Ferdinand Holböck: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh. 1, 41)

II. Kirchlich bedeutsame Judenkonvertiten der letzten Jahrzehnte

1. Paul-Louis-Bernard (David) Drach († 31. Januar 1865)

David Drach, der als Sohn eines sehr angesehenen Rabbiners und ausgezeichneten Hebräisten und Talmudisten am 6. März 1791 in Straßburg, der Hauptstadt des Elsaß, geboren wurde¹), war von früher Jugend an ein »wahrer Israelit ohne Falschheit« (Joh 1,47), der mit lauterem Herzen den Messias suchte, ihn in Jesus Christus fand und dann viele jüdische Glaubensgenossen zu Ihm führte.
Den ersten Unterricht im Alten Testament und im Talmud erhielt er von seinem eigenen Vater. Im Alter von zehn Jahren hatte er es schon so weit gebracht, daß er, wenn man ihm irgendeinen beliebigen Vers aus der Bibel sagte, die Stelle unverzüglich angeben konnte. Häufig kamen Neugierige ins Elternhaus, um den bewunderten Knaben diesbezüglich auf die Probe zu stellen. Mit zwölf Jahren kam der junge David Drach in die Talmudschule zu Ebendorf bei Straßburg, dann in die höhere Talmudschule zu Westhoffen, wo er vom berühmten Talmudisten, dem Oberrabbiner Isaac Lundenschuetz unterrichtet wurde. Dann lernte er noch in der höheren Talmudschule in Pfalzburg beim Oberrabbiner Guggenheim. Schließlich besaß er eine so gründliche Talmud-Ausbildung, daß er noch im jugendlichen Alter als eine Koryphäe auf dem Gebiet der jüdischen Theologie galt und mehrfach mit dem Titel »Chaber«, der zweiten Rabbinatstufe, ausgezeichnet wurde.
Mehrfach kam er in frühester Jugend mit gläubigen Katholiken in Berührung, die in ihm das Interesse für das Christentum weckten. So erinnerte er sich im späteren Leben gerne an einen alten Diener des Hausbesitzers, in dessen Haus seine Familie wohnte. Dieser Alte, ein sehr frommer Katholik, war von einem Glauben beseelt, der Berge hätte versetzen können, »und doch bestand seine ganze Bibliothek nur in einem Katechismus und einigen Gebetbüchern«; es machte dem jungen David Drach ein Vergnügen, sich mit diesem Mann über religiöse Fragen zu unterhalten. Hier erwachten in ihm die ersten Neigungen zum Christentum. Darum widmete er fortan viel Zeit dem Studium der lateinischen und griechischen Sprache, um die christliche Religion aus den Originalwerken studieren zu können.
Nach Beendigung des Studiums wurde David Drach Erzieher im Hause eines reichen Israeliten in Rappoltsweiler. Nach drei Jahren der Tätigkeit in diesem Ort ging er 1810 nach Colmar, um zwei Jahre lang als Erzieher in einer angesehenen jüdischen Familie zu wirken. Schließlich ging er nach Paris, wo er bald einen angesehenen Posten im jüdischen Zentralkonsistorium erhielt. Durch seinen Unterricht und seine bald veröffentlichten Publikationen²) wurde David Drach schließlich zum »appointed head of the Paris Jewish School«, wie ihn die 1971 in Jerusalem erschienene »Encyclopaedia Judaica« nennt, die ihn wegen seiner späteren Konversion zum katholischen Glauben freilich auch als »Apostaten« bezeichnet.³)
Durch seine Bibel- und Kirchenväter-Studien kam David Drach immer mehr zur Überzeugung, daß die sogenannte »Septuaginta« (die griechische Übersetzung des hebräischen Alten Testaments, wie sie 70 jüdische Gelehrte in Ägypten anfangs des 3. Jahrhunderts v. Chr. angefertigt hatten) den authentischen Sinn des Alten Testaments unverfälschter und getreuer wiedergebe als der masoretische Text. Wörtlich schrieb David Drach in seinem Buch »De l’harmonie entre l’Eglise et de la Synagogue ou perpétuité et catholicité de la religion chretienne«:4)
