Das 2. Vatikanum oder DIE KIRCHE DER WELT

Fortsetzung, siehe «Fortes in Fide» Nr. 16, S.81.

«Nicht für die Welt bitte ich.» (Joh. XVII, 9)

Die Kirche ist nicht von der Welt, sondern sie ist in der Welt, wie der Leuchtturm, der die ganze Menschheit erleuchtet. Sie ist der Welt nicht gegeben worden, um ihr eine Seelenergänzung zu bringen, sondern um sie zu erneuern. Und wenn das Königreich schon hienieden gegen­wärtig ist, dann durch sie und in ihr allein. Das Konzil hat diese Sicht umgekehrt, indem es von der Welt ausgeht, um zu Gott zu gehen. Es hat die Kirche verweltlicht, indem es sie auf die Welt abgrenzte, so dass die Errichtung des Königreiches ihren Platz der Suche nach einer ver­schwommenen Brüderlichkeit überlassen hat und die Weihe der gesamten Welt an Christus der Förderung des Menschen.

III. Vom Katholizismus zum Ökumenismus

Weil sie katholisch ist, hat die Kirche die Bestimmung zur Allumfas­sendheit. Seit ihrer Gründung hat sie demzufolge erstrebt, den ganzen Planeten in einem einzigen Glauben zu einen: dem Ihren. «Gehet also hin, und lehret alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was ich Euch geboten habe!» (Matth. 28, 19-20).

Heute aber ist dieses Werk, wenn nicht gefährdet, so zumindest behin­dert. Der völkerumgreifende Marxismus und die weltweite Reich­tumsherrschaft haben das Christentum ersetzt und bemühen sich wett­eifernd, die Welt zu vereinheitlichen in sozialistischem Grau und ent­menschlichender Vermassung. Die Entwicklung und das Anwachsen der öffentlichen Mitteilungsmittel, insofern sie Werkzeuge der Wer­bung und der Handhabung der Geister sind, dienen, weit davon ent­fernt, zur Ausbreitung des Reiches Gottes beizutragen, nur dazu, den Einfluss dieser Denkweisen zu verbreiten und ihre Einwirkung zu ver­stärken.

Vor dieser unerträglichen und gefahrvollen Lage, nicht nur für die Kir­che, sondern auch für die Zukunft der Menschheit, hat das II. Vatika­nische Konzil sich wohl gehütet, einzuwirken. Es wollte darin nur eine ganz natürliche und heilbringende Bewegung sehen, die nicht zu beachten schuldhaft wäre. Das Bewegen zur Einigung, welche die Welt unter der Fahne der verallgemeinernden Träumereien antreibt, ver­wirklicht in der Tat, vielleicht noch vollkommener, das, wonach die Kirche immer für die Menschheit gestrebt hätte. Sie darf überdies nicht am Schleppseil bleiben, weil «die Einheit fördern übereinstimmt mit der inneren Sendung der Kirche, denn sie ist ‹in Christus wie das Sakrament, d. h. zugleich das Zeichen und das Mittel der inneren Ein­heit mit Gott und der Einheit des ganzen Menschengeschlechts›» (G. S. 42,3 und L. G. 1,1).76

Demzufolge hat das Konzil, um die Kirche diesem derzeitigen Ausse­hen der Weltentwicklung entsprechen zu lassen, ihr als Sendung gege­ben, nicht mehr alle Menschen unter dem Gesetz Christi einigen zu streben, sondern dazu beizutragen, gemeinsam mit den anderen Eini­gungsbestrebern (einrichtungsmässige wie die ONU oder gedanken­mässige wie die Sozialisierung) an der Errichtung einer weltweiten Art geistiger, politischer und wirtschaftlicher Gemeinschaft, in der alle Menschen sich wiederfinden werden können.

In dieser Gesamtdurchschau also nimmt die Förderung des Ökume­nismus als Antwort auf den Wunsch nach Einung der Welt und als Mittel, deren Verwirklichung zu beschleunigen, ihre ganze Kenn­zeichnung und wird für Vaticanum II ein wesentlicher Bestandteil der Tätigkeit der Kirche. «Da heute in verschiedenen Teilen der Welt unter dem Hauch der Gnade des Hl. Geistes viele Anstrengungen durch das Gebet, das Wort und die Tat gemacht werden, um zu dieser Ganzheit der von Jesus Christus gewollten Einheit zu gelangen, ermahnt das Konzil alle katholischen Gläubigen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und tätigen Anteil zu nehmen am ökumenischen Bestre­ben.» (U. R. 4,1).

