Ferdinand Holböck: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh. 1, 41)

3. Theodor Maria und Alphons Maria Ratisbonne (†1884)

Diese beiden jüdischen Brüder, die vor allem durch die Messias-Mutter Maria, die größte »Tochter Sions«, zum christlichen Glauben und in ihm zum Messias fanden, wollten nach ihrer Bekehrung durch die Vermittlung Mariens dem Volk, dem sie ent­stammten, zur wahren Wiedergeburt verhelfen. Sie gründeten dazu die Ordenskongregation »Unserer Lieben Frau von Sion«, die heu­te noch im weiblichen Zweig überaus segensreich wirkt und viel zur Verständigung zwischen Christentum und Judentum beiträgt.

1. Theodor Maria Ratisbonne 1) († 10. Jänner 1884)

Der ältere der beiden Brüder wurde am 28. Dezember 1802 als zweites der neun Kinder des reichen jüdischen Bankiers August Ratisbonne († 1830) und der Adelheid Cerfbeer († 1818) in Straß­burg geboren, wohin im 18. Jahrhundert die Ratisbonne’s aus Regensburg — daher ihr Name — gekommen waren.

Die Kinder dieser reichen jüdischen Familie wuchsen in einem sehr liberalen Judentum auf, von dem sich aber sowohl Theodor, als auch Alphons in der Zeit ihres Universitätsstudiums in religiöser Hinsicht immer mehr distanzierten, während sie in völkischer Hin­sicht mit dem Judentum durch Hilfsbereitschaft armen, zugewan­derten Juden gegenüber verbunden blieben.

In seinen autobiographischen »Erinnerungen« (»Souvenirs«)2) schrieb Theodor Ratisbonne: »In dem Maß, als mein Verstand reifte, warf ich das Joch des mosaischen Gesetzes ab . . . Bald machte mich der Name Jude sogar erröten . . . Ich zog mich aus den jüdischen gottesdienstlichen Versammlungen immer mehr zurück. Mein Vater, obwohl Präsident des jüdischen Konsistoriums, ging selbst nie hin, außer wenn er durch irgendeine Feierlichkeit dazu verpflichtet war. Ich lebte schließlich ohne Religion. Oft sagte ich mir: ›Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt und weiß nicht, weshalb ich auf der Welt bin. Was ist der Sinn des Lebens und zu welchem Zweck bin ich auf diese Erde gesetzt worden?‹ Diese Fragen, die noch tausend andere wachriefen und tausend Theorien erzeugten, bemächtigten sich meiner Seele und beherrschten sie bald aus­schließlich. Ich meinte, es müßte doch irgendeine Schule geben, in der mir das Geheimnis der gegenwärtigen und zukünftigen Pro­bleme enthüllt werden könnte . . . Aber keine Stimme antwortete auf meine Fragen, auf meine Bedürfnisse. Ich las Rousseau und verschlang ohne Unterschied alle Ansichten und Paradoxe dieses verführerischen Pädagogen . . . Ich meinte dann, die Lösung meiner Zweifel in der Philosophie zu finden, und las Locke, Voltaire, Volney u. a. . . . Durch mein Grübeln über das Gute und Böse, über Macht und Ohnmacht Gottes und über das Problem des Weltalls war ich — wenn schon nicht zum offenen Gottesleugner — so doch im höchsten Maß zum Skeptiker geworden . . . Um das Maß meines Unglücks voll zu machen, nahm ich schließlich meine Zuflucht zu Männern, die für gelehrt galten und mich in meiner ausdörrenden Ungläubigkeit noch weiter bestärkten. Sie gaben mir recht und vermehrten durch ihren Sarkasmus die Abneigung und die Vor­urteile, die man mir seit meiner Kindheit gegen das Christentum eingeflößt hatte. Ich erwähne dies alles nur, um zu zeigen, in welchen Abgrund ich gestürzt war. In einem jener Augenblicke tiefsten Schmerzes rief ich einmal in der Bitterkeit meiner Seele aus: ›O Gott, wenn du wirklich existierst, laß mich doch die Wahrheit er­kennen, und im voraus schwör‘ ich dir, ihr mein Leben zu weihen‹«

In dieser seelischen Zerrissenheit geriet Theodor Ratisbonne im Jahre 1823 durch den ihm bis dahin unbekannten jüdischen Jus-Studenten Julius Lewel unter den Einfluß des Straßburger Philoso­phie-Professors E. M. Bautain († 1867), der selbst zuerst stark vom Rationalismus befallen gewesen war, dann aber, 1819 bis 1820, durch das eifrige Lesen der Hl. Schrift eine fast schroffe Wende vom Rationalismus zum christlichen Offenbarungsglauben vollzogen hatte, wie er in seiner 1827 in Straßburg herausgebrachten Bekennt­nisschrift »La morale de l’Evangele à la morale des philosophes« aufgezeigt hat.

Theodor Ratisbonne wurde tief beeindruckt von einem privaten Seminar Bautains, das er zusammen mit einem katholischen Iren, einem orthodoxen Russen und dem Juden Julius Lewel im Hause des heiligmäßigen Fräuleins Louise Humann in der Straßburger »Rue de la Toussaint« mitmachen konnte. Dieses Fräulein Humann war die Schwester eines Freundes des Mainzer Bischofs Colmar; sie war nach dem Tod dieses aus Straßburg stammenden großen Bischofs im Jahre 1818 wieder in ihre Heimat Straßburg zurückgekehrt. In ihrer Wohnung fand nun dieses Philosophie-Seminar Bautains statt, von dem Theodor Ratisbonne in seinen »Erinnerungen« geschrieben hat: »Mit Entzücken nahmen wir das einfache und belebende Wort unseres Lehrers Bautain auf, das aus der Fülle seines Herzens sprudelte. Es war nicht ein Lehren wie das irgendeines anderen Professors, es war eine wahrhaftige Ein­weihung in die Mysterien des Menschen und der Natur. Wir hörten mit Überraschung und Bewunderung die Enthüllungen jener allge­meinen Wahrheit, die dieser Lehrer aus der lebendigen Quelle der Heiligen Schrift schöpfte, aus der er selbst Stärke, Kraft und Macht gewonnen hatte. Diese Vorträge bewirkten mehr als Erleuchtung meines Verstandes, sie erwärmten mein Herz, erweckten meinen Willen und machten das Eis schmelzen, das sich um meine Seele ge­lagert hatte. Der Einfluß des Christentums umgab mich allmählich von allen Seiten und durchdrang mich, ohne daß ich es merkte.«

Der Einfluß dieses Prof. Bautain auf den 25jährigen Juden Theodor Ratisbonne muß damals ganz stark gewesen sein. Schließ­lich war es so weit, daß er schreiben konnte: »Meine Seele war für Jesus Christus gewonnen und ich sehnte mich nach der Taufe, deren Notwendigkeit mir klar geworden war.«

