Unvergänglichkeit und Sichtbarkeit der Kirche zur Zeit des Grossen Abfalls

Von Abbé V M. Zins

Aus dem Französischen übersetzt von Johannes Rothkranz

(Red.) Im heutigen Glaubenskampf prä­sentiert sich Abbé Zins als mutiger Ver­fechter katholischer Positionen. Schon vor Jahren konnte in den SAKA-INFOR­MATIONEN (zusätzliche Sondernummer Oktober 1983, S. 3) vermerkt werden, dass er seine Gedanken «klar und ent­schieden» vortrage. Im nachfolgend wie­dergegebenen Aufsatz – in französischer Sprache erschienen in Nr. 23 seiner Zeit­schrift «Sub tuum praesidium» (Oktober 1990) – versucht Abbé Zins auf die be­sorgte Frage vieler Katholiken zu ant­worten, wie denn der derzeitige äussere Zustand der Kirche mit ihrem gottgege­benen Wesen vereinbar sei. Wir sind der Ansicht, dass diese Antwort auch einer deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Viele werden die Abhandlung mit grossem In­teresse und Gewinn lesen. Dass sie in Dialogform gehalten ist, erleichtert das Nachvollziehen des Gedankenflusses.

Das behandelte Problem hat Abbé Zins noch weiter ausgeführt und belegt in seinem eben neu herausgegebenen Buch in französischer Sprache: «L’Antéchrist et le temps de la fin du monde, d’après les Ecritures commentées par les Pères»; 452 Seiten, broschiert, Preis: 150 F (französische Franken) plus 20 F für Porto und Verpackung. Es kann bestellt werden beim Sekretariat von «Sub tuum praesidium», 34, rue de la Californie, F-37000 Tours. Postgiro-Konto: La Source 2130 51 T.

Wir danken Abbé Zins für die Wieder­gabeerlaubnis und Johannes Rothkranz für die deutsche Übersetzung der Ab­handlung.

A: Viele Traditionalisten sehen über­haupt nicht, wie die gegenwärtige Krise mit der Unvergänglichkeit und der Sichtbarkeit der Kirche zu verein­baren ist, und behaupten deshalb, ihre äusseren Kennzeichen seien nur in der offiziellen, von Johannes Paul II. geleiteten Hierarchie zu finden; an­dere scheinen, zumindest ihrer prakti­schen Haltung nach, diese Kennzei­chen allein in den jungen Bischöfen wiederzuerkennen, die von Msgr. Le­febvre – unterstützt von Msgr. de Ca­stro Mayer – ungesetzlich geweiht wurden, oder auch in den ungesetz­lich von Msgr. Thuc geweihten tradi­tionalistischen Bischöfen. *

* Hierin gehen wir mit dem Autor nicht einig. Es ist nicht ungesetzlich, in der heuti­gen Situation, um den Glauben und das sakramentale Leben aufrecht zu erhalten, Bischöfe zu weihen. Göttliches Recht steht über menschlichem Recht, dem Kirchen­recht also. Bischofsweihen unter der Vor­aussetzung, dass eine päpstliche Autorität fehlt, sind berechtigte Notstandsmassnah­men. Mgr. Guérard des Lauriers hatte des­halb bei seinen Bischofsweihen ausdrück­lich erklärt, dass es darum gehe, die Missio fortzusetzen, das heisst, dass alle Sakra­mente gültig gespendet werden können für jeden Gläubigen, der danach verlangt, nicht darum, eine Parallel-Hierarchie zu er­richten; die von ihm geweihten Bischöfe besässen keine ordentliche Jurisdiktion.

Im übrigen verweisen wir auf den Kate­chismus des Oratoriums in seinem grossen Abschnitt «Der Christ in der Endzeit», zu­mal auf die Fragen 729-738. Hier wird die heutige Problematik kurz und bündig dar­gelegt und darauf auch klar und unmissver­ständlich geantwortet.

Wenn also die einen von den ande­ren hinsichtlich der Bestimmung der gegenwärtigen Mitglieder der legiti­men Hierarchie abweichen, so kom­men doch alle darin überein, dass sie die absolute Unverträglichkeit einer längeren Abwesenheit einer öffent­lich bekannten rechtmässigen Hierar­chie mit der Unvergänglichkeit und der Sichtbarkeit der katholischen Kir­che behaupten. Und tatsächlich, wenn es überhaupt keine bekannten recht­mässigen Bischöfe gibt, wie steht es dann um die Sichtbarkeit der streiten­den Kirche? Wenn sämtliche Bischöfe ihr Amt veruntreut haben, wie steht es dann um ihre Apostolizität?

B: Das ist sicherlich der springende Punkt dieser unerhörten Krise und zu­gleich dasjenige, was ihre noch nie da­gewesene Schwere ausmacht.

Vor der Beantwortung dieser grund­legenden Frage sollte man jedoch einen vollständigeren Überblick über sie haben. Alle Einwände dieser Art fallen in eins und betreffen mehr oder weniger ausdrücklich die göttliche und unwandelbare Natur der Kirche.

Sie können sich deshalb entweder auf ihre vier Kennzeichen: Einigkeit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizi­tät, oder auf ihre drei Eigenschaften als Gesellschaft: rechtmässig, voll­kommen und sichtbar, oder schliess­lich auf ihre beiden Vorrechte: Unver­gänglichkeit und Unfehlbarkeit, bezie­hen. Der konvergierende und zusam­menhängende Charakter aller dieser Eigenschaften und aller Einwände, die hier zum Zuge kommen, gestattet es, diese letzteren zu einer einzigen Frage zusammenzufassen, die alle umgreift, nämlich zu derjenigen nach der Ver­einbarkeit der göttlichen Natur der streitenden Kirche mit ihrem gegen­wärtigen äusseren Zustand in der heu­tigen Krise.

A:    Der springende Punkt, zweifellos. Denn offenbar haben viele den Glau­ben an die Kirche und mit ihm den Glauben überhaupt verloren, weil sie diese Frage nicht befriedigend zu be­antworten wussten, und viele andere sind auf dem Weg, ihn ihrerseits zu verlieren, indem sie sie falsch beant­worten.

Nichtsdestoweniger scheint es mir ziemlich schwierig zu sein, darauf klar und in anderer Weise zu antworten, als durch das Setzen eines Aktes des Glaubens an die Kirche, ohne zu sehr zu begreifen zu suchen, was für uns doch zu hoch ist.

B:    Dieser Glaubensakt ist gewiss vor­dringlich und wesentlich. Aber er hin­dert in keiner Weise den Versuch, sich über seine Grundlagen Rechenschaft zu geben gemäss dem Programm der Theologie selber, das der heilige An­selm so zusammengefasst hat: «fides quaerens intellectum», der Glaube auf der Suche nach der Einsicht in die Ge­gebenheiten, die er von vornherein als von Gott geoffenbart und von der Kir­che gelehrt annimmt.

Und in der Tat gibt es im wesentli­chen zwei Arten von Antworten auf diese Frage: die eine ist unvollständig und negativ, die andere vollständig und positiv, gegründet entweder auf der Wissenschaft der dogmatischen und mystischen Theologie oder auf dem prophetischen Wissen.

A:   Was wollen Sie damit sagen: eine negative Antwort?

B:   Dass sie mehr eine Zurückwei­sung der Argumentation der Kritiker als eine Erklärung im strengen Sinn ist.

A:   Der Kritiker, die behaupten, die Heiligkeit und die Unfehlbarkeit der Kirche oder ihre apostolische Lehre und ihre Katholizität in Johannes Paul II. und den Konzilsbischöfen, in den Häresien des II. Vatikanums und im Götterhimmel von Assisi wiederzufin­den, oder ihre Einheit und ihre Sicht­barkeit in den Bischöfen Lefebvres oder Thucs?

B:   Genau. Sie besteht lediglich im Aufzeigen dessen, dass, nachdem die einen wie die anderen öffentlich vom Glauben abgefallen sind, indem sie sich in einer Reihe von Punkten der Lehre der Kirche in Glaubens- und Sit­tensachen widersetzen, sie von daher weder rechtmässig, noch Träger des apostolischen Glaubens, noch katho­lisch usw. … sind; es sind also nicht sie, in denen uns der Glaube die göttliche, unfehlbare und unvergängliche Natur der katholischen Kirche erken­nen lässt. *

* Siehe Fussnote auf Seite 22.

