DER WANDEL JESU IN DER WELT – Nach den Visionen der Anna Katharina Emmerich

Fortsetzung der 5. Folge

II. Was lehrt Er ? Die Erfüllung des Gesetzes

Worin besteht, ganz kurz gesagt, der Inhalt Seiner Lehre?

Der Inhalt der Lehre Jesu besteht in der Ver­kündigung oder frohen Botschaft (Evange­lium) dessen, wodurch tatsächlich das alte Gesetz oder Testament erfüllt wird und wir die ewige Seligkeit erreichen.

Wodurch hat Christus das alte Gesetz erfüllt? Durch dreierlei:

Erstens durch Seine Verkündung des ge­kommenen Messias, der in Seiner Person tat­sächlich erschienen ist;

zweitens durch Seine Verkündung der höhe­ren moralischen Gebote, deren Erfüllung den Menschen durch Sein Beispiel und Seine Spendung höherer Gnaden tatsächlich ermöglicht wird;

drittens durch Seine Verkündung des Him­melreiches, das durch Sein Sühneleiden und die Aussendung des Hl. Geistes tatsächlich für die Seinen herbeigeführt wird.

Und hieraus ergeben sich die drei Haupt­teile Seiner Lehre.

Die dementsprechende Verteilung des Lehr­stoffes

Im ersten Lehrjahr 31 lehrt Jesus hauptsäch­lich Seine Messianität mit Berufung auf die Erfüllung der Zeiten und das Zeugnis des Täufers und in Verbindung mit der Auffor­derung Seiner Hörer zu Buße und Taufe.

Mit Rücksicht darauf läßt Er Sich Selbst von Johannes taufen und verrichtet für uns als Beispiel und diesbezügliche Gnadenermög­lichung das Bußwerk Seines 40tägigen Fa­stens ; Er weist Seine Hörer anfangs zur Taufe des Johannes und läßt in der Folge mehr und mehr durch Seine Jünger selbst taufen.

Im zweiten Lehrjahr 32 lehrt Jesus haupt­sächlich Seine höheren moralischen Gebote in Form von Gleichnissen moralischer und anagogischer Tendenz und in Form gelegent­licher Strafreden wider die Pharisäer; Er beginnt mit Seinen großen Bergpredigten, dem apostolischen Unterricht Seiner Jünger und der Erteilung gewisser Ratschläge zur sicheren Erlangung höherer Vollkommen­heit.

Mit Rücksicht darauf wirkt Er Seine großen Liebestaten in Form von öffentlichen Wun­derheilungen, Sündenvergebungen, Bekeh­rungen und der Austeilung von Almosen an die Armen.

Im dritten Lehrjahr 33 bis zum Beginn der großen Passion Ende März 34 lehrt Jesus, neben anfänglicher Fortsetzung der morali­schen Bergpredigten, die mystische Einver­leibung in das neue, ewige Reich Seines himmlischen Vaters durch Ihn Selbst in Form von diesbezüglichen Gleichnissen, eucharistischen Reden vom Lebensbrote, diesbezüglichen Ermahnungen, Ermun­terungen und Warnungen.

Mit Rücksicht darauf sendet Er nun die Apo­stel, begabt mit mystischen Gnadengaben, aus, um zu lehren, zu heilen, Teufel auszu­treiben und zu taufen, setzt hierarchisch den Jüngern die Apostel und den Aposteln den Petrus voran, zeigt Sich den drei, die drei­fache Kirche repräsentierenden Aposteln in himmlisch verklärter Gestalt und weissagt gegen Ende mehr und mehr von Seinem bevorstehenden Leiden, von Seiner Wieder­kunft nach der Auferstehung und zum letz­ten Gerichte und stärkt die Seinen für die vorübergehende Trennung von Ihm durch die Einsetzung der hl. Eucharistie, die Ver­heißung des kommenden Trösters, des Hl. Geistes und durch Sein hohepriesterliches Gebet.

III. Wie lehrt er ? Die Art und Weise Seines Lehrens

1. Warum in Gleichnissen und nicht offenbar ?

Die diesbezügliche Frage der Jünger

Am Nachmittag des 24. November 32 lehrt Jesus am See Genezareth, nicht weit von Petri Schiffstelle entfernt. Als das Gedränge am Ufer zu stark wird, besteigt Jesus mit einigen Jüngern Sein Schiff und lehrt von hier aus weiter, und zwar über das Gleichnis vom Sämann und vom Unkraut im Acker (Mt. 13, 1-9).

Gegen vier Uhr bricht Er die Lehre ab und fährt mit den Seinen über den See gegen Matthäi Zollstätte hin. Petri Schiff rudert, und das Schiff Jesu ist ins Schlepptau ge­nommen. Er sitzt auf der erhöhten Stelle an dem Mast, die Jünger sitzen umher und auf dem Rande des Schiffes Petri. Unter­wegs fragen Ihn die Jünger: „Warum redest Du in Gleichnissen zu ihnen?“ (Mt. 13, 10 bis 15.)

Die Antwort Jesu

Er antwortet: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu verste­hen, jenen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben werden, sodaß er Überfluß hat. Wer aber nicht hat, dem wird auch noch das genommen werden, was er hat. Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht hören, noch verstehen. So erfüllt sich an ihnen die Weissagung des Propheten Isaias (6, 9), die lautet: ,Ihr wer­det hören und nicht verstehen, ihr werdet sehen und nicht einsehen.‘ Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt. Seine Ohren sind schwerhörig, und seine Augen hat es ge­schlossen. Es will mit den Augen nicht sehen, mit den Ohren nicht hören, mit dem Herzen nicht verstehen, noch sich bekehren, daß Ich es heile. Selig aber eure Augen, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören.“

Die Erklärung des hl. Thomas von Aquin

Die sahen und doch nicht sahen, waren jene Menschen, welche die offensichtlichen Wun­dertaten Jesu sahen, aber ihre inneren Augen des Geistes verschlossen, um nicht die Über­legenheit und Autorität Christi anzuerken­nen und dahin auf sich wirken zu lassen, daß sie die Konsequenz für sich daraus zogen, nämlich sich Ihm in allem zu unter­werfen; und dies geschah entweder weil sie aus einer gewissen Schwachheit und Sinn­lichkeit heraus zu sehr am Materiellen hin­gen, was mit den Forderungen Christi kolli­dierte und ihren eigenen Geist derartig ver­unreinigte, daß sie den Wert Seiner geistigen Worte und Forderungen und Verheißungen nicht einsahen; oder es geschah aus Stolz, weil sie sich für sehr gut hielten und sich von Ihm nicht bessern lassen wollten. Aus diesem Grunde beneideten sie Ihn auch und gönnten Ihm weder die göttliche Herkunft Seiner Wunderkraft noch den guten Erfolg derselben. Daher schrieben sie dieselbe dämonischen Einflüssen zu und wollten in ihrer Wirkung nur unnötige Landesunruhe, eigene Hintansetzung ihres Berufes und gar Revolution gegen die Römer sehen.

Die hörten und doch nicht hörten, waren jene Menschen, die zwar die Gleichnisse Christi mitanhörten, aber deren moralischen Sinn nicht auf sich anwandten, weil sie sich nicht zum Guten und höheren Streben bewegen lassen wollten. Und dies geschah entweder aus zu starkem Hängen an sinnlichen Freuden oder aus Stolz, d. h. zu starkem Hängen am eigenen Werte.

Diese Verblendung des Geistes und Verhär­tung des Herzens ließ Gott zu, einerseits um sie durch gerechtes Nicht-Spenden Seiner Gnade für diese Gesinnung und für die hier­aus geübten früheren Sünden zu strafen, andrerseits um sie durch das Fallen in grö­ßere Sünden zur Bekehrung zu bewegen, denn manche bekehren sich erst, wenn sie durch einen schweren Fall zur Erkenntnis der eigenen Schwäche und der Wertlosigkeit der Sinnesgüter gelangen.

Die aber den Wert Jesu und den Sinn Seiner Gleichnisse erkannten und auf sich anwand­ten, waren jene, die auf Grund ihrer besse­ren Gesinnung von Gottes Gnade die vier Vorbedingungen zum Verständnis Christi empfangen hatten, nämlich das aufrichtige Verlangen nach höherer Erkenntnis, den unermüdlichen Fleiß im Vertiefen in die Worte Christi, die heilige Liebe als Wurzel aller für die Seligkeit wertvollen Tugenden und Werke und schließlich den von dieser Liebe belebten Glauben.

Und dieses Verständnis der Lehre Christi in Seinen Gleichnissen ist der Anfang des Be­sitzes aller wahren Güter, in deren dauern­dem Besitz die Seligkeit besteht. Und daher preist Jesus die Jünger, die dieses Verständ­nis der Gleichnisse besaßen, selig.

Also lehrte Jesus in Gleichnissen, damit jeder Hörer diejenige geistige Richtung einschlug, die Seiner Gesinnung und Bestimmung nach der weisen und gütigen Vorsehung Gottes entsprach. Wer sich auf dem abschüssigen Wege befand, glitt noch mehr hinab, weil er es verdiente und nur so noch vielleicht am Ende zur Erkenntnis und Bekehrung ge­langte. Wer sich aber auf dem Wege nach oben befand, der wurde vom eingeschlage­nen Ziel noch weiter nach oben gezogen; und einige von diesen erhielten durch noch nähere Erklärung Christi Überfluß an Ver­ständnis, um gewürdigt zu werden, das Wort Gottes anderen mitteilen zu können. Und deshalb erklärt Christus den Jüngern das Gleichnis noch deutlicher (Mt. 13, 18).

Die Geschichtlichkeit gewisser Gleichnisse

Wie der Herr die Gleichnisse, in denen be­stimmte Pflanzen und landwirtschaftliche Vorgänge die Sinnbilder bieten, der wirk­lichen Landschaft und Kultur Seiner Zeit entnimmt, so liegt auch den Gleichnissen, in denen Personen und ethische Handlungen die Sinnbilder bieten, jedes Mal eine einmal wirklich geschehene Begebenheit zugrunde. Ähnlich wie Gott als Sinnbilder und Typen für das Neue Testament geschichtliche Vor­gänge, die im Alten Testament berichtet werden, durch Seine Vorsehung herbeiführt oder zuläßt, so schöpft auch der Gottmensch Seine Gleichnisse handelnder Personen nicht aus Seiner bloßen Phantasie, sondern be­dient Sich in Seiner Allwissenheit tatsäch­licher Geschehnisse.

Erzählt der Heiland solche Gleichnisse, so schaut Katharina Emmerich zugleich den einstigen tatsächlichen Vorgang, der den Stoff des betreffenden Gleichnisses bildet, wie z. B. des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter, vom ungerechten Verwalter und vom reichen Prasser und armen Lazarus.

Der barmherzige Samariter (L. 10, 25-37)

Der Weg von Bethagla nach Adummim durchschnitt eine Straße, die aus dem Hir­tental nach Jericho lief, eine halbe Stunde vor Adummim. In der Nähe dieser Kreuzung war eine sehr enge und gefährliche Passage (offenbar im heutigen Wadi El Kelt) ; und hier war eine Stelle durch einen steinernen Lehrstuhl gekennzeichnet, wo lange vor Christus jenes Gleichnis wirklich geschehen war.

Als der Herr am 1. Febr. 32 über Bethagla nach Adummim zieht, geht Er mit Seinen Jüngern ein Stückchen aus dem Weg hierher und erzählt auf dem Lehrstuhl vor den Jüngern und den versammelten Bewohnern der Gegend diesen Überfall und die barm­herzige Tat des Samariters, die sich hier er­eignet hatte.

Der ungerechte Verwalter (L. 16, 1-12)

Der ungerechte Verwalter wohnte in der Wüste von Arabien in einem Zeltschloß, nicht weit von dem Orte, wo die Kinder Israels murrten (Num. 21, 4). Es hatte sein Herr, der weit entfernt jenseits des Libanon wohnte, Korn- und Ölfelder hier. Zu beiden Seiten wohnten zwei Bauern, denen sie ver­pachtet waren. Diese beiden Felder lagen etwas weiter nach Palästina hin als das Zeltschloß.

Der Verwalter war ein kleiner, buckliger, lebhafter Kerl mit rötlichem Bart, sehr schlau und listig, und dachte, der Herr komme noch nicht, und schlemmte darauf los und ließ alles drunter und drüber gehen. Die beiden Bauern verbrachten auch alles mit Zechen.

Als der Herr von der Mißwirtschaft hörte, reiste er unerwartet hinab, und nun ge­schahen die Vorgänge, die der Evangelist Lukas (16, 1-12) berichtet. Der abgesetzte Verwalter wurde weiter zurück in die Wüste geschickt auf einen Boden von gelbem, har­tem, unfruchtbarem Eisensand (Ocker), war anfangs ganz bestürzt und betrübt, be­gann aber endlich zu hacken und zu be­bauen. Die beiden Bauern, denen er die Schulden vermindert, und die ihre Unter­tanen bedrückt hatten, wurden ebenfalls vertrieben, erhielten aber bessere Land­stücke im Ockerboden angewiesen, während die von ihnen bedrückten Untertanen die guten Felder weiter bestellten.

Der reiche Prasser und der arme Lazarus (L. 16, 19-31)

Während Seines zweiten Osteraufenthaltes zu Jerusalem fragen die Pharisäer den Herrn am 2. April 33, kurz nachdem Er im Tempel dasjenige zu ihnen gesprochen, was der Evangelist Johannes (5, 16-27) berichtet, über das Gleichnis vom armen Lazarus, welches Er ihnen vorgestern erzählt hatte, und machen es ganz lächerlich, woher Er denn die Geschichte so genau wisse, und ob Er denn bei jenen beiden in Abrahams Schoß und in der Hölle gewesen sei; und ob Er Sich denn nicht schäme, dem Volke solche Dinge aufzubinden.

Der Herr legt ihnen daraufhin die Ge­schichte des reichen Prassers ganz auf sie aus und betont, daß dessen Geschichte wahr und Ihm bis zu dessen gräßlichem Tode genau bekannt sei.

Der reiche Prasser und der arme Lazarus wohnten nicht zu Jerusalem — wo später den Pilgern Häuser von ihnen gezeigt wer­den —. Sie starben in den Jugendjahren Jesu, und man sprach damals viel in from­men Familien von ihnen.

Die Stadt, wo sie lebten, heißt Rama (Er­ Rame), 20 km nordwestlich vom See Gene­zareth. Der Reiche war Ortsvorstand und ein berühmter Pharisäer, der das Gesetz äußerlich sehr streng beobachtete, aber sehr hart und unbarmherzig gegen die Armen war. Der arme Lazarus wurde von ihm als ein Unreiner hart abgewiesen. Lazarus starb einen erbaulichen Tod, der Reiche aber einen fürchterlichen; und man hörte auch eine Stimme aus seinem Grabe, wovon die Rede im ganzen Lande war.

Da nun dieser reiche Prasser ein sehr stren­ger pharisäischer Beobachter der Gebräuche gewesen, ärgert es die Pharisäer besonders, daß sie mit ihm verglichen werden, weil es im Gleichnis heißt, daß dessen Brüder Moses und die Propheten nicht hörten. Jesus sagt ihnen aber gerade heraus, wer Ihn nicht höre, höre weder Moses noch die Propheten, denn diese sprächen von Ihm. Und wenn auch die Toten auferstünden, würden sie nicht an Ihn glauben. Jene würden aber auferstehen und bei Seinem Tode, gerade ein Jahr später, von Ihm zeugen, und sie, die Pharisäer, würden auch dann nicht glauben. Sie würden aber auch einmal auferstehen, und dann werde Er sie richten (J. 5, 28-30).

2. Warum lehrte Jesus nur mündlich und nicht schriftlich?

Die drei Gründe des hl. Thomas

Erstens wegen Seiner Würde:

Denn je ausgezeichneter ein Lehrer ist, eine desto ausgezeichnetere Art und Weise zu lehren gebührt ihm. Christo, dem aus­gezeichnetsten Lehrer, gebührte daher die ausgezeichnetste Lehrweise, nämlich daß Er Seine Lehre den Herzen selber der Jünger einpräge. Deshalb heißt es (Mt. 7, 29) : „Er lehrte sie wie einer, der Macht hat“, näm­lich die Macht der Autorität, der Herzens­durchdringung und der Bestätigung durch Wunder. Auch bei den Heiden haben die hervorragendsten Lehrer, Pythagoras und Sokrates, nichts schriftlich hinterlassen; denn die Schrift ist nur ein Mittel, um die Lehre den Herzen der Hörer einzuprägen, während das mündliche Wort dies unmittel­bar tut.

Zweitens wegen der hervorragenden Bedeu­tung der Lehre Christi:

Denn diese läßt sich durch die Schrift nicht genügend ausdrücken (J. 21, 25). Hätte nun Christus Seine Lehre niedergeschrieben, so würden die Menschen meinen, Er hätte nichts anderes gelehrt, als was da geschrie­ben steht (quam scriptura contineret).

Drittens wegen der geordneten Mitteilung Seiner Lehre von dem einen zum anderen:

Denn Seine Schüler hat Er unmittelbar mündlich belehrt, und diese haben dann das Gehörte in Wort und Schrift an die anderen weiter gelehrt. Würde Er Selbst aber geschrieben haben, so würde unmittelbar Seine Lehre zu allen gekommen sein. Darum heißt es (Spr. 9, 3) : „Die Weisheit sandte ihre Dienerinnen aus, um zur Burg zu rufen.“ Gott will nämlich, daß auch Menschen Mitursachen für die Spendung Seiner Güter an andere seien, damit sie ge­würdigt werden, mit Ihm mitzuarbeiten, und damit die Liebe unter den Menschen ge­pflegt werde.

