Pater Josef Kentenich – SCHÖNSTATT UND DAS ÖKUMENISCHE ANLIEGEN

Pater Josef Kentenich in Audienz bei Papst Paul VI.

Pater Josef Kentenich mit Papst Paul VI.

Von Herbert King (in: regnum 41 (2007), 67-77)

Neulich wurde ich gebeten, eine Sammlung von Texten Pater Kentenichs zum Ökumenismus zusammenzustellen. Das gestellte Thema ist allerdings nicht leicht. Ich habe die Frage zum Anlass genommen, mehr grundsätzlich einiges zum Thema „schöpferischer Umgang“ mit dem Erbe Pater Kentenichs zu sagen, speziell in einer Frage, zu der er nichts oder nur sehr wenig oder gar Gegensätzliches und vor allem kritisch-Mahnendes beigetragen hat. Diese Überlegungen will ich hier vorlegen.

1a. Ökumenismus mit den Ostkirchen. Im KZ Dachau gibt es wichtige Begegnungen Pater Kentenichs mit Vertretern aus den Ostkirchen (Mönche vom Berg Athos). Kentenich erlebt diese (wie manches andere) als beträchtliche Horizonterweiterung. Sie bedeuten ihm einen deutlichen Impuls. Dieser kommt nach seiner Freilassung in der Aufstellung des Ostkreuzes im Ur-Heiligtum mit dem entsprechenden Vortrag sehr deutlich zum Ausdruck. Mitgewirkt hat dabei damals vor allem die Hochschule der Pallottiner.[1]  Wichtig sind sodann die Aussagen über die Ergänzung von Abendland und Morgenland im Zusammenhang mit der 1961 als zunächst dritter, dann definitiv zweiter der drei Zielgestalten Schönstatts formulierten „heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes“. Abendländische und morgenländische Denk-und Lebensweise sollen sich ergänzen. Der Osten hinsichtlich seiner starken Betonung des Jenseitigen und der Westen mit seiner Betonung des Zweitursächlichen (philosophisch und psychologisch) gesehen.[2] Dann hat es ihm der Berg Athos angetan als Vorbild für den Ort Schönstatt.

1b. Ökumenismus mit den aus der Reformation hervorgegangen Kirchen. Da ist die Situation deutlich schwieriger. Wir haben alle die sehr negativen Aussagen Kentenichs über die Reformation und das protestantische Denken als wichtiger Ursache des idealistisch-mechanistischen Denkens und als Beginn einer Verfallskette durch die Neuzeit hindurch in den Ohren. Insgesamt scheinen Luther und die Reformatoren bei Kentenich eher  negativ bis sehr negativ bewertet zu sein. Dies auch oder noch mehr in der Rezeption durch seine Schüler und Schülerinnen. Das zentrale Stichwort dabei ist „mechanistisches Denken, Leben und Lieben.“ Festgemacht wird dieses ganz speziell an der Marien- und Heiligenverehrung. Ebenso an der Sicht der Autorität als auf Gott durchsichtiger Vaterschaft. Auch gibt es starke Warnungen betreffs eines drohenden Interkonfessionalismus etwa in der Pädagogischen Tagung 1951.[3]Im Zusammenhang mit dem 31. Mai 1949 tritt der Protestantismus dann ausgesprochen kämpferisch in einen Negativ-Zusammenhang, als eine Art Feindbild. Wichtig wird ihm das von Protestantismus (damals) nicht beeinflusste katholische romanische Denken Lateinamerikas. Aber auch in den Jahren des Konzils mit seinem ökumenischen Aufbruch und der Jahre danach warnt Pater Kentenich vor den Gefahren des Niederlegens aller Grenzen und Mauern. So mehrfach bezeugt aus der Milwaukee-Zeit. Und gleichzeitig weiß er, dass es kein Zurück mehr geben wird.

2. Zur Sprache Kentenichs. Für das Verständnis Kentenichs dürfen wir uns nicht einseitig auf einzelne Texte stützen. Diese sind meistens sehr situativ-einseitig und stellen eine „organisch einseitige“ Akzentuierung in einem Prozess der Gründung und der Formulierung der Spiritualität dar. Zu jeder Aussage lassen sich auch gegenteilige finden.[4] Dies kommt in einem Gebet zum Ausdruck, das er bei meinem Besuch in Milwaukee gebetet hat und das mir in all seinen Teilen sehr teuer ist.

„Wir spüren es ‑ ob wir denken an die vermaterialisierte Zeit, säkularisierte Zeit, bolschewisierte Zeit, ob wir das vor uns aufleuchten lassen, was nunmehr durch das Konzil tiefer und tiefer in unser Gemüt eingeprägt werden soll ‑ das ist die Idee des Ökumenismus und des Pluralismus. Wir mögen uns wehren, aber es geht durch die Zeit heute der starke Zug nach einer großen Einheit in der gesamten Welt und Menschheit. Und da ist halt wohl, auch wohl von Gott gedacht, ein neues Menschenbild (nötig), ein Menschenbild, das sich in schlichter Weise ehrfürchtig vor jedem Menschen beugt und (vor) seiner Auffassung.

