Die Muttergotteserscheinungen in LE LAUS bei GAP von 1664 bis 1717

Aus dem Immaculata-Archiv:


LE LAUS

Von Edina Zerboni, St. Gallen

Aus: «Das Zeichen Mariens», September 1972, Seiten 1671-1675


Viel wird heute über Marienerscheinungen gesprochen und geschrieben. Wie kommt es, daß in unserem Sprachraum die wunderbaren Begebenheiten, die sich im 17. und 18. Jahrhundert in Le Laus (sprich Lö Loo), einem Weiler in den französischen Alpen, zugetragen haben, so gänzlich unbekannt sind?

Sie stehen doch in innigstem Zusammenhang mit allen späteren Erscheinungen der Gottesmutter, und es liegt ihnen das gleiche Anliegen zugrunde: die Muttergottes will die von Gott abgefallene Menschheit warnen vor dem nahenden furchtbaren Strafgericht.

Wenn in dem Buch von Goubert und Christiani, „Marienerscheinungen“, nach den eigenen Worten des Verfassers eine Zusammenfassung dessen gebracht werden soll, was man „die Marianische Folge“ nennt, gehörten da nicht an die Spitze die Erscheinungen von Le Laus? Sie sind zeitlich die ersten bedeutenden, und keine andere Stätte kann sich so vieler Besuche der seligsten Jungfrau rühmen, an keinem anderen Ort wandelte sie, so wie dort, durch die Landschaft, verkehrte sie in so vertraulicher Art mit ihrer Auserwählten.

DIE DOKUMENTE

Von den Erscheinungen, die der Hirtin BENEDIKTA RENCUREL — wegen ihrer Zugehörigkeit zum dritten Orden der Dominikaner Sr. Bendikta genannt — in der Zeit von 1664 bis 1717 zuteil geworden sind, erzählen vier authentisch beglaubigte Manuskripte aus jener Zeit. Sie stammen von unmittelbaren Zeugen und enthalten Aussagen über Benedikta, über die verschiedenen anderen Personen, die in die Ereignisse verwickelt waren sowie über diese selbst, die damals allen bekannt waren. Die Aussagen sind umrahmt von Verhören, begonnen im Geiste des Zweifels. Durch drei Jahrhunderte und schwere Fährnisse hindurch sind sie wunderbarerweise auf uns gekommen. Die Missionäre von Notre Dame du Laus hüten sie als kostbaren Schatz.

Das erste verfaßte ein Laie, François Grimmaud. Er war Advokat des Parlaments von Grenoble und Richter der Herrschaft Avençon, Le Laus gegenüber gelegen. Er leitete die anfänglichen Verhöre und spielte bei der Haupterscheinung dieselbe Rolle, wie später Bernadettes Gefährten in Lourdes.

Das zweite ist von Bruder Aubin, einem Einsiedler aus der Umgebung von Le Laus. Es enthält seine Memoiren und einen Bericht über die Verfolgungen, die die Seherin in seinem Beisein erlitten hatte.

Das dritte schrieb ein Priester, M. Peytieu, Dr. der Theologie, der Pfarrverweser am Heiligtum war und der in Le Laus Heilung von Lungenschwindsucht gefunden hatte. Es ist sehr umfangreich und umfaßt vier Teile: Meldungen an den Erzbischof, Erinnerungen, tägliche Aufzeichnungen und Notizen.

Das vierte ist ein Journal, das ein anderer Priester Tag für Tag führte. Dieser, Messire Gaillard, geistlicher Berater des Königs und Domherr von Gap, war dreiundvierzig Jahre lang Zeuge der Ereignisse. Er beobachtete alles, was sich begab und begann erst im Alter von 68 Jahren die Tatsachen niederzuschreiben. Er verzeichnet sein Bedauern darüber, daß er anfangs nicht fromm genug gewesen sei, den Dingen Glauben zu schenken. Neunzehn Bände wurden noch zu seinen Lebzeiten, offenbar von einem Notar, mit Ordnungszahlen und Paragraphen versehen.

Die heiligste Jungfrau hat diese Manuskripte während der Plünderung von Le Laus im Oktober 1791 sichtlich behütet; denn natürlicherweise hätten sie mit allem anderen der Vernichtung anheimfallen müssen.

