NACHRUF AUF JOHANNES XXIII. VON KARDINAL JOSEPH FRINGS, KÖLN, 1963

Vatican Saints

JOHANNES XXIII.

Nachruf Seiner Eminenz des Hochwürdigsten Herrn
Joseph Kardinal Frings Erzbischof von Köln

Papst Johannes XXIII. ist gestorben. Die Glocken aller Kirchen des Erdkreises verkündeten es der ganzen Christen­heit. Die Welt ist ärmer geworden um ein Herz ganz voll von überirdischer, nie versiegender Liebe. Es trauert deshalb nicht nur die katholische Kirche, die ihren gütigen Vater verloren hat, es trauert um ihn die ganze Christenheit, die mit tiefer Verehrung zu ihm aufschaute. Es trauern um ihn zahllose Menschen aus fremden Religionen, deren guten Willen anzu­erkennen Papst Johannes freudig bereit war.

Als er am 28. Oktober 1958 zum Papst gewählt wurde, glaubten viele, er werde nur der Platzhalter für einen kom­menden größeren Papst sein. Niemand hat damals geahnt, daß er in wenigen Jahren zu solcher Weltgeltung und Weltbeliebt­heit emporsteigen werde. Das einfache Volk hatte es sogleich erfaßt. Schon bald erscholl in den Räumen des Vatikans oft ein herzhaftes Lachen, wenn Papst Johannes trotz aller Würde, die er wahrte, seine Unterredungen und Ansprachen mit humor­vollen Bemerkungen würzte. Aus allem, was er tat und sagte, strahlte seine wunderbare väterliche Güte. Ein einfacher Italiener, der auf den Fliesen der Peterskirche für ihn in seinen letzten Lebenstagen gebetet hat und im Aufstehen sagte : „er war gut wie unser Herr Jesus selbst“, hat das Rechte ge­troffen. Bald war Papst Johannes der Liebling der Römer, als deren Bischof er sich fühlte wie selten einer seiner Vorgänger. Die vielen Tausende, die mittwochs zu den Audienzen in St. Peter zusammenströmten, bezauberte er durch die Natürlich­keit und Herzlichkeit seines Wesens und durch den Reichtum an originellen Einfällen auf religiösem und menschlichem Gebiet, die ihm aus einem innern Born zuströmten. Wir dürfen sicher sagen, es war die Kraft des Heiligen Geistes, des Geistes der Liebe, die sein ganzes Wesen geformt hatte.

Wer geglaubt hatte, Papst Johannes werde sich darauf be­schränken, die laufenden Geschäfte des Papsttums zu führen, sollte sich bald und sehr gründlich enttäuscht sehen. Schon nach drei Monaten des Pontifikates, am 25. Januar 1959, erklärte er im Kapitelsaal von St. Paul vor den Mauern dem erstaunten Kardinalskollegium, er sei entschlossen, ein all­gemeines, ökumenisches Konzil einzuberufen. Er sei fest überzeugt, daß ihm dieser Gedanke von oben eingegeben sei, und er erhoffe von diesem Konzil eine Erneuerung des inneren Lebens der Kirche, ein neues Pfingsten. Er erhoffe weiter davon Wege zur Wiedervereinigung der getrennten Christenheit und einen Beitrag zum Frieden in der Welt. Niemand in der Welt hatte mit einem solchen Entschluß des neuen Papstes gerechnet, und er fand auch unter seinen nächsten Mitarbeitern kaum welche, die mit Begeisterung und ganzer Seele, auf den Plan eingingen. Aber mit eiserner Energie und felsenfestem Gott­vertrauen verfolgte er seine Idee, die von nun an die Idee seines Pontifikates war.

Am 11. Oktober 1962 konnte er das Konzil eröffnen. Zwei­tausendfünfhundert Konzilsväter aus aller Welt waren er­schienen, viele Nationen hatten Delegationen entsandt, um an dem säkularen Ereignis teilzunehmen. Dem Sekretariat für die Einheit unter den Christen, das Papst Johannes ins Leben gerufen hatte, war es durch geschicktes Vorgehen und sicherlich nicht ohne die Mithilfe des Heiligen Geistes gelungen, eine stattliche Zahl von offiziellen Beobachtern aus nichtkatholischen, christlichen Gemeinschaften, zum Konzil herbeizurufen. Darunter zur Verwunderung der ganzen Welt auch zwei Vertreter der orthodoxen Kirche in Moskau. Papst Johannes hielt selbst eine richtunggebende und großangelegte Predigt, in der er erklärte, nicht etwa eine bestimmte Irrlehre, die unter den Katholiken grassiere, sei der Anlaß zu diesem Konzil, sondern der Wunsch, für unsere völlig veränderte Welt eine geeignete Form der Verkündigung der uralten von Gott geoffenbarten Wahrheiten zu finden. Er gab damit dem Konzil einen ausgesprochen pastoralen Charakter, stellte weiter in Aussicht eine Anpassung des kirchlichen Rechts­buches an die Erfordernisse der Zeit und des Tages.