Pluralismus, pluralistische Gesellschaftsordnung. Rechts und links neben uns andere Be­kenntnisse, rechts und links neben uns andere Weltauffassungen. Hat die Kirche bisher gleichsam unter dem Sterne des konstantinischen Zeitalters uns eng eingeschlossen, En­klaven geformt überall, so daß die Milieupädagogik uns zusammenhielt, dann fallen halt nunmehr diese Schranken mehr und mehr beiseite, und es (durch)flutet ein ungemein starker Strom, geistiger Strom, hin und her, nicht nur durch die Welt, sondern auch früher oder später durch unsere Kreise. Und wenn wir an den Ökumenismus denken, dann will das heißen, auch die christlichen Bekenntnisse schließen sich nicht mehr wie Freund und Feind gegeneinander ab, sie sind nebeneinander, beieinander, zum Teile ineinander. Schwerlich werden wir es fertig bringen, die damit gezeichnete Entwicklung aufzuhalten.

Aber, liebe Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt, Du hast ja die Sen­dung übernommen, gerade für solche Zeit unsere kleine Familie zu erziehen, zu schulen und, nachdem Du uns geschult, hinauszusenden, um Wege zu finden, um auch in dieser Situation ein echtes, waschechtes Christentum, (den) Katholizismus hinauszustrahlen (und) zu verkörpern in der Welt.“[5]

In jenen Jahren entsteht auch ein Schlüsseltext, der das „anti“ entsprechend deutet und klärt. Auch dieser Text ist mir seit Jahren sehr gegenwärtig und wichtig.

„Danach ist der neue Menschen- und Gemeinschaftstyp – negativ gesehen – der anti-idealistische, anti-protestantische, der anti-kollektivistische und der anti-relativistische Mensch in einer gleichgearteten Gemeinschaft.

Dabei darf das Anti in den bezeichneten verschiedenen Formen und Gestalten nicht falsch gedeutet werden. Es bedeutet keine feindliche Gegeneinstellung, sondern eine gütig-wohlwollen­de, ehrfürchtige Freiheitshaltung jeglicher anderer Art gegenüber; hütet sich aber sorgfältig vor öder Gleichmacherei und vor Haltlosigkeit in Kopf und Wille und Herz. Man vergesse nicht, daß die heraufsteigende Zeit – ob wir wollen oder nicht – eine wohlwollend-duldsame Koexistenz der verschiedenen Glaubensbe­kenntnisse nebeneinander verlangt und rechtfertigt. Gerade deswegen ist bei aller Ehrfurcht vor fremder Überzeugung die Betonung des geistigen Anti so eminent wichtig.“[6]

Pater Kentenich sagt an einigen Stellen, dass er nicht nur die christologische, liturgische, biblische, mystische Strömung der zwanziger und dreißiger Jahre aufgegriffen, verarbeitet, assimiliert und gereinigt hat, sondern auch die ökumenische. So in dem langen Vortrag für die Schönstattpriester vom 28. Dezember 1965 in der Marienau[7]. Und in einem Vortrag für den sogenannten „Jungmännerbund“ am 28. Dezember 1965.[8]

Versöhnte Vielheit könnten wir danach das Konzept Kentenichs nennen. Ein Dreick aus Stehen zur eigenen Identität, vom andern lernen und ihm vom eigenen Reichtum schenken.[9]

3. Theologisch-religiöse Denkform.[10] Kentenich sieht das „Protestantische“ mehr als einen Typ des Denkens und sieht diesen z.T. auch in intellektuellen und theologischen Kreisen der katholischen Kirche, speziell seines Heimatlandes Deutschland mit seinem theologischen Neuaufbruch. Beim Thema Ökumenismus oder Anti-Ökumenismus geht er von der Denkform aus.

Mit seinen Kritiken meint er vielfach ebenso die katholische wie die evangelische Kirche. Zum einen die seiner Gegenwart. Aber dann auch die kirchliche Tradition insgesamt. Diese schätzt er als allzu spiritualistisch und supranaturalistisch ein. Und seit der Aufklärung, aber nicht erst, als zu intellektuell. „Idealistisch“ nennt er es. Gemeint ist „ideeistisch“, d.h. zu sehr an Ideen und Begriffen orientiert.[11]

Er prangert ein (theologisches) Denken an, das die vom Intellekt und dem geistigen Willen vollzogene Religiosität der auch von der Seele mit ihrer Eigengesetzlichkeit vollzogenen Religiosität zu sehr gegenüberstellt bzw. entgegenstellt und als alleinig zuständig für „richtiges“ religiöses Verhalten ansieht.

Hier ist das Begriffspaar Glaube und Religion zu nennen. Das protestantische (theologische) Denken sieht hier deutlich mehr einen Gegensatz als das katholische. Aber auch dieses, vor allem im theologischen Milieu, sieht da eher einen Gegensatz bzw. eine Gefahr für den „reinen“ und „wahren“ Glauben, als dass er das „Religiöse“ so ohne weiteres schätzen kann.

De facto wurde in der Vergangenheit der Ideeismus und der Supranaturalismus gemildert oder sogar integriert durch die lebensmäßigen Vorgänge des Religiösen. Dieses sieht Kentenich im katholischen Denken und vor allem Verhalten sehr viel mehr gegeben als im protestantischen. Umso mehr wehrt er sich, als kirchliche, vor allem intellektuelle und ebenso auch fortschrittliche Kreise, anfingen, dieses z.T. massiv anzugreifen und unter Druck zu setzen.

„Unser katholisches Volk hat sich von unseren Theologen noch nicht „ver­derben“ lassen, nur zum Teil. Unser Volk ist gesund geblieben. Gott sei Dank. Deswegen müssen wir beim Volk Anleihe machen. Es ist ein Frevel, unser echtes katholisches Volk zu verderben.“[12]

Das gemeinte Anliegen fasst Kentenich in dem Ausdruck „Organismuslehre“.