A:   Aber wenn sich ihr Einwand durch diese Tatsache in ihren Augen und angesichts ihrer Weise, diese Frage zu klären, subjektiv widerlegt sieht, wird er nicht, objektiv betrach­tet, dadurch im Gegenteil noch ver­stärkt?

B:   Freilich, und das ganz einzigartig und um so mehr, wenn man weiss, dass die Kennzeichen der Unvergäng­lichkeit, der Unfehlbarkeit und der Einheit hauptsächlich auf der Unver­gänglichkeit und der Unfehlbarkeit des Ecksteins der katholischen und apostolischen Einheit beruhen, dem Römischen Heiligen Stuhl in der Per­son des Papstes.

Worin besteht die Prüfung des Glaubens?

A:   Was für eine schreckliche Prü­fung für den Glauben an unsere Mut­ter, die Heilige Römisch-Katholische Kirche!

B:   Eine Prüfung unseres Glaubens, die allein die geoffenbarten Tatsachen, die Tatsachen des Glaubens, beseiti­gen können.

A:   Mit Hilfe der dogmatischen Theo­logie und des prophetischen Wissens, sagten Sie?

B:   Jawohl. Auf der Ebene der dogma­tischen Theologie empfiehlt es sich, mit der negativen Antwort zu begin­nen, indem man aufzeigt, dass alle an­deren Erklärungen der Natur der Krise falsch sind und von daher dazu führen, dass man sich der Lehre der Kirche entgegenstellt, denn diese Widerlegung erlaubt es, genauer zu sehen, wo unser Glaube an die Kirche wirklich auf die Probe gestellt wird, und bereitet so darauf vor, das ge­offenbarte Fundament der positiven Antwort besser zu begreifen.

A:   Inwiefern zeigt sie besser auf, wo diese Prüfung des Glaubens liegt?

B:   Indem sie dafür sorgt, dass die Klippe der falschen Lösungen um­schifft wird, die die Apostolizität der Kirche oder die katholische Rechtmäs­sigkeit und Einheit dort sehen wollen, wo sie nicht ist, macht diese negative Antwort offenbar, dass die Prüfung des Glaubens in der Vereinbarkeit der öffentlichen allgemeinen Amtsverun­treuung aller bekannten Bischöfe mit der unvergänglichen Natur der Kirche und ganz besonders der Römischen Kirche liegt.

A:   Die Theologie bekräftigt tatsäch­lich, dass die streitende Kirche und vor allem die Römische Kirche bis zum Ende der Welt unvergänglich sein muss.

B:   Das ist der Grund, warum die theologische Wissenschaft im Ange­sicht dieser erstaunlichen Krise lo­gisch dazu führt, entweder eine göttli­che Lösung ins Auge zu fassen, die un­ser Fassungsvermögen übersteigt, oder anzunehmen, dass wir in die Zeit des Weltendes eingetreten sind.

A:   Trotzdem, unter Annahme des einen oder anderen, was die gegen­wärtige Zeit angeht, angesichts dieses allumfassenden Abfalls der bekannten Bischöfe, wie lässt sich die aktuelle Sichtbarkeit der Kirche aufrechterhal­ten, die doch eine wesentliche und folglich bleibende Eigenschaft ist!? Wie lässt sich die Behauptung recht­fertigen, dass, zumindest während der Zeitspanne dieser Krise, die Pforten der Hölle die streitende Kirche in kei­ner Weise überwältigt hätten?

B:   Was die Sichtbarkeit angeht, kann man von jetzt an antworten, dass die Kirche in ihrem Leib sichtbar ist durch ihre Glieder, die auf der Erde leben­den getauften Gläubigen, durch ihr äusserliches und öffentliches Glau­bensbekenntnis und die öffentlichen Riten und Gebete, die sie verrichten, in ihrer Seele aber durch die sichtba­ren Wirkungen der Heiligung, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die ihren Gliedern zuteil wer­den, selbst wenn die gegenwärtige Krise ihre äussere Manifestation im grossen Massstab stark beeinträchtigt, wie es auch zur Zeit der Katakomben der Fall war.

Was die Unvergänglichkeit betrifft, kann man die Möglichkeit ins Auge fassen, dass es in den Katakomben der kommunistischen Länder verborgene gläubige Bischöfe gibt, wie das bei­spielsweise lange Zeit beim Erzbi­schof von Schanghai der Fall war, der dreissig Jahre lang in den maoisti­schen Gefängnissen eingekerkert war.

Nichtsdestoweniger verschafft uns, bevor wir die klare geoffenbarte Ant­wort in Augenschein nehmen, die uns zu diesem Gegenstand das propheti­sche Wissen liefert, die mystische Theologie eine befriedigendere Ant­wort.

A:   Und welche ist das?

B:   Sie besteht in einer Entfaltung oder Vertiefung der theologischen Wahrheit, die die heilige Johanna von Orleans so schön und prägnant vor ihren Richtern formuliert hat: «Über Christus und über die Kirche, das ist völlig eins!»

A:    Christus als das Haupt und die Kirche als sein mystischer Leib.

B:    Ganz genau. Diese Einheit des Wesens impliziert eine Einheit des Le­bens, die tatsächlich nicht bloss eine geistliche, sondern auch eine ge­schichtliche ist.

Sehen wir zu, wie Dom Gaspar Le­febvre das in seinem Messbuch zum täglichen Gebrauch der Gläubigen (1922, S. 997) erklärt, als eine «ge­schichtliche Darstellung» der «Zeit nach Pfingsten»:

«Seit dem Pfingstfest, von wo sie ihren Ausgang nahm, bildet die Kirche im Lauf der Jahrhunderte das gesamte Leben Christi nach, dessen mystischer Leib sie ist.

Jesus wird von Kindheit an verfolgt und muss nach Ägypten fliehen, wäh­rend man die unschuldigen Kinder er­mordet.

Die Kirche erleidet durch vier Jahr­hunderte die heftigsten Verfolgungen und muss sich in den Katakomben oder in der Wüste verbergen.

Der heranwachsende Jesus zieht sich nach Nazareth zurück und ver­bringt die längste Zeit seines Lebens in der Sammlung und im Gebet. Und die Kirche erlebt, beginnend mit Kon­stantin, eine lange Ära des Friedens. Überall wachsen Kathedralen und Klö­ster empor, in denen das Lob Gottes erschallt und wo sich Bischöfe und Äbte, Priester und Ordensleute durch Studium und unermüdlichen Eifer dem Eindringen der Häresie entge­genstellen.

Jesus, der vom Vater in die entlege­nen Regionen dieser Erde gesandte göttliche Missionar, beginnt mit dreis­sig Jahren sein Leben des Apostolats. Und die Kirche, beginnend mit dem 16. Jahrhundert, muss den Angriffen des wiederauflebenden Heidentums trotzen und das Evangelium Christi in den soeben entdeckten Teilen des Erdballs verbreiten. Und aus ihrem Schoss erstehen ohne Unterlass neue Kampftruppen und zahlreiche Legio­nen von Missionaren, die sie aussen­det, die frohe Botschaft in der ganzen Welt zu verkünden.

Am Ende beschliesst Jesus sein Le­ben durch das Opfer von Golgotha, dem alsbald der Triumpf seiner Auf­erstehung folgt. Und die Kirche wird am Ende der Zeiten, wie ihr göttlicher Meister am Kreuz, besiegt erscheinen, aber sie wird es sein, die den Sieg da­vonträgt. Der Leib Christi, der die Kir­che ist, war – wie der menschliche Leib – zunächst jung, und darum wird er am Ende der Welt als hinfällig erscheinen) , sagt der heilige Augustinus (zu Ps 26).»

A:    Siehe da, eine lichtvolle Erklä­rung, sicherlich. Anders formuliert, Sie halten dafür, dass die gegenwär­tige Krise des mystischen Leibes gleichsam die Erneuerung der vor­übergehenden Passion ihres Hauptes ist, was nun wirklich eine bemerkens­werte Entsprechung darstellt.

B:    Allerdings. Denn Unser Herr ist Gott, und somit unvergänglich und un­überwindlich: die höllischen Mächte werden ihn niemals besiegen. Er hat es durch seine Wunder und seine Pro­phezeiungen bewiesen, ebenso durch die Niederwerfung des Trupps Solda­ten, die kamen, um ihn festzunehmen (Joh 18,6) …

Und dennoch! Er wurde festgenom­men, gebunden, eingekerkert, vor Ge­richt gestellt, durchgeprügelt und mit Auswurf bedeckt, verurteilt, von allen seinen Jüngern verlassen, dem Spott des Volkes ausgesetzt, gekreuzigt! Und er ist gestorben …

A:    Angesichts dessen könnte man sich fragen, was denn damals mit sei­ner Gottheit los war.