Aufschlußreich ist in dieser seelischen Entwicklung hin zum Glauben an Christus, wie ihm nach seinem Geständnis auch die Be­deutung der Marienverehrung immer mehr aufging. Er schreibt davon in seinen »Erinnerungen«: »Je mehr man sich mit Jesus Christus verbindet, umso mehr erfährt man auch das ganz große Bedürfnis, auch seine Mutter zu ehren und zu preisen; es ist ja die Mutterschaft Marien, die uns von Jesus eine vollkommene Kennt­nis schenkt, sie ist der lebendige Ort, der uns in Beziehung zu Ihm bringt; durch sie ist ja Gott ein Menschenkind geworden, durch sie wird der Mensch ein Gotteskind; die Marienverehrung ist, wenn sie tief und sinnvoll durchgeführt wird, ein Indiz des wahren Glaubens, ist Vorbedingung für unseren geistlichen Fortschritt und ist gleich­sam ein Kanal des Gebetes und der Gnade, das Geheimnis süßester und fruchtbarster Tröstungen.«

Der Taufe stand noch eine große Schwierigkeit entgegen: Theodor Ratisbonne berichtet darüber so in seinen »Erinnerun­gen«: »Die göttliche Vorsehung hatte mich in eine schwierige Lage versetzt, die ein zurückhaltendes, vorsichtiges Vorgehen verlangte. Mein Vater hatte nämlich gewünscht, daß ich die Leitung der Schulen übernehme, die er — als Vorsitzender des jüdischen Konsistoriums — 1825 für jüdische Kinder gegründet hatte; die Not der aus den Ostgebieten und aus Afrika zugewanderten armen, meist ungebildeten Juden und ihrer Kinder war groß. Es hatte meinem erwachenden christlichen Glauben und meiner alten Eigenliebe große Opfer gekostet, diese Aufgabe zu übernehmen, zumal sie mich mit allem, was die Synagoge an unedlen Elementen in sich schloß, wieder in Verbindung bringen mußte. Aber die Auf­munterung meines Lehrers Bautain, die Aussicht auf das Gute, das ich dabei vielleicht wirken könnte, und das Bedürfnis, das Licht des wahren Glaubens, das in mir aufzuleuchten begonnen hatte, weiter zu verbreiten, bestimmte mich, dieses wohltätige Werk zu über­nehmen, dem ich mich nun ganz hingab. Meine Jus-Studien waren beendet und ich hatte bereits eine Advokatur am Gerichtshof in Colmar erhalten. Da ich mich aber dem Jus-Studium nur aus Ruhmsucht und Ehrgeiz gewidmet hatte, glaubte ich, dem Advo­katenstand ebenso entsagen zu müssen, wie ich dem Beruf eines Bankiers entsagt hatte. Ich beschäftigte mich damals mit den Natur­wissenschaften und mit der Medizin, aber eigentlich nur deshalb, um weiter an der Seite meines geliebten Professors Bautain bleiben zu können. Zwei jüdische Freunde taten dasselbe. Die gemeinsame Beschäftigung und Zielsetzung schmiedete uns sehr zusammen. Unsere Absicht ging dahin, das Medizinstudium richtig zum Ab­schluß zu bringen, um dann eines Tages die ärztliche Kunst unent­geltlich auszuüben und die Summe unserer Kenntnisse gemein­schaftlich nur für das Wohl der Armen zu investieren. Wir drei hatten das große Verlangen, Gutes zu tun und uns dazu einem wohltätigen Werk zu widmen. Aber keiner von uns ahnte den höheren Beruf, für den uns Gott ohne unser Wissen vorbereitete.«

Vorerst also widmete sich Theodor Ratisbonne zusammen mit seinen beiden jüdischen Freunden Julius Lewel und Isidor Goschler mit großem Erfolg der Leitung der jüdischen Schule in Straßburg. Da Theodor Ratisbonne aber mit seinen beiden Freunden immer mehr christlichen Geist in seine schulische Tätigkeit einfließen ließ, schöpfte man in jüdischen Kreisen bald Verdacht, daß hier manches im Sinn des Judentums nicht mehr in Ordnung sei. So trennten sich zuerst die beiden Freunde von dem Unternehmen und entschlossen sich zur Konversion. Schließlich tat auch Theodor Ratisbonne den entscheidenden Schritt und ließ sich am Kar­samstag, 14. April 1827, taufen.

Er selbst schildert das große Ereignis so: »Ich ging vom Judentum zum Christentum über, von der Synagoge zur Kirche, von Mose zu Jesus Christus, vom Tod zum Leben. Ja, es war das wahre Leben, das mich nun durchdrang, als das Taufwasser über meine Stirne floß. Ich empfand ein unaussprechliches Gefühl von Freude, Frei­heit, Würde und Dankbarkeit; die ganze Natur schien mich anzu­lächeln und ein neues Licht schien die Welt zu erleuchten; ich sah alle Dinge von einem ganz neuen Gesichtspunkt aus und mein Glück, nun der großen christlichen Familie angehören zu dürfen, war so groß, daß ich mich nur ganz schwer zurückhalten konnte, um es nicht allen, dene ich nach der Taufe begegnete, laut zu verkünden.«

Dem Vater, der vom getanen Schritt seines Sohnes noch nichts Sicheres wußte, sondern nur vermutete und ihn eines Tages fragte, ob er etwa Christ geworden sei, gestand Theodor Ratisbonne: »Ja, Vater, ich bin Christ, und mein Glaube ist es, der mich nun dazu drängt, allen Annehmlichkeiten des bisherigen Lebens zu entsagen, um mich ganz der Wiedergeburt meiner jüdischen Brüder zu widmen.«

Er wandte sich nun dem Theologiestudium zu, um Priester zu werden. Der Straßburger Bischof J. F. Lepape de Trévern (+ 1842) nahm ihn und seine beiden Freunde Julius Lewel und Isidor Goschler in das zu Molsheim errichtete Priesterseminar auf, nach­dem sie vorher unter Leitung von Professor Bautain, der schon 1826 Priester geworden war, noch Schriftexegese, Kirchengeschichte und Patrologie sowie die anderen theologischen Fächer studiert hatten. Am 18. Dezember 1830 wurde Theodor Ratisbonne zum Priester geweiht.

Er wirkte dann zuerst für kurze Zeit als Vikar an der Kathedrale von Straßburg. Schon bald aber übertrug ihm und seinen beiden Freunden der Bischof die Leitung und den Unterricht im Knabenseminar. Dann erteilte er in Straßburg mit seinen Freunden an einer höheren Schule Unterricht, von 1836 bis 1840 widmete er sich einem intensiven Studium der Kirchenväter und der geistlichen Schriftsteller des Mittelalters und schrieb in dieser Zeit eine Biogra­phie des großen Marienverehrers des 12. Jahrhunderts, des hl. Bernhard v. Clairvaux.3)

Im Jahre 1840 verließ Theodor Ratisbonne Straßburg und ging nach Paris, wo er bald seinen Lieblingsplan, »an der geistigen Wiedergeburt der Juden zu arbeiten«, aufnahm.