„Sie dürfen es mir nicht übel neh­men, wenn ich heute mehr noch als früher glaube überzeugt sein zu dürfen, dass alle unsere Reformbestre­bun­gen im deutschen Raume nicht zum Ziel kommen, wenn der Organismusgedan­ke nicht überall zur Geltung gebracht wird. (..) Ohne ihn gibt es keine tiefergehende Annäherung zwischen Protestan­ten und Katholiken, zwi­schen romanischer und germanischer Geistig­keit, zwischen okziden­taler und orientalischer Einstellung.“[13]

Verständlich wird die Aussage, wenn man unter Organismusgedanken tatsächlich die auch psychologische Sicht der Wirklichkeiten nimmt, die bisher lediglich philosophisch und theologisch begründet und dargestellt wurden und nicht auch psychologisch. Dabei geht es nicht nur um Pädagogik als solche, sondern um ein bewusstes Verstehen des in der Vergangenheit nicht eigens Bewusstgemach­ten und Reflek­tierten. Im Tiefsten geht es um die Rezeption der Psychologie und ihren „Einbau in das katho­lische Lehr- und Lebensgebäude“. Organisches Denken ist psychologisches Denken. Das Neue ist das „Bewusste“. In einer neuen, „zweiten Naivität“ (Ricoeur), gilt es das in der Vergangenheit „selbstverständlich“, „funktional“, unreflektiert Gelebte bewusst zu leben und zu vollziehen.[14]

Im protestantischen, okzidentalen und germanischen Denken findet J. Kente­nich ein stark ideenmäßiges Element, das das aus der Seele kommende psychologisch-religiöse Element nicht ohne weiteres anerkennt bzw. dem Ideenmäßigen, Philosophisch-Theologischen nicht zuordnen kann, ohne es gleichzeitig zu zerstören oder doch zu bagatellisieren und zu reduzieren.

Im katholischen, ostkirchlichen und romanischen Denken andererseits ist das aus der Seele kommende Element, lebens­kulturge­schichtlich gesehen, noch sehr kräftig vorhanden. So dass dieses Denken psychologisch-ganzheitli­cher ist, sich aber durch das ideenmäßige Element bedroht und angegriffen erlebt.

Das ist jedenfalls der Stand, wie ihn Kente­nich in den späten vierziger Jahren sah. Es gilt auch nicht für die ge­nann­ten Kulturkreise insgesamt, sondern eindeutig nur für den sehr geschlos­sen-abgeschlossenen kirchlichen Binnenbe­reich. In den ge­nannten Kulturkreisen insgesamt ist durch die Aufklärung in weitem Umfang das „selbstver­ständ­lich“-lebensmäßige Denken ver­loren gegangen. Seine Träger sind weitgehend aus der Kirche ausgewandert. Es hat deswegen in der Kirche selbst eine viel geringere Wirkung gehabt als in dem theologisch-philosophisch sehr sensibilisierten Raum des Katholizismus, und noch mehr des Protestantismus Mitteleuropas. 

4. Seelen- und menschengemäßes Christentum. Damit sind wir bei einem weiteren (zweiten) wichtigen ergänzenden und weiterführenden Beitrag Kentenichs. Die christliche Religion (katholisch wie evangelisch) soll so erneuert werden, dass sie „eine Gesundheits- und Gesundungslehre“ darstellt. Religion also unter dem Gesichtspunkt der seelischen Gesundheit und der seelisch-menschlichen Vollentfaltung.[15] Da hat Kentenich nun deutlich beide Konfessionen (Katholiken wie Protestanten) im Visier. Es handelt sich um Heilung des eben zitierten Spiritualismus und Ideeismus.

Und ebenso um die Überwindung einer zu negativen Sicht des Menschen, vor allem (gut aufklärerisch) des Irrationalen, der Gefühle und Triebe. Stichwort „böse“ Konkupiszenz, bzw. Konkupiszenz, die selbstredend einfach böse ist. Dann das negativ bedrohliche Gottesbild.

Die „Gerechtigkeit Gottes“ wird zum „Schicksalswort der christlichen Seelengeschichte“.[16] Luther hat hier mit sich und der abendländischen Christenheit gekämpft. Und J. Kentenich hat mit seiner eindringlichen Lehre vom barmherzigen Vatergott ebenso seinen Akzent gesetzt. Da ist inzwischen in den Kirchen eine neue Sicht entstanden, so dass Kentenich mit seinem Anliegen heute vielfach offene Türen einrennen würde. Und doch begegnet man diesen Vorgängen überraschend oft auch heute, auch bei jungen Menschen, so bald sie die Religion wirklich „ernst nehmen“.

Da hat das Zweite Vatikanische Konzil wichtige Arbeit geleistet. Seine Absicht war, die katholische Lehre so zu formulieren, dass sie attraktiv wird. Wenn Papst Benedikt in der letzten Zeit betont, dass es darum gehe, die Schönheit des Glaubens hervorzuheben, so geht dies genau in die Richtung des vom Konzil und auch Kentenich Gewollten. 

