Meine Argumente gegen den Sedisvakantismus – Stand 1989 – obsolet?

Père Noël Barbara gehört zu den Allerersten, die infolge des beim 2. Vatikanischen Konzils offen ausgebrochenen Modernismus und Progressismus der Hierachie entschieden und furchtlos „auf die Barrikaden stieg“. Seine katechetische Zeitschrift „Forts dans la Foi“ (Stark im Glauben) hat in den ersten Jahren nach Abschluß dieses Konzils den Widerstandskräften viel Unterstützung in den Auseinandersetzungen mit den euphorischen „Fortschrittlichen“ gebracht. Père Barbara reihte sich damals ein in die Phalanx all jener, die „den ganzen Glauben bewahrten, verteidigten und verkündeten“! Bis zum Tode Pauls VI. stand er auch mehr oder weniger (freundschaftlich, sympathisierend) an der Seite des Erzbischofs und seiner Priesterbruderschaft. Erst mit dem Beginn des Pontifikats Johannes Paul II. begann seine Absetzungsbewegung vom Erzbischof und seinen Getreuen. Er meinte, ihm nicht mehr folgen zu können, weil der Erzbischof damals mit Rom, mit dem Vatikan, über einen Status für die Priesterbruderschaft verhandeln wollte, und vor allem, weil er darauf bestand, daß man die Gültigkeit des neuen Meß-Ordos nicht generell in Zweifel ziehen, bzw. verneinen könne und daß man Johannes Paul II. als rechtmäßigen Papst anerkennen und folglich auch (liturgisch) für ihn beten müsse. In seinem „Organ der Vereinigung für die Treue der Priester, der Ordensleute und der katholischen Laien“ „Fortes in Fide“ Nr. 21/22, Jahrg. 1982, schrieb er unter dem Titel „Ecône – Schlußpunkt“, Seite 112:

„Am 16. Dezember 1978 begegnet Mgr. Lefebvre Johannes Paul II. Im Anschluß an die Begegnung äußert er große Vorbehalte. Mit einer ungewöhnlichen Freiheit der Sprache spricht er von dem, welchen er als rechtmäßigen Nachfolger Petri anerkennt: „Ich glaube, sagen zu können, daß er grundsätzlich dem Konzil und den Veränderungen zustimmt; ich glaube nicht, daß er dies in Frage stellt. Und das ist offensichtlich sehr schwerwiegend, weil er für den Ökumenismus, für die Kollegialität, für die religiöse Freiheit ist“. Aber am 24. Dezember schreibt er trotzdem an Johannes Paul II., um ihn zu bitten, anerkannt und in die konziliare Kirche wieder (1) eingegliedert zu werden: „Heiliger Vater, wir beschwören Sie, ein einziges Wort zu sagen … ‚laßt sie machen! Wir ermächtigen zur freien Ausübung dessen, was die vielhundert-jährige Überlieferung benutzt hat für die Heiligung der Seelen!‘ Welche Schwierigkeit stellt eine solche Haltung dar? Überhaupt keine!“ Dieser Schritt verursacht bei den katholischen Gläubigen ein tiefes Unbehagen, noch verstärkt durch die Antworten Mgr. Lefebvres an die Römische Kurie, die ihn befragt. Diese Antworten lassen bei dem Prälaten besonders verschwommene Rechtfertigungen aufscheinen, ein maßloses Festhalten am Überleben seines Werkes und die Weigerung, die eigentliche Frage zu stellen in der Lehre entsprechenden Ausdrücken. Das Unbehagen wächst noch, als im Innern der Bruderschaft die Tatsache, Johannes Paul II. nicht als Papst anzuerkennen, Grund für Maßregelungen, Verwarnungen an mehrere Priester, Verweigerung der Weihen usf. wird. Im Verlauf des Sommers 1979 überstürzen sich die Ereignisse. Abbé du Chalard, ein Priester der Bruderschaft St. Pius X., erhält für einige junge Franzosen in Ferien in Italien eine Audienz bei Johannes Paul II. Letzterer wird stürmisch bejubelt. Überall singt man Loblieder auf den Papst. Manche beunruhigt diese unsinnige Windmacherei. Aber Mgr. Lefebvre verstärkt sie noch, indem er ihr am 8. November 1979 seine Billigung gibt. Er macht seine Haltung über die Neue Messe und Johannes Paul II. bekannt, läßt sie in zahlreichen Blättern und Zeitschriften verbreiten. Ein Trugschluß von einigen Zeilen erlaubt ihm, mit einem Schlage alle tiefgründenden Untersuchungen über die Ungültigkeit der Neuen Messe hinwegzufegen. Bezüglich der Papstfrage beinhaltet dieser Satz das Wesentliche seiner Lösung: „Die Frage der Sichtbarkeit der Kirche ist zu notwendig für ihr Dasein, als daß Gott sie Jahrzehnte hindurch unterlassen könnte“. Nicht zufrieden damit, klagt Mgr. Lefebvre alle diejenigen, die anders denken, schismatischen Geistes an. In der vertraulichen Anordnung fügt er seiner Stellungnahme eine Vergeltungsdrohung bei: „Die Priesterbruderschaft St Pius X. … kann in ihrem Schoße keine Mitglieder dulden, die verweigern würden, für den Papst zu beten, und die behaupten, daß alle Messen der Neuen Meßordnung ungültig sind“. Es ergibt sich offensichtlich eine Säuberung im Schoße der Bruderschaft. Alle, die Johannes Paul II. nicht anerkennen, müssen sich unterwerfen. Manche ersticken ihr Gewissen und bleiben. Die anderen werden rücksichtslos weggeschickt unter selbstherrlicher Mißachtung des kirchlichen Rechtes. Die traditionalistischen Anführer folgen Mgr. Lefebvre auf dem Fuße. Die Abbés Coache und Ducaud-Bourget, Dom Gérard, Oberer der Benediktiner von Bédoin, vervielfachen die Beleidigungen in bezug auf die treuen Katholiken. Im Jahre 1980 beginnt die Zeit des spalterischen Traditionalismus.“

Damit ist klar ausgesagt, wie sich Père Barbara von Mgr. Lefebvre abgrenzt. Er ist Sedisvakantist, d.h. er anerkennt Johannes Paul II. nicht als gültigen, wahren Papst; er hält ihn für einen unrechtmäßigen Besetzer, einen Usurpator des Päpstlichen Stuhles; er ist überzeugt, daß wir zur Zeit keinen Papst haben, und er leugnet die Gültigkeit des Novus Ordo Missae (und weiterer Sakramente des neuen Ritus). Es ist m.E. sein gutes Recht, zu solchen Folgerungen zu kommen und sein eigenes Verhalten entsprechend einzurichten. Gleich vorweg sei aber hier gesagt, daß er, Père Barbara, da fehlging, wo er begann, seine persönlichen Überzeugungen als die eines absolut Treugläubigen allein richtigen und Gott wohlgefälligen und alle davon abweichenden als verräterische zu betrachten und dementsprechend sich feindselig ihnen gegenüber zu verhalten. Statt Mgr. Lefebvre und den Seinen stets gute Motive zuzubilligen, auch wenn er ihre Überzeugungen nicht mehr in allen Punkten teilte, fing er 1979 an, ihm offen unlautere Absichten, „verschwommene Rechtfertigungen“, „maßloses Festhalten“, „selbstherrliche Mißachtung“ etc. vorzuwerfen. Darin war er natürlich nicht allein. Er fand Unterstützung bei vielen jener, die wie er zu der Gewißheit gelangt waren, daß Johannes Paul II. unmöglich wahrer Papst sein konnte. Warum aber kam Père Noël Barbara (mit vielen anderen) zum Schluß, daß weder Paul VI., noch Johannes Paul II. rechtmäßige Päpste sein konnten? Nun, zusammenfassend und etwas vereinfacht gesagt: weil er einen verzerrten Begriff von der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes hat. Statt „verzerrt“ könnte man auch sagen rigoristisch, ähnlich wie die Donatisten einen übersteigerten Kirchen- und Sakramentsbegriff vertraten. Père Barbara unternimmt jetzt offenbar einen neuen Versuch (nachdem der erste gescheitert ist), Mgr. Lefebvre und der ganzen Priesterbruderschaft St. Pius X. klarzumachen, daß man nicht gleichzeitig einen Papst als rechtmäßigen anerkennen und ihm in so zentralen Fragen wie Liturgiereform etc. Widerstand leisten könne. Für ihn ist der Papst, wenn er wirklich gültiger Papst ist, so sehr mit göttlichen Prärogativen ausgestattet, daß es unbedingt eine Todsünde ist, sich ein Verhalten anzumaßen, wie es Erzbischof Lefebvre sich zu eigen machte seit seinen Priesterweihen und erst recht seit seinen Bischofsweihen ohne päpstliches Einverständnis, gegen ausdrückliche päpstliche Aufrufe, dies zu unterlassen. Und die scheinbar so patente Lösung des Problems lautet für Père Noël so, daß er, weil auch er wie Erzbischof Lefebvre, mit allem, was das Vatikanum II und seine Päpste verbrochen haben, nicht einverstanden ist, rundweg proklamiert, daß diese Päpste nicht Päpste sein können. Und indem er und Seinesgleichen so den in mancher Hinsicht eben doch fehlbaren Heiligen Vater durch „Absetzung“ in ‚Unfehlbarkeit‘ bewahren, rechtfertigen sie (vermeintlich) ihren Widerstand gegen die papstlose Amtskirche. Das allerdings ginge ja noch an; denn die Argumente, die sie für ein solches Vorgehen anführen, sind mindestens ernsthafte und prüfenswerte. Aber sie halten diese ihre Argumente, ihre Begründungen der These der Sedisvakanz, für so durchaus gesicherte, daß sie all jenen, die diese nicht oder noch nicht annehmen, für Kompromißler mit dem Irrtum und Abweichler von der ganzen Wahrheit halten! Ich persönlich kann mir sogar vorstellen, daß auch ich eines Tages zur vollen Überzeugung käme, daß die Konzilspäpste ihres Amtes verlustig gegangen sind. Aber bis jetzt vermochte mich noch keine einschlägige Abhandlung zu überzeugen, weder diejenigen, die ich in Büchern wie jenem von Anton Holzer „Vatikanum II“, noch in Zeitschriften wie „Kyrie eleison“ oder „Einsicht“ oder „Forts dans la Foi“ oder „Sub tuum praesidium“ oder „La Voie“ lesen konnte. Vielmehr sind das für mich Versuche, bei diesen Päpsten Häresien nachzuweisen.