Er stellte sich hier dem berühmten Abbé Charles Desgenettes († 1860), dem Pfarrer an der Kirche »Unserer Lieben Frau vom Sieg« (»Notre-Dame des Victoires«) zur Verfügung. Diesem Pfarrer war es sehr zu Herzen gegangen, daß seine mitten im Trubel der Pariser Vergnügungslokale gelegene Kirche einen ganz verschwin­dend geringen Zuspruch von Gläubigen hatte. Als er völlig entmu­tigt am 3. Dezember 1836 die hl. Messe feierte, vernahm er die Worte: »Weihe deine Pfarrei dem heiligsten Herzen Marien!« Er tat es. Von da an gelang ihm eine völlige Umwandlung seiner Pfa­rrei. Der Besuch der hl. Messe hob sich in erstaunlicher Weise. Noch einen Fingerzeig von oben bekam er: Er nahm die Prägung der sogenannten »Wundertätigen Medaille«, wie sie die Gottesmut­ter im Jahre 1830 im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern des hl. Vinzenz von Paul in der Pariser »Rue du Bac« der Novizin Katharina Labouré aufgetragen hatte, in Angriff und betrieb die Versendung dieser Medaille in alle Welt. Zugleich aber gründete er die Bruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Sünder, die in kurzer Zeit einen ganz großen Aufschwung nahm und vom Hl. Stuhl am 16. Dezember 1836 bestätigt und bald schon als weltweites katholisches Werk zur Erzbruderschaft erhoben wurde. Von dieser Gnadenstätte »Unserer Lieben Frau vom Sieg« in Paris ging in der Folgezeit ein wahrer Siegeslauf in der Ausbrei­tung der Verehrung des heiligsten, unbefleckten Herzens Mariae aus; bis zum Jahre 1896 waren der Erzbruderschaft bereits 18.883 Bruderschaften in aller Welt angeschlossen. Auch die Verbreitung der »Wundertätigen Medaille« gelang von da aus in wenigen Jahren millionenfach.

Wen könnte es da verwundern, daß sich der 1827 getaufte, 1830 (im Jahr der Erscheinung Mariens vor der hl. Katharina Labouré) zum Priester geweihte Jude Theodor Ratisbonne ganz besonders zu dieser Pariser Gnadenstätte hingezogen fühlte, um dort für die Bekehrung seiner jüdischen Volksgenossen, vor allem auch für die seines von Haß gegen die katholische Kirche glühenden Bruders Alphons zu beten und zu arbeiten.3) Kaum hatte Theodor Ratisbonne als Vizedirektor der Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Sünder sein eifriges Beten, Opfern und Arbeiten aufgenommen, stellte sich ein wahrhaft wunderbarer Erfolg ein, als am 20. Januar 1842 seinem dem Christentum feindlich gesinnten Bruder Alphons in der Kirche »Sant’Andrea delle fratte« in Rom eine völlig unerwartete Erschei­nung Mariens zuteil wurde, und zwar in jener Gestalt, wie sie auf der »Wundertätigen Medaille« dargestellt ist.

2. Alphons Maria Ratisbonne († 6. Mai 1884)

In einem Brief an Abbé Charles Degenettes, den Pfarrer der Kirche »Unserer Lieben Frau vom Sieg« in Paris, hat der am 1. Mai 1812 in Straßburg geborene Alphons Ratisbonne über seine Kindheit folgendes geschrieben: »Ich begann meine Studien auf dem Gymnasium zu Straßburg, wo ich größere Fortschritte in der Verderbnis des Herzens als in geistiger Ausbildung machte. Um das Jahr 1827 — ich war damals fünfzehn Jahre alt — wurde meine Familie von einem ganz harten Schlag getroffen. Mein Bruder Theodor, auf den man große Hoffnungen gesetzt hatte, war Christ geworden und bald darauf, trotz der lebhaftesten Vorstellungen, die man ihm machte, und trotz der großen Betrübnis, die er verur­sacht hatte, noch weiter gegangen, er wurde Priester und begann in derselben Stadt unter den Augen meiner untröstlichen Familie seine priesterliche Tätigkeit. So jung ich damals war, so empörte mich doch die Handlungsweise meines Bruders und ich hatte einen Haß gegen sein Priesterkleid und seinen Charakter. Im Umgang mit zwar christlich getauften, aber ebenso lauen Jünglingen wie ich aufgewachsen, hatte ich bisher weder Sympathie für das Christen­tum noch Antipathie dagegen empfunden, aber die Konversion meines Bruders, die ich als eine unerklärliche Tollheit und Dumm­heit betrachtete, ließ mich an den Fanatismus der Katholiken glauben und dagegen ganz große Abscheu empfinden .«5)

Nach dem Gymnasium studierte Alphons Ratisbonne Jus in Paris und wurde Advokat, er trat dann aber in das Bankgeschäft seines reichen Onkels Louis Ratisbonne (1780 — 1855) ein, der alles auf­bot, um ihn an sich zu fesseln. »Ich aber liebte nur die Vergnü­gungen, das Geschäftliche langweilte mich, die Comptoirluft erstickte mich; ich war der Ansicht, daß man auf der Welt sei, um zu genießen; und obgleich mich bisher ein gewisses natürliches Scham­gefühl von unedlen Genüssen und Gesellschaften ferngehalten hatte, träumte ich nur von Festlichkeiten und Zerstreuungen und überließ mich ihnen leidenschaftlich . . . Ich beschäftigte mich zwar sehr eifrig mit dem Los meiner armen jüdischen Glaubens­genossen, hatte aber selber keinen Glauben. Ich war Jude nur dem Namen nach, ich glaubte nicht einmal an Gott, öffnete auch nie ein religiöses Buch; im Hause meines Onkels so wenig wie bei meinen Brüdern und Schwestern wurde je auch nur die geringste Vorschrift des Judentums befolgt. So gab es denn eine Leere in meinem Herzen und trotz allen Überflusses war ich nicht glücklich; es fehlte mir etwas; aber dieses etwas wurde mir gegeben, wenigstens glaubte ich es: Meine Nichte Flora (1824 — 1915), die Tochter meines ältesten Bruders Adolph, war mir seit unseren Kinderjahren zugedacht. Anmutig hatte sie sich entwickelt; in ihr erblickte ich meine ganze Zukunft, die ganze Hoffnung auf ein Glück, das mir beschieden sei. Als daher meine Familie in Übereinstimmung mit unserer gegenseitigen Zuneigung die so lang ersehnte Ver­bindung festsetzte, meinte ich, daß fortan nichts mehr zu meinem Glück fehlen würde. In der Tat sah ich nach der Verlobungsfeier meine ganze Familie auf dem Gipfel der Freude . . . Ein einziges Familienmitglied war mir verhaßt; es war dies mein Bruder Theodor. Sein Priestergewand stieß mich ab, seine Nähe mißfiel mir, seine ernste, nachdrückliche Sprache reizte meinen Zorn . . .