Das Konzil bleibt noch sehr bei einer spirituell-geistigen Sicht der Offenbarung stehen. Der eigentliche Schub hin zu einer ganzheitlich-positiven Sicht des Menschen und zum Ernstnehmen seiner Seele setzt, revolutionär, erst nach dem Konzil ein. Kentenich stellt geradezu hellseherisch-prophetisch fest: Das Konzil ist nicht weit genug gegangen. Es fehlt ihm die „Psychologie des Zweitursächlichen“. Mit Zweitursache ist mehr als ein Naturgesetz der Mensch gemeint und mit Psychologie die auch „affektbetonte Gebundenheit“ an die sinnenhaften Objekte und Personen. Und ebenso das, was der Ausdruck „Psychologie“ eigentlich zunächst sagt: die Gesetzmäßigkeiten, Fähigkeiten und Eigenbelange der Seele. Ihre Grundstimmung, Grundzüge, Affekte, Seelen-Triebe.

Gemeint ist zutiefst eine seelen- und menschengemäße Formulierung der christlichen Religion.

Zu diesem Thema gehört auch das, was Pater Kentenich über eine „neue Ich-, Du-, Wir- und Gottfindung“ zu sagen weiß. Diese geschieht „aus dem Naturreich der Seele heraus“, aus den Belangen der Tiefenseele, in einer Art epochalen kollektiven Pubertät und Adoleszenz als Weg zu einem neuen epochalen Erwachsensein. Der Neue Mensch und die Neue Gemeinschaft entstehen in der Zeit. Das Neue ist die Beachtung der Belange der Tiefenseele und des Irrationalen insgesamt, auch auf dem Gebiet des Religiösen.[17]

Also die gemeinsame Aufgabe von Katholiken wie Protestanten einer seelisch und menschlich stimmigen, hilfreichen und nicht so sehr den Menschen verneinenden und niederdrückenden Religion. Da geschieht sehr viel heute. Pater Kentenich hätte es mit seinen Anliegen heute sehr viel leichter. Ich nenne Anselm Grün, die Bemühungen der Jesuiten in Frankfurt und Innsbruck, die Begegnung mit dem Zen-Buddhismus und die völlig unübersehbare Landschaft der einschlägigen Veranstaltungen. Dazu die fast uferlose Literatur. 

5. Neue Ansätze hermeneutischer Art. Mehr und mehr ist, in manchen Kreisen, auch ein Verständnis gereift, dass Theologie auch Überbau sein kann über Annahmen vor-rationaler und vor-theologischer Art. Ich habe dies in meiner Publikation „Maria neu entdecken“ etwas herausgearbeitet. Das dort über Maria Gesagte hat aber Anwendung auch auf andere Themen.

„Es geht um einen epochalen Überprüfungs-, Neubegründungs- und Neugestal­tungs­prozess des Ma­ria­ni­schen, der nicht nur am Schreibtisch stattfinden kann. Mehr als um neue Themen geht es um neue Sichtweisen, neue Begründungen und Gestaltungen. Dabei sind folgende Gesichtspunkte zentral:

(1) Biblisch-heilsgeschichtlicher Gesichtspunkt.

(2) Gesichtspunkt der Würde und der Befreiung des Menschseins

(3) Gesichtspunkt der Frau und des Weiblichen, auch und gerade in ihrer aktiven Rolle und Bedeutung.

(4.) Gesichtspunkt der Psychologie und der menschlichen Seele.

Damit sind wichtige Zeitanliegen genannt. Von diesen her will bewusst auf die Offenbarungsinhalte geblickt werden. Jede Zeit hat ja ihre eigenen Zugänge zur Offenba­rung. Manches von dem, was eine Zeit erarbeitet hat, wird bleiben. Ebenso ist manches von dem, was neu entdeckt wird, auch in anderen Zeiten schon einmal „neu“ entdeckt worden. Dies gilt ganz allgemein. Wir wollen es aber vor allem beim marianischen Thema sehen.“[18]

6. (Erst-, Neu-) Lesung Schönstatts unter ökumenischem Gesichtspunkt. Ein wichtiges Interpretationsprinzip Kentenichs, das er selbst vielfach sehr ausführlich praktiziert hat, ist die Lektüre des Eigenen unter dem Gesichtspunkt einer Fragestellung, die aus der Zeit kommt. Z.B. 1947/1948 die Lesung seiner Gründung unter dem Gesichtspunkt der Säkularinstitute.[19] Oder 1968 unter dem Gesichtspunkt des „neuen soziologischen Denkens“.[20]

Ebenso hat er programmatisch aufgerufen, nicht nur in die Schule des Eigenen, der eigenen Geschichte, zu gehen, sondern auch in die Schule des Konzils. Auch ist die Schule des Eigenen nicht genügend ergiebig und lehrreich ohne die gleichzeitige Sensibilisierung durch die Schule des Konzils. Diese erst ließ mit der notwendigen Deutlichkeit erkennen, was alles im Eigenen alles an Konziliarem enthalten ist.[21]

Ebenso wies Kentenich darauf hin, dass noch aussteht, in die Schule der Moderne zu gehen. „Jetzt noch nicht“, aber die nächste bzw. übernächste Generation müsse das tun. Dieser Aufforderung habe ich mich in all den Jahren verpflichtet gefühlt.[22]

Etwas Ähnliches steht jetzt an betreffs Ökumenismus. Also in die Schule des Ökumenismus gehen. Zunächst gilt es, einfach den Spuren nachzugehen, die in Schönstatt in diese Richtung weisen. Ich beziehe mich hier auf den Ökumenismus betreffs der evangelischen Kirchen. Man kann bei Kentenich wohl zu keiner Zeit von einer unüberwindlichen Berührungsscheu mit den Protestanten reden. So verweist er bereits 1933 auf eine wichtige Gemeinsamkeit seines Denkens mit dem protestantischen in der Frage des Fiduzialglaubens.