Ein Beispiel: da wird „nachgewiesen“, daß Johannes Paul II. die sogenannte „Allerlösung“ lehre, d.h. daß er in seinen Katechesen, seinen Ansprachen und Enzykliken wiederholt die Ansicht vertreten habe, Christus hätte alle Menschen erlöst, und zwar so wirksam, daß alle Menschen die Gewißheit des Heils haben können, oder anders herum: alle Menschen seien von ihrer Empfängnis an erlöst und gerettet allein aufgrund der Menschwerdung Christi. „In alle Zukunft wird Gott ohne Bedauern und Widerruf mit der ganzen Menschheit, mit der er eins geworden ist, sein, um sie zu retten und ihr seinen Erlösersohn zu schenken (…) Die Menschwerdung verleiht dem Menschen für immer seine außerordentliche, einzigartige und unaussprechliche Würde“ (OR 31.3.1981, S. 12) „Christus ist gewissermaßen mit dem Menschen, mit jedem einzelnen Menschen ohne jede Ausnahme verbunden, selbst wenn sich dieser dessen nicht bewußt ist“ (Redemptor Hominis 14,3) „Christus erlangt ein für allemal das Heil des Menschen: jedes Menschen und aller Menschen, jener, die niemand seiner Hand entreißen wird (…) Wer könnte wohl die Tatsache ändern, daß wir losgekauft sind? Eine so gewaltige und fundamentale Tatsache wie die Schöpfung selbst? (..) Wir sind von neuem das Eigentum des Vaters geworden dank jener Liebe, die vor der Schande des Kreuzes nicht zurückweicht, um allen Menschen das feste Versprechen geben zu können: Niemand wird euch meiner Hand entreißen können‘ (vgl. Joh. 10,28). Die Kirche verkündet uns heute die österliche Gewißheit von der Auferstehung. Die Gewißheit des Heils.“ (OR 6.5. 1980, S. 14, zitiert nach „Kyrie eleison“, Januar 1982) Da nun aber solche Aussagen richtig und falsch, rechtgläubig und irrgläubig verstanden werden können, muß man schon näher hinsehen, was der Papst denn damit tatsächlich meint. Es genügt nicht, diese wegen ihrer offensichtlichen Tendenziosität (zur Stützung des Konzils und Postkonzils) sozusagen zum vornherein einer eklatanten Gegensätzlichkeit zu dem bisher von der Kirche Gelehrten zu verdächtigen. Dadurch verfällt man nur allzuleicht dem Kurzschluß, dort eine Häresie auszumachen, wo nur bisher eher verdeckte Aspekte (einer Wahrheit) zur Geltung gebracht werden. Richtig wäre es, angesichts solcher lehramtlicher Äußerungen klare Fragen zu formulieren: Lehrt der Papst damit, daß alle Menschen gerettet werden, gerettet sind? Daß alle Menschen, gläubig oder ungläubig, gut oder böse, in den Himmel kommen? Daß niemand verdammt wird, niemand in die Hölle kommt? Nein, tausendmal nein, das lehrt er damit nicht! Kann, muß das nicht so verstanden werden, daß damit die katholische Lehre dargelegt sein soll, daß die Menschwerdung Christi die Grundvoraussetzung dafür geschaffen hat, daß jeder Mensch von seiner Empfängnis und damit dem Beginn seines Personseins an potentiell erlöst ist (daß niemand durch „Prädestination“ von dieser Erlösung ausgeschlossen ist)? Stimmt es denn etwa nicht, daß alle in Christus die Gewißheit des Heils haben? Ja, wenn ich es so verstehe, daß ich diese Gewißheit immer dann und solange haben kann, wenn ich in Christus bin und verbleibe, d.h. wenn ich Ihn (wenigstens implizite) anerkenne und annehme. Stimmt es denn etwa nicht, daß niemand und nichts einen Menschen vom ewigen Heil auszuschließen vermag? Gewiß, aber sicher nur, wenn ich unter „nichts“ nicht den bewußten, willentlichen oder verschuldeten Unglauben, den bösen Willen, die Sünde wider den Heiligen Geist, und unter „niemand“ nicht mich selbst verstehe. Wahr ist dieses: „Der allmächtige Gott will, daß alle Menschen ohne Ausnahme gerettet werden (I Tim. 2,4), obwohl nicht alle das Heil erlangen. Daß die einen gerettet werden, ist ein Geschenk des Erlösers, daß die anderen verloren gehen, geschieht durch ihre eigene Schuld“ (DB 318, zitiert nach „Kyrie eleison“, Januar 1982) Ich will nun damit den Papst nicht in seinen neuen, oft abstrusen (oder mindestens ungewöhnlichen) Lehrweisen rechtfertigen. Ganz und gar nicht. Aber ich will damit unterstreichen, daß es Leute gibt, die nur allzu schnell bewiesen haben wollen, daß der Papst ein ausgemachter Häretiker ist, der abgesetzt gehört oder ipso facto als abgesetzt gelten müsse. So geht es nicht. So einfach liegen die Dinge nicht! Die „Bandbreite“ zwischen klarer Wahrheit und klarer Häresie ist weit. In ihr „tummelt“ sich alles, von Ungeschicktheiten über Halbwahrheiten bis zu Scheinhäresien. Und ich will damit vor allem sagen, daß es weise und klug ist, einen Papst (und natürlich auch einen Bischof) für rechtens zu erachten, solange nicht absolut eindeutig und zuständigerseits (wissenschaftlich) erwiesen ist, daß er ein formaler Häretiker ist. Auch korrigierbarer materieller, objektiver Irrtum genügt meines Erachtens nicht, um von einer Sedisvakanz auszugehen.

Père Noël Barbara nun gehört zu jenen, die bereits völlige Klarheit und Gewißheit erlangt haben (wollen) darüber, daß dieser unser jetziger Papst ein Häretiker, ja ein Apostat ist. Für ihn ist es deshalb unbegreiflich, daß jemand, und schon gar ein Mgr. Lefebvre, mit diesem Abgefallenen noch verhandeln kann. Père Noël und seine Gesinnungsfreunde vergessen aber, daß Erzbischof Lefebvre stets fein zu unterscheiden wußte zwischen einem Karol Wojtyla als dem Papst (Johannes Paul II.) und einem Karol Wojtyla als Privatperson, als Philosoph, als Theologe, als einfacher Mensch. Eine Amtsperson kann ihren Amtspflichten obliegen oder auch (mehr oder weniger) nicht. Wie ein Priester zeitweise seinen Auszeichnungen und Aufgaben und Vollmachten untreu werden kann und trotzdem diese nicht verliert, so kann auch ein Papst zeitweise sich von seinen Prärogativen abwenden und statt seines eigentlichen Amtes zu walten sich in Untergeordnetem, Nebensächlichem, Uneigentlichem verlieren, ohne deshalb seiner Berufung, seiner Auserwählung, seiner Weihe, seiner Jurisdiktion verlustig zu gehen.

So hat Erzbischof Lefebvre von allem Anfang an und durch alle Phasen seines Werkes hindurch in der großen Linie stets richtig gehandelt. Er ließ sich weder nach rechts noch nach links von dieser Geraden abbringen. Die andern aber, die sich nicht damit begnügten, ihre „weitergehenden Einsichten“ in voller Respektierung des Weges des Erzbischofs für sich selber und in ihrem eigenen Wirkungskreis zur Anwendung zu bringen, sondern sich alsbald als (bitterböse) Feinde des Erzbischofs und seines Priesterwerkes aufführten, diese sind vom christlichen Weg der Nächstenliebe abgewichen und haben ihre besten Glaubensbrüder verleumdet und bekämpft. Père Barbara will jetzt dem Erzbischof nachweisen, daß er, der Erzbischof, verblendet sei. Er sieht aber in seinem Fieberwahn den Balken im eigenen Auge nicht mehr! Er wirft dem Erzbischof Unzugänglichkeit vor, sieht aber nicht ein, daß man einem Priester gegenüber, der sich so verhält, wie sich Père Barbara Ecône gegenüber seit 1979 verhalten hat, am besten die Türen verschließt, um so fruchtlosen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Noël Barbara will ein Theologe und Katechet sein. Aber er sieht nicht ein, daß er solchen Ansprüchen nicht genügt, wenn er so schreibt und so vorgeht, wie er es mit seinem Pamphlet von 1982 „Ecône – Schlußpunkt“ getan hat und jetzt neuerdings wieder tut. „Da ließ sich Noël hinreißen und stieß mehrere Sätze aus, die eines Theologen und Priesters unwürdig sind“!

Erzbischof Lefebvre hält mit uns dafür, daß man den Novus Ordo Missae Pauls VI. jedenfalls nicht generell als ungültig betrachten könne. Deswegen aber von ihm zu erwarten oder gar zu verlangen, daß er auf seinen Widerstand und Kampf gegen denselben verzichte und sich den päpstlichen Direktiven füge, ist schon ein absonderlich Ding! Es ist doch mittlerweile längst klar ausgesagt, was er von diesem Novus Ordo hält. Er ist ganz einfach vorerst einmal mehrdeutig! Und er ist weniger würdig, weniger würdevoll. Er ist minderwertiger Ersatz für etwas viel Besseres, Schöneres, Würdigers, Erbauenderes. Ja, die neue Liturgie ist überhaupt nicht erbauend im Vergleich mit der alten. Die neue Liturgie ist nicht glaubens-auferbauend , sondern vielmehr glaubens-abbauend bis glaubens-zerstörend; denken wir nur an die Realpräsenz. Der Glaube an die Realpräsenz wird höchst gefährdet durch die Art und Weise, wie jetzt Eucharistie gefeiert wird, wie jetzt die Kommunion gespendet und empfangen wird. Und der NOM ist ein Diktat, ein Machwerk, ein diktatorisch aufgezwungenes (für uns widerliches) Machwerk, nicht etwas aus dem gelebten Glauben, der Frömmigkeit Gewachsenes!

