(Kardinal) LOUIS BILLOT: Der Leib der Auferstehenden derselbe wie früher

Aus: Quaestiones de Novissimis, Rom 31908, S. 168-184,
übersetzt und gekürzt von Prof. Dr. Raphael v. Rhein, Fulda

Die überlieferte Glaubensregel lehrt deutlich, daß der Leib der Auferstehenden der gleiche sein wird wie früher. Woher die Identität des Individuums abzuleiten sei, bestimmt sie nicht ausdrücklich. Wie es scheint, ist es genug, wenn sie von der Identität der Seele abgeleitet wird.

Es soll nun nach der wissenschaftlichen Entfaltung des Dogmas gefragt werden. Aber hierüber findet sich nichts Bestimmtes in der Glaubensregel; es bleibt vielmehr Raum für Meinungen, wie sie auch in dieser Frage aufgekommen und bei St. Thomas, Suppl. q. 80 a 4 zu lesen sind.

… Sicherlich, wenn der menschliche Leib unabhängig von der Seele eine Substanz wäre, wenn er identisch bleiben könnte sowohl im Zustand der Trennung wie im Zustand der Vereinigung; wenn er schließlich aus Atomen und Molekülen bestünde nach der Meinung jener, denen die Hypothesen und Vermutungen der neueren Physiker in dieser Frage gefielen, dann würde fürwahr daraus folgen, daß die Identität der Auferstehenden unmöglich sei, wenn nicht die gleichen Atome, die gleichen Moleküle, schließlich die gleichen bestimmten Teile wiederhergestellt sind, aus denen der entseelte Leib bestand, in dem Augenblick, da er von der Seele getrennt und wie abgezogen wurde.*)

Dann wären jene endlosen Fragen, und zwar die lästigsten, mit denen das Dogma von der Auferstehung gewöhnlich bekämpft wird, am Platz: die Frage nach den Menschenfressern und vor allem nach den von Menschenfressern abstammenden, die ihr ganzes Leben lang nur menschliches Fleisch gegessen haben; die Frage wegen der Menschen, die von Tieren verschlungen wurden, von deren Fleisch wieder andere Menschen sich ernähren; die Frage mit den Leichen, die der Erde anvertraut, in Humus, dann in Pflanzen, in Gemüse oder Getreide oder in irgendwelche andere Früchte verwandelt werden, die für die menschliche Ernährung taugen; Fragen schließlich, für die die Tage nicht ausreichen, wegen  des unaufhörlichen Austausches des Stoffes, durch den aus allem Möglichen alles Mögliche werden kann, und weiter jedwedes Ding in beliebig andere übergeht. Wenn dann von Atomen und Molekülen die Rede sein sollte, die mit der eigenen Substantialität unter jeder Form ihre Individualität bewahren, dann könnte mit Fug und Recht gefragt werden, wie in den gleichen Leibern jene auferstehen, die ganz aus fremden (Leibern) bestehen.

Wie nämlich aus den verschiedenen Formen, die in dem gleichen Stoff aufeinander folgen, verschiedene Individuen herauskommen, so gilt auch, wenn ein und derselben Form jeweils ein anderer Stoff unterlegt wird, daß ein und dasselbe Individuum bleibt. Sonst nämlich wäre, wer früher Kind war und nun ein Mann geworden ist, nicht mehr der Zahl nach derselbe Mensch, was ungereimt wäre. Träume nicht, es gäbe eine größere Identität zwischen Titius, der aufersteht, und Titius, der gerade am Sterben ist, als jene (Identität), die zwischen Titius bei der Geburt, beim heranwachsenden, alternden oder sterbenden bestand.

Anders freilich ist die logische Beziehung (relatio rationis), die darauf gründet, daß die Leiche stofflich oder dem Sinneseindruck nach das zuvor bestehende Individuum fortsetzt. Diese logische Beziehung fürwahr bewirkt, daß nach Sitte und Brauch aller Menschen, die Leiche immer der Zahl nach der Leib des Titius ist und als solcher auch bei dem Beerdigungsritus geehrt wird. Sie bietet auch die Grundlage für die Verehrung der Reliquien, die ja ganz bezogen ist auf die Person oder auf jenen vorzüglicheren Teil der Person, der noch identisch verblieb: auf die Seele. Wir verehren die Reliquien, wie wir Bilder verehren. Ebenso zählen wir zu den Reliquien nicht nur den Leib und die Körperteile, sondern auch die Kleider, die Autographen und was immer zum Gebrauch der Verstorbenen gehörte. Wenn dann einige Reliquien vor anderen als vorzüglichere hochgeschätzt werde, dann deshalb, weil sie auf Grund der unseren Sinnen deutlicheren Beziehung enger und näher an das Suppositum heranreichen.