„Wie lange arbeitet jetzt schon der Protestantismus? Man sagt sonst, die höchste Zeit, die man einer Sekte zuschreiben kann, wären 300 Jahre. Man meint, der Protestantismus würde zerbrö­keln. Der Protestantismus ist schon vierhundert Jahre alt. Es muß also doch viel Lebenskraft in ihm stecken. Das, was ihm noch Halt gibt, ist eine katholische Wahrheit, die im Katholizismus zur Zeit der Reformation stark vernachlässigt wurde: Der Kindschaft-Gottes-Gedanke, der Fiduzialglaube. Da haben Sie unsere Art: Organismuslehre. Wir sehen alles in der Seinsordnung. Die heutige Zeit hat das, was der Protestantismus betont, so notwendig, den Kindschafts-Gottes-Gedanken. Wir sollten alle danach ringen, uns ein Stück Fiduzialglauben zu retten; denn wir stecken zu stark in einem Kerker der Selbstzer­faserung. Wir müssen das unerschüt­terliche Vertrauen bekommen: „er in uns und wir in ihm“. Nicht die Eigentätigkeit ganz unterminieren, aber wir brauchen heute vor allem das Getragenwer­den von Gottes Kraft. Er wird alles in uns machen. Gottes Allmacht wird durch unsere Ohnmacht verherr­licht werden müssen.“[23]

Nicht nur weist dieser Text auf positive Begegnungsmomente hin (Kindschafts-Gottes-Gedanke, Fiduzial­glaube). Wir Katholiken sollten sogar vom Protestantismus lernen. Auch wird in diesem Text die These vom ständig weitergehenden Zerfall anders gesehen als andere Ausdrücke P. Kentenichs und der Schönstatt-Bewegung es oft nahelegen, die allen Zerfall auf die Wurzel der Reformation zurückzuführen scheinen. Der Text ist aus einer Zeit, in der ökumenische Anliegen es ausgesprochen schwer hatten und sofort unter den Verdacht der Häresie fielen.

Oft geht Pater Kentenich auch der Frage nach, wie die exemplarische Bedeutung des protestantischen Pfarrhauses eine Entsprechung finden könne im katholischen Raum.

Gelegentlich weist Kentenich darauf hin, dass mit dem Auszug des Protestantismus aus der katholischen Kirche und damit eines großen deutschen Anteils das dem deutschen Denken und Empfinden wichtige Anliegen der Beseeltheit zu wenig in die katholische Kirche der Neuzeit eingebracht wurde. Ich zitiere den Hinweis aus dem Gedächtnis und hoffe, eines Tages den entsprechenden Text wieder zu finden.

Im KZ pflegt J. Kentenich vielfältigen Umgang mit protestantischen Pastoren. Manche von ihnen hat er auch nachher noch besucht. Er reiste z.B. in die Anstalten von Pastor Bodelschwingh.

Aber zutiefst geht es um eine Lektüre des Denkens Kentenichs und seiner Spiritualität unter dem Gesichtspunkt des Ökumenismus. Eine solche zeigt, dass dieses sehr vieles dazu enthält und geben kann, auch da, wo nicht ausdrücklich die Rede davon ist. Ich hebe das stark entwickelte biblische und ausgesprochen heilsgeschichtliche Denken Kentenichs.[24]

Diese Dimension könnte in der Begegnung mit dem biblischen Denken der evangelischen Kirchen noch deutlicher herausgearbeitet werden. Darauf weist Kentenich gelegentlich hin:

„Biblisch alles tiefer begründen, was wir wollen. Sehen Sie, ich sage das deswegen, weil ja bei uns auch Kreise da sind, die den Zug haben, biblisch tiefer, umgreifender, umfassender zu sein und tatsächlich, alles, was wir so lehren und sagen, auf diese Quelle zurückzuführen. Ich meine das sollten wir alles unterstützen, was in irgendeiner Weise im Geiste Schönstatts oder aus Schönstatt und für Schönstatt gedacht wird.“[25]

Hier wäre es interessant, einen ausführlichen Vergleich zwischen dem Praktischen Vorsehungsglauben Schönstatts und der Lehre vom Glaubensgehorsam und der Praxis der Gotteserfahrung im evangelischen Raum zu machen. Und ebenso mit der Art, in der die biblischen Schriftsteller denken.

Oft weist Pater Kentenich darauf hin, dass speziell das deutsche theologische Denken wegen seiner Skepsis gegenüber Wundern und Erscheinungen, die es mit den Protestanten teilt, eine Sendung hat, die Bekundung Gottes im praktischen Vorsehungsglauben besonders zu betonen.

„Von Anfang an wähnten wir gerade unter diesem Gesichtspunkte eine große Sendung für die ganze heutige Menschheit, besonders aber für den deutschen Kulturraum zu haben. (…)Wir haben zudem von Anfang an die stille Überzeugung genährt, gerade wegen dieser Stellung zum Vorsehungsglauben eine besondere Sendung für den deutschen Raum und den deutschen Menschen zu haben. Weil der deutsche Mensch vornehmlich in vielen gebildeten Vertretern von Haus aus oder infolge protestantischer und idealistischer Beeinflussung eine gewisse Abwehr gegen jegliche Berufung auf außergewöhnlich Phänomene hat, ist Schönstatt mit seiner geistigen Art in besonderer Weise für ihn geeignet.“ [26]

Weiter nenne ich die Betonung des Laien und des allgemeinen Priestertums.