Im weiten Sinne verstanden, muss dieses Bemühen sich ausdrücken in dem Suchen nach der Einheit zwischen allen Auffassungen, welche die Menschen sich machen von der göttlichen Natur und den geistigen Dingen. In einem engeren und unmittelbareren Sinne wird es sich allein darum handeln, die auf die Vereinigung aller christlichen Reli­gionsgemeinschaften zielende Bewegung Wirklichkeit werden zu las­sen. Aber in allen Fällen kann sich die ökumenische Arbeit nur auf der Grundlage der augenblicklichen Gegebenheiten verwirklichen, d. h.: nicht nach den Forderungen der Wahrheit, sondern in der Annahme und der Beachtung der Unterschiede der verschiedenen Beteiligten. Die Einheit wird demnach nicht durch die Rückkehr der Abgeirrten zur einzigen Kirche gefunden werden, sondern in einer Art religiösen Bundes, der jedem gestattet, seine Gewissensfreiheit gewahrt zu sehen.

So hat das II. Vaticanum geschlossen für die Suche nach einer trügeri­schen Einheit in der Vielfalt der Lehre gestimmt. Anders gesagt: es hat sich geweigert, die katholische Lehre zu verteidigen und aufstrahlen zu lassen, um diejenigen anzuziehen und ihr erneut einzugliedern, die sich von ihr getrennt haben, um statt dessen eine verschwommene Gemeinsamkeit begründen zu wollen, in der Katholiken und getrennte Brüder sich zusammenfinden werden im Bekenntnis eines bedingten Christseins.

In dieser Sicht fordert der Erfolg der ökumenischen Bewegung von jedem Beteiligten eine nicht von Unnachgiebigkeit, Herablassung oder Verschlossenheit, sondern von gegenseitigem Verstehen und Annehmen geprägte Haltung. Die Kirche ihrerseits muss sich also besonders anstrengen, «um Wörter, Beurteilungen und Tatsachen aus­zumerzen, die weder vor dem Recht77 noch in Wahrheit der Lage der getrennten Brüder entsprechen und so beitragen, die Beziehungen zu ihnen zu erschweren» (U. R. 4,2). Sie muss die ehemals gegen Irrlehrer und Spalter ausgesprochenen Verurteilungen vergessen und die Teilhabe am Verschulden der Streitigkeitursachen anerkennen, wel­che die Christenheit zerrissen haben. «Durch demütiges Gebet müssen wir demnach Gott und die getrennten Brüder um Verzeihung bitten ebenso, wie wir denen verzeihen, die uns beleidigt haben.» (U. R. 7,2)78

Um aber diese neue Geisteshaltung zu erlangen, lädt das Konzil die Kirche ein, «wie erforderlich eine von Erneuerung und Umbildung unterstützte Anstrengung zu unternehmen» (U. R. 4,2); denn «es gibt keinen wahrhaften Okumenismus ohne innere Umkehr» (U. R. 7,1). Bisher wäre die Kirche der Lehre ihres göttlichen Meisters nicht treu genug gewesen, arm und bescheiden inmitten aller. Sie muss auch «vom Hl. Geist die Gnade einer aufrichtigen Selbstverleugnung erbit­ten, die der Demut und Milde im Dienst einer brüderlichen Grossmut den anderen gegenüber» (U. R. 7,1). Anders gesagt: unter dieser Bedingung werde sie künftig die Irrtümer besser dulden, ihr Recht, als die einzige Kirche Christi anerkannt zu werden, aufgeben und sich nicht mehr immer als die beste zu glauben, um endlich alle «Reichtü­mer» zu empfangen, die sich in den anderen christlichen Gemein­schaften finden und die sie demnach nicht besitze.

Dann erst wird die ökumenische Arbeit die Möglichkeit haben, sich wahrhaft einzusetzen. Sie wird sich in erster Stelle verwirklichen durch den «Dialog», das von wohlunterrichteten Fachleuten geführte Gespräch im Verlauf von Zusammenkünften mit Christen verschiede­ner Religionsgemeinschaften, «in denen jeder die Lehre seiner Gemeinschaft gründlich darlegt und in klarer Weise aufzeigt, was sie kennzeichnet». So erlangen alle «eine wirklichere Kenntnis, zugleich eine gerechtere Einschätzung der Lehre und des Lebens jeder Gemein­schaft» (U. R. 4,2).

In dem Masse, wie in einem solchen Gespräch «alle sich untereinander verhalten wie Gleich zu Gleich» (U. R. 9,1), können die Katholiken für sich kein Sonderrecht geltend machen für die Bestätigung der Wahrheit ihres Glaubens. Infolgedessen darf sich nur eine Art gemein­samen religiösen Vorhabens (Programms) als Grundlage eines gegen­seitigen Einvernehmens ergeben. Die katholische Lehre, die, weil sie die einzig wahre ist, keinerlei Gleichstellung oder Verplanung zulassen kann, riskiert folglich also, all dessen beraubt zu werden, was ihre Nichtrückführbarkeit (Unvergleichbarkeit) ausmacht, und dadurch ausgelöscht zu werden.