Und Erzbischof Lefebvre hält mit uns dafür, daß „die Lehren des II. Vatikanischen Konzils (bis auf wenige, aber entscheidende Ausnahmen), wenn sie im Lichte der Tradition verstanden werden, von einem katholischen Gewissen angenommen werden könn(t)en“. Aber deswegen von ihm zu fordern, dann müsse er doch auf seine bessere Erkenntnis und damit auf sein Priesterwerk, so wie er es will, verzichten, ist doch eine eines Theologen und Priesters unwürdige Schlußfolgerung. Auch wenn man den Dokumenten des 2. Vatikanums einräumt, daß sie unter Umständen (mit traditionalistischer Brille) auch gerade noch knappstens als rechtgläubig gelesen und vor allem (mit Kunstgriffen) rechtgläubig interpretiert werden könn(t)en, so heißt das doch wiederum nicht, man solle dann auf einen Einsatz, einen Kampf gegen ihre Mehrdeutigkeiten und offensichtlichen Tendenziositäten verzichten.

Aber ich weiß natürlich auch, daß Père Barbara nicht will, daß Erzbischof Lefebvre auf den Kampf verzichtet und sich einordnet. Ganz im Gegenteil. Er will, daß er noch energischer kämpft. Daß er dem sogenannten Papst und dem sogenannten Konzil gänzlich den Rücken kehrt und mit ihm und seinen Treugläubigen klipp und klar sagt: Euch anerkennen wir nicht mehr. Ihr seid für uns wie ein Nichts. Ihr seid nicht mehr unsere Vorgesetzten. Ihr habt keine Autorität mehr über uns. Wir betrachten euch als Renegaten und Apostaten. Darum können und wollen wir mit Euch keine Einheit, keine Kontakte mehr. Ja, wir erwähnen Eure Namen nicht mehr in unseren Gedächtnisgebeten in der hl. Liturgie.

Erzbischof Lefebvre aber sagt: nein, wir anerkennen weiterhin Papst Johannes Paul II als unseren rechtmäßigen, gültigen Papst und höchsten Vorgesetzten, und wir wissen uns ihm unterstellt in allem, was er wirklich Päpstliches und Apostolisches tut. Aber wir widersetzen uns selbstverständlich immer schon und zum vornherein ihm und allen, die von uns (klar) Glaubensgefährdendes, Glaubensschädliches verlangen. Das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes ist nicht so zu verstehen, daß der Papst immer nur die Wahrheit, die ganze Wahrheit lehren kann oder aber aufhört, Papst zu sein, sondern so, daß auch er irren, sogar schwer irren kann, außer wenn er „in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, d.h. wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster, apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten“. Das aber ist mit der Liturgiereform nicht geschehen und ist auch nicht geschehen mit dem Dekret über die Religionsfreiheit oder über den Oekumenismus!!!

Falsch ist auch die These Père Barbara’s, Gott könne den Erzbischof (wie auch alle Konzilskritiker) nur dazu berufen haben, in erster Linie das Dogma von der Unfehlbarkeit der Kirche zu verteidigen, wobei er darunter eben versteht, daß man einem Papst (in Amt und Ehren) keinen Widerstand leisten dürfe. Die Unfehlbarkeit des Papstes ist mit dem bisher erfolgten Widerstand aber nicht in Frage gestellt. Es ist wie bereits mehrfach gesagt nachweisbar, daß weder Johannes XXIII. , noch Paul VI., noch Johannes Paul II. je ex cathedra eine eigentliche Irrlehre verkündet haben. Sie haben aber alle durch ihr Verhalten und durch viele ihrer Äußerungen Verwirrung gestiftet und dadurch dem Glauben aufs schwerste geschadet. Nicht einmal in Assisi hat Johannes Paul II. irgendein Dogma der katholischen Kirche explizite geleugnet. Er hat sich auch da zu Christus und (implizite) zur Gottheit Christi bekannt. Aber er hat es in einer Weise getan, daß man ihm doch mit Recht (objektiv) antichristliches Benehmen vorwerfen konnte. Denn wenn er da z.B. die Andersgläubigen zu „radikaler Treue zu ihren je eigenen religiösen Überlieferungen“ aufforderte, dann ist das klar antichristlich, nicht aber schon formale Häresie oder gar Apostasie!

Falsch ist auch das Urteil Père Barbara’s, die Ungültigkeit der Neuen Messe sei aufgrund „tiefgründiger Untersuchungen“ schon so erwiesen, daß kein Rechtgläubiger mehr das Recht habe, an dieser Ungültigkeit zu zweifeln. Es ist geradezu anmaßend, diese Überzeugung und entsprechendes praktisches Verhalten, also rigoroses Fernbleiben von solchen Eucharistiefeiern und entschiedene Abstinenz von solchen Kommunionen (von allen im neuen Ritus gespendeten Sakramenten), weil sie ungültig, also nuls et non avenus sind, von allen katholischen Christen gebieterisch zu fordern. Richtig ist es, die Gläubigen aufzufordern, nach Möglichkeit diesen NOM-Feiern fernzubleiben, wenn man Gelegenheit hat, der alten Messe beizuwohnen, nicht weil die neue Messe in jedem Falle ungültig ist, sondern weil sie (auf die Länge) dem wahren katholischen Glauben abträglich ist. Richtig ist es, von einer Teilnahme an NOM-Feiern gebieterisch abzuraten, wenn diese von einem notorischen Modernisten abgehalten werden.

Falsch ist auch die Ansicht Père Barbara’s, Erzbischof Lefebvre bewahre, verteidige und verkünde nicht den unverkürzten Glauben. Wohl kaum einer tat es so wirksam wie er! Und gerade dadurch, daß er zuallererst für gute, wahre Priester (und Bischöfe) sorgt, für die Ausspendung der heiligen Sakramente, rettet er auf lange Sicht den unverfälschten katholischen Glauben, das integrale katholische Leben. Erzbischof Lefebvre hat sich nicht in fruchtlosen und schädlichen, zerstörerischen (Bruder-)Polemiken erschöpft wie Noël Barbara und andere. Er hat stets zur rechten Zeit das Richtige getan und im übrigen lieber geschwiegen als sich provozieren lassen. Seien wir GOTT auf den Knien dankbar dafür, daß Er uns eine solche Leuchte und Säule und durch ihn eine solche wahre Christusphalanx geschenkt hat.

Man hätte erwarten dürfen, daß Père Noël Barbara nach dem 30. Juni 1988 andere, gemäßigtere, wirklich versöhnliche Töne anschlagen würde. Er müßte doch spätestens jetzt erkannt haben, daß Erzbischof Lefebvre, wenn er mit Rom verhandelt, niemals eine „Wiedereingliederung in die Konzilskirche“ anstrebt. Durch die vorgenommenen Bischofsweihen hat er aller Welt bewiesen, daß er mit seinen Verhandlungen niemals einen faulen Kompromiß, eine selbstsüchtige Lösung für sich und sein Werk anstrebte, sondern stets das Wesentliche, alles Wesentliche forderte! Er sagt dem Papst unerschrocken und unverblümt: sei Du wieder Papst, sei Du wieder oder endlich wahrer Nachfolger Petri, wirklicher Stellvertreter Christi. Walte Deines Amtes! Solange Du Dich nicht in die Reihe Deiner ehrwürdigen Vorgänger stellst, kannst Du von uns keine (bedingungslose) Nachfolge, keine (blinde) Gefolgschaft erwarten. Wir sind Jesus Christus verpflichtet, ehe wir es Dir gegenüber sind. Erzbischof Lefebvre verlangte, daß man ihn und die Seinen „das Experiment der Tradition“ machen lasse, nicht weil er sich damit begnügen wollte und begnügt hätte, „im Pantheon aller konziliaren Experimentierkreise“ auch noch ein Dasein fristen zu dürfen, sondern weil er die Gewißheit hatte und hat, daß der Papst, daß Rom bei gutem Willen sofort zur Einsicht kommen könnte, müßte, daß die Tradition in solch „freiem Wettbewerb“ einen unvorstellbaren Sieg feiern würde über die Mißgeburten der Neuliturgie und der übrigen spektakulären „Errungenschaften“ des Konzils!

PS: Mit dieser Kritik an Père Barbara soll sein übriges Wirken nicht deklassiert sein. „Forts dans la Foi“ hat auch viele sehr gute Artikel gebracht. Ein solcher ist z.B. auch der neueste über „das ’89 in der Kirche“, will sagen: das zur Französischen Revolution von 1789 analoge Geschehen in der katholischen Kirche, nämlich das Konzil Vatikanum II, den wir in dieser Ausgabe unseres DZM in eigener Übersetzung veröffentlichen.

„Es hat keinen Sinn, sich gegen eine Tatsache zu sträuben, die leider richtig ist: Man wollte die verschiedenen Begriffe auf dem Konzil nicht klar definieren; statt dessen hat man mehrdeutige und verschwommene Ausdrücke verwendet. Und aus diesen mehrdeutigen und verschwommenen Ausdrücken hat man jene Resultate erzielt, welche die nachkonziliare Zeit charakteriesieren. Pater Schillebeeckx hat es ausdrücklich gesagt, und seine Worte wurden in einer Zeitschrift schriftlich festgehalten: ‚Wir haben mehrdeutige Ausdrücke auf dem Konzil verwendet, und wir wissen, was wir später daraus für Folgerungen ziehen werden‘.“ (Erzbischof M. Lefebvre in „Ein Bischof spricht“, S. 277)

Die Hauptverantwortlichen für das Desaster der jüngsten Kirchengeschichte sind die Päpste. Nicht nur die „Konzilspäpste“. Diese natürlich vor allem. Aber auch die Vorgänger, mehr oder weniger. Mit ganz wenigen Ausnahmen! Pius X. gehört zu diesen löblichen Ausnahmen. Es kommt ja auch nicht von ungefähr, daß er seit Pius V. der letzte und einzige Papst ist, der heiliggesprochen wurde. Aber wie viele Päpste, auch unter den guten, haben Hirten und Volk dazu erzogen, alles eigene Denken immer dann zu suspendieren, wenn es in Widerspruch gerät zu dem der Oberhirten und vor allem zu dem des Heiligen Vaters?! Und welcher Papst hat Vorkehren getroffen für die Eventualität, daß er selbst oder ein Nachfolger von ihm in irgendetwas Wesentlichem mit dem Überlieferten brechen würde? Für den Fall, daß ein Papst mitsamt der Mehrheit eines von ihm verführten Episkopates die ganze Kirche auf abschüssige Bahn brächte?