Ebenso ist zu nennen das Thema der Gottunmittelbarkeit, wie sie sich im kentenichschen Bundesdenken ausdrückt. Der Bund als Grundform seiner Spiritualität stellt die Unmittelbarkeit der  Gottesbeziehung ins Zentrum. Allerdings ist auch gleichzeitig die Vermittlung durch Zweitursachen hineingearbeitet.[27]

Ein weiteres Thema, dem wir bei unserer ökumenischen Lektüre der Schönstatt-Spiritualität begegnen ist die Aufarbeitung des Lebensvorgangs Sünde und Erlösung und die kentenichsche Lehre über das Thema „Gerechtigkeit Gottes bzw. Barmherzige Liebe Gottes“ als dem jeweiligen „Welt-, Lebens- und Erziehungsgesetz“. Das Thema, das Luther gemartert hat und das Thema der Theresia von Lisieux.[28]

Zu nennen ist sodann die Betonung einer Kirche, die ganz vom Heiligen Geist geleitet wird und sich nicht so sehr auf irdische Sicherungen abstützt. Ebenso die Betonung der Subjektivität im Umgang mit dem Wort Gottes in den evangelischen Kirchen und die Bedeutung der Seelenstimmen in Schönstatt. Und insgesamt die Betonung der Freiheit.

Auch wäre es interessant, einen Vergleich zwischen der geistig-seelisch-leiblichen Krise P. Kentenichs in seiner Noviziats- und Studentenzeit mit der Krise des jungen Luthers zu erarbeiten.

Weiter: Michael Marmann hat in der letzten Zeit vielfach auch auf die soziologische Kategorie des Föderalismus, wie sie zutiefst in der Gründung Kentenichs steckt und dort praktiziert wird, hingewiesen.[29] Auch dies ein Beitrag, den Schönstatt freigibt, wenn man es unter dem Gesichtspunkt des Ökumenismus (neu oder zum ersten Mal) liest. 

Maria. Sie ist für Protestanten der Inbegriff des Katholischen.  Da sind wir Katholiken die Gebenden. Von den Protestanten dürfen wir uns deutlicher auf die heilsgeschichtliche Perspektive der Mariologie hinweisen lassen, ähnlich wie dies Lumen Gentium tut. Auch kann die starke Betonung der Christozentrik des Marianischen, wie sie Kentenich eigen ist, eine wichtige Brücke sein. [30]

7. Konkreter Ökumenismus. Was das gegenseitige Geben und Nehmen betrifft, so hat der theologische Impuls der evangelischen Kirchen große Bedeutung im katholischen Bereich erlangt. So stark, zeitenweise und mancher Orts, dass manche von einer Protestantisierung der Kirche reden. Aber letztlich ist es der Impuls des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Auf der anderen Seite, gut katholisch, vollzieht sich von der katholischen Kirche her ein wichtiger Transfer von Symbolen und Gebräuchen hin zur evangelischen Kirche (liturgische Gewänder, Feier der Osternacht. Bilder, Kerzen). Selbst ein so lange für typisch katholisch gehaltenes Wort wie „fasten“ ist inzwischen ein allgemein christliches oder menschliches Wort geworden. Und auch betreffs Maria hat sich manche Berührungsscheu oder Befangenheit etwas gelöst oder und gelockert.[31]

Wichtig ist dann auch de neue Akzent der durch die ökumenischen Treffen der geistlichen Gemeinschaften beider Kirchen in Erscheinung tritt. Dort geht es nicht um theologische Dispute, um Amts- bzw. Eucharistieverständnis, sondern um Gott, wie er durchaus auch außerkirchliche im Alltag erfahren werden kann.

8. Organisches Denken[32] Mit dem Gesagten werden die negativen Einwendungen Kentenichs nicht gegenstandslos. Im Gegenteil. Die oben genannten heilsgeschichtlich-personal-existentiellen Dimensionen der Spiritualität fallen allzu leicht in einen Spiritualismus und Ideeimus, wenn sie nicht durch den Aspekt des Organischen sozusagen unterfüttert, geerdet und verleiblicht sind, bzw. in diesem, als den gleichsam irrationalen Wurzeln des Glaubens wurzeln können. Da sind die kentenichschen „praemabula fidei irrationabilia“ wichtig und alles zum Organischen und Psychologischen Gesagten. Da müssen beide Kirchen noch lernen, vor allem ihre Theologen. Da hat das Katholische und vor allem Schönstatt ein Plus an religiöser Sinnenhaftigkeit und Dinglichkeit, die es neu zu begreifen, zu begründen und einzubringen gilt.

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[1] Vergl. dazu die Publikation: Pater Joseph Kentenich: Texte zur Ostsendung, hrsg. von Rudolf Chrysostomos Grill. Patris Verlag, Vallendar-Schönstatt 1991.

[2] Vergl. Herbert King (Hrsg.): Joseph Kentenich -ein Durchblick in Texten, Band 4, 540-554 und Band 1, 28 f.

[3] Dass neue Menschen werden (1951). Schönstatt-Verlag, Vallendar 1971, 28, 33, 153.

[4] Durchblick in Texten, Band 1, 13-22 (Hermeneutische Überlegungen zum schriftlichen Werk Joseph Kentenichs).

[5] Gebet vom 24. April 1964. In: An seine Pars motrix, 2. Manuskriptdruck, 19 f.

