Ferdinand Holböck: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh. 1, 41)

5. Johann Emmanuel Veith († 6. November 1876)

Eine überaus interessante Persönlichkeit, die, aus einer orthodox jüdischen Familie stammend, zum katholischen Glauben fand, ist der berühmte Arzt, spätere Priester und Klassiker der katholischen Homiletik, Johann Emmanuel Veith. Er stammte aus Kuttenplan im nordwestlichen Böhmen, wo er am 10. Juli 1787 geboren wurde.

Die Erziehung, die ihm im jüdischen Elternhaus zuteil wurde, war von früher Kindheit an darauf gerichtet, ihn zu einem großen Talmudgelehrten heranzubilden. Aber der Talmud stieß ihn ebenso ab, wie ihn die Aufklärerei des Moses Mendelssohn († 1786), dem sein Freund Lessing im »Nathan« ein Denkmal ge­setzt hat, anwiderte. Schon im neunjährigen Knaben entbrannte ein innerer Kampf, der nach Veiths eigenem Geständnis 21 Jahre dauerte und erst mit der Taufe am 4. Mai 1816 endete.

Wie der ganze Prozeß bis hin zur Konversion zum katholischen Glauben sich genau entwickelt hat, läßt sich schwer schildern, weil Veith darüber nie gesprochen hat. In einem Brief an Sebastian Brunner († 1893), mit dem zusammen Veith die Wiener Kirchen-Zeitung herauszugeben begann, schrieb er: »Ich kann mich glück­lich schätzen, keine absonderlich merkwürdigen Geschicke erlebt zu haben, weil ich es nicht dahin bringen könnte, eine Autobiogra­phie zu schreiben, in welcher die Dichtung von der Wahrheit, d. h. von der tatsächlichen, überwogen würde. Die Vergangenheit, und zwar die nächste nicht minder als die fernste, liegt nur gleich Nebel­bildern hinter mir; chronologische und akolutische Daten wußte ich nur selten verläßlich anzugeben. Ich weiß nur, daß früher schon, ohne mein Hinzutun, eine entschiedene Wende zum positiven Glauben in mir vorgegangen ist; es ist jedoch meine Sache nicht, von subjektiven Erlebnissen zu reden.«1)

Nachdem Veith in Prag das Altstadtgymnasium besucht hatte, studierte er an der Prager Universität von 1803 bis 1806 Philoso­phie, dann ein Jahr lang Medizin. Da ihm aber die Professoren an der Medizinischen Fakultät in Prag nicht zusagten, ging er 1808 nach Wien. Neben seinen Fachstudien, die sich auch auf das Gebiet der Veterinärmedizin erstreckten, beschäftigten ihn die deutschen Klassiker, namentlich die Werke J. W. Goethes. Veith erwarb sich bald einen Ruf als Dichter und Erzähler. Noch mehr Ansehen verschafften ihm aber zwei 1812 erschienene medizinische Bücher, nämlich eine Kräuterkunde für Tierärzte und eine systematische Beschreibung österreichischer Arzneigewächse. Beide Bücher wurden sogleich als Lehrbücher für die Kandidaten der Pharmazie vorgeschrieben.

Nach mit Auszeichnung bestandenen Prüfungen wurde Veith am 27. November 1812 zum Dr. med. promoviert. Im Jahre 1817 wurde er mit dreißig Jahren erster Professor und provisorischer Direktor des Tierarznei-Instituts, 1819 dann wirklicher Professor.

In seinem Amt wirkte Veith anregend und fördernd durch seine stark besuchten Vorlesungen und durch eine Reihe von Fach­schriften, die er publizierte. Daneben fand er auch Zeit, eine ausge­dehnte ärztliche Praxis auszuüben. Er war schließlich ein viel­besuchter Arzt, dessen homöopathische Heilmethode sich dann besonders zur Zeit der Cholera-Epidemie 1830 in Wien bewährte. Dennoch ging er in dieser regen beruflichen Tätigkeit nicht auf.

Noch war er Jude, aber auffallend stark zog es ihn damals schon zum katholischen Gottesdienst hin. Im Jahre 1816 ließ er sich nach sorgfältiger Vorbereitung die hl. Taufe spenden und in die katho­lische Kirche aufnehmen.

Die folgenden Jahre boten den Wienern ein eigenartiges Schau­spiel: der junge Direktor des Tierarznei-Instituts besuchte ab 1818 ­soweit es die Zeit zuließ — die Vorlesungen der Theologischen Fakultät der Wiener Universität und legte mit ausgezeichnetem Erfolg (»eminenter«) die Prüfungen ab; er wollte Priester werden.