Zu bedenken ist daher auch, daß dort, wo dieselbe Form ist, dasselbe Sosein (ens) und dasselbe Dasein (esse) vorhanden sind, so daß nichts weiter schlechthin zur Einheit des Individuums gefordert wird. Von daher ergibt sich, daß Knabe und Mann nicht zwei Individuen sind, sondern ein und dasselbe,   unbehindert von allen Veränderungen, die in der Materie stattgefunden haben. Wenn das Kind Mann wird, geht immer wieder die ganze Materie verloren und andere wird an die Stelle nachgeliefert, und als Materie ist sie wirklich eine andere, aber sie wird zur Einheit des Suppositums einbezogen, weil sie immer der gleichen Form unterlegt wird.

Demnach, da Gott im Augenblick bewirken kann, was die Natur in einem Prozeß tut, kann er auch machen, daß ein Toter aufersteht, der keinen einzigen Teil der Materie an sich hat, die er vor dem Tode besaß. Er kann auch bewirken, daß an Stelle eines Kindes ein Erwachsener aufersteht, und zwar eben dieser Erwachsene, was seinen Leib und seine Materie betrifft, der dann existiert hätte, wenn der als Kind gestorbene eine bestimmte Zahl an Jahren erreicht hätte. Und so erscheint es vom ersten bis zum letzten Punkte deutlich, daß zur Identität des auferstehenden Leibes die Identität der Form, d. h. der Seele genügt, ohne daß wir, damit das Dogma der Auferstehung unbeschädigt und gesichert bleibt, uns auch noch um die Identität der Materie, aus der der sterbende Mensch bestand, Sorge machen müßten.

*

Die Schrift lehrt uns nirgends etwas anderes als die Auferstehung der Toten, d. h. die Wiederherstellung des Menschen dem Leibe nach, und zwar als der Zahl nach des gleichen Menschen, der er früher war, wie es ja der Name resurrectio (Wieder-aufstehen) anzeigt. Um die Wahrheit einer solchen Wiederherstellung zu sichern, genügt die seinsmäßige und wie bisher schlechthin klar beschriebene Identität. Wenn die Väter und die Konzilien nachdrücklich darauf bestehen, daß die Auferstehung in eben diesem Fleische geschieht, das wir jetzt an uns tragen, in dem wir jetzt leben, in dem wir jetzt bestehen, in dem wir jetzt uns bewegen, dann ist zu sagen: jene Redeweisen zielen nicht dahin, die Notwendigkeit auch der materiellen Identität zu behaupten; sie scheint in sich gesehen unerheblich. Vielmehr werden sie vorgebracht, um den Irrtum jener auszuschließen, die nach Origenes lehrten, daß die Leiber der Auferstehenden wie der Luft, den Winden oder dem Hauch ähnlich sein werden, die nicht betastet werden, mit den Augen nicht gesehen würden, nicht aus verschiedenartigen Gliedern bestnden und deshalb nicht Körper aus Fleisch, nicht menschliche Körper wären, sondern von einer anderen Art, von einer anderen Substanz. Für solche Auffassungen liefern die Zeugnisse der alten Tradition Beweise in Fülle.

In dem Fleisch, das sie trugen, werden jene auferstehen können, die entweder als ungeborene oder vom Mutterschoße weg gestorben sind. Sie werden dennoch das Ausmaß eines vollkommen Menschen in der zukünftigen Auferstehung ohne Zweifel erreichen. Wenn die Materie, die vorher im Leibe eines Greises war, wiederhergestellt würde, dann wäre der auferstehende Leib nicht identisch mit dem Leib des Jünglings; und umgekehrt.