Der Finger des lebendigen Gottes

Das alte Gesetz wurde in sinnfällig wahr­nehmbaren Figuren und Bildern gegeben, und daher wurde es auch dementsprechend in sinnfälligen Buchstaben niedergeschrie­ben. Die Lehre Christi aber, welche „das Gesetz des lebendigen Geistes“ ist, wurde geschrieben „nicht mit Tinte, sondern mit dem Finger des lebendigen Gottes; nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf Tafeln von Fleisch des menschlichen Herzens“, wie der Apostel (2 Kor. 3, 3) sagt. Wer aber den Schriften der Apostel über Christus nicht glauben will, der würde auch einem schreibenden Christus nicht glauben, Dem­selben Christus, von Dem die Böswilligen annahmen, Er hätte Seine Wunder mit Hilfe magischer Künste gewirkt.

3. Warum lehrte Jesus öffentlich und nicht intern?

Die Neidlosigkeit Jesu

Viele Lehrer hielten und halten ihre Lehre im Verborgenen, weil sie aus Neid und gei­stiger Selbstsucht, ja auch oft aus materieller Gewinnsucht nicht wollen, daß ihre Lehre Allgemeingut werde.

Christus aber war solcher Gesinnung durch­aus fremd, und von Ihm gilt im höchsten Grade der Ausspruch (Weish. 7, 13) : „Ohne Verstellung habe ich die Weisheit erlernt und neidlos teile ich sie mit, und ihren Reichtum verberge ich nicht.“

Die Lauterkeit der Lehre Christi

Andere wieder tragen ihre Lehre in gehei­men Zirkeln und Gesellschaften vor, weil sie die öffentliche Kontrolle oder Kritik fürchten müssen, oder damit die so unter­richteten Mitglieder besser im geheimen die Absichten solcher Lehre zur Ausführung bringen können. Auch locken manche Ge­heimlehrer die Dummen nach jenem Aus­spruch (Spr. 9, 17) : „Gestohlene Wasser schmecken süßer, und heimlich zugestecktes Brot ist schmackhafter.“

Christi Lehre aber ist frei von solcher Ver­irrung und Unlauterkeit, weshalb Er Selbst sagt: „Bringt man etwa das Licht, damit es unter das Hohlmaß oder das Bett gestellt werde? Nicht vielmehr, damit man es auf den Leuchter stelle?“ (Mk. 4, 21).

Jesus trug nicht alles allen vor

Schließlich wird eine Lehre auch deshalb in einem internen Kreise vorgetragen, weil sich bei einem öffentlichen Vortrage zu wenig Hörer einstellen würden; aber auch dieser Grund fiel bei Jesus fort, Dessen Lehrvorträge ja, wenn Er wollte, sich des Zulaufes von Tausenden erfreuten.

Allerdings hat Er manches nur den Jüngern vorgetragen, und manches, was sie bei Ihm gehört und gesehen, ihnen verboten, vor Seiner Auferstehung weiterzusagen (Mt. 17, 9) ; und ebenso hat Er nicht alle Tiefen Seiner Wahrheit den Aposteln und Volks­scharen mitgeteilt (J. 16, 12). Doch alles dies geschah stets aus höheren pädagogi­schen Gründen, damit die einen die anderen belehrten, damit Er den Sühnetod herbei­führen konnte, und damit später der Heilige Geist das Seinige täte.

Was Jesus aber für gut hielt, von Seiner Weisheit mitzuteilen, das lehrte Er öffent­lich, mochte Er auch nicht von allen verstan­den werden; denn auch diesen war es besser, unter der Hülle von Gleichnissen die Wahr­heit zu hören als gar nicht.

4. Warum lehrte Er umherwandelnd und nicht von fester Lehrstätte aus ?

Der gute Hirt 

Jesus Christus kam in diese Welt, „um die Menschen von der Sünde zu befreien“ (1 Tim. 1, 15). Obschon Er also auch von fester Lehrstätte aus lehrend viele hätte zu Sich ziehen können, so hat Er dies doch nicht getan, damit Er uns ein Beispiel gebe, gemäß dem wir den zugrunde Gehenden auf­suchen sollen, wie der Hirt das verlorene Schaf sucht, und wie der Arzt zum Kranken geht.

Auch sollten ja später Seine Apostel und Jünger in alle Richtungen der Welt gehen, um das Evangelium zu verkünden; also wollte Er Selbst durch Sein eigenes uner­müdliches Lehrreisen ihnen das Vorbild liefern und sie zugleich daran teilnehmen lassen, um sie für diese ihre spätere Auf­gabe zu üben und zu schulen.

Der Gesandte der göttlichen Liebe

Schließlich liegt es auch im Charakter des vollkommenen Sendens und der heiligen Liebe selbst, daß der Gesandte von Ort zu Ort eilt, und daß das Feuer und der Eifer des liebenden Herzens die Füße beschwingt, zumal wenn es gilt, Hohes zu verkünden und Bestes zu spenden. Jesus Christus aber war als das ewige Wort vom himmlischen Vater in diese Welt gesandt, um die höchste Wahr­heit zu verkünden und um die besten Güter zu spenden; und heiligste Liebe war es, die hierzu den Vater veranlaßte und den Sohn bei der Ausführung beseelte. Also war auch Sein unermüdlicher Lehrwandel von Ort zu Ort ein geheimnisvoller Ausdruck Seiner Sendung und Liebe.

Aus diesem Grunde sagte Er zu jenen, die Ihn an ihrem Orte festhalten wollten: „Auch den anderen Städten muß ich das Evan­gelium vom Reiche Gottes verkünden, denn dazu bin ich gesandt“ (L. 4, 43). Und schon zum Propheten Isaias sprach der Herr: „Wie schön sind auf den Bergen die Füße dessen, der den Frieden verkündet und pre­digt, Gutes verkündet, vom Heile predigt, der zu Sion sagt: Dein Gott wird herrschen!“ (Is. 52, 7).

IV. Wen lehrt Er ? Die Hörerschaft Jesu Christi

1. Jesus lehrt alle Menschen unterschiedslos

Im Tempel und in den Synagogen

Sein schrittweises Vorgehen im Tempel:

In Anbetracht Seiner göttlichen Würde und ewigen Hohenpriesterlichkeit ist der große Lehrstuhl des Tempels zu Jerusalem der Jesu in erster Linie zustehende Lehrort während Seines Erdenwandels in Palästina. Doch da Er nicht wie üblich den Weg durch Seminar und Priesterschule, durch Studium und Exa­men gegangen, bahnt Er Sich als wandernder Prophet den Weg zum großen Lehrstuhl, aber nicht plötzlich, sondern gleichsam schrittweise :

Während Seines öffentlichen Lehrwandels bringt Sein erstes Erscheinen im Tempel eine eigentümliche Erschütterung unter den An­wesenden hervor, obschon Er weder redet noch singt. Es ist am 28. März 32, unmittel­bar vor dem ersten Osterfest Seines Lehr­wandels.

Am nächsten Tage steht Er im Tempel unter den männlichen Laien und betet und singt während des Gottesdienstes in der Reihe der stehenden Paare mit. Die stille Gemütsbewe­gung derer, die Ihn sehen und hören, steigert sich.

Am Nachmittag desselben Tages lehrt Er bereits, aber erst im äußeren Tempelbezirk, und zwar im Tempelrestaurant bei Tisch, am sogenannten Vorhof Israels.

Zwei Tage später geht Er bis zum Platz zwi­schen Opferaltar und Tempelgebäude vor und hört Sich die Lehre über die Oster­gebräuche mit an, die für die Priester und Leviten gehalten wird. Schon ärgern sich die Pharisäer, Ihn hier unter den Priestern stehen zu sehen.

Als am nächsten Tage die Priester nach dem Gottesdienst den Tempel verlassen haben, beginnt Er dort, wo Er bei den Jüngern steht, vor diesen und einigen gutgesinnten Leuten zu lehren. Er spricht ernst und scharf von der Nähe der Erfüllung aller Prophezeiun­gen und Vorbilder, ja der des Osterlammes selbst. Priester, die noch hier und da in der Nähe zu tun haben, werden durch Seine Reden bestürzt und im stillen unwillig.

Drei Tage später tritt Er in Seiner Eigen­schaft als Prophet bis zum Platz des großen Lehrstuhles in der Vorhalle des Tempels vor. Hier sitzen Priester und Leviten auf kreis­förmigen Sitzen um den Lehrstuhl, von dem herab ihnen eine Lehre über das Osterfest erteilt wird. Alle sind bestürzt über Sein Erscheinen, besonders als Er Einwürfe und Fragen vorbringt, die niemand von ihnen beantworten kann. Schließlich spricht Er von Seinem Platze aus wiederum von der Erfüllung des Vorbildes des Osterlammes, ja sogar vom darauffolgenden Ende des Tem­pels und des Tempelgottesdienstes. Die Pha­risäer, obwohl sehr ergrimmt, wagen voll Er­staunen nichts gegen Ihn zu unternehmen.

In den nächsten drei Tagen erregt Er durch die dreimalige Vertreibung der Händler aus dem Vorhof der Betenden in den Vorhof der Heiden größtes Aufsehen. Und auch hierbei offenbart sich Sein schrittweises Vorgehen von der sanftmütigen Ermahnung bis zur höchst energischen Maßnahme (J. 2, 13).

Am nächsten Tage, unmittelbar nach dem Osterfest, heilt Er im Vorhof ungefähr zehn Lahme und Stumme, die den Tempel mit ihrem Jubel erfüllen (J. 2, 23). Nach dem Gottesdienst hört Er in der Tempelhalle der Sabbatlehre zu, macht hierbei öfters Ein­würfe (Diskussion ist hierbei üblich), gibt eine ganz neue Auslegung der Thora-Peri­kope und bringt alle durch Seine Antworten zum Schweigen. Nach Seinem Weggang kön­nen die Pharisäer ihre Wut nicht mehr bän­digen, suchen Ihn überall, um Ihn zu ver­haften, finden aber im Hause der Johanna Markus nur die Mutter Jesu mit den heiligen Frauen aus Galiläa und verweisen sie aus dem Stadtbezirk und am nächsten Tage in Bethanien aus dem Lande Judäa.

Ein Jahr später lehrt der Herr am 24. Januar vor Eintritt des Festes Ennorum an einem Lehrstuhl in jenem Vorhof des Tempels, den man den Vorhof der Frauen nennt (J. 5, 1). Diesmal erfährt Er keinen Widerspruch, da sich die meisten Priester und alle Pharisäer auf ihren üblichen Erholungsreisen vor Be­ginn des anstrengenden Osterfestes befinden. Sie haben diese Urlaubsreisen schon jetzt an­getreten, da sich zur Zeit Pilatus auf einer Romreise befindet, und sie daher keine Zwischenfälle zu befürchten haben.

Unmittelbar vor Eintritt des zweiten Oster­festes begibt Sich Jesus am 25. März 33 gera­dewegs zum öffentlichen Lehrstuhl, verlangt die Gesetzesrollen, die dort verschlossen lie­gen und die man Ihm verdutzt, ohne beson­deren Widerspruch, ausliefert. Er erklärt die Sabbatlektion. Alle Hörer staunen über Seine Lehre. Doch nachher stellen Ihn einige Pharisäer zur Rede, wo Er studiert habe und wo Er das Recht erworben, hier zu lehren. Er antwortet ihnen so stark und ernst, daß sie nichts zu erwidern wissen.

Fünf Tage später lehrt Er im Tempel auf einem der Neben-Lehrstühle vor den Jüngern und vielen Menschen ungefähr eine Stunde lang. Einige Pharisäer, die Ihm drohen, daß man Ihm bald das Handwerk legen werde, beschämt Er durch Seine schlagende Ant­wort und lehrt ruhig und ungestört weiter.

Am nächsten Tage lehrt Er schon zwei Stun­den lang, sodaß am Schluß die ergrimmten Pharisäer ein solches Getümmel erregen, daß Sich der Herr unter dem Volk verliert und entweicht, um der Verhaftung zu entgehen.

Zwei Tage später aber besteigt Er den gro­ßen Lehrstuhl, antwortet von hier aus scharf den Einwürfen der Pharisäer (J. 5, 16-47), erzählt wieder die Parabel vom reichen Pras­ser und armen Lazarus, deren wirkliches Geschehen man angezweifelt hatte, und lehrt alles, was bei Matthäus (16, 24-28) steht. Als man Ihn verhaften will, wird es plötzlich dunkel, ein Donnerschlag erschallt, und meh­rere Pharisäer hören eine gellende Stimme durch die Halle: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe!“ Die Feinde werden verwirrt, schauen er­schrocken nach oben, die Jünger, die im Halbkreis um Jesus stehen, setzen sich in Bewegung, und der Herr geht zwischen ihnen ungehindert durch die sich öffnende Menge hindurch und verläßt den Tempel und die Stadt und geht sieben Kilometer bis nach Rama.

Ein Jahr später, kurz vor dem dritten Oster­fest und der großen Passion, nimmt Er ganz und gar vom großen Lehrstuhl des Tempels Besitz und lehrt fast täglich von dort aus vom 16. Februar bis zum 27. März. Und als Er am Kreuze die Worte spricht: „Es ist vollbracht“, zerreißt der große Vorhang im Tempel, wie zum Zeichen, daß der Herr nun als der ewige Hohepriester ins Allerheiligste eintritt.

Die Synagoge und der Wanderlehrer:

Der dem Tempel nächste Lehr-Ort, welcher der Landessitte entsprechend Jesu zukommt, ist die Synagoge oder Gesetzesschule.

Es ist Sitte, daß redekundige Gesetzeslehrer (Rabbi) und auch prophetisch begabte Leh­rer (Prophet) von Ort zu Ort ziehen und meist zum Sabbat oder an einem Festtage den Lehrvortrag in der Orts-Synagoge über­nehmen. Daher wird es verständlich, daß man auch Jesus auf Seinen Lehr-Reisen als einen solchen Rabbi und Propheten in den Synagogen lehren läßt.

Zwar machen Pharisäer und Synagogenvor­steher anfangs hier und da Schwierigkeiten, da Jesus keinen Ausweis Seines theologischen Studiums und Lehrdiploms vorzeigen kann, aber auf Grund Seiner Wirkungskraft in Lehrvortrag und Wunderheilung können sie sehr bald entweder eigener Einsicht oder der Volksstimmung keinen diesbezüglichen Widerstand mehr leisten, zumal da Er trotz Synedriumsbeschlüsse und Sendbriefe im­mer wieder von neuem vor den Synagogen erscheint und mit großer Entschlossenheit Sich den Weg zum Lehrstuhl bahnt.

Am Sabbat lehrt Er Freitag-Abends zum Sabbatanfang und am nächsten Tage des Morgens und am Spätnachmittag zum Sab­bat-Schluß. Aber auch an vielen Wochen­tagen predigt Er in den Synagogen.

Der gewöhnliche Verlauf der Synagogen-Lehre:

Auf dem Platz vor der Synagoge erwarten Ihn die aus der Stadt und der Umgegend herbeigebrachten Kranken. Zuweilen heilt Er gleich, meist aber geht Er sofort gerades­wegs in die überfüllte Synagoge zum Lehr­stuhl, läßt sich die Schriftrolle geben und liest den fälligen Abschnitt (Perikope) vor. Dann setzt Er Sich zur Lehre und hält ent­weder eine homiletische Predigt (Texterklä­rung) oder Er behandelt ein eigenes Thema. Sehr oft erzählt Er im Anschluß hieran ein Gleichnis und erklärt dasselbe mehr oder weniger weitläufig. Sind Pharisäer, Saddu­zäer, Schriftgelehrte oder Priester zugegen, so fallen von dieser Seite aus Zwischenfra­gen. Dies geschieht aber nicht etwa bloß aus feindlicher Opposition heraus, sondern es ist bei den Synagogen-Lehren üblich, den Vor­trag des Lehrers durch Fragen zu unterbre­chen, worauf dieser jedesmal einzugehen pflegt.

Die Empfänge Jesu vor der Synagogen-Lehre:

Naht Sich Jesus mit Seinen Jüngern einer Stadt zur Synagogen-Lehre, ohne daß die betreffende Stadt davon vorher etwas weiß, so nehmen sie das Kleid in den Gürtel auf (schürzen sich), um dadurch anzuzeigen, daß sie noch keine bestimmte Gastfreund­schaft in der Stadt genießen. Sie setzen sich vor dem Stadttor an einen Brunnen oder bei der Reinigungsstelle nieder, wo sich die Rei­senden Füße und Kleider reinigen lassen, und warten, bis ein Bürger der Stadt ihnen entgegenkommt und sie in die Stadt ein­führt. In solchem Falle eilen Leute, die Ihn am Stadttor sehen, in die Stadt und benach­richtigen einen angesehenen Bürger, von dem sie wissen, daß er sich eine Ehre daraus macht, einen angesehenen Fremden bei sich zu Gast aufzunehmen.

Jesus verhält Sich aber in den einzelnen Fällen ganz nach Seinen bestimmten Ab­sichten, da Er alles vorausweiß und Zusam­menkünfte mit ganz bestimmten Privatper­sonen oder Gruppen im Auge hat. So läßt Er denn auch oftmals einige Jünger voraus­gehen, um in einem Hotel, meist in dem vor dem Stadttor gelegenen, Zimmer für Sich und die Seinen zu bestellen.

Gewöhnlich geht Ihm aber schon die Kunde Seiner Ankunft voraus, da Leute aus der letzten Stadt Ihm nachfolgen und am Ziele vorauseilen, um die in Sicht kommende nächste Stadt von Seiner Ankunft zu benach­richtigen. Auch besuchen Ihn, wenn Er in der einen Stadt weilt, Einwohner von Nachbarstädten, laden Ihn ein und eilen, sobald sie Seine Zustimmung erhalten, zurück, um den feierlichen Empfang einzuleiten.