»Ich verglich ganz genau den hebräischen Text des Alten Testaments mit der griechischen Übersetzung der Septuaginta, weil dieselbe das Werk jüdischer Schriftsteller ist, die für mich alle erdenkliche Autorität haben, und die, noch aus dem Anfang des dritten Jahrhunderts v. Chr. datiert, also aus einer Zeit, wo jene jüdischen Gelehrten noch kein Interesse daran haben konnten, den Sinn der Prophezeiungen, die den Messias betreffen, zu verfälschen. Da in den zahlreichen, voneinander abweichenden Lesarten der beiden Texte der griechische mir fast immer als der korrektere erschien, so unternahm ich es, den Originaltext des Alten Testaments aus dem Septuaginta-Text, der den anderen orientalischen Übersetzungen, namentlich der syrischen, offensichtlich als Vorbild gedient hatte, wiederherzustellen. Auch erkannte ich, daß das Neue Testament dort, wo es bei der Zitierung des Alten Testaments von dem hebräischen (masoretischen) Text abweicht, fast überall mit der Septuaginta übereinstimmt . . . Ich war in dieser Arbeit über die Septuaginta schon weit vorangekommen, als ich in der Vorrede des hl. Hieronymus zu den vier Evangelisten zu meiner großen Freude las, daß er die Septuaginta als Schutzwehr und Wall der Integrität der Hl. Schrift betrachtet hat. Das ist auch, wie ich feststellte, die Ansicht des hl. Hilarius. Meine Arbeit über die Septuaginta blieb noch lange ein Geheimnis, bis mich der Großrabbiner Abraham Cologna, der Präsident des jüdischen Zentralkonsistoriums in Paris, der wahrscheinlich nichts Gutes vermutete, besuchte, um von mir Auskunft zu erhalten.
Nachdem er Einsicht in meine Arbeit genommen hatte, befahl er mir nachdrücklich, der Idee, ein so antijüdisches Werk zu veröffentlichen, für immer zu entsagen. Da er mich nicht sehr geneigt fand, diesem Befehl nachzukommen, drohte er in Ermangelung des Malkut, der nicht mehr statthaft ist, mit einer theologischen Zensur. . . Diese Drohung schreckte mich aber nicht sehr. Ich war nämlich durch meine Studien bereits so weit gekommen, daß ich die Synagoge eigentlich schon weit hinter mir gelassen hatte und schon die Schwelle der Kirche Jesu Christi berührte . . . Die Beschäftigung (mit der Septuaginta) hatte bei der aufmerksamen Prüfung des Textes zur Folge, daß ich mich zum ersten Mal in meinem Leben um mich so auszudrücken — der Zuchtrute der rabbinischen Kommentare (zum Alten Testament) entwunden hatte und nun klar sah, daß alle alttestamentlichen Prophezeiungen in gewisser Weise nur einen großen Kreis von viertausend Meilen Umfang bilden, dessen Studien sämtlich zu dem gemeinsamen Mittelpunkt führen, der da ist und nur sein kann Jesus Christus, der Erlöser der Kinder Adams, die seit der Sünde ihres Stammvaters vom rechten Weg abgekommen sind. Das ist der Gegenstand und einzige Zweck aller Prophezeiungen, die uns den Messias derartig beschreiben, daß es eigentlich unmöglich ist, ihn zu verkennen. In ihrer Übereinstimmung stellen die alttestamentlichen Prophezeiungen das vollendetste Gemälde dar. Die ältesten Propheten zeichnen von ihm die erste Skizze; in dem Maß, als sich die Prophezeiungen dann folgen, vollenden sie die von ihren Vorgängern unvollkommen gelassenen Züge. Je mehr sie sich dem großen Ereignis nähern, umso lebhafter werden ihre Farben. Sobald das Gemälde vollendet ist, haben die Künstler ihre Aufgabe beendet und verschwinden.›