Wie aber dann die Warnung des Konzils erklären, die aussagt, dass «unbedingt die unversehrte Lehre klar dargestellt werden muss» und dass «nichts dem Ökumenismus fremder ist als diese falsche Friedens­sucht, die der Reinheit der katholischen Lehre schadet und ihren wah­ren und unbestreitbaren Sinn verdunkelt» (U. R. 11,1)? Abgesehen von dem Gedanken, dass es sich um ein Einschiebsel von Rechtsgläu­bigkeit handeln könnte, dazu bestimmt, Sand in die Augen zu streuen, ist es vernünftigerweise möglich zu denken, dass nur ein offensichtli­cher Widerspruch vorliegt.

Es geht dem Vaticanum II in der Tat nicht darum, ein Gespräch zu füh­ren auf der Grundlage einer sachlichen Gleichheit der Teilnehmer, das begänne mit der Erklärung, dass alle Standorte gleichwertig seien, was als unmittelbare und offensichtliche Folge das Bedingtsein und die Verwirrung hätte. Die Gleichheit darf demnach nur verstanden wer­den auf eine persönliche Weise, mit Bezug auf die Personen, die Mitglieder der verschiedenen Gemeinschaften. In dieser Eigenschaft, durch die innere Würde, die ihnen zuerkannt worden ist durch die Erklärung über die Religionsfreiheit, verdienen diese Personen, angesehen zu werden in der Weise, in der sie Zeugnis geben von dem Glauben und darin leben, selbst wenn sie im Irrtum sind (G. S. 28,2). Das ökumenische Gespräch besteht also darin, sich gegenseitig beizu­stehen, um mitsammen zu einem gemeinsamen Besitz der Wahrheit vorzudringen, die in diesem Falle nicht bedingt werden kann.

Wie aber sollte man da nicht doch bemerken, dass, diesen Weg zu gehen mit denen, die sich irren, notwendig einschliesst einesteils, zumindest stillschweigend, die Annahme ihrer Irrtümer und anderen­teils die sichere Gefahr, den Inhalt des Glaubens wesentlich zu ändern, um das Gespräch um jeden Preis zu erhalten und fortzusetzen! Leitet das Konzil übrigens diese Gefahr nicht ein, indem es behauptet, dass «man den katholischen Glauben auf tiefere und genauere Weise erläu­tern muss, indem man eine Sprechweise und eine Sprache benutzt, die auch den getrennten Brüdern sogar leicht zugänglich seien» (U. R. 11,2)? Ausgenommen, zu behaupten, «dass es eine Rangordnung oder ‹Hierarchie› der katholischen Lehrwahrheiten gibt auf Grund ihrer verschiedenen Beziehung zu der Grundlage des christlichen Glau­bens» (U. R. 11,3), kann man nicht verschiedene Weisen ausdenken — indem die Wörter hinweisen auf eine genaue Wirklichkeit —, die Glaubenssätze der Kirche auszudrücken, ohne deren Sinn zu verän­dern. Infolgedessen führt das ökumenische Gespräch, selbst wenn es auf ein persönliches Unterscheidungsmerkmal gegründet ist; verhäng­nisvollerweise zur Missachtung des Glaubens.

In der Durchführung verlangt der Ökumenismus von den Katholiken, «ausgedehnter mitzuarbeiten an allen Arten von Unternehmungen, die gemäss den Forderungen eines jeden christlichen Gewissens zum allgemeinen Wohlbeitragen» (U. R. 4,2). Die Einheit durch die Lehre muss also zurücktreten vor der Einheit durch die Betätigung. Tatsäch­lich werden die Christen im gemeinsamen Tun die Möglichkeit haben, sich besser kennen- und schätzenzulernen und dadurch sich näherzu­kommen, indem sie die Gründe beiseiteschieben, die sie trennen.