Der feierliche Ehren-Empfang:

Durch hin und her eilende Boten erkundet man Sein Eintreffen. Man errichtet ein Ehrenzelt vor der Stadt und geht Ihm in feierlicher Prozession ungefähr einen Kilo­meter entgegen. An der Spitze des Zuges gehen entweder die Stadt-Ältesten, geführt vom Stadt-Präfekten, oder, wenn es sich um eine Leviten-Stadt handelt, die Leviten mit den Schulkindern, manchmal aber auch die vornehmsten Pharisäer in Begleitung von Priestern oder Schriftgelehrten.

Bei der ersten Begrüßung überreicht man Jesus oder den Jüngern grüne Zweige, und es erfolgt eine wechselseitige kurze Be­grüßungsansprache. Vor dem Ehrenzelt an­gelangt, führen Ihn die Vornehmsten in das Zelt und waschen Ihm die Füße. Hierbei wird Ihm eine wohlriechende Essenz als Ehrensalbung über das Haupt gegossen. An­dere nehmen Ihm das Oberkleid ab, welches draußen von Dienern ausgeklopft wird. Zu­weilen wird Ihm auch ein neues Oberkleid zum Geschenk angeboten, was Er aber stets ablehnt; Er hat auch meist ein zweites, reines Kleid bei Sich, welches ein Jünger trägt. Hierauf wird Ihm ein kleiner Imbiß gereicht, der aus Honig und Brot und Früch­ten besteht und im Stehen genossen wird.

Der Einzug in die Stadt vollzieht sich eben­falls in Prozession. Die Menge jubelt und die Kinder tragen Kränze und singen einen Lobgesang. Das nächste Ziel ist die Fest­halle vor oder im Stadthaus, wo ein Ehren­mahl vorbereitet ist. Man legt sich aber nicht gleich zu Tisch, sondern läßt andere ange­meldete Besucher zu und ergeht sich im Auf- und Abwandeln in Gesprächen. Jesus benutzt diese Gelegenheit auch zu einer kurzen Ansprache an das Volk, tritt oft unter dasselbe und segnet die Kinder, die Ihm von den Müttern entgegengebracht und gehalten werden.

Nach dem Ehrenmahl wird Jesus zur Syna­goge geleitet, lehrt in ihr und heilt dann in der Stadt die Kranken.

Ist Seine Ankunft unmittelbar vor Sabbat-Anfang angekündigt, so fällt der eben ge­schilderte Ehren-Empfang fort, und alle erwarten Jesum in der Synagoge.

Am Samstag-Nachmittag ist es Sitte, den Sabbat-Spaziergang zu machen. Jesus ist auf solchen Spaziergängen, die einen außerhalb der Stadt liegenden Lustgarten oder auch die weitere Umgegend zum Ziel haben, von Sei­nen Jüngern, und von Stadt-Ältesten oder Pharisäern oder Leviten begleitet. Trifft Er dabei auf Kinder-Ausflüge, so beschäftigt Er Sich gern mit ihnen. Zur Sabbat-Schluß­-Lehre kehren alle zurück.

Das übliche Tagewerk Jesu, wenn dessen Mittelpunkt die Synagogen-Lehre ist, wird in der übrigen Zeit ausgefüllt von Kranken­heilungen, Hausbesuchen, Annahme einer Einladung im Privathause eines Pharisäers oder Synagogen-Vorstehers oder anderen Vornehmen der Stadt mit geselligem Mahl und schließlich durch zahlreiche Belehrun­gen in den Straßen, in Vorhöfen oder im Lustgarten.

Die Krankenheilungen dauern oft bis in die Nacht bei Fackelschein, und zuweilen geht Er noch mit einer lernbegierigen Gruppe von Menschen in der Nacht vor die Stadt auf einen Hügel oder in einen Hain und belehrt sie bei Mondenschein. Auch bei Seinem Her­bergsaufenthalt in einem Hotel, empfängt Er bis in die späte Nacht Privatbesuche oder spricht im Kreise Seiner Jünger.

Oftmals verläßt der Herr schon nach weni­gen Stunden Aufenthaltes die betreffende Stadt und wandert schnell zur nächsten oder zu einer Jünger-Herberge auf dem Lande. Alles geht mit einer gewissen unermüdlichen Schnelligkeit vor sich, die aber doch immer mit einer würdevollen Ruhe und planmäßi­gen Sicherheit in der per sönlichen Haltung und Tätigkeit Jesu wunderbar verbun­den ist.

Die großen Bergpredigten

Die Lehrberge in Galiläa:

Nächst dem Tempel und der Synagoge ist der Lehrberg der dritte Ort Seiner allge­meinen öffentlichen Lehrtätigkeit. Die Berge dieser großen, viele Stunden andauernden Predigten vor riesigen Volksmengen, liegen fast sämtlich in Galiläa, deren Mittelpunkt Kapharnaum bildet; und in diesem Sinne sagt Er am 18. September 31 zu den Nazare­nern, Er habe Sich in Kapharnaum nieder­gelassen, weil es in der Mitte des Landes liege.

Erste Bergpredigt:

Nachdem der Herr am Tage zuvor durch drei Jünger die Leute zur Lehre auf den Lehrberg bei Hanathon und Saphet berufen hat, spricht Er am 10. Januar 32 oben auf steinernem Lehrstuhl von Mittag bis Abend über die Verschiedenheit des Geistes der Menschen, jeden Ortes, ja der einzelnen Familien, und knüpft daran die Lehre vom neuen Geiste, den man durch die Taufe empfängt, wodurch die Menschen unter­einander und mit dem himmlischen Vater in höherer Weise vereinigt werden. Auch lehrt Er bereits über einige Bitten des Vater­unsers.

Bergpredigt in Nordgaliläa :

Nachdem Er drei Tage lang die Bewohner von Adama und der Gegend von Kades und Berotha durch die Jünger zur großen Lehre auf dem Lehrberg zwischen Kades und Berotha berufen hat, spricht Er am 21. Juli 32 vom dortigen Lehrstuhl aus von neun Uhr morgens bis zur einbrechenden Dunkelheit mit eingeschalteter Mittagspause zuerst über einige historische Ortsgescheh­nisse, knüpft daran eine sinnbildliche Er­klärung an und predigt dann eingehend über das Gleichnis vom Weizen und Acker­bau (Mt. 13, 24). Bei der Volksspeisung nach der Lehre bei Fackelschein findet bereits eine wunderbare Vermehrung der Speisen statt, die jedoch von den Evange­listen nicht berichtet wird.

Bergpredigt in Samaria:

Vom Nachmittag des 29. bis Mittag des 30. Oktober 32 hält Jesus Seine angekün­digte Lehrpredigt auf dem Berge zwischen Meroz und Atharot über das neue Reich, ermahnt das Volk, sich aus der geistigen Trägheit aufzuraffen und geißelt die Unter­drückung des armen Volkes und den Haß wider die Samariter seitens der Pharisäer. Auch predigt Er über das Gleichnis vom ver­grabenen Talent (Mt. 25, 14). In den Pau­sen läßt Er durch die Jünger Liebesgaben unter die Armen verteilen.

Erste Bergpredigt bei Gabara:

Am frühen Morgen des 13. November 32 wimmelt der Lehrberg zwischen Gabara und Jotopata oben von Hörern und auf den Wegen vom Fuß bis zur Höhe von herbei­gebrachten Kranken. Jesus spricht von zehn Uhr morgens bis gegen sechs Uhr abends. Es ist eine der schärfsten und gewaltigsten Predigten, die Er je gehalten hat. Er umfaßt alles, was von der Zeit der Verheißung an geschehen, führt die Drohungen der Pro­pheten an und weist die Erfüllung derselben als Vorbilder für die jetzige Zeit und die nächste Zukunft nach. Zum Schluß ruft Er unter Tränen alle Mühseligen und Belade­nen zur Bekehrung zu Sich. Hier bekehrt sich Maria Magdalena zum ersten Male.

Bergpredigt der Seligkeiten:

Die vom Evangelisten Matthäus (5, 1 ff.) summarisch berichtete und sogenannte Bergpredigt der Seligkeiten zieht sich über zehn Tage mit Unterbrechung einiger Tage hin, und findet vom 4. bis 6. und am 9. Dez. 32 auf dem Lehrberg gleich östlich oberhalb von Bethsaida-Julias statt, während in der dazwischen liegenden Zeit in Kapharnaum vom Herrn gelehrt wird, und Wiederholun­gen dieses Lehrstoffes in der siebenten und achten Bergpredigt auftreten.

Die große Bußpredigt:

Bei Seiner großen Bußpredigt am 31. Dez. 32 auf dem Lehrhügel bei Azanoth beginnt die endgültige Bekehrung der Magdalena. Vor­her ruft hier der Herr das Wehe über die drei urbußfertigen Städte aus (Mt. 11, 20). Kleine Kinder, die bisher noch nicht gespro­chen, verkünden durch Zwischenrufe Jesu Messianität, und viele Angefochtene und Besessene sinken in Ohnmacht. Am anderen Tage setzt der Herr die Predigt auf dem Lehrhügel bei der benachbarten Stadt Damna unweit des Taubentales fort, und hier findet die Bekehrung Magdalenas ihren Abschluß.

Die Speisung der Fünftausend:

Nach frühmorgendlichen Krankenheilungen und Taufen durch den Herrn und die Apo­stel beginnt wieder auf dem Lehrberg ober­halb Bethsaida-Julias am 3. Februar 33 jene Bergpredigt, nach deren Ende etwas nach vier Uhr nachmittags die wunderbare Speisung der Fünftausend (Mt. 14, 15-23) stattfindet. Jesus lehrt hier nochmals über die acht Seligkeiten, dann von der sechsten eingehend und zum Schluß vom Gebet im allgemeinen mit anschließender Auslegung einzelner Bitten des Vaterunsers.

Die Speisung der Viertausend:

Am 20. März 33 predigt Er auf dem eine Stunde nordöstlich hinter dem Lehrberg bei Bethsaida-Julias höherliegenden Bergrücken über den Schlußteil der sogenannten Berg­predigt und speist gegen Abend auf wunder­bare Weise die Viertausend (Mt. 15, 32).

Zweite Bergpredigt bei Gabara:

Nach mehrtägigem Zusammenrufen der Be­wohner der ganzen Gegend um das Südende des Sees Genezareth predigt der Herr wieder wie am 13. November auf dem Lehrberg zwischen Gabara und Jotopata. Aber dies­mal erstreckt sich die Bergpredigt über zwei Tage, und zwar spricht Er am 23. April 33 von zehn Uhr morgens an ununterbrochen bis zum Abend und am nächsten Tage nicht ganz so lange. Wegen des Massenandranges der Hörer führen die Jünger die einzelnen Volksgruppen abwechselnd hinweg und hin­zu, und sie und die heiligen Frauen betreuen die Armen und Kranken. Der Herr belehrt bei dieser Bergpredigt die Jünger öffentlich und geht hier und da auf die Zwischenrufe der zuhörenden Pharisäer ein. Der Inhalt der Lehre handelt vom Gebet, von der Näch­stenliebe, der Wachsamkeit im Guten, vom Vertrauen auf Gottes Güte und von der Festigkeit gegenüber Bedrückern und Ver­leumdern.

Die letzte Bergpredigt:

Die letzte große Bergpredigt am 1. und 2. Juli 33 auf dem Lehrberg oberhalb von Bethsaida-Julias bildet inhaltlich den Schluß der sogenannten Bergpredigt der Seligkeiten und zugleich das Ende der gro­ßen öffentlichen Wirksamkeit des Herrn in Galiläa, ja man kann sagen, das Ende Seines öffentlichen Lehrwandels als sol­chen; denn von nun an lehrt Er nur noch in einigen Synagogen und gelegentlich ein­zelner Heilungen und nimmt erst Seine große öffentliche Predigt wieder auf, als Er im letzten Monat (März 34) vor der großen Passion die Abschlußpredigten im Tempel zu Jerusalem beginnt.

Die anderen üblichen Lehrplätze

Städtische Lehrplätze:

Fast jede Stadt besitzt zur Zeit Jesu einen Lehrplatz entweder mit steinernem Lehr­stuhl oder Rednerbühne und entweder außerhalb der Stadt auf erhöhtem Rasen­platz oder innerhalb der Stadt meist auf dem Marktplatz. Es ist Sitte, daß der wan­dernde und beliebte Lehrer nicht nur in der Synagoge, sondern auch auf solchen städti­schen Lehrplätzen vor der breiten Öffent­lichkeit redet. Hiervon macht der Herr aus­giebigen Gebrauch.

Städtische Lustorte:

Ebenso besitzen viele Städte vor dem Tore und meist an einer Badestelle ihren soge­nannten Vergnügungspark oder Lustort, und auch hier spricht der Herr entweder ge­legentlich großer Festtage des Abends vor der breiten Öffentlichkeit, oder auch an Vormittagen in größerer Gesellschaft, die dorthin zieht. Die Reden finden dann ge­wöhnlich im zwanglosen Umhergehen statt, ähnlich der Gewohnheit der alten griechi­schen Philosophen.

Historische Orte:

Auch durch Persönlichkeiten und Gescheh­nisse der alttestamentlichen Geschichte be­rühmt gewordene Orte werden vom Herrn zu Predigten und Ansprachen benutzt, wie der Josue-Ort vor Gilgal, der Bundesladenplatz in Siloh, der Elias-Lehrstuhl bei Ono, der Josephs-Brunnen bei Dothaim, der Sauls-Brunnen bei Abez und der Elisäi-Brunnen zu Dothan; ferner die Gideons-Eiche bei Azo, der Jephtiasberg bei Ephron in Nord­peräa, die Terebinthe Moreh bei Thänat-Silo, die Elias-Säule bei Abila, auf der sich eine Lehrkanzel befindet, und das Familien­grab Abrahams bei der Höhle Machpelah. An allen diesen und ähnlichen historischen Orten hat der Herr anknüpfend an Prophe­ten und Begebenheiten gepredigt und ge­lehrt.

Die Hotelhallen und Vorplätze größerer Herbergen:

Jesus nimmt auch auf Seinen Lehrreisen in größeren Herbergen kurze Wohnung, zu­meist in der Absicht, bei dieser Gelegenheit vor Handelskarawanen und Kaufleuten zu sprechen. Aber auch die Jünger rufen in der Stadt die Leute zu solchen Lehrvor­trägen zusammen, die Jesus von der Hotel­halle aus oder auf dem Vorplatz der Her­berge halten will. Hier finden auch oft Krankenheilungen statt, sowie interne Zu­sammenkünfte mit den Jüngern, mit Ver­wandten und Freunden.

Die Taufplätze:

Die Tauforte der Jünger, sowohl die fest­stehenden bei Ono, Bethabara, Ainon und Kapharnaum, sowie die vorübergehenden bei Privathäusern, Badestellen und Ge­meindehäusern der Diasporastädte dienen dem Herrn als Lehrplatz, wo Er Taufunter­richt erteilt oder auch gelegentlich allgemein predigt.

Die Seepredigt:

Schließlich sei noch die Seepredigt erwähnt, die am Ufer des Sees Genezareth unweit der Schiffslände Petri mehrmals vom Herrn ge­halten wird, woran sich dann wegen des wachsenden Andrangs am Ufer die Lehre vom Schiff aus anzuschließen pflegt.

Die Gelegenheitslehren

An Festtagen:

An Festtagen ergreift Jesus stets die Gelegen­heit, über bestimmte Themen zu predigen, indem Er den Festcharakter, die Festentstehung oder gewisse Festgebräuche als Sinn­bilder für Seine Lehre vom Himmelreich und vom sittlichen Verhalten benutzt. Und dies geschieht durchaus nicht nur in den Synagogen, sondern auch an den histo­rischen Orten oder bei der abendlichen Zu­sammenkunft des Volkes im Vergnügungs­park. Hier mischt Sich der liebenswürdige Heiland unter die Festteilnehmer, setzt Sich zu den Familien und Gruppen an die Tische, sorgt für die Speisen der Armen, hält all­gemeine Ansprachen von Seinem Ehrenplatz an der Tafel der Vornehmen aus an die ganze Festgesellschaft; ja bei gewissen Myste­rienspielen, wie bei dem der Esther am Purimfest zu Nobah, liest Er mit aus den Esther-Rollen; und beim Festspiel zum Ge­dächtnis des Opfers von Jephtes Tochter stellt Er Selbst den obersten Richter und Priester dar und flicht in die üblichen Reden eigene Lehren ein. Sehr rührend ist Seine Liebe und Menschenfreundlichkeit an den Laubhüttenfesten, besonders Anfang Oktober 32 zu Sukkoth, Ainon, Akrabis und Siloh.

Die Lehre beim Ehrenmahl:

Wird der Herr vor dem Tore einer Stadt unter Ehrenbezeugungen von den Vornehm­sten des Ortes empfangen, so muß Er auch der Sitte entsprechend die Einladung zum Ehrenmahl in dem Festhaus annehmen. Hier wendet Er Sich oft von der Festhalle aus mit einer Ansprache an das versammelte Volk. Immer aber lehrt Er bei Tisch, ja offenbar nimmt Er in erster Linie aus die­sem Gelegenheitsgrunde an den vielen Mahl­zeiten teil.

Die übrigen Gelegenheitslehren:

Belebte Kreuzungspunkte der großen Han­dels- und Heerstraßen, die an Sabbat- oder Festtagen ohne Betrieb leerstehenden Markt­hallen, die von hilfesuchenden Kranken besetzten Plätze vor den Synagogen und an den Stadttoren, die Rastplätze der Handels­karawanen, die großen von Reisenden be­setzten Jordanfähren und die Pausenplätze der Feldarbeiter zur Erntezeit bieten dem göttlichen guten Hirten Jesus die Gelegen­heit, die nach Erlösung und Wahrheit ver­langenden Seelen zu finden, sie durch Sein Wort von der frohen Botschaft zu unter­richten und ihnen den Weg zum Anschluß an das Reich Seines himmlischen Vaters zu zeigen.