Nun aber lehrt die Glaubensregel, daß wir auferstehen werden in dem Fleisch, das wir jetzt tragen, ohne daß dabei die verschiedenen Altersstufen unseres sterblichen Lebens unterschieden werden. Das ist ein Zeichen, das auf eine Identität hinweist, die auf eine rein materielle Identität verzichtet und der Natur des Menschen entspricht, der von einer unsterblichen Seele informiert wird, immer schlechthin derselbe Leib ist, was immer auch mit den Veränderungen sein mag, die in ihm, der Materie nach, vorkommen oder vorkommen können.

Du wirst einwenden: Die Kirche erweist den Leibern der Verstorbenen Ehre und heißt, sie unversehrt zu erhalten, und sie mißbilligt die Sitte der Einäscherung. Sie weiht Friedhöfe als heilige Stätten, in denen die Toten in der Erwartung der seligen Hoffnung und der Wiederkunft der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes liegen. Sie will schließlich auch, daß wir nicht trauern wie die Heiden, die keine Hoffnung haben, sondern die Gräber jener, über deren Verlust wir trauern, in treuer Verehrung besuchen, da diese doch die Reste enthalten, die einmal aus der Erde auferstehen sollen. Sie zweifelt daher nicht, daß eben diese Materie, die in den Leichen der Verstorbenen ist, am Jüngsten Tage mit der Seele vereint werden soll.

Ich antworte zuerst, daß dies nicht aus dem bisher Gesagten folge, daß die Materie der Leichen in der Tat nicht aufgenommen werde bei der letzten Auferstehung. Vielmehr folgt nur, daß es in keiner Weise notwendig sei, daß jeder einzelne auferstehen müsse in einer bestimmten Materie, die er im Sterben aufgab; daß dann die Schwierigkeiten, die mit der Begründung gemacht werden, daß eben die gleiche Materie dieselbe gewesen sei oder gewesen sein könnte, die vielen Individuen im Laufe der Zeit gemeinsam war, durchaus beseitegelassen werden können, weil sie das Dogma der Auferstehung, wie es in der Glaubensregel vorgelegt wird, in keiner Weise berühren.

Ich füge hinzu, daß die angeführten Gründe nicht beweisen, was sie wollen. Die Kirche ehrt zwar die Leiber der Verstorbenen, doch in ihrer Ehrbezeugung wendet sie sich den entschlafenen Menschen als Personen zu, die in Christus ruhen, denen die sichere Hoffnung gegeben ist, daß sie die Körper in seliger Unsterblichkeit wiederbekommen, was immer auch sein mag mit der Frage, ob die Körper wieder aufzunehmen seien mit eben der gleichen bestimmten Materie, wie sie jetzt im Leichnam ist. Sie mißbilligt auch die Einäscherung. Nicht, weil, was ja ganz einleuchtend ist, die Einäscherung gegenüber der einfachen Erdbestattung etwas enthalten könnte, was wahrhaft der zukünftigen Auferstehung entgegenstünde, sondern weil die Sitte der Einäscherung aus dem Heidentum eingeführt wurde aus Haß gegen die christliche Religion. Sie will die heilsame Erinnerung an die Toten zusammen mit dem mahnenden Hinweis auf das ewige Leben ausräumen. Die Feuerbestattung wurde von ihren Befürwortern erfunden, um die Menschen zu überzeugen, daß nach dem Tode vom Menschen nichts übrig bleibe, vielmehr daß er letztlich und endgültig ganz in die allgemeine Stoffmasse zurückkehre, aus der er früher genommen wurde.

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*) Heute wird kein Physiker das Atom als etwas in sich Bestehendes zu definieren wagen; sondern nur versuchen, es als etwas in seinen Zuständen durch Gleichungen Faßbares zu beschreiben. Moleküle sind für die Biologen keine fixen Bausteine, aus denen der Körper besteht. Das Lebendige baut sich vielmehr selbst seine Moleküle auf, baut sie um oder ab, wie es ihm jeweils gemäß ist. (W. Schamoni)

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Quelle: „Theologisches„, Nr. 162, Oktober 1983, Sp. 5415-5417. Online: http://www.theologisches.net/files/1983_Nr.162.pdf

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Siehe auch:

Zu Kardinal Louis Billot:

4 Kommentare zu “(Kardinal) LOUIS BILLOT: Der Leib der Auferstehenden derselbe wie früher

  1. „Die Schrift lehrt uns nirgends etwas anderes als die Auferstehung der Toten, d. h. die Wiederherstellung des Menschen dem Leibe nach …“
    Das Credo schon „credo in carnis resurrectionem“!