Diese Miteinanderarbeit ist dem Vaticanum II übrigens sehr wün­schenswert; denn «die Trennung der Christen schadet in der Tat der hochheiligen Sache der Verkündung der Frohbotschaft an jegliches Lebewesen» (A. G. 6,6). Auch jeder Bekehrungseifer muss zwischen den christlichen Gemeinschaften unterbleiben, um sich «in einer einzi­gen Herde zu sammeln und so auf einmütige Weise Zeugnis zu geben von Christus, ihrem Herrn, vor allen Völkern» (A. G. 6,6). Der Glaube muss gemeinsam verbreitet werden, obwohl er nicht von allen geteilt wird. Es ist schlecht zu sehen, wie eine solche Verkündigung der Froh­botschaft sich verwirklichen könnte. Tatsächlich wird es sich vor allem darum handeln, gemeinsam an ganz zeitlichen Aufgaben zu arbeiten, «sei es, die menschliche Person nach ihrem Wert schätzen zu lassen, sei es, an der Förderung des Friedens zu arbeiten, sei es, die gesell­schaftliche Durchführung der Frohbotschaft zu erstreben, oder durch die Entwicklung der Wissenschaften und Künste in einer christlichen Umwelt, oder auch durch den Beitrag von Heilmitteln jeder Art gegen die Nöte unserer Zeit, z. B. den Hunger und allgemeines Unglück, die Unwissenheit und die Armut, die Wohnungsnot und die ungleiche Verteilung der Güter» (U. R. 12). Wenn der Sendungsauftrag fortan in dieser Sicht betrachtet wird, bleibt nichts mehr, sich über Lehrge­gensätzlichkeiten zu beunruhigen.

An letzter Stelle muss der Ökumenismus seinen Platz gleichfalls auf der geistigen Ebene finden. Deshalb erklärt Vaticanum II, dass «es erlaubt ist, vielmehr wünschenswert, dass die Katholiken sich verei­nen, um mit den getrennten Brüdern zu beten»; denn «solche gemein­samen demütigen Bitten sind sicher ein wirksames Mittel, die Gnade der Einheit zu erbitten, und sie stellen einen glaubwürdigen Ausdruck der Verbindungen dar, durch welche die Katholiken noch geeint sind mit den getrennten Brüdern» (U. R. 8,3). Man ist recht weit von den Zeiten, da diejenigen, die sich schuldhaft in der Spaltung oder der Irr­lehre befanden, den Gegenstand eines Ausschlusses bildeten, der als streng erscheinen kann, der aber nicht weniger ernstlich begründet war. «Wer vorwärts schreitet und nicht in der Lehre Christi bleibt, besitzt Gott nicht. Wer in der Lehre verbleibt, der besitzt sowohl den Vater als auch den Sohn. Wenn einer zu Euch kommt, ohne diese Lehre zu bringen, den nehmt nicht auf bei Euch, und enthaltet Euch, ihn zu grüssen! Wer ihn grüsst, nimmt teil an seinen schlechten Wer­ken.» (2 Joh. 99-11).

Noch schwerer wiegend: das Konzil erlaubt gleicherweise die «com­munio in sacris», d. h.: die gemeinsame Teilnahme an den Sakramen­ten der Kirche, als sicher nicht vorbehaltlos zu benutzendes — aber trotzdem anzuwendendes — Mittel79, um die Einheit der Christen wiederherzustellen (U. R. 8,4). Die Eucharistie, die das bevorrechtigte Zeichen der Vereinigung in Christus ist, soll also fortan in dieser Sicht betrachtet werden. Dies erklärt die Annahme eines neuen Ritus mit ökumenischer Wesensart für die Messe, der sie für alle zugänglich macht mittels der quasi-Unterdrückung des Opfergedankens zugun­sten des für Protestanten allein annehmbaren Gedächtnisgedankens. Ebenso werden die Lehre über die anderen Sakramente, der Kult (Gottesdienst) und die Ämter der Kirche Gegenstand eines Gesprä­ches bilden (U. R. 22,3), um sie den Ansichten der anderen christlichen Gemeinschaften anzugleichen. Anders gesagt: da es unmöglich war, eine Einigungsebene zu finden bei voller Wahrung der Unversehrtheit der Lehre, hat Vaticanum II nicht gezögert, sie zu verändern, letztlich zu verleugnen.

Um sein ökumenisches Vorhaben zu rechtfertigen, musste es sich um die Festsetzung einer neuen Lehre von der Kirche bemühen. Der Ökumenismus beinhaltet in der Tat eine ausgeweitete Auffassung von der Kirche. Alles, was ihre Besonderheit und Nichtrückführbarkeit auf die anderen Arten von Religion oder Religionsgemeinschaft, selbst nahestehender, ausmacht, muss beiseitegelassen werden. Man wird die Gesichtspunkte zur Geltung bringen, die erlauben, ihren Wesens­gehalt beträchtlich auszuweiten bis zur vollständigen Auflösung in einer verschwommenen Gemeinsamkeit.