2. Jesu Lehre vor bestimmten Kreisen und Gruppen

A. Die Lehre im intimen Kreise Bei Maria, Petrus und Lazarus

Drei Orte sind es vorzüglich, an denen der Heiland innerhalb des engsten Freundes­kreises zu lehren pflegt: Das Wohnhaus Seiner heiligsten Mutter südwestlich bei Kapharnaum, das große Wohnhaus Petri nicht weit davon und das Familienschloß des reichen Lazarus zu Bethanien.

Mit Sehnsucht und gespannter Erwartung sind im Hause Mariä die Apostel, Jünger, Freunde und heiligen Frauen versammelt, wenn die Ankunft des Meisters angemeldet ist. Herzlich und aufrichtig, und doch voll unbefangener Selbstbeherrschung und Ehr­furcht ist die erste Begrüßung. Die Männer verneigen sich tief. Er grüßt alle, geht zu Seiner Mutter und reicht ihr die Hände. Auch sie verneigt sich mit großer Liebe. Im Nebenraum warten die anderen Frauen, die sich, wenn Er hereintritt, verschleiern und vor Ihm niederknien. Wie beim Eintritt, so segnet Er auch beim Abschied alle Anwesen­den. Bei den Mahlzeiten liegen die Männer um die Tafel, und am Ende derselben sitzen die Frauen mit untergeschlagenen Füßen auf Polstern. Seine Lehren bestehen in Reden der Stärkung und Aufklärung, in Beruhigungen betreffs der feindlichen Nach­stellungen und in Verteilung der verschie­denen apostolischen und charitativen Arbei­ten für die nächsten Lehrreisen in Verbin­dung mit Verabredung der verschiedenen Treffpunkte.

Einem ganz ähnlichen Zweck dient das große Wohnhaus des Petrus und später auch das von diesem gemietete Haus in Kaphar­naum am Südtor für die Versammlungen der Apostel und Jünger. Im Hofe von Petri Haus finden auch oft Krankenheilungen statt, und nicht weit davon ist der Taufplatz, wo der Herr auch zuweilen vor intimem Kreise spricht.

Im großen Familienschloß des Lazarus zu Bethanien lehrt Jesus im engsten Kreise der Freunde entweder im großen Speisesaal oder im unterirdischen Versammlungsraum, wo bei ernsten Verfolgungen auch gegessen und geschlafen wird, oder in der großen Halle, in der ein Lehrstuhl steht, oder schließlich unter den Säulengängen im Gar­ten. In diesem Schlosse hat der Herr ein besonders für Ihn eingerichtetes Schlaf­gemach mit anschließendem Betraum. Doch meist erhebt Er Sich des Nachts vom Lager und geht unbeobachtet zum Ölberg, um Sich im einsamen Gebet für die nächste Zukunft dort vorzubereiten, wo dereinst Seine große Passion beginnen wird.

Andere Orte guter Freunde

Am See Genezareth sind es das Haus des Andreas bei der kleinen Fischerstadt Beth­saida und das Haus des Matthäus am Nord­ostufer des Sees. In Jerusalem sind es das sogenannte Zönakulum des Joseph von Ari­mathäa, in welchem dieser seine Steinwerk­statt hat, das Stadthaus des Lazarus am Berge Sion und das Wohnhaus des Johannes Mar­kus und seiner Mutter Maria Markus nord­östlich vor der Stadtmauer. In diesen Häu­sern pflegt der Herr gelegentlich einer kurzen Mahlzeit vor intimem Kreise zu lehren. Im Stadthaus des Lazarus feiert Er einmal das Ostermahl.

In Juta kommt Er im Elternhaus des Täu­fers gleich nach dessen Hinrichtung mit den Freunden und heiligen Frauen zusammen. Es wird zu dieser Zeit von einem Neffen des verstorbenen Zacharias, des Vaters des Täu­fers, bewohnt und verwaltet. Hier hält der Herr eine ergreifende Rede über die Ver­folgungen der Propheten und verkündet in der Geburtsstube des Täufers zum ersten Male dessen Tod, kurz nachdem Maria den Frauen von ihrem Besuch bei Elisabeth vor dreiunddreißig Jahren erzählt hat.

In den Häusern der guten Bekannten

Es sind meist die großen Privathäuser rei­cher, dem Herrn durch ihre gute Gesinnung nahestehender Laien, die der Herr benutzt, um im engsten Kreise zu lehren. Doch über­all dort ist Er nur einmalig Gast, ganz selten zweimal. Da ist es zuerst, um nur einige Häuser zu nennen, das geräumige Wohn­haus des reichen Spediteurs zu Kana, wel­ches durch die Hochzeit seiner Tochter be­kannt ist. Hier weilt Maria des öfteren zu Besuch.

In Dothan wohnt der mit der hl. Familie seit langem bekannte Großkaufmann Issachar, in dessen Hause auch der spätere Apostel Thomas verkehrt und zum ersten Male mit dem Meister persönlich bekannt wird. Bei Michmethat hat der ganz patriarchalisch ge­sinnte und nach dem Vorbild Jobs lebende Obed sein Gutshaus mit einem riesigen Grundbesitz. Zu Gessur, ganz oben im Nord­osten Palästinas, wohnt der reiche Onkel des späteren Apostels Bartholomäus Neph­thali. Bei der Wasserstadt Amichores-Libnath hat der aus Samaria eingewanderte Rentier Simeon seine schloßartige Villa mit großen Gärten, und zwischen Ornithopolis und dem Mittelländischen Meer hat die reiche Fabrik­besitzerin, die in der Hl. Schrift die Syrophönizierin genannt wird, ihre große Villa. In diesen Häusern lehrt der Herr vor guten Bekannten und vor den von den Besitzern eingeladenen Gästen. Aber nicht nur bei diesen Reichen weilt der Herr zum ein­maligen Besuch, sondern auch in den be­scheidenen Hütten gewisser Hirten, wie in denen bei Bethlehem und in bestimmten großen Hirtenherbergen, wie die bei Ephraim und Sichem; und in den kleinen Häusern der Essener bei Nazareth lehrt der Herr vor einem Kreise, in welchem Er Sich wohl fühlt. Alle diese Orte und Zusammenkünfte beschreibt Katharina Emmerich bis ins kleinste. Niemals verstößt sie hierbei gegen den Charakter der damaligen Zeit, trotz der ganz verschiedenen Schilderungen der Charaktere und des Milieus und der Hand­lungen und Lehren. Immer ist es beim Be­schreiben des Heilandes, trotz abwechseln­den Verhaltens desselben, die gleiche Würde, Güte und Wahrhaftigkeit, die gewahrt wird. Überall bemerkt man die stete psycholo­gische Entwicklung und das Fortschreiten auf der Bahn des Erdenwandels des Herrn, sodaß man bei alledem die sichere Über­zeugung gewinnt: so kann nur ein Augen- und Ohrenzeuge berichten, so kann diesen schwierigen Stoff nur ein menschlicher Geist beherrschen und meistern, der zugleich von einem übernatürlichen Erkenntnislicht der echten Visionsgabe erleuchtet ist.

B. Die halböffentlichen Versammlungen

Bestimmte Leute zu einer halböffentlichen Versammlung zusammenzurufen, ist nicht die Gepflogenheit Jesu; denn Er will nicht einmal den Schein einer geheimen oder esoterischen Lehrgemeinschaft nach Art einer religiösen Sekte oder Philosophen­schule erwecken. Deshalb lobt Er auch nie­mals öffentlich die Essener, die Er gern besucht und mit denen Er mütterlicherseits in verwandtschaftlicher Beziehung steht; und deshalb kann Er Sich auch später mit Recht vor dem Hohenpriester Annas auf die Öffentlichkeit Seiner Lehre berufen (J. 18, 20).

Nur einmal macht Er hiervon eine Aus­nahme, nämlich als Er Sich mit den Jüngern unmittelbar nach Ostern 32 der systematisch eingesetzten Verfolgung seitens des Syn­edriums und der Pharisäer für die Zeit­spanne von nahezu drei Monaten von der Öffentlichkeit zurückzieht.

In dieser Zeit lehrt Er zu Adama, Seleucia, Tyrus und Amichores-Libnath nur vor halb­öffentlichen Versammlungen. Er will vor den Hörern nur als Wanderprophet gelten. Dementsprechend trägt Er das bräunliche oder graue Kleid mit weißwollenem Mantel, wirkt fast keine Wunderheilung und tritt nicht in Gesellschaft Seiner Jünger auf. Nur ganz unauffällig bleibt Er mit ihnen durch einzelne Boten in Fühlung, und trifft sich einmal mit ihnen entweder unauffällig im Hause Seiner Mutter oder in einer einsam gelegenen Herberge südlich des Landes Chabul; oder die Ihn zu Tyrus besuchenden Jünger wohnen in verschiedenen Hotels verteilt, wo Er sie nacheinander wie zufällig trifft. Dies alles tut Er, um die Seinen zu unterrichten, wie man sich in Zeiten ernst­licher Verfolgungen seitens irdischer Be­hörden verhalten soll.

C. Jesu Lehre vor den intellektuellen Kreisen

Die Jesu feindlichen Gruppen

Die Jesu ausgesprochen feindlich eingestell­ten Gruppen gehören ausnahmslos den in­tellektuellen Kreisen an. Unter den Sad­duzäern und Herodianern gibt es hierin gar keine Ausnahmen. Die beiden Hauptgrup­pen der Pharisäer und Schriftgelehrten wei­sen in seltenen Fällen Ausnahmen einer besseren Gesinnung auf. Unter den Prie­stern, Leviten und theologischen Semina­risten aber gibt es viele löbliche Ausnahmen. Da die Gegner und Feinde Jesu in einem besonderen Abschnitt zur Behand­lung kommen, so sollen von den hier er­wähnten Gruppen nur jene Fälle erwähnt werden, in denen der Heiland mit bessergesinnten Vertretern zusammentrifft und vor ihnen lehrt.

Die bessergesinnten Pharisäer

Nur zweimal lehrt der Herr vor Gruppen bessergesinnter Pharisäer. Einmal sind es von dem mit Lazarus befreundeten Phari­säer Simeon zu Bethanien eingeladene Phari­säer, vor denen Jesus gelegentlich eines Ge­sellschaftsmahles im vermietbaren Festhause Simeons lehrt. Sie hören ruhig zu, beneh­men sich höflich, wohl aus Respekt vor Lazarus und Simeon, und geben sich den vornehmen Anstrich einer wohlmeinenden Neutralität. Auch Jesus erwidert diese Gut­artigkeit, indem Er Seinerseits keine Rüge des üblichen pharisäischen Verhaltens fal­len läßt.

Das andere Mal beschließt das Synedrium zu Gadara, den angekommenen Wunderpro­pheten ruhig in der Synagoge lehren zu las­sen, da man außer manchem Nachteiligen doch auch Gutes von Ihm gehört habe. Da­her spricht auch der Heiland freundlich mit ihnen und geht bei Seiner Belehrung möglichst schonungsvoll ihnen gegenüber vor. Überhaupt sind die im Ostjordanlande wohnenden Pharisäer durchwegs besserer Gesinnung als die des Westjordanlandes.

Die Universitätstheologen

In der Universitäts-Stadt Bethsaida-Julias sind die Professoren angenehm überrascht und innerlich voller Neugierde, als sie von Jesu Ankunft hören. Zugleich sind sie er­freut, daß der Lehrer und Prophet, von dem das ganze Land spricht, nun auch in ihrer Stadt weilt. Sie empfangen Ihn höf­lich, doch mit einer gewissen vornehmen Reserviertheit, und disputieren auch mit Ihm, indem sie viele Fragen aus dem mosai­schen Gesetz und den Propheten vorbringen. Ohne Widersprüche nehmen sie Seine Ant­worten entgegen, machen sich hier und da Notizen, und laden zum allgemeinen Fest­mahl auch die Theologiestudenten ein, da­mit jene den berühmten Propheten in ihrer Mitte sehen und reden hören.

Die Schriftgelehrten zu Saphet

Die Gesetzesschule zu Saphet ist berühmt. Daher fühlen sich die dortigen Schriftgelehr­ten geschmeichelt, daß Jesus auch in ihrer Synagoge lehrt. Sie führen alle Schüler zu den reservierten Plätzen des überfüllten Hauses. Auch Thomas besucht hier seinen alten Professor, der sich freut, ihn wiederzu­sehen, aber verwundert ist, ihn in der Ge­sellschaft der Jünger des Nazareners zu fin­den. Doch Thomas verteidigt die Lehre Sei­nes neuen Meisters, und daraufhin hört der alte Gelehrte aufmerksam dem Lehrvortrag Jesu in der Synagoge zu. Abends hört er Ihn noch einmal an der Festtafel der Schrift­gelehrten und ist Augenzeuge, wie die ganze Gesellschaft regungslos und verwundert den Worten des neuen Propheten lauscht.

Im Kreise der Priester

Mit den einfachen Priestern verkehrt Jesus zumeist reibungslos. Selbst im Tempel zu Jerusalem treten sie nicht gegen Ihn auf, wenn Er einmal zu einer Gruppe von ihnen spricht. Zwar sind sie etwas erschrocken, wenn Er unerhörte Dinge von Sich und der Zukunft sagt, aber mehr im Hinblick auf die Pharisäer und die Schriftgelehrten. In vielen Synagogen reichen sie Ihm gern die Rollen der fälligen Perikopen zum Verlesen und Erklären. Auf Sabbatspaziergängen besprechen sie mit Ihm gern die kommende Predigt, um von Ihm etwas Gutes zu lernen. Ja, zu Dothaim bedienen sie bei Tisch Ihn, die Jünger und die heiligen Frauen mit demutsvoller Höflichkeit, als der Herr auf einer Durchreise in einer von Ihm ge­mieteten Herberge absteigt und von den Ihn bis hierher begleitenden Frauen Abschied nimmt.

Anläßlich des Purimfestes zu Nazareth am 12. März 32 ist der Herr Gast der Priester im Festhaus; und beim üblichen gegensei­tigen Austausch von Geschenken erhält Jesus einen Festrock mit Quasten, den Er aber mit Takt einem anderen gibt.

Am nächsten Morgen wandelt Er mit den Priestern in den Lehrgärten vor der Stadt. Sie haben Schriftrollen bei sich und lesen mit Ihm abwechselnd aus dem Buche Esther vor. Darauf spricht Er vor ihnen auch über theologische Fragen. Bei Seiner Abreise geben sie Ihm das Geleite. Er lehrt noch vor ihnen, und sie können gar nicht begrei­fen, woher Ihm diese Kenntnisse nach so kurzer Abwesenheit gekommen seien. Sie finden Seine Lehre unwidersprechlich, keh­ren nachdenklich zurück und haben in der Folgezeit noch manche Zusammenkünfte, bei denen sie über Seine Worte miteinander diskutieren.

Im Kreise der Leviten

Die täglichen Ehrungen, die dem Herrn auf Seiner Rundreise durch Peräa und Galaaditis im September 32 zuteil werden, haben in erster Linie in den Leviten ihre Urheber, die ihre Wohnsitze in jenen Städten haben, die Jesus hier besucht. Sie führen den neuen Propheten zu allen historischen Stätten, machen mit Ihm Ausflüge, lauschen mit Aufmerksamkeit Seinen Lehrvorträgen und stellen in ernster Wißbegierde Fragen an Ihn, wie z. B. in Abila, wo sie Ihn bei einem Ausflug um Auskunft über messianische Psalmen bitten mit den Worten: „Du bist gewiß der Nächste am Messias, Du wirst es uns sagen.“ Der Herr beantwortet alles geduldig und freundlich, nimmt alle ihre Ein­ladungen an und paßt Sich Selbst ihren Stadtgebräuchen an, indem Er z. B. in Azo und Abila auf dem Synagogendach unter einem Zelt übernachtet.

Im Kreise der Essener

Gern verkehrt der Herr mit jenen Essenern, die vor dem Nordtore Nazareths wohnen. Früher wohnten sie am Tal Zabulons mehr gegen Sephoris zu, sind aber aus Freund­schaft zur heiligen Familie vor das Nordtor von Nazareth gezogen. Als ihr geistiges Ober­haupt verehren sie noch zu Beginn des öffentlichen Lehrwandels Jesu jenen ehr­würdigen Greis Eliud, den Jesus Seiner ganz besonderen Freundschaft würdigt, und mit dem Er Sich noch kurz vor dessen Tode die ganze Nacht hindurch über hohe christliche Mysterien unterhält. Es fällt jedoch auf, daß der Herr nur die Häuser dieser Essener bei Nazareth oftmals besucht, nie aber die anderen Niederlassungen der Essener im Lande. Doch hängt dies offenbar mit der schon erwähnten Absicht Jesu zusammen, den Anschein Seiner Zugehörigkeit zu die­sem Orden zu vermeiden. Vielleicht haben deshalb auch die Evangelisten niemals etwas von Essenern erwähnt, nicht einmal ihren Namen.

Die Genossenschaft der Nasiräer

Es sei hier bemerkt, daß in Anbetracht der Fülle des im vorliegenden Buche zu behan­delnden Stoffes, der eigens die Person Jesu betrifft, alle langen historischen Beschrei­bungen der Entstehung und der Lehren der Pharisäer, Sadduzäer, Leviten, Essener, Nasiräer, Rechabiten und Karaiten absicht­lich beiseite gelassen werden, da man hier­über in vielen Wörterbüchern leicht den ersten Aufschluß erhalten kann.

Zu Jezrael lehrt der Herr den Nasiräern zu Gehör, die hier ihre Ordenshäuser besitzen.

