Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 3

Vorgang:
Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 1
Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 2

ZWEITER TEIL

DER HL. VATER JOHANNES XXIII. (1958-1963)

„Johannes XXIII., der zur Übernahme eines so großen Erbes (des Erbes Pius XII.) berufen war, stellt in seiner Person den milden und guten Hirten dar. Ruhig und mutig, den Blick nach oben und weit voraus gerichtet, getreu seinem bischöflichen Wahlspruch »Oboedientia et Pax« (Gehorsam und Friede), beseelt von tiefer Demut und dem Geist der Einfachheit als Kennzeichen seiner geistlichen Größe, arbeitete er in wenigen Monaten ein außergewöhnliches Programm aus und zögerte nicht, dessen Durchfüh­rung zu veranlassen.

Sein arbeitsreiches und verhältnismäßig kurzes Pontifikat war mit den folgenden großen Unternehmungen verbunden: dem Konzil und der Revi­sion des Kirchenrechtes, welche die Zeit der kirchlichen Erneuerung, der wir angehören, kennzeichnen.“1

Der erste Schatz der Seele von Angelo Giuseppe Roncalli war der Glau­be, der heilige und reine Glaube. Er dankte dem Herrn auf den Knien, der ihm den katholischen Glauben inmitten von heranstürmenden und aufge­wühlten Gedanken und Reden unversehrt bewahrt hatte. Dank seines lebendigen Glaubens war er sich immer bewußt, daß die Kirche in sich selbst die ewige Gültigkeit der Wahrheit und die von Christus besitzt, die alle Zeiten überdauert. Aus dem unverfälschten Glauben entsprang auch die völlige und vertrauensvolle Hingabe an die göttliche Vorsehung, die in seinem Leitspruch zum Ausdruck kam: „Oboedientia et Pax“.

Zum Papst gewählt, entschied sich Kardinal Angelo Giuseppe Roncalli (77 Jahre) für den Namen Johannes XXIII. Der Glaube verlieh ihm eine übernatürliche Sicht aller Wirklichkeiten. Durch den Glauben übernahm er das große Erbe der Päpste Pius XI. und Pius XII. Vom Licht des Glau­bens erleuchtet, erarbeitete er in kürzester Zeit ein großes Programm für die Erneuerung der Kirche aus. Mit einer wirklich erstaunlichen Vitalität begann der betagte Papst, es durchzuführen.

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1 Johannes Paul II., Ansprache vom 6. 11. 1983, 2, 999; vgl. Paul VI., Ansprache vom 17. 8. 1963, 534; ders., An­sprache vom 12. 3. 1964, 172; Johannes Paul II., Ansprache vom 26. 4. 1981, 1, 1021; vgl. Johannes XXIII., An­sprache vom 21. 6. 1962, in: Discorsi IV, 393: Johannes XXIII. übernimmt das Erbe von Pius XI. und Pius XII.

 

I. TREUE UND ERNEUERUNG

1. Ein kindlicher Papst

„Lasset die Kinder zu mir kommen« (Mk 10,14). Von solch erhabenen Wor­ten geht eine große Lehre für unser ganzes Leben aus. Es ist die Lehre: Ruhig, heiter und voller Vertrauen zu bleiben, fest und der guten Rich­tung, die sie uns aufzeigen und weisen, absolut sicher zu sein.“2

„Der Herr ist immer in seiner Kirche lebendig. Er lebt durch demütige und bescheidene Werkzeuge, welche die Apostel waren, und durch den Nachfolger Petri.“3

Johannes XXIII. wurde der Papst der Güte, der Papst der Milde, der Papst, der besonders das Hirtenamt der Kirche verkörperte, genannt. Es war für ihn überaus schön und tröstlich, einfach zu sein, sich der kindli­chen Unschuld zu nähern, sich klein zu empfinden, wenn er an den Herrn des Weltalls, den Sohn Gottes und den Sohn Mariens dachte, dem es ge­fiel, unter Kindern zu weilen und mit ihnen zu sprechen. Papst Johannes XXIII. war in der Spiritualität des geistlichen Kindseins wirklich wie ein kleines Kind, immer offen für die himmlischen Eingebungen. Er verstand es, stets ohne Vorbereitungen und ohne Kunstmittel das zu erfassen, was der göttliche Lehrer ihm aufzeigte und wollte. Der Papst war ein Kind, das alle liebte und von allen wegen seiner Kleinheit und Liebenswürdigkeit geliebt wurde.

„Ehrwürdige Brüder und vielgeliebte Söhne! Wir verkünden vor euch, sicherlich ein wenig zitternd vor Rührung, aber zugleich demütig und fest entschlossen, daß wir ein zweifaches, kommendes Ereignis mit Namen benennen und vorschlagen: nämlich eine Diözesansynode für die Stadt (Rom) und ein Ökumenisches Konzil für die Universalkirche.“4

Es waren keine drei Monate seit seiner Wahl vergangen, und Johannes

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2 Johannes XXIII., Ansprache vom 20. 6. 1959, in: Discorsi I, 688.

3 Ders., Ansprache vom 15. 6. 1961, in: Discorsi III, 648-649; vgl. ders., Ansprache vom 18. 6. 1960, in: Discorsi II, 674; ders., Ansprache vom 11. 10. 1962, in: Discorsi IV, 592: „Meine Person zählt nicht: Zu euch spricht ein Bruder, der durch den Willen unseres Herrn Vater geworden ist Doch beides zusammen, Bruderschaft und Vaterschaft, sind Gnade Gottes. Alles, alles!“

4 Ders., Ansprache vom 25. 1. 1959, in: Discorsi 1,132.

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XXIII. verkündete schon am 25.1.1959 in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern das Programm seines Pontifikats: eine Synode für die Diözese Rom, ein Ökumenisches Konzil für die Gesamtkirche und die Überarbei­tung des Kirchenrechts.

Der Herr brachte durch seinen Stellvertreter auf Erden wunderbare Überraschungen hervor, weil er in ihm eine Einfachheit fand, die auf jedes menschliche Kalkül verzichtet. Ebenso fand er in ihm die aufrichtige und vertrauensvolle Bereitschaft, das auszuführen, was die göttliche Gnade ihm eingab und durch ihn ausführen wollte. Die schönste Überraschung war die Ankündigung des neuen Ökumenischen Konzils, mit der der Papst alle Christen, ja die ganze Welt ganz unerwartet ansprach. Durch die Erwartung des Konzils erweckte ein Strahl des höchsten Lichtes in allen einen unerwarteten Eifer.

2. Die leuchtende Sonne des heiligen Evangeliums

Das programmatische Wort Johannes XXIII. war „aggiornamento“. Die­sem Wort „wollte er gewiß nicht die Bedeutung geben, die man ihm gerne geben will, als ob es erlaubte, alles in der Kirche nach dem Geist der Welt zu „relativieren“: Dogmen, Gesetze, Strukturen, Traditionen. Denn bei ihm war der Sinn für die Stabilität der Kirche in Lehre und Struktur so lebendig und fest, daß man sie geradezu zum Angelpunkt seines Denkens und Wirkens machen muß.“5

Die Progressisten entstellten die Gestalt und das Lehramt Johannes XXIII. und machten ihn gleichsam zu ihrem Patron. Sie sagten, er sei der Papst der Befreiung von der Kette der Tradition, der Förderer der will­kürlichen Anpassung ohne festgesetze Grenzen gewesen. Ja, mit der Auto­rität dieses Namens könne man die Autorität brechen, in der die Kirche zugleich die eine und katholische ist. – Das ist sicherlich eine große Verfäl­schung der Persönlichkeit und der Lehre von Papst Johannes XXIII.

„Was zählt, ist das heilige Evangelium: die leuchtende Sonne der himm­lischen Lehre, die den Lauf der zweitausendjährigen Zivilisation erhellt, und die allein die Menschheit ihrer irdischen und ewigen Bestimmung

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5 Paul VI., Ansprache vom 18.11.1965, 638. „Aggiornamento“ enthält das Wort „giorno“, was Tag bedeutet. Wortwörtlich würde „aggiornamento“ bedeuten „Ver-täglichung“.

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zuführen kann. Diese Sonne ist immer lebendig und immer jung mit Jesus Christus, dem göttlichen Meister aller Zeiten. Sie ist Glanz der Wahrheit, Gnade und Herrlichkeit.

Der Gedanke an ein Konzil ist nicht als Frucht einer längeren Überle­gung gereift, sondern spontan wie die Blume eines unerwarteten Früh­lings.“ 6

„Das ist das Konzil, und in ihm geht es vor allem darum: nämlich die Treue zu den unantastbaren Grundlagen des heiligen Glaubensgutes in Erinnerung zu rufen und vor der unverfälschten Tradition der Lehre der Kirche in Ehrfurcht und Respekt zu stehen.“7

Der Schlüssel zum Lehramt von Johannes XXIII. hat einen zweifachen Namen, sozusagen wie die Vorder- und Rückseite einer Medaille: Treue und Erneuerung. (Dieser Schlüssel ist bis heute gültig, auch um uns den Sinn des von ihm einberufenen und eröffneten Konzils zu erschließen.) In Treue zum Offenbarungsgut, das in der Heiligen Schrift und in der heili­gen Überlieferung enthalten ist, verstand es der Papst, aus ihm „Altes und Neues hervorzuholen“ (Mt 13,52). Nach einem Ratschluß der göttlichen Vorsehung sollte Pius XII. die unmittelbare Vorbereitung des Konzils und Johannes XXIII. seine Planung und Durchführung der ersten Phase über­nehmen.

Mit der Sonne des heiligen Evangeliums bekleidet, stellte sich Johannes XXIII. als großer Papst wie eine „Sonne“ dar. Er war der Papst der großen Erneuerung (aggiornamento) der Kirche. Er hat es verstanden, sie mit dem lebensspendenden Geist des Evangeliums zu verjüngen. Die Konzilsidee ist im Lichte der Sonne des Evangeliums in seinem weisen Herzen aufge­kommen und gereift. Das war der Anfang des neuen großen Frühlings des Evangeliums, den der Papst mit dem Ökumenischen Konzil in der ganzen Kirche und durch die Kirche in der Welt herbeiführen wollte.