Der Hauptgegenstand der konziliaren Lehre von der Kirche ist also der von einer in der Tat weiterräumigeren Kirche als die römisch-katholische. «Diese Kirche, errichtet und ausgebaut in dieser Welt als Gesellschaft, besteht80 in der katholischen Kirche, geleitet von dem Nachfolger Petri und den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm, wiewohl man ausserhalb ihres Ganzen mehrere Wesensbestandteile von Heili­gung und Wahrheit findet, die, als besondere Gaben an die Kirche Christi, auf die katholische Einheit hinstreben» (L. G. 8,2). Das bedeutet ganz klar, dass die Kirche Christi nicht ganz in der katholi­schen Kirche enthalten ist. Diese letztere ist in der Wirklichkeit nicht gleichbedeutend mit dem geheimnisvollen Leib Christi. Sie ist aus ihm ausgegliedert und stellt nur einen besonderen Anblick dar.

Nach dieser Lehre ist es also fortan möglich, sich zu retten, ohne im katholischen Glauben zu bleiben, weil dieser das Bestehen anderer Heilsmöglichkeiten nicht ausschlösse. Gewiss, die Kirche hat immer zugestanden, dass die Gnade Gottes in gewissen Seelen guten Willens, die, ohne ihr auf gesellschaftliche und sichtbare Weise anzugehören, einen stillschweigenden Glauben leben und sich so retten können. Aber indem sie das tun, sind diese Seelen ihr tatsächlich zugehörig, denn durch sie allein können die Menschen eingeboren werden in das göttliche Leben. Der geheimnisvolle Leib Christi und die katholische Kirche sind also nur zwei Anblicke einer gleichen Wirklichkeit: der eine unsichtbar und von geistiger Art, die andere sichtbar und von Ein­richtungsart. Infolgedessen gibt es hienieden nur eine einzige Kirche, einig, heilig, katholisch und apostolisch, eine einzige Gemeinschaft, wo die Gnaden ausgeteilt werden, insbesondere durch die Sakra­mente, und deren Mitglied man notwendig sein muss, um zum Heile zu gelangen. Obwohl diese Zugehörigkeit es nicht von selbst ein­schliesst — denn es gibt auch tote Mitglieder in dem Gemeinschaftskör­per der Kirche — ist es nichtsdestoweniger möglich und nötig, diej enigen zu unterscheiden, die dazugehören, weil sie den Glauben haben oder zumindest angesehen werden, ihn zu haben, von denen, die draussen sind: den Heiden und den Ungläubigen, den Gläubigen der anderen Religionen, den Irrlehrern, den Spaltern und den Abgefalle­nen. Diesen letzteren muss die Frohbotschaft verkündet werden, oder sie müssen in die Hürde zurückgeführt werden, denn sie laufen Gefahr, sich zu verdammen.

Diese Unterscheidung hat das Konzil auslöschen wollen. Deshalb betrachtete es die Kirche nicht als die im gleichen Glauben geeinte Gemeinschaft der Gläubigen unter der Machtbefugnis ihrer Hirten, sondern als Volk Gottes (L. G. 9), d. h.: als Versammlung der Men­schen in Jesus Christus unter dem Wirken des Hl. Geistes. Diese in sich selber nicht ungenaue Vorstellung erlaubt tatsächlich, wenn man sie zur Grundlage der ganzen Lehre von der Kirche macht, den Inhalt und die Grenzen der Kirche zu bedingen. Weil sie so weniger die Einrich­tung, die Herde, die Braut ist als die geistige Vereinigung, die Gemein­schaft, die Gläubigen, kann die Kirche folglich ohne zuviel Wider­spruch alle möglichen Ausdehnungen vertragen und die verschiede­nen Weisen, durch welche die Menschen sich an Gott wenden, auf ihre Rechnung nehmen. Betrachtet in der Tat auf der menschlichen Ebene, von seiten derjenigen, die ihr angehören oder empfänglich sind, ihr anzugehören mittels einiger Einrichtungen und nicht mehr bezüglich des Glaubens, der die Zugehörigkeit begründet, kann eine solche Kir­che schliesslich unbeschadet jeden einbegreifen, in dem Masse, wie jeder Mensch in sich eine bewusste oder unbewusste, angenommene oder abgewiesene Neigung besitzt, sich an Gott zu wenden.

Die Bezeichnung «Volk Gottes» lässt so eine Auffassung von einer vor allem pneumatischen (Hl. Geist-bezogenen) Kirche vorherrschen. Sie wird die Gemeinschaft aller, bei denen der Geist wirkt. Eine Gemein­schaft, deren Grenzen sehr wenig genau sein werden, wenn, wie man es gesehen hat, die Gnade heute überall in der Welt gegenwärtig ist.

