JOHANNES XXIII: ENZYKLIKA „AD PETRI CATHEDRAM“ 29.6.1959

EINLEITUNG: DIE KIRCHE IN EWIGER JUGEND

Gründe des Trostes und der Hoffnung

1 Auf den Stuhl Petri erhoben ohne Unser Verdienst, erinnern Wir Uns nicht ohne Ermutigung und Trost an das, was Wir sahen und hörten, als nahezu alle Menschen jeden Volkes und jeden Geistes über den Heimgang Unseres nächsten Vorgängers trauerten, und Wir erinnern Uns, wie sich ebenso nachher die Menschenmengen, waren sie auch durch andere Ereignisse und schwierige Zeitumstände in Sorge und Spannung gehalten, mit einem Herzen hoffnungsvollen Vertrauens Uns zuwandten, die Wir mit dem Obersten Hirtenamt betraut waren. Das zeigt aber offensichtlich, dass die Katholische Kirche in immerwährender Jugend blüht, dass sie wie ein hoch aufgerichtetes Zeichen ist für die Nationen(1) und dass von ihr ein durchdringendes Licht und eine milde Liebe auf alle Völker ausströmt.

2 Es war Uns dann weiter eine große Freude, dass die Bekanntgabe des Planes zur Abhaltung eines Ökumenischen Konzils und einer römischen Synode zur Anpassung des kirchlichen Rechtsbuches an die heutigen Erfordernisse und der Herausgabe eines neuen Rechtsbuches für die Kirche des orientalischen Ritus den Beifall vieler fand und die gemeinsame Hoffnung weckte, alle würden mit glücklichem Erfolg zu größerer und tieferer Erkenntnis der Wahrheit, zu heilsamer Erneuerung christlicher Sitten und zur Wiederherstellung der Einheit, der Eintracht und des Friedens angetrieben werden.

3 Über diese drei Anliegen, über die Wahrheit, die Einheit und den Frieden, die im Geiste der Liebe zu erringen und zu fördern sind, wollen Wir jetzt in diesem Unserem ersten Rundschreiben an den gesamten katholischen Erdkreis sprechen, denn dies vor allem scheint Unser apostolisches Amt zu verlangen. Von oben stehe das Licht des Heiligen Geistes Uns beim Schreiben und euch beim Lesen bei, die wirksame Gnade Gottes aber treibe alle an zur Verwirklichung dessen, was wir gemeinsam ersehnen, mögen auch nicht wenige vorgefasste Meinungen und Schwierigkeiten und viele Hindernisse dem Ziel entgegenstehen.

ERSTER TEIL: DIE WAHRHEIT

Die Kenntnis der Wahrheit, vor allem der geoffenbarten

4 Die Ursache und gleichsam die Wurzel aller Übel, welche die Einzelnen die Völker und die Nationen gewissermaßen vergiften und die Herzen vieler verwirren, ist die Unkenntnis der Wahrheit, ja nicht bloß deren Unkenntnis, sondern zuweilen sogar deren Verachtung und die unbesonnene Abkehr von ihr. Daraus entstehen Irrtümer aller Art, die gleich Pestkeimen in die Herzen und selbst in das Gefüge der menschlichen Gesellschaft eindringen und alles in Unordnung bringen, zum großen Unheil für die Einzelnen und für die ganze menschliche Gesellschaft. Nun hat uns Gott aber die Vernunft gegeben, die fähig ist, die natürliche Wahrheit zu erkennen. Wenn wir ihr folgen, so folgen wir Gott selbst, der ihr Urheber und Führer und Gesetzgeber unseres Lebens ist, wenn wir aber aus Torheit oder aus Gleichgültigkeit oder gar aus bösem Willen von ihr abweichen, so wenden wir unser Herz vom höchsten Gute selbst und von der rechten Lebensnorm ab.