Ich wollte ihn nicht mehr sehen und nährte einen bitteren Haß gegen die katholischen Priester, gegen Kirchen und Klöster, vor allem gegen die Jesuiten, deren Erwähnung allein schon meine Wut hervorrief. Glücklicherweise verließ mein Bruder 1840 Straßburg. Er wurde nach Paris an die Kirche »Notre-Dame des Victoires« berufen, wo er, wie er beim Abschied sagte, nicht aufhören würde, für die Bekehrung seiner Brüder und Schwestern zu beten . . .

Wegen des zarten Alters meiner Braut — sie war erst sechzehn Jahre alt—wurde es für angemessen erachtet, die Hochzeit noch hinauszu­schieben. Ich sollte unterdessen eine Vergnügungsreise machen.« 6)

Es war zunächst eine Kreuzfahrt von Marseille nach Neapel. Neujahrstag 1842. An diesem Tag kam Alphons Ratisbonne zu­fällig in eine katholische Kirche. »Ich glaube, es wurde Messe ge­lesen; wie dem auch sei, ich blieb aufrecht stehen, an eine Säule gelehnt, und mein Herz schien sich zu öffnen und eine unbekannte Luft einzuatmen. Ich betete auf meine Weise, unbekümmert um das, was um mich herum vor sich ging. Ich betete für meine Braut, für meinen Onkel, für meinen 1830 verstorbenen Vater, für meine gute Mutter, die ich mit sechs Jahren (1818) allzu früh verloren hatte, für alle, die mir teuer waren, und bat Gott um seinen Bei­stand für meine Pläne zur Verbesserung des Loses der Juden, ein Gedanke, der mich unaufhörlich verfolgte. Meine Traurigkeit schwand wie eine schwarze Wolke, die der Wind verjagt und ver­scheucht; eine unaussprechliche Ruhe erfüllte auf einmal meine Seele und ich empfand einen süßen Trost, als ob eine Stimme mir sagte: ›Dein Gebet wird erhört‹. Wahrlich, es ist hundertfach erhört worden!«

Statt — wie geplant — nach Sizilien und dann nach Malta weiterzu­reisen, wie er es mit seiner Braut ausgemacht hatte, fuhr er am 5. Januar 1842 nach Rom, um dort die verschiedenen Sehenswür­digkeiten zu bewundern. Spätestens am 20. Januar wollte er für die Weiterreise nach Sizilien und Malta wieder in Neapel sein. In ver­hältnismäßig großer Eile besuchte er zuerst das antike Rom und die Galerien der Ewigen Stadt, dann die wichtigsten Kirchen und die Katakomben. Immer hatte er dabei vor, möglichst Negatives über die katholische Kirche in seinem Tagebuch zu notieren. Darum suchte er auch das römische Judenviertel, das Ghetto, auf und zeigte sich entsetzt über seinen Anblick: »Ich schauderte vor Ent­setzen und fragte mich, ob ein ganzes Volk dafür, daß es vor 1800 Jahren einen einzigen Menschen getötet hatte, eine so barba­rische Behandlung und so endlose Vorurteile verdient habe . . . Ich kann ohne Übertreibung sagen, daß ich in meinem Leben nicht so erbittert gegen das Christentum gewesen bin als seit dem Besuch im Ghetto. Ich hörte nicht auf, mich in Spöttereien und Lästerungen über den Katholizismus zu ergehen.«

Am 8. Januar 1842 redete ihn ganz unerwartet im römischen Corso ein einstiger Schulkamerad, der protestantische Baron Gustav de Bussierre an. Durch dieses zufällige Zusammentreffen kam es dann zur nicht geplant gewesenen Verlängerung des Rom­aufenthalts. Der ehemalige Schulkamerad lud ihn in seine Woh­nung ein. Dabei lernte er dann auch dessen Bruder, den 1802 in Straßburg geborenen Baron Theodor de Bussierre kennen, der 1837 aus dem Protestantismus zum Katholizismus konvertiert hatte und ein bedeutender Erforscher des katholischen Elsaß wurde. Es kam auch mit diesem zu einem Treffen in dessen Wohnung und dabei dann zu einem höchst eigenartigem Gespräch, das Alphons Ratisbonne selber so geschildert hat: »Ich betrachtete Baron Theodor de Bussierre als einen Frömmler im schlimmen Sinn und war froh, ihn im Gespräch wegen der Lage der römischen Juden verhöhnen zu können. Das war für mich wie eine Erleichterung. Aber mein Angriff auf die katholische Kirche lenkte nun unser Gespräch auf das religiöse Gebiet. Der Baron sprach nun von der Erhabenheit der katholischen Kirche, während ich darauf nur mit ironischen Bemerkungen und Anschuldigungen gegen die Kirche reagierte, wie ich solche von den Gegnern des christlichen Glaubens gehört oder in ihren Schriften gelesen hatte. In der Hitze des Gefechtes suchte ich zuletzt meine gottlose Hetze aus Achtung vor der anwesenden Frau de Bussierre und den zwei kleinen Kindern, die neben uns spielten, zu mäßigen. Da setzte nun der Baron ein und meinte: ›Da Sie den angeblichen christlichen Aberglauben so sehr verabscheuen und sich zu ganz freisinnigen Ansichten beken­nen mit ihrem aufgeklärtem Geist, so erlaube ich mir die Frage: Würden Sie vielleicht den Mut aufbringen, um sich einer recht harmlosen, unschuldigen Probe zu unterziehen?‹ ›Welcher Probe?‹ So fragte ich. Und der Baron darauf: ›Sie sollten nur einen Gegen­stand bei sich tragen, den ich Ihnen geben würde! Hier ist er: eine Medaille der seligsten Jungfrau Maria. Das erscheint Ihnen sicher lächerlich, nicht wahr? Aber ich lege großen Wert auf diese Medail­le.‹ Meine Antwort darauf lautete: ›Der Vorschlag — ich gestehe es ­befremdet mich, weil er sonderbar und kindisch ist!‹ Auf diesen Ausgang unseres Gesprächs war ich in keiner Weise vorbereitet und meine erste Reaktion war dann noch Achselzucken und La­chen. Aber es überkam mich dabei der Gedanke, diese Angelegen­heit könnte ein köstliches Kapitel für meine Reiseschilderung abge­ben. So willigte ich spaßhalber ein, die Medaille als Beweisstück für den katholischen Aberglauben anzunehmen; ich würde sie meiner Braut überbringen. Gesagt, getan! Baron de Bussierre hängte mir die Medaille um den Hals, und zwar nicht ohne Mühe, denn der Knoten war zu kurz und das Band paßte nicht. Durch anhaltendes Ziehen bekam ich schließlich die Medaille auf meine Brust und rief dann lachend aus: ›So, nun bin ich also apostolischer und römischer Katholik!‹ Es war der böse Geist, der durch meinen Mund so prophezeite. Baron de Bussierre triumphierte jetzt kindlich wegen des errungenen bescheidenen Sieges und wollte daraus weitere Vorteile ziehen. Er sagte: ›Nun müssen wir die Probe aber noch vervollständigen! Es gilt nämlich noch, morgens und abends das so­genannte ‘Memorare’ (›Gedenke, o mildreichste Jungfrau . . .‹) herzusagen, ein kurzes, aber sehr wirksames Gebet, das der hl. Bernhard von Clairvaux an die seligste Jungfrau Maria gerichtet hat.‹ ›Was wollen Sie denn mit Ihrem ‘Memorare’?, rief ich aus, ›lassen wir doch diese Dummheiten!‹ Im selben Augenblick fühlte ich, wie meine ganze Erbitterung gegen den katholischen Glauben in mir wieder hochkam, zumal mich der Name des hl. Bernhard wieder an meinen verhaßten Bruder Theodor erinnerte, der die Lebensgeschichte dieses Heiligen niedergeschrieben hatte . . . Ich bat den Baron, es bei dem Bisherigen bewenden zu lassen. Aber mein Gesprächspartner beharrte darauf und meinte, daß dann, wenn ich mich weigern würde, dieses kurze Gebet herzusagen, ich die Probe vereiteln und den Beweis für die freiwillige Verstocktheit liefern würde, die man den Juden vorwerfe. Ich wollte der Sache nicht zu viel Gewicht beimessen und sagte schließlich: ›Nun gut, ich verspreche Ihnen auch noch, dieses Gebet herzusagen; wenn es nichts nützt, so wird es wenigstens nichts schaden.‹ Baron de Bussierre holte nun den Gebetszettel und ersuchte mich, ihn daheim abzuschreiben. Ich sagte es zu. Wir trennten uns dann. Den Abend dieses Tages verbrachte ich im Theater. Dabei vergaß ich die Medaille und das ‘Memorare’. Dieses Gebet aber tauchte an den folgenden Tagen in meiner Erinnerung immer wieder auf; wäh­rend des Gehens wiederholte ich ohne Aufhören die Worte des ‘Memorare’. Woher kam das nur, o Gott, daß jene Worte sich so le­bendig und stark meinem Geist eingeprägt hatten? Ich konnte mich ihrer nicht mehr erwehren. Immer wieder kamen sie mir in den Sinn, ständig wiederholte ich sie, so ähnlich wie es einem mit Arien ergeht, die einen verfolgen und quälen und die man gegen seinen Willen immer wieder vor sich hinsummt.«