Er lehrt von der Taufe des Johannes, sagt aber auch, die Frömmigkeit sei etwas Gutes, aber die Übertreibung gefährlich. Die Wege zum Heil seien verschieden, und die Ab­sonderung in der Genossenschaft werde (außerhalb des Hl. Geistes und der Kirche) leicht zur Sekte; man sehe mit Stolz auf die armen Brüder herab, die nicht nachkommen können und doch von den Stärkeren geför­dert werden sollten.

Am nächsten Tage speist Er im Junggesellen­haus der Nasiräer. Hier spricht der Herr zum ersten Male von der Beschneidung, daß dieses Zeichen einen Grund in sich habe, der aufhören werde, sobald das Volk Gottes nicht mehr fleischlich aus dem Stamme Abrahams, sondern geistig aus der Taufe des Hl. Geistes hervorgehen werde.

Bei Rechabiten und Karaiten

Vor der Sekte der Rechabiten spricht der Herr über ihre unerbittliche Strenge gegen Mörder und Ehebrecher, deren Wiederaus­söhnung jene gar nicht zulassen wollen. Auf einem Ausfluge in die Weinberge überzeugt Er sie von ihrem nichtigen Grunde, nicht einmal Weintrauben zu essen und erinnert sie hierbei an Jeremias (Kapitel 35).

Im Kreise der Karaiten lobt Er die bei ihnen vorherrschende Verehrung der Kin­der gegen die Eltern und der Schüler gegen die Lehrer, ihre Hochachtung vor dem Alter und ihre Aufmerksamkeit gegen die Armen und Kranken, die sie in wohlgeordneten Häusern pflegen.

Jesus und die weltlichen Gelehrten

In Gruppen treten Ihm die weltlichen Ge­lehrten niemals entgegen, sondern nur ein­zeln anläßlich von öffentlichen Disputatio­nen, die die Pharisäer zweimal für Ihn in der Synagoge arrangieren, um Seine Weisheit auf die Probe zu stellen. Nacheinander geht der Herr rein fachwissenschaftlich auf die Probleme eines Juristen, eines Medi­ziners und eines Astrologen ein. Aber dann führt Er jene Wissenschaften auf den Schöp­fer zurück und betrachtet die menschlichen Wissenschaften unter der Rücksicht der Ewigkeit. Die Fachgelehrten staunen über Jesu unerhörtes Wissen, aber die anwesen­den Pharisäer führen es auf einen vermeint­lichen Verkehr mit den Dämonen zurück.

Hier sei noch bemerkt, daß Jesus alle jene Anwärter auf Seine Jüngerschaft abweist, und zwar einige zu wiederholten Malen, die studiert haben und in der Absicht um Auf­nahme bitten, um durch den Umgang mit Ihm besondere Fortschritte in der Theologie und Philosophie zu erzielen, und die wo­möglich in ihrer Vaterstadt mit solchem erworbenen Wissen glänzen und derselben eine Ehre verschaffen wollen. Die Pharisäer und zugleich die Eltern und Verwandten solcher Anwärter empören sich über die Abweisungen und zeihen Ihn der Lieblosig­keit und Anmaßung. Selbst Seine Jünger, zumal Thomas, verstehen anfangs dieses Verhalten des Meisters nicht, bis Er sie näher über Sein Reich und die Aufgabe der von Ihm berufenen Jünger aufklärt.

Aus ähnlichen Gründen weist Er auch kurz hintereinander drei Schriftgelehrte ab, die um engere Aufnahme bitten. Er durchschaut ihre irdischen Nebenabsichten, ihre geistigen Seitenblicke auf eigenes Ansehen bei den Mitmenschen, und das genügt, um sie abzu­weisen und ihnen die Berufsgnade vorzu­enthalten. Und selbst bei den eigenen Jün­gern bekämpft Er durch Wort und äußere Aussetzungen fortwährend die menschliche Furcht, Sich in den Augen der Welt und der studiert habenden Pharisäer und Schrift­gelehrten womöglich lächerlich zu machen, ganz abgesehen von der unnützen Sorge um ein gesichertes Einkommen und um einen gesellschaftlich gesicherten Ruhestand.

D. Jesu Lehre vor den Handel- und Gewerbetreibenden

Die äußeren Gelegenheiten solcher Lehren

Ebensowenig wie die intellektuellen Kreise ruft auch Jesus nicht bestimmte Klassen und Gruppen von Gewerbetreibenden zur Standeslehre zusammen, sondern Er spricht zu ihnen bei irgendwelchen Gelegenheiten, sei es, daß Er bei einem ihrer Arbeits­plätze vorbeikommt, oder sei es, daß sich eine größere Mehrzahl von Mitgliedern eines bestimmten Gewerbes unter den allgemei­nen Hörern befinden. Im letzteren Falle wendet Er Sich während Seines Lehrvor­trages plötzlich an sie, erzählt ein Gleich­nis, welches ihrem Gewerbe entnommen ist, oder wendet eine bestimmte Sittenlehre auf sie an.

Im folgenden werden alle diese Stände auf­gezählt, die Katharina Emmerich an ihren Arbeitsstätten und unter den Hörern der Lehre Jesu schaut, und deren Gesinnung und Berufscharakter sie oft bis ins kleinste Detail hinein beschreibt. Schon diese Man­nigfaltigkeit spricht für die Echtheit ihrer Schauungen, aber noch mehr für die all­seitige Lehrtätigkeit des Heilandes, die dem Leser lebendig vor Augen zu führen, die Hauptabsicht des vorliegenden Buches ist.

Die Großkaufleute

In Kisloth-Tabor spricht der Herr vor den Großkaufleuten, die hier mit den neu ge­gründeten Färberei-Fabriken in Verbindung stehen. Man versucht, die große Kon­kurrenz zu Tyrus zu schlagen und zahlt den hiesigen Arbeitern ungewöhnlich niedrige Löhne. Deshalb warnt Jesus die Ihm zu­hörenden Kaufherren vor den seelischen Gefahren übertriebener Gewinnsucht. Der Kaufmannsstand, so betont Er, sei noch ge­fährlicher als der der Zöllner, und hierbei weist Er auf die dicken Kamelhaarstricke hin, mit denen die Jünger den Redeplatz vor dem Hotel abgegrenzt haben, und sagt: „Leichter geht ein Kamel (-haarstrick) durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes“ (Mt. 19, 24).

Daraufhin steht einer der Kaufleute auf, und verteidigt seinen Stand mit dem Hin­weis auf die Almosen, die man vom Gewinne abgebe. Doch Jesus erwidert: die Almosen, die man dem Schweiße anderer Armer er­presse, brächten keinen Segen. Und in ähn­licher Weise spricht Er auch vor den Groß­kaufleuten in Gennabris und vor den Bör­sianern zu Thebez an der großen Handels­straße Jerusalem-Damaskus.

Die Karawanen-Kaufleute

In Gerasa, 14 km östlich von Kapharnaum, kehrt der Herr im großen Karawanenhotel ein, läßt die Karawanenkaufleute durch die Jünger zum nächsten Tage zur Lehre ein­laden und unterrichtet die Versammelten in Form von Fragen und Antworten: „Wo seid ihr her? Was bewegt euch zur Reise? Was erwartet ihr vom neuen Propheten?“. So fragt Er die Gruppen, indem Er zwischen ihnen die Anhöhe des Berges langsam hin­aufsteigt. Er lehrt, wie sie werden müssen, um das letzte Ziel der Lebensreise zu er­reichen, und ruft einmal aus: „Selig, die weit und mühsam gereist sind, um das Heil zu suchen. Wehe aber denen, in deren Hei­mat es aufsteht, und die es nicht aufneh­men!“ Hierauf erklärt Er denen, die aus dem fernen Arabien gekommen sind, um nach Tyrus und Syrien zu reisen, die Weissagungen vom Messias und die Heils­berufung der Heiden; und Er erzählt vom einstigen Zuge der Drei Könige aus dem Morgenlande, die auch zugleich Großkauf­leute gewesen; denn manche der Hörer, die von Mesopotamien und dem Irak gekommen, wissen von ihnen und ihrer damaligen Reise.

Auch in Thebez und Beth-Araba predigt der Herr vor den Karawanen-Kaufleuten in ähnlicher Weise und veranlaßt sie in der letzteren Stadt, Kleider und Decken zu jenen von Ihm geheilten Besessenen hinausschaf­fen zu lassen, die bisher draußen nackt in Höhlen hausten.

Die Kleinhändler und Krämer

Das Städtchen Ophra, südlich von Jericho, weist eine Art von Krämer- und Schmuggler-Wohlstand auf. Die Einwohner verstehen es, von den durchreisenden Kaufleuten tüch­tigen Nutzen zu ziehen. Sie sind nicht bös­artig, aber oberflächlich und leichtlebig, wie oft jene Kleinhändler und Stations­wirte, denen der Gewinn zu gewissen Zeiten unvermutet, leicht und schnell entgegenfliegt. Hier spricht der Herr gegen den Wucher und Schleichhandel und ermahnt die Händler und Wirte, aus ihrer Lauigkeit und Sicherheit zu erwachen, damit das gött­liche Gericht sie nicht überrasche.

Ein anderes Mal bringt Er einen ganzen Tag auf dem Wege zwischen Nebo und der Jor­danfurt El Henu zu, und spricht vor den Wein- und Obsthändlern, die hier ihre Zelt­stände aufgeschlagen haben und an den Rei­senden verdienen. Er geht von Stand zu Stand und sammelt auch kleine Gruppen um sich.

In Thänat-Silo spricht Er vor den Feld­frucht-Händlern wider die unnütze und übertriebene Lebenssorge, indem Er das Gleichnis von den Lilien auf dem Felde (Mt. 6, 25) erzählt, und warnt vor der gie­rigen Erwerbssucht, die hier stark eingeris­sen ist.

Jesus und die Zöllner

Sein vielfacher Verkehr mit den Zöllnern ist schon aus den Evangelien bekannt. Sie sind alle wie verschworen, und wenn einer die Leute mehr als die anderen betrügt, so teilen sie doch alles miteinander. Sie hängen mit den Römern zusammen, und in Rom gibt es regelrechte Börsen, an denen die Beteiliger auf die Gewinne aus den überall neu eingerichteten Zollstationen des Reiches spekulieren und hieraus ihren Nutzen ziehen.

An der großen Handelsstraße Arabien-Ägypten – Syrien besucht der Herr zwischen Jezrael und Apheke die wohlhabende Zöll­neransiedelung, die eine eigene Synagoge besitzt, und belehrt die Zöllner zwei Tage und eine ganze Nacht. Er besucht sie in ihren Häusern und lehrt in ihrer Schule. Sie nehmen Ihn gut auf. Sie staunen über sein Wissen von ihren einzelnen Erpressungen, denn Er sagt einzelnen auf den Kopf die genaue Art der Ware und die Zahl von Goldstäbchen und von drei- und viereckigen Münzen zu, die sie über den schuldigen Zoll hinaus von den Reisenden erpreßt haben. Viele bekehren sich ernstlich aus Scham, und eine kleine Gruppe zieht ein Stück Weges mit Ihm, um dann zur Taufe des Johannes zu reisen.

In gleicher Weise lehrt der Herr vor den Zöllnern an der Jordan-Überfuhr von El­ Roranije an der Handelsstraße Jerusalem-Dibon-Philadelphia, wo Ihn die bekehrten Zöllner zuletzt fragen, was sie mit dem un­recht erworbenen Gute machen sollen. Er bestimmt den Ankauf mehrerer Äcker für die Witwen bei Jerusalem, legt ihnen auch aus, warum gerade Äcker, und dies hängt wieder mit Seiner Ausführung der Parabel vom Sämann zusammen.

Einen ganz besonderen Erfolg erzielt Seine Predigt bei den Zöllnern vor Gessur an der Damaskus-Straße. Hier lehrt Jesus auf der großen Terrasse, auf der die durchgehenden Waren verpackt und verzollt werden. Zwei Tage später teilen die Zöllner den größten Teil ihrer Reichtümer aus. Der Herr steht bei den großen Getreidehaufen, die sie den Armen ausmessen und leitet die Abgabe bestimmter Äcker und Gärten an arme Tagelöhner und Sklaven, und den weiteren Schadenersatz, den die Zöllner an ihnen bekannte und erreichbare Reisende in die Wege leiten.

Jesus und die Architekten

Bethsaida-Julias ist zum größten Teil eine Neustadt, und es wird immer noch viel dort gebaut. Bei Seiner Anwesenheit in dieser Universitätsstadt führen Ihn auch einige Architekten am Vormittag zu ihren Neu­bauten, und Er knüpft an ihre Pläne und Anfänge an und spricht im Gleichnis vom sicheren Fundament (Mt. 7, 24-27) und vom weggeworfenen Stein, der dann zum Eckstein wird (Mt. 21, 42).

Während Seines Aufenthaltes auf der Insel Cypern führt man den Herrn bei Salamis zu den römischen Wasserleitungen, zeigt Ihm die Wasserbehälter und klagt über das schlechte Wasser. Er spricht über den neu anzulegenden Behälter und schließt daran einen Vortrag über einen einzurichtenden Taufbrunnen an. Zwei Tage später hat Er mit dem römischen Gouverneur an dem Stadtbrunnen ein Gespräch über die ver­schiedenen Quellen trüben und klaren, bit­teren, salzigen und süßen Wassers, von dem Unterschied ihrer Wirkungen und der Brun­nenbauten, und auch hier kommt Er auf das Wasser der Taufe und die Wiedergeburt der Menschen durch Buße und Glauben zu sprechen.

Jesu Lehre bei Bergwerken

Auf Seinem Wege von Ephron nach Betha­ramphtha-Julias lehrt Er bei einem Berg­werk, wo das Erz gegraben wird, das man zu Ephron in Nordperäa verarbeitet (ver­hüttet).

Bei Seinem Aufenthalt auf der Insel Cypern besucht Jesus mit Seinen Jüngern Jakobus Minor, Barnabas, Mnason, Jonas und Azor die Bergwerke vor Chytrus und lehrt vor einzelnen Gruppen der Grubenarbeiter. Sie sehen sehr mager, elend und bleich aus und sind an vielen Stellen ihres nackten Leibes mit braunen Lederstücken gepanzert. Jesus lehrt vom Goldschmied, der das Erz im Feuer reinigt. Die Gruben sind teils von Heiden, teils von Juden gepachtet. Nach der Lehre kommen jüdische Bergleute zum Herrn, klagen, daß die Heiden unter dem Weg hinweg in ihre Grenze gearbeitet und sie bestohlen hätten, und bitten Ihn, es zu entscheiden. Daraufhin läßt Jesus nahe an der Grenze auf jüdischem Grunde bohren, und man stößt auf heidnische Gänge. Es sind da Nester weißen Metalls, vermutlich Zink oder Silber; und das hatte jene herübergelockt. Jesus lehrt nun vom Ärgernis und ungerechten Gute (Mt. 18, 7), und was du nicht willst, daß dir geschehe (L. 6, 31). Die Heiden sind damit überwiesen, und es sind Zeugen genug da. Weil aber ihre Obrig­keit nicht zugegen ist, wird nichts aus­gemacht, und die Heiden ziehen sich mur­rend zurück.

Der Herr spricht vor Metallarbeitern

In Chytrus selbst sind die Metallarbeiter und Schmelzer Seine Zuhörer. Sie haben ihre Hüttenwerke auch in der Stadt. Es ist da ein erstaunliches Hämmern und Klopfen, daß man sein eigenes Wort nicht hört; doch die meisten Werkstätten liegen vor der Stadt. Auf der anderen Seite gehen bei einem nackten Gebirge vom Wege aus Höh­len in den Berg, wo sie Kupfer und weißes Metall, wie Silber, ausgraben. Auch von oben bohren sie nieder. Sie müssen hier auch schmelzen, und zwar mit einem gelben Brand; es ist ein ganzer Berg davon in der Nähe. Sie kneten das Zeug in große Ballen und trocknen es; und man spricht auch da­von, daß sich der Berg manchmal entzündet.

Auf Seinen Lehrreisen kommt der Herr bei Gerasa in Gaulanitis (nicht zu verwech­seln mit dem großen Gerasa in Galaaditis) bei einer Metallschmiede vorbei, wo lange eiserne Stangen und auch eiserne Röhren geschmiedet werden. Sie schmieden die Stan­gen platt und löten sie rund zusammen. Sie arbeiten nicht mit Holzfeuer, sondern bren­nen schwarze Klumpen, die sie aus der Erde herausholen. Das Eisen beziehen sie aus Argob, wo gelber Ockergrund vorhanden ist. Auch zu Ephron in Nordperäa, wo Jesus lehrt und heilt, gibt es Gießereien und Metallschmieden, wo Töpfe und Rinnen hergestellt werden, auch Röhren für Was­serleitungen, wobei zwei Rinnen zusammen­gelötet werden. Bei Bezech in der Nähe von Scythopolis spricht der Herr vor Leuten, die Ackergeräte herstellen.

Bei den Holzarbeitern

Ganz am Anfang Seines Lehrwandels hält Sich der Herr am Hieromax-Fluß bei einer Schiffswerft auf, wo sich die Arbeiter nicht recht helfen können. Er gibt ihnen fach­männische Ratschläge, legt Selbst mit Hand an bei ihrer Arbeit, schleppt Balken heran und ermahnt sie unter der Arbeit zur Liebe und Geduld.

In Gischala und hinter Antipatris spricht Er vor Holzarbeitern, die aus den dortigen Bäumen Bau- und Hartholz herstellen; ebenso zu Arga, wo man ungemein hartes Holz zu Tischen mit allerlei eingelegten Mustern verarbeitet; und im Hain Moreh vor Arbeitern, die aus den Nüssen der Tere­binthen Knöpfe für Pilgerstäbe herstellen; und bei den Karaiten zu Jogbeha belehrt Er die Verfertiger von Holzgefäßen.