Wir können zwar, wie gesagt, die natürlichen Wahrheiten kraft der Vernunft erfassen, doch wird die Erkenntnis – zumal in Fragen der Religion und der Sittlichkeit – nicht von allen leicht und häufig nicht ohne Beimischung von Irrtümern erreicht, und ferner können wir Wahrheiten, die über das Vermögen der Natur und über die Fassungskraft der Vernunft hinausgehen, ohne das Licht und die Hilfe Gottes in keiner Weise erfassen. Deshalb ist das Wort Gottes, das »in unzugänglichem Lichte wohnt«,(2) in unermesslicher Liebe sich des Loses der Menschen erbarmend, »Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt«,(3) um »jeden, der in diese Welt kommt, zu erleuchten«(4) und um alle nicht nur zur ganzen und vollen Wahrheit, sondern auch zur Tugend und zur ewigen Seligkeit zu führen. Darum sind alle verpflichtet, die Lehre des Evangeliums anzunehmen; wenn man sie verwirft, so sind selbst die Grundlagen der Wahrheit, der Rechtschaffenheit und der Zivilisation gefährdet.

Die Wahrheit des Evangeliums führt zum ewigen Leben

5 Offensichtlich handelt es sich um eine sehr wichtige Frage, mit der unser eigenes ewiges Heil aufs engste zusammenhängt. Jene, die nach dem Wort des Völkerapostels »immerfort lernen wollen und doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen«,(5) jene, die leugnen, dass der menschlichen Vernunft eine sichere und gewisse Wahrheit offen stehen könne, und jene, welche die von Gott geoffenbarten und zu unserem ewigen Heile notwendigen Wahrheiten ablehnen: sie alle weichen zweifellos bedauerlich von der Lehre Christi und von der Losung des gleichen Völkerapostels ab, der sagt:» … Möchten wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen… Wir sollen ja nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen und hin und her getrieben von jedem Winde der Irrlehre, die mit menschlicher Laune und List auf Täuschung und Verführung ausgeht. Vielmehr sollen wir die Wahrheit leben in Liebe, um in jeder Hinsicht hineinzuwachsen in ihn, der das Haupt ist, Christus. Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch jedes Gelenk, das seinen Dienst tut nach der Kraft, die ihm zugemessen ist. So vollzieht sich dass Wachstum des Leibes, um sich aufzubauen in Liebe«.(6)

Die Pflichten der Presse hinsichtlich der Wahrheit

6 Wer aber mit Bedacht und vermessen die erkannte Wahrheit bekämpft und im Reden, Schreiben und Handeln die Waffen der Lüge gebraucht, um das ungebildete Volk anzulocken und für sich zu gewinnen und um die Herzen der jungen Leute, unwissend und beeindruckbar wie Wachs, zu bilden und nach seinem eigenen Sinn zu formen: der missbraucht die Unerfahrenheit und Unschuld anderer und treibt ein durchaus verwerfliches Unterfangen.

7 Hier können Wir nicht anders, als in besonderer Weise jene zur Sorgfalt, Vorsicht und Klugheit in der Darlegung der Wahrheit zu ermahnen, die durch Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, deren es heute so viele gibt, großen Einfluss ausüben auf die Belehrung und Erziehung, die Meinungsbildung und das sittliche Verhalten der Mitbürger, zumal der Jugend. Sie haben die ernste Verpflichtung, keine Lügen, Unrichtigkeiten und keinen Schmutz zu verbreiten, sondern nur die Wahrheit und vor allem alles das, was nicht zum Laster, sondern zum rechten Tun und zur Tugend führt.