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6 Johannes XXIII., Ansprache vom 4.8.1959, in: Discorsi I, 708-709.

7 Ders., Ansprache vom 23. 12. 1962, in: Discorsi V, 55; ders., Ansprache vom 27. 12. 1958, in: Discorsi 1,740: „Jesus Christus ist die Grundlage von allem und die Flamme des Lebens“; ders., Ansprache vom 31. 8. 1960, in: Discorsi 11,746: „Der Papst – was auch immer diejenigen denken und behaupten mögen, die es nicht verstehen wollen ­faßt das zusammen, was seine Vorgänger vollbracht haben, und das, was seine Nachfolger in Zukunft tun werden.“
Paul VI., Ansprache vom 28. 10. 1973, 1028: Johannes XXIII. ist „eine treue Stimme der katholischen Tradition und Orakel der neuen und künftigen Weisheit der kirchlichen Lehre“; vgl. ders., Ansprachen vom 31. 5. und 2. 6. 1973, 562, 567-568; Johannes Paul II., Ansprache vom 26. 4. 1981, 1, 1045.

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II. DER GROSSE VATER DES KONZILS

Papst Paul VI. und Johannes Paul II. bezeichnen Johannes XXIII. als den „ersten Konzilsvater“. Ja, Johannes XXIII. ist „der große Vater des Zweiten Vatikanischen Konzils.“8

Denn Johannes XXIII. ist der geistige Vater des Konzils, insofern er es plante und ins Leben rief. Das Ökumenische Zweite Vatikanische Konzil ist das zentrale und größte Werk seines Pontifikats, ja der Kirche im 20. Jahrhundert. Der Papst beobachtete den göttlichen Quadranten und die „Zeichen der Zeit“ (Mt 16,3) und stellte fest, daß bereits alles für die Ein­berufung des neuen Konzils reif war.

1. Der erste Vater des Konzils

Das Sterben des Sohnes Gottes und des Sohnes Mariens auf dem Kalva­rienberg, das „schmerzhaft und erniedrigend war, war jedoch zugleich ein glorreicher Kampf. Der Tod und das Leben kämpften miteinander in ei­nem großen Kampf: der Urheber des Lebens, der stets neues Leben schenkt und herrscht, siegte.

Dieser Kampf auf Erden dauert noch an. Wir alle erleben ihn und haben daran teil. – Auf der einen Seite steht Christus in großer Erhabenheit und Brüderlichkeit, (und mit ihm) seine Anhänger und Jünger in der Kirche. Und zusammen mit der gesegneten Kirche stehen die gute Lehre, Wahr­heit, Gerechtigkeit und Frieden. – Auf der anderen Seite wütet der Geist des Antichristen mit großem Erfolg: Irrtum, ein falsches Verständnis vom inneren (einzelnen) und vom gesellschaftlichen Leben, Anmaßung und auch körperliche Gewalt, unheilvolle und zerstörerische Unordnung.“9

„Der Grund und fast die Wurzel allen Übels, das wie ein Gift die ein­zelnen, die Völker und Nationen verseucht und die Geister verwirrt, ist die Unkenntnis der Wahrheit: sogar nicht nur Unkenntnis, sondern oft auch die Verachtung der Wahrheit und Widerwille ihr gegenüber. So kön­nen Irrtümer aller Art in die Seelen und in die sozialen Strukturen ein­dringen, um alles in den großen Untergang der einzelnen und des mensch-

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8 Johannes Paul II., Ansprache vom 18. 2. 1988, 2, 472.

9 Johannes XXIII., Ansprache vom 7.4. 1960, in: Discorsi II, 298.

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lichen Zusammenlebens hineinzureißen.10

Eine immer größere Zahl von Christen verließ im Säkularisierungspro­zeß des 20. Jahrhunderts den Weg, der zum Kalvarienberg hinaufführt, und fiel mit ihrem Herzen zur modernen Welt ab, die im Gegensatz steht zum Kreuz Christi. Die Welt ist eingetaucht in eine Nacht der Unwissen­heit der Wahrheit, und manchmal verachtet sie, was wahr ist. Diese Nacht ist die Ursache aller Irrtümer und Lügen, die die einzelnen, die Völker und die Nationen vergiften. In dieser Nacht haben die Menschen die ewigen Güter vergessen und suchen fast ausschließlich nach den irdischen Gütern und Vergnügungen. So hat sich ein Anti-Dekalog gebildet und immer mehr verbreitet, dessen Folge die Bruderkriege sind. Diese Nacht ist der Grund für eine besorgniserregende Erscheinung: die des militanten Athe­ismus, der auf Weltebene wirkt.

Bei der Kreuzigung des Gottmenschen in der Kirche umhüllen die mo­derne Welt viele Dunkelheiten. Mitten in diesen Dunkelheiten gibt es je­doch nicht wenige Anzeichen, die auf einen guten Ausgang in Kirche und Welt hoffen lassen. Indem die Kirche intensiver das Ostergeheimnis lebt, hat sie sich größtenteils verwandelt und erneuert, so daß sie für alle Prü­fungen gewappnet ist.

Die blutigen Kriege, der geistige Verfall, den viele Ideologien verursacht haben, und die bitteren Früchte vieler negativer Erfahrungen in dieser Welt sind nicht ohne nützliche Lehren geblieben. Die Menschen, die zum Nachdenken genötigt wurden, haben die Bedeutung der geistigen Werte erkannt. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt beschleunigte die Entwicklung einer engeren Zusammenarbeit und gegenseitiger Wie­derherstellung der Einheit unter den einzelnen, Klassen und Nationen. Neue Bedingungen des modernen Lebens haben jene unzähligen Hinder­nisse aus dem Weg geräumt, mit denen einst die Kinder dieser Zeit das freie Wirken der Kirche behinderten.

„Während sich die Menschheit in einem Umbruch zu einer neuen Zeit­epoche befindet, hat die Kirche riesige Aufgaben zu bewältigen, wie in

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10 Ders., Ad Petri cathedram (1959), in: Encicliche 11,1510; vgl. ders., Ansprache vom 11. 10. 1962, in: Discorsi IV, 579-580; ders., Ansprache vom 14. 11. 1960, in: Discorsi 18f; ders., Apostolische Konstitution Humane salutis, 25. 12. 1961, in: Discorsi IV, 867f; ders., Ansprache vom 25. 1. 1959, in: Discorsi I, 132: Denn die Irrtümer „führten immer im Laufe der Geschichte des Christentums zu fatalen und unheilvollen Spaltungen, zu geistigem und moralischem Verfall, zum Untergang von Nationen“; ders., Ansprache vom 4. 4. 1960, in: Discorsi II, 636: Der „Fürst dieser Welt“ ist „immer am Wirken, um Gott abzulehnen, das Nichtbestehen des Geistigen zu verkünden, alles auf die niedere Materie zu reduzieren, die Menschen, die eine unsterbliche Seele besitzen, auf die Ebene der Tiere zu degradieren.“

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den schwierigsten und ernstesten Zeiten ihrer Geschichte.“11

„Es nützt nichts, wenn wir jammern und klagen. Wir müssen aufbauen, weitermachen und die Fundamente für eine neue, bessere, gerechtere und hochherzigere Zeit legen.“12

„Das neue Zeitalter wird mit dem Ökumenischen Konzil anbrechen.“13

In dieser geschichtlichen Periode des Niedergangs der Neuzeit führt die göttliche Vorsehung die Kirche zu einer neuen Ordnung der menschlichen Beziehungen. Diese Beziehungen streben durch das Wirken der Menschen auf die Erfüllung der unerwarteten Pläne der Vorsehung hin und über­steigen meistens ihre Erwartungen. Die göttliche Vorsehung fügt alles, auch den Widerstand der Menschen, zum größeren Wohl der Kirche. Die Kirche Christi, die voller Lebenskraft ist, darf gegenüber einer Welt, die so sehr unter geistiger Armut leidet, nicht schweigen und untätig sein.

Während die Neuzeit unterging, war Johannes XXIII. – mit der Sonne des Evangeliums bekleidet und die Schlüssel des Himmelreiches in der Hand – bereit, mit dem Konzil die Tür zu einem neuen Tag (zu einem neuen Zeitalter) der Geschichte der Kirche und der Welt aufzustoßen.

„Das Konzil ist Werk des Papstes und des Episkopats, das in enger Ver­bindung mit ihm steht, wobei es sich die Beiträge von kompetenten und erfahrenen Fachleuten auf jedem Gebiet der Lehre und der Disziplin zu­nutze gemacht hat.“14

Der Herr ließ dem Papst beim demütigen Gebet in der schlichten Ein­fachheit seines Herzens den Gedanken an ein neues Ökumenisches Konzil heranreifen. Die Eingebung von oben war deutlich und klar. Johannes XXIII. kündigte am 25. Januar 1959 in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern in Rom das Konzil an. Mit der apostolischen Konstitution „Hu­manae salutis“ (25. September 1961) berief er das Konzil für das Jahr 1962 ein.

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11 Johannes XXIII., Humanae salutis, in: Discorsi IV, 868.

12 Ders., Ansprache vom 4. 12. 1960, in: Discorsi III, 58.

13 Ders., Ansprache vom 5. 1. 1962, in: Discorsi IV, 138; vgl. Paul VI., Ansprache vom 28. 6. 1967, 347; Johannes Paul II., Ansprache vom 3. 6. 1993: „ Johannes XXIII. eröffnete den Horizont für die großen Herausforderungen der gegenwärtigen Zeit“; ders., Ansprache vom 26. 4. 1981, 1, 1045: Papst Johannes XXIII. leitete „in nicht einmal fünf Jahren seines Hirtendienstes auf dem Stuhl Petri gleichsam eine neue Epoche in der Kirche ein.“

14 Johannes XXIII., Ansprache vom 30. 4. 1961, in: Discorsi III, 254.

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Niemals in der Geschichte kam es vor, daß ein Ökumenisches Konzil eine solch genaue und hochstehende Vorbereitung besaß und so viele zustimmende Begeisterung hervorrief. Die Vorbereitung dauerte 39 Mona­te. In der ersten Phase holte sich die Vorbereitungskommission den Rat des ganzen katholischen Episkopats, der Ordensoberen und der Dekane der Universitäten und Fakultäten ein. In der zweiten Phase bearbeiteten zehn Unterkommissionen der zentralen Vorbereitungskommission, welcher der Papst vorstand, diese Beiträge. Sie sind gesammelt in den „Acta et documen­ta Concilio Oecumenico Vaticano II apparando. Series prima antepraeparatoria“, Vatikanstadt 1960-1961. Von den Arbeiten in der zweiten Phase sind bis­her nur die Akten der zentralen Vorbereitungskommission erschienen: Acta et documenta Concilio Oecumenico Vaticano II apparando. Series II praepara­toria, Vatikanstadt 1965-1989.