Die geistige Not Frankreichs zur äußerlich glanzvollen Zeit Ludwigs XIV. geht aus ihnen hervor. Nach den Verheerungen, verursacht durch das Vordringen des Protestantismus, kam eine neue Irrlehre auf: der Jansenismus. Er fand rasche Verbreitung. Selbst Mitglieder des Klerus zählten zu seinen Anhängern. Unter dem Vorwand, die Ehre Gottes zu verteidigen, entfremdete er ihm die Menschen. Er machte ihnen den Empfang der Sakramente, vor allem des Buß- und Altarssakraments, schwer, ja fast unmöglich. Seiner Lehre von der Prädestination nach war die Gnade Auserwählten vorbehalten. Die religiösen Orden gerieten in Mißkredit, Papst und Kirche wurden heftig angefeindet, die Andacht zur seligsten Jungfrau und die Wallfahrten zu ihrer Ehre abgelehnt. Gegen diese Verirrungen sollte Le Laus den Kampf aufnehmen.

Frankreichs Kirche befand sich in höchster Gefahr. Da wählte die Himmelskönigin den kleinen Erdenfleck in den Hohen Alpen zur Tribüne, von der aus sie zur Welt sprechen wollte. Ihr Werkzeug war die arme Hirtin Benedikta Rencurel, der sie im Laufe von 35 Jahren sehr oft erschienen ist. Sie verkehrte vertraulich mit ihr, lehrte sie Gebete, tadelte sie wegen ihrer Fehler, veredelte die rauhen Sitten des Bauernkindes und erzog es so in unendlicher Geduld für die Aufgabe, zu der sie es erwählt hatte.

DIE BEGEBENHEITEN

Benedikta Rencurel wurde im September 1647 in dem kleinen Dorfe St. Etienne geboren. Ihr Leben war von Begin an eigenartig. Es war von Peinen seltener Art gezeichnet und andererseits wundersam überstrahlt. Sie war von kleinauf anders geartet als die Kinder des Dorfes. Fehlerfrei war sie nicht, aber drei Tugenden traten bei ihr jederzeit deutlich in Erscheinung: Frömmigkeit, Reinheit und Nächstenliebe. Sie empfand eine besondere Verehrung für die Gottesmutter. Unermüdlich betete sie den Rosenkranz.

Ihr Vater war früh gestorben, und Armut zwang die Mutter, das Kind in zartem Alter schon in einen Dienst zu geben.

Als Benedikta an einem Maienabend des Jahres 1664 Schafe hütete, sah sie plötzlich einen prächtig gekleideten Greis auf sich zukommen, den sie schon mehrmals auf diesen Weiden bemerkt hatte. Er ließ sich in ein Gespräch mit ihr ein und gab sich schließlich als heiliger MAURITIUS zu erkennen, zu dessen Ehre einst die in der Nähe befindliche, nun verfallene Kapelle errichtet worden war. Er forderte die Hirtin auf, fortan mit ihrer Herde das gegenüberliegende Tal aufzusuchen, denn dort werde sie die Muttergottes sehen. Zur Beglaubigung seiner Worte gab er ihr einen Stock und wies sie an, sich damit gegen vier Wölfe zu verteidigen, die ihr begegnen würden. Die Raubtiere zeigten sich tatsächlich, entfernten sich aber beim Anblick des Stockes.

Und wirklich erschien der Kleinen am nächsten Tage und von da an, vier Monate hindurch, täglich, begleitet von einem lieblichen Kinde, die Muttergottes, ohne daß Benedikta sich dabei der Verheißung des hl. Mauritius erinnert hätte. Zwei Monate lang bezeugte sie dem Mädchen nur wortlose Güte. Benediktas Herz aber wurde mehr und mehr von seligem Entzücken erfüllt, und sie war eifrig bestrebt, keine dieser Zusammenkünfte zu versäumen. Manchmal stand sie mitten in der Nacht auf und eilte zu der Stätte der Begegnung. Willig folgten ihr stets die Schafe, die immer auf demselben mageren Fleck grasten und dabei auffallend gediehen.

Nach zwei Monaten aber begann die Dame die Hirtin zu belehren, zu prüfen und zu erziehen. Sie behandelte sie mit bezaubernder Vertraulichkeit. Es kam auch vor, daß sie sie zur Kirche sandte, damit sie dort bete, und indessen betreute sie selbst die Schafe. Sie lehrte sie die Geheimnisse des Rosenkranzes zu betrachten und die Lauretanische Litanei zu beten.