8 Mit großem Schmerz sehen Wir, was schon Unser Vorgänger unsterblichen Andenkens, Leo XIII. beklagte, »die Lüge kühn sich breit machen… in umfangreichen Büchern und Kleinschriften, in flatternden Tageblättern und verführerischen Schaustellungen«;(7) Wir sehen »Bücher und Zeitschriften, die darauf angelegt sind, die Tugend zu verspotten und das Laster zu beschönigen«.(8)

Rundfunk, Film und Fernsehen

9 Dazu kommen heute bekanntlich noch, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, die Darbietungen des Rundfunks, des Films und des Fernsehens, von denen die letzten leicht zu Hause empfangen werden, von allen diesen können zwar Anregungen und Antriebe zum Ehrbaren und Guten wie auch zur christlichen Tugend ausgehen, aber nicht selten können leider daraus, besonders für die Jugend, Verlockungen zu bösen Sitten, zu einem verdorbenen Leben, zu trügerischen Irrtümern wie zu schlüpfrigen Lastern entstehen. Diesen verderblichen Waffen ist daher das Rüstzeug der Wahrheit und Redlichkeit entgegenzusetzen, um die Macht dieses großen, täglich weiter um sich greifenden Übels mit aller Sorgfalt abzuwehren. Der schlechten und lügnerischen Presse ist darum mit einem guten und ehrlichen Schrifttum zu begegnen; den Rundfunksendungen, sowie den Film- und Fernsehdarbietungen, die zum Irrtum führen und dem Laster schmeicheln wollen, sind andere zur Verteidigung der Wahrheit und der Erhaltung guter Sitten entgegenzustellen; auf diese Weise sollen jene neuen Erfindungen, die sehr viel Unheil zu stiften vermögen, zum Heil und zur Wohltat für die Menschen wie zugleich zu ehrbarer Erholung verwendet werden, und so soll aus derselben Quelle, die oft böses Gift bietet, auch das Heilmittel kommen.

Religiöse Gleichgültigkeit

10 Ferner fehlt es nicht an Leuten, die zwar die Wahrheit nicht geflissentlich und absichtlich bekämpfen, die aber durch ihre Gleichgültigkeit und große Sorglosigkeit doch gegen sie arbeiten, wie wenn Gott uns nicht den Verstand zum Suchen und Finden dieser Wahrheit gegeben hätte. Diese verkehrte Haltung führt wie von selbst zu der ganz widersinnigen Behauptung, alle Religionen seien gleich zu werten ohne Unterschied von wahr und falsch. »Dieser Schluss – um die Worte Unseres schon genannten Vorgängers zu gebrauchen – dient dem Untergang aller Religionen, namentlich der katholischen, die als einzig wahre unter allen nicht ohne großes Unrecht den übrigen gleichgestellt werden kann«.(9) Die Verneinung übrigens jeglichen Unterschieds bei Gegensätzlichem und Widersprechendem führt zu dem verhängnisvollen Ergebnis, keine Religion zu wollen, weder in der Theorie noch in der Tat. Wie könnte denn Gott, der die Wahrheit ist, die Unbekümmertheit, Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit derer billigen oder dulden, die sich um Fragen, von denen unser aller ewiges Heil abhängt, in keiner Weise, weder um die Erforschung und Erfassung der notwendigen Wahrheiten kümmern noch um die rechtmäßige Verehrung, die Gott allein gebührt!

11 Wenn man heute soviel Mühe und Fleiß aufbringt bei der Erlernung und Förderung menschlicher Wissenszweige, sodass unser Jahrhundert sich mit vollem Recht seines wundersamen Fortschritts auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Forschungen rühmt, warum sollten wir denn nicht denselben, ja noch größeren Fleiß und eifrigeres Geschick auf die sichere und feste Aneignung jener Kenntnisse verwenden, die nicht dieses irdische und vergängliche Leben, sondern das himmlische und unvergängliche betreffen? Nur dann, wenn wir zur Wahrheit gelangt sind, die aus dem Evangelium kommt und die in lebendige Tat umgesetzt werden muss, nur dann, sagen Wir, wird unser Herz in Frieden und Freude ruhig werden. Diese Freude übertrifft bei weitem jene, die ihren Ursprung in den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschungen und in den heute von uns ausgenützten wundersamen Erfindungen haben kann, welche durch die Tagesmeldungen bis in den Himmel erhoben werden.

(Fortsetzung)

_______

Quelle: Kathpedia

3 Kommentare zu “JOHANNES XXIII: ENZYKLIKA „AD PETRI CATHEDRAM“ 29.6.1959

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