Papst Johannes XXIII. eröffnete am 11. Oktober 1962 in Rom feierlich das 21. Ökumenische Konzil. An diesem Tag feierte die Kirche das Fest der Gottesmutterschaft Mariens. Der Papst leitete die erste Session des Kon­zils. Ein halbes Jahr nach Ende der ersten Session starb Johannes XXIII. am 3. Juni 1963.

2. Der erste Prophet des Konzils

„Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Jo­hannes.“ (Joh 1,6). In der Zeit des neuen Advents war Papst Johannes XXIII. ein Vorläufer des Herrn. Er wollte mit dem Konzil seinem erneuten Kommen an seinem großen Tag den Weg ebnen und ihm ein vollkomme­nes Volk bereiten. Johannes XXIII. – der erste Prophet des Konzils – ist auch sein erster universeller Lehrer.

„Die heilige Kirche, die Christus als Stadt des Herrn gegründet hat, er­hebt sich friedlich zwischen den verschiedenen »Türmen« der Menschen, die größtenteils das begehren, was nicht zur Ehre Gottes gereicht.“15

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15 Johannes XXIII., Ansprache vom 20. 6. 1962, in: Discorsi IV, 387; vgl., ders., Ansprache vom 24. 9. 1961, in: Discorsi III, 436; ders., Ansprache vom 14. 11. 1960, in: Discorsi III, 18; ders., Ansprache vom 23. 12. 1958, in: Discorsi I, 105: „Die Heilige Schrift erzählt uns von einem Turm zu Babel, der in den ersten Jahrhunderten der Geschichte in der Ebene von Senaar errichtet wurde und dessen Bau in der Verwirrung endete. In manchen Gegenden ist man heute daran, weitere Türme dieser Art zu bauen. Sicher werden sie so enden wie der erste. Doch die Täuschung ist groß für viele, und der Zusammenbruch droht. Nur die Einheit und die Geschlossenheit in der Stärkung des Apostolats der Wahrheit und der wahren menschlichen und christlichen Brüderlichkeit werden die schweren drohenden Gefahren aufhalten können.“

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Die Kirche Christi ist das himmlische und irdische, das übernatürliche und natürliche Jerusalem. Die Kirche ist in ihrem innersten Kern das Jeru­salem auf dem Gipfel der oberen Hemisphäre der Erde der Menschheit. Im Verlauf der Jahrhunderte haben sich verschiedene christliche Gemein­schaften von der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche getrennt. Sie haben sich innerlich vom Jerusalem auf dem Gipfel der obe­ren Hemisphäre entfernt und getrennt. Und äußerlich haben sie sich aus der sichtbaren Struktur der Katholischen Kirche gelöst. Die getrennten christlichen Gemeinschaften haben die apostolische Überlieferung nicht unversehrt bewahrt. Im Verlauf der Jahrhunderte haben sie verschiedene Elemente verloren und auch mehr oder weniger uneinheitliche Elemente miteinander vermischt.

In der Neuzeit hat sich das Gefüge der Welt tiefgreifend verändert. Die zur Welt abgefallenen Christen haben zur Errichtung der neuen Türme von Babel beigetragen. Die modernen „Architekten“ haben die Pläne von diesen Türmen auf der Grundlage der einseitigen und widersprüchlichen Weltanschauungen entworfen. Im 20. Jahrhundert sind ihre großen „ar­chitektonischen“ Irrtümer und Fehler noch deutlicher geworden. Der Einsturz der Türme droht seine Einwohner unter den Trümmern zu be­graben.

„Im Altertum und auch später wurden die Konzilien einberufen, um einen oder mehrere Punkte der katholischen Lehre zu klären, die in Frage gestellt oder falsch ausgelegt wurden. Auch in neuerer Zeit mußte das Konzil von Trient zum Beispiel eine sehr schmerzliche und traurige Situa­tion bewältigen. Bekanntermaßen gab es auf dem Ersten Vatikanischen Konzil vor der Definition Meinungsverschiedenheiten über die päpstliche Unfehlbarkeit.“16

Ein Konzil ist „ökumenisch“, weil sich die Bischöfe des ganzen Erd­kreises versammeln. Nicht alle Bischöfe müssen aber persönlich am Ta­gungsort anwesend sein. Es genügt, wenn die Zahl der anwesenden Bi­schöfe den ganzen Episkopat vertritt und so in einem gewissen Sinn die Gläubigen der Gesamtkirche. Die Bischöfe behandeln unter dem Vorsitz des Papstes die für das Leben der Kirche wichtigen Fragen und treffen Entscheidungen in dieser Hinsicht. Die zwanzig „Ökumenischen Konzi­lien“ setzten sich mit Irrlehren oder disziplinären Abweichungen ausein­ander, die den einen oder anderen Punkt (oder mehrere Punkte) der

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16 Ders., Ansprache vom 2. 12. 1962, in: Discorsi III, 504.

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christlichen Lehre oder der kirchlichen Disziplin (manchmal auch der christlichen öffentlichen Ordnung) aushöhlten.

Die Ökumenischen Konzilien sind sozusagen das Rückgrat der Kirchen­geschichte. Die Konzilien des Altertums (1.-8. Konzil) fanden im Osten statt, die mittelalterlichen Konzilien (9.-18.) und die Konzilien der Neuzeit (16. Konzil: das Konzil von Trient, 19. Konzil: das erste Vatikanische Kon­zil) im Westen. Die ersten vier Konzilien haben die Fundamente des Glau­bens der frühen Kirche gefestigt. Die allgemeinen Konzilien im Mittelalter beschäftigten sich mit der christlichen Gesellschaftsordnung des Westens und weniger mit Lehrfragen. Das Konzil von Trient hat die von den prote­stantischen Reformatoren bestrittenen Punkte des Glaubens und der kirch­lichen Disziplin bestätigt. Das Erste Vatikanische Konzil hat die Beziehung zwischen Glauben und Vernunft behandelt und versuchte, die Lehre über die Kirche darzulegen. Das Konzil wurde aber abgebrochen und blieb unbeendet.

„Im Vergleich zu den vorhergehenden Konzilien ist die Situation heute anders. Hier steht der Geist, durchdrungen gleichsam von einer überna­türlichen Freude, vor einer wahren Epiphanie, vor einer Offenbarung, die sich nicht auf dieses oder jenes Thema beschränkt, sondern alles betrifft. Sie betrifft jede segensreiche Gegebenheit des Christentums: die Lehre unseres Herrn, die des Petrus, die der Apostel und der Väter, also die ganze katholische Lehre mit ihren Siegen über die Irrtümer im Laufe von zweitausend Jahren. Sie ist mit dem Frieden Christi versehen, der in den Kämpfen, die oft gegen Christus entbrennen, triumphiert. Es handelt sich um eine glühende und spürbare Erneuerung der Seelen, welche bei der persönlichen Heiligung beginnt, um die Kirche dann in ihrem dauerhaf­ten, makellosen und unwandelbaren Glanz der Welt von heute ganz dar­zubieten.“17

„Wie bekannt und mehrmals angekündigt hat jedoch das Konzil als civitas in monte (Stadt auf dem Berg) eine ganz eigene Umschreibung, inso­fern es sich zunächst ausschließlich mit dem beschäftigt, was unsere Mut­ter, die Katholische Kirche, und ihre gegenwärtige innere Organisation betrifft.“18

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17 Ders., Ansprache vom 2. 12. 1960, in: Discorsi III, 504.

18 Ders., Ansprache vom 14.11. 1960, in: Discorsi III, 21; vgl. ders., Ansprache vom 11. 10. 1962, in: Discorsi IV, 583f; ders., Ansprache vom 28. 6. 1961, in: Discorsi III, 574; ders., Ansprache vom 3. 4. 1959, in: Discorsi I, 761; ders., Ansprache vom 27. 1. 1963, in: Discorsi V, 98; Ders., Predigt vom 10. 6. 1962, in: Discorsi IV, 344-345: „Das Zweite Vatikanische Konzil stellt sich den Katholiken und der ganzen Menschheit mit der Festigkeit des apostolischen

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Das Zweite Vatikanische Konzil wird eine Epiphanie und eine Neuheit darstellen, insofern es die christliche Lehre in ihrer Gesamtheit behandelt und einen Prozeß einleitet, der die Gesamtkirche in allen ihren Gliedern erfaßt. Das Konzil wird der Ausgangspunkt für eine große und umfassen­de Erneuerung der Lehre und der Pastoral der Katholischen Kirche sein. Äußerlich wird es im Petersdom in Rom stattfinden, innerlich jedoch hauptsächlich im Jerusalem auf dem Gipfel der oberen Hemisphäre der Welt der Menschheit. Das Konzil wird zugleich himmlisch und irdisch, übernatürlich und natürlich sein. Es wird der Ausgangspunkt einer himm­lischen und irdischen, einer übernatürlichen und natürlichen Erneuerung der Kirche sein.

Die Kirche ist kein archäologisches Museum. Das Konzil wird nicht die Absicht haben, die katholische Lehre der Patristik und der Scholastik ma­teriell zu wiederholen. Es geht vielmehr einen Schritt weiter: es stellt das Jerusalem in seinem patristischen und scholastischen Lehrgebäude durch eine tiefere und umfassendere Form neu dar. Das Konzil wird die Ent­wicklung der Welt und der menschlichen Kultur in der Neuzeit berück­sichtigen. Es wird das ganze menschliche Denken, das ganze Wissen des modernen Menschen in eine neue Form der Lehre (in eine neue Gesamt­sicht) integrieren. Das Konzil wird in dieser Weise auch die katholische Anschauung der Welt auf einen neuen Stand bringen.

