Sankt-Josefs-Blatt Juli 2013 – NACHDENKLICHES

«Jener, welcher der Lehre der Kirche als der unfehlbaren Richtschnur anhängt, stimmt allem zu, was die Kirche lehrt. Andernfalls wenn er von dem, was die Kirche lehrt, festhält, was er will, und nicht festhält, was er will, so ist er nicht mehr der Lehre der Kirche als der unfehlbaren Regel verhaftet, sondern dem eigenen Willen».

(Hl. Thomas von Aquin)

Papst Pius XI. beginnt seine Enzyklika „Ad salutem“ zum 1500. Todesjahr des heiligen Augustinus, Bischof von Hippo und Kirchenlehrers vom 20. April 1930 mit einem Lobpreis auf die hl. Kirche:

Zum Heile des Menschengeschlechtes hat Jesus Christus mit seinem vorausschauenden Blick die Kirche eingerichtet. Ihr war er bis heute nahe und wird er weiterhin nahe bleiben. Das entspricht ihrer Wesensanlage. Das beruht auch auf dem Versprechen des göttlichen Stifters, das wir im Evangelium lesen. Von  beiden  abgesehen:  die  Jahrbücher  der  Kirche zeigen es genug und übergenug, dass nie eine Seuche von Irrtum sie angesteckt, nie der Abfall noch so vieler Kinder sie ins Wanken gebracht, nie die Stürme des Unglaubens, auch die erbittertsten nicht, verhindert haben, dass sie immer von neuem zu jugendfrischer Lebenskraft aufblühte. Nun hat freilich unser Herr nicht immer nach demselben Plan und auf demselben Wege die Festigkeit seiner für alle Zeit bestimmten Schöpfung gesichert und ihr Wachstum gefördert. Er ging viel weiter. In jedem Zeitalter erweckte er ausgezeichnete Männer, die durch geistiges Mühen nach den Erfordernissen der Zeitverhältnisse dem christlichen Volke die Freude geben sollten, die ‚Gewalt der Finsternis‘ niedergehalten und besiegt zu wissen.“

Die Kirche ist ja die makellose Braut Jesu Christi, sie ist diejenige, die von keinem Irrtum befleckt alle Stürme des Unglaubens überstanden hat und auch immer überstehen wird. Die Versuchung, diese Lehre der Kirche über die Kirche zu verfälschen, war wohl selten so groß wie heute. Nachdem die modernistischen Irrlehrer scharenweise in die Kirche eingedrungen sind, wurde es für den Katholiken immer schwieriger, die wahre Kirche im Blick zu behalten. Der hl. Pius X. hat schon 1907 in seiner Enzyklika „Pascendi Dominici gregis“ vom 8. September 1907 festgestellt: „Die Urheber der Irrtümer gilt es heute nicht mehr unter den Feinden der Kirche zu suchen. Sie verbergen sich … im Schoß und im Herzen der Kirche selbst. Wir sprechen von einer großen Zahl … von Priestern, die unter dem trügerischen Anschein der Liebe zur Kirche … bis ins Mark von einem Gift des Irrtums durchdrungen sind, das sie bei den Gegnern des katholischen Glaubens geschöpft haben … Sie geben sich … als Erneuerer der Kirche aus.“

Diese „Erneuerer“ haben seit nun schon über 50 Jahren mit einem Handstreich die Leitung der Kirche übernommen und die Konzilskirche geschaffen. Die Metamorphose des ganzen kirchlichen Lebens nach dem Konzil brachte es mit sich, daß der Katholik mehr oder weniger ratlos vor den verschiedenen, gleichsam über Nacht aus dem Boden geschossenen Gruppierungen stand und sich fragen mußte: Welche Gruppe hat nun Recht? Jede dieser Gruppen entwickelte letztlich eine eigene; vorher nie gehörte Interpretation dessen, was man einmal Kirche nannte. Ein völlig neues Kirchenbild wurde vor den staunenden Augen des einfachen Gläubigen geschaffen: die Kirche des neuen Pfingstens, die Kirche des Aggiornamento, die ihren Glauben der modernen, liberalen Welt angleicht, eine Kirche mit neuen Sakramenten, einem neuen kanonischen Recht, neuen Heiligen, neuen ökumenischen, charismatischen Gemeinschaften – es wurde innerhalb weniger Jahren die Konzilskirche mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln der Macht gemacht. Anna Katharina Emmerich nennt sie so überaus treffend: Menschenmachwerkskirche.

Der Katholik kam durch diese Neuschöpfung einer Konzilskirche in eine nicht geringe Bedrängnis. „Wo ist nun die wahre Kirche zu finden?“, so mußte er bangen Herzens fragen. Wo ist diejenige Gemeinschaft, in der ich meinen Glauben ungefährdet leben kann? Der Katholik ist nach dem Konzil mit einer kirchlichen Situation konfrontiert, die so neu war, daß sie ihn im Grunde überforderte. Diese Überforderung verleitete ihn, resignierend sich mit Halbwahrheiten zufrieden zu geben. Wir wollen in diesem und den nächsten Sankt-Josefs-Blättern versuchen, diese Halbwahrheiten zu benennen und den Weg zur ganzen Wahrheit frei zu machen. Dazu müssen wir die verschiedenen Spielarten heutigen kirchlichen Lebens anhand der Grundlage der Lehre der Kirche über die Kirche prüfen.