Der letzte der Propheten Israels ist, bevor er sich vom Schauplatz zurückzieht, noch besorgt, die Persönlichkeit zu kennzeichnen, die kommen soll, und den noch über das Geheimnis ausgebreiteten Schleier wegzuheben. ›Siehe, ich werde euch den Propheten Elia senden, ehe der Tag des Herrn kommt, der große, furchtbare Tag‹, so prophezeite Maleachi (4,5). Dieser Elia des Neuen Bundes ist Johannes der Täufer, der erste und größte Prophet des evangelischen Bundes, der keinen Zweiten an Heiligkeit unter den vom Weibe geborenen hat . . . Nachdem ich zu diesem Grad der Überzeugung gelangt war, durfte ich mein Katechumenat nicht länger hinausschieben. Gott verlieh mir den Mut dazu . . . Aber welche Kämpfe hatte ich noch mit allem, was mich umgab, und mit meinem eigenen Herzen auszufechten! Man muß in einer ähnlichen Lage gewesen sein, um sich davon einen Begriff zu machen. Meine Gesundheit litt einige Monate lang darunter. Meine Existenz hing damals ganz vom jüdischen Konsistorium ab, das mir die Leitung der israelitischen Schulen anvertraut hatte; der Titel »Rabbiner« und Lehrer des Gesetzes — das Diplom darüber hatten mir die bedeutendsten Großrabbiner Frankreichs ausgestellt — verschaffte mir die Aussicht auf die erste freiwerdende Großrabbinerstelle, zumal damals die Häupter mehrerer Konsistorialsynagogen schon sehr vorgerückten Alters waren; dann meine Publikationen zu Gunsten des Judentums, die ich mit viel Erfolg veröffentlicht hatte, den ich nun auf so auffallende Weise verleugnen sollte; weiter die Mißgunst, die meine Taufe unter den Juden auf meine dem Judentum sehr anhänglichen, fast 80jährigen Eltern und auf meine ganze übrige Verwandtschaft laden mußte; dann mein Bruch mit der eigenen Familie, die mich doch innig liebte; und schließlich der vorausgesehene Verlust meiner geliebten Gattin, der Tochter des gelehrten Großrabbiners E. Deutz, mit der ich seit 1817 verheiratet war, und das Unglück, das daraus für meine drei Kinder, zwei Mädchen im Alter von vier bzw. drei Jahren, und ein Knabe von 16 Monaten, entstehen mußte. Aber ich lud dieses große, schwere Kreuz mit jener inneren Zufriedenheit auf meine Schultern, die nur das Bewußtsein zu geben vermag, dem eigenen Gewissen gemäß richtig zu handeln. Ich hielt mich bei keiner menschlichen Betrachtung auf, entsagte den zartesten Neigungen meines Herzens und folgte der Einladung dessen, der erklärt hat: ›Wenn jemand zu Mir kommen will und dabei Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern und sogar das eigene Leben nicht geringschätzt, der kann Mein Jünger nicht sein; und wer sein Kreuz nicht trägt und Mir nachfolgt, kann Mein Jünger nicht sein!‹«
Nachdem David Drach für sich und seine Kinder, wie er wörtlich in seiner Autobiographie geschrieben hat, »den Beistand des Herrn und den Schutz der mächtigsten und zärtlichsten Mutter Maria erfleht hatte«, stellte er sich dem Dekan der Theologischen Fakultät der Sorbonne, Abbé Fontanel, vor und bat diesen um die Vorbereitung auf die hl. Taufe. Der Erzbischof von Paris, Queen, spendete sie ihm und seinen Kindern am Karsamstag 1823; er wurde getauft auf die Namen Paul-Louis-Bernard. Am Ostersonntag darauf durfte er beim feierlichen Pontifikalamt in Notre-Dame die Erstkommunion und die Firmung empfangen. Vielsagend ist, daß der Erzbischof Queen dem Konvertiten aus dem Judentum ganz besonders die Verehrung der seligsten Jungfrau Maria anempfahl, dabei — wie Drach in seiner Autobiographie schreibt — ein ergreifendes Gemälde des Lebens der Gottesmutter entwarf und mit den Worten schloß: »Und auch Ihnen wird wohl mehr als einmal ein Schwert des Schmerzes durch die Seele dringen. Dann erinnern Sie sich an Maria!« So kam es dann wirklich: Viel Leid brach über den Konvertiten herein, vor allem wegen der von seiner von Haß gegen das Christentum erfüllten Gattin heimlich vorgenommenen Entführung der drei Kinder. In allem Kreuz und Leid erinnerte sich aber Paul-Louis-Bernard Drach an die Schmerzensmutter Maria. Er selbst trug zeitlebens eine kindliche, vertrauensvolle Liebe zur Gottesmutter im Herzen und pflanzte sie auch seinen Kindern ein.