Natürlich konnte Benedikta ihre Freude über diese Besuche nicht geheimhalten. Staunend gewahrten die Dorfleute auch die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war. Sie, die ein ungestümes Temperament hatte, war nun still und sanft, ihre Worte und Bewegungen waren von ungewöhnlicher Feinheit und Anmut, ihr Antlitz strahlte heitere Ruhe aus und flößte allen, die sich ihr nahten, Achtung und Vertrauen ein.

„Ob es nicht am Ende die seligste Jungfrau ist, die sie sieht?“ fragten sich die Leute, und sie brannten vor Verlangen nach einer Erklärung dieser Vorgänge. In der ganzen Umgebung herrschte wachsende Erregung. Der Richter der Herrschaft von Avençon verfolgte aufmerksam die Ereignisse. Anfangs August 1664 erschien er in St. Etienne, ließ Benedikta rufen und stellte ein eingehendes Verhör mit ihr an. Er fand sie sehr verständig, ruhig und sicher, von aufrichtiger Wesensart und ihrem Charakter nach unfähig, das zu erfinden, was sie aussagte. Schließlich trug er ihr auf, zu beichten und zu kommunizieren und dann die Dame bei der nächsten Begegnung ohne Scheu um ihren Namen zu fragen. Benedikta führte den Auftrag gewissenhaft aus. Die Dame äußerte hierauf den Wunsch, der Pfarrer des Dorfes möge am nächsten Tage, dem 29. August, eine Prozession unter Absingung der Lauretanischen Litanei nach dem Tal der Öfen führen. Es geschah und der Richter François Grimmaud nahm daran teil. Er kniete betend neben Benedikta vor der Grotte, doch niemand sah die Erscheinung als die Hirtin allein. Als diese die Dame um ihren Namen fragte, antwortete sie: „Ich bin Maria, die Mutter Jesu“. Dann fügte sie hinzu: „Du wirst mich hier nicht mehr sehen und einige Zeit überhaupt nicht mehr“.

Wochenlang irrte Benedikta mit ihrer Herde umher, um die zu suchen, deren Gegenwart ihr ganzes Glück gewesen war. Endlich, am 24. September, ihrem Geburtstag, zeigte sie sich ihr auf einem Hügel am anderen Ufer des stark angeschwollenen Flusses. Benedikta durchquerte ihn eiligst auf dem Rücken ihrer Ziege. Als sie den Ort, Pindreau genannt, erreicht hatte, gab Maria ihr den Auftrag, sich nach Le Laus zu begeben und dort nach einer kleinen Kapelle zu suchen, aus der Wohlgerüche strömen würden. „Du wirst mich dort sehr oft sehen und sehr oft mit mir sprechen können“.

NIEDERLASSUNG IN LE LAUS

Lange mußte die Hirtin Wälder und Fluren durchstreifen, bis sie endlich die Kapelle fand, die sich, strohgedeckt, nicht von den zerstreut liegenden Hütten der Talbewohner unterschied. Sie war Unserer Lieben Frau von der Heimsuchung geweiht.

Dort empfing die Muttergottes, über dem armseligen Altar schwebend, von Wohlgerüchen umströmt, ihre Auserwählte. Sie enthüllte ihr den Plan, hier zu Ehren ihres Sohnes und zu der ihren, eine große Kirche und ein Haus für Priester errichten zu wollen. „Ich habe meinen Sohn gebeten, mir Le Laus für die Bekehrung der Sünder zu geben, und er hat meine Bitte erfüllt. Viele werden hier zu ihm zurückfinden“.

Das Gerücht von den Erscheinungen verbreitete sich rasch. In Scharen strömten die Menschen herbei, und viele Wunderheilungen belohnten ihren Glauben. Stürmisch verlangte das Volk nach der von der Gottesmutter gewünschten Kirche.