Am letzten Tag seines verlängerten Romaufenthalts vor der geplanten Rückfahrt nach Neapel — es war der unvergeßliche 20. Januar 1842 — machte Alphons Ratisbonne nochmals bei Baron Theodor de Bussierre einen Besuch und mit ihm dann noch einen Gang durch die Straßen Roms. Der Baron wollte im Kloster des Minimitenordens bei der Kirche Sant’Andrea delle fratte wegen eines Todesfalls für die Familie La Ferronays reservierte Plätze bei dem in dieser Kirche stattfindenden Trauergottesdienst erbitten. Er bat Alphons Ratisbonne, inzwischen in der Kirche auf ihn zu warten. Da geschah nun an diesem das Wunderbare, das er selbst dann ausführlich bei einer »Enquette« auf dem römischen Vikariat geschildert und in mehreren Briefen beschrieben hat. Hier aber sei festgehalten, was Baron Theodor de Bussierre erlebt hat: »Als ich in die Kirche zurückkam, sah ich einen Augenblick lang nichts von Ratisbonne, dann erblickte ich ihn auf den Knien liegend in der dem heiligen Schutzengel geweihten Seitenkapelle. Ich trat zu ihm hin und stieß ihn drei- oder viermal leise an, bevor er meine Gegen­wart bemerkte . . . Ich richtete ihn in die Höhe und zog ihn aus der Kirche hinaus. Dann fragte ich ihn, was denn geschehen sei, und wohin er zu gehen wünsche. ›Fahren Sie mich hin, wohin Sie wollen‹ , rief er aus, ›nach dem, was ich gesehen habe, gehorche ich.‹ Ich drang in ihn, mir doch zu sagen, was er damit meine, aber er ver­mochte es nicht, denn seine Aufregung war noch zu stark und zu tief. Er zog die ‘wundertätige Medaille’ hervor und bedeckte sie mit Küssen und Tränen. Ich brachte ihn dann auf sein Zimmer. Trotz meiner wiederholten Fragen konnte ich auch dort nichts als ein paar Ausrufungen aus ihm herausbekommen, die von tiefen Seufzern unterbrochen waren. ›0 wie groß ist mein Glück! Wie gut ist der Herr! Welch eine Fülle von Gnade und Seligkeit! Wie bedauerns­wert ist das Los derer, die Ihn nicht kennen!‹ Beim Gedanken an die Ketzer und Irrgläubigen brach er dann wieder in Tränen aus. Zuletzt fragte er mich, ob ich ihn nicht für wahnsinnig halte. ›Doch nein‹, rief er aus, ›ich bin bei vollem Verstand, ich bin nicht von Sin­nen!‹ Allmählich beruhigte sich die wilde Bewegung; dann legte Ratisbonne seine Anne um mich und umschlang mich. Sein Gesicht war leuchtend, ich möchte fast sagen: verklärt; er bat mich dann, ihn zu einem Beichtvater zu führen; er verlangte zu wissen, wann er die heilige Taufe empfangen könne, denn nun halte er es nicht mehr aus, ohne sie zu leben. Er sagte noch, daß er mir keine weitere Er­klärung geben könne, bis er die Erlaubnis dazu von einem Priester erhalten habe. ›Denn was ich zu sagen habe, ist von solcher Art, daß ich es nur auf den Knien liegend sagen kann.‹ Ich führte ihn so­gleich in die Jesuitenresidenz bei der Kirche Gesù zu P. Philippe de Villefort SJ, der ihn ersuchte, sich auszusprechen. Ratisbonne nahm seine Medaille hervor, zeigte sie uns und rief: ›Ich habe sie ge­sehen, ich habe sie gesehen!‹ Dabei war er von seinen Gefühlen wieder ganz hingerissen. Bald darauf aber ruhiger geworden, konn­te er sich aussprechen: ›Ich war seit einem Augenblick in der Kirche (Sant’Andrea delle fratte), so sagte er, als ich mich auf einmal von einer unaussprechlichen Unruhe ergriffen fühlte. Ich erhob meine Augen. Da war plötzlich das ganze Kirchengebäude vor meinen Blicken verschwunden; eine einzige Kapelle vereinte gleichsam alles Licht in sich; und inmitten dieses Lichtglanzes erschien vor mir auf dem Altar groß, leuchtend, voll Majestät und Süßigkeit die Jungfrau Maria, so wie sie auf der Medaille dargestellt ist; eine un­widerstehliche Gewalt trieb mich nun zu ihr hin. Die Jungfrau machte mir ein Zeichen mit der Hand, ich solle niederknien; sie schien mir dann zu sagen: So ist es gut. Sie hat weiter nicht mit mir gesprochen, ich habe aber alles verstanden . . .‹

