball“ (vgl. GS 2-3: „orbis universus“), das heißt die anthropologische Kugel (Welt). Die anthropologische Kugel (Welt) ist auch theologisch: Sie bezieht sich auf Gott den Schöpfer und Erlöser als ihren Pol. Die Menschen, nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen und in Adam gefallen, verlieren nie völlig ihre Gottebenbildlichkeit. Denn ihre Beziehung zu Gott hört nie völlig auf.

Das Konzil hat eine neue umfassende Sicht der Erde der Menschheit aufgezeigt, insbesondere der Erde der heutigen Menschheit. Gott ist der Schöpfer der menschlichen Welt, und Gott ist in Christus auch ihr Erlö­ser. Das Konzil vereint die theologische und anthropologische Kosmolo­gie zutiefst mit der Christologie und der Soteriologie.

4. Die Kirche und die Welt

„Die beiden großen Konstitutionen »über die Kirche« und »über die Kir­che in der Welt von heute« offenbaren den Geist des Konzils in besonde­rer Weise.“16

Die Struktur des Konzils hat zwei Hauptachsen: die dogmatische Kon­stitution über die Kirche (Lumen gentium) und die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et spes). Gaudium et spes ist nach Lumen gentium die wichtigste Konstitution des Konzils. Diese beiden Konstitutionen sind komplementär und ergänzen sich gegenseitig.

„Die Kirche, deren Sendung im Geheimnis der Schöpfung und Erlö­sung wurzelt, ist ihrem Wesen nach universal, da alles Seiende in Gott seinen Ursprung hat, und jeder Mensch von der Heilsliebe Gottes in Jesus Christus umfangen wurde. Deshalb also ist die Kirche immer die »Hinausge­sandte« (»in statu missionis .“17

„Das Konzil bietet der Kirche einen Panoramablick auf die Welt.“18

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16 Paul VI., Ansprache vom 25. 3. 1966, 143; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 19. 11. 1984, 2,1249.

17 Johannes Paul H., Ansprache vom 22. 12. 1992, 2, 983.

18 Paul VI., Ansprache vom 14. 9. 1965, 479; ders., Ansprache vom 7. 12. 1965, 727: Das Konzil bietet der Kirche „zugleich eine tiefe Sicht und einen Panoramablick des Lebens und der Welt.“

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Die irdische Kirche und die in Adam gefallene Menschheit sind integra­le Bestandteile der „Welt der Menschen“. Nach dem Grundprinzip, das Christus der Herr verkündet hat, ist die Kirche in der Welt, aber nicht von der Welt. „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (LG 1). In der theologischen und anthropologischen Welt ist die Kirche das Sakrament Christi, die Brücke zwischen Christus und der in Adam gefallenen Menschheit. Die Kirche strebt danach, mit der Heilsliebe Christi die ganze Menschheit zu umfas­sen. Deshalb ist sie immer die Hinausgesandte.

Die Gesamtkirche ist in einem gewissen Sinn der Mittelpunkt der Welt der Menschen. Als solche ist sie für die menschliche Welt aufgeschlossen. Sie steht mit verschiedenen „konzentrischen Kreisen“ in Beziehung oder besser mit verschiedenen Zonen der theologischen und anthropologi­schen Welt. Einige Konzilsdokumente beschreiben die Beziehung der Kir­che zu verschiedenen Kreisen der menschlichen Welt: zu den getrennten christlichen Gemeinschaften (vgl. UR), zu den nichtchristlichen Religio­nen (vgl. NA), zur heutigen Welt, in der viele keiner Religion angehören und viele sich zum Atheismus bekennen (vgl. GS).

Ein Teil der Welt hat den Einfluß des Christentums zutiefst erfahren. Die moderne Kultur hat sich größtenteils mit der jahrhundertelangen Sä­kularisierung des Christentums gebildet. Sie merkt oft nicht, daß sie ihre größten Errungenschaften dem Christentum verdankt. Die moderne Kul­tur ist trotz ihrer Fortschritte und Errungenschaften innerlich zerbrochen und hat sich im Labyrinth der unteren Hemisphäre der theologischen und anthropologischen Welt verirrt. Deshalb ist sie auch in der äußeren Ord­nung der Menschheit auf der Oberfläche der sichtbaren Welt zerbrochen.

Das Konzil hat mit der Konstitution Gaudium et spes eine Brücke zur modernen Welt geschlagen: die Brücke ihrer Erhebung von der unteren auf die obere Hemisphäre der theologischen und anthropologischen Welt; die Brücke ihres Heils in Christus und in der Kirche und folglich die Brük­ke ihrer Integration in eine vollkommene innere und äußere Einheit.

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Quelle: Ivan Pojavnik: DAS MYSTERIUM DES KONZILS – Erster Band – Meckenheim – 1996 – Maximilian-Kolbe-Verlag – ISBN 3-924413-13-4

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