Übrigens wird in der Eigenschaft als «messianisches Volk, neues Israel der gegenwärtigen Zeit, das auf der Suche nach der künftigen und ewi­gen Stadt unterwegs ist» (L. G. 9,3), die Kirche in eine geschichtliche und wandelbare81 Ausdehnung eingeführt. Sie entwickelt sich im Lauf der Zeiten auf eine grössere Vervollkommnung hin. «Die Kirche ist im Verlauf ihrer Pilgerschaft durch Christus zu dieser dauernden Umfor­mung aufgerufen, deren sie fortwährend bedarf als menschliche und irdische Einrichtung» (U. R. 6,1). Sie ist nicht das, was sie sein sollte, besonders, weil sie noch nicht dazu gelangt ist, sich zu einen.82 «Die Spaltungen unter Christen hindern die Kirche, die ihr eigene Ganzheit an Katholizität in denen ihrer Söhne zu verwirklichen, die durch die Taufe gewiss ihr angehören, aber sich von ihrer vollen Gemeinsamkeit getrennt finden» (U. R. 4,10).

Für das Konzil gäbe es demnach nur ein Volk, in dessen Schoss die Glaubenswahrheiten verstreut und verschieden ausgedrückt sind. Trotz den Hindernissen durch Lehre und Ordnung «befinden sich die, welche an Christus glauben und die Taufe gültig empfangen haben, in einer gewissen, wenn auch unvollkommenen Gemeinsamkeit mit der katholischen Kirche» (U. R. 3,1). In der Tat, ausser der Taufe «ergänzen sich viele geheiligte Zeichen der christlichen Religion bei unseren getrennten Brüdern, und auf verschiedene Weisen, nach der unterschiedlichen Lage jeder Kirche oder Gemeinschaft, können sie sicherlich das Leben der Gnade wirksam hervorbringen, und man muss erkennen, dass sie den Eingang der Heilsgemeinsamkeit öffnen» (U. R. 3,3).83

Wie das erklären? Sind sie in der Wahrheit, die allein die Einheit ermö­glicht, oder sind sie es nicht? Das Konzil stellt die Frage unterschied­lich. Für es ist der Besitz der Wahrheit von mengenmässigem und nicht von gütemässigem Rang, sodass sie nicht gezwungenermassen aus­schliesslich und auf die einzige katholische Kirche begrenzt ist.84 «Unter den Wesensbestandteilen oder Gütern, durch deren Gesamt­heit die Kirche sich aufbaut und belebt wird, können mehrere und selbst viele und von grossem Wert ausserhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche bestehen» (U. R. 3,2). Demzufolge ist die Zugehörigkeit zur Kirche eine Frage der Stufe und nicht des Wesens. Man kann Mitglied in ihr sein auf eine mehr oder minder enge Weise, ja, sogar auf sehr lockere, je nachdem, ob man einem mehr oder weni­ger vollständigen Glauben anhängt. Die Katholiken besitzen die Wahrheit ganz; denn «durch die einzige katholische Kirche Christi, die ‹Gesamtmittel des Heiles› ist, kann die ganze Fülle der Heilsmittel erlangt werden» (U. R. 3,6). Deshalb sind sie «vollständig eingegliedert in die Gemeinschaft der Kirche» (L. G. 14,2). Was die anderen christli­chen Gemeinschaften anbetrifft, die, zumindest der Sache nach, in der Spaltung oder im Irrglauben verharren, müssen sie angesehen werden als besondere Heilswege. «Die getrennten Kirchen und Gemeinschaf­ten sind, obschon wir sie für Opfer von Mängeln halten, keineswegs ohne Bedeutung und Wert im Heilsgeheimnis. Der Geist Christi verweigert in der Tat nicht, sich ihrer als Heilsmittel zu bedienen, dessen Kraft aus der Fülle der Gnade und Wahrheit entfliesst, die der katholi­schen Kirche anvertraut worden ist» (U. R. 3,4). Infolgedessen «weiss die Kirche sich mit denen, die, getauft, mit dem Namen Christen bezeichnet werden, aber den Glauben nicht vollständig bekennen oder die Einheit der Gemeinsamkeit mit dem Nachfolger Petri nicht bewah­ren, geeint aus vielfältigen Gründen» (Glauben an den Erlöser Chri­stus, Feier der Eucharistie, Anerkennung der Schrift usw.) (L. G. 15).