Nachdem wir P. Villefort wieder verlassen hatten, begaben wir uns, um Gott unseren Dank darzubringen, zuerst nach S. Maria Maggiore, der Hauptkirche der seligsten Jungfrau Maria, und dann nach St. Peter. Es wäre unmöglich, die Gemütsbewegungen zu beschreiben, die er in diesen Kirchen empfand. Er, drückte mir warm die Hand und sagte: ›Jetzt begreife ich die Liebe, mit der sie dieselbe schmücken . . . Wie gut ist es hier doch zu sein, man möchte niemals mehr fortgehen . . . Es ist nicht die Erde, es ist der Vorhof des Himmels!‹ Beim Sakramentsaltar überwältigte ihn dann der Gedanke an die wahre, reale Gegenwart Jesu im heiligsten Sakra­ment in solchem Maß, daß er knapp daran war ohnmächtig zu werden. Ich mußte ihn wegführen, so schrecklich erschien es ihm, noch im Zustand der Erbsünde in der Gegenwart des lebendigen Gottmenschen zu weilen. Er beeilte sich, in die Kapelle der selig­sten Jungfrau zu kommen und sagte dann zu mir: >Hier habe ich keine Furcht, ich fühle mich hier unter dem Schutz einer unbegrenz­ten Gnade!‹ Ich fragte ihn wieder und wieder über die näheren Um­stände seiner ihm zuteil gewordenen wunderbaren Erscheinung . . . Alles, was er wußte, bestand darin, daß er sich in der Kirche vor der Schutzengelkapelle plötzlich auf den Knien liegend befunden habe! Im ersten Augenblick habe er dann die Himmelskönigin in allem Glanz ihrer unbefleckten Schönheit gewahren können; doch er ha­be den Glanz dieses himmlischen Lichtes nicht ertragen können. Noch dreimal habe er versucht, die Mutter der Barmherzigkeit an­zublicken, dreimal habe er vergebens versucht, seine Augen höher zu erheben als bis zu ihren heiligen Händen, von denen in leuchten­den Strahlen ein Strom von Gnaden floß. ›O mein Gott‹ — so rief er aus — ›ich, der ich noch vor einer halben Stunde gelästert hatte, ich, der ich einen so tödlichen Haß gegen die katholische Kirche gehegt hatte! Alle, die mich kennen, wissen, daß ich — menschlich ge­sprochen — die zwingendsten Gründe hätte, Jude zu bleiben, denn meine Familie ist jüdisch, meine Braut ist Jüdin, mein Onkel (dessen Bank ich erben sollte) ist Jude . . . Wenn ich nun Katholik werde, opfere ich alle meine bisherigen Interessen und Zukunfts­hoffnungen, die ich auf Erden habe, und dennoch muß ich den großen Schritt tun . . .«‹

Die Kunde von dem wunderbaren Ereignis verbreitete sich mit unglaublicher Schnelligkeit in allen Kreisen Roms und wurde über­all mit größter Anteilnahme, ja mit Begeisterung aufgenommen. Diese Kunde gelangte aber auch sehr bald nach Paris zu P. Theodor Ratisbonne und nach Straßburg, wo sie gleichfalls tiefen Eindruck machte, in Paris im positiven, in Straßburg begreiflicherweise im negativen Sinn.

In Anbetracht der wunderbaren Umwandlung, die mit Alphons Ratisbonne vor sich gegangen war, hielt sich der Jesuit P. Villefort für berechtigt, von der Regel, die sonst einen längeren Katechu­menen-Unterricht bei einem Erwachsenen erfordert, abzusehen und dem heißen Wunsch des Taufbewerbers nach der heiligen Taufe schon nach Verlauf von nur zehn Tagen zu entsprechen, was auch im römischen Vikariat (Ordinariat) genehmigt wurde. Der berühmte Kardinal Giuseppe Mezzofanti, das staunenswerteste Sprachengenie, das im vorigen Jahrhundert lebte — er war im römi­schen Vikariat mit der Prüfung der erwachsenen Taufbewerber beauftragt — war erstaunt über die Fülle des Lichtes, das in die Seele des gläubig gewordenen Juden eingegossen worden war.

Die Taufe mit der anschließenden Firmung und Erstkommunion fand in der Kirche Gesù am 31. Januar 1842 statt, unter Anteil­nahme von überaus vielen andächtigen, aber auch neugierigen Menschen. Abbé Felix Dupanloup, damals berühmter geistlicher Rhetorikprofessor an der Sorbonne in Paris, später Bischof von Orleans, hielt bei dieser Tauffeier die Ansprache; sie war, wie man ihrem festgehaltenen Wortlaut entnehmen kann, begreiflicher­weise ein »Lobgesang zum Preis der Barmherzigkeit Gottes und auf die mütterliche Liebe der seligsten, unbefleckt empfangenen Gottesmutter, der großen Fürsprecherin« und Vermittlerin aller Gnaden. Alphons Ratisbonne bat, auf den Namen Maria getauft zu werden und nannte sich fortan fast immer nur mit diesem Namen, während er in die Geschichte als Alphons Maria (oder französisch: als Marie-Alphonse) eingegangen ist.

Der gegen die katholische Kirche einst haßerfüllte Jude war nun wie sein Bruder Theodor ein bis zu seinem Lebensende unerschüt­terlich treuer Sohn der katholischen Kirche. Er brach mit seinen früheren Plänen, auch mit der geplanten Vermählung mit seiner Nichte Flora Ratisbonne. Er teilte ihr mit, daß er wegen seiner Bekehrung zum katholischen Glauben nicht mehr zu seinem gege­benen Versprechen stehen könne. In einem Antwortbrief vom 14. Februar 1842 schrieb ihm Flora Ratisbonne zurück, sie sei bitter enttäuscht und sehr schmerzlich berührt, hoffe aber, daß er, Onkel Alphons, seinen törichten Schritt bald bereuen und rückgängig machen werde. Er aber schrieb ihr am 6. März 1842, sein Schritt sei endgültig, zumal er auch noch katholischer Priester werden wolle wie sein Bruder Theodor, aber er werde sie wie ein Bruder weiter lieben und viel für sie beten.

Nach den großen römischen Erlebnissen fuhr Alphons Maria Ratisbonne für einige Zeit nach Juilly bei Paris, um sich da in stiller Zurückgezogenheit letzte Klarheit zu verschaffen für seinen weite­ren Lebensweg. Am 12. April 1842 teilte er froh dem Pfarrer Ch. Desgenettes von »Notre-Dame des Victoires« in Paris mit: »Meine Familie hat mir nun volle Freiheit zugestanden. So will ich diese meine Freiheit ganz dem Dienste Gottes weihen, ich opfere Ihm fortan mein ganzes Leben, um der Kirche und meinen jüdi­schen Brüdern unter dem Patronat der seligsten Jungfrau Maria zu dienen.« Am 20. Juni 1842 trat er dann in Toulouse in den Jesuite­norden ein. Am 20. Januar 1843, dem ersten Jahrestag seiner Be­kehrung, schrieb er an den Jesuiten-Ordensgeneral P. Roothaan, der nach Freiwilligen für die China-Mission suchte: »Ich bin bereit, senden Sie mich!« Nach der Weisung seiner Vorgesetzten setzte er aber sein Noviziat fort und verbrachte dann in Laval das Scholasti­kat , um Theologie zu studieren und sich auf die heiligen Weihen vorzubereiten. Am 24. September 1848 wurde er in Laval zum Prie­ster geweiht.