B:    Sehr richtig. Nichtsdestoweniger: wenn seine Jünger die prophetischen Ankündigungen begriffen hätten, die das alles bis in die Einzelheiten be­schreiben, wenn sie sich seiner auf­sehenerregenden Wunder erinnert hätten – wenige Tage vorher die Auf­erweckung des Lazarus! -, wenn sie vor allem nicht taub gewesen wären, als Unser Herr ihnen mehrere Male und ausdrücklich seine Gefangen­nahme und seinen gewaltsamen Tod, dicht gefolgt von seiner Auferstehung (Mk 10, 32 ff; Mt 20, 17 ff; Lk 18, 31-34), vorausgesagt hatte, wären alle ver­trauensvoll und gläubig geblieben wie Unsere Liebe Frau, wenn auch geäng­stigt und mächtig angefochten; wie auch könnte man das nicht sein an­gesichts unseres Gottes, der – für uns ­zum Fluch am Holz geworden ist (Dtn 21, 33; Gal 3,13)!

A:    Wie können Sie so etwas erklä­ren?

B:    Ich kann es nicht vollständig er­klären, denn es handelt sich um ein Geheimnis, das Geheimnis der Erlö­sung der Sünder durch die Hinopfe­rung des unschuldigen Lammes Got­tes, des fleischgewordenen Wortes, am Kreuz. Ich kann nur durch den Glauben davon Rechenschaft ablegen. Unser Retter hat übernatürlich ge­siegt, indem er sich menschlicher-weise besiegen liess: «regnavit a ligno Deus» – «Gott herrscht vom Holz aus» (Ps 95, 10 n. d. Septuaginta; Passions­hymnus Vexilla Regis).

A: Die Propheten hatten diese Passion des Erlösers vorhergesagt, Unser Herr ebenso. Aber dieser allgemeine Abfall, den wir erleben, dieser nahezu totale Zusammenbruch, dieser An­schein von Unsichtbarkeit, von zeit­weiliger Auslöschung der streitenden Kirche, ist er denn auch vorhergesagt worden?

B: Jawohl. An erster Stelle vom heili­gen Paulus (2 Thess 2, 3), ausgefaltet durch den heiligen Thomas, der diese Apostasie als den nahezu allgemeinen Verlust des Glaubens, auf den Unser Herr im Evangelium (Lk 18, 8) anspielt, und den Bruch sämtlicher Völker mit der Römischen Kirche auslegt.

Gleichermassen von Unserer Lieben Frau von La Salette: «Rom wird seinen Glauben verlieren und der Sitz des Antichrist werden.»

A: Aber wie ist das mit der Unver­gänglichkeit der Römischen Kirche vereinbar? Man darf doch zum wenig­sten erwarten, dass der heilige Paulus und Unsere Liebe Frau den zumindest scheinbaren Gegensatz zwischen ihren Vorhersagen und denen Unseres göttlichen Meisters rechtfertigen, der gesagt hat: «Die Pforten der Hölle wer­den sie nicht überwältigen» (Mt 16,18), denn «ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt» (Mt 28,20)! Sie dür­fen es nicht versäumen, das zu tun, möchte ich meinen.

B: Gewiss, sie rechtfertigen es, aller­dings dadurch, dass sie, wie beim Ge­heimnis der Erlösung durch das Kreuz, nicht an die Vernunft ganz allein appellieren, sondern an die vom Glau­ben erleuchtete Vernunft.

A:    Was also sagt der heilige Paulus? Wie erklärt er es?

B:    Er erklärt es gar nicht; er rechtfer­tigt es lediglich, indem er von der Er­füllung des «Geheimnisses der Bos­heit» (2 Thess 2,7) spricht.

A:    «Wir können also nicht alle Wahr­heiten unseres Glauben begreifen?»

B:    Nein, wir können nicht alle Wahr­heiten unseres Glaubens begreifen, weil einige davon Geheimnisse sind.

A:    Was heisst das: Geheimnisse?

B:    Die Geheimnisse sind Wahrhei­ten, die den Verstand übersteigen und die wir glauben müssen, obwohl wir sie nicht begreifen können.

A: Warum müssen wir die Geheim­nisse glauben?

B: Weil sie von Gott geoffenbart wor­den sind, der als die Wahrheit selber und als die unendliche Güte weder sich noch uns zu täuschen vermag.

A:   Sind die Geheimnisse dem Ver­stand entgegengesetzt?

B:   Die Geheimnisse sind höher als der Verstand, ihm aber nicht entge­gengesetzt; und der Verstand selber bringt uns sogar dazu, sie anzuneh­men.

A:   Warum können die Geheimnisse dem Verstand nicht entgegengesetzt sein?

B:   Weil es Gott selber ist, «der uns das Licht des Verstandes gegeben und der die Geheimnisse geoffenbart hat, und weil er sich nicht selbst wider­sprechen kann.» (Katechismus St. Pius‘ X., 5. Teil, 1. Kap. 3)

A:   Sie sagen, dass die gegenwärtige Krise dem vom heiligen Paulus ange­kündigten «Geheimnis der Bosheit» entspricht. Kann man nicht desunge­achtet ausführlicher davon handeln, als es durch diese kurze Antwort ge­schieht, die sicherlich von sehr gros­sem Gewicht, weil dem Apostel vom Heiligen Geist geoffenbart und inspi­riert ist, von der aber unsere Vernunft sicher sein möchte, dass sie sich pas­send auf die gegenwärtige Krise an­wenden lässt und die sie obendrein mehr entfalten und ein wenig erhellen zu können wünschen würde?

B:   Doch, das ist durchaus möglich, indem man darlegt, was die heiligen Lehrer von diesem «Geheimnis der Bosheit» sagen.

Um das jedoch besser zu erfassen, lohnt es sich, zuvor einen anderen vom heiligen Paulus gegebenen Hinweis zu diesem Thema zu behandeln.

A:   Welchen?

B:   Der Apostel erklärt, dass dieses «Geheimnis der Bosheit» zu seiner Zeit «schon am Werk» (2 Thess 2,7) war, dass aber damals irgendetwas es noch zurückhielt (2 Thess 2,6), es zügelte, es an seiner öffentlichen Entfaltung und seinem äusseren Offenbarwerden hin­derte.

A:   Und was war dieses Hindernis, das es aufhielt und das es so lange Zeit gezügelt hat?

B:   Ohne sich hier damit aufzuhalten, es im einzelnen nachzuweisen, muss man wissen, dass dieses Hindernis hauptsächlich durch ein Element ge­bildet wurde, das von der göttlichen Allmacht abhing, das Gott aber gleich­wohl auch von menschlichen Elemen­ten abhängen lassen wollte.

A:   Worin bestand dieses göttliche Element?

B:   In der Fesselung des Teufels durch die göttliche Allmacht, die aus­drücklich durch den heiligen Apostel Johannes (Offb 20,1ff) geoffenbart ist.

A:   Ist denn auch vorhergesagt, dass diese Fesselung ein Ende haben werde?

B:   Ja, in der Apokalypse 20, 3 und 7 sowie 17, 18, wo enthüllt wird, dass er (der Teufel) am Ende der Herrschaft der streitenden Kirche hier unten, also zur Zeit des Weltendes, für eine kurze Zeit losgelassen und alle Nationen ver­führen werde.

A:   Wird auch angegeben, warum dieses göttliche Hindernis dann aus dem Weg geräumt werden wird?

B:   Ja, wegen des Versagens ver­schiedener menschlicher Elemente, an die Gott seine Aufhebung knüpfen wollte.

A:   Welches sind dann diese menschlichen Elemente?

B:      Es ist die Macht oder Kraft seines hochheiligen Opfers am Kreuz, durch die Unser Erlöser die teuflische Macht gefesselt hat; das hat die Gründung der Kirche, deren menschliche Ober­häupter die Macht zu binden und zu lösen empfangen haben, und die Evangelisation der Nationen, die so aus ihrer alten Versklavung an den Dämon befreit wurden, ermöglicht.

Diese menschlichen Elemente sind also das Fortbestehen der Schlüssel­gewalt und der Heiligen Messe als Verlängerung der Wirkungen des Kreuzesopfers sowie die Treue der Nationen zur Römisch-Katholischen Kirche.