Bei den Gerbern und Lederarbeitern

In der Heimat des Judas Ischariot, zu Meroz und Ischariot, predigt der Herr vor den Gerbern, die Felle und Leder bereiten, aus denen sie Pelze, Kleider, lederne Sohlen, Riemen, Gürtel, Schilder und Soldaten-Wämser herstellen. Bei dem kleinen Orte Ischariot benutzt man die vom sumpfigen Boden, dem heutigen Merdsch el Rarak, gebildeten Pfützen zum Gerben. Dort ist der Onkel des Judas Ischariot Besitzer einer solchen Gerberei, und Judas wird von ihm bald mit Eseln ausgesendet, um rohe Häute einzukaufen, bald mit bereitetem Leder nach den Seestädten.

In der jüdischen Vorstadt der Römer-Garni­son Gischala predigt der Herr vor Fabrikan­ten von Lederwerk für römische Kavallerie und Infanterie; und in Akrabis, Thänath­-Silo, Ulama und Hukok vor den Arbeitern von Sandalen und Bergschuh-Fabriken. In Akrabis flechten und wirken auch Frauen aus braunen Ziegen- oder Kamelhaaren Soh­len, unter denen nachher hinten und vorn Absätze befestigt werden, die auch mit Haken und Stacheln versehen werden, um besser auf die Berge klettern zu können. Aus der Sandalenfabrik zu Dalmanutha ent­nimmt Jesus mehrere Seiner Gleichnisse. So vergleicht Er die Nazarener mit den Sandalenarbeitern von Dalmanutha: „Sie sind wie jene, ihre eigenen Kinder ver­schmähen sie, und sobald sie in die Fremde gestoßen sind und irgend etwas gelernt haben, von schönen grünen Sohlen, eine neue Mode, so lassen sie sie wieder kommen aus Neugier und wollen dann prahlen mit den Sohlen, welche doch — wie diese Ehre ­mit Füßen getreten werden. Ich bedarf die­ser Ehre nicht, die schön gefärbt dasteht und die nachher unter die Füße in den Kot getreten wird.“

Bei den Strohmatten- und Korbflechtern

Zu Koreä spricht der Herr vor den Flecht­arbeitern, die Bienenkörbe herstellen und gröbere und feinere Strohmatten für ganze Wände, um Schlafräume abzusondern; eben­so zu Jogbeha, wo man aus den hier wach­senden Weiden Transport- und Bienenkörbe verfertigt.

Bei den Zelt-, Teppich- und Deckenwebern

Vor den Arbeitern und Arbeiterinnen die­ses im Lande stark verbreiteten Gewerbes spricht Jesus an vielen Orten. In Kibzaim wohnen viele Zelt- und Teppichmacher; im Fischerort Bethsaida verfertigt man außer Teppichen auch Decken aus Ziegen- und Kamelhaaren. Von den Zeltmachern und Teppichwebern bemerkt Jesus, sie lieben ihre Nächsten, die ihnen viele Zelte ab­kaufen; ihre eigenen Armen aber lassen sie ohne Obdach. In Arga besucht Er zwischen Stadt und Stadtmauer die langen Zelt­gebäude, wo Frauen an ausgespannten lan­gen Bahnen sitzen und an großen Teppichen arbeiten, die hier noch viel künstlicher ver­fertigt werden als in Ramoth-Galaad, wo Er vor zwei Tagen gepredigt hat. Auch in Bethsaida-Julias sind die Zelt- und Decken­arbeiter unter Seinen Hörern.

Bei den Tuchwebern und Spinnern

Bei Seiner Ankunft in Sunem ist ein er­staunliches Gedränge um Jesus. Es sind zum größten Teil Weber, die zur Lehre des neuen Propheten zusammeneilen. Sie weben von gezwirnter Seide schmale Bahnen auf Ränder, einfach und auch mit Blumen. In Amichores-Libnath lauschen Seiner Predigt die Weber, die feines, wollenes Tuch weben, welches in Tyrus gefärbt wird; und Handels­straßen ziehen sich von hier nach Arabien und Syrien. Zu Engannim lehrt Er die Tuchweber und Spinner für Priesterkleider, die auch Quasten, seidene Fransen und Knöpfe verfertigen, die am Saume dieser Kleider hängen. In Nieder-Sephoris hören Ihn die armen Frauen, die Tücher weben, und die reichen Frauen, die Seidenquasten und Borte für den Tempel bereiten. Auch in Kirjathaim bearbeitet man allerlei Priesterzeug und Seide, deren Stoffe man aber hier von auswärts bezieht. Zu Dabrath am Tabor besucht der Herr die Tuchfabrik eines Neffen Seines Nährvaters Joseph namens Jesse, der Wolle aufkauft, die in seiner Fabrik gewaschen, gesponnen und zu feinem Tuch gewebt wird.

Jesu Bergpredigt bei Gabara hören die Ein­wohner dieser Stadt, die in seidenartiger Baumwolle arbeiten und unter anderem Zeug auch Betten für vornehme Leute von roter, gelber und blauer Baumwolle ver­fertigen. Solche Decken werden an Haken ausgespannt und festgeschnürt, und dies ist dann das ganze Bett. In Hukok hören Ihn die Einwohner, die hier feine Stoffe, lange wollene Tuchbänder, Quasten und Fransen von Seide anfertigen und auch Sohlen, mit zwei Absätzen darunter stricken, die in der Mitte biegsam sind und den Staub durch die Löcher wieder herausfallen lassen. In Argob predigt Jesus vor Männern, Frauen und Kindern, die Baumwolle verarbeiten und spinnen und weben.

Gelegentlich einer Karawanenpredigt Jesu hören auch die mitreisenden Araberinnen zu, die im Gehen und Reiten zu spinnen und Decken zu flechten pflegen. Die Wolle hierzu ist auf die Böcke gepackt. Sie haben diese Wolle an einer Schulter angeheftet, spinnen mit der einen Hand den Faden und wickeln ihn auf eine Art Spindel, die sie in der anderen Hand immer drehen. Ist die Spindel voll, so wickeln sie dieselbe wieder an einer Rolle ab, die an ihrem Gürtel befestigt ist. Jesus knüpft die Rede bei ihnen an, indem Er ihren Fleiß lobt und dann fragt: für wen alle diese Mühe und Arbeit? und hierauf spricht Er vom Schöp­fer und Erhalter aller Dinge, vom Dank gegen Ihn und von Seinem Erbarmen mit den Sündern und verlorenen Schafen, die herumirren und ihren Hirten nicht kennen. Er segnet auch ihre Kinder, und alle sind gerührt und fröhlich über Seine lieben Worte und wollen Ihm allerlei schenken.

Jesus in der Stickerei-Fabrik

Zu Abram in Mittelgaliläa besucht der Herr eine Stickerei-Fabrik junger Frauen und Mädchen. Die Vorsteherinnen führen Ihn durch die Reihe der Arbeitssäle, in denen lange Bahnen von verschiedenen Stoffen bis zur Breite der breiten Gürtel ausgespannt sind, und deren fertiges Ende immer wieder aufgerollt wird. Die Muster, nach denen sie arbeiten, stehen auf Stoffen gemalt vor ihnen. Sie arbeiten mit feiner bunter Wolle, auch mit Seide, und gelb ist eine der häufig­sten Farben. Sie benutzen keine Nadeln, sondern kleine Häkchen. Ihre Arbeiten sind verteilt und sie schreiten nach Alter und Talent vorwärts. Die ganz jungen Mädchen bereiten Fäden, die nächst älteren streichen Wolle, andere spinnen, und die ältesten sticken verschiedenste Figuren, Blumen, Blätter, Bäumchen und Schlangenlinien. Diese Arbeiten werden von auswärts her bestellt, auf Verkauf vorbereitet und auch den Heiden gegen Stoffe eingetauscht. Jesus läßt Sich einzelne Arbeiten zeigen und hält dann eine längere Ansprache an alle Arbeiterinnen in einem besonderen Saal, der sonst dem Religionsunterricht dient.

Auch in Ramoth-Galaad spricht Er vor Frauen und Jungfrauen, die in langen Zelt­häusern Decken für den Tempel und den Handel herstellen und allerlei Blumen und Tiere hineinsticken; ebenso in Eleale, Arga und Azo.

Jesus in den Färbereien

Gelegentlich Seines Besuches bei der soge­nannten Syrophönizierin besichtigt Er deren Webereien und Färbereien. Auf den großen Gebäuden sind auf Gerüsten fahle und gelbe Zeuge ausgespannt. Auch zu Kisloth-Tabor hören Ihn die Arbeiter und Arbeiterinnen der dortigen Seidenfärbereien, deren Stoffe hier auch zugleich zu Fransen und Quasten an den Priesterkleidern verarbeitet werden.

Sein Besuch bei der Kräuterpresse

Der Herr läßt es nicht nur zu, daß Er an vielen Orten beim Ehrenempfang oder bei Tisch mit duftendem Öl gesalbt und von Verehrern Seiner Person mit kostbaren Kräutern und Spezereien beschenkt wird. Er sucht auch jene auf, die diese Luxus­artikel mit vielem Fleiß herstellen und bereiten.

Zu Dabrath besucht er das lange Gebäude einer Presserei, wo verschiedene Kräuter, die teils am Tabor wachsen, teils aus der Fremde kommen, ausgepreßt werden. Runde hohle Stämme stehen hier in Trögen, in denen durch einen beschwerten Stempel die eingelegten Pflanzen ausgepreßt werden. Die Röhren, aus denen der Saft fließt, rei­chen aus dem Gebäude heraus und sind mit Zapfen versehen. Wenn die Stempel nicht mehr pressen sollen, werden Keile vor­geschoben. Man bereitet hier auch Myrrhen-Öl. Zu Dan oder Lais, westlich von Caesarea-Philippi, besucht der Herr auch die vielen Hügel, Terrassen und Spalierwände, wo unter anderem jene Gewürze, wie Kalmus, Myrrhen und Balsam, und viele wohlrie­chende Kräuter gezogen werden, die man nach Tyrus und Sidon in Körben auf Eseln und Kamelen verschickt. Auch in Arga be­sucht Jesus die Fabrik, wo solche Spezereien in Ballen gepreßt und bereitet werden, wie man sie zum Balsamieren bei den Juden verwendet; und als Er den reichen Groß­kaufmann Cyrinus in Salamis auf Cypern besucht, läßt Er Sich von ihm das Magazin der Spezerei- und Kräuter-Gefäße zeigen, die Cyrinus zum Teil auch von Jesse aus Dabrath bezogen hat, um sie weiter zu ver­kaufen.

Jesus und die Hirten

Nirgends fühlt Sich der Heiland so wohl wie in Triften, Ansiedlungen, Wohnhäusern und Herbergen von Hirten, die teils Seine Eltern und Ihn von Kindheit her kennen, oder um deren kindliche Einfalt, Offen­herzigkeit und Heilssehnsucht Er weiß. So läßt Er Sich in Seinem ersten Lehrjahr von Hirten bei Bethlehem den Turm und das Feld, die Krippenhöhle und Höhle Marahas zeigen und besucht alle Hirtengreise in ihren verstreuten Häusern. In den großen Hirten­herbergen zwischen der Wildnis Gibea und Ephraim, dann zwischen Thänath-Silo und Sichem trifft Er Sich mit Seiner Mutter, den heiligen Frauen und Jüngern. Ganz oben am Libanon besucht Er den Hirtenort, wo einst Noemi und Ruth sich aufgehalten, mehrmals besucht Er die Hirten in der Ebene Jezrael, predigt in den Hirtenorten Akrabis, Kimki, dann in der Nähe von Gath-Hepher und Michmethat und Kision und in den Hirtenorten südlich von Naza­reth. Er feiert gern bei ihnen einen stillen Sabbat und spricht über die Parabel vom guten Hirten.

Bei den Kamelzüchtern

„Herr, es ist, als komme mit Dir das gelobte Land in mein Haus!“ ruft der durch Jesu Besuch, Blick und Gruß erschütterte alte Kamelzüchter Ruben aus, der vor dreißig Jahren schon hier gelebt, als die heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten hier in seinem Hause Herberge genommen hatte. Vor ihm und den benachbarten Kamel­besitzern lehrt Jesus an den Stellen, wo Maria und Joseph gespeist und geruht hat­ten, und zeigt ihnen alle damaligen Hand­lungen als Vorbilder ihrer eigenen jetzigen Schritte aus der Sünde zum Heil.

Auch im hohen Gras bei Elkese spricht Er vor Kamelzüchtern; und ebenso auf den Höhen bei Abram, in den Wiesengründen am Phiala-See, auf dem Hochplateau bei Regaba und in den einsamen Gebirgstälern nordwestlich von Garisima.

Der Besuch bei den Imkern im Bienenort

Während Seines Aufenthaltes auf Cypern lehrt der Herr mehrere Tage in einem Bienenort bei Chytrus, der der Hauptsitz der cyprischen Bienenzucht ist. Weit hinaus, der Morgensonne zu, stehen die langen Reihen der mannshohen weißen gefloch­tenen Bienenkörbe. Jeder Bienenstand hat ein Blumenfeld vor sich. Besonders viel Melisse wächst hier; alles ist eingezäunt, und es sieht aus wie eine ganze Stadt. Unter Reihen von Bäumchen sind Matten aus­gebreitet, auf die man die fallenden weißen Blüten sammelt, um sie auszupressen und Farbe daraus zu machen. Auch großer Flachs wird hier gepflegt, aus dem man lange Fäden zieht.

Jesus unter den Fischern

Daß der Herr auch vor Fischern gelehrt hat, ist aus den Evangelien bekannt; aber Er besucht auch die Fischerdörfer oben am Phiala-See und spricht mit den Tierfängern und Wächtern in der großen Schlangenfarm, nördlich von Adama, am Merom-See.

In den Baumwoll-, Öl- und Obst-Plantagen

In der Umgegend von Gischala lehrt der Herr unter den Baumwollstauden und auf den Feldern voll wohlriechender Kräuter, aus denen Nardenöl gemacht wird, und unter den Reihen von Feigen-, Dattel- und Nußbäumen, wo zu dieser Jahreszeit (am 11. November) die Felder und Gärten voll von einsammelnden Menschen sind. Sie scharen sich hier und da um den Herrn und lauschen Seinen Parabeln, deren Stoff Er diesen Früchten und ihrem Ernten ent­nimmt.

An der Südwestseite des Taborfußes über­rascht Er die mit Einsammeln von Baumwolle beschäftigten Plantagenarbeiter. Sie tragen ihre gefüllten Matten schnell nach Hause, kommen zurück, empfangen den berühmten Propheten am Brunnen, führen Ihn in ihre Schule und hören Seine Gleich­nisse vom Sammeln der heilsbedürftigen Seelen. Bei Salamis auf Cypern spricht Er vor den Frauen und Mädchen, die Baum­wolle zupfen und verpacken.

Bei Seinem Besuch in Azo versammeln sich die Arbeiter der großen Ölplantagen um Ihn. Die Ölbäume sind vor der Stadt auf Terrassen kunstmäßig gepflanzt und ge­zogen; während die Ölbäume bei Arga, wo Er einige Tage vorher gepredigt hat, an Spalieren ausgebreitet sind.

In den Obstplantagen bei Eleale und Kib­zaim, im langen Obsttal östlich von Jezrael, in den Obstgärten rund um Thirza, auf den einsam liegenden Obsthügeln zwei Stun­den nordöstlich von Tyrus, und in den Fruchtgärten vor Amichores-Libnath predigt Jesus wiederholt vor den Einsammlern der Früchte, wird von den Besitzern der Plan­tagen bewirtet und spricht oft bis in die Nacht unter den Obstlauben oder in den Vorhallen der Gutshäuser.

Der Heiland bei den Winzern, Gärtnern und Bauern

Er, der vom himmlischen Vater in dessen irdischen Weinberg gesandte Sohn, kommt auch vielmals in die Weinberge der Men­schen, und spricht vor den Winzern bei Beth-Araba und Nebo, bei Juta und Dibon. Von hier entnimmt Er Seine Gleichnisse vom Weinberg und vom Weinstock, von den Reben und Trauben. Mit den Rechabiten macht Er einen Ausflug in die Weinberge bei Abila, und bei Cedar gibt Er einem jungvermählten Paar bis in alle Einzelheiten an, wo und wie sie einen Weinberg anlegen und dann pflegen sollen.

In den Gartenbau-Städten Bethanien, Salem, Thirza, Azanoth und Dan hören Seine Lehre die Gartenbesitzer bis herab zu den Gehilfen und Sklaven. An der Sonnenseite des Talabhanges liegt der Gartenort Dan oder Lais, von vielen Hügeln, Terrassen und Spalierwänden unterbrochen. Er besteht wie aus vielen einzelnen Edelhöfen, deren jeder seine Leute um sich her wohnen hat, sodaß die Gärten und Wohnungen aneinanderstoßen. Hier sind die Apostel und Jünger schon einige Zeit vor der Ankunft des Herrn einmal gewesen, kennen sich schon aus, und führen den Meister durch die Gärten und Terrassen zu einzelnen Häusern, in denen sie Kranke kennen. Unterdes sammeln sich die Gärtner mit den Ihrigen vor dem Hause des Ältesten der Gemeinde und erwarten den Lehrvortrag des Propheten von Nazareth.