Jetzt trat der Domherr Gaillard, als der vom Erzbischof delegierte Visitator der Pfarreien der Diözese Gap auf den Plan, Doktor der Theologie und Verfasser der späteren Berichte über die Geschehnisse. Im August 1664 war er aus Neugierde nach Le Laus gekommen und war dort so reich begnadet worden, daß er ganz für die Sache gewonnen war. Er erstattete dem geistlichen Administrator der Diözese, Generalvikar Lambert, Bericht. Im Herbst des Jahres traf dieser, begleitet vom Rektor des Jesuitenkollegs in Gap, vom Sekretär des Erzbischofs und etwa zwanzig weiteren kirchlichen Würdenträgern in Le Laus ein. Sie waren sämtlich gegen die Ereignisse voreingenommen, und der Generalvikar trug sich mit der geheimen Absicht, die Kapelle schließen zu lassen und die Wallfahrt zu verbieten.

Benedikta erschrak beim Anblick des prunkvollen Zuges und wollte sich verstecken. Doch Maria wies sie an, den geistlichen Herren, wie es sich gehöre, Rede und Antwort zu stehen. Sie versprach, ihr dabei helfen zu wollen.

DIE KIRCHLICHE ANERKENNUNG

Das Verhör dauerte stundenlang. Die Hirtin begegnete allen Versuchen, sie in Verwirrung zu bringen und der Lüge zu überführen mit Ruhe und Klugheit. Nachdem auch Drohungen ihre Wirkungen verfehlten, gab der Generalvikar ihr den Auftrag, die angebliche Erscheinung zu bitten, ihn durch ein Zeichen oder Wunder die Wahrheit erkennen zu lassen.

Am Abend schickte sich die Kommission an, abzureisen. Da begann plötzlich ein sintflutartiger Regen zu fallen. Er überschwemmte das kleine Tal und die Herren sahen sich genötigt, die Nacht im Dorfe zu verbringen. Als der Generalvikar am nächsten Morgen eben die Feier der hl. Messe beendet hatte, erhielt er sein von der Gottesmutter gefordertes Zeichen: eine allen bekannte Frau aus dem Dorfe St. Julien, Katharina Vial, die seit sechs Jahren an einer unheilbaren Lähmung der Beine litt und sich nur mit Hilfe eines kleinen Rollwagens weiterbewegen konnte, sprang plötzlich auf; die Lähmungserscheinungen waren verschwunden. Einen Monat später führte sie, unter dem unbeschreiblichen Jubel der Gläubigen, eine Prozession nach dem von ihrem Wohnort 60 km entfernt liegenden Le Laus an. Tief ergriffen gab der Generalvikar die Erlaubnis zum Bau der Kirche, nachdem er die Geheilte noch eingehend verhört und ein authentisches Protokoll aufgenommen hatte.

DIE ERRICHTUNG DES HEILIGTUMS

1666 wurde mit dem Bau des Heiligtums begonnen; drei Jahre später war es vollendet. Seine Errichtung in so kurzer Zeit, während andauernder Kriege, in einer Gegend ohne Zufahrtswege, durch Menschen, die in bitterer Armut lebten, ist nicht das kleinste der Wunder von Le Laus. Keinem anderen Heiligtum in den von der Jungfrau besuchten Ländern wurde, wie Le Laus, die Auszeichnung zuteil, daß Bauarbeiten und Geldgebarung unter ihrer unmittelbaren Obsorge standen. Sie sicherte und überwachte den Bau bis in die kleinsten Einzelheiten, und die Scherflein der Armen deckten die Kosten, wie sie es vorausgesagt hatte. Die Pilger schleppten Baumstämme und Felsblöcke aus den Schluchten heran; sie brachten alles Material, das benötigt wurde; die Arbeiter hatten es nur zusammenzufügen. Der Glaube eines Volkes hat die Kirche errichtet auf das Wort eines Kindes hin. In späteren Jahren erfolgte dann die Erbauung der Klostergebäude für die Missionäre, die den Wallfahrtsdienst versahen, und eines Knabenseminars, das dem Sturm der Zeiten aber nicht standgehalten hat. Eine Singschule für Chorknaben kam hinzu, in der heute noch etwa 30 Kinder der Diözese ausgebildet werden und die eine Ergänzung des kleinen Seminars ist. Le Laus wurde bald eines der bekanntesten Heiligtümer Europas. Man reihte es unmittelbar hinter Loretto. Am 8. September 1671 zählte man beispielsweise 6’000 Besucher, im Jahre 1721 waren es ihrer 1’200 täglich.