3. »Notre-Dame de Sion«,
das Werk der beiden Brüder Ratisbonne:7)

Der bekehrte Alphons Maria Ratisbonne hatte bald nach seiner Taufe an seinen Bruder Theodor geschrieben, die seligste Jungfrau, die ihn so wunderbar zur Bekehrung geführt habe, habe ihn gleich­zeitig verstehen lassen, daß diese Gnade in einem gewissen Sinn auch für das jüdische Volk bestimmt sei. Darum drängte er seinen Bruder Theodor, ein Katechumenat für jüdische Kinder zu errich­ten, weil er wußte, daß unter den armen Juden, die vor kurzem aus Nordafrika und Osteuropa nach Frankreich gekommen waren, so manche für ihre Kinder eine christliche Erziehung wünschten. Theodor Ratisbonne, von seinem Bruder beeinflußt, überlegte; er selbst war seit seiner Bekehrung im Jahre 1827 von den Verheißun­gen betroffen, die sich in der Hl. Schrift auf die Zukunft des jüdischen Volkes beziehen und die sich vor allem im Römerbrief des hl. Paulus (Röm 11,1.15.16) finden: »Hat etwa Gott sein Volk verworfen? Keineswegs! . . . Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Heiden in voller Zahl das Heil erlangt haben; dann wird ganz Israel gerettet werden . . .« Darum wollte Theodor Ratisbonne für die Rettung der Juden etwas unternehmen. Auch durch die Gottesmutter, die Gnadenmutter vom Sieg, wurde er, der ja damals (1842) schon Direktor der »Erzbruderschaft Unserer Lieben Frau vom Sieg für die Bekehrung der Sünder« war, immer wieder zu einem geistlichen Hilfswerk für die Juden angeregt. Eines Tages betete Theodor Ratisbonne, wie er selbst in seinen »Erinnerungen« festgehalten hat, so zu Maria: »Vielgeliebte Mutter, ich will alles tun, was du mir sagst. Wenn dies nun das deli­kate Werk sein sollte, das du meinem Bruder Alphons inspiriert hast und zu dem er mich bewegen will, so laß mich das durch ein Zeichen wissen. Schick‘ mir nur ein einziges jüdisches Kind, und ich weiß dann: Das ist das Zeichen, daß es so der Wille Gottes ist!« So hatte er am Morgen gebetet. Und am Abend des gleichen Tages noch teilte ihm der Direktor der Lazaristen, Herr M. Aladel, in einem Brief mit, eine sterbenskranke jüdische Frau habe ihm an­vertraut, sie möchte ihre Kinder christlich erziehen lassen; er frage an, ob er, Theodor Ratisbonne, sich nicht für dieses gute Werk in­teressieren würde. Beim Lesen dieses Briefes kam ihm sofort der Gedanke, das sei das Zeichen, das ihm die Gottesmutter auf sein Gebet hin gegeben habe. Theodor Ratisbonne ließ nun zwei Elsäs­serinnen, Sophie Stouhlen und Louise Weywada, deren Seelen­führer er schon in Straßburg gewesen war, nach Paris kommen. Diese begannen unter seiner Leitung, sich um die christliche Erzie­hung jüdischer Kinder zu sorgen. So entstand im September 1843 das Katechumenat für jüdische Mädchen, das am Anfang der »Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion« steht. Theodor Ratisbonne hatte dabei anfangs gar nicht an die Gründung einer Schwesternkongregation gedacht, er wollte nur eine kleine Gemeinschaft von Frauen schaffen, die nach dem Bei­spiel der Urgemeinde von Jerusalem ein Herz und eine Seele wären und sich dem Erziehungswerk widmen würden, das Gott ihnen an­vertraute. Doch diese Frauen baten, als ihre Zahl größer geworden war, die Weihe und äußere Zeichen von Ordensschwestern zu be­kommen. Schon 1846 gewährte ihnen der Gründer ihren Wunsch, weil er in ihm eine Eingebung des Hl. Geistes erkannte. Bereits 1847 erließ Papst Pius IX. das »Decretum laudis«, das Dekret der lobenden Anerkennung für diese neu entstandene Schwestern­kongregation, die im Lauf der folgenden Jahre viel leistete für die geistige Wiedergeburt der Juden und am 8. September 1863 bereits die definitive Approbation durch den Heiligen Stuhl erhielt.

Durch das schöne Aufblühen der Schwesternkongregation er­mutigt, beschloß Theodor Ratisbonne, für denselben Zweck auch einen männlichen Zweig dieser Kongregation zu gründen. Sein Bruder Alphons sollte ihm dabei helfen. Papst Pius IX. hieß das gut. So schied Alphons Maria Ratisbonne, der bisher segensreich im Jesuitenorden gewirkt hatte, mit Erlaubnis des Papstes und im Einverständnis seiner bisherigen Ordensoberen am 18. Dezember 1852 aus dem Jesuitenorden aus, fühlte sich aber sein weiteres Leben lang immer dankbar mit der Gesellschaft Jesu verbunden. Er arbeitete fortan an der Seite seines Bruders Theodor in Paris, drängte aber immer mehr, daß das große Werk für die Rettung der Juden von Paris aus auch in das Stammland des Judentums nach Jerusalem verpflanzt werde.

Am 12. September 1855 kam Alphons Maria Ratisbonne erst­malig ins Heilige Land. Er gründete dann unter größten Schwierig­keiten drei Häuser für die Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion und für ihre Waisenkinder. Man muß sich diese Schwierig­keiten ein kleinwenig ausmalen: Der größte Teil der ehrwürdigen Denkmäler der Heilsgeschichte lag damals in Palästina in Trüm­mern, die Straßen Jerusalems waren weithin verödet und verlassen, das Land war unter türkischer Herrschaft total verarmt, die Bevöl­kerung, sowohl die jüdische als auch die arabische, war meist bettel­arm und ungebildet; die Beziehungen zu den zivilen Autoritäten waren für einen Christen äußerst schwierig und kompliziert, denn alle Erlaubnisse mußten in Konstantinopel eingeholt werden. An kirchlichen Einrichtungen gab es damals in Jerusalem nur ein paar Häuser der Franziskaner an bestimmten heiligen Stätten des Lebens Jesu; die einzige Schwesternkongregation, die in Jerusalem anwesend war und dort wirkte, war erst 1848 dorthin gekommen; es waren die St. Josephs-Schwestern.

