Bericht über die Erscheinung Unserer Lieben Frau von La Salette von Maximin Giraud

Maximin & Mélanie

Die Seherkinder Maximin und Mélanie

Es ist Mittag. Dies ist also nicht die Stunde der Dunkelheit, welche die Täuschung begünstigt. Der Himmel ist heiter; die merkwürdigen Wolkenformationen lassen uns keine Gaukelbilder sehen. Die Sonne leuchtet in hellster Pracht. Für die beiden Zeugen wäre es leicht, ihren Glanz mit dem der Allerheiligsten Jungfrau zu vergleichen.

Ich sage diese Dinge; denn welche Hypothesen sind aus Freude, uns zu bekämpfen, nicht erfunden worden?

Melanie und ich saßen auf dem Gipfel des hl. Berges, auf einer aus Steinen aufgeschichteten Bank, nahe einer versiegten Quelle, die am nämlichen Tage wieder zu fließen begann, die seither ununterbrochen fließt und die den Namen ‚Wunderbare Quelle‘ (fontaine miraculeuse) trägt. Dort hielten wir unser kärgliches Mahl. Unsere Kühe tränkten und verstreuten sich. Ich war müde, streckte mich im Gras aus und schlief. Einige Augenblicke später hörte ich Melanies Stimme. Sie rief: „Memin (Kosenamen für Maximin), komm schnell, und lass uns sehen, wo die Kühe sind.“ Ich sprang auf, ergriff meinen Stock und folgte Melanie, die voran ging. Wir überquerten die Sezia, erklommen schnell den Hang eines Hügels und gewahrten auf dem anderen Hang die rastenden Rinder. Wir kehrten nun zur Steinbank zurück, wo wir wenige Momente vorher unsere Brotbeutel gelassen hatten. Plötzlich hält Melanie inne; der Stock entfällt ihren Händen; erschreckt wendet sie sich mir zu und sagt: „Siehst du das große Licht dort unten? — Ja, antwortete ich, ich sehe es; nimm du deinen Stock.“ Den meinigen drohend schwingend sagte ich: „Wenn es uns berührt, werde ich ihm einen tüchtigen Schlag versetzen.“

Dieses Licht, vor dem die Sonne zu erbleichen schien, öffnete sich, und wir bemerkten darin die Form einer Frau, die noch leuchtender war. Sie machte den Eindruck einer zutiefst betrübten Person; sie saß auf einem der Steine der Bank, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen verborgen.

Obwohl uns ca. zwanzig Meter von ihr trennten, hörten wir eine Stimme, die aus einem Mund ganz dicht bei unserem Ohr zu kommen schien; sie sagte:

„Kommt näher, meine Kinder, fürchtet euch nicht; ich bin hier, um euch eine wichtige Nachricht zu bringen.“

Die Ehrfurcht, die uns ferngehalten hatte schwand, und wir liefen zu ihr, wie zu einer guten und vortrefflichen Mutter. Die schöne Frau kam ihrerseits auf uns zu, hielt vor uns — etwa zehn Zentimeter über dem Boden schwebend — an, und begann zu reden:

„Wenn mein Volk sich nicht unterwirft, bin ich gezwungen, den Arm meines Sohnes fallen zu lassen; er ist so schwer und drückend, daß ich ihn nicht länger zurückzuhalten vermag. Seit der Zeit, da ich für euch leide, weil ich nicht will, daß mein Sohn euch verläßt, bin ich genötigt, ihn ununterbrochen zu bitten; ihr aber macht euch nichts daraus. Sechs Tage habe ich für die Arbeit gegeben, den siebten mir vorbehalten; aber man ist nicht gewillt, ihn mir zu widmen. Aus diesem Grunde wird der Arm meines Sohnes immer schwerer. Die Kärrner können schon nicht mehr fluchen, ohne dabei den Namen meines Sohnes zu mißbrauchen. Diese beiden Dinge belasten den Arm meines Sohnes sehr. Selbst wenn die Ernte verdirbt, stört ihr euch nicht daran. An den Kartoffeln habe ich es euch im letzten Jahr gezeigt, aber das bekümmert euch nicht. Im Gegenteil; ihr flucht auf den Namen meines Sohnes, wenn ihr verdorbene findet. Zu Weihnachten werden die Kartoffeln aufgebraucht sein.“

Die Schöne Frau bemerkte, daß Melanie den Ausdruck ‚pommes de terre‘ (Kartoffeln) nicht verstand und sagte:

„Meine Kinder, ihr versteht kein Französisch; wartet, ich werde anders zu euch sprechen.“

Daraufhin setzte Sie Ihre Rede in ‚patois‘ (d.i. der um Corps gesprochene Dialekt) fort. (Hier wird der obige Passus „Selbst wenn die Ernte verdirbt…“ in Patois wiederholt. Darauf folgt der Einwand Melanies:)