Das Konzil begann, und sogleich zeigten die Konzilsväter, daß sie ihre Aufgabe darin sahen, auf dem Konzil unter dem Papst an der Regierung der Kirche teilzunehmen. Papst Jo­hannes gewährte ihnen volle Redefreiheit. Er konnte durch Radioübertragung alle Vorgänge in der Konzilsaula ge­nauestens verfolgen, aber er beschränkte niemals diese Freiheit der Meinungsäußerung, und wenn er in seltenen Fällen in den Gang der Verhandlungen eingriff, so tat er es mit so viel Takt, so viel Klugheit und so viel väterlicher Güte, daß die Konzils­väter davon entzückt waren. Als im Laufe des November mitgeteilt wurde, er sei ernstlich erkrankt, befiel die Versamm­lung große Trauer, und alle lebten auf, als wenige Tage darauf mitgeteilt werden konnte, die Gefahr sei überwunden. Am 8. Dezember 1962 schloß die erste Sitzungsperiode des Kon­zils, und die Konzilsväter reisten voll freudiger Hoffnung in die Heimat. Sie waren überzeugt, daß ihr Anliegen, die äußere Gestalt der Kirche und die Art der Verkündigung der alten geoffenbarten Wahrheiten der neuen Zeit anzupassen, bei Papst Johannes in besten Händen ruhe.

Aber Gott hat es anders bestimmt. Im Mai dieses Jahres brach die Krankheit des Papstes mit erneuter Heftigkeit aus. Vier Tage lang lag der Papst im Todeskampfe, und die ganze Welt bangte um ihn. Aber man kann diesen Todeskampf des Verstorbenen nur als ein triumphales Sterben bezeichnen. Wie ein Held und wie ein Heiliger sah er dem Tode entgegen. Keine Spur von Unsicherheit, von Angst und Bangen war zu bemerken. Und wie ein Heiliger: ähnlich wie Moses das Ge­lobte Land nur aus der Ferne erblicken konnte, so sollte auch er die Vollendung seiner großen Idee des Konzils nur von ferne schauen. Aber in voller Bereitschaft fügte er sich dem heiligen Willen Gottes und opferte immer wieder sein Leben auf für das Gelingen des Konzils, für das Wohl der Kirche und für den Frieden in der Welt. Sooft er aus der Bewußtlosigkeit erwachte, betete er, segnete alle Umstehenden, alle Christen» besonders die Kinder, die Arbeiter, die Bischöfe, die Kardinäle.

Noch am Freitagabend, dem 31. Mai, überreichte mir der Apostolische Nuntius im besonderen Auftrage des Heiligen Vaters einen kostbaren Bischofsring für die Schatzkammer des Kölner Doms zum dankbaren Gedenken daran, daß er am 27. Dezember 1921 im Kölner Dom das heilige Meßopfer am Altare der Heiligen Drei Könige hatte feiern können. Am Abend desselben Tages erreichte mich ein Telegramm des Herrn Kardinalstaatssekretärs, in dem sich der Heilige Vater bedankte für die Gebete der deutschen Bischöfe und Gläubigen für seine Gesundheit und uns allen seinen Apostolischen Segen erteilte. Eine seiner allerletzten Amtshandlungen bestand darin, daß er über den Westdeutschen Rundfunk in lateinischer Sprache an seine geliebten Söhne in Deutschland sich wandte, um seiner Freude über die bevorstehende zweite Konzilsperiode Ausdruck zu geben und die Gläubigen zu eifrigem Gebet für, das große Werk aufzurufen und die Pfingst­gnaden des Heiligen Geistes für die Kirche zu erbitten.

Gütiger Vater der Christenheit, lebe wohl! Gott der Herr vergelte Dir alle Deine Liebe und Sorge um die Kirche mit überreichem Himmelssegen.

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Quelle: Herder-Bücherei Band 157: Die Friedensenzyklika Papst Johannes‘ XXIII. PACEM IN TERRIS – Mit einer Einführung in die Lehre der Päpste über die Grundlagen der Politik und einem Kommentar von Arthur-Fridolin Utz OP.

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