In lückenloser Fortsetzung mit der heiligen Überlieferung wird das Konzil das neue Jerusalem kirchlicher Lehre erbauen: ein himmlisches und irdisches, ein übernatürliches und natürliches Jerusalem. Ein Jerusa­lem, das aus dem „Buchstaben“ (dem Leib) und dem „Geist“ (der Seele) besteht. Der „Geist“ ist vor allem das mystische Jerusalem auf dem Berg. Der „Geist“ des großen Lehrgebäudes des Konzils — so kann man auch sagen — ist vor allem der mystische Turm (der „Wolkenkratzer“) in der Stadt, die auf dem Gipfel der oberen Hemisphäre der menschlichen Welt liegt.

„Die Erfahrung der ersten beiden Monate des Zweiten Vatikanischen Konzils hat uns alle in die Lage versetzt, mit der Hilfe Gottes den Verfah­rensweisen in der großen Versammlung Klarheit und Unbefangenheit zu

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Glaubens und der Erleuchtung der kirchlichen Lehre durch eine fast allgemeine Erfahrung dar aus einer Gesamtsicht, die die Seele der modernen Zeit besser anspricht. Dieses Zeugnis wird sich auf die Lehre Christi beziehen, wie die Kirche sie in ihrer Überlieferung (…) in allen Konzilien dargelegt hat“; vgl. ders., Ansprache vom 17. 2. 1962, in: Discorsi IV, 648: Das Konzil soll die Universalität des Glaubens und der Kirche neu und vollkommen bestätigen.

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verleihen.

In dieser schöpferischen und ruhigen Phase, da wir unser Schaffen auf der Linie fortsetzen, die der Herr uns mit der Einberufung des Konzils eingegeben hat, steht uns nun die nicht leichte Arbeit bevor: Eine allgemei­ne und eifrige Erneuerung im Leben der Kirche und in der ganzen Welt, eine neue und kräftige Ausstrahlung des Evangeliums, das die heilige Kirche verbreitet und bekannt macht und dessen Lehren sie erklärt.

Dieser erneuerte pastorale Einsatz ist die ständige Sorge unseres Her­zens: und das ist das Ziel des Ökumenischen Konzils, damit unsere Zeitge­nossen das Wirken der Mutter Kirche für die geistige und auch materielle Erhöhung der ganzen Menschheit immer mehr erfahren.“19

Johannes XXIII. betonte, daß das pastorale Ziel des Konzils ein aggior­namento (Erneuerung) des Lebens der Hirten und der Gläubigen nach dem Evangelium sei, das so tief wie nie zuvor gehen sollte. Die Konzilsväter waren zunächst alle aufgerufen, sich durch ein eifrigeres Leben nach dem Evangelium in Jerusalem auf dem Berg geistig zu versammeln.

Dank der vom Konzil geförderten Erneuerung nach dem Evangelium wird sich die Kirche von einem unnützen Überbau befreien. Die gereinigte Kirche wird in ihrer unaussprechlichen Schönheit leuchten, „ohne Flecken, Falten und andere Fehler“ (Eph 5,27). Sie wird das Evangelium Chri-sti wie nie zuvor ausstrahlen.

3. Ein neuer großer Aufstieg

„Wir nähern uns immer mehr dem Ökumenischen Zweiten Vatikani­schen Konzil. Alle wissen, daß das hauptsächliche Ziel dieses Ereignisses ein größeres und umfangreicheres Blühen der Heiligkeit im Klerus und im christlichen Volk sein will.“20

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19 Ders., Ansprache vom 23. 12. 1962, Discorsi V, 54-55; ders., Ansprache vom 11. 10. 1962, in: Discorsi IV, 592: „Wir wollen auch weiterhin in Liebe verbunden sein; und in der Begegnung wollen wir das aufgreifen, was eint, und das beiseite lassen, was uns Schwierigkeiten bereiten könnte“; „Aufgreifen und fördern, was wirklich eint“ war ein wichtiges Prinzip von Johannes XXIII.

20 Ders., Ansprache vom 3. 12 1961, in: Discorsi IV, 630; vgl ders., Ansprache vom 11. 10. 1962, in: Discorsi IV, 587f; ders., Ansprache vom 16. 7. 1960, in: Discorsi II, 678: „Wir denken an das, was das Ökumenische Konzil sein wird: an den außerordentliche Zulauf von Menschen, an die Bereitschaft, mit der sie bereits der höheren Einladung gefolgt sind. Dies läßt hoffen, daß, wenn der Beginn der anderen Bewegung angegeben wird, der inneren, des größeren Eifers für das Reich Gottes und für die Heiligung der Seelen, die Antwort ebenso beein­druckend sein wird, und zwar mit den besten Ergebnissen für die heilige Kirche.“
Ders., Ansprache vom 16. 9. 1962, in: Discorsi IV, 530: „Die Kirche wird bald der Welt ein bedeutsames Papier (die Konzilsdokumente) geben, das die göttliche Vorsehung für die Gegenwart bereit stellen wird, ein Papier, das seine Früchte den folgenden Jahrhunderten weitergeben wird.“

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Das beginnende Konzil bricht in der Kirche wie der Tag eines aufgehen­den strahlenden Lichtes an. Mit der großen Erneuerung gemäß dem Evan­gelium eröffnet das Konzil den Weg zur vollkommenen Vereinigung der ganzen christlichen Familie, die sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahr­tausende gespalten hat. Und gleichsam bereitet es den Weg zur Einheit des Menschengeschlechtes vor und festigt ihn. Diese Einheit kann sich nur in der vollkommenen Einheit der Gesamtkirche verwirklichen.

Vom Heiligen Geist geführt, stieg Johannes XXIII. mit glühendem Eifer den heiligen Berg des Herrn hinauf. Er schritt an der Spitze des christli­chen Volkes und bahnte prophetisch einen neuen Weg für die Kirche und für die ganze Menschheit. Und mit dem teleskopischen Blick des Glaubens überschaute er prophetisch die Jahrhunderte des dritten Jahrtausends. Er sah, wie sich das Konzil mit einem großen Aufstieg des christlichen Volkes auf den heiligen Berg des Herrn verwirklicht haben wird durch ein größe­res und umfangreicheres Blühen der Heiligkeit in allen Ständen des christ­lichen Volkes, vor allem des Klerus. Also wird das Volk aus ganzem Her­zen zuerst und immer mehr das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit su­chen (vgl. Mt 6,33). Deshalb wird das Volk auch in großem Umfang die rechte Ordnung in allen anderen Bereichen seines Lebens verwirklichen können.

Kraft der neuen Ausgießung des Heiligen Geistes (eines neuen Pfing­sten), durch den Jesus, die Sonne, strahlend schön herabsteigen wird (ein neuer Advent, ein neues Weihnachten, eine neue Epiphanie), wird sich der neue, wunderbare Aufstieg des christlichen Volkes auf den Berg des Herrn verwirklichen. Während des Aufstiegs wird es in immer höherem Maße Jesus ähnlich, dem Gekreuzigten und Auferstandenen (ein neues Ostern). Die Kirche wird wie niemals zuvor Jesus Christus anziehen und auf ganz wunderbare Weise alle Heilsgeheimnisse seines Lebens leben.

III. EIN ZWEITES APOSTOLISCHES ZÖNAKEL

1. Der erste Stern des Konzils

„An der Seite Jesu befindet sich seine Mutter, die Königin aller Heiligen, die Urheberin der Heiligkeit in der Kirche Gottes und seine erste Blume der Gnade. In den ewigen Plänen des Höchsten ganz innig mit der Erlösung verbunden, ist Maria, wie Severianos von Gabala gesungen hat, »die Mutter des Heil s, die Quelle des sichtbar gewordenen Lichtes« (De mundi creatione, Orat. VI: PG 56, 498).“21

„0 makellose Jungfrau, leuchtendes Bild der Unschuld und Reinheit. Mit deinem Erscheinen vertreibst du die Finsternis der Nacht, die uns bedrängt, und erhebst uns zum Glanz des Himmels. Schau gnädig herab auf deine ergebenen Kinder, die zu dir kommen. Morgenstern, bereite Du unsere Gedanken vor auf die Ankunft der Sonne der Gerechtigkeit, die Du der Welt schenkst.“22

„0 Maria, – o Maria, Mutter Jesu und unsere Mutter! Wir sind diesen Morgen hier (im Heiligtum von Loreto) versammelt, um Euch als ersten Stern des Konzils, das bald beginnen soll, anzurufen. Wir rufen Euch an als das leuchtende Licht auf unserem Weg, der sich vertrauensvoll auf die große allgemein erwartete ökumenische Versammlung nun hinzube­wegt.“ 23

Johannes XXIII. lebte nach dem Wahlspruch: Durch Maria zu Jesus. Wie ein kleines Kind vertraute er der himmlischen Mutter und ließ sich von ihr an der Hand führen. Der Papst erklärte die Gottesmutter zur Patronin des Zweiten Vatikanischen Konzils und übergab es ihrem mütterlichen Schutz. Er legte das Datum der feierlichen Eröffnung des Konzils fest: der 11. Ok­tober 1962. Damit erinnerte der Papst an das Ökumenische Konzil von Ephesus (431), welches das Dogma von der Gottesmutterschaft Mariens verkündete. Der Papst wollte, daß das Konzil an dem Tag begann, an dem die Kirche das Fest der Gottesmutterschaft der Allerseligsten Jungfrau Maria feierte.

Am Vorabend des Zweiten Vatikanischen Konzils bezeichnete der Papst im Marienheiligtum von Loreto die jungfräuliche Mutter als „den ersten Stern des Konzils.“ Im Namen des gesamten Episkopates bat er die himm­lische Mutter um die Gnade, daß alle Bischöfe in die Konzilsaula des Pe­tersdomes so eintreten wie einst die Apostel und die ersten Jünger in das Zönakel: eines Herzens und erfüllt von der reinen Liebe zu Christus und zu den Seelen. Der Papst erflehte für das Konzil das Licht des makellosen

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21 Ders., Ansprache vom 9. 12. 1962, in: Discorsi V, 36.