Was ihn zu diesem Schritt bewog, verriet Veith nie, teilweise wenigstens bewog ihn der hl. Clemens Maria Hofbauer, mit dem er damals durch seine Freunde Zacharias Werner, Josef v. Eichen­dorff und Clemens Brentano im Kreis der Romantiker bekannt geworden war. Der persönliche Eindruck des hl. Clemens Maria Hofbauer auf Veith bewirkte, wie er selber einmal sagte, »den Rest seines Lebens sich mit dem zu beschäftigen und für das zu arbeiten, was allein ewig und allein wichtig ist.«2)

Nachdem Veith zu Beginn des Jahres 1821 um Enthebung von seinen staatlichen Ämtern nachgesucht hatte, empfing er am 26. August 1821 die heilige Priesterweihe und trat am 16. Septem­ber 1821 in den Redemptoristenorden ein, in welchem er 1822 die Ordensprofeß ablegte. P. A. Innerkofler CSSR meinte, daß Veiths Eintritt in den Orden mehr ein Schritt der Begeisterung für Clemens Maria Hofbauer als ein Schritt echter Berufung zum Ordensstand gewesen sei.3)

»Denn Veiths eigentümliche Geistesanlage war mit dem klöster­lichen Gemeinschaftsleben schwer vereinbar, und der hl. Clemens Maria Hofbauer soll ihm deshalb im voraus gesagt haben, daß er in die Kongregation der Redemptoristen ein-, aber auch wieder aus­treten werde.« Zwei wichtige Gründe für den Austritt aus dem Redemptoristenorden waren sicher einerseits die Tatsache, daß die Ordensregel dieses Ordens für seine Mitglieder die Ausübung einer ärztlichen Praxis nicht erlaubte, der einst vielgesuchte Arzt Dr. Veith, der nun Priester war, diese aber immer noch, wenigstens gelegentlich, ausübte; ein weiterer Grund war sicher auch Veiths Umgang mit dem der Häresie verdächtigten Priester, Philosophen und Theologen Anton Günther, was ungern gesehen wurde.

Im Jahre 1830 trat Veith tatsächlich aus dem Redemptoristen­orden wieder aus, blieb aber mit diesem freundschaftlich verbun­den und wurde sogar vom Ordensgeneral P. Mauron zum Oblaten der Kongregation der Redemptoristen ernannt.

Als Redemptorist wirkte Veith nach seiner Priesterweihe vor allem als Volksmissionar in der Obersteiermark und in Oberöster­reich. In Wien predigte er vor allem in der Kirche Maria am Gestade. Da gewann er bereits 1826 mit den Fastenpredigten den Ruf eines großen Predigers, der es verstand, auch die Männer anzu­ziehen und die Kirche bis auf den letzten Platz zu füllen. Was an Veith als Prediger fesselte, war die geistvolle Behandlung des ge­wählten Predigtthemas. Obwohl ihm sprechende Gestik und Pathos nicht lagen, gewann er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, »weil er das Predigtthema mit entsprechenden Zügen aus dem konkreten Leben und mit novellistischer Plastik darstellte, die verwendeten Schriftstellen, statt sie zu bloßer Beweisführung heranzuziehen, immer zu ergreifenden Schilderungen verwob, besonders aber weil er den abstrakten Stoff durch überraschende Beispiele und Anekdoten illustrierte, wobei er durch sinnige Aus­deutung oft sogar die kleinsten Züge seiner Erzählungen zu Alle­gorien seiner Lehren machte. Jeder Gegenstand erhielt bei ihm seine eigene fesselnde Färbung; er wußte bisweilen bald mit sarka­stischem Humor, bald mit erschütterndem Ernst und mitleidvoller Wehmut sein Publikum bis zum Schluß zu fesseln.«4)

Aus Veiths Predigten entstanden seine vielen homiletischen Bücher. Was er zuerst eingehend, Inhalt und Form aufs genaueste berechnend, durchdacht, dann durch den Kanzelvortrag gleichsam auf seine Zugkraft erprobt hatte, machte er schließlich für den Druck zurecht. Freilich hat dabei die angesetzte Feile dem ge­sprochenen Wort viel von seinem Glanz genommen, zumal er dabei auch die praktischen Nutzanwendungen verallgemeinerte.

Als Früchte seiner ersten homiletischen Tätigkeit seien folgende gedruckte Predigten genannt: »Die Leidenswerkzeuge Christi« (1826), »Das Friedensopfer« (1828), »Lebensbilder aus der Passionsgeschichte« (1829), »Die heiligen Berge« (1831).

Nach seinem Austritt aus dem Redemptoristenorden wurde Veith 1831 Domprediger in St. Stephan. Als solcher hatte er ab­wechselnd je ein Jahr die Sonn- und Festtagspredigten zu halten. Diese Homilien ließ er in vier Bänden unter dem Titel »Homilien­kranz« (Wien 1837 — 1838) drucken. Desgleichen übernahm er mehrmals auch die Fastenpredigten im Dom zu St. Stephan; sie erschienen ebenfalls der Reihe nach im Druck: »Parabel vom verlorenen Sohn« (1837), »Mater dolorosa« (1844) usw.

Dazu schrieb Veith in Musestunden Erzählungen und Novellen, nachdem er von 1819 bis 1823 in fünf Bänden die Zeitschrift der katholischen Restauration »Ölzweige« herausgegeben und darin selber eine Reihe von Beiträgen geschrieben hatte.