„Nein, Madame, das ist doch nicht wahr!“

„Doch, mein Kind, du wirst es sehen.“ Sie setzte ihre Rede fort:

„Die, welche Weizen zu sähen gedenken, sollen es unterlassen; denn die Tiere werden die Samen fressen; sollten sich doch einige Ähren bilden, so werden sie beim Dreschen zu Staub zerfallen. Eine große Hungersnot wird kommen. Davor aber werden die siebenjährigen Kinder von einem Zittern befallen werden und in den Armen derjenigen, die sie halten, sterben. Die Erwachsenen werden durch Hunger Buße tun. Die Trauben werden verderben und die Nüsse werden faulen.“

An dieser Stelle teilte uns die Schöne Frau das Geheimnis mit. Obwohl sie dabei die gleiche Stimme behielt, konnte ich nichts verstehen, als sie zu Melanie sprach. Während sie mir mein Geheimnis anvertraute, wurde Melanie gänzlich taub. Diese augenblickliche Taubheit verschwand und sie setzte ihre Rede mit diesen Worten fort (auch das nun folgende spricht die Muttergottes in Patois):

„Wenn sie sich bekehren, so werden die Steine zu Weizen und die Kartoffeln werden ohne ihr Zutun ausgesät sein.“

Dann fragte Sie uns:

„Meine Kinder, verrichtet ihr regelmäßig euer Gebet? „

Hierauf antworteten beide: „Nein, Madame, nicht regelmäßig.“

„Seht, meine Kinder, das sollt ihr morgens und abends tun. Wenn ihr keine Zeit habt, so betet wenigstens ein Vaterunser und ein Ave Maria; habt ihr aber Zeit, dann betet mehr. Außer einigen alten Weibern geht niemand mehr zur Kirche. Die anderen arbeiten das ganze Jahr hindurch, auch an den Sonntagen. Im Winter gehen sie dann zur Messe, aber nur, um die Religion zu verspotten. In der Fastenzeit gehen sie wie die Hunde zum Fleischerladen.“

Sie fragte uns dann:

„Meine Kinder, habt ihr schon einmal verdorbenen Weizen gesehen? „

Ich sagte: „Nein, Madame, ich habe noch nie solchen gesehen. — Daraufhin sagte sie zu mir:

„Du, mein Kind, hast solchen schon gesehen. Als du einmal mit deinem Vater nach Coin gingst, sagte der Besitzer eines kleinen Feldes zu deinem Vater: „Komm her, und schau, wie mein Getreide verwest!“ Ihr seid zu ihm hingegangen, und dein Vater nahm zwei oder drei Ähren in die Hand, rieb sie, und diese zerfielen zu Staub. Ihr habt euren Weg fortgesetzt, und als ihr eine halbe Stunde von Corps entfernt wart, gab dein Vater dir ein Stück Brot und sagte: Hier mein Kind, iß, wenigstens heuer noch; denn ich weiß nicht, wer im nächsten Jahr noch essen wird, wenn das Getreide verdirbt, wie dasjenige dort.“

Ich antwortete: „Das ist wahr, Madame; ich hatte mich schon nicht mehr erinnert.“ Sie beschloß ihre Mitteilung in Französisch mit den Worten:

„Wohlan, meine Kinder, sorgt dafür, daß dies meinem Volk mitgeteilt wird.“

Die schöne Frau überquerte die Sezia, indem sie meine rechte Seite leicht streifte und setzte ihren Weg fort, ohne sich nochmals nach uns umzuschauen. Wie zum letzten Abschied wiederholte sie uns von neuem die Worte:

„Wohlan, meine Kinder, sorgt dafür, daß dies meinem Volk bekannt gemacht wird.“

Bewegungslos, die Augen auf die schöne Frau gerichtet, sahen wir, wie sie gleich einem Eisläufer, die Füße nebeneinander, über die Spitzen des Grases, die sich nicht neigten, dahinschwebte. Aus unserer Entzückung erwacht, liefen wir ihr nach und hatten sie bald eingeholt. Melanie stellte sich vor sie, ich mich halbrechts hinter sie. Dort erhob sich die Schöne Frau unmerklich, ruhte einige Minuten ca. zwei Meter über dem Boden zwischen Himmel und Erde. Dann tauchte der Kopf, der Körper, die Beine und die Füße in das Licht ein, das sie umgab. Wir sahen jetzt nur noch die Lichtkugel, die sich erhob und am Firmament verschwand.