22 Ders., Ansprache vom 7. 12. 1959, in: Discorsi 11, 55.

23 Ders., Ansprache vom 4. 10. 1962 in: Discorsi IV, 561; vgl. ders., Ansprache vom 12. 10. 1961, in: Discorsi III, 459­460; ders., Ansprache vom 11. 10. 1962, in: Discorsi IV, 590; ders., Ansprache vom 11.3. 1962, in: Discorsi IV, 665: „Sie, die Mutter, weist und bereitet uns den sicheren Weg auf der irdischen Pilgerschaft.“

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Morgensterns. Denn dieser bereitete mütterlich den Aufgang der Sonne der Gerechtigkeit vor und damit auch die Erneuerung der Kirche. Das Konzil kann nur dann in einen neuen Tag der Sonne der Gerechtigkeit (in einen neuen Frühling, Sommer, in ein neues Zeitalter) eintreten, wenn es dem aufgehenden Morgenstern folgt (der anbrechenden Morgenröte).

Die heilige Kirche bereitete sich auf „das Ökumenische Konzil vor. Das Konzil soll zu einem neuen Pfingsten des Glaubens, des Apostolates und besonderer Gnaden führen, die dem Wohl der Menschen und dem Frieden in der ganzen Welt dienen sollen. Maria, die Mutter Jesu, immer unsere milde Mutter, war mit den Aposteln im Zönakel von Pfingsten versam­melt. Bleiben wir in diesem Jahr immer mehr in ihrer Nähe, besonders beim Rosenkranzgebet. Unsere Gebete erneuern in Vereinigung mit ihrem Gebet das alte Wunder. Und es wird in der modernen Zeit sein wie der Anbruch eines neuen Tages, wie ein sehr lebendiges Morgenrot der heili­gen und immer heiligeren, – der katholischen und immer katholischeren Katholischen Kirche.“24

„Der Geist Gottes würdige sich, in trostreicher Weise das (folgende) Gebet zu erhören, das alle Tage und von jedem Ort der Erde zu ihm em­porsteigt: »Erneuere auch in unserer Zeit die Wunder wie bei einem neuen Pfingsten. Gib, daß die heilige Kirche – versammelt in einmütigem und inständigem Gebet um Maria, der Mutter Jesu, und geleitet von Petrus ­das Reich des göttlichen Retters verbreitet, das Reich der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Amen.«“25

Nach der Himmelfahrt Jesu Christi „verharrten sie (die Apostel) alle dort einmütig im Gebet, zusammen mit Maria, der Mutter Jesu und mit

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24 Ders., Apostolisches Schreiben an die Bischöfe, den Klerus und die Gläubigen, 29. 6. 1961, in: Discorsi III, 770-771.

25 Ders., Humanae salutis, in: EnV 1,[17]; vgl. ders., Ansprache vom 12. 12. 1960, in: Discorsi I, 510; ders., An­sprache vom 27. 4. 1959, in: Discorsi I, 287f; ders., Ansprache vom 9. 9. 1962, in: Discorsi IV, 724: „Alles führt uns zu Maria. Sie ist vor allem die Janua Caeli (die Pforte des Himmels) und auch wirklich der Weg, um die Aus­gießung der Gnade und die Gabe von außerordentlichen Gnaden zu erlangen“; ders., Ansprache vom 13. 2. 1962, in: Discorsi IV, 275: „In der engen Vereinigung der Kinder mit der Mutter ruht die Sicherheit für neue Errungen­schaften, sie ist das Unterpfand eines frohen Frühlings, der weder Müdigkeit noch Auf und Ab kennt; sie ist das Siegel einer neuen Zeit, der Zeit des Ökumenischen Konzils.“
Ders., Ansprache vom 4. 5. 1963, in: Discorsi V, 238: „0 wunderbarer Rosenkranz! Die einzelnen Geheimnisse betend, ersteht das ganze Evangelium, die wunderbare Geschichte des erlösten und geretteten Menschen­geschlechtes, zu neuem Leben“; Johannes XXIII. ermahnte oft alle, für das Konzil den Rosenkranz zu beten; ders., Ansprache 14. 10. 1962, in: Discorsi IV, 759-760: „Auf der ganzen Welt wurde für das Konzil viel gebetet; auch weiterhin fleht man um das Licht des Heiligen Geistes und empfiehlt jedes Tun, jeden Wunsch und jeden Vorsatz der mütterlichen Fürsprache Mariens. Wo das Zönakel ist, dort ist Maria“; ders., Ansprache vom 25. 12. 1961, in: Discorsi IV, 214: „Im Gebet der Kirche ist die Seele des Konzils.“

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seinen Brüdern“ (Apg 1,14). Im Abendmahlssaal auf dem Berg Zion in Jerusalem war die Mutter Jesu und die Braut des Heiligen Geistes der aufgehende Morgenstern (die aufsteigende Morgenröte). Durch ihre mäch­tige Fürsprache hat sie den Wert des Gebetes der ersten Gemeinde der Jünger Jesu unermeßlich gesteigert.Vor allem hat sie die erwartete An­kunft Christi, der Sonne, in der Kraft des Heiligen Geistes erfleht: nämlich den wundervollen Tag von Pfingsten, den Geburtstag der Kirche. Durch den Morgenstern hat Christus, die Sonne, in der Kraft des Heiligen Geistes sich der Urgemeinde im Abendmahlssaal mitgeteilt. Im Zönakel auf dem Berg Zion ist die Gottesmutter wie ein Stern als Mutter der Kirche, ja, des strahlenden Tages (Zeitalters) der Kirche, aufgegangen.

Nach Johannes XXIII. wird das Ökumenische Konzil auf dem Vatika­nischen Hügel zu Rom die Aufgabe haben, in einer gewissen Weise die wunderbare Wirklichkeit des Zönakels von Jerusalem nachzuahmen. Die ganze Kirche wird aufgerufen sein, sich in inständigem Gebet, vor allem im inständigen Rosenkranzgebet, um den ersten Stern des Konzils zu ver­sammeln – um den Stern und die Mutter des Konzils. Die Mutter Jesu und die Braut des Heiligen Geistes wird das armselige Gebet der Bischöfe, des Klerus und der Gläubigen unermeßlich wertvoll machen. Vor allem wird sie ein neues Pfingsten erflehen.

„Die Kirche kann (…) von dieser Vatikanischen Basilika aus, gleichsam wie von einem zweiten apostolischen Zönakel durch euch (die Konzils­väter) ihre Stimme erheben.“26

Papst Johannes XXIII. war sich bewußt, daß sich das Konzil nur in der Atmosphäre des Zönakels in ein neues Pfingsten verwandeln konnte. Ebenso war er sich bewußt, daß die Verwirklichung des Konzils in der Kirche nur in dieser Atmosphäre die Früchte eines neuen Pfingsten her­vorbringen konnte.

Die Ökumenische Versammlung überwand verschiedene Schwierig­keiten und Hindernisse und trat so in die Atmosphäre des Zönakels ein. Sie versammelte sich einmütig im Gebet um den Morgenstern und ver­einigte sich inniger mit dem Nachfolger Petri. Insbesondere der Rosen­kranz war das universelle Bittgebet des Nachfolgers Petri, der Nachfolger

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26 Ders., Ansprache vom 11. 10. 1962, in: Discorsi IV, 583; vgl. ders., Ansprache vom 1.5. 1963, in: Discorsi V, 232; ders., Ansprache vom 8. 12. 1962, in: Discorsi IV, 252. Zu Beginn des Konzils richteten die Bischöfe eine Botschaft an die ganze Welt. In der Einleitung bekennen die Bischöfe, daß sie „auf den Ruf des Heiligen Vaters Johannes XXIII. hin als Nachfolger der Apostel sich einträchtig versammelt haben im Gebet mit Maria, der Mutter Jesu“ (Botschaft vom 20. 10. 19962, in: EnV 1, [54]).

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der Apostel und der unermeßlichen Gemeinschaft der Katholiken, die sich überall auf der Erde zum gemeinsamen Gebet trafen.

2. Die eucharistische Erneuerung

„Die glühende und ununterbrochene Marienverehrung der Kirche be­ginnt auf dem Kalvarienberg mit dem Akt der Barmherzigkeit des Erlö­sers, der Johannes Maria und Maria dem Apostel, der uns alle vertritt, anvertraut. Nichts ist für die gesamte Menschheit im Laufe der Zeiten und Epochen so erhaben und geheimnisvoll, aber auch so segensreich gewe­sen.

Ist dies doch eine staunenswerte und erhabene Harmonie: die Ehre, die Maria erwiesen wird, führt ganz natürlich zur Anbetung des göttlichen Sohnes.“27

Vom Kreuz herab weihte der Erlöser auf dem Kalvarienberg Johannes zum Sohn Mariens, und schenkte dem Johannes Maria als Mutter. Das ist das Vermächtnis des Herrn und zugleich das Siegel. Es ist die erhabene Offenbarung des Lebens der heiligen Kirche.

Im Abendmahlssaal auf dem Berg Zion setzte Jesus das über alles erha­bene Sakrament der heiligen Eucharistie ein. Dieses Sakrament macht auf geheimnisvolle Weise sein Kreuzesopfer gegenwärtig und wirksam. Mit dem Kreuzesopfer aktualisiert Jesus in höchster Weise auch sein Testa­ment: er vertraut (weiht) Maria die Kirche als Tochter an und gibt damit der Kirche Maria zur Mutter.

In der Kirche gibt es nichts Größeres als die heiligste Eucharistie. Die Verehrung Jesu in der Eucharistie ist der Höhepunkt der Frömmigkeit der Kirche. In der eucharistischen Vereinigung mit Jesus und in der Anbetung Jesu in der Eucharistie verwirklicht sich auch die innigste Vereinigung der Kirche mit ihrer himmlischen Mutter. Das Vermächtnis Jesu wird in höch­ster Weise gegenwärtig. Dies ist die größte Wohltat für die Kirche, weil sie damit die höchsten Gipfel der Heiligkeit und des Glanzes erreicht. Dies ist aber auch die größte Wohltat für die Menschheit, damit die Früchte des Kreuzesopfers Christi sich so in überreichem Maße über sie ergießt.