Solange unsere Päpste (und Bischöfe) wesentlich katholisch waren, solange das ganze Führungssystem der Rechtgläubigkeit diente, konnte die Übertreibung ihrer Macht, ihrer Autorität, wenn überhaupt, nicht groß schaden. Ja ihre Überhebung war in mancher Hinsicht geradezu Schutz und Bewahrung vor großem Unheil! Aber immer wenn es in der Kirchengeschichte vor allem mit den Päpsten nicht klappte, wenn ungeeignete bis schlechte Männer in dieses höchste Hirtenamt eingesetzt wurden, ging es der Kirche (und wegen der Kirche auch der Welt) schlecht.

Seit Johannes XXIII. sind nun aber Päpste an die Macht gelangt, die diese ihre objektiv überhobene, übersetzte Macht dazu (miß-)brauchten, den christlichen, katholischen Glauben der modernen Welt anzupassen! Und da ein solches Unterfangen nach allem Bisherigen arg verfehlt ist, wirkt sich nun die übersteigerte Autoritätsgläubigkeit und ein entsprechender Gehorsam geradezu verheerend  aus.

Die konservativen (rechtgläubigen) Konzilsväter wähnten sich anfänglich wegen ihres einigermaßen naiven Papstglaubens auch dann noch in Sicherheit, als die „Maurer“ den Kirchenbau bereits da und dort auf neue Fundamente zu versetzen begonnen hatten. Sie erwarteten vom Heiligen Vater das richtige Wort und die richtige Tat zur richtigen Zeit. Sie hatten dann ab einem bestimmten Zeitpunkt zwar auch plötzlich Zweifel, ob denn die richtige Zeit nicht schon längst überschritten war. Aber sie vertrösteten sich immerzu mit dem Gedanken an die Unfehlbarkeit des Papstes, mit dem Gedanken an den Heiligen Geist, der auch in extremis noch alles retten werde. Und sie hatten zwar zunehmend Zweifel an der Richtigkeit der Worte und der Taten des Papstes, aber sie vermochten es einfach nicht sich auszudenken, daß ein Papst die Kirche verführen statt führen könnte. So brachten sie ihre inneren Stimmen, die ihnen sagten, die sie mahnten, sie möchten doch reagieren, andauernd zum Verstummen. Und als dann etliche endlich doch noch reagierten, war es schon zu spät. Der Prozeß der „Selbstzerstörung“ der Kirche hatte bereits soviel entscheidende Stellen erfaßt, daß an eine Heilung durch einen operativen Eingriff vernünftigerweise nicht mehr zu denken war. Der Hauptverantwortliche delegierte seine Verantwortlichkeit (vermeintlich teilweise, in Wirklichkeit praktisch zur Gänze) seinen „Mitbrüdern im Hirtenamt“. Sie hätten alle, und er besonders, nüchtern bleiben müssen und wachsam. Stattdessen ließen sie sich hinreißen zu Berauschung und dementsprechender trunken-euphorischer Unwachsamkeit. Zu allem Elend waren sie aber nicht nur selber unnüchtern und unwachsam, sondern sie rechtfertigten diese ihre neue „Haltung“ als die vom Heiligen Geiste inspirierte und hießen autoritär die wenigen noch Nüchternen und Wachsamen, diesen veralteten, deplazierten Argwohn, dieses Überall-das-Böse-und-Feindliche-Sehen ebenfalls aufzugeben. Diese Toren merkten nicht, und merken es immer noch nicht, daß es ein ganz anderer als der Heilige Geist ist, der sie solcherweise inspiriert(e)!

Soweit stimmen wir also mit Père Nöel Barbara überein, daß die Päpste und die mit ihnen jetzt noch in allem, oder besser: in allem Verfehlten, übereinstimmenden Bischöfe, diese zur höchsten Wachsamkeit und Nüchternheit Berufenen, die Hauptverantwortlichen der „Selbstzerstörung“ der Kirche sind. Aber falsch ist es, diese Versager, diese Débonnaires (Übergütigen und Überverständnisvollen), diese Weltseligen deswegen allein schon als Antichristen, als falsche Propheten, als Häretiker und Apostaten zu bezeichnen. Einzelne von ihnen mögen es mehr oder weniger sein. Aber die meisten (und sicher die Päpste) sind nichts anderes als klägliche Versager, als fahrlässige Betörte. Man kann ihnen leicht nachweisen, daß sie in diesem und in jenem Punkte oder Falle antichristlich, auch falschprophetisch, häretisch und streng genommen vielleicht apostatisch sogar geredet, gehandelt haben. Aber eigentliche Antichristen, formelle Häretiker und wirkliche Apostaten sind diese nicht. Nicht sie gehören deshalb denunziert, sondern ihre Verfehlungen! Nicht mit ihnen definitiv zu brechen ist deshalb geboten, sondern mit all ihren Irrtümern und nur mit ihren Irrtümern, nicht mit dem Guten, das sie tun! Nicht ihre Autorität insgesamt ist deshalb zu verwerfen, sondern nur jene mißbrauchte Autorität, die uns zum Bösen verführt, nicht die gut angewandte Autorität, die uns zum Guten, Heiligen anhält. Denn morgen schon können sie „offiziell Irrtümer verurteilen, die sie gegenwärtig unterstützen“, und wenn sie auch noch nicht alle Irrtümer verurteilt hätten, wären wir gehalten, ihre Autorität immer da wieder neu zu respektieren, wo diese Autorität wieder neu zur Autorität für die Wahrheit und gegen den Irrtum wird. Wie möchte denn Père Barbara eine allgemein verbindliche Grenze festsetzen können, an der die ihnen generell aberkannte Autorität wieder an ihre Personen zurück-geknüpft werden könnte? Wieviel Irrtum vermag ihre Autorität noch nicht zu Fall zu bringen? Wieviel widerrufener Irrtum schenkt ihnen die verlorene Autorität wieder? Irren ist menschlich. Irren ist auch päpstlich und bischöflich! Sogar katastrophal irren ist päpstlich und bischöflich!

Erzbischof Lefebvre und wir alle, die wir noch einigermaßen nüchtern sind, empfinden deshalb Verehrung auch für einen sogar schwer irrenden Papst, für entwegte Bischöfe. Nicht wegen ihrer Irrtümer, sondern wegen ihrer Autorität und Würde, wegen der Autorität und Würde ihres heiligen Amtes! Denn er weiß und wir wissen, daß ein Papst, der so handelt wie ein Johannes XXIII. und wie ein Paul VI. und wie ein Johannes Paul II. auch dann noch (prinzipiell) katholisch bleibt, wenn er in vielem versagt, wenn er in vielem „unkatholisch“  redet und handelt. Und er betet deshalb und wir beten alle gerne: „Dominus conservet eum et vivíficet eum, et beátumfáciat eum in terra, et non tradat eum in ánimam inimicórum ejus.“ (Der Herr erhalte ihn und belebe ihn; Er mache ihn glücklich auf Erden und überliefere ihn nicht der Gewalt seiner Feinde.“ (Allerheiligenlitanei) Und wir sind dabei nicht so unbedarft, daß wir dieses so verstehen: daß Gott ihn so (krank) wie er ist, so (verfehlt) wie er lebt und wirkt – erhalte und darin noch belebe und „glücklich“ mache. Sondern wir und alle Vernünftigen verstehen es so, daß Gott ihn erhalten und beleben möge in der (ganzen) Wahrheit, in der (vollkommenen) Heiligkeit, und wenn er diese (teilweise) verlassen haben sollte, ihn wieder zurückführe und so (übernatürlich) glücklich mache auf Erden in dem Bewußtsein einer gottwohlgefälligen Regierung Seiner heiligen Kirche…

Und so ist es absolut verständlich und auch richtig, daß Erzbischof Lefebvre jeden aus seiner Bruderschaft „ausstößt“, der eine so schwerwiegende Uneinheit in sie hineintragen würde, daß da die einen den Papst noch für den wahren Papst hielten und für ihn und mit ihm beteten, und die andern den Papst als Nicht-Papst, als Häretiker und Apostaten betrachteten und sich weigerten, seinen Namen im Kanon der hl. Messe und in anderen Gebeten zu nennen! Die überzeugten Sedisvakantisten müssen ihre eigenen Wege gehen, müssen ihre eigenen Gemeinden haben. Beides geht wirklich nicht zusammen, bei bestem Willen nicht!

Père Barbara und die Seinen, die mit seinen Überzeugungen Einverstandenen, sehen die Konsequenz, die Folgen ihrer Verdikte nicht. Sie denunzieren nicht nur den Papst und brechen nicht nur mit ihm, sondern sie denunzieren damit auch alle dem Papst und der mit ihm verbundenen Hierarchie treu-ergebenen (klerikalen und laikalen) Christgläubigen pauschal! Sie brechen mit der (sichtbaren) Kirche! Sie brechen nicht nur mit dem kranken oder irregeführten Teil der (sichtbaren) Kirche, sondern auch noch mit dem standhaften, gesunden Rest, z.B. mit der Priesterbruderschaft Pius X.! Wie geben sie sich nur keine Rechenschaft darüber!?