In unserer naiven Sprache nannten wir diese Kugel die zweite Sonne. Unsere Blicke ruhten lange auf dem Punkt, wo die leuchtende Kugel verschwunden war. Ich kann hier nicht die Exstase beschreiben, in der wir uns befanden. Ich spreche nur von mir. Ich weiß sehr wohl, daß mein ganzes Sein aufgehoben war, daß der Organismus in mir still gestanden hat. Nachdem wir wieder zu uns gekommen waren, schauten wir uns gegenseitig an; ohne ein Wort sagen zu können, erhoben wir bald die Augen zum Himmel, bald blickten wir auf unsere Füße und um uns herum, dann wieder musterten wir unsere Umgebung mit fragenden Blicken. Wir schienen die leuchtende Person zu suchen, die ich nicht mehr sah.

Meine Begleiterin brach das Schweigen zuerst. Sie sagte: „Memin, das ist bestimmt der liebe Gott oder die heilige Jungfrau meines Vaters gewesen, oder irgend ein großer Heiliger. — Ja, sagte ich, wenn ich das gewußt hätte, hätte ich sie gebeten, mich in den Himmel mitzunehmen.“

Wenn ich von der Schönen Frau sprechen soll, die mir auf dem heiligen Berg erschienen ist, fühle ich das Hindernis, das der hl. Paulus gefühlt haben muß, nachdem er in den dritten Himmel entrückt worden war. Kein Menschenauge hat je gesehen, noch hat Menschenohr je gehört, was ich sehen und hören durfte.

Wie sollen ungebildete Kinder, die über solch außergewöhnliche Dinge sich zu erklären aufgefordert sind, den angemessenen Ausdruck finden, den hervorragende Geister zur Beschreibung gewöhnlicher Dinge oft nicht zu finden vermögen. Man wundere sich daher nicht, daß das, was wir Haube, Krone, Schultertuch, Kette, Rosen, Schürze, Kleid, Strümpfe, Schnalle und Schuhe nannten, kaum der wahren Form gleichkommt. Ihre schöne Tracht hatte nichts Irdisches. Die Strahlen alleine und die verschiedenen Nuancen, die ineinander übergingen ergaben ein herrliches Ganzes, das wir (bei der Beschreibung) verringerten und vergegenständlichten.

Ein Ausdruck hat nur den Wert, der ihm sinnhaft beigelegt wird. Woher sollte unsere Sprache jedoch den Ausdruck nehmen, um zu beschreiben, wovon die Menschen keine Vorstellung haben? Das Licht z.B. war eines von allem anderen verschiedenes; es drang direkt in mein Herz ein, ohne die anderen Organe zu berühren. Es tat dies mit einer Harmonie, die auch das schönste Konzert nicht hervorzubringen vermag, und es war von einer Sanftheit, die selbst dem besten Liquör fremd ist.

Ich weiß nicht, welche Vergleiche ich anwenden soll; denn die auf die Dinge dieser Welt bezogenen haben alle jenen Mangel, den ich unserer Sprache vorwerfe; sie können dem Geist nicht die Vorstellung vermitteln, die ich wiederzugeben wünsche. Wenn die Menge zu Ende eines Feuerwerkes ausruft: „Hier ist das Bouquet“, besteht da ein Zusammenhang zwischen den Blumen und der Gruppe von Raketen, die hochschießen? Gewiß nicht. Der Unterschied zwischen den Vergleichen, die ich verwende und der Vorstellung, die ich wiederzugeben wünsche, ist noch unendlich größer als das obige Beispiel zum Ausdruck bringt.

Die Sonne senkte sich. Melanie und ich trieben die Kühe zusammen, die sich kaum von der Stelle gerührt hatten. An der Seite der Tiere, die nacheinander auf dem schmalen Pfad einhergingen, kam ich in Gedanken versunken in das Dorf Ablandins zurück. Ich war es, der der Herrin Melanies von der Schönen Frau erzählte. Die Worte der Frau im Licht, von der zweiten Sonne, erweckten den Anschein, als hätte ich den Kopf verloren. Sie bat mich, ihr zu erzählen, was ich auf dem hl. Berg gesehen und gehört hatte. Was sie und auch mich verwunderte, war, daß sie nicht wie ich, das strahlende Licht gesehen hatte, das über dem Gipfel des Berges stand, und daher weithin sichtbar sein mußte. Ich konnte mir nicht denken, daß ich eine besondere Gnade empfangen hatte.

Am Tag darauf kehrte ich zu meinem Vater nach Corps zurück; Melanie hütete weiterhin ihre Herde. Während dreier Monate waren wir durch göttliche Vorsehung voneinander getrennt, und berichteten jedes für sich, was wir gesehen und gehört hatten; wir beantworteten alle Einwände, die man uns machte, und zwar auf Französisch, das wir am nämlichen Morgen des 19. Septembers 1846 noch nicht zu sprechen wußten. So verlief der unvergessliche Tag.

Maximin Giraud

(Übersetzung aus dem Französischen von Günther Mevec, Gröbenzell)

Siehe auch:

Ein Kommentar zu “Bericht über die Erscheinung Unserer Lieben Frau von La Salette von Maximin Giraud

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