A:   Weiter oben haben wir gesehen, dass der allgemeine Abfall der Natio­nen oder ihr Bruch mit der Römischen Kirche durch den heiligen Paulus (2 Thess 2, 3) vorhergesagt worden ist. Das Aufhören der Schlüsselgewalt, das der Apostolizität und der Unver­gänglichkeit der Kirche so entgegen­gesetzt zu sein scheint, und das Ver­schwinden der Heiligen Messe konn­ten hingegen nicht in gleicher Weise vorhergesagt werden, nicht wahr?

B:   Sie sind dennoch alle beide vor­hergesagt worden, und zwar durch den Propheten Daniel: das Aufhören der Schlüsselgewalt nur einschluss­weise und bloss relativ, der Wegfall des Heiligen Messopfers jedoch aus­drücklich.

A:   Nein! Erlauben Sir mir zu verlan­gen, dass Sie mir sofort die genauen Belegstellen für eine so erstaunliche und schwerwiegende Behauptung nennen.

B:   Es ist in der Tat wichtig, sich eher zehn- als nur einmal damit zu befassen! Beginnen wir mit der ausdrücklichen Ankündigung. Das Verschwinden des Heiligen Opfers wird in Daniel 8,13; 9,27; 11,31; 12,11 angekündigt.

Und das folgende schrieb Kardinal Billot in seinem Buch «Die Parusie» zu dieser letzten Belegstelle:

«Wir wissen, dass zur Zeit der schrecklichen Verfolgung jede Betäti­gung der wahren Religion verboten sein wird, und dass infolgedessen der Kult Gottes nicht mehr gefeiert wer­den wird, zumindest nicht mehr öffent­lich und im Tageslicht, nicht mehr im Angesicht der Sonne. tempore cum ablatum fuerit juge sacrificium> , lesen wir im elften Vers: . Das ist die Wieder­holung dessen, was man bereits vor­her (Dan 8, 13 und 11, 31) über die Ver­folgung des Antiochus lesen konnte, allerdings mit dem bemerkenswerten Unterschied, dass nun der Tempel nicht mehr erwähnt wird, und ebenso­wenig das Allerheiligste oder all das, was an eine weit zurückliegende und für immer verschwundene Vergan­genheit erinnern könnte. Das immer-währende Opfer, um das es hier geht, ist also das Opfer des Neuen Bundes, das auf jenes gefolgt ist, welches ge­mäss dem mosaischen Gesetz abends und morgens im Tempel von Jerusa­lem dargebracht wurde; ihm kommt die Bezeichnung „immerwährendes Opfer“ tausendmal eher zu, da es ge­mäss dem Gesetz seiner Einsetzung ohne jede Unterbrechung Tag und Nacht, vom Aufgang bis zum Unter­gang, an allen Orten und unter jedem Himmel dargebracht wird.

Es ist mit einem Wort das Opfer un­serer Altäre, das dann, in jenen furcht­baren Tagen, überall verboten, überall verfolgt, überall unterbrochen sein wird, ausgenommen dort, wo es im un­terirdischen Schatten der Katakomben gefeiert werden kann und werden wird.»

Dom Guéranger schreibt in seiner «Erklärung der Heiligen Messe» an der Stelle, wo er den Sinn des Aus­drucks «una cum» am Anfang des Rö­mischen Kanons darlegt, ähnlich:

«Das ist der Beginn dessen, was ge­schehen wird, wenn der Teufel und seine Werkzeuge, losgelassen auf der ganzen Erde, dort den Greuel und die Verwüstung aufrichten werden, wie Daniel uns warnend ankündigt. Um die heiligen Weihen zu verhindern und die Priester aussterben zu lassen, wird der Teufel zum Schluss die Feier des grossen Opfers unterbinden, und dann werden die Tage des Unglücks kommen … und das wird das Werk des Antichrist sein, der alle Mittel be­nutzen wird, um die Feier der Heiligen Messe abzustellen, damit dieses Ge­gengewicht vernichtet ist und Gott al­lem ein Ende setzt, weil er keinen Grund mehr hat, es weiter fortbeste­hen zu lassen.»

A:      Wie schrecklich! Und wie schmerzlich! Ist es wirklich genauso mit der Schlüsselgewalt?

B:      In Daniel 12,7 steht geschrieben: «Wenn die Zerstreuung der Hand des heiligen Volkes in Erfüllung gegangen sein wird, wird das vollendet sein» !

A:   Ich muss gestehen, nicht im min­desten zu verstehen, was der Prophet damit sagen will, und auch nicht, in welcher Beziehung dieser Vers zur Schlüsselgewalt in der streitenden Kir­che stehen soll!?

B:   Man muss vorausschicken, dass der Vers sich im selben Kontext befin­det wie die Ankündigung der Prüfung vor dem anschliessenden Aufhören des Heiligen Opfers, was zum vierten Mal vier Verse weiter unten wieder­holt wird. Sodann ist es wichtig, den Sinn der benutzten Ausdrücke zu er­fassen. Dass das «heilige Volk» die Kir­che bezeichnet, wird Sie kaum wun­dern.

A:    Natürlich nicht.

B:    «Das» bezieht sich auf die Prüfung, von der im Zusammenhang die Rede ist.

A:    Bleibt zu begreifen, was das heisst: «die Hand», und, was noch mehr ist, die Hand eines Volkes?

B:    In der Tat zeigt die Verbindung dieser beiden Wörter schon von selbst an, dass «Hand» nicht im eigent­lichen Sinn verstanden werden darf, sondern eine geistliche Bedeutung besitzt. In der Schrift bezeichnet «die Hand» hauptsächlich die Macht: « , das heisst eure Stärke», erklärt der heilige Kardinal Robert Bellarmin (zu Ps 43, 3). Spezieller ist ge­meint die Stärke oder die Macht der Führer eines Volkes (Ex 14, 21.26 f; Ps 76, 21; Is 63, 12).

Und ganz speziell bezeichnet sie die Macht Gottes (Ex 14, 31; Weish 36, 3; 2 Makk 6, 26). Von daher die Tatsache, dass in der Schrift oftmals die Rede ist I. von der Hand (Is 50,2; 59,1; Ps 43,3; 73,3; 88,22; 118,173; 2. von der Rechten (Ex 15,6f; Ps 43,4; 73,11; 88,26; 117,16) oder 3. vom Arm des Herrn (Is 33,2; 40,10; 51,5.9; 52,10; 53,1; 59,16; 62,8; Ps 43,4; 78,11; 88,11.14; 97,1), um die gött­liche Stärke zu bezeichnen: «Durch das Wort bezeichnet er die Macht Gottes» (hl. Johannes Chrysosto­mus zu Ps 43,3), «>die Rechte und der Arm> das heisst die Kraft oder Stärke und die Macht» (hl. Robert zu Ps 97,1), die durch sein Wort wirkt: « , das heisst die Kraft oder Stärke und die Macht des Sohnes Gottes …: tatsächlich wird der Sohn Gottes in den Schriften «der Arm des Herrn» oder «seine rechte Hand» ge­nannt, weil der Vater alles durch den Sohn getan und gewirkt hat (Joh 1,2; Hebr 1,2; Is 53,1; Lk 1,51)» (hl. Robert zu Ps 117,16; vgl. auch hl. Hieronymus zu Ps 43,4 und 118,173; hl. Gregor der Grosse zu Job 18,13 und 2. Homilie zu Ez 1,3), oder auch noch 4. vom Finger Gottes (Mt 12,28; Lk 11,20; Mk 7,33), um die Tätigkeit des Heiligen Geistes zu bezeichnen (vgl. hl. Gregor, 10. Homi­lie zu Ez).