Erzbischof Lefebvre soll eine Wiederanbindung an die „neue Kirche“, die „Kirche des Antichrists“ suchen? Lächerlich! Erstens bezeichnet Erzbischof Lefebvre „die neue Kirche“, also „die Konzilskirche“ nicht als „die Kirche des Antichrists“. „Die Konzilskirche“ (als solche) gibt es eigentlich gar nicht. Das ist ein künstliches Gebilde, ein „Luftschloß“, eine gedankliche Konstruktion. Man kann von „der Konzilskirche“ reden wie man von der „vorkonziliaren Kirche“ redet. Aber es gibt real auch keine „vorkonziliare Kirche“. Es gibt in der Realität nur die (katholische, apostolische, heilige) Kirche. Und es gibt die Menschen, die zu dieser Kirche gehören, und jene, die nicht zu ihr gehören. Und Erzbischof Lefebvre und seine Priesterbruderschaft gehören zu dieser heiligen Kirche und brauchen deshalb keine „Wiederanbindung“ an sie. Aber die sich so abartig benehmenden Kirchenführer, die die Gesunden von sich weisen, brauchen „Verhandlungen“, damit sie durch die Gesunden zur Einsicht ihrer Krankheit und Heilungsnotwendigkeit gebracht werden können und daß dadurch – wenn möglich – eine „Wiederanbindung“ der (schwarmgeistigen, fiebernden) „neuen Kirche“ an die (bodenständige, gesunde) „alte Kirche“ erfolgen kann! Wenn die sogenannte „Konzilskirche“ die „Kirche des Antichrists“ wäre, dann wären die 800 Millionen und mehr Katholiken auf Erden, die sich derzeit (meist gutgläubig) zur offiziellen (Amts)Kirche bekennen, Mitglieder der Kirche des Antichrists, Glieder, Diener, Gefangene des Antichrists! Eine Vorstellung, die völlig absurd, ja horrend ist. Richtig ist, daß die wahrhaft häretischen, apostatischen Progressisten und Modernisten, die aktiven, vordenkenden, planenden, ausführenden Abbruchleute, die die (alte) Kirche niederreißen (möchten), bewußte oder unbewußte Handlanger des Antichristen sind und mit ihrem Verhalten und ihrem Einsatz eine „Kirche des Antichristen“ vorbereiten, ja bereits zu bauen beginnen. Aber die Kirche des Antichristen ist nicht gleichzusetzen mit der derzeitigen offiziellen katholischen Kirche, der sogenannten „Konzilskirche“! Diese ins Abseits geratene „Amtskirche“ bildet (in ihrem derzeitigen Zustand) „nur“ einigen (und nicht den schlechtesten) Nährboden für diese zukünftige antichristliche Kirche.

Ich sage es zum wiederholten Male: unsere Kirche ist krank, schwerkrank, nicht tot! Sie liegt darnieder wie in Schüttelfrösten eines hohen Fiebers. Sie handelt wie im Fieberwahn. Sie ist desungeachtet immer noch der mystische Leib Christi. Der gegeißelte, zerschundene, gekreuzigte Leib Christi. Gott ließ sie wie in Ohnmacht fallen. Aber dieser Leib Christi wird auferstehen! Denn dieser Leib lebt, auch wenn er tot scheint; denn er lebt aus GOTT!

Père Noël Barbara ist ein Verteidiger der Orthodoxie (der Rechtgläubigkeit), ein Kämpfer für die Glaubensvollständigkeit und die Glaubensreinheit. Er will, wie es aus dem Titel seiner Zeitschrift hervorgeht, „stark sein im Glauben“. Das ist gut und löblich. Er hat auf diesem Gebiet auch einiges geleistet. Dafür sei ihm Anerkennung und Dank. Aber in seinem Eifer geht er seit geraumer Zeit zu weit. Er tritt als autoritärer Lehrer auf nicht nur gegenüber denjenigen in der Kirche, die mit der Überlieferung gebrochen haben, sondern auch gegenüber all jenen, die wie Erzbischof Lefebvre in ihren Schlußfolgerungen (noch) nicht so weit gehen wie er und seine sedisvakantistischen Freunde. Der „Katechismus-Unterricht“, den er durch seine Zeitschrift den Traditionalisten im allgemeinen und der Priesterbruderschaft St. Pius X. im besonderen erteilt, wäre im großen und ganzen sachlich, inhaltlich richtig, wenn er nur nicht ständig die falschen Schlüsse aus seinen Propositionen ziehen und sich im Ton und in der Form vergehen würde.

So ist es für einen lebenden (nicht toten) und wachen (nicht schlafenden) Christen tatsächlich eine „Binsenwahrheit“, daß er ein Glied am mystischen Leibe Christi ist und daß er mit allen anderen Gliedern die Kirche bildet, eben den mystischen Leib Christi, dessen unsichtbares Haupt Christus und dessen sichtbares Haupt der Papst ist! Papst Pius XII. lehrt das alles ja und viel mehr noch in seinem Rundschreiben „Mystici Corporis“ bestens und ausführlich. Und treffend sagt er: „Wenn aber die Kirche ein Leib ist, so muß sie etwas Einziges und  Unteilbares sein nach dem Worte des hl. Paulus: Viele zwar, bilden wir doch nur einen Leib in Christus.“ Und das sichtbare Oberhaupt betreffend: „Denn Petrus ist kraft des Primates nur der Stellvertreter Christi, und daher gibt es nur ein einziges Haupt dieses Leibes, nämlich Christus.“ „Daß Christus und sein Stellvertreter auf Erden nur ein einziges Haupt ausmachen, hat Bonifaz VIII., Unser Vorgänger unvergeßlichen Andenkens, durch das apostolische Schreiben Unam sanctam feierlich erklärt, und seine Nachfolger haben diese Lehre immerfort wiederholt. In einem gefährlichen Irrtum befinden sich also jene, die meinen, sie könnten Christus als Haupt der Kirche verehren, ohne seinem Stellvertreter auf Erden die Treue zu wahren. Denn wer das sichtbare Haupt außer Acht läßt und die sichtbaren Bande der Einheit zerreißt, der entstellt den mystischen Leib des Erlösers zu solcher Unkenntlichkeit, daß er von denen nicht mehr gesehen noch gefunden werden kann, die den sicheren Port des ewigen Heiles suchen.“ „Was Wir aber hier von der allgemeinen Kirche sagen, das muß auch von den besondern christlichen Gemeinschaften, den Diözesen gesagt werden…“. „Deshalb sind die kirchlichen Oberhirten nicht bloß als die vorzüglicheren Glieder der allgemeinen Kirche anzusehen, weil sie durch ein ganz einzigartiges Band mit dem göttlichen Haupte des ganzen Leibes verbunden und daher mit Recht „die wichtigsten Teile der Glieder des Herrn“ genannt werden. Sondern  jeder einzelne in seinem Sprengel weidet und leitet im Namen Christi als wahrer Hirte seine eigene ihm an  vertraute Herde.“ „Deshalb müssen sie als Nachfolger der Apostel zufolge göttlicher Einsetzung vom Volke verehrt werden. Und mehr als von den Regierenden dieser Welt, auch den allerhöchsten, gilt von den Bischöfen, da sie mit der Salbung des Heiligen Geistes versehen sind, das Schriftwort: Vergreifet euch nicht an meinen Gesalbten!“

Und es ist eine „Binsenwahrheit“, daß dem Papst, den Bischöfen, allen kirchlichen Vorgesetzten Gehorsam geschuldet ist, weil sonst „die dreifache Gewalt“, die Jesus seinen Aposteln und deren Nachfolgern erteilt hat, nämlich zu lehren, zu leiten und die Menschen zur Heiligkeit zu führen“ gar nicht fruchtbar eingesetzt werden könnte. Diese Gewalt aber ist das Grundgesetz der ganzen Kirche.

Und es ist eine „Binsenwahrheit“, daß dieser Gehorsam gegenüber dem Lehr- und Hirtenamt ein vollständiger, vollkommener sein muß!

Und aus alledem schließt nun Père Nöel Barbara voreilig, daß es nicht gestattet ist, als „kopfabhängige“ Glieder und Organe dem Haupte zu widerstehen, ohne daß man vorher festhält, daß der Kopf nicht mehr Kopf ist.

Da ist vorerst einmal zu klären, daß jedes gegenständliche (Sinn-)-Bild, das für eine eminent geistige Wirklichkeit verwendet wird unzulänglich bleibt. Die Kirche kann mit einem Leib verglichen werden. Sie ist aber kein Leib, kein Tier- und kein Menschenleib. Christus und auch der Papst können mit dem menschlichen Haupte, dem Kopf des Menschenkörpers verglichen werden. Aber dieser Vergleich kann nur dazu dienen, einige Wahrheiten verständlicher zu machen. Christus ist aber nicht (nur) der Kopf des Leibes Kirche. Er ist vielmehr auch das Herz, auch die Lunge, auch das Blut, ja die Seele der Kirche. Er ist überhaupt (für sich allein schon) der ganze Leib. Er ist der Fruchtbare, der alle Prokreation in sich enthält. Er ist der Adam, der die ganze Menschheit in sich schließt. Er ist der Abraham, der Vater vieler Völker. So ist Christus die Kirche wie Adam die Menschheit ist! Denn die Kirche ist ja „der mystische Christus“! Wäre Adam darauf angelegt gewesen, allein zu bleiben, dann könnte man ihn nicht als „die Menschheit“ betrachten. Und wäre Christus zu geistiger Sterilität verurteilt gewesen, dann könnte man ihn auch nicht als „die Kirche“ bezeichnen. Unser Herr aber ist die Kirche, weil er nicht nur der Ursprung, sondern das Leben, der Odem, das Lebensprinzip der Kirche ist. Natürlich sagt man, der Heilige Geist sei das Herz, die Seele der Kirche. Damit ist aber nicht gemeint, daß Gott Vater und Gott Sohn „diese Funktion nicht (ebenso) ausübten“! Es ist ja nur ein Gott. Es sind nicht drei Götter! Und jede der drei göttlichen Personen ist Gott, nicht nur ein Drittel der Gottheit, sondern die ganze Gottheit. Und Christus ist Gott, die ganze, ungeteilte Gottheit!