Mit Hilfe des Lateinischen Patriarchen Giuseppe Valerga († 1872) gelang es nun Alphons Maria Ratisbonne, in einem ge­mieteten Haus eine erste Niederlassung der Sions-Schwestern zu errichten.

Bald machte er sich auf die Suche nach einem passenden Grund­stück für den Bau eines Klosters und eines Waisenhauses. Geheim­nisvoll waren dabei die Wege der göttlichen Vorsehung, denn sie führten nach langem vergeblichem Suchen dazu, gerade die Ruinen bei der einstigen Burg Antonia beim sogenannten Ecce-Homo­-Bogen am Anfang des Kreuzweges Jesu zu erwerben, also genau dort, wo einst die verhetzten Juden geschrien hatten: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« Ratisbonne selbst bekannte: »Ja, das war der Ort, der für das Werk bestimmt war, das in Jerusa­lem zu gründen ich mich berufen gefühlt hatte. Ich kniete an dieser Stätte nieder und gelobte dem mit Dornen gekrönten Heiland, keine Ruhe mehr kennen zu wollen, bis das Werk vollendet sei.« Er kehrte nach Europa zurück, um die große Kaufsumme von 70.000 Fr. für diesen Bauplatz zu sammeln. 17 Monate lang bettelte er in Frankreich und Belgien von Tür zu Tür, um die Summe zusam­menzubringen, da er selbst bettelarm geworden war und er von seinem Onkel Louis Ratisbonne († 1855) — entgegen dem ursprüng­lichen Plan — nicht als Erbe des großen Vermögens eingesetzt wurde.

Am 20. Januar 1862, genau 20 Jahre nach seiner wunderbaren Bekehrung in Sant’Andrea delle fratte in Rom, konnte Alphons Maria Ratisbonne den Schwestern und ihren Waisenkindern Kloster und Waisenhaus beim Ecce-Homo-Bogen schlüsselfertig übergeben. In den Jahren 1866 bis 1867 machte sich der seelen­eifrige Priester nochmals auf eine Bettelreise, diesmal vor allem nach Deutschland, um die Gelder zu sammeln für eine Ecce-Homo-­Kirche neben dem Kloster der Schwestern; am 3. April 1868 wurde diese Kirche eingeweiht. Schließlich wurde 1873 noch das »Haus St.-Peter-Ratisbonne« erbaut als Ausbildungs- und Lehrwerkstätte für Buben. Auch ein Haus am Ort der Begegnung zwischen Maria und ihrer greisen Verwandten Elisabeth in Ain Karim oder St. Johann im Gebirge hatte Ratisbonne 1860 erworben und als Er­holungsstätte für erkrankte Schwestern ausgebaut.

Während Theodor Ratisbonne von Paris aus für die weitere Aus­breitung der Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion wirkte, durch seine Tätigkeit als Generaldirektor der »Erzbruderschaft der christlichen Mütter« und durch seinen selbst­losen, seeleneifrigen Einsatz für die Bekehrung der Sünder auch unter den Juden arbeitete und ein wahrhaft heiligmäßiges Leben führte bis zu seinem Tod am 10. Januar 1884, blieb Alphons Maria Ratisbonne in Jerusalem dort ganz seiner Aufgabe und Sendung für die Bekehrung der Juden hingegeben.

Dabei lebte er immer aus jenem Gnadenwunder, das ihm am 20. Januar 1842 in »Sant’Andrea delle fratte« in Rom zuteil gewor­den war. Ergreifend ist, wie er einmal in einem Brief vom 20. Januar 1869 als Ziel seines geistlichen Lebens und Strebens dies angibt: »Toute ma vie doit reproduire les phénomènes de l’ordre surnaturel: la Croix et Marie« (»Mein ganzes Leben muß die Phänomene der übernatürlichen Ordnung wiederspiegeln: das Kreuz und Maria«). Und wie er einmal in einem Brief vom 12. Dezember 1871 sein Glaubensbekenntnis in prägnanter Kürze zusammenfaßt in die Worte: »Je crois à la Résurrection, à la divine misericorde, à l’amour de Marie et à la vie éternelle.« (»Ich glaube an die Auferstehung, an die göttliche Barmherzigkeit, an die Liebe Marien und an das ewige Leben.«) Seiner Dankbarkeit gegenüber der unbefleckt empfangenen Gottesmutter Maria gab er in seiner testamentarischen Verfügung in ergreifender Weise so Ausdruck: »Maria ist das Wort, das fortan meine ganze innere Gesinnung zum Ausdruck bringt, Maria ist der einzige Name, den ich in der Taufe empfangen habe, Maria ist darum auch der einzige Name, der auf meinem Grabstein eingraviert sein soll, Maria ist der Name für meine Danksagung in der Ewigkeit!«

Am 6. Mai 1884 wurde P. Alphons Maria Ratisbonne im irdischen Jerusalem von seiner vielgeliebten Schutzpatronin zum ewigen Lohn in das himmlische Jerusalem heimgeholt, nachdem er wenige Stunden vor seinem Tod zu den ihn umgebenden Sions-­Schwestern gesagt hatte: »La Très Sainte Vierge m’appelle et j’ai besoin d’elle. Rien que Marie! Pour moi, c’est tout. Marie! Tout est là.« (»Die heiligste Jungfrau ruft mich und ich brauche sie. Nichts als Maria! Für mich ist sie alles. Maria! Alles ist hier!«).

Begraben wurde er am 8. Mai in Ain Karim. Auf seinem Grab­stein steht dort tatsächlich nichts anderes, als was er testamentarisch gewünscht hatte: »Père Marie«. Gedeutet aber hat er diese zwei Wörter so: »Das erste Wort sagt, daß ich ein Sünder war, das zweite aber spricht von der Barmherzigkeit Marias gegen mich.«

_______

1)  vgl. D. A. Rosenthal, Theodor Ratisbonne, in: Convertitenbilder aus dem neun­zehnten Jahrhundert, III. Bd., 1. Abteilung (Schaffhausen 1869), S. 141 — 162.

2)  vgl. Band I der »Sources des Sion« (Generalat der Kongregation von Notre-Dame de Sion, Roma 1977): Theodor Ratisbonne, Mes Souvenirs.

3)  Theodor Ratisbonne, Histoire de sainte Bernard et de son siècle, 2 Bände, Paris 1841.

4)  vgl. D. A. Rosenthal, Alphons Maria Ratisbonne, in: Convertitenbilder aus dem neunzehnten Jahrhundert, HI. Bd., 1. Abteilung, S. 94 — 236;

Sr. M. Carmelle, N. D. de Sion, L’évènement du 20 Janvier 1842 et Marie-Alphonse Ratisbonne, Rom 1977.

5)  vgl. D. A. Rosenthal, a. a. 0., S. 196.

6)  vgl. D. A. Rosenthal, a. a. 0., S. 197.

7)  vgl. F. Holböck, Wunder der Bekehrung (Meersburg 1984), S. 40 — 48.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.