Es ist also nicht mehr die einzige Kirche Christi, der die getrennten Brüder sich anschliessen müssen, um die Einheit zu finden, die sie verloren haben. Es handelt sich nicht mehr darum, die protestanti­schen, anglikanischen, orthodoxen Religionsgemeinschaften herbei­zuführen zum Zusammenschluss im Schoss der katholischen Kirche.85 Das Volk Gottes muss jetzt auf dem Wege der Gemeinsamkeit nach seiner Einheit streben. Das Verhältnis zwischen den getrennten christ­lichen Gemeinschaften und der katholischen Kirche kann sich nur auf dieser Ebene ansiedeln, da die ersteren mit demselben Anspruch wie die zweite angesehen werden als eine gewiss verschiedene, aber wirkli­che und heiligende Verbindung mit Christus habend. Aus einem gemeinsamen Erbe stammend, indessen verschieden im Zustand, bringt jede, das bewahrend und vertiefend, was ihre Eigenartigkeit ausmacht, den anderen ihre geistigen Reichtümer und verwirklicht so das Geheimnis der Einheit.

Der Ökumenismus hat also für die Kirche das Aufgeben des Alleinbe­sitzes des Christentums gekennzeichnet. Im weitesten Ausmass hat er ihr gleicherweise den der Religion entzogen. In der Tat, obgleich Vaticanum II bekräftigt (das ist das geringste!), dass «die Menschen die Ganzheit des religiösen Lebens finden müssen in der Kirche» (N. A. 2,2) erklärt es andererseits, an die nichtchristlichen Gläubigen gerichtet, dass «die katholische Kirche nichts von dem verwirft, was wahr und heilig in diesen Religionen ist. Sie betrachtet mit einer auf­richtigen Achtung diese Weisen, zu handeln und zu leben, diese Richt­linien und diese Lehren, die, obgleich sie in vielen Punkten verschie­den sind von dem, was sie selber besitzt und anbietet, indessen oft einen Strahl der Wahrheit mitbringen, die alle Menschen erleuchtet» (N. A. 2,2). Das ist eine verwegene Neuheit!

Gewiss, die Kirche hat immer gelehrt, dass das Wort Gottes jeden Menschen und jedes Volk erleuchtet, wenn sie es gern annehmen, und dass «auch die Heiden ihre Propheten haben». Es ist indessen gleicher­weise wahr, «dass alle Götter der Völker böse Geister (Dämonen) sind» (Ps. 95). Deshalb hat die Kirche, die allein die wahre Religion besitzt, die geistige Kraft der Menschheit einzubeziehen gesucht, aber indem sie diese umwandelte. Sie hat sie vor der Einverleibung zur Erneuerung bekämpft, um sie vom Irrtum und Schlechten zu reinigen, die sie überall verseuchen.

Aber diese Vorgehensweise passt nicht mehr zu jener des Ökumenis­mus. Jetzt muss das Verstehen an die Stelle der Verdammung treten, müssen die geheimen Werte des Hinduismus, des Buddhismus, des Islam usf. anerkannt werden. Weil auch sie etwas zu den religiösen Bestrebungen des Menschen beitragen können, müssen die ver­schiedenen Religionen der Welt sich fortan der Hochachtung der Chri­sten erfreuen. Die Kirche hat keine Bekehrungsversuche mehr bei ihren Anhängern zu machen. «Sie ermahnt also ihre Söhne, dass sie mit Klugheit und Liebe, durch das Gespräch und durch die Zusam­menarbeit mit denen, die anderen Religionen folgen, unter Bezeugung des christlichen Glaubens und Lebens die geistigen, sittlichen und gemeinschaftbildnerischen Werte, die sich in ihnen finden, anerken­nen, wahren und fördern» (N. A. 2,3).

Eine solche «Lehre von der Kirche» ist nicht mehr katholisch. Sie rechtfertigt alle zerstörerischen Unterfangen, die durch das, was wohl eine neue ökumenische Kirche genannt werden muss, unternommen werden. Vaticanum II hat, in der Absicht, die Welt geistig zu verein­förmigen durch Ansichziehen, ohne sie zu reinigen, aller mehr oder weniger mystischen Bereiche der Menschheit versucht, die Lehre des­sen, der die Wahrheit selber ist, zu verkürzen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, der, weit entfernt davon, das Einsichtsvermö­gen zu erleuchten, es fast unheilbar verdunkelt. Es blieb ihm nur mehr, eine menschbezogene (humanistische) Religion zu predigen, die von der derzeitigen Geisteshaltung angenommen werden sollte.

Der Bruch ist vollständig, offensichtlich.

_______

76 Die Kirche sammelt und eint in Gott alle diejenigen, die ihren Loskauf durch Chri­stus, den Erlöser, empfangen haben. Aber sie kann nicht das ganze Menschenge­schlecht einen; denn so viele sind berufen, wenige sind auserwählt. Zahlreich sind diejenigen, welche, unempfänglich für seinen Ruf, von seiner Gemeinsamkeit getrennt geblieben sind, bleiben und bleiben werden.