Dem stellungslos gewordenen Konvertiten, der auf eine glänzende Karriere im Judentum verzichtet hatte, bot schließlich 1827 der Apostolische Stuhl wegen seiner umfassenden Gelehrsamkeit in der alttestamentlichen Bibelwissenschaft und in den orientalischen Sprachen den Posten eines Bibliothekars an der Päpstlichen Kongregation für die Glaubensverbreitung (»Propaganda fide«) in Rom an, den er bis zu seinem gottseligen Tod am 31. Januar 1865 innehatte.
Bald nach seiner Konversion machte es sich Paul-Louis-Bernard Drach zur Lebensaufgabe, für die Bekehrung seiner früheren jüdischen Glaubensbrüder zu arbeiten. Er tat es mit unermüdlichem Eifer und verfaßte zu diesem Zweck eine Reihe bibeltheologischer und kontroverstheologischer Schriften. In der »Encyclopaedia Judaica« heißt es abfällig: »Er verfaßte eine Reihe von Büchern und Pamphlets, um seine Apostasie zu rechtfertigen und seinen früheren Glaubensbrüdern die Wahrheit des Christentums zu beweisen.«5)
Unter den hier genannten »Pamphlets« sind wohl vor allem Paul-Louis-Bernard Drachs drei Sendschreiben an die Juden gemeint: »Lettres d’un rabbin converti aux Israelites ses frères«. Er brachte sie in den Jahren 1825, 1827 und 1833 heraus. Sie wurden von dem deutschen konvertierten Juden Luitpold Baumblatt 1841 ins Deutsche frei übersetzt und unter dem Titel »Der Katholizismus und der Judäismus« publiziert.6)
Diese Sendschreiben müssen damals auf junge jüdische Akademiker in Frankreich, vor allem in Elsaß-Lothringen, und dann auch in Deutschland starken Eindruck gemacht haben. Denn im Vorwort zum dritten Sendschreiben stellt Paul-Louis-Bernard Drach wörtlich fest: Seit der Veröffentlichung meines zweiten Sendschreibens ist eine große Zahl meiner jüdischen Brüder in den Schoß der (katholischen) Kirche eingetreten. Bei anderer Gelegenheit schreibt er im Jahre 1828 über die alttestamentlichen messianischen Prophezeiungen und über die vom Apostel Paulus (vgl. Röm 11, 28-32) angekündigte endzeitliche Bekehrung der Juden: »Wer es zu leugnen wagt, daß diese große Prophezeiung sich zu erfüllen beginnt, wird durch die Tatsache widerlegt, denn noch nie seit der Zerstreuung Israels hat man so viele Israeliten den katholischen Glauben annehmen gesehen. Früher war es eine auffallende Sache, wenn auch nur ein Einzelner von ihnen sich bekehrte, seit einigen Jahren aber sieht man sie in Menge in jene Kirche eintreten, die auf den festen und unerschütterlichen Felsen des Apostelfürsten (Petrus) gegründet ist; die Zahl der Juden, die am letzten Pfingstfest (1827) und am Abend zuvor in unserem Herrn Jesus Christus wiedergeboren worden sind, übertrifft die Zahl all jener zusammen, die in einer verflossenen Epoche im Lauf mehrerer Jahrhunderte getauft worden sind . . .«
Hier spielt Paul-Louis-Bernard Drach sicher auf die Konversion der vier Rabbinersöhne Samson, Felkel, Samuel und Jakob Libermann aus Zabern (Elsaß) in den Jahren 1824 bis 1826 und auf die Konversion von Theodor Ratisbonne im Jahre 1827 an, von denen im folgenden die Rede sein wird.