Zahllose Wunder bestätigten die Sendung Benediktas. Meistens vollzogen sie sich durch das Öl, das das Ewige Licht im Heiligtum speist. Von Anfang an verlieh ihm die seligste Jungfrau die Kraft, aus der Ferne zu heilen. „Das Öl der Lampe, die in der Kapelle vor dem Allerheiligsten brennt, wird, wenn man es einnimmt oder auflegt und gläubig meine Fürbitte ersehnt, Heilung bringen“.

Auf Wunsch der Gottesmutter gab die Hirtin das Viehhüten auf und widmete sich ganz dem Wallfahrtsdienst. Sie gab sich ihm auf heroische Weise hin. Um der Sünder willen unterzog sie sich den schwersten Abtötungen. Sie betete die Nächte hindurch, geißelte sich, enthielt sich der notwendigsten Nahrung, trug mit allen seelische und leibliche Not, wies die Verstockten zurecht, ermutigte die Schwachen und Verzweifelten.

MISSION BENEDIKTAS

Das war das besondere an der Mission Benediktas: im Auftrag der Gottesmutter hatte sie die Sünder zu warnen und zur Buße zu bewegen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, war ihr das Charisma gegeben, in den Herzen und Gewissen zu lesen. Sie durchschaute die Sünder, die aus falscher Scham schwere Vergehen nicht gebeichtet hatten und machte sie darauf aufmerksam, ohne in ihrer Reinheit zu verstehen, was diese Sünden bedeuteten. Es kam vor, daß sie Pilger von der Kommunionbank zurückstieß und sie aufforderte, sich nochmals in den Beichtstuhl zu begeben und diese oder jene verheimlichte Schuld zu bekennen.

Größer als die Zahl der Heilungswunder war die der Bekehrung der verstocktesten Sünder. Öfter brachte sie auch Besessene, deren es in der Dauphinée damals nicht wenige gab, dazu, zu beichten, worauf die körperliche Heilung erfolgte.

DIE VERFOLGUNGEN BENEDIKTAS

Die Seherin hatte viel unter Verfolgungen zu leiden. Im Jahre 1692 floh sie, auf Geheiß der Gottesmutter, unter Mitnahme aller Schätze der Kirche, nach Marseille. Es war ihr geoffenbart worden, was sie bei ihrer Rückkehr vorfinden würde: die Kirche war unversehrt; aber die Klostergebäude waren niedergebrannt. Maria erteilte ihr genaue Weisungen für den Wiederaufbau.

Von 1692 bis 1712 mußte sie die Feindseligkeiten der Jansenistischen Partei ertragen, die nichts unversucht ließ, um die Wallfahrt zu unterdrücken. Man wollte Benedikta beseitigen, sie in ein Kloster sperren, an einen entlegenen Ort verweisen und versuchte immer wieder, ihrer habhaft zu werden. Einen offenen Angriff wagte man nicht, da man das Volk fürchtete. Durch Engel vor der Gefahr gewarnt, ging die Seherin bei Nacht nicht mehr aus und verschloß stets sorgfältig ihre Türe. Man beschuldigte sie der Hexerei, verweigerte ihr die Sakramente, verbot ihr, die Kirche zu betreten. Die Muttergottes und Engel standen ihr in diesen schweren Jahren getreulich bei, stärkten ihren Mut, rieten ihr, wie sie handeln sollte.

Ihre Gegner brachten den Erzbischof von Embrun dazu, den Wallfahrtsdienst jansenistischen Priestern zu übertragen. Diese leugneten von der Kanzel herab die wunderbaren Geschehnisse von Le Laus. Das Volk aber nahm davon ebenso wenig Notiz wie von ihren häretischen Verkündigungen. Allen Verboten zum Trotz hielt es an der Wallfahrt fest. Und auch die Seherin harrte aus. Hatte ihr doch Maria gesagt: „Deine Feinde wären glücklich, wenn Du verzagtest; denn dann würden sie ihr Ziel schnell erreichen“.

Aber der Tag kam, da diese Feinde weichen mußten. Der Bischof von Gap war ihrer Umtriebe überdrüssig geworden. Es gelang ihm, den Erzbischof von Embrun aus seiner Gleichgültigkeit aufzurütteln. Der Prior der Jansenisten wurde streng gemaßregelt und die Väter der Heiligen Wacht an deren Stelle berufen. Bald gelangte Le Laus zu neuer Blüte.