Von daher die Tatsache, dass der Ausdruck «Hand» im weiteren Sinn auch die geistliche Kraft bezeichnet, die erfordert ist, um die Offenbarun­gen Gottes zu empfangen und zu durchdringen (2 Kön 3,15; Ez 1,3; 2,9; 3,22; 8,13; 33,22; 37,1; Dan 10,10; Offb 10,2.10): « Der (hier) im Griechischen anstelle von «Hand» verwendete Aus­druck lautet «energeian», was die Tä­tigkeit oder Arbeit bedeutet, die dazu notwendig ist, dass er (der Prophet) die Geheimnisse (sacramenta) der Vi­sion zu erkennen vermag» (hl. Hierony­mus zu Ez 8,1). «Damit wir die Visionen Gottes umfassen und verstehen kön­nen, müssen die Hand und die Kraft des Herrn über uns sein (1 Kor 1,4f. 24.271). Durch diese Hand und diesen Arm wurde das Volk Israel aus Ägyp­ten herausgeführt, und ihre Kraft ha­ben die Magier (des Pharao) teilweise selbst begriffen, da sie erklärten: (Ex 8,19).» (Hl. Hieronymus zu Ez 1,3; vgl. ders. zu Ez 3,22.) Auf der anderen Seite, aber im­mer im selben Sinn, bezeichnet «Hand» auch die Macht der Feinde (Ex 14,30; Dtn 32,27; Ps 88,43; 105,10).

Diese verschiedenen Nuancen der­selben positiven Bedeutung des Wor­tes «Hand» findet man zusammenge­fasst im Namen des Königs schlecht­hin, des Stellvertreters (als Anführer des auserwählten Volkes) und Vor­bilds des Gesalbten schlechthin, der Christus ist, nämlich im Namen David, was im Hebräischen bedeutet: «von starker Hand» (vgl. den hl. Hieronymus zu Os 3,4f).

A: Was will also dieser prophetische Vers sagen?

B:Wieder übertragen gemäss dem genauen mystischen Sinn dieser ver­schiedenen Ausdrücke ergibt das sehr genau: Wenn die Zerstreuung der Kraft oder der Macht der Führer der streitenden Kirche erfüllt sein wird, wird diese Heimsuchung oder «das Geheimnis der Bosheit» offen zutage getreten sein. Es in einem allgemeine­ren Sinn aufzufassen: Wenn die Kraft des Volkes Gottes zerstreut sein wird, kommt auf dasselbe heraus, denn es geschieht dann, wenn der oder die Hirten geschlagen sind, dass die Schafe sich zerstreuen, wie Unser göttlicher Meister erklärt (Mt 26, 31; Mk 14,27).

A:    Das wird spannend! Um so mehr, als es der Papst und die Bischöfe sind, denen es zukommt – entweder unmit­telbar selbst oder mittelbar durch die Priester, denen sie eine Teilhabe an ihrer Jurisdiktion übertragen -, die teuflische Macht zu fesseln und die Seelen, die sich ihr durch die Sünde unterworfen haben, daraus zu be­freien.

B:    Genau. Aus diesem Grund sahen wir oben den heiligen Augustinus, zitiert von Dom Lefebvre, die äusser­liche Hinfälligkeit des Leibes der Kir­che am Ende der Welt beschwören.

Was Dom Delatte, Abt von Solesme in der Nachfolge von Dom Guéranger, betrifft, so geht er so weit, in seinem Kommentar zum 2. Brief des heiligen Paulus an die Thessalonicher die Aus­löschung der hierarchischen Ordnung der streitenden Kirche ins Auge zu fas­sen: «Ja, es gibt eine gesellschaftliche Kraft, die dem Bösen eine Schranke setzt und es daran hindert, sich zum Chaos und zum Nichts zu steigern, es existiert eine beständige Waffe, hierar­chische Linien, die die Anstrengung des Bösen zurückhalten und min­dern … Es ist für jedermann evident, dass an dem Tag, an dem diese Macht der Ordnung und des Friedens, die aus den Händen des heidnischen Rom auf das christliche Rom übergegan­gen ist, nach langer Bedrohung durch die Justiz und geschüttelt durch die Reform und die Revolution, durch den Ansturm aller Elemente des entfessel­ten Bösen endgültig zerstört sein wird, dem Bösen Tür und Tor geöffnet sein werden. Nichts wird sie mehr aufhal­ten.» (Hervorhebungen hinzugefügt.)

Von daher auch das, was der hl. Papst Gregor der Grosse (siehe An­hang) erklärt und was gleichermassen seit dem ersten Jahrhundert in der «Didaché oder «Zwölfapostellehre», der einzigen bekannten Schrift der Apo­stel ausserhalb der heiligen Texte, vor­hergesagt wurde:

«In den letzten Tagen werden sich die falschen Propheten und die Ver­derber vervielfachen, die Schafe (die Bischöfe) werden sich in Wölfe ver­wandeln und die Liebe in Hass …

Dann werden die menschlichen Ge­schöpfe durch ein Prüfungsfeuer ge­hen, und viele werden Ärgernis neh­men und verloren gehen; jene jedoch, die bis ans Ende im Glauben verhar­ren werden, werden gerettet werden.» (Rouet de Journel, Enchiridion Patristi­cum, Nr. 10.)

A: Das wird also nach sich ziehen, dass der Teufel losgelassen werden kann?

B: Sicherlich. Aus diesem Grund fin­den sich Aussagen, über die man er­schrickt, in dem, was man in der Bot­schaft Unserer Lieben Frau von La Sa­lette (vom 19.9.1846) – deren Veröffent­lichung von Papst Pius IX. autorisiert wurde – lesen kann: «Im Jahr 64 wer­den Luzifer und eine grosse Zahl von Dämonen aus der Hölle losgelassen werden; sie werden den Glauben nach und nach abschaffen, selbst in den geweihten Personen; sie werden sie derartig verblenden, dass diese Personen ohne eine aussergewöhn­liche Gnade den Geist dieser bösen Engel annehmen werden … Rom wird seinen Glauben verlieren und der Sitz des Antichrist werden.» Das um so mehr, wenn man weiss, was die Stimme eines Engels dem heiligen Apostel Johannes diesbezüglich be­zeugt hat: «Wehe der Erde und dem Meer, denn der Teufel steigt zu euch hinab in grossem Zorn, weil er weiss, dass er nur wenig Zeit hat» (Offb 12,12).

A:  Darin sollte also das äusserliche Erscheinen des Geheimnisses der Bosheit bestehen, das verborgenerweise bereits zur Zeit des heiligen Pau­lus am Werk war?

B:  Das hat in der Tat schon der hei­lige Augustinus in seinem ganz be­rühmten «Gottesstaat (20,19) offen ins Auge gefasst:

«Andere (Lehrer) denken, dass diese Worte: «Ihr kennt das, was es auf­hält» (2 Thess 2,6) und: «Von nun an, in der Tat, ist das Geheimnis der Bosheit am Werk» (ebd. 2,7) sich einzig auf die Schlechten und auf die Heuchler be­ziehen, die in der Kirche sind, bis sie zu einer genügend hohen Zahl an­wachsen, um ein grosses Volk für den Antichrist zu bilden: das ist das Ge­heimnis der Bosheit, weil es versteckt ist. Der Apostel scheint also die Gläu­bigen zu ermahnen, fest im Glauben zu verharren, an dem sie festhalten, wenn er sagt: «Nur, dass derjenige, der gegenwärtig (am Glauben) festhält, daran festhalte, bis es sich aus der Mitte heraus ereignet», das heisst bis von der Mitte der Kirche das Geheim­nis der Bosheit ausgeht, das momen­tan (noch) verborgen ist.»

A:  Das ist verblüffend! Niemals hätte ich gedacht, dass ein heiliger Lehrer mit derartiger Präzision, so lange vor­her und zu einer Zeit, da das Evange­lium im Begriff stand, überall zu trium­phieren, die so unvorstellbare und ka­tastrophale Krise hätte beschreiben können, die wir erleben! … Wenn ich richtig verstanden habe, bedeutet das Offenbarwerden des «Geheimnisses der Bosheit» die Ankunft des Anti­christ.

B:  Nicht exakt. Es bedeutet genauer deren letzte Vorbereitung. Denn, wor­auf Cornelius a Lapide (zu 2 Thess 2,7) aufmerksam macht, «der folgende Vers (8) offenbart, dass der heilige Pau­lus unter dem «Geheimnis der Bos­heit» keineswegs den Antichrist ver­steht, sondern die Vorläufer des Anti­christ, weil er hinzufügt: «Und dann», nämlich nach der Erfüllung dieses Ge­heimnisses, «wird dieser Böse offen­bar werden», nämlich der Antichrist.»

A:  Da haben wir also einen weiteren grossen Lehrer, der dasselbe in Be­tracht gezogen hat!