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27 Ders., Ansprache vom 31. 1. 1960, in: Discorsi II, 658-659; vgl. ders., Ansprache vom 8. 9. 1960, in: Discorsi II, 549­550; ders., Ansprache vom 20. 11. 1962, in: Discorsi V,305; ders., Ansprache vom 21.2.1959, in: Discorsi 1,609; ders., Ansprache vom 15.2.1959, in: Discorsi I, 146-147: „Die Anbetung Jesu des Retters steht immer im Mittelpunkt jeder Form der Verehrung seiner gebenedeiten Mutter. Durch Maria gelangt man zu Jesus. Und im Licht des Nachfolgers Petri, Stellvertreter Christi auf Erden genannt, schöpft die Marienverehrung Inspiration und Größe.“

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In seinem irdischen Leben war Jesus nie von seiner Mutter und seine Mutter nie von ihm getrennt. Die Kirche ist nie von Jesus noch von seiner Mutter getrennt, und deshalb wird sie in ihrem Leben diese (Jesus und Maria) nie trennen. Die Kirche vereinigt in ihrem Leben die Weihe an das Heiligste Herz Jesu und die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens. Durch die gelebte Weihe an ihr Unbeflecktes Herz führt die himmlische Mutter ihre Kinder zum Zentrum: nämlich zum eucharistischen Jesus, und daher führt sie zu einem intensiven eucharistischen Leben und zu einer glühenden Anbetung Jesu, gegenwärtig in der Eucharistie.

„Die Heiligste Eucharistie ist Quelle und Nahrung für die Heiligkeit. Das sagte Unser Vorgänger, der heilige Leo der Große: »Die Teilhabe am Leib und Blut Christi hat keine andere Wirkung als uns zu dem zu ma­chen, den wir empfangen« (Sermo 63, in: PL 54, 357).„28

„Wir können die eucharistische Frömmigkeit als den strahlendsten und vollkommenen Ausdruck der katholischen Gottesverehrung bezeichnen.

Wahrlich, das Sakrament des Altars wird beim Akt der Konsekration des Kelches »Mysterium fidei«, Geheimnis des Glaubens, genannt, und das bedeutet das lebendige Kompendium des ganzen katholischen Glaubens­bekenntnisses. Denn von ihm strahlt die Sonne der Gerechtigkeit aus, Jesus, der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen, die unblutige Opfergabe der Versöhnung zwischen Himmel und Erde. Dieses Sakrament ist das immerwährende Gedächtnis des Opfers, das er zu unserem Heil auf dem Kalvarienberg dargebracht hat. In ihm ist er gegenwärtig als Haupt des mystischen Leibes, Quelle der Sakramente, die dem geistlichen Garten der Kirche Fruchtbarkeit und Schönheit verleihen.“29

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28 Ders., Ansprache vom 9. 12. 1962, in: Discorsi V, 35.

29 Ders., Ansprache vom 13. 9. 1959, in: Discorsi I, 443; ders., Ansprache vom 28. 2. 196, in: Discorsi II, 590-591: „Das heilige Sakrament! Es sammelt, so könnte man sagen, alle Lichter der Schöpfung, Menschwerdung und Erlösung sowie des Lebens Jesu und bietet sie als tägliche Nahrung für die Liebe, das Gebet, die Betrachtung der Gläubi­gen dar.
Dieses Licht des Nobiscum Deus (Mt 1,23) — des Gott-mit-uns — spiegelt sich in sieben Lichtern des unter den Gestalten von Brot und Wein lebenden Christus wider: heilige Messe – Kommunion – Segen – Tabernakel – Aussetzung – letzte Wegzehrung – Prozession.
Durch diese sieben Lichter strömt die ganze Kraft des heiligen Sakraments, die Gegenwart Jesu unter uns, das Gespräch Jesu mit unseren Seelen.“
Ders., Ansprache vom 28. 5. 1959, in: Discorsi I, 530: „Wie auf einem Thermometer zeigt die Liebe zu Jesus in seinem Sakrament, die Gegenwart Jesu unter uns, die Vertrautheit mit dem Tabernakel, die gnadenreiche Gemeinschaft, geschenkt, um über die geheimnisvolle und segensreiche Einsamkeit hinwegzutrösten, das wahre Maß geistlicher Inbrunst.“
Vgl. ders., Ansprache vom 9. 12. 1962, in: Discorsi V, 32f: Der Papst hat am 8. 12. 1962, einen Tag nach Beendi­gung der ersten Session des Konzils, in der Konzilsaula (im Petersdom) den seligen Pierre-Julien Eymard heilig gesprochen.

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Der eucharistische Jesus, die Sonne, ist die Quelle der Einheit im mysti­schen Leib: des Verstandes, den er bei allen erleuchtet und zum Bekennt­nis derselben göttlichen Wahrheiten veranlaßt, und des Willens, den er bei allen mit ein und derselben Flamme der Liebe zu Gott und zum Nächsten entzündet. Wie auf einem Thermometer zeigt die eucharistische Anbetung Jesu den Stand des geistlichen Lebens des einzelnen Christen, der Pfarrei­en, der Diözesen, der Ordensgemeinschaften, der Gesamtkirche an.

Mit dem generellen Absinken der eucharistischen Anbetung in der Kir­che im 19. und 20. Jahrhundert ist auch insgesamt die Temperatur des geistigen Lebens abgesunken. Das graduelle Absinken einer immer größe­ren Zahl von Christen vom eucharistischen Jesus, der Sonne, brachte in weite Teile der Kirche einen großen Herbst und dann einen harten geistli­chen Winter. In vielen Christen ist die göttliche Liebe erkaltet, und die Erkenntnis der ewigen Wahrheiten hat erschreckend abgenommen. All dies ermöglichte den großen Vormarsch der Mächte der Finsternis in der Welt und daher einen neuen harten Winter für die Menschheit.

„Das Fronleichnamsfest dieses Jahres weist auf einen großen Zielpunkt des heiligen Ökumenischen Konzils hin, dessen Erfolg wir uns geweiht haben.

In der unmittelbaren Nähe vor dem Konzil kann Uns nichts besser die Gründe in Erinnerung rufen, die Uns zur Einberufung veranlaßt haben, als die Einheit, wie sie Christus, ihr göttlicher Gründer, wollte. Nichts kann Uns besser die kostbaren Regelungen und die erste Frucht, die wir Uns erhoffen, im voraus schmecken lassen, als die Geschlossenheit und Einheit des mystischen Leibes Christi – als ein sichtbares Siegel des ersten We­sensmerkmales der Katholischen Kirche – zu festigen.

Ja, ja, das Sakrament des Altars ist die erste, wesentliche Verherrlichung der Lehre und des Willens Christi unseres Herrn: das unum sint, unum sint (Joh 17,21: alle sollen eins sein) des Gebetes bei seinem letzten Mahl!“30

Am 21. Juni 1962, am Hochfest des Leibes und Blutes des Herrn, trug der Heilige Vater bei der Prozession auf dem Petersplatz anbetend und unvergleichlich den eucharistischen Herrn. Nach der Prozession stellte er das Allerheiligste zur öffentlichen Anbetung auf den Altar. Der Heilige Vater ging den Gläubigen bei dem Aufstieg auf die höchsten Gipfel der Anbetung Jesu, des unsterblichen und glorreichen Königs aller Völker und aller Zeiten, voran.

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30 Ders., Ansprache vorn 21. 6. 1962, in: Discorsi IV, 392.

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Unmittelbar am Vorabend des Ökumenischen Konzils öffnete der Heili­ge Vater, bekleidet mit dem unvergleichlichen Glanz der Sonne des eucha­ristischen Jesus, die leuchtende Straße des Konzils. Denn die Prozession der Konzilsväter wird den Spuren des großen Vaters des Konzils folgen: lumen Christi: turnen Ecclesiae: lumen gentium (das heißt „Licht Christi, Licht der Kirche, Licht der Völker“). Denn die eucharistische Erneuerung (ag­giornamento) wird das Herz der konziliaren Erneuerung darstellen und daher die Erneuerung der Kirche selbst.

„Wir denken gerne daran, daß die göttliche Vorsehung durch unsere Gebete und Opfer eines der größten Geheimnisse der Geschichte vorberei­tet, welches das Geheimnis der Barmherzigkeit des Herrn für alle Völker sein wird.“31

„Erhebt euer Haupt, denn eure Erlösung ist nahe (vgl. Lk 21,20-33). Wenn man wenige Wochen vor der Versammlung die geistliche Vorberei­tung des Ökumenischen Konzils betrachtet, scheint es die Einladung des Herrn zu verdienen: »Seht euch die Bäume an. Sobald ihr bemerkt, daß sie Blätter treiben, wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erken­nen, wenn ihr all das geschehen seht, daß das Reich Gottes nahe ist« (vgl. Lk 21, 29-31).“32

„0 Jesus, panis vere (wahres Brot), einzige und alleinige nahrhafte Speise der Seelen, sammle alle Völker um deinen Altar. – Er ist die göttliche Wirklichkeit auf Erden, Unterpfand des himmlischen Wohlwollens, Si­cherheit der gerechten Vereinbarungen unter den Völkern und des friedli­chen Wettbewerbs für den wahren Fortschritt der Zivilisation.

Du, o Jesus, nährst die Menschen und gibst Dich ihnen zur Speise; so werden sie stark im Glauben, freudig in der Hoffnung und tatkräftig in den vielfältigen Werken der Liebe.

Der Wille wird es verstehen, die Anfechtungen zum Bösen, die Versu­chungen zum Egoismus, den Hang zur Trägheit zu überwinden. Vor den Augen der rechtschaffenen und gottesfürchtigen Menschen wird die Vi­sion einer Erde der Lebendigen erscheinen. Der sich dahinziehende Weg der streitenden Kirche soll dafür ein Abbild sein, in dem sanft und ge­heimnisvoll auf der ganzen Welt die ersten Laute der Stadt Gottes erklin-

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31 Ders., Ansprache vom 7. 7. 1959, in: Discorsi I, 695.