In seinen Sendschreiben sucht Paul-Louis-Bernhard Drach seinen früheren Glaubensbrüdern zu beweisen, daß die christlichen Glaubenswahrheiten sich — wenigstens ansatzweise — eigentlich schon im Alten Testament vorfinden, und daß — wie er wörtlich schreibt — die »katholische Religion nichts anderes ist als die Religion unserer jüdischen Vorfahren, die ihre letzte segensreiche, heilbringende Entfaltung und Vollendung bei der Ankunft unseres Heilands Jesus Christus, des unserer Nation so oft verheißenen Messias gefunden hat.« Er forderte dann seine früheren jüdischen Glaubensbrüder auf: »Geht das Alte Testament mit allen Verheißungen der Propheten genau durch, und ihr werdet finden, daß durch Jesus Christus alles in Erfüllung ging, was von dem erwarteten Messias gesagt worden war, und daß das große Werk am Kreuz seine Vollendung erhalten hat.«7) »Ist dieser Jesus, der von unseren Vätern als der Sohn eines unbedeutenden Handwerkers angesehen wurde, wirklich der verheißene Messias? Ihr werdet mit unseren Vätern sagen: Wie, dieser Jesus, dessen Vater und Mutter wir kennen, will sagen, er sei vom Himmel gekommen?! Aber, meine Lieben, prüft nur die Propheten und die Traditionen. Legt jedes ungerechte Vorurteil ab, und ihr werdet finden, daß Jesus von Nazaret der ›Isch Jahwe‹ , der Mann Gottes, der Sohn Gottes in Ewigkeit, geboren aus der reinsten und heiligsten Jungfrau ohne Einwirkung eines Mannes, sondern ganz allein durch Gottes Allmacht ist, und daß die Zeit seines Erscheinens genau jene war, in welcher der vorhergesagte Messias kommen mußte, und daß schließlich Jesus Christus die Erfüllung dessen ist, was die Traditionen früher über den Messias Israels gesagt hatten.«8) Darüber schreibt dann Paul-Louis-Bernard Drach in seinen Sendschreiben noch ausführlich in dem 2. Kapitel (»Charakter des wahren Messias«) und dem 3. Kapitel (»Menschwerdung des Messias, des Sohnes Gottes«), zuvor aber beschäftigt er sich ausführlich im 1. Kapitel (»Die heilige Dreieinigkeit«) mit dem grundlegenden, die Christen scheinbar am stärksten von den Juden trennenden Dogma. Er sucht zu beweisen, daß der dreieinige Gott, den die Christen anbeten, derselbe ist, der schon im Alten Testament verkündet wird. Trinitarische Andeutung im Alten Testament wie Gen 1,26, Gen 18,2 ff., Jes 6,6 f., Jes 63,7-10 u. a. sind für ihn — allzu kühn — zweifelsfreie Beweise, daß die Wahrheit von der heiligsten Dreieinigkeit längst schon dem jüdischen Volk geoffenbart, vor der Ankunft unseres Heilands aber nur ganz wenigen bekannt gewesen sei. Das große Geheimnis durfte — nach dem Geständnis der Rabbinen (von denen er eine ganze Reihe zitiert) — bis zur Ankunft des Messias, unseres Heilands nicht öffentlich gelehrt werden; mit dem Erscheinen des Erlösers aber hörte dieses Verbot auf und die Prophezeiung des Sacharja (14,9) ging in Erfüllung: »Dann wird Jahwe der König sein über die ganze Erde. An jenem Tag wird Jahwe der einzige Herr sein und sein Name der einzige.«
Nach Paul-Louis-Bernard Drach ist es heute immer noch der Pharisäismus, der die Juden abhält, sich zum Christentum zu bekehren; sie lesen die Hl. Schrift immer nur in der Auslegung des Talmud, der ja nur eine Sammlung pharisäischer Überlieferungen ist; das aber sei die Binde, die ihnen den Anblick des vollen Lichtes entziehe. Aber immer schon hätten manche Rabbiner, wie er an vielen Zitaten zu zeigen sucht, die alttestamentlichen Prophezeiungen so gedeutet, daß eigentlich kein anderer als Messias in Frage kommen könne als nur Jesus Christus.