B:  Ja, und das ist auch der Fall beim grössten von allen, dem heiligen Tho­mas von Aquin (zu 2 Thess 2,7), dem all­gemeinen Lehrer der Kirche: «Der Sinn ist: Ich sage, dass zu seiner Zeit das, was schon jetzt ist und ein Ge­heimnis darstellt, sofern es sich vor­bildlich vollzieht, dann durch falsche (Menschen oder Führer) geschehen wird, die als gut erscheinen und den­noch schlecht sein werden (operatur in fictis qui videntur boni et tarnen sunt mali).»

A:  Das ist wirklich sehr klar für uns, die wir gegenwärtig die Verwirkli­chung dessen erleben!

B:  Und die Darstellung, die Corne­lius (zu 2 Thess 2,7) von dieser vom hei­ligen Thomas wieder aufgegriffenen Erklärung des heiligen Augustinus gibt, macht die so lange im voraus ge­lieferte Beschreibung dessen, was sich gegenwärtig vor unseren Augen abspielt, noch klarer: «Mit Theodoret, dem heiligen Augustinus und dem heiligen Anselm kann dieser Ab­schnitt wie folgt verstanden werden: «das Geheimnis der Bosheit», das heisst die verborgene und geheimnis­volle Bosheit (iniquitas arcana et my­stica), das heisst die von der Frömmig­keit oder vom Titel und Namen einer (an sich) legitimen Macht und Autorität bedeckte (der von Cornelius verwen­dete lateinische Ausdruck lautet: «pal­liata», das heisst wörtlich: bedeckt (hier: wie) von einem Mantel!, was exakt das einzige äussere Zeichen der Macht ist, das der gegenwärtige Anti­papst überall mit sich führt) Bosheit, wirkt in verborgener Weise in der Per­son von boshaften und häretischen Heuchlern, schlängelt sich dahin und wächst soweit, dass es am grossen Tag plötzlich als eine öffentliche Bosheit, mit dem Antichristen, auftaucht.»

A:    Wie sollte man in einer so erstaun­lichen Genauigkeit nicht unbedingt den Finger Gottes, die Eingebung des Heiligen Geistes erkennen!?

B:    Gewiss, wenn man obendrein weiss, dass das zweite Tier der Gehei­men Offenbarung (13,11), das den un­mittelbaren Vorläufer des Antichrist darstellt, als im Besitz von «zwei Hör­nern ähnlich denen des Lammes» (was Cornelius auf die zweispitzige Mitra eines Bischofs bezieht: vgl. S.T. Nr. 14 p. 22) «und redend wie der Drache», anders formuliert: als lehrend die lü­genhaften Lehren des Dämons, be­schrieben wird, fragt man sich, wie die Kommentare der heiligen Lehrer zur Heiligen Schrift noch deutlicher hät­ten ausfallen können, wovon wir Zeu­gen sind !

A:      Da haben Sie vollkommen recht!

B:      Man sollte auch über die Lehre nachdenken, die der heilige Papst Gregor der Grosse (Moralia 28,7 zu Job 38,15) daraus zieht:

«Die Versuchungen der Verderbnis des Antichrist fehlen also keineswegs, selbst wenn die Kirche Frieden ge­niesst. Dass darum nur niemand allein diese Versuchung der letzten Zeiten fürchtet, als ob sie die einzige wäre.

Dem Tier wird gegeben, mit den Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen! (Offb 13, 7)

Denn die Handlungsweise des Anti­christ findet sich tagtäglich in den Bösen, weil sein Geheimnis bereits in verborgener Weise in ihrem Herzen am Werk ist.

Und wenn in der Gegenwart zahl­reich jene sind, die – mitten in der Kir­che stehend – ihm ähnlich vorgeben, zu sein, was sie nicht sind, so wird bei der Ankunft des höchsten Richters enthüllt werden, was sie sind. Salomon hat sehr richtig von ihnen gesagt: «Ich sah begrabene Böse, die, sogar wäh­rend sie noch lebten, am heiligen Ort weilten, und sie wurden in der Stadt als solche gepriesen, die die Werke der Gerechten vollbringen» (Pred. 8,10) … Deshalb wird von den Bösen gesagt: «Man wird den Bösen ihr Licht wegnehmen» (Job 38,15). Denn sogar jetzt erleuchtet das Licht Gottes in kei­ner Weise jene, die wie mit einem Mantel (palliant) die Bosheit ihrer Fre­veltat unter dem Namen des Glaubens verbergen …

Was zu jeder Zeit in vielfacher Weise geschieht, wird sich vor allem in der letzten Verfolgung der heiligen Kirche ausbreiten, wenn das Haupt der Bösen selber sich erheben wird, dem es ge­stattet sein wird, sich all seiner Kräfte zu bedienen.

Dann, in dieser Verfolgung, wird das Herz eines jeden offenbaren, was er ist, und alles, was verborgen ist, wird am grossen Tag erscheinen: und jene, die gegenwärtig fromm ihrem Mund und böse ihrem Herzen nach sind, werden sich zu einer öffentlichen Bos­heit hinreissen lassen und den An­schein des Lichtes des Glaubens ver­lieren, den sie erweckten.

Das alles führt uns die Notwendig­keit vor Augen, dass ein jeder von uns in das Innere seines Herzens einkehre und einen gerechten Schrecken ange­sichts dessen erleide, was sich an Bö­sem in seinen Handlungen findet, da­mit er nicht unter die Zahl solcher Menschen falle, wenn einmal unsere Verdienste von der strengen Gerech­tigkeit des göttlichen Gerichts gewo­gen werden.»

A:   Dass Gott sich in der Tat würdige, uns die Gnade zu gewähren, unsere Laster und Fehler zu bessern, und uns gebe, Ihm treu zu bleiben bis zum Tod.

B:   Es ist auch angebracht, von Ihm eine grosse Geduld zu erbitten, denn «der Jünger steht nicht über seinem Meister» und der mystische Leib nicht über seinem Haupt; «haben sie also mich verfolgt», sagt Unser Erlöser, «werden sie auch euch verfolgen» (Joh 15, 20).

A:   Es war also doch vorhergesagt, dass der mystische Leib seinerseits seine Passion zu durchleiden haben würde …

B:   Das ist das, was wir soeben beim heiligen Paulus angekündigt gefun­den haben.

Allerdings ist der Lieblingsjünger in gewisser Weise noch klarer in der Ge­heimen Offenbarung.

A:   Was sagt er diesbezüglich vor­aus?

B:   «Es wird dem Tier gegeben wer­den, mit den Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen» (Offb 13,7)! Die­ses erste Tier bezeichnet dabei den Antichrist und seine Anhänger und im weiteren Sinn seine Vorläufer; die Hei­ligen bedeuten im Sprachgebrauch der ersten Jahrhunderte die durch die Taufe, das Bewahren der rechten Lehre und der guten Sitten geheiligten Gläubigen.

A:   Aber wenn sämtliche Glieder des mystischen Leibes durch die Partei­gänger des Abfalls und des Teufels besiegt werden, inwiefern wird dann die streitende Kirche unvergänglich geblieben sein? Denn ein Leib kann nicht ohne die Elemente bestehen, aus denen er sich zusammensetzt.

B:   Diese Niederlage wird relativ, nicht absolut sein, von kurzer Dauer, nicht endgültig. Was den mystischen Leib als solchen angeht, wird sie eine vorübergehende Niederlage vor den Menschen und nach ihrer Sichtweise sein, nicht vor Gott, dessen Triumph und Verherrlichung sie herbeiführen wird.

Bezüglich der Glieder des mysti­schen Leibes muss man mit den Vä­tern sagen, dass sie «nur leiblich, wenn es sich um die Vorherbestimm­ten handelt, oder gewisse auch geist­lich, wenn sie nicht vorherbestimmt sind» (hl. Thomas v. Aquin, Opusculum 68) besiegt werden.

Dieses Tier «wird leiblich jene be­siegen, die im Geiste unbesiegt ge­blieben sein werden … oder es wird nach Belieben gewisse (Menschen) besiegen, die man für stark und heilig hielt» (hl. Gregor, Moralia 32,15 zu Job 40,11); «es wird sie besiegen, gewiss, nicht indem es sie überwindet, son­dern nur indem es sie tötet» (hl. Am­brosius zu Offb 13,7).

Von daher folgendes, das Kardinal Pie, Erzbischof von Poitiers, 1880 schrieb: «Was sicher ist, ist, dass die Bösen und die Verführer sich mehr und mehr im Vorteil befinden werden, je mehr die Welt sich ihrem Ende nä­hern wird. Man wird gleichsam keinen Glauben mehr auf der Erde finden, das heisst er wird fast vollständig aus sämtlichen irdischen Einrichtungen verschwunden sein.