Benedikta verzehrte sich mehr und mehr im Dienst an den Pilgern und ihre Leiden steigerten sich ins Unermeßliche. Nach dem Ausspruch ihres Beichtvaters war sie nur geboren, um zu leiden.

BENEDIKTAS LEIDEN

1671 zeigte sich ihr zum ersten Male der Herr am Kreuz von Avençon in seinen Todesqualen. Darauf erlitt sie selbst die Passion. Fünfzehn Jahre hindurch verharrte sie, einmal wöchentlich, von Freitag vier Uhr nachmittags bis Samstag neun Uhr früh, starr und unbeweglich auf ihrem Lager, die Arme in Kreuzesform ausgestreckt, einen Fuß über dem anderen. Hatte sie aber, im Auftrage Marias, die Arbeiter, die an dem Kloster bauten, zu überwachen oder mit Essen zu versorgen, so blieben die Karfreitagsschmerzen aus. 1684 schwanden sie ganz, wurden aber von den schwersten Verfolgungen des Satans abgelöst. Sie stehen denen, die der heilige Pfarrer von Ars zu erleiden hatte, nur wenig nach und dauerten dreißig Jahre, bis zu ihrem Tode. Die Dämonen erschienen ihr in den greulichsten Gestalten. Sie peinigten sie Tag und Nacht, zerrten sie stundenlang in ihrer Stube umher, warfen sie ins Feuer, beraubten sie ihrer wenigen Habseligkeiten, tränkten ihre Kleider in Öl. Sie schleppten sie ins Felsengebirge, stürzten sie in Abgründe und ließen sie dort zerschlagen liegen. Sie war dann unfähig, ein Glied zu rühren, unfähig auch, im Dunkel der Nacht den Heimweg zu finden. Engel erbarmten sich ihrer und geleiteten sie, brennende Fackeln tragend nach Hause.

Sie wurde überhaupt eines vertrauten Umgangs mit Engeln gewürdigt. Sie verkehrten freundschaftlich mit ihr, beteten abwechselnd den Rosenkranz mit ihr, berieten sie in schwierigen Lagen, waren liebevoll um ihr seelisches und körperliches Wohl besorgt, tadelten sie wohl auch, wenn sie Fehler beging. Am 2. August 1700, dem Feste Unserer Lieben Frau von den Engeln, als die Jansenisten ihr den Sakramentsempfang verweigert hatten, wiesen Engel sie an, das Altartuch zu entfernen und reichten ihr mit eigener Hand den Leib des Herrn.

Durch Wohlgerüche hatte Maria sich in Le Laus von Benedikta finden lassen. Zu Lebzeiten der Seherin war die Kirche häufig von solchen erfüllt. „Eine Unmenge Personen kann dies bezeugen“, meldet der Chronist. 1690, am Vorabend von Maria Himmelfahrt, konnten alle in der Kirche anwesenden Pilger diese Wahrnehmung machen. Und heute noch werden einzelne Gläubige damit begnadet. In der Basilika fehlt jeder Blumenschmuck, um Zweifel über die Herkunft der Düfte auszuschließen. Gleichzeitig mit ihnen wird Friede und Freude übernatürlicher Art verspürt. Nach jeder Erscheinung der Gottesmutter strömten Benediktas Kleider tagelang unbeschreibliche Wohlgerüche aus. Auch bei ihrem Heimgang am Tage der Unschuldigen Kinder, 28. Dezember 1718, durchflutete ein wundervoller Duft die armselige Stube. In ihrer Todesstunde erschien ihr zum letzten Male auf Erden ihre „Gute Mutter“, wie sie sie immer genannt hatte und ohne Kampf, mit dem Ausdruck unaussprechlichen Glückes, verschied sie.

ENTFALTUNG DER WALLFAHRT

Ein Engel hatte Benedikta geoffenbart: „Le Laus ist Gottes Werk. Weder Menschen noch Dämonen können es je zerstören. Es wird dauern bis an das Ende der Zeiten und überall reiche Frucht tragen“.