Bei der mit Paul-Louis-Bernard Drach begonnenen großen Konversionsbewegung aus dem Judentum zum Christentum hat die größte »Tochter Sions«, die seligste Jungfrau Maria, eine auffallend wichtige Rolle gespielt, wie sich besonders klar bei der Konversion des Juden Alphons Ratisbonne zeigte. Auch im Leben Drachs und seiner Kinder zeigt sich das in beeindruckender Weise.
Paul-Louis-Bernard Drach pilgerte von Rom aus, wo er von 1827 an tätig war, gerne in den größten Marienwallfahrtsort der damaligen Zeit, nach Loreto in Süditalien. Er kannte dabei, obwohl er ein so bedeutender Bibelgelehrter war, keine Hemmungen, Loreto mit seinem Heiligen Haus als eine besonders segensreiche Gnadenstätte Mariens anzuerkennen. Ergreifend ist, wie er bei seiner ersten Wallfahrt nach Loreto im Jahre 1833 geistigerweise seine drei Kinder mitnahm, um sie der Gottesmutter zu weihen. Die ältere, damals 14jährige Tochter gab dem Vater einen Brief mit, den er bei der Gnadenmutter im Heiligen Haus von Loreto niederlegen sollte. Dieser Brief hat folgenden Inhalt:
»An die seligste und unbefleckte Jungfrau Maria: Meine vielgeliebte Mutter! Zwar bin ich ganz unwürdig, Dir zu schreiben, denn es hat bei mir viel gefehlt, daß ich den in der hl. Taufe empfangenen Gnaden nach Kräften entsprochen hätte, die Du mir vermittelt hattest; dieser Umstand macht mich in Deinen Augen sehr schuldig. Aber meine gute Mutter, wenn Du mich verlassen würdest, bei wem sollte ich dann meine Zuflucht nehmen? Ich bitte Dich: Vergiß alle Dir von mir zugefügten Kränkungen und erlange mir noch jene Gnaden, um deren Vermittlung ich Dich nun anflehe: Die erste Gnade soll die sein, mich zuvor sterben zu lassen, bevor ich jemals in eine Todsünde fallen sollte. — Die zweite Gnade soll die Bekehrung meiner Mama sein. O Maria, schon seit so langer Zeit bitte ich Dich darum, erhöre mich! — Die dritte Gnade soll sein, daß ich, wenn Gott in seiner unendlichen Güte mich für den Ordensstand berufen sollte, mit all meinen Kräften der Größe dieses Rufes auch entspreche. — Die vierte Gnade sei, daß ich mein (marianisches) Skapulier bis zum letzten Tag meines Lebens bewahre, und daß ich an einem Tag vor Himmelfahrt sterbe. Endlich, heilige Jungfrau und liebste Mutter, laß Dir diesen meinen Brief nicht fortnehmen und mache, daß ich, sobald dieser Brief zu Deinen Füßen liegen wird, in meinem Herzen die Wirkung spüre, auf die Du schon seit langer Zeit wartest und die ich meinerseits mit allem meinem Verlangen erstrebe, daß ich nämlich an Weisheit zunehme und ein echtes Marienkind werde und mich mit immer noch größerem Vertrauen nennen kann Deine Tochter Maria Clarissa Drach.«
Ob dieser Tochter von David Paul Drach all diese in kindlichem Vertrauen erbetenen Gnaden wirklich zuteil geworden sind, wissen wir nicht; auf jeden Fall wurde sie immer mehr ein Kind Mariens und trat zusammen mit ihrer Schwester in die »Kongregation Unserer Lieben Frau von der Liebe des Guten Hirten« in Angers ein, also in jene Kongregation, in der im Geist ihres Gründers, des hl. Johannes Eudes, und der damals noch lebenden ersten Generaloberin, der hl. Maria Euphrasia Pelletier († 1868), die Herz-Mariä-Verehrung ganz besonders gepflegt wird.