[6] Kurz-Studie 1963. Unveröffentlicht, 5. Zugänglich in: Durchblick in Texten, Band 4, 184.

[7] Vortrag vom 28. Dezember 1965. In: Vorträge II (1965), 36.

[8] Erster Vortrag vor dem Jungmännerbund in der Marienau am 29. Dezember 1965. In: Vorträge, II (1965), 119 und 121. Dort ist der Vorgang der Aufnahme und Verarbeitung der genannten Strömungen entsprechend dargestellt.

[9] Vergl. Herbert King: Maria neu entdecken. Patris Verlag, Vallendar-Schönstatt, 2006, 47 f.

[10] Durchblick in Texten, Band 4, 17-44 (Geistesgeschichtiche Überlegung: Geschichte des menschlichen Denkens und Lebens unter dem Gesichtspunkt des Organischen).                Vergl. zum Thema der unterschiedlichen Denkform die sehr lesenswerte Abhandlung von Nipperdey in: Ders.: Nachdenken über die deutsche Geschichte. dtv, München 36-51.

[11] Herbert King: Der Mensch Joseph Kentenich, Patris Verlag, Vallendar 1996, 16 f.

[12] Oktoberwoche 1950. Manuskriptdruck, 132 f.

[13] Aus: Brief vom 13. Juli 1955 an Pater Menningen. Unveröffentlicht. Das Zitat findet sich in: Durchblick in Texten, Band 3, 481 f.

[14] Durchblick in Texten, Band 3, 339-488, zusammengefasst S. 339-343.

[15] Durchblick in Texten, Band 1, 387-389. Vergl. insgesamt den Abschnitt 9 (Religiöse Psychologie), ebd., 373-394.

[16] Vergl. Herbert King: Gott des Lebens. Patris Verlag, Vallendar-Schönstatt 2001, 107-126.

[17] Durchblick in Texten, Band 1, 69-79.In den letzten Jahren seines Lebens hat Pater Kentenich bei wohl allen Schönstatt-Gemeinschaften dieses Thema in mehr oder weniger den gleichen Worten erörtert.

[18] Herbert King: Maria neu entdecken, 132 f.

[19] Durchblick in Texten, Band 1, 35 f.

[20] Durchblick in Texten, Band 3, 95-115.

[21] Herbert King: Pater Kentenich und das Zweite Vatikanische Konzil. In: Regnum 39 (2005), 147-159, besonders 150-154 (In der Schule des Konzils).

[22] Herbert King: Ebd., 157 f. (In der Schule der „neuesten Zeit“).

Ders.: Neues Bewusstsein. Patris Verlag, Vallendar 1995, 94-106 (Zwischen Zweitem Vatikanischen Konzil und der Jahrtausendwende), besonders, 103-105.

[23] Das Schönstattgeheimnis. Nachschrift der Weihnachts­tagung 1933 für Weihekurse, 27. – 30.12.1933. In: Pater Joseph Kentenich: Das Schönstatt-Geheimnis. Vorträge. Briefe. Als Manuskriptdruck hrsg. von Heiner Hug, 284 f. Es ist allerdings kein wörtlicher Text.

[24] Vergl.Herbert King: Gottes Spur und Bild sehen. In: Regnum 36 (2004),145-156.

Ders.: Gott des Lebens, 36-60 (Sprechen Gottes in der Seele).

Siehe auch: Lebendiges Zeugnis 61 (2006) mit dem Thema: Dem Gott des Lebens auf der Spur. Beiträge zu einer Gott-des-Lebens-Theologie. Ein Heft, in dem ein Team von Schönstättern und Schönstätterinnen den praktischen Vorsehungsglauben, wie Kentenich ihn lehrt und praktiziert, reflektieren und zur Sprache bringen.

[25] An seine Pars motrix, Band 9. Manuskriptdruck, 156. Zitiert in: Regnum 40 (2006), 85.

[26] Brief an den Generalobern Möhler 1956. Unveröffentlicht, 255.

[27] Herbert King: Leben im Bund. Schönstatt-Verlag, Vallendar-Schönstatt 2002.

[28] Ausführliches dazu in: Herbert King: Gott des Lebens, 86-126 (Lebensvorgang Schuld, Schwäche und Erlösung).

[29] Michael Marmann: Schönstatt und die Ökumene. Plädoyer für ein neues Thema – aus der Sicht P. Joseph Kentenichs. In Regnum 38 (2004), 67-75.

[30] Herbert King: Maria neu entdecken, 41-48 (Ökumenische Spiritualität). 75-80 (Geist der Neuzeit und Nach-Neuzeit).

Sehr interessant und instruktiv in diesem Zusammenhang  die Dissertation des protestantischen Pastors von Hinrich E. Bues: Christwerden im Geiste Marias. Charisma und Geschichte der Darmstätter und Schönstätter Marienschwestern. Eine Studie zur missionarischen Spiritualität Neuer Geistlicher Gemeinschaften. Eingereicht an der Phil.-Theologischen Hochschule Vallendar. Patris Verlag 2006.

[31] Herbert King: Maria neu entdecken, 41-48.

[32] Herbert King: Anschluss finden an die religiösen Kräfte der Seele. Patris Verlag, Vallendar-Schönstatt, 1999.

Ders.: Seelsorge als Dienst am Leben aus der Sicht Joseph Kentenichs. Patris Verlag 2000.