Wenn man also Christus als das unsichtbare und den Papst als das sichtbare Haupt der Kirche sieht oder sogar soweit geht, daß man Christus und den Papst als ein und dasselbe Haupt betrachtet, dann muß man sich schon bewußt sein, daß diese Metapher mit Vorsicht anzuwenden ist. Und diese Vorsicht läßt nun Père Barbara überhaupt nicht walten. Er differenziert nicht. Papst Pius XII. hingegen tut eben dies in seiner genannten Enzyklika gründlich. Er schreibt: Aber unser göttlicher Erlöser lenkt und leitet auch selbst unmittelbar die von ihm gegründete Gesellschaft. Er selber regiert nämlich im Geiste und Herzen der Menschen, beugt und spornt nach seinem Wohlgefallen sogar den widerspenstigen Willen. (Das Herz des Königs ist in der Hand des Herrn. Er lenkt es, wohin er will.) Durch diese innere Leitung sorgt er nicht nur als Hirte und Bischof unserer Seelen für die Einzelnen, sondern trägt auch Fürsorge für die Gesamtkirche. Bald erleuchtet und stärkt er ihre Vorsteher, damit jeder von ihnen getreu und fruchtreich sein Amt ausübe. Bald – und dies zumal in schwierigeren Zeitumständen – erweckt er im Schoße der Mutter Kirche Männer und Frauen, die durch den Glanz ihrer Heiligkeit hervorleuchten, um den übrigen Christgläubigen zum Beispiel zu dienen für das Wachstum seines geheimnisvollen Leibes.“

Wäre nun Christus nur das Haupt der Kirche (und nicht auch ihre Seele, ihr Herz und Blut) und der Papst der sichtbare Teil des einen und einzigen Hauptes, dann könnte Christus immer nur durch die Organe dieses (sichtbaren) Hauptes in den übrigen (sichtbaren) Körper seine Impulse, seine Anregungen senden. Und die Organe und Glieder unterhalb des Kopfes wären dann immer nur ausführende „Extremitäten“ dieser (sichtbaren) Intelligenz- und Willenszentrale. Und diese könnte dann tun und lassen, was immer sie wollte, Jesus, der Herr, würde sich stets mit allem identifizieren! Eine Annahme, die durch die Geschichte als Absurdität erwiesen wird.

Christus ist aber nicht nur die Kirche, Er ist auch mehr als die Kirche, Er ist unendlich mehr als sie. Sie ist nicht nur sein Leib unterhalb des Hauptes, sondern sie ist auch Seine Braut mit eigenem Haupt, mit eigenem Antlitz! Und Er ist ihr Bräutigam mit eigenem Haupt, mit eigenem Antlitz! Er lenkt und leitet die Kirche auch direkt und unmittelbar, also ohne Einhaltung des „ordentlichen“ (sichtbaren) Instanzenweges, also auch auf unsichtbare und außerordentliche Weise.

Erst wenn man das sieht, wird einem klar, daß es nicht immer ein Kapitalverbrechen (caput = Haupt) ist, wenn man gegen das Haupt rebelliert. Und wenn man schon die Allegorie (das Gleichnis) vom Haupte und den Gliedern verwendet, dann muß man sich auch vor Augen halten, daß das Haupt erkranken kann, ja daß es in eine Umnachtung geraten kann, daß es durch eine Geistesstörung falsche Signale in den Körper schicken oder notwendige Befehlsabgaben unterlassen kann, daß es so sehr krank oder berauscht sein kann, daß es seinen „Fortsatz“, den „subkapitalen“ Leib (fahrlässig oder wildwütend) verletzt, zerfleischt, ja zerstört!

Nicht (der auferstandene, verherrlichte Christus (das unsichtbare Haupt) aber kann erkranken! Nicht Christus kann in Ohnmacht fallen! Nicht Christus kann Opfer einer Geistesstörung, eines Wahns, eines Deliriums sein!

Der Papst aber als bloßer Mensch, und er ist bloßer Mensch, auch wenn er heiligmäßig oder heilig wäre, unterliegt, auch in seinem Amt, diesen Übeln und auch dem Bösen! Er kann als Haupt der Kirche seine Funktionsfähigkeit auch in Entscheidendem verlieren. Es ist alles nur eine Frage der Zulassung Gottes. Und Gott kann das zulassen. Er wird dadurch seinen Verheißungen nicht untreu. Es gilt hier, nicht einem („frommen“) Wunschdenken zu erliegen. Christus hat zu Petrus gesagt: „Du bist Petrus. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“ Die Kirche bleibt auf diesen Felsen (auf Simon Petrus) als dem Fundament gebaut, auch wenn ein (einzelner) Nachfolger Petri mehr Sand(stein) oder Nagelfluh als Fels ist oder als Fels mehr blockiert, als stützt und trägt. Und die Kirche als Ganzes ist nicht immer schon (mit)überwältigt, wenn ein Nachfolger Petri überwältigt wird. Daß es aber in der langen Kette der Nachfolger des Apostelfürsten Glieder gibt, die „überwältigt“ wurden, ist ebenfalls eine „Binsenwahrheit“! – Der Herr hat zu Petrus auch gesagt: „Simon, Simon! Siehe, der Satan hat verlangt, euch sieben zu dürfen wie Weizen. Aber ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht wanke.“ Gewiß liegt es für uns nahe, dieses besondere Gebet Christi für Petrus auch für alle seine Nachfolger geltend zu sehen. Aber der Wortlaut schließt das erstens nicht ohne weiteres, nicht zwingend ein, und zweitens ist selbst bei Petrus persönlich anzumerken, daß dieses Gebet des Gott-Menschen für ihn es nicht zu verhindern vermochte, daß er Jesus dreimal nacheinander zunehmend unwirsch und lauthals verleugnete: „Heute noch vor dem Hahnenschrei wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen.“ Hat da etwa der Glaube Petri nicht gewankt? Um wieviel mehr soll der Glaube eines Nachfolgers, eines fernen Nachfolgers Petri nicht (mindestens vorübergehend) wanken können?

Und da soll es nun verboten sein, Wankendem Widerstand zu leisten? Was tun denn die Päpste seit Johannes XXIll. inklusive? Sie wanken! Sie haben sich als Türme und Säulen geneigt! Sie stehen schief! Sie drohen zu stürzen! Sie brauchen Gegengewicht, Widerstand! Deswegen machen sich diejenigen, die sich gegen diese Wankenden und aus dem Gleichgewicht Geraten(d)en stemmen, nicht „zu Richtern über ihre Oberen“!

Der hl. Franz von Assisi, der „seraphische Heilige“ vernahm von Jesus Christus, als er in dem zerfallenen Kirchlein St. Damian vor einem Kruzifix innig betete, die Worte: „Franziskus, geh‘ und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz zusammenfällt.“

In einem Brief des heiligen Kolumban an den heiligen Bonifatius können wir folgende höchst interessante Stelle lesen:

„Man sagt, daß Eutyches, Nestorius, Dioskurus, alte Häretiker wie wir wissen, von (Papst) Vigilius (gest. 555, Anm. d. Red.) in einem Konzil anerkannt wurden, ich weiß nicht in welchem, dem fünften. Das sei, sagt man, die Ursache des ganzen Skandals. Sei es, daß auch Sie die Häretiker anerkennen, wie man es berichtet hat, sei es, daß Sie wissen, daß Vigilius selber gestorben ist mit einer solchen Befleckung, warum berufen (stützen) Sie sich auf ihn, gegen jedes Gewissen? Denn „alles was außerhalb des Glaubens ist, ist Sünde“ (Röm. 14,23) – „Ja, Sie sind im Fehler, wenn Sie vom wahren Glauben abgewichen sind, und „wenn Sie das erste Treuegelöbnis brechen“ (I Tim. 5,12), geschieht es zurecht,  daß Ihre Untergebenen Ihnen Widerstand leisten und zurecht, daß sie ihre Gemeinschaft mit Ihnen brechen, bis das Andenken an die Kriminellen ausgetilgt und der Vergessenheit anheimgefallen ist. Denn wenn alles dies gewiß ist und nicht erfunden, so sind Ihre Söhne durch eine vollständige Umkehrung der Dinge das Haupt und Sie der Schwanz geworden (Dt. 28,44); schon wenn man dies nur sagt, schmerzt es einen: so werden sie auch Ihre Richter sein, jene, die stets den rechten Glauben bewahrt haben, was immer sie gewesen sein mögen, selbst wenn sie Ihre Untergeordneten zu sein scheinen. Ja, diese gerade sind wahre Katholiken und Orthodoxe, die in ihrer Gemeinschaft weder je Häretiker, noch zweifelhafte Leute aufgenommen und beschützt haben und im Eifer des wahren Glaubens verblieben sind“. (Ep. 9, P.L. LXXX, col. 279, zitiert nach „La Contre-Réforme catholique au XXe siècle, avril 1975)

Entnehmen wir diesem einzigen Beispiel, welches die göttliche Ordnung der Dinge ist. GOTT, das Sein, die Wahrheit, die Wirklichkeit, das Leben überragt ALLES. Und es gibt keine (geschöpfliche) Instanz, die über der Wahrheit steht. Auch Petrus, auch der Papst, das sichtbare Haupt der Kirche, ist dem unsichtbaren Haupt, Christus, GOTT, der Wahrheit, absolut untergeordnet. Auch Petrus, auch jeder Papst kann seine „Anbindung“ an Christus lockern bis lösen. Ja, es ist wahr: es gibt keine Autorität, die nicht von Gott stammt. Aber Autorität ist nicht etwas Ein-fürallemal-Verliehenes. Gerade weil alle Autorität, die wirklich Autorität ist, von Gott herrührt, hat sie nur insoweit Bestand, als sie mit Gott verbunden, verknüpft ist. Jeder Autoritätsträger, der sich Gott widersetzt, begibt sich seiner Autorität. Und darum ist Auflehnung gegen die Autorität nur dann Widersetzlichkeit gegen Gott, wenn die Autorität auf Gott gründet und in Gott ruht!

Die Worte bei Paulus (Röm. 13, 1,2) zielen eben gerade nicht auf unsere Beziehungen mit den kirchlichen Autoritäten ab, sondern auf jene der weltlichen Gewalten. Und es ist richtig: „Ein jeder soll sich der obrigkeitlichen Gewalt unterordnen … wer sich daher gegen die Gewalt auflehnt, lehnt sich gegen die Anordnung Gottes auf‘, aber dies gilt nur dann, wenn „sie für uns Gottes Dienerin ist zu unserem Besten“ (Röm. 13,4), nur solange „sie Gottes Dienerin ist und an dem die Strafe vollstreckt, der Böses tut“ (Röm. 13,5) Sobald diese göttliche Ordnung ins Gegenteil verkehrt wird, wie das heute fast überall der Fall ist, gilt: „Man muß GOTT mehr gehorchen als den Menschen“!