Die Gläubigen selber werden es kaum noch wagen, öffentlich und ge­sellschaftlich ihren Glauben zu beken­nen. Die Spaltung, die Trennung, die Scheidung der Gesellschaften von Gott, die vom heiligen Paulus als ein dem Ende vorhergehendes Zeichen angegeben wird (nisi venerit discessio primum – wenn nicht zuerst der Abfall kommt), wird sich von Tag zu Tag ver­vollständigen. Die Kirche, eine zwei­fellos immer sichtbare Gesellschaft, wird mehr und mehr auf schlicht indi­viduelle und häusliche Proportionen zusammenschrumpfen. Sie, die in ihren Anfängen sprach: «Der Platz ist zu eng, gebt mir Raum, wo ich wohnen kann», wird sich Fuss um Fuss an Bo­den verlieren sehen, sie wird von allen Seiten eingeschlossen sein; so sehr die Jahrhunderte sie grossgemacht ha­ben, so sehr wird man sich bemühen, sie einzuengen.

Schliesslich wird es für die Kirche auf Erden eine wahrhaftige Niederlage geben: «und es wird dem Tier gege­ben werden, mit den Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen» (Offb 13, 14). Die Frechheit des Bösen wird sich auf ihrem Höhepunkt befinden.

Aber was sollen die wahren Gläubi­gen, alle Menschen des Glaubens und der Tapferkeit, in dieser Extremsitua­tion noch tun? Gegen eine mehr denn je fühlbare Unmöglichkeit ankämp­fend werden sie mit doppelter Kraft, durch die Glut ihrer Gebete, durch ihre unermüdliche Tätigkeit und durch die Unerschrockenheit ihrer Kämpfe sprechen: «0 Gott, o Unser Vater, der du bist in den Himmeln, dein Name werde geheiligt wie im Himmel so auf Erden, dein Wille ge­schehe wie im Himmel so auf Erden, dein Reich komme wie im Himmel so auf Erden, sicut in coelo, et in terra!»

Sie werden diese Worte noch mur­meln, und der Boden wird unter ihren Füssen weichen. Und wie man schon andere Male im Gefolge einer unver­meidlichen Niederlage den römi­schen Senat und alle staatlichen Wür­denträger sich in Bewegung setzen sah, um dem besiegten Konsul entge­genzugehen und ihn zu beglückwün­schen, weil er nicht an der Republik verzweifelt war, so werden der himmli­sche Senat, alle Chöre der Engel, alle Ordnungen der Seligen vor den gross­zügigen Kämpfern erscheinen, die den Kampf bis zum Ende durchge­standen haben, hoffend selbst gegen alle Hoffnung, «contra spem in spem» (Röm 4,18).»

A:   Das ist also für den mystischen Leib als solchen das Gegenstück zum Geheimnis der Erlösung! … Das alles erhellt in einzigartiger Weise die uner­hörte Krise, die wir erleben.

B:   Gewiss. Dennoch: wenn auch alle diese Prophetien davon so treffend Re­chenschaft ablegen, wird man gleich­wohl dieses «Geheimnis der Bosheit» nicht gänzlich erklären können, das im anderen Fall auch nicht verdienen würde, ein Geheimnis genannt zu wer­den. Eine grosse Zahl von Elementen, aus denen es sich zusammensetzt, ent­gehen uns und lassen uns nur die all­gemeinen Umrisse dessen wahrneh­men, was geschieht.

A:   Allgemeine Umrisse, die jeden­falls bei weitem ausreichen, um auf der Ebene der geoffenbarten Tatsa­chen und des Glaubens zu beweisen, dass die aktuelle Krise keine dieser Tatsachen in Frage stellt, selbst wenn sie grosse Schwierigkeiten mit sich bringt, manche von ihnen zu rechtferti­gen.

B:   Ganz recht.

A:   Bleibt noch ein letzter Punkt. Wenn Sie aufgezeigt haben, dass Un­sere Liebe Frau das alles gleichfalls angekündigt hat, als sie sagte, Rom werde den Glauben verlieren, so ha­ben Sie doch noch nicht erklärt, wie sie das gerechtfertigt hat.

B:   Das ist wahr. Sie hat diesen An­schein von Schwäche und völliger Nie­derlage der streitenden Kirche eben­so wie ihre gegenwärtige scheinbare Auslöschung durch diese Worte der Botschaft von La Salette gerechtfertigt: «Die Kirche wird verfinstert sein, die Welt wird sich in Verwirrung befin­den. Aber da sind Henoch und Elias, erfüllt vom Geist Gottes …»

A:   Ich muss gestehen, die Tragweite davon nicht im geringsten zu begrei­fen.

B:   Man muss diese Worte zweifellos durchdenken und abwägen, um ihren grossen Reichtum zu entdecken. Sie wissen fraglos, was eine Sonnenfin­sternis ist?

A:   Selbstverständlich! Das ist ein augenblickliches Verschwinden der Sichtbarkeit der Sonne, die vollständig durch den Mond verdeckt wird, was die Erde in tiefe Dunkelheit taucht.

B:   Glauben Sie nicht, dass einige, so­bald sie das feststellen, meinen könn­ten, die Sonne sei zerstört worden, weil man ihr Licht nicht mehr sieht, zumal wenn die Finsternis Stunden dauert wie zum Zeitpunkt der Kreuzi­gung des Erlösers (Mt 27,45)?

A:     Man müsste wirklich sehr unwis­send sein, um das zu glauben, man dürfte die Natur der Sonne überhaupt nicht kennen und nicht wissen, dass eine Sonnenfinsternis immer nur vor­übergehend ist, selbst wenn sie manchmal mehrere Stunden dauern kann.

B:     Trotzdem, glauben Sie nicht, dass man, weil man ihr Leuchten nicht mehr sieht, versucht sein könnte, zu glau­ben, die Sonne habe ihren leuchten­den Charakter, ihre Sichtbarkeit ein­gebüsst? Denn dann würde man ihre Leuchtkraft nicht mehr wahrnehmen!?

A:   Sie verliert sie sicherlich in den Augen jener, die die Sonnenfinsternis erleben; das ist ja sogar die eigentüm­liche Wirkung einer Sonnenfinsternis!

Nichtsdestoweniger erlaubt uns jen­seits der Eindrücke unserer Sinne, die sie dann nicht wahrnehmen können, unser durch unsere astronomischen Kenntnisse erhellter Verstand mitnich­ten anzunehmen, die Sonne verlöre auch nur für einen Augenblick ihr Leuchtvermögen und ihre wesent­lichen Eigenschaften, selbst wenn sie zeitweilig unseren Augen nicht sicht­bar sind.

B:   Da sehen Sie, wie schön und tref­fend das Bild von Unserer Lieben Frau gewählt wurde! Und wenn Sie dort den unmittelbar anschliessenden Satz hin­zunehmen: «Aber da sind Henoch und Elias», klärt sich alles.

Denn Henoch und Elias, deren Wie­derkehr von der Geheimen Offenba­rung vorhergesagt wird, müssen kom­men, um die Rolle der beiden Prophe­ten zu erfüllen.

A: Das wird verblüffend. Denn die Propheten wurden nur zu der Zeit gesandt, wo es überhaupt kein bestän­diges und fortdauerndes Lehramt gab, dessen Rolle und Lehrfunktion sie darum übernahmen: Sprechen mit Autorität im Namen Gottes! «Wer euch hört, hört mich; wer euch verachtet, verachtet mich» (Lk 10, 16)!

B: Genau! Das ist der Grund, wes­halb, seit Unser Herr dieses Amt den Aposteln und ihren Nachfolgern an­vertraut hat, die Einrichtung des Pro­phetentums verschwunden ist oder vielmehr sich nurmehr mitten durch die Hierarchie der streitenden Kirche hindurch verlängert hat. Wenn also Gott dann seinen Auserwählten diese beiden Propheten schickt, um sie in seinem Namen und mit unwiderlegli­cher Autorität zu erleuchten, so gibt uns das zu verstehen, dass es bis dann niemanden mehr geben wird, der wirklich befugt wäre, es zu tun, zumin­dest öffentlich.