In der Gegend von Ono, südlich von Jericho, macht der Herr eine Rundreise bei den einzelnen Bauernhöfen, die, als Johannes noch hier taufte, die Pilger mit Lebensmittel versahen. Überall hält Jesus Lehrversamm­lungen, und am folgenden Tage besucht Er den reichsten Bauer, dessen Felder einen ganzen Berg bedecken. Daselbst ist ein Acker, auf dessen einer Seite noch geerntet wird, während man auf der anderen Seite bereits zu säen im Begriffe ist. Hier lehrt der Herr die Parabel vom Säen und Ernten (Mt. 13, 3 u. 24). Etwas später lehrt Er auf einem alten Lehrstuhl aus den Zeiten der Propheten, den der reiche Bauer wieder sehr schön hat herstellen lassen. Elias und Elisäus hatten sich hier viel aufgehalten, und auch noch andere solcher Lehrstühle sind in dieser Gegend auf Veranlassung des Täufers von den Bauern wieder hergestellt worden.

Jesus unter den Feld- und Straßen-Arbeitern

Auf Seinen Wanderungen liebt es der Herr, zur Zeit der Ernten vom Wege abzuweichen und die Erntearbeiter und Getreide-Ein­sammler zur Zeit der Ruhepausen um Sich zum Lehrvortrag zu versammeln. Auch die Ihn begleitenden Jünger schickt er oft über die Felder, um die auf den Äckern arbeiten­den Sklaven zur Lehre zu rufen.

Begegnen Ihm auf den Handels- und Heer­straßen lange Transportzüge von Holzstäm­men und Steinen, so spricht Er die Fuhrknechte und Träger, und, wenn es vorkommt, auch die solche Züge begleitenden römischen Soldaten an. Man sammelt sich um Ihn und Er erzählt in kurzer, aber packender Form das eine und andere Gleichnis. Bei Beth­-Araba winkt Er die samaritischen Wegbau­Arbeiter zu Seinem Lehrplatz heran und verspricht den schüchtern sich Nahenden, daß Er sie in ihrer Heimatstadt besuchen werde. Aus der Villa des reichen Simeon zu Amichores begibt Er Sich gegen Abend auf die Landstraße, um die vom Straßen­bau heimkehrenden Arbeiter um Sich an der Wegkreuzung zu versammeln. Er belehrt sie nicht nur, sondern befragt sie nach der Art ihrer Beköstigung und Löhnung, und sorgt dann für besseres Essen und prompte Auszahlung eines gerechten Lohnes.

Südlich vom Ölberg besucht Er das Hospi­tal, in welchem die beim kürzlichen Bau­unglück an der Tempelmauer verwundeten Arbeiter liegen, heilt Knochenbrüche, stillt gefährliche Wunden, beseitigt Verrenkun­gen und Quetschungen und tröstet alle In­sassen durch Seine liebevollen Worte.

Und so gibt es wohl kein Gewerbe des da­maligen Palästina, mit dessen Vertretern der die Seelen suchende Heiland nicht wäh­rend Seines öffentlichen Lehrwandels per­sönlich in Berührung gekommen ist. Immer lehrt und verkündet Er dieselbe frohe Bot­schaft, betont immer das Wesentliche, aber paßt sich in Seinen Gleichnissen den ver­schiedenen Berufen und Ständen jeweilig an, und behandelt ungeachtet des Amtes, Standes, Berufes und Besitzes alle, die guten Willens sind, mit derselben Liebe und Güte, und alle, die verkehrten Willens sind, mit derselben scharfen Kritik, angefangen von den Pharisäern, studierten Gelehrten, macht­vollen Präfekten und reichen Großkauf­leuten und Grundbesitzern bis herab zu den schweißbedeckten Schwerarbeitern und ver­achteten Sklaven und den samaritischen Straßen- und Brückenbauern.

E. Jesu Lehre vor Frauen und Kindern Jesus und die Frauen

Die öffentliche Lehre des Herrn hören die Frauen in den größeren Synagogen, beson­ders an den Festtagen, von den für sie be­stimmten erhöhten Tribünen aus. Beson­dere Ansprachen pflegt Jesus vor den Frauen und Jungfrauen nach der allgemei­nen Lehre noch im Vorhof der Synagoge zu halten, wenn Er auch in den oberen Stock­werken derselben Lehrvorträge vor den jungen Männern und Knaben gehalten hat. Andere Gelegenheiten bieten die Volksver­sammlungen an Abenden von Festtagen, zu­mal des Laubhüttenfestes, wo Jesus auch an die Tafeln der Frauen und Mädchen tritt, oder die unter Ehrenbegleitung statt­findenden Einzüge in die Städte, wo Ihm die Frauen mit ihren Kindern entgegen­kommen, um sie von Ihm segnen zu las­sen. Die Ansprachen bei den verschiedenen Arbeitsplätzen der Frauen und Mädchen wurden schon vorhin erwähnt.

Lehren des Herrn, die sich besonders auf die Ehe beziehen, kommen bei Disputatio­nen mit Schriftgelehrten und Pharisäern zur Sprache, und in solchen Fällen handelt es sich stets um Ehescheidung. Hierbei be­weist Jesus ihnen das Verbot der Einschal­tung, das heißt die meist ihre eigene sitt­liche Schwäche begünstigende Einflickung verkehrter Auslegungen in das Ehegesetz. Er verlangt die Austilgung solcher Einschal­tungen, z. B. folgender: Wenn ein Teil der zwei Eheleute früher mit einem anderen zu tun gehabt habe, so bestehe die Ehe nicht, und jener Frühere, der mit dem einen Teile zu tun gehabt habe, könne diesen als den Seinen reklamieren, wenn die Leute auch gut zusammenlebten. Dieses verwirft Jesus und nennt das Scheidungsgesetz nur als für ein rohes Volk gegeben. Wenn ein Teil den anderen gar nicht lieben könne, so könne er sich mit Einwilligung des anderen von ihm absondern, aber der stärkere Teil dürfe den anderen nicht gegen dessen Willen und Schuld vertreiben. Doch eine Wiederver­ehelichung verbietet Er.

Gelegentlich von Hochzeiten und bei Haus­besuchen spricht Er zu einzelnen Frauen oder auch vor größerer Privatversammlung oftmals über das Eheleben, und betont hier­bei stets den Wert der ehelichen Keuschheit. Dies zeigt sich schon auffallend bei der berühmten Hochzeit zu Kana, wo Er ge­legentlich der Gesellschaftspiele durch einen mystischen Einfluß das Zurücktreten des Geschlechtstriebes beim Bräutigam wie bei der Braut bewirkt. Einzeln kommen sie nach dem Hochzeitsmahl zu Ihm und gestehen Ihm ihre Veränderung. Er führt beide zu­sammen, spricht mit ihnen von der Ehe und der gottwohlgefälligen Reinheit und von den hundertfältigen Früchten des Geistes, erzählt ihnen von vielen Propheten und heiligen Leuten, die keusch gelebt und dem himmlischen Vater ihr Fleisch geopfert; wie sie viele verlorene Menschen, die sie zum Guten zurückgeführt, gleich geistlichen Kindern gewonnen hätten, und wie ihre Nachkommenschaft groß und heilig sei. Sie legen ein Gelübde der Enthaltung ab, als Bruder und Schwester auf drei Jahre zu leben. Sie knien beide vor Jesus nieder, und Er segnet sie.

Ist Er Ehrengast bei Hochzeiten, so spricht Er auch mit den Bräuten allein, und zwar einzeln, wenn, wie in den meisten Fällen, mehrere Hochzeiten zusammen gefeiert wer­den. Es ist wie eine Beichte und ein Unter­richt. Er fragt sie, warum sie heiraten, ob sie auch an die Nachkommenschaft dächten und an deren Seelenheil, welches eine Frucht der Gottesfurcht, Zucht und Mäßigkeit sei, oder ob sie ihre eigene Lust und Torheit im Sinne hätten. Die meisten waren hierin nicht unterrichtet, und sie gehen gerührt und ernster von dannen. Auch die Bräutigame unterrichtet der Herr in ähnlicher Weise.

Oftmals betont Er, wo die Ehe uneinig sei und ihren Zweck: Erzeugung reiner, guter Menschen, nicht erreiche, sei allein die Schuld auf der Seite des Weibes. Sie sei das Gefäß, welches empfange, hüte und aus­bilde, sie könne durch Arbeit in ihrer Seele alles in sich und in ihrer Frucht ausgleichen. Sie erziehe die Frucht in sich, sie vermöge das Böse derselben zu tilgen durch Arbeit an ihrer Seele und an ihrem Leibe, und alles ihr Tun gereiche dem Kinde zum Heil oder Schaden. Es sei in der Ehe nicht von Lust, sondern von Kampf wider die eigenen un­geordneten Neigungen die Rede, und ein solches Kämpfen und Siegen mache auch das Kind zum Sieger. Mann und Weib seien in der Ehe ein Leib, das Weib aber sei das Gefäß und empfange und müsse dulden und versöhnen, und könne alles ausgleichen und gutmachen. So die Eltern nicht heilig seien, sei es ein Zerstreuen und Fortpflanzen der Sünde; so sie aber heilig lebten und das Werk der Ehe als Bußstand ansähen und ausübten und die Kinder zum Heile führ­ten, werde es ein Sammeln. Er, Jesus, sei auch der Bräutigam einer Braut, in der die Gesammelten wiedergeboren würden.

Frauen, die sich bei Ihm über ihre Männer beklagen, ermahnt Er zu Milde, Ordnung, Demut, Geduld, Freundlichkeit und Fleiß und warnt sie vor Vorwürfen, Sticheleien, Klatschereien, Murren und Quälen. Auch spricht Er sehr ernst von der unsinnigen Brunst der Geschlechter und von dem teuf­lischen Zug der Ehebrecher und Ehebreche­rinnen zu einander, von dem Fluch der ver­letzten Ehen, der dadurch auf die Kinder solcher Vermischungen komme, obschon die Schuld dieses Fluches auf die Ehebrecher falle. Die unehelichen oder aus ungezügel­ter Lust hervorgehenden Kinder sind mei­stens mit zeitlichen, sündhaften Vorzügen behaftet. Sie sind oft schön, listig, voll Verstecktheit, voll steter Begierde, sie möchten alles an sich reißen und wollen das doch nicht anerkennen.

Auf der anderen Seite zeigt der Herr eine ungewöhnliche Milde gegenüber Ehebreche­rinnen oder in außerehelichem Verkehr lebenden Frauen, wenn diese zu Ihm kom­men und ihre Schuld ernstlich bereuen. Er nimmt sie gegen die Pharisäer in Schutz, sorgt für ihre Aussöhnung mit den Ehe­gatten, führt ihnen die unehelichen Kinder von neuem zu und segnet sie mit ihnen, sorgt in bestimmten Fällen für ihr geord­netes Weiterleben, spricht auch mit den betreffenden Buhlen, empfiehlt die reuigen Frauen an Seine heiligste Mutter und läßt es in einigen Fällen zu, daß sie sich am apostolischen Dienst der heiligen Frauen beteiligen.

Den mit solchem Dienst betrauten Frauen gestattet Er eine neue Art von Freiheit. Er gestattet, daß sie Reisen machen, um an verabredeten Orten Seine großen Predigten zu hören, daß sie die Herbergen der Jünger einrichten und mit Eßwaren, Kleidern und Geräten versehen, daß sie bei den großen Bergpredigten in einer nahen, gemieteten Herberge Speisen für Ihn, die Jünger und die Armen bereiten, Liebesgaben an die Ärmsten verteilen, ja mit Seiner heiligsten Mutter zuweilen die weiblichen Mitglieder von Karawanen unterrichten. Hier und da beteiligt Er Sich auch an den Sabbat­spielen der Frauen, übernimmt bei Hoch­zeiten oder religiösen Festspielen die Rolle des Festleiters auch bei den Frauen und Mädchen, und erzählt ihnen Gleichnisse, die auf ihr weibliches Leben passen.

Jesus unter den Kindern

Die Pharisäer und Schriftgelehrten können es auch gar nicht verstehen, und im Anfang auch die Jünger nicht recht, wenn Er beim Ehren-Einzug in eine Stadt, die Mütter mit den Kindern nicht nur an Sich herankommen läßt, sondern sogar stehen bleibt, die Kleinen anspricht, das eine oder andere Kleinste in Seine Arme nimmt, oder wenn Er die Vornehmen und Gäste in der Fest­halle vor dem Ehrenmahl auf Sich warten läßt, und erst noch eine lange Ansprache an die Kinder hält. Ohne auf die Zeit zu achten, schreitet der liebevolle Heiland die langen Reihen der Kinder und der dahinter mit den Säuglingen stehenden Mütter ab und segnet jedes Kind einzeln, heilt viele von ihren Krämpfen und damals nicht un­gewöhnlichen dämonischen Anfällen. Oft­mals ruft Er die etwas unmutigen Jünger zurück, läßt die Kinder einen Halbkreis bilden, nimmt ein Kind an die Hand, führt es hin und her und legt dies als ein Vorbild aus, wie sich die Erwachsenen genau so gehorsam und willig von der Vorsehung und Leitung des himmlischen Vaters durch das irdische Leben führen lassen müßten.

Rührend ist es zu sehen, wie Jesus die Kin­der des Verwalters auf Lazari Gut bei Ginäa im Garten belehrt. Er hat sie bald vor Sich, bald an Seiner Brust, bald die Kleineren mit den Armen zu zweit umfaßt. Er lehrt sie vom Gehorsam gegen die Eltern und von der Ehrfurcht vor dem Alter. Der Vater im Himmel habe ihnen diesen Vater gesetzt; wie sie ihren Vater ehrten, würden sie auch den himmlischen Vater ehren. Er erzählt ihnen von den Kindern Israels, wie sie gemurrt hätten und darum nicht in das gelobte Land gekommen wären, und doch sei das gelobte Land so schön; da zeigt Er ihnen die schönen Bäume und Früchte im Garten und spricht vom Himmelreich, wie dieses auch uns versprochen sei, wenn wir Gottes Gebote erfüllen, und dieses sei ein viel herrlicheres Land; dies hier sei eine Wüste dagegen. Sie sollten sich das immer in Gedanken vorstellen und es verdienen durch jegliche Arbeit und Mühe. Für den anderen Tag veranstaltet Er dann eine Kindergesellschaft, an der die Kinder aus der ganzen und weiten Nachbarschaft teil­nehmen.

In Abel-Mehola besucht Er zuerst die Kna­ben- und dann die Mädchenschule, hilft ihnen in der Schulklasse bei ihren Rechen­aufgaben, erzählt ihnen die Geschichte von Job und das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, und macht mit den Knaben einen Ausflug ins Freie, wobei Er ihnen lustige und belehrende Gleichnisse erzählt, anknüpfend an die Gegenstände der Natur und an die Spiele ihrer Gesellschaft. Auch in den Diasporastädten besucht Er die Kinder der Heiden, heilt überhaupt immer, wenn Er die Heidenquartiere besucht, zu­erst die Kinder; und dies tut Er offenbar nicht nur, um Sich die Herzen der Erwach­senen zu gewinnen, sondern er knüpft an die Psyche der Kinder Seine Lehren von der Neuen Gotteskindschaft und von der Heils­berufung der Heiden an.

F. Jesu Lehre vor Kranken und Gefangenen

Die Krankenheilung im Dienste der Lehre

Die fast täglichen Krankenheilungen Jesu stehen in erster Linie im Dienst Seiner Lehre; denn Er Selbst sagt (J. 18, 37) : „Dazu bin Ich in die Welt gekommen, um der Wahrheit Zeugnis zu geben.“ Um also Seine übernatürliche Lehre zu bezeugen, verrichtet Er übernatürliche Taten, indem Er die Kranken auf wunderbare Weise heilt. Daher verlangt Er von den zu Hei­lenden den Glauben an Seine Sendung und die Sehnsucht nach dem ewigen Heile der Seele und die Bereitschaft, Seine Gebote zu befolgen; denn viele, die bloß an Seine Macht zu heilen glauben, heilt Er nicht. Auch ist Ihm die körperliche Krankheit die Folge und das Sinnbild der seelischen Schuld und der göttlichen Strafe; die wun­derbare Beseitigung der leiblichen Krank­heit und des leiblichen Todes das äußere Zeugnis Seiner Macht, die Sünden zu ver­geben, und zugleich das Sinnbild der Auf­erstehung der Seele aus der Sünde; und ebenso ist Ihm die wunderbare Verleihung der körperlichen Gesundheit und des kör­perlichen Lebens das Sinnbild für das neue übernatürliche Leben in der Vereinigung mit Gott.

Dementsprechend gestaltet sich denn auch der Inhalt der Lehren, die Er vor und bei und nach dem Heilen den Kranken und anderen erteilt. Er lehrt, wie die Sünden der Eltern und Vorfahren sich in Gestalt der Krankheiten der Kinder und Kindeskinder auf diese vererben, wie gewisse Krankheiten die göttliche Strafe für eigene Vergehen sind, zumal viele Fälle des Aussatzes und der Lähmung. Er ermahnt alle, die Er heilt, dem himmlischen Vater zu danken, die früheren Sünden durch Gebet, Fasten und Almosen zu sühnen, die Genesung auch auf die Seele zu beziehen, und von nun an mit ihrem reinen Körper ein reines seelisches Leben zu führen.

In vielen Fällen beläßt der Heiland es aber nicht nur bei Seiner Heilung und Belehrung, sondern Er sorgt auch für Kleider und Speisung der bisher verwahrlosten Kranken. Diejenigen aber, die zwar an Seine Macht zu Heilen glauben, jedoch nur an die kör­perliche Gesundung denken, um nachher mit den geheilten Gliedern weiter zu sün­digen oder mit ihrer Heilung zu prahlen, heilt Er nicht, läßt sie entweder ganz unbe­achtet oder verweist ihnen ihre verkehrte Gesinnung. Aber selbst manche Gutgesinnte heilt Er nicht gleich; die einen beachtet Er anfangs scheinbar nicht, läßt sie weiter bitten und Ihm nachfolgen, oder Er er­mahnt sie einstweilen zur Buße oder tröstet sie nur, und verspricht ihnen die Heilung bei Seiner späteren Rückkehr. Doch in sol­chen Fällen hält Er stets Sein Versprechen, und auch Katharina Emmerich schaut dann zu irgend einer späteren Zeit die genaue Er­füllung jenes Versprechens.