Wie kommt es nur, daß man solches studierten Theologen und gereiften, erfahrenen Priestern (noch dazu konservativen wie einem P. Barbara), sagen muß? Woher stammt nur diese eigenartige Verblendung, diese Unfähigkeit, die in Worte gekleideten Lehren (der Hl. Schrift und der kirchlichen Dokumente) richtig zu erfassen und gerecht, ausgewogen auf eine konkrete Situation anzuwenden? Abbé Georges de Nantes hat in seiner CRC von 1975 (zu einer Zeit, als auch er noch mit Erzbischof Lefebvre weitestgehend übereinstimmte!) in mehreren Folgen einen geschichtlichen Abriß über die ersten Konzilien und Häresien gebracht, der sehr beherzigenswert ist. Da schreibt er u.a. im März 1975 nach der Behandlung des III. Konzils von Konstantinopel, jenem von 681: „Nie wird man es besser aufzeigen können, daß das Fundament der Autorität die Tradition ist,  und nicht die Autorität das Fundament und der Richter der Tradition, als indem man diesen durch den hl. Papst Leo II erneuerten Bannspruch (gegen (Papst) Honorius in Erinnerung ruft. – Welche Lektion für alle diese neuerungsbegeisterten Leute, die sich einbilden, der Papst sei ein Prophet, der (in) die Zukunft sehe und der uns von unseren Traditionen löst, um uns in neue Welten einzuführen. Die Autorität Roms ist rein konservativ oder sie ist nicht.“

Aber die Autorität, die Obrigkeit kann auch punktuell, fallbezogen ungültig, wirkungslos, inexistent werden. Nicht jedes Fehlverhalten, nicht jeder Fehlspruch löst ipso facto den Generalzerfall der Autorität aus, so daß „nichts mehr von ihr übrig bliebe“. Unsere Konzilspäpste haben einiges „verbrochen“. Sie haben vieles zerstört. Sie haben eine unsägliche Verwirrung gestiftet. Aber von der Feststellung dieser Tatsachen bis zur Gewißheit, daß sie „nicht mehr die Vertreter Gottes, nicht mehr die Stellvertreter Christi“ sein können, ist ein weiter (und gefährlicher) Weg. Père Barbara hat diesen Weg offenbar hinter sich gebracht. Nur kann es ihm dort (am Ende dieses Weges) nicht ganz geheuer sein. Ein Indiz für seine Unruhe sind gerade diese nicht eben gründlich durchdachten (wiederholten) Breitseiten gegen die Priesterbruderschaft St. Pius X.!

Dieses teilweise Versagen (der Oberen) können jene ohne weiteres feststellen, die urteilsfähig sind, und sie können sich demgemäß verhalten. Deswegen ist es nicht erforderlich, daß ein jeder ständig wie ein Examinator alles prüft und wägt, was von oben kommt. Ein vernünftiger Mensch aber nimmt ohnehin nichts Geistiges, Geistliches, Moralisches, was von Bedeutung ist, blind und, unbesehen entgegen. Wir sind von Gott dazu ausgerüstet und dazu berufen, „alles in unserem Herzen zu erwägen“, so wie es übrigens die heiligste Jungfrau und Gottesmutter Maria immer getan hat.

Nein, da hat denn Abbé de Nantes doch die bessere Position bezogen, wenn auch er leider in mancher Hinsicht übertreibt und verzerrt und vor allem auch gegenüber Erzbischof Lefebvre das Maß seiner Kritik verloren hat. Dennoch sind seine vielen sehr guten (sachlichen) Abhandlungen und Stellungnahmen damit keineswegs disqualifiziert. Er hat in seinen Anklagebüchern den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. die Liste ihrer Vergehen, ihrer Häresien, wie er glaubt, unterbreitet. Aber er hat es wohlweislich unterlassen, sie deshalb gleich auch schon abzusetzen! Er überläßt dies einem kirchlichen Gericht, einem kommenden Konzil.

Und schließlich ist der Vergleich der Autorität des Papstes mit derjenigen eines Familienvaters absolut nicht deplaziert! Die Autorität eines Vaters steht vor Gott sogar über derjenigen eines Papstes, Bischofs, Priesters! Sie geht ihr auch zeitlich, geschichtlich vor. Die erste Instanz der Religions-, der Wahrheits-, der Heils-Vermittlung (im Bereiche der eigenen Familie) ist der leibliche Vater, sind die Eltern der Kinder. Niemals würde Gott es gutheißen, daß die kirchlichen Amtsinhaber Kinder jenen Eltern wegnähmen, um sie in eigene Erziehungsanstalten zu stecken, die ihre Kinder ihrer Meinung nach nicht im rechten Glauben auferziehen würden. Kardinal Faulhaber schreibt: „Der Vater war die erste Autorität von Gottes Gnaden und trägt eine Krone, die ihm kein Mensch vom Haupte reißen kann.“ Und Papst Leo XIII. lehrt (in Diuturnum illud): „Die Gewalt des Familienvaters ist gewissermaßen ein Abbild und Gleichnis der Autorität, die in Gott ist, von dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden stammt.“ Und in Rerum novarum: „Die väterliche Gewalt ist derart, daß sie vom Staate (und von der Kirche, Anm. d. Red.) weder unterdrückt noch aufgesogen werden kann, da sie den gleichen gemeinsamen Ursprung mit dem menschlichen Leben hat.“

Falsch ist die Auffassung Père Barbara’s, daß „die Autorität des Vaters nur die Zeit lang dauere, die notwendig ist für die Erziehung des Kindes, und daß sie verschwinde, sobald dieses sich selber genügen kann“. Der hl. Thomas Morus, Lordkanzler von England, verließ niemals seine Wohnung, ohne sich von seinem alten Vater verabschiedet und ihn kniend um seinen Segen gebeten zu haben. Trat er in eine Versammlung der Großen von England, in der sein Vater zugegen war, so ging er zuerst auf seinen Vater zu, bot ihm den ersten Platz an, und erst, nachdem dieser abgelehnt hatte, nahm er die Ehrenstelle ein, die seinem Rang als Lordkanzler gebührte.

Es gilt aber auch, was der hl. Augustinus in Jo 51,13 (35:1768) schreibt: „Der Vater soll durch seine Ermahnungen alle die Seinen zu Christus und zum Ewigen Leben führen. Er soll sie lehren, ermuntern und zurechtweisen; er soll Güte spenden und Zucht üben. So wird er in seinem Hause ein kirchliches, ja in gewissem Sinn bischöfliches Amt verwalten als Diener Christi, daß er in Ewigkeit mit Ihm verbunden sei.“ Und Lippert ermahnt jeden Vater: „Du bist deinen Kindern geschenkt, du bist die große Gnade oder das große Verhängnis ihres Lebens. Du bist dem Kind der erste Stellvertreter der objektiven Wirklichkeit, also auch der erste Stellverteter Gottes, der ihnen begegnet; deine Autorität muß also etwas Gottähnliches, etwas Geistiges, etwas Persönliches sein, folglich nicht bloße Gewalt.“ Und weil die väterliche Autorität tatsächlich etwas Gottähnliches ist, erlischt sie nicht beim Erwachsenwerden des Kindes!

Analog (nicht anders!) verhält es sich beim Papst. Was von der Autorität des leiblichen Vaters gilt, das gilt sinngemäß auch von der Autorität des Papstes, des sichtbaren Oberhauptes der Christenfamilie. „Wer für die Seinigen, zumal für seine Hausgenossen, nicht Sorge trägt, hat den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger.“ (I Tim 5,8). „Wenn einer seinem eigenen Hause (lies hier: der Kirche) nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Kirche Gottes (lies: die restlichen Kinder Gottes) Sorge tragen können?“ (I Tim 3,5) „Einen gottlosen Vater verfluchen seine Kinder, denn um seinetwillen werden sie verachtet.“ (Sir 41,10). „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorne, sondern erzieht sie in der Zucht und Mahnung des Herrn.“ (Eph. 6,4) „Ihr Väter, erbittert eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden.“ (Kol. 3,21) Wie der leibliche Vater, der all seine Autorität von Gott hat, seine Kinder erbittern, zum Zorne reizen und mutlos machen kann, so kann auch ein Papst, der all seine Autorität von Gott hat, seine Untergebenen durch sein Verhalten erbittern, zum Zorne reizen und mutlos machen! Und wieviele Christen sind heute mutlos bis erbittert wegen des Versagens des Vaters der Christenheit! Aber genauso wie der leibliche Vater, der seine Kinder durch ein Fehlverhalten zum Zorne reizen kann und dabei dennoch nicht aufhört, weiterhin ihr Vater zu sein, so hört auch ein Papst nicht immer schon auf Papst zu sein, wenn er für die Seinen nicht gebührend Sorge trägt.