Von daher dieser Satz im von der hei­ligen Theresia vom Kinde Jesu so ge­schätzten Buch «Ende der gegenwärti­gen Welt und Geheimnis des zukünfti­gen Lebens» (S. 54-55), der durch seine Prägnanz und durch die Evidenz überrascht, die das im Geist seines Au­tors, des Abbé Arminjon, beinhaltet: «Im Augenblick, in dem der Sturm am heftigsten sein wird, in dem die Kirche ohne Führer sein wird, in dem das un­blutige Opfer allerorts aufgehört ha­ben wird, in dem menschlicherweise alles hoffnungslos scheint, wird man, sagt der heilige Johannes, zwei Zeu­gen erstehen sehen … Der eine … ist Henoch … Der andere ist der Prophet Elias …»

A:   Vollkommen einverstanden!

B:   Sicher. Und wenn Sie das Bündel von prophetischen Ankündigungen, über die Sie soeben einen guten Über­blick erhalten haben, die von der Zeit des Grossen Abfalls und von seinen Folgen berichten, Ankündigungen, die von den heiligen Lehrern präzise analysiert worden sind, im Buch über den «Antichrist und die Zeit des Welt­endes» gelesen haben, wird sich Ihnen gewiss ebenso wie mir das Herz zu­sammenziehen angesichts der stau­nenerregenden Übereinstimmung die­ser Vorhersagen mit den zeitgenössi­schen Ereignissen, die wir erlebt haben und zur Zeit noch erleben.

A:   Es stimmt, einzig diese eschatolo­gische Dimension kann eine so er­staunliche Verfinsterung rechtferti­gen.

B:   Zu diesem Punkt kann man eine weitere reichlich überraschende Ent­sprechung hinzufügen, falls Sie die dem heiligen Malachias zugeschrie­benen Papstweissagungen für echt halten, wie es Cornelius a Lapide tut.

Die dort erwähnten Devisen tragen sowohl den Päpsten als auch den Gegenpäpsten Rechnung. Nun lautet aber die für Johannes Paul II. be­stimmte: «de labore solis», was man exakt mit «von der Sonnenfinsternis» übersetzen muss! Darüber hinaus war die einzige vorangehende Bestim­mung, die das Wort Sonne enthält, die­jenige für den Gegenpapst Alexander V. zur Zeit des Grossen Abendländi­schen Schismas; genauso bezogen sich die beiden einzigen Bestimmun­gen vor der auf Johannes Paul I. ge­münzten, die das Wort Mond enthal­ten, gleichfalls auf zwei Gegenpäpste desselben Zeitabschnitts: Benedikt XIII. oder Pedro de Luna und Felix V.! …

Und es bleiben nur noch zwei! … auf dieser Liste … *

A:   Alles passt unbedingt zusammen! Wahrhaftig, man muss Gott Dank sa­gen, dass er uns so zahlreiche und prä­zise Prophetien an die Hand gegeben hat, die so erstaunlich übereinstim­men und uns beweisen, dass bei all dem, was sich gegenwärtig scheinbar in solchem Gegensatz zu seinen Ab­sichten abspielt, dennoch nichts aus dem Plan seiner göttlichen Vorsehung herausfällt.

B:   «Christus vincit. Christus regnat. Christus imperat. – Christus ist Sieger, Christus ist König, Christus ist Welten­herr.»

«Christus heri et hodie. Principium et finis. Alpha et Omega. Ipsius sunt tempora et saecula. Amen. – Christus gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega; sein sind die Zei­ten und die Ewigkeit. Amen.»

Ideoque et Ecclesia vincit et vincet, usque in aeternum! – Darum siegt auch die Kirche und wird siegen auf ewig!

*

Anhang

St. Gregor der Grosse

Abwesenheit sichtbarer Zeichen zur Zeit des Grossen Abfalls

«Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, und ich sende den Hunger über die Erde, nicht den Hunger nach Brot, noch den Durst nach Wasser, sondern nach dem Hören des Wortes des Herrn.» (Amos 8,11)

«Und die Hungersnot wird seinem Angesicht vorausgehen» (Job 41,13). Wegen einer verborgenen schreckli­chen Anordnung (der Vorsehung) wird die Kirche, bevor dieser Levia­than (der Teufel) durch diesen ver­dammten Menschen (den Antichrist) hindurch, den er beseelen wird, er­scheinen wird, der Wunderzeichen beraubt sein.

In der Tat wird die Prophetie (Spre­chen mit Autorität im Namen Gottes) nicht mehr aufscheinen, die Gabe der Heilung wird weggenommen sein, die Tugend der Enthaltsamkeit wird mit Eifer auf nahezu Null reduziert wer­den, die Predigt der (wahren) Lehre wird man nicht mehr vernehmen, das Phänomen der Wunder wird ver­schwunden sein.

Zwar wird die übernatürliche Anord­nung es nicht erlauben, dass dies alles völlig unterdrückt wird, aber es wird nicht mehr so offenbar und so reich­lich erscheinen wie in den vorange­gangenen Zeiten.

Nichtsdestoweniger unterstreicht das die bewundernswerte Anordnung (der Vorsehung), um den göttlichen Charakter der gleichzeitigen Vollen­dung der Barmherzigkeit und der Ge­rechtigkeit zu offenbaren.

Denn während die Kirche, der Wun­derzeichen beraubt, um so niederge­schlagener erscheinen wird, wird die Belohnung der Guten um so mehr wachsen, je mehr sie ihr durch die Hoffnung auf die himmlischen Güter und nicht aufgrund sichtbarer Zeichen anhängen werden; der Geist der Bö­sen hingegen wird sich um so rascher offenbaren, je mehr sie es vernachläs­sigen, die unsichtbaren Güter zu su­chen, die sie (die Kirche) verspricht, sobald sie nicht mehr durch sichtbare Zeichen bei der Stange gehalten wer­den.

So werden also, während sich die Gläubigen wegen des fast vollständi­gen Verschwindens des offenkundi­gen und vielfachen Charakters der Zeichen im Zustand der Unterlegen­heit befinden werden, durch die Prü­fung dieser verborgenen schreckli­chen Anordnung einerseits die Barm­herzigkeit gegenüber den Guten und andererseits der gerechte Zorn gegen die Bösen umso grösser werden.

Auch deshalb, weil vor der sichtba­ren und offenkundigen Ankunft die­ses Leviathans die Wunderzeichen in der heiligen Kirche grösstenteils auf­hören werden, ist es höchst passend, dass hier gesagt wird: «die Hungers­not wird seinem Angesicht vorausge­hen».

In der Tat werden zuvor den Gläubi­gen die Reichtümer der Wunder ge­nommen werden, und dann wird sich dieser alte Feind gegen sie durch öf­fentliche Wunderzeichen offenbaren, aber dergestalt, dass, während seine Macht durch Zeichen vermehrt wer­den wird, er trotzdem in noch mächti­gerer und lobenswerterer Weise durch die Gläubigen besiegt werden wird, die ihrerseits ohne Zeichen sein werden.

Jedenfalls werden die Gläubigen in ihrem Kampf gegen ihn nicht ganz und gar der Zeichen beraubt sein*, aber im Verhältnis zur Vielzahl der seinigen werden die unseren als unbedeutend und gar nicht vorhanden erscheinen.

Sie, deren Kraft sicher stärker als alle Zeichen sein wird, werden durch ihre innere Festigkeit sämtliche überra­schenden Dinge verachten, die sie ihn verrichten sehen werden.

Aus diesem Grund wird dieser hin­terlistige Feind einen um so grösseren Zorn ihnen gegenüber an den Tag legen, je mehr er darüber verärgert sein wird, sich trotz seiner beein­druckenden Wunderzeichen verach­tet zu sehen.

Er wird also alle seine Kräfte sam­meln, um sie zu vernichten, und er wird alle Verworfenen in einmütiger Härte versammeln, um die Gläubigen zu bekriegen, um um so besser seine Grausamkeit (an ihnen) auslassen zu können, je mehr jene, die boshaft han­deln wollen, einen Leib bilden wer­den, unter dessen Gliedern keinerlei Uneinigkeit herrschen wird.

Von daher das, was in der Folge ge­sagt wird …»

(Hl. Papst Gregor der Grosse, Mora­lia 24, 3 zu Job 41, 13.)

* Wobei das beeindruckendste von de­nen, die uns geblieben sind, jenes der wunderbaren Einprägung des Bildes Jesu Christi auf dem heiligen Grabtuch ist.

_______

Quelle: SAKA-INFORMATIONEN, 16. Jahrgang Nr. 2, Februar 1991, Seiten 23-31

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