Ders.: Plädoyer für ein ganzheitliches Denken, Leben und Lieben. In: Ders., Inge Birk, Joachim Schmiedl: Auf der Suche nach ganzheitlichem Leben. Organisches Denken und marianische Kultur. Stuttgarter Beiträge 1. Patris Verlag 1991, 9-40.

Ein Kommentar zu “Pater Josef Kentenich – SCHÖNSTATT UND DAS ÖKUMENISCHE ANLIEGEN

  1. Die Schönstattbewegung habe ich als Jugendlicher durch drei in unserer Pfarrei am Ostrand Stuttgarts als Team wirkende Schönstattpriester kennengelernt. Zwei derselben (Mitglieder des „Schönstatt-Instituts Diözesanpriester“) hielten in dem Jahrzehnt nach dem Tod Kentenichs (1968) Zeltlager für „Jungmänner“ in der Nähe von Rottenburg/Neckar ab. Einige Male hatte ich auch daran teilgenommen. Für einige Jahre war ich auch Leiter einer Jugendgruppe der Schönstatt-Mannesjugend in unserer Gemeinde.

    Nach meinem Abitur (1976) war ich Postulant der Schönstattpatres und als solcher zuerst – zusammen mit zwei anderen – zum Vertiefen meiner englischen Sprachkenntnisse an einem College im Südosten Irlands (zwei weitere deutsche Postulanten waren in einem College in der Nähe Dublins), danach für ein Jahr in der Patres-Filiale in München.

    Zum Noviziat nicht zugelassen (die genauen Gründe der Ablehnung sind mir bis heute nicht bekannt), war ich während meines Theologiestudiums zeitweise auch Mitglied der Ligagliederung „Schönstatt-Theologengemeinschaft“ (1979-1983). Meine Diplomarbeit habe ich beim damaligen Tübinger Dogmatikprofessor Walter Kasper zum – von Kentenich inspirierten – Thema „Der Personalcharakter Mariens als Grundprinzip der Mariologie bei Matthias Josef Scheeben“ geschrieben. Ich erhielt dafür die Note 2,5.

    Auch nach dem Studium habe ich mich intensiv mit Kentenich und der Schönstattbewegung beschäftigt.

    Aus heutiger Sicht (nach der Lektüre des Buchs „Die Verfinsterung der Kirche“ und der Seite http://www.kirchenlehre.com bin ich im Juli 2005 aus der Konzilssekte ausgetreten) bietet sich mir hinsichtlich Kentenichs folgendes Bild:

    1. Das Grundanliegen Kentenichs war weniger ein theologisches oder missionarisch-apostolisches im Sinne einer „Vertiefung und Verbreitung des katholischen Glaubens“ (Vinzenz Pallotti), vielmehr ein reformerisches im Sinne einer „Kultivierung des eigenen Ich“ (Selbsterziehung), der Einführung neuer pädagogischer Methoden in die Kirche, des Ersetzens der klassischen Orden durch gelübdelose „Säkularinstitute“, der Förderung der historisch-kritischen Bibelexegese, der Umgestaltung der Liturgie usw., letztlich der Modernisierung der Kirche ganz im Sinne der Kirchenfeinde – der Talmudjuden und ihrer Helfershelfer, den Freimaurern.

    2. Das Zweite Vatikanum wurde bis heute noch von keinem Schönstatt-Theologen an irgendeiner Stelle kritisiert, im Gegenteil: Kentenich selbst bezeichnete seine Gründung als „Vorwegnahme“ dieses falschen „Pastoral“-Konzils. Wenn er es kritisierte, dann allenfalls dahingehend, dass es in seinen Augen nur ein Anfang war. Seine Epigonen haben bis heute nicht die Anliegen „der Tradition“ auf-, geschweige denn begriffen und die häretischen Texte des 2. VK als solche erkannt und verurteilt.

    3. Kentenich hat sich nie ernsthaft mit dem Talmudismus oder dem Islam und deren Irrlehren auseinandergesetzt. Auch nicht mit den Anliegen der Deutschen Christen oder der Nationalsozialisten, an denen er keine Stelle sah, auf die „das Taufwasser auftreffen“ könne. Friedrich Delitzsch, Artur Dinter oder Alfred Rosenberg (dieser hat immerhin die antitalmudistische Schrift des Katholiken Henri Roger Gougenot des Mousseaux ins Deutsche übertragen, was vor ihm kein deutscher Katholik geschafft hatte) waren für ihn keine Dialogpartner, sondern allenfalls – wie für das Gros der damaligen und heutigen Hierarchen à la Faul(em Recht)haber & Ko. – zu verachtende „Neudheiden“.

    4. Allerdings hat Kentenich auch die Gefahr gesehen, dass einerseits Nichtchristen als „anonyme Christen“ ohne Taufe und Bekehrung „eingemeindet“ werden, gleichzeitig aber so und so viele Katholiken zu „anonymen Heiden“ werden (Kentenich in einem in der Marienau in Vallendar-Schönstatt im Nov. 1967 gehaltenen Exerzitienvortrag, in dem u.a. die Schrift „Cordula“ von Hans Urs von Balthasar zitiert und kommentiert wird: „Wieviele von uns sind anonyme Heiden“!).

    Wer Material zum Thema sucht, wird auf der Seite des „Jungen Schönstatt“ fündig (insgesamt 10 Kentenich-Texte auf knapp 100 Seiten; darunter auch der soeben erwähnte Exerzitienvortrag):
    http://www.junges-schoenstatt.de/index.php?pagId=254

    Ich wünsche guten Gebrauch!

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