Und wie die Gottesmutter verheißen hatte, entfaltete sich die Wallfahrt nach Benediktas Tod mehr und mehr. Die Manuskripte und Votivtafeln erzählen von Gnadenwundern aller Art. Die Zahl der Pilger stieg ständig und steigt noch immer. Eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten stand im Banne von Le Laus. Der heillige P. Eymard, der Gründer der Gesellschaft vom Allerheiligsten Sakrament, Dom Chautard, der bekannte Trappistenabt, der Romantiker Maurice Barrées, der Historiker Georges Goyau, Henri Ghéon, Paul Claudel, Jacques Maritain und noch viele andere.

Man spricht vom „Zauber von Le Laus“. Niemand, der gläubigen Herzens hinkommt, kann sich ihm verschließen. Ungemein lieblich ist die Lage des kleinen, zwischen Schluchten und hohen, felsigen Bergen eingebetteten Weilers. Ein Fluidum strömt dort, das das Herz fesselt, und das tief in die Seele eindringt. Jeder Weg, jeder Steg erinnert daran, daß Maria hier gewandelt ist. Prozessionen durchziehen das Tal, von Glockengeläute begrüßt; ergreifend singen die kleinen Sängerknaben das Lob der Himmelskönigin. Litaneien erklingen in rhythmischen Perioden, die man nie vergißt, wenn man sie einmal gehört hat. Ein Verehrer von Le Laus fand die schönen Worte: „Jede Schlucht, jeder Felsen erinnert an die himmlische Erscheinung. Wie von selbst fließt das Gebet von den Lippen der Pilger…“.

Der warme, persönliche Empfang, der dem Besucher von Le Laus durch die Missionäre und die Schwestern zuteil wird, ist nicht einer der geringsten Reize dieser gesegneten Stätte. Er scheint die Gegenwart der „Guten Mutter“ an ihrem Heimsuchungsort fortzusetzen. Man fühlt sich herzlich eingegliedert in die große Familie U.lb. Frau von Le Laus.

Versenkt in die Gruft des Heiligtums, das 1892 von Leo XIII. zur kleinen Basilika erhoben worden ist, vor dem Altar der winzigen Kapelle, die Rahmen der ersten Erscheinung der Gottesmutter in Le Laus war und heute, als kleiner Tempel im großen, den Chor der Kirche bildet, erwartet und empfängt Sr. Benedikta nun seit fast zweieinhalb Jahrhunderten die Pilger. Was sie aber noch erwartet, ist die offizielle kirchliche Anerkennung ihrer Sendung durch Rom. Der 1861 eröffnete Kanonisationsprozeß, der zuerst so gute Fortschritte machte, daß der Erzbischof von Sens im Mai 1872, währen eines feierlichen Festaktes das Dekret von der Ehrwürdigkeit Sr. Benediktas verkünden konnte, wurde durch den Krieg von 1870 und durch die Versetzung des Kirchenfürsten in seiner Verfolgung gehemmt. Erst 1891 konnte er überprüft werden und Leo XIII. bestätigte am 21. August 1894 die Genehmigung der Ritenkongregation. 1897 brachte der Bischof von Gap die Akten des abgeschlossenen Prozesses persönlich dieser Instanz, wo sie bis heute der Erledigung harren. Der jetzige Bischof von Gap und die Dominikaner bemühen sich weiterhin eifrig, die Erhebung Sr. Benediktas zur Ehre der Altäre zu erreichen.

1854 hat Pius IX. das Bittgesuch des Bischofs von Gap um die Krönung der Gnadenstatue genehmigt und die Ablässe erteilt. Am 25. Mai 1855 fand die feierliche Krönung statt, an der, außer dem päpstlichen Geheimkämmerer, mehrere Erzbischöfe, zahlreiche Bischöfe, sechshundert Priester und etwa vierhunderttausend (400’000) Gläubige teilnahmen.

Der Schluß des Festaktes vereinigte alle Anwesenden in dem Gebet:

„Herr Jesus Christus, der Du Deiner heiligsten Mutter Le Laus für die Bekehrung der Sünder geschenkt, und ein armes Hirtenkind zum Werkzeug der Wunder, die sich dort ereignen sollten, erwählt hast, gewähre uns durch ihre Fürbitte die Seligsprechung Deiner treuen Dienerin, der ehrwürdigen Sr. Benedikta Rencurel!“

Edina Zerboni

P.S.: La-Salette-Pilger können leicht einen Abstecher nach Le Laus machen, da es von Corps aus mit dem Autobus in eineinhalb Stunden zu erreichen ist!


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)

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