    „Auferstehung der Toten“ wird hier im Text von Billot bereits als „Wiederherstellung des Menschen dem Leibe nach “ interpretiert.

    Man könnte „Auferstehung der Toten“ auch als „Wiederherstellung des Menschen dem Bewusstsein nach“ oder als „Wiederherstellung des Menschen dem Erinnern nach“ oder als „Wiederherstellung des Menschen der Gemeinschaft nach“ oder als „Wiederherstellung des Menschen in abgewandelter Form“ oder sonstwie interpretieren.

    Da aber von all den alternativen Interpretationen für „Auferstehung der Toten“ nur „Wiederherstellung des Menschen dem Leibe nach“ den katholischen Sinngehalt wiedergibt, sollte man folgerichtig auch von „Auferstehung des Fleisches“ (carnis) sprechen.

    Es trifft die objektive Wahrheit der Auferstehung – allen naturwissenschaftlichen Spitzfindigkeiten zum trotz – einfach am besten.

  2. „…um den Irrtum jener auszuschließen, die nach Origenes lehrten, daß die Leiber der Auferstehenden wie der Luft, den Winden oder dem Hauch ähnlich sein werden, die nicht betastet werden, mit den Augen nicht gesehen würden, nicht aus verschiedenartigen Gliedern bestnden und deshalb nicht Körper aus Fleisch, nicht menschliche Körper wären, sondern von einer anderen Art, von einer anderen Substanz.“

    Es geht also sehr wohl um eine Auferstehung der Körper, die jedoch von Ratzinger rundweg und explizit geleugnet wird. Daß es nicht die Identität einer bestimmten Materie sein muß, bedeutet eben nicht, daß es nicht um konkrete menschliche Körper ginge:

    „…es in keiner Weise notwendig sei, daß jeder einzelne auferstehen müsse in einer bestimmten Materie, die er im Sterben aufgab… die in Christus ruhen, denen die sichere Hoffnung gegeben ist, daß sie die Körper in seliger Unsterblichkeit wiederbekommen, was immer auch sein mag mit der Frage, ob die Körper wieder aufzunehmen seien mit eben der gleichen bestimmten Materie, wie sie jetzt im Leichnam ist.“

    Es geht also NICHT um eine ledigliche, sonstwie geartete „geistige Weiterexistenz“ oder was auch immer sich die Modernisten (bzw. „tiefgläubigen“ Ungläubigen) mit allerlei Rabulistik hierzu ausmalen mögen.

    Siehe hierzu auch nochmals die entsprechenden Aussagen von Dr. Ott in seinem „Grundriss der Dogmatik“:

    „Die Feinheit (subtilitas) [eine der Eigenschaften der Seligen], d.i. die Geistförmigkeit, die aber NICHT als Verwandlung des Körpers in ein Geistwesen oder als Verdünnung der Materie zu einem luftförmigen Körper aufgefaßt werden darf.“

    Und es geht auch keineswegs nur um irgendeine unbestimmte, körperlose „Verklärung“, denn die Verdammten bekommen auch ihre Körper zurück, die eben nicht verklärt sein werden und die sie ihrerseits zur ewigen Strafe bekommen werden:

    „Die Leiber der Gottlosen werden in Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit auferstehen, aber sie werden NICHT verklärt werden.“ Sent. certa.

  3. Danke, pos, für diesen Text.

    @ boni 7. Dezember 2014 um 21:24
    Sehr gut.

    @ Stephan 7. Dezember 2014 um 21:35
    Richtig.
    Und dass Ratzinger, zumindest eine Zeit lang, dieser häretischen Auffassung, dass die Auferstehungs-„Leiber“ keine wirklichen Leiber und so keine Körper seien, dass es keine anima separat gebe, etc. etc., frönte, gibt ja sogar der von pos anderenorts verlinkte Text zu:

    http://aladinrc.wrlc.org/bitstream/handle/1961/9306/Fletcher_cua_0043A_10172display.pdf?sequence=1

  4. Stephan 7. Dezember 2014 um 21:35

    Und nicht nur richtig – sondern sehr, sehr gut. Danke für die OTT-Zitate und übehaupt für diesen gesamten sehr guten – und (für unsere Diskussion) sehr wichtigen – Kommentar.

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