Schließlich wurde dem Priester und Arzt die Arbeit zu viel, er ging 1845 als Domprediger in Pension und lebte fortan mit kargem Einkommen zufrieden in Wien als freier Schriftsteller. Er gab seine noch nicht gedruckten Fest-, Gelegenheits- und Fastenpredigten als »Homiletische Vorträge für Sonn- und Festtage« (7 Bände, Wien 1846 —1855) heraus. Auch mehrere Ehrungen stellten sich nun ein. So verlieh ihm sein besonderer Gönner, Kardinal Schwarzenberg 1847 ein Ehrenkanonikat in Salzburg, die Universitäten von Prag und Wien machten ihn zum Ehrendoktor der Theologie (1848 ­1851).

Von 1850 bis 1855 wohnte Veith im erzbischöflichen Palais in Prag bei seinem hohen Protektor Kardinal-Erzbischof Schwarzen­berg. Auch hier war Veith als Prediger und Konferenzredner tätig. In den Fastenpredigten des Jahres 1852 erklärte er in Prag den Bußpsalm »Miserere«, wie er es schon im Revolutionsjahr 1848 in Wien getan hatte. In jenem Jahr wurden die Revolutionsereignisse für Veith zum Anlaß, sich an der Gründung des »Katholiken­vereins« zu beteiligen und in allen Bezirken Wiens Konferenzreden zu halten und bei der Herausgabe mehrerer Wochenblätter (z. B. »Der Volksfreund« und »Aufwärts«) mitzuwirken. Mit dem Priester-Philosophen und Theologen Anton Günther gab Veith gegen die Hegelianer das philosophische Taschenbuch »Lydia« (4 Bände, 1849 — 1852) heraus. Im Streit um die Rechtgläubigkeit Anton Günthers stand Veith diesem zur Seite. Anton Günthers berühmtes Unterwerfungsschreiben aus dem Jahre 1857 stammt von Veith. (Vgl. das Breve Pius‘ IX. vom 15. Juni 1857, wo aus­drücklich betont wird, daß sich Anton Günther in seinem Schreiben vom 10. Februar 1857 »ingenue, religiose ac laudabiliter« unter­warf).5)

Wegen seines schweren Gehörleidens übersiedelte Veith 1855 wieder zurück nach Wien in der Hoffnung, dort leichter Heilung von seinem Leiden zu finden; er fand sie aber nicht; es traf ihn viel­mehr im Jahre 1863 ein weiterer harter Schlag: die Erblindung.

Schließlich litt der Priester und Arzt, der so vielen geholfen hatte, nicht bloß an Blindheit, an fast völliger Taubheit und an schmerzlicher Gicht; er war nun dauernd an sein bescheidenes Zimmer gefesselt. Aber trotz der Schmerzen und körperlichen Behinde­rungen fuhr er mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit bis zu seinem Tod fort. Edle Damen, die auch für seine Pflege sorgten, unter­stützten ihn dabei. Verschiedene Predigtsammlungen, Erzählun­gen und Gedichte, sowie Gebet- und Betrachtungsbücher brachte Veith noch heraus.

In seinem letzten, nicht mehr ganz vollendeten Werk, das erst nach seinem Tod im Druck erschien, kehrte der aus dem Judentum konvertierte große Bibelkenner zu zwei alttestamentlichen Büchern zurück: »Koheleth und das Hohe Lied« (Wien 1878); es geht dabei um eine Übertragung und Kommentierung dieser beiden alttestamentlichen Bücher.

Der Tod nahm diesem Juden, der zum Messias Jesus Christus und seiner geliebten Braut, der Kirche, gefunden und unsagbar viel für beide gearbeitet hatte, die Feder aus der Hand, als er bis zu Vers fünf des dritten Kapitels des Hohenliedes gekommen war, wo die Braut die Töchter Jerusalems beschwört, sie in ihrer Liebe zum Bräutigam nicht zu stören. »Am Ziel«, so heißen die zwei letzten Wörter, die Veith in der Kommentierung des Hohenliedes an seinem Todestag selber noch niedergeschrieben hat, nachdem er vorher am Morgen dieses Tages — es war der 6. November 1876 ­noch auf eigenes Verlangen die Sterbesakramente empfangen hatte.

_______

1)  So Sebastian Brunner in seiner historischen Schrift »Clemens Maria Hofbauer und seine Zeit«, Wien 1858.

2)  vgl. E. Hosp, Erbe des Clemens Maria Hofbauer, Wien 1953.

3)  vgl. A. Innerkofler, Veith J. E., in: Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon (2. Aufl., Freiburg i. Br. 1901), 12. Bd., Sp. 650.

4)  vgl. A. Innerkofler, a. a. 0., Sp. 651

5)  vgl. Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion Symbolorum (32. Aufl., Freiburg i. Br. 1963), Nr. 2828 — 2831.

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