32 Ders., Ansprache vom 21. 6. 1962, in: Discorsi IV, 520.

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gen.“33

In seiner wunderbaren Vorsehung will Gott das Konzil gemäß dem Evangelium für die größte Erneuerung der Kirche. Ebenso will er es im Hinblick auf eine ungeahnte Befreiung der Völker der Erde von der Knechtschaft des Bösen, der Sünde und des Teufels. Er bereitet eines der größten Geheimnisse der Geschichte vor: nämlich die strahlendste Offen­barung seines Reiches in der Geschichte der Kirche und der Menschheit. Und er vollbringt dies durch den wunderbarsten Aufgang Jesu in der eucharistischen Erneuerung der Kirche des Zweiten Vatikanischen Kon­zils. Der neue Advent des Reiches Gottes verwirklicht sich durch ein neues Kommen des eucharistischen Reiches Jesu.

Die gelebte Weihe an das Unbefleckte Herz des Morgensterns (Maria) führt die Kirche zu einer intensiven eucharistischen Spiritualität, zur gro­ßen Verehrung der eucharistischen Sonne: Jesus. Das neue Pfingsten der Kirche geht aus der eucharistischen Sonne, aus Jesus, hervor und gipfelt in der immer innigeren Vereinigung der Kirche mit ihm. Aus der strahlenden eucharistischen Erneuerung entspringt eine wunderbare Erneuerung des Lebens der Kirche auf allen Ebenen: sie wird ihren schönsten Frühling erleben und sich ihres herrlichsten und fruchtbarsten Sommers erfreuen.

Die wunderbarste eucharistische Erneuerung verbreitet das Licht, um die winterlichen und höllischen Kräfte aus der Menschheit zu vertreiben. Daraus folgt eine große Befreiung der Menschen aus der Knechtschaft der Sünde und des Teufels und aus der Knechtschaft des Winters des Götzen­dienstes. Das Wunder der Eucharistie, das wie eine Sonne von Jesus aus­gestrahlt wird, ist der Sieg des Lichtes über die Finsternis, – der Wahrheit über den Irrtum, – des Guten über das Böse, – der Liebe und des Friedens über die Zwietracht und die Spaltungen. „Lumen Christi. Die Kirche Jesu antwortet auf allen Teilen der Erde: Deo gratias, Deo gratias, gleichsam als ob sie sagte: Ja, Licht Christi, Licht der Kirche, Licht der Völker.“34

Auf der Erde der Lebendigen wird unter vollkommener Beachtung der von Gott festgesetzten Ordnung in der Gesellschaft und unter allen Völ­kern Friede gestiftet werden, jener Friede, der gründet in der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Liebe und der Freiheit. In diesem Sinne ist die be­rühmte Enzyklika Johannes XXIII. Pacem in terris (1963) zu verstehen.

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33 Ders., Ansprache vom 21.6.1962, in: Discorsi IV,395-96.

34 Ders., Rundfunkbotschaft vom 11.9.1962, in: Discorsi IV,521.

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3. Das Geheimnis des Konzils

„Demut, Verborgenheit, Schweigen waren Eigenschaften des Bräuti­gams Mariens und Adoptivvaters Jesu. Sein Geist war ständig auf Gott ausgerichtet, um auf seine Stimme zu hören und seine höchsten Ratschlüs­se sofort auszuführen. Der erhabene Patriarch sprach gewiß nicht über die unermeßliche Ehre, die ihm zuteil geworden war, da er die unvergleichli­chen Schätze behütete, die Gott ihm anvertraut hatte. Er gab sich vielmehr ganz der vollkommenen Erfüllung seiner Sendung hin, den Willen des Höchsten sorgfältig auszuführen. Das ist das Licht von Nazareth.

Pius IX. erhob den heiligen Josef zum Schutzpatron der Gesamtkirche und kam so einem Beschluß des Ersten Vatikanischen Konzils nach. Der Heilige Vater hat dem Zweiten Vatikanischen Konzil den gleichen Heili­gen zum besonderen Schutzpatron gegeben.“35

Gott offenbarte dem Bräutigam der Jungfrau Maria das große Geheim­nis, daß der Sohn Mariens der Sohn Gottes, der verheißene Retter, der erwartete Gesalbte ist. Josef nahm die übernatürliche Anregung des Heili­gen Geistes gläubig, demütig und gehorsam an und stieg Kreis um Kreis in das unergründliche Geheimnis hinein. Er verwirklichte treu seine erha­bene Sendung, da er im Alltag Jesus und seiner jungfräulichen Mutter demütig diente.

Der ehrwürdige Patriarch Giuseppe Roncalli war sich bewußt, daß das Ökumenische Zweite Vatikanische Konzil vor allem ein unergründliches Geheimnis Gottes ist: ein geheimnisvoller Plan seiner Weisheit, ein aus­schließliches Werk des Herrn, ein großes Werk des Heiligen Geistes. Der Herr hatte selbst die Initiative ergriffen, um diesen Plan durch seinen Stell­vertreter auf Erden auszuführen.

„Das Konzil ist das Werk Gottes. Und dieses Werk erfordert Sammlung und Gebet, Bereitschaft und übernatürlichen Geist.“36

Der Papst nahm gläubig, demütig und gehorsam die übernatürliche Anregung des Geistes an und stieg so Kreis um Kreis in das Mysterium

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35 Ders., Ansprache vom 20. 3. 1963, in: Discorsi V, 428; vgl. ders., Ansprache vom 19. 3. 1961, in: Discorsi III, 773f: Die Verehrung des heiligen Josef hat in der Kirche seit dem Pontifikat Pius‘ IX. (1846 – 1878) sehr zugenommen; um das Konzil verwirklichen zu können, braucht die Kirche auch eine lebendige Verehrung und die treue Nachahmung des heiligen Josefs.

36 Ders., Ansprache vom 1. 5. 1963, in: Discorsi V, 233.

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Christi und insbesondere in das Geheimnis des neuen universellen Konzils hinein. Johannes XXIII. wohnte auf den erhabenen Höhen des Berges des Herrn und drang so in das Geheimnis des neuen Ökumenischen Konzils ein. Durch die Lehre der letzten Nachfolger Petri erneuerte der Herr schrittweise die patristisch-scholastische Weltsicht und eröffnete damit eine große Schau von der umfassenden Erneuerung der Kirche, der Gesell­schaft und der Menschheit.

Die Zeit war bereits gekommen, da der Herr in einer besonderen Fülle eine neue Gesamtsicht aller Wirklichkeiten eröffnen und sie in den Lehren eines neuen Ökumenischen Konzils Gestalt annehmen lassen wollte. Jo­hannes XXIII. erkannte in einer inneren Schau die außerordentliche Bedeu­tung des neuen Konzils für die Kirche und für die Menschheit in der Ge­genwart und in der Zukunft.

„Und ich sah: Eine Hand war ausgestreckt zu mir; sie hielt eine Buch­rolle. Er rollte sie vor mir auf. Sie war innen und außen beschrieben, und auf ihr waren Klagen, Seufzer und Wehen geschrieben“ (Ez 2,9). Das Buch des Zweiten Vatikanischen Konzils sollte eine Buchrolle sein, die außen beschrieben ist: dies ist der „Buchstabe“, der wörtliche, menschliche und natürliche Sinn des Konzils. Dieses Buch sollte innen beschrieben sein: dies ist der „Geist“, der geistliche, geheimnisvolle, göttliche und überna­türliche Sinn des Konzils.

„Die bereits gefeierten Konzilien sind wie zwanzig Sterne, von denen die heilige Kirche erleuchtet wird.“37

Die zwanzig Ökumenischen Konzilien sind wie zwanzig Sterne, die die Gesamtkirche erleuchten. Mit dem Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzil wird in dieser wunderbaren Konstellation ein neuer und großer Stern aufgehen. Der „Buchstabe“ des Zweiten Vatikanischen Konzils wird die Hülle sein, die seinen „Geist“ offenbart: also seine „von den Himmeln her festgelegte“, polare und weltumspannende (universale) Dimension. Die rationale Erkenntnis des „Buchstabens“ des Konzils wird nicht genü­gen: sie wird auf der Ebene der Hülle verbleiben und oberflächlich und einseitig sein. Diese (rationale) Erkenntnis wird durch die Erfassung des „Geistes“ des Konzils ergänzt werden müssen. Der Geist, der die Tiefen Gottes ergründet (vgl. 1 Kor 2,10), wird auch die Augen des Gläubigen erleuchten. Mit einer teleskopischen Beobachtung im Glauben wird der gläubige Leser die universale Dimension des Konzils entdecken. Der gläu-

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37 Ders., Ansprache vom 12.6.1961, in: Discorsi III, 324; vgl. ders., Ansprache vom 17.11.1961, in: Discorsi IV, 41f.

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bige Leser versucht, die Erkenntnis des „Buchstabens“ mit der Erkenntnis des „Geistes“ in Einklang zu bringen.

„Die Erzählung von der Darstellung im Tempel (vgl. Lk 2,31-39) zeigt folgendes Bild: Das Jesuskind, geborgen in den Armen seiner Mutter Ma­ria, an seiner Seite den heiligen Josef, den Beschützer beider, verbreitet in seiner Umgebung so viel Zärtlichkeit und Frieden, daß es die Herzen be­rührt.

Die heutige Liturgie erhält aus den geheimnisvollen Worten des grei­sen Simeon ihren Klang. Er begrüßte das Licht, das vor den rechtschaffe­nen und gottesfürchtigen Menschen im Laufe der Jahrhunderte offenbart wurde.