77 Welche Gerechtigkeit? Wenn die Gerechtigkeit darin besteht, jedem das zu geben, was ihm geschuldet wird, ist es gut, dass diejenigen, die der Kirche geschadet haben, sich verurteilt sehen. Und der beste Dienst, der ihnen geleistet werden kann, muss sein, ihnen nicht ein freundliches Gesicht zu zeigen, sondern sie aufzuklären über ihre Fehler, um sie zur Reue zu führen.

78 Christus in seiner Barmherzigkeit hat die Ehebrecherin nicht verurteilt. Aber seine Verzeihung hat er ihr unter der Bedingung gewährt, nicht mehr zu sündigen. Sollte es jetzt, dank dem Konzil, möglich sein, sogar denen zu verzeihen, die in der Sünde bleiben?

79 Dieses Tun ist durch die Kirche immer ausdrücklich verboten worden. S. Can. 731, 765, 1258!

80 «Wir müssen eine wichtige, in Kap. I (des Entwurfs über die Kirche) in den Satz, der die Gleichheit ausspricht zwischen der Kirche Christi und der katholischen Kir­che, eingeführte Änderung anzeigen… Der Berichterstatter, Mgr. Charue von Namur, erklärte: «an Stelle von ‹est› sagt man ‹subsistit in›, damit der Ausdruck besser in Übereinstimmung sei mit den Behauptungen bezüglich der anderswo vor­handenen kirchlichen Wesensbestandteile». (G. Dejaifve: Eine entscheidende Wende der Lehre von der Kirche im Vaticanum II. Der theologische Punkt Nr. 31, S.97-98).

81 «Was das Kap. 2 ‹De populo Dei› anbetrifft, merkte Mgr. Garone, es vorstellend, an, dass man, dem Wunsch der Väter entsprechend, die Kirche in ihrer geschichtli­chen Sicht (Heilsgeschichte) erörterte, weil man dort einen glücklicheren Blick finden kann für die Behandlung von Katholiken, nichtkatholischen Christen und allen Menschen, wogegen der Begriff ‹Glieder der Kirche› recht grosse Schwierig­keiten bereite» (ebd., S. 98-99).

82 Die Kirche ist in ihrer Sendung gewiss den Unvollkommenheiten der Menschen unterworfen, die sie bilden und leiten. Das macht vonihrer Seite her eine ganz besondere und ständige Anstrengung notwendig, um als treue Diener Christi zu erscheinen. Aber in sich selber bleibt die Kirche unveränderbar die makellose Braut. Und wenn es wahr ist, dass das Dasein mehrerer christlicher Gemeinschaften für die Ungläubigen Gegenstand eines Ärgernisses sei und sie an der Reinheit des Christentums zweifeln lassen kann, gilt deswegen nicht weniger, dass die unver­gängliche und immer von Heiligkeit strahlende Kirche die einzige Pforte des Heiles bleibt. Nicht sie hat ihre Einheit verloren, ihre Heiligkeit, ihre Katholizität und ihre Apostolizität, sondern die Gemeinschaften, die sich von ihr getrennt haben und die durch diese Tatsache wesentlich nichts Gemeinsames mehr mit ihr haben.

83 Wie es ein erfahrener Theologe sagte: «Ist es nicht wahr, dass wir schon weit entfernt sind von ‹Mystici corporis›, die sich weigerte, einzuräumen, dass die Andersgläubi­gen leben oder belebt werden vom selben Geist?» (ebd. S. 85).

84 Das ist die Verneinung des sachlichen und unverkürzten Charakters des Glaubens. Der hl. Thomas lehrt, dass diejenigen, die nicht allen Wesensbestandteilen des katholischen Glaubens anhangen, von ihm keine Anteile besitzen. In der Tat ist ein Teil ohne sein Ganzes sachlich nicht mehr ein Teil. Der Irrlehrer, der von dem Wort Gottes sagen lässt, was sich nicht darin befindet, der also seinem eigenen Gedanken folgt auf Kosten der Überlieferung der Kirche, widerruft den ganzen Glauben, selbst wenn er nur einen geringen Punkt zurückgewiesen hat; denn das, was unse­rem Einsichtsvermögen vielfältig scheint, bleibt in Gott und in der Wirklichkeit nicht weniger eines. Demzufolge können die getrennten Brüder, da sie den Glauben nicht haben, als solche in keiner Weise der Kirche eingegliedert werden.

85 Die Kirche versteht so die Einheit: «Beten wir auch für die Irrgläubigen und die Getrennten, dass Gott, unser Herr, sie allen Irrtümern entreisse und zurückführe zu unserer heiligen Mutter, der katholischen und apostolischen Kirche!» (Gebet an Karfreitag).

Ein Kommentar zu “Das 2. Vatikanum oder DIE KIRCHE DER WELT

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