Bei unseren „unter Anklage stehenden“ Konzilspäpsten handelt es sich aber nicht um Väter, die überhaupt keine Sorge trügen, die ihrem Hause überhaupt nicht vorstünden, die den Glauben überhaupt verleugneten, die gottlos wären. Und darum haben wir kein Recht, sie als „schlimmer als ein Ungläubiger“ zu bezeichnen oder sie gar zu „verfluchen“. Aber wir haben ein (natürliches) Recht, gereizt und erbittert zu sein und unsere Mutlosigkeit kundzutun. Wir haben ein Recht, unseren Vater auf das aufmerksam zu machen, was uns an seinem Gebahren zu Schmerzenstränen wird. Und wir haben ein Recht, sein Gebot immer dann zu mißachten, wenn durch es „das Naturgesetz oder der Wille Gottes verletzt wird.“

Falsch ist auch die (implizite) Aussage Père Barbara’s, daß uns der Papst (ausdrücklich) (Glaubens-)Irrtümer lehre, daß er uns gar zur Sünde verführe. Wenn er das tatsächlich täte, dann allerdings wäre es beim Papst geboten, ihn fürderhin nicht mehr als höchste sichtbare geistliche Autorität zu betrachten. Wenn Johannes Paul II. zum Beispiel klar lehren würde: Christus ist nicht Gott, nicht wesensgleich mit Gott, sondern ein Mensch wie wir, nur so vollkommen, daß er Gottes Sohn geheißen wird, dann wäre es um seine Autorität sicher augenblicklich geschehen. Das ist klar. Oder wenn der Papst z.B. die Homosexualität als etwas ebenso Natürliches und Gutes bezeichnen würde wie die Heterosexualität, dann allerdings wäre er von heute auf morgen aus Amt und Ehren gefallen. Aber das tut er ja nicht, das tat keiner! Aber einer von ihnen hat ein Konzil einberufen und nicht für Disziplin und Ordnung gesorgt. Ein zweiter hat die hochheilige Liturgie durch eine „moderne“, „zeitangepaßte“ und dementsprechend erbärmliche ersetzt und sie aufgezwungen. Und ein dritter hat das alles abgesegnet und nicht nur die Fenster des Hauses offenstehen lassen, sondern gleich auch noch die Wände entfernt, so daß das Haus der Christen, das katholische, apostolische, jetzt eine „Durchzugs-Bude“ oder eine „Gartenlaube“ ist!

Das Begriffspaar Autorität-Gehorsam muß stets im Zusammenhang mit der absoluten Souveränität Gottes gesehen werden. Es gibt keine Autorität, die nicht von Gott stammt und die nicht zu Gott führt.  Das heißt: jede Autorität, die nicht Gott zum Grunde hat, ist nur eine angemaßte Autorität, eine Schein-Autorität, der zu widerstehen immer legitim ist. Papst Leo XIII. schreibt in seiner Enzyklika „Diuturnum illud“: „Nur einen Grund haben die Menschen, nicht zu gehorchen: wenn etwas von ihnen gefordert werden sollte, was dem natürlichen oder göttlichen Gesetze offenbar widerspricht; denn nichts von allem, wodurch das Naturgesetz oder der Wille Gottes verletzt wird, ist zu gebieten oder zu tun erlaubt. Sollte daher einer in die Lage kommen, daß er sich gezwungen sieht, eines von beiden zu wählen, nämlich entweder Gottes oder des Fürsten Gebote zu verletzen, dann hat er Christus zu gehorchen, der gebietet, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, Gott aber, was Gottes ist, und nach dem Beispiele des Apostels mutig zu antworten: Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Leo XIII. hatte hier natürlich die weltlichen Fürsten vor Augen. Aber Gebote gegen das natürliche und/oder göttliche Gesetz, gegen Gottes Willen, gibt es natürlich nicht nur von seiten weltlicher Autoritäten. Es gibt sie auch in der Kirche Gottes, von allem Anfang an! Die größten und gefährlichsten Häretiker und Schismatiker waren Bischöfe, Nachfolger der Apostel, welche, laut Papst Pius XII., in ihren Sprengeln im Namen Christi als wahre Hirten ihre eigene ihnen anvertraute Herde weiden und die deshalb zufolge göttlicher Einsetzung vom Volke verehrt werden müssen“!

Wer solchen gehorsam war, bzw. trotz ihrer „Mietlingschaft“ blieb, wurde mitgerissen in Irr- und Aberglauben. Und wer nicht ungehorsam war und Widerstand leistete wie ein hl. Athanasius oder wie ein hl. Basilius oder wie ein hl. Hilarius, der wurde das Opfer der Trennung, Verbannung von „Heim und Herd“.

Aber was berechtigt uns denn letztlich zu solchem Widerstand? Ohne anmaßenden Richterspruch über diese Autoritäten?

Unser Gewissen! „Aus dem Wesen des Gewissens als der mittelbaren „Stimme Gottes“ ergibt sich die Pflicht, dem Gewissen zu folgen. Das Gewissen begleitet jede vollbewußte menschliche Handlung in ihrem ganzen Verlauf, bezeugt, beurteilt und bindet. Es erhebt seine Stimme nicht bloß während, sondern auch vor und nach der Tat. Das nachfolgende Gewissen vertritt Gott als Richter; je nach Art der vollbrachten Handlung spendet es Lob und Lohn oder Tadel und Strafe. Das vorangehende und begleitende Gewissen vertritt Gott als sittlichen Gesetzgeber; es bezeugt im tiefsten Innern die sittliche Qualität der vorzunehmenden Handlung und des dazu führenden Willensentschlusses. Nur von diesem letzteren hängt die subjektive Güte oder Schlechtigkeit der Tat und damit ihre Zurechenbarkeit ab. Darum ist für die Moral das vorangehende Gewissen geradezu entscheidend. Jedes freiwillige Abweichen von ihm ist sündhaft (Röm 14,23); jedes Handeln nach bestem Wissen und Gewissen ist gut und verdienstlich. – Dem Ausspruch des unüberwindlich irrigen Gewissens darf man bzw. muß man ebenso Gehorsam leisten wie dem wahren Gewissen. Die ihm entsprechenden Handlungen sind, auch wenn sie objektiv als Sünde sich erweisen, subjektiv und formell erlaubt bzw. sittlich gut und pflichtgemäß. Ebenso sind gewissenswidrige Handlungen subjektiv sündhaft, auch wenn sie objektiv der Wahrheit nicht widersprechen. Dies folgt aus dem Wesen des Gewissens und wird von der allgemeinen menschlichen wie von der biblisch-kirchlichen Überzeugung bestätigt (Röm 14,23; Jo 9,41; 15,22; Thomas, De ver. q. 17, a.4).“ (Lexikon für Theologie und Kirche, Herder, 1932, Gewissen) Keine Instanz kann uns nötigen, gegen unser Gewissen zu handeln oder uns (moralisch legitimerweise) hindern, gemäß unserem Gewissen zu handeln, sofern dieses Handeln den objektiven Normen Gottes entspricht. Keine Instanz dieser Welt und jenseits dieser Welt, außer GOTT allein! Also auch kein Bischof und kein Papst und kein Engel des Himmels! „Denn wenn einer kommt und euch einen andern Jesus verkündet, als wir verkündet haben, oder wenn ihr einen andern Geist empfangt … (anathema sit)“ (2 Kor 11,4). •

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4 Kommentare zu “Meine Argumente gegen den Sedisvakantismus – Stand 1989 – obsolet?

  1. Nein, die Argumente gegen den Sedisvakantismus sind nicht obsolet. Natürlich ist dieser Eintrag allein schon von seinem Umfang her und der Differenziertheit der Argumentation nicht kurz zu kommentieren. Ich versuche es dennoch, weil mir hier immer wieder ein Kernproblem begegnet: Die Nichtanerkennung des Dogmas, die Ausweitung der päpstlichen Unfehlbarkeit auf alle päpstlichen Lehräußerungen. Nur wenn der Papst „ex cathedra“ spricht und wenn ein Konzil mit dem Papst als Haupt, das gegen sein Veto nicht entscheiden kann, ein Dogma verkündet, ist die katholische Kirche unfehlbar.
    Alles andere würde bedeuten, der jeweilige Papst steht mit unserem Herrn Jesus Christus auf einer Stufe, er sei so irrtumsfrei wie unser Herr.
    Solange die Päpste dem überlieferten Glauben treu dienten, war die Überhöhung der Päpste kein Problem. Aber nur scheinbar!
    Und deswegen wiederhole ich mich: Durch das 2. Vatikanische Konzil und in der Folgezeit ist ein solcher Wirrwarr entstanden, dass dieser Wirrwarr nur noch mit der höchsten Autorität der Kirche zurückgewiesen werden kann: EINEM DOGMATISCHEN KONZIL, IM GEGENSATZ ZUM PASTORALKONZIL, als dieses hat sich das 2. Vat. Konzil selbst bezeichnet.
    Die entscheidende Frage ist für mich: Wie kommt die Kirche wieder in die Lage, ein solches Konzil einzuberufen?
    Die Antwort kann nur heißen: durch ihre Bekehrung. An der Bekehrung mitzuarbeiten, muss die Aufgabe der FSSPX sein, wenn sie sich vorher nicht selbst zerstört.
    Doch entscheidend ist der richtige Zeitpunkt. Erzbischof Lefebvre hat sicher gewusst: Er wäre als einzelner Bischof untergegangen, hätte er sich zu seinen Lebzeiten der Kirche eingegliedert. Es hat sich ihm durch seine Erfahrungen immer wieder erschlossen.
    Was bildet sich Bischof Fellay ein, zu glauben, in der gegenwärtigen Situation könne er die FSSPX eingliedern, ohne unterzugehen?
    Entweder ist dieser Mann, dieser Bischof, größenwahnsinnig geworden, oder er hat den Gründer des Werkes, dessen Nachfolger er ist, nie verstanden.
    Sorry, mein Stil scheint mir schon wieder militant. Aber ich kann es nicht ändern.

  2. Ihr militanter Stil wäre kein grosses Problem, wenn Sie nicht noch den Eindruck erwecken würden, den Artikel nicht ganz gelesen zu haben. Zum Beispiel steht darin folgender Satz:

    „Erzbischof Lefebvre und wir alle, die wir noch einigermaßen nüchtern sind, empfinden deshalb Verehrung auch für einen sogar schwer irrenden Papst, für entwegte Bischöfe. Nicht wegen ihrer Irrtümer, sondern wegen ihrer Autorität und Würde, wegen der Autorität und Würde ihres heiligen Amtes!“

    Bei Bischof F. handelt es sich allerhöchstens um eine Fehleinschätzung der konkreten Situation, nicht um ein Irrtum in der Lehre.
    Ihre Unterstellungen sind umso unpassender.

    Und können Sie selbst die Lage der Kirche und der Bruderschaft wirklich viel besser einschätzen als ihre Oberen?

    Also: zuerst den Artikel lesen.
    Dann eventuell Kommentar abgeben!

  3. Pingback: MEINE AKTUELLE POSITION IN DER FRAGE DER SEDISVAKANZ | POSchenker

  4. Pingback: WENN DIE (konsequenten) SEDISVAKANTISTEN RECHT HÄTTEN… | POSchenker

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