0 was für ein Schauspiel und was für eine innere Freude birgt sich in der Betrachtung dieses Lichts – lumen ad revelationem gentium (ein Licht, das die Heiden erleuchtet).“38

Im Heilsereignis bei der Darstellung des Jesuskindes im Tempel von Jerusalem offenbart sich bereits eine „Überraschung“ gemäß dem Evan­gelium. Denn das Geheimnis des Jesuskindes, des in den göttlichen Schriften verheißenen Gesalbten, wird nicht den „Großen“ in Israel offen­bart, sondern vielmehr zwei armen Greisen: Simeon und Hanna. Sie wa­ren demütig und arm im Geiste. Sie waren in der Ordnung der geistlichen Kindheit kleine Kinder. Ihnen enthüllt der himmlische Vater im Heiligen Geist das Geheimnis des Jesuskindes. Christus selbst sollte das „Zeichen sein, dem widersprochen wird.“

Am 2. Februar 1962, am Fest der Darstellung Jesu im Tempel von Jeru­salem, unterschrieb der Heilige Vater das Motu proprio, mit dem er den Anfang des Konzils für den 11. Oktober festsetzte. In der oben zitierten Ansprache und in einigen anderen wird schon sehr deutlich, daß der Papst eine innere Freude bei der prophetischen Schau des Konzils und seiner Erneuerung empfand. Er wußte, daß das Konzil den Samen im zwanzigsten Jahrhundert aussäen mußte. Er wußte aber auch, daß die Kirche die Früchte erst in den folgenden Jahrhunderten ernten konnte. In den erwähnten Ansprachen scheint auch sehr deutlich durch, daß der Papst prophetisch die Zukunft sah: Das Konzil wird für eine gewisse Zeit ein „Zeichen sein, dem widersprochen wird.“ Die große Nacht der Welt wird nicht sofort mit der konziliaren Erneuerung verschwinden, sondern

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38 Ders., Ansprache vom 2. 2. 1962, in: Discorsi IV, 149; vgl. ders., Ansprache vom 28. 1. 1960, in: Discorsi 175-176; ders., Ansprache vom 4. 10. 1962, in: Discorsi IV, 564; vgl. ders., Ansprache vom 27. 4. 1962, in: Discorsi IV, 238: Die Durchführung des Konzils improvisiert man nicht.

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vielmehr erst noch ihrem Höhepunkt zustreben.

Die „Großen in Israel“ werden das Konzil nach dem „Buchstaben“ le­sen. Sie werden sich in oberflächliche und einseitige Auslegungen verlie­ren. Die „großen“ Leser werden immer neue Verwirklichungen des Kon­zils improvisieren. Der himmlische Vater wird im Heiligen Geist seinen „kleinen“ Lesern das Geheimnis (und die Geheimnisse) des Konzils offen­baren, das heißt den kleinen Kindern in der Ordnung der geistlichen Kindheit. (In diesem Sinne war auch Johannes XXIII. ein kleines Kind.) Vom Heiligen Geist erleuchtet, werden die „Kleinen“ „im“ Buchstaben und „über“ den Buchstaben „hinaus“ den Geist des Konzils betrachten. In der Kirche wird ein großer Kampf entbrennen zwischen den vielen ver­kürzten, oberflächlichen und einseitigen Auslegungen und dem richtigen Verständnis des Konzils nach dem Buchstaben und dem Geist.

„Gideon, der eine große Schar befehligte, die scheinbar bereit war, jede Gefahr und Schwierigkeit zu meistern, hörte auf die Stimme des Herrn, der sagt, daß man bei großen Unternehmungen nicht auf die Vielen zäh­len darf, sondern auf die Wenigen. Die Auswahl ist ein Gesetz des Le­bens, des Fortschritts und der Vollkommenheit.“39

„Meine Brüder und vielgeliebten Söhne, betrachtet als gläubige Katho­liken die Lehre des Apostels für euer Leben: Ihr sollt feststehen (vgl. Phil 4,1), voranschreiten (vgl. 1 Thess 4,1) und Gott gefallen (vgl. ebd.).

Ihr sollt feststehen im Herrn, um jene Festigkeit und Standhaftigkeit zu bewahren, die starken und mutigen Menschen eigen ist. Ihr sollt ange­sichts der Verlockungen des Irrtums feststehen im Glauben. Denn durch solche Verlockungen versucht Satan wie ein Engel des Lichtes, das heilige Erbe des Christentums in Vergessenheit geraten zu lassen. Ihr sollt fest­stehen in der Moral, in der hochherzigen Übung der Zehn Gebote, der Vorschriften der Kirche und der vierzehn Werke der Barmherzigkeit. So sollt ihr den Versuchungen widerstehen, die hier und dort ihre Stimmen wie eine trügerische und verlockende Verführung erheben.

Diese Standhaftigkeit bedeutet aber nicht, sich faul auf schon erreichten Positionen auszuruhen, und noch weniger das Fehlen an Leben. Nach der paulinischen Lehre muß man sich bewegen, weitergehen: »Schreitet voran!« ist seine eindringliche Ermahnung. Der wahre Christ, voll freudiger Hoff­nungen verlangt danach, sich und die Welt zu bessern. Er schreitet in der ständigen Suche nach dem Guten heiter voran. Er will die eigene hohe

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39 Ders., Ansprache vom 28. 1. 1960, in: Discorsi II, 172.

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Würde als ein aus Christus Lebender, dem er im Denken, Fühlen, Han­deln und Arbeiten gleich werden will, ständig vertiefen. Man muß durch ständiges Streben nach Vollkommenheit und im Bemühen, das Gute zu tun, voranschreiten, und zwar im Frieden mit Gott und dem Nächsten. Man muß davon überzeugt sein, daß man nur so als modern, als vollkom­men und als erneuert gelten darf, und dies in einer Zusammenschau, welche die Zeit mit der Ewigkeit und Gott mit der Schöpfung verbin­det.“40

Johannes XXIII. war ein umfassender Prophet und Lehrer der überna­türlichen und natürlichen Erneuerung durch das Konzil. Er hat die geist­liche und heilbringende Geographie des Ökumenischen Zweiten Vatika­nischen Konzils vorgezeichnet. Die Errichtung des großen Konzilsgebäu­des wird eine große Bekehrung des Herzens und der Gesinnung, eine größere Übung der Tugend, des Gebetes, des Opfers, des Fastens erfor­dern, usw. – kurz, sie verlangt eine ernsthafte Buße, wie das Evangelium sie fordert (vgl. Mt 3,2; 4,17). In der Enzyklika Paenitentiam agere (1962) verlangt der Papst diese Buße von allen Gliedern der Kirche zur Vorberei­tung und segensreichen Durchführung des Konzils. Gleichzeitig verkün­dete er, daß auch noch nach dem Konzil die Buße im Geiste des Evangeli­ums zur Verwirklichung der konziliaren Erneuerung notwendig sein werde.

Die Schlacht gegen das große Heer der Midianiter gewann Gideon mit nur dreihundert Mann (vgl. Ri 7). Nach dem Abschluß des Konzils wer­den Gideon und seine mutigen Gefährten auf dem Kreuzweg Christi ge­hen. Sie werden geistig in dem mystischen Turm (Hochhaus) des Konzils

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40 Ders., Ansprache vom 24. 7. 1960, in: Discorsi II, 440-441; ders., Ansprache vom 14. 11. 1960, in: Discorsi III, 24: „Wahrlich großes, so wiederholen wir gern, erwarten wir von diesem Konzil: Möge es ihm gelingen, den Glauben, die Lehre, die Disziplin der Kirche, das geistliche Leben und das Ordensleben zu stärken und darüber hinaus einen großen Beitrag zu leisten zur erneuten Behauptung jener Prinzipien der christlichen Ordnung, von denen sich auch die Entwicklungen des zivilen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens leiten lassen. Das Gesetz des Evangeliums muß soweit kommen und alles umhüllen und durchdringen.“
Ders., Ansprache vom 9. 9. 1962, in: Discorsi IV, 515: Die in dieser Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Priestertum berufen sind, müssen überzeugt sein von „der Vergeblichkeit jeder apostolischen Bemühung, die nicht von einer Seele im Stand der Gnade geformt ist, die nach Heiligkeit strebt. Ihr (Spirituale der Priestersemi­nare] sollt nicht nur dafür sorgen, daß die jungen Männer die Welt erkennen und begreifen, in der sie leben und wirken sollen, sondern ihr sollt sie auch lehren, alles zu heiligen, was der Fortschritt an Gutem, Heilvollem und Schönem bietet. Doch das will nicht heißen, daß man mit dem Geist dieser Welt Kompromisse eingehen soll, und noch weniger, daß damit die Bedeutung des Verzichtes und der Abtötung geschmälert wird. Ein mißver­standenes aggiornamento, das sich nur darum müht, das Leben des Seminaristen zu versüßen oder der Natur zu sehr zu schmeicheln, schüfe eine Persönlichkeit, die im Gegensatz zur Person Jesu, Priester und Opferlamm, stünde. Im Gegenteil, die moderne Anpassung an die Anforderungen der Zeit muß auf eine tiefere Angleichung an die Person Jesu und Jesu des Gekreuzigten hinauslaufen“; vgl. ders., Ansprache vom 26. 5. 1960, in: Discorsi II, 361: Über den billigen Kompromiß mit dem Geist dieser Welt und über die Propheten Baals; ders., Ansprache vom 14. 11. 1960, in: Discorsi III, 23.

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wohnen, in der Stadt auf dem Gipfel der oberen Hemisphäre der theolo­gischen und anthropologischen Welt. Gideon mit seinen mutigen Gefähr­ten wird den Aufstieg des christlichen Volkes auf den Treppen des ge­heimnisvollen Gebäudes des Zweiten Vatikanischen Konzils fördern. Da­mit fördert er den neuen großen Aufstieg auf den heiligen Berg des Herrn.

Nach dem Abschluß des Konzils wird es in der Kirche auch Propheten und Lehrer geben, die über das Konzil „Lug und Trug schauen“ (vgl. Klgl 2,14). Sie werden Mißverständnisse und eine falsche Erneuerung (aggior­namento), die sich durch Kompromisse mit dem Geist der modernen Welt verwirklichen, im Namen des Konzils aussäen. Diese Propheten und Leh­rer des Kompromisses zusammen mit dem Heer der Midianiter werden in das Israel Gottes eindringen und viele seiner Bewohner in die geistige Knechtschaft der modernen Welt führen. Sie kämpfen mit dem Heer der Midianiter gegen Gideon und seine Schar.

Gideon wird das Konzil mit seinen heldenhaften Streitern im mysti­schen Turm gegen die Invasion des großen Heeres der Midianiter vertei­digen, – das heißt gegen das Heer der verkürzten, oberflächlichen und einseitigen Auslegungen des Konzils. Gideon wird mit seinen tapferen Kämpfern dank einer vollkommenen und umfassenden Auslegung des Konzils das „große Heer der Midianiter“ besiegen.

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Quelle: Ivan Pojavnik: DAS MYSTERIUM DES KONZILS – Erster Band – Meckenheim – 1996 – Maximilian-Kolbe-Verlag – ISBN 3-924413-13-4

3 Kommentare zu “Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 3

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