So ist denn auch mit den Krankenheilungen Jesu immer eine Bekehrung der Geheilten verbunden; und bleiben die Geheilten Ihm und Seinen Geboten nicht treu, so sehen wir oft, daß sie ihre durch Ihn geschenkte Gesundheit wieder verlieren.

In den meisten Fällen geschehen die wun­derbaren Heilungen vor den Synagogen, an den Wegen und auf den Straßen Seiner Lehrorte, an den Bergen Seiner Predigten; alles Plätze, an denen man, sobald man von Seiner Ankunft hört, die Kranken der Stadt und der weiteren Umgegend zusammenbringt und in Reihen aufstellt. Oft läßt Er die versammelten Kranken vorher, während Er noch die öffentliche allgemeine Lehre hält, von den Jüngern, je nach den Gattungen und Arten der Krankheiten, ordnen. Die Jünger sind dabei, um Handreichungen an den Kranken vorzunehmen und um zugleich Seine Krankenlehre zu lernen. Später, nach­dem sie die Gnadengaben der Heilung emp­fangen haben — und auch dies geschieht bei den einzelnen nach und nach —, heilen sie teils in Seiner Gegenwart mit Ihm oder allein auf ihren Missionsreisen.

Viele Kranke sucht der Herr aber auch an ihren Wohnstätten auf, wie bei den Be­suchen in Privathäusern oder in den Hospi­tälern zu Bethel, Bethsaida, Abila, Betha­nien, Thirza, Dothaim, Thänath-Silo und Kapharnaum und in den Kurorten, Heil­bädern und Badeorten, wie z. B. bei Endor, bei Bethulia, Ulama und Adama und am Teich Bethesda. Besonders ergreifend ist Sein Besuch am 24. September 32 in der Blinden- und Taubstummenanstalt zu Abila, der weiter unten im Tagebuch des Lehr­wandels beschrieben wird. Die Aussätzigen besucht Er in ihren abgeschlossenen festen Bezirken, Hospitälern und Hütten, wie bei Chim und Nebo, bei Tarichäa und Ami-chores, bei Dothaim, Bethabara und Elkese. Die verschiedene Art und Weise Seines Hei­lens selbst kommt später im Kapitel der Mystik und der Wunder Jesu zur Sprache.

Jesus löst Gefangene aus

Mitten in der Stadt Thirza, nämlich in ihrem ehemaligen Umfang, zur Zeit Jesu auf einem großen öden Platz, etwas hoch, liegt ein großes weitläufiges Gebäude mit dicken Mauern und mehreren Höfen und großen, runden turmartigen Gebäuden, in denen in­wendig auch Höfe sind. Es ist das alte Schloß der Könige von Israel, teils jetzt wüst liegend, teils zu einem Hospital und Gefängnis eingerichtet. In der Frauenabtei­lung des Gefängnisses sind einige wegen Ausschweifungen, andere wegen kühner Reden, manche auch unschuldig inhaftiert. Die Männer befinden sich in schwerer und schwerster Kerkerhaft, teils wegen Schul­den, teils wegen Beschuldigungen des Auf­ruhrs, und manche auch, die man aus Feind­schaft und Rache, oder um sie aus dem Wege zu bringen, hier eingekerkert hat.

In Thirza selbst wohnen viele Pharisäer und Sadduzäer, und unter diesen auch viele geheime Herodianer, die jene Leute teil­weise durch allerlei Schikanen ins Gefäng­nis gebracht haben. Das Gefängnis ist von römischen Soldaten bewacht und hat einen römischen Vorgesetzten.

Von den geheilten Kranken im Hospital hört Jesus bittere Klagen über gewisse Ge­fangene, die ganz vergessen und in ihren Kerkern ganz verkommen sind. Er geht zu den Wohnungen der Aufseher und wird von diesen zu jenen Häftlingen geführt, die man sprechen darf. Er läßt Sich von ihnen ihre Nöte und Leiden erzählen, läßt sie erquik­ken, belehrt und tröstet sie, vergibt ihnen bekannte und bereute Sünden und ver­spricht ihnen ihre Auslösung oder Lin­derung.

Hierauf begibt Er Sich zu dem römischen Vorsteher, der kein böser Mensch ist, spricht mit ihm sehr ernst und rührend über die Gefangenen und erbietet Sich, ihre Schul­den zu bezahlen und teils für ihre Unschuld und Besserung Kaution zu stellen. Auch verlangt Er, mit mehreren lang und schwer Gefangenen zu sprechen. Der Vorsteher hört Jesum sehr ehrerbietig an, erklärt Ihm aber, daß alle diese Gefangenen Juden und unter Umständen hierher gebracht seien, wegen derer er erst mit den jüdischen Vorstehern des Ortes und den Pharisäern sprechen müsse. Jesus erwidert, Er wolle mit den Vor­stehern zu ihm kommen, wenn Er in der Synagoge gelehrt habe. Sodann geht Er zu den gefangenen Frauen, tröstet und ermahnt sie, vergibt gebeichtete Sünden, läßt ihnen durch die Jünger mitgebrachte Geschenke reichen und verspricht ihnen Aussöhnung mit den Ihrigen.

So arbeitet der Heiland von morgens bis nachmittags gegen vier Uhr in diesem Hause voll Not und Elend und erfüllt es mit Freude und Trost an einem Tage, wo hier allein alles betrübt ist, während in der Stadt alles voll Freude jubelt; denn es ist heute der erste von den Freudentagen, die durch Salomo dem Fest Ennorum wegen der Ge­schenke der Königin von Saba beigefügt worden waren. In der gefüllten Synagoge lehrt Jesus über die fünfte Seligkeit: „Selig sind die Barmherzigen“ (Mt. 5, 7), erzählt die Parabel vom verlornen Sohne (L.15,11), die Er auch schon den Gefangenen erzählt hat, und legt sie auf jene aus, die wegen Verbrechen gefangen sitzen und Reue haben, um sie mit den anwesenden Ihrigen auszu­söhnen, und alle Hörer sind sehr gerührt. Auch erzählt Er die Parabel vom barmher­zigen König und unbarmherzigen Knecht (Mt. 18, 23) und legt sie auf jene aus, die die armen Gefangenen verschmachten lassen wegen kleiner Schuld, während ihnen selbst viel größere Schuld von Gott bis jetzt nachgelassen sei. Auch redet Er scharf gegen die Pfleger des Gefängnisses, von denen sich einige unter den anwesenden Pharisäern befinden, die mit stummem Grimme zu­hören und nachher von Ihm sagen, Er führe Krieg mit Hilfe der Weiber und ziehe mit ihnen herum, Er werde keine großen Reiche mit diesem Heere erobern.

Jesus nötigt hierauf die Vorsteher, mit Ihm zu den römischen Gefängnisdirektoren zu gehen, und verlangt, die ganz Verlassenen loszukaufen. Dies alles wird öffentlich vor vielem Volk besprochen, und die Pharisäer können Ihm nicht widerstehen. Es folgt vieles Volk mit zum Gefängnis. Die Phari­säer aber setzen die Summen aus Bosheit sehr hoch an, und für manche Häftlinge muß der Herr das Vierfache bezahlen. Da Er aber die Summen nicht bei Sich hat, so gibt Er als Pfand eine •dreieckige Münze, an der ein Pergamentzettel hängt, auf den Er einige Worte schreibt und die Summen auf Magdalums‘ Preis aussetzt, welches Laza­rus zu verkaufen im Begriff steht. Der ganze Ertrag war von Magdalena und Lazarus für Erledigung von Armen, Schuldern und Sün­dern bestimmt. Die Seiten der dreieckigen Münzen sind an drei Zoll hoch, in die Mitte ist eine Schrift, den Wert bezeichnend, ein­geprägt. An dem einen Ende hängt sie an einem gegliederten beweglichen Metallstrei­fen, wie an einer Kette, doch von wenigen Gliedern, und hieran wird die Schrift ge­heftet.

Nachdem dies geschehen ist, läßt der Auf­seher die armen Gefangenen hervorholen; Jesus und die Jünger helfen dabei. Manche werden aus dunklen Löchern heraufgezogen und sind ganz zerrissen und halbnackt und mit Haaren bedeckt. Die Pharisäer begeben sich grimmig hinweg. Manche der Leute sind ganz schwach und krank, sie liegen weinend zu Jesu Füßen, der sie tröstet und ermahnt. Er läßt sie bekleiden, baden, spei­sen und sorgt für ihre Wohnung und Freiheit, jedoch unter Aufsicht im Bezirke des Gefängnisses und Krankenhauses, bis die Lösung in wenigen Tagen entrichtet sei. Dasselbe geschieht mit den gefangenen Frauen. Alle werden gespeist, und Jesus und die Jünger bedienen sie und erzählen abermals die Parabel vom verlorenen Sohne.

Diese Ereignisse sind es, die Herodes Antipas hinterbracht werden und sein Augenmerk mehr auf Jesus lenken, sodaß er sagt: „Johannes habe ich enthaupten lassen. Wer ist nun dieser, von dem ich solche Dinge höre? Es ist Johannes der Täufer. Der ist von den Toten auferstanden, darum wir­ken die Wunderkräfte in Ihm“ (L. 9, 9; Mt. 14, 2).

Ein Jahr später, am 20. Januar 34, kommt der Herr mit Andreas, Jakobus und Johan­nes auf Seinem Wege nordwärts von Jericho wieder zu einem befestigten Schlosse, wel­ches Gefangene enthält (vermutlich Alexan­drium am heutigen Kam Sartabe). Er geht mit den furchtsam zögernden Aposteln durch das Tor des Schlosses. Die Wache hält Ihn zwar an, aber als Er gesprochen, lassen sie Ihn ehrerbietig gehen. Die Häftlinge ver­sammeln sich um Ihn in dem Hof, wo Er mit ihnen redet und mehrere von ihnen aus­sondert. Dann läßt Er aus der naheliegenden Stadt zwei Männer rufen, die Gerichtsdiener zu sein scheinen, denn sie haben metallene Schildchen an Riemen von der Schulter hän­gen. Er spricht mit ihnen, und es ist, als sage Er für die Leute gut, die Er abgeson­dert hat. Nachher verläßt Er mit fünfund­zwanzig derselben das Schloß und wandert die ganze Nacht weiter nordwärts den Jor­dan hinauf. Am nächsten Tage gibt Er in einem Städtchen einen Teil der befreiten Gefangenen ihren Frauen und Kindern zu­rück, während die anderen sich von Ihm verabschieden und über den Jordan gen Trachonitis und Hauran in ihre Heimat ziehen.

G. Jesu Lehre vor den Heiden

Der Herr hält im allgemeinen bezüglich der Heiden an dem Worte fest, das Er einmal gesprochen: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt. 15, 24). Wenn aber die Heiden Ihn hier und da um Hilfe bitten oder zu sich einladen, oder zu Ihm kommen, um Seine Lehre zu vernehmen, so hilft Er auch ihnen durch Krankenheilung und Belehrung (vgl. Mt. 15, 22-28).

In solchen Fällen nimmt Er auch in ihren Häusern an Gastmählern teil, wie in Orni­thopolis, Caesarea-Philippi und Gessur, und Katharina Emmerich pflegt dann mit er­staunlicher Genauigkeit die damaligen Sit­ten der jüdisch-hellenistischen Kultur zu beschreiben bis in alle Einzelheiten der Tischgerichte, Geräte und Bedienung und Ehrungen. Mehrere Male besucht Er auch heidnische Götzenbezirke, läßt die Götter­maschinen in Bewegung setzen, disputiert mit den heidnischen Priestern, spricht und bekehrt reuige Priesterinnen, und auch hier sind die Schilderungen Katharina Emme­richs für den Altertumskundigen so über­raschend konkret und genau, daß sie ver­dienen, in besonderen Abhandlungen mit Anmerkungen aus der Altertumskunde ver­sehen, dargestellt zu werden.

Auch beteiligt Er Sich an heidnischen Volks­festen, segnet und heilt viele heidnische Kinder, spricht vor heidnischen Arbeitern, hat eine Unterredung mit der verstoßenen Gemahlin des Tetrarchen Philippus zu Betharamphtha-Julias, erteilt vielen Heiden selbst den Taufunterricht, belehrt die Teil­nehmer von heidnischen Karawanen und sorgt für die Unterkunft bekehrter römi­scher Soldaten.

Aus der Fülle Seiner persönlichen Berüh­rungen mit den Heiden sei hier nur mit Rücksicht auf die Begrenzung dieses Buches Seine Lehre vor den griechischen Philo­sophen auf Cypern kurz erwähnt:

Gegen zehn Uhr vormittags des 6. Mai 33 sprechen den Herrn zu Salamis auf Cypern mehrere heidnische Philosophen an, die zum Teil Seine gestrige Lehre am Lehrplatz des neuen von Ihm gegründeten Taufbrun­nens gehört haben. Sie bitten sich über Ver­schiedenes Seine Erklärung aus und haben mit Ihm, in der Nähe der Aquädukte auf allerlei Lustwegen hin- und herwandelnd, ein langes Gespräch von ihren Göttern, be­sonders von einer Göttin, die hier aus dem Meere gestiegen sei, und von einer anderen mit dem Fischleibe im Tempel, die Derketo heißt.

Auch fragen sie über eine Erzählung, die unter den Juden von Elias umgehe, daß er eine Wolke aus dem Meere habe steigen sehen (3 Kön. 18, 42-45), und daß dies eine Jungfrau gewesen sei; sie möchten doch wissen, wo sie niedergefallen sei, denn aus ihr solle ein König und Helfer der ganzen Erde kommen; und nach den Rechnungen sei jetzt die Zeit. Auch mischen sie eine Geschichte darunter von einem Sterne, den ihre Göttin auf Tyrus habe fallen lassen, und ob das wohl jene Wolke sei. Einer von ihnen sagt, man rede jetzt von einem Schwär­mer in Judäa, der die Wolke des Elias be­nutze und jener König zu sein vorgebe.

Jesus tut nicht, als wenn Er dieser sei, aber sagt doch, jener Mann sei kein Schwärmer, der Falsches vorgäbe. Man rede viel Un­wahres von ihm, und der Sprecher sei auch übel berichtet. Aber es sei jetzt die Zeit, da die Propheten erfüllt würden. Dann legt Er ihnen ihre ganze Verwirrung und Torheit der Mythen auseinander. Er erzählt ihnen den ganzen Anfang der Genesis, spricht von der Ausscheidung der Bösen und der Steige­rung ihrer Gottlosigkeit, und wie sie, um den Zusammenhang mit Gott, von dem sie abgefallen, wiederherzustellen, allerlei Göt­ter erfunden hätten, aber von den gefallenen Engeln in die größten Irrwege gebracht worden seien, wie aber die Verheißung vom Samen des Weibes, der der Schlange das Haupt zertreten solle, durch alles ihr zau­berisches Dichten, Trachten und Wirken hindurchgehe, weshalb die vielen Figuren auftreten, die der Welt das Heil bringen sollten, aber nichts als größere Sünden und Greuel aus der unreinen Quelle brächten, aus der sie selbst geschöpft worden seien.

Hierauf entwickelt Er vor ihnen die Abson­derung Abrahams, die Erziehung eines Stam­mes und Volkes, die Reinigung Israels, das Auftreten der Propheten und kommt so auf Elias und dessen Prophetie und auf die jetzige Zeit der Erfüllung. Er spricht so einfach, so überzeugend und eindringend, und es geht einzelnen von den Philosophen ein Licht auf, andere aber verwirren sich wieder in ihren Geschichten. Jesus spricht bis gegen ein Uhr mittags mit ihnen, und einige werden sich bekehren.

Zehn Tage später wandelt Er mit einer Gruppe Philosophen südlich von Chytroi und redet mit ihnen über die halb mythische, halb historische Gestalt des Dsemdschid, beschreibt ihnen, welche Fabeln auf seine Rechnung geschrieben würden, und wie er ein falsches Nebenbild und Irrbild des Prie­sters und Königs Melchisedech sei. Hierbei spricht Er so bestimmt und unbestreitbar über die Persönlichkeiten, daß die Philosophen erstaunt fragen: „Meister, wie weise bist Du! Ist es doch, als habest Du in jenen Zeiten gelebt und kenntest alle diese Leute, wie sie sich selbst kaum kannten!“

Am nächsten Tage bringen einige der Philo­sophen nach einem Mahle die Frage vor, ob denn Gott die schreckliche Sündflut habe müssen über die Erde gehen lassen, und warum Er denn so lange die Menschen auf den Tröster warten lasse; Er habe ja das alles ändern und Einen schicken können, der alles gutmache. Da lehrt Jesus, daß dies nicht im Ratschluß Gottes gelegen sei, und daß Er die Engel mit freiem Willen geschaf­fen habe, und daß diese durch Hoffart von Ihm ab und in ein finsteres Reich gefallen seien, und daß der Mensch zwischen diesem finsteren Reich und dem Reiche des Lichtes abermals mit freiem Willen gestanden sei und sich durch die verbotene Frucht dem finsteren Reiche hingegeben habe; daß aber der Mensch nun mitwirken müsse, auf daß Gott ihm helfe, und daß er das Reich Gottes herabziehen müsse, auf daß Gott es ihm gebe. Er spricht auch davon, daß dieses Reich keine weltliche Herrschaft und Herr­lichkeit sei, sondern die Erneuerung und Aussöhnung des Menschen mit dem Vater und die Verbindung aller Guten in einem einzigen mystischen Leibe.

Fahsel Emmerich Landschaftsbild 8

Fahsel Emmerich Landschaftsbild 7

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.