Auch der Sohn, Paul August Drach (* 12. August 1821 in Paris), der im Alter von 16 Monaten zusammen mit seinem Vater getauft worden war, wurde ein großer Marienverehrer; er studierte Theologie am Propaganda-Kolleg in Rom, das sich damals in der Nähe der Kirche Sant‘ Andrea delle fratte befand, wo die seligste Jungfrau Maria am 20. Januar 1842 dem Juden Alphons Ratisbonne erschien und dessen Bekehrung auslöste. Sicher war der junge Priesterkandidat Paul August Drach zusammen mit seinem Vater, dem Bibliothekar an der Propaganda fide, bei der Taufe des Alphons Maria Ratisbonne am 31. Januar 1842 in der römischen Kirche Gesù dabei.
Paul August Drach, der zuerst auf verschiedenen Kaplansposten in der Bannmeile von Paris, dann als Pfarrer in Sceaux segensreich wirkte und schließlich 1895 als Kanonikus von Notre-Dame in Paris starb, wurde wie sein Vater ein bedeutender Bibelgelehrter, der die Herausgabe des großen französischen Bibelkommentars »La sainte Bible« (Paris 1869 ff.) veranlaßte und in dieser Reihe selber die Paulusbriefe, die Katholischen Briefe und die Apokalypse kommentierte.
Vom Vater Paul-Louis-Bernard Drach ist noch zu berichten, daß er sich als Bibliothekar an der Propaganda fide überaus eifrig schriftstellerisch bis zu seinem Tod am 31. Januar 1865 in Rom betätigte. Die wichtigsten Publikationen aus seinem christlichen Lebensabschnitt sind neben den schon genannten Sendschreiben an seine jüdischen Glaubensgenossen folgende: »L’inscription de la sainte croix« (1831), »La question de l’usure« (1834), »Du divorce dans la Synagogue« (1849), »Catholicum Lexicon hebraicum et chaldaicum in Veteris Testamenti libros« (Paris 1848). Vor allem besorgte er auch die 5. Auflage der sogenannten »Bible de Vence« (27 Bände, Paris 1827 — 33).

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1) Vgl. D. A. Rosenthal, Convertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert (Schaffhausen 1869), III. Bd., S. 48 — 65; Eugenio Zolli, Drach David Paul, in: Enciclopedia Cattolica, I. Vol., p. 1919 —1920; J. Morienval, Drach (David a sa naissance, Paul Louis Bernard a son baptême), in: Catholicisme hier aujourd’hui demain, 3. Bd., Sp. 1073 —1074; M. Catane (= P. Klein), Drach, Paul-Louis-Bernard David, in: Encyclopaedia Judaica, Bd. 6 (Jerusalem 1871), Sp. 191.
2) Die wichtigsten Publikationen Drachs aus seiner jüdischen Zeit: »Cérémonial de Paque« (1818), »Odes hébraiques« (1820, 1821), »Prières jounalières«, »Calendrier israélite pour — l’an du monde 5583« (= 16. Sept. 1822 — 6. Sept. 1823).
vgl. Encyclopaedia Judaica, Bd. 6, Sp. 191.
4) P. L. B. Drach, De l’harmonie entre l’Eglise et de la Synagogue ou perpétuité de la religion chretienne (Paris 1825 u. 1828); L. Baumblatt, Der Katholicismus und der Judäismus, S. 34.
5) P. Klein, Drach, in: Encyclopaedia Judaica, Bd. 6, Sp. 191.
6) L. Baumblatt, Der Katholicismus und der Judäismus, frei nach dem französischen Werk »Lettres d’un Rabbin converti aux israelites ses freres« des P. L. B. Drach, nebst Erläuterungen, mit besonderer Rücksicht auf die Juden in Deutschland, Frankenthal, Pfalz, 1841.
7) vgl. L. Baumblatt, a. a. O., S. 2.
8) vgl. L. Baumblatt, a. a. O., S. 9.

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