DIE MENSCHENMACHWERKSKIRCHE

Beginnen wir mit der sog. Konzilskirche oder auch Amtskirche genannt. Damit ist die Gemeinschaft gemeint, welche mit und nach dem Konzil die kirchlichen Strukturen übernommen hat und damit verbunden den ganzen kirchlichen Machtapparat.

Eigentlich hätte für katholische Ohren allein schon die Wortschöpfung „Konzilskirche“ ein alarmierender Hinweis sein müssen, daß hier etwas Ungeheuerliches  geschehen  ist.  In  der  Theologie  gibt  es  die  Zensur „Fromme Ohren verletzend“. Die Wortschöpfung „Konzilskirche“ ist ganz sicher eine fromme Ohren verletzende Aussage, bzw. Lehre über die Kirche. Nach keinem einzigen der vielen Konzilien im Laufe der Jahrhunderte ist man auf die Idee gekommen, von einer Konzilskirche zu sprechen. Man ist nicht auf diese Idee gekommen, weil niemals eine neue Kirche entstanden ist, welche einen derartigen Begriff rechtfertigen würde. Vielmehr waren die Konzilien gerade dazu einberufen worden, um Entwicklungen zu korrigieren und alle jene Lehren als Irrtümer zu erweisen, welche an der Grundlage der Kirche rüttelten und irgendwelche lehrmäßige Neuerungen nach sich zogen. Immer galt es, den „alten“ Glauben zu stärken und die Neuerungen zu verurteilen. Die Novatores – die Neuerer – waren immer die Irrlehrer, also diejenigen, die neue, bisher ungehörte Lehren behaupteten und in Umlauf setzten.

Daß dieses katholische Gespür – das Neue ist der Irrtum – bei der Mehrheit der Verantwortlichen nicht mehr vorhanden war, zeigt allein schon, daß diese zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils schon ganz und gar vom modernen Denken infiziert waren. Denn für die Moderne ist das Neue immer das Gute. Der moderne Mensch ist seinem Wesen nach vollkommen fortschrittsgläubig, um nicht zu sagen fortschrittsgierig. Benedikt XV. sagt über den Geist des Modernismus in seiner Enzyklika „Ad beatissimi Apostolorum“: Wer von diesem Geist getrieben wird, der weist alles, was nach Alter schmeckt, widerwillig zurück, sucht aber gierig allenthalben das Neue: in der Art, über die göttlichen Dinge zu sprechen, in der Feier des Gottesdienstes, in den katholischen Einrichtungen, selbst in der privaten Fömmigkeitsübung.“ (DS 3626)

Die Konzilsgeneration war in diesem Sinne zutiefst modern. Die Älteren unter den Lesern können sich sicher an nicht wenige selbst erlebte Begebenheiten nach dem Konzil erinnern, die dies belegen. Bischöfe, Pfarrer und Kapläne, die offensichtlich ihre Freude daran hatten „den alten Zopf abzuschneiden“, also alles zu zerstören, was noch irgendwie an die „alte“ Kirche erinnern könnte, trieben landauf landab völlig ungehindert ihr Unwesen. Es konnte – und kann! – nichts ausgefallen, abgehoben, ungewöhnlich genug sein, um die Gläubigen immer neu zu animieren. Zweifelsohne war hier eine neue Kirche am Entstehen, in der die „alten“ Bräuche, Lehren, Gebete, usw. keinen Platz mehr fanden. Was jedoch die allermeisten Katholiken nicht so recht wahrhaben wollten, war die Tatsache, daß diese neue „Kirche“ nicht von irgendjemandem gemacht wurde – mit diesen irgendjemanden sind hier Laien, Priester oder Diözesan-Bischöfe gemeint – sondern von Rom! Schließlich wurde diese neue Kirche im Rahmen eines Konzils entworfen, das ganz unter der Aufsicht des Papstes arbeitete. Unter den Augen des Papstes wurde all das lehrmäßig grundgelegt und sodann mit allen zur Verfügung stehenden Machtmitteln der päpstlichen Autorität weltweit installiert, was wir heute unter Konzilskirche verstehen. Wie eine Flutwelle überschwemmte der moderne Geist nach dem Konzil alle Länder der Welt, alle Diözesen und Pfarreien und Ordenshäuser bis in den letzten Winkel einer einsamen Missionsstation irgendwo im Nirgendwo. In kürzester Zeit wurde alles modern. Mit dem hl. Hieronymus konnte man sagen: Der ganze Erdkreis sah mit Erstaunen, daß er arianisch geworden sei. (Ingemiscens Orbis terrarum se arianum esse miratus est.)

Als Symbol für diese Modernität, für dieses neue Verständnis von Kirche und Glaube und Liturgie galt und gilt der sog. Volksaltar, der zusammen mit der Neuen Messe in allen Kirchen der Welt Einzug hielt und jedem sichtbar vergegenwärtigte, daß die Revolution auch hier angekommen ist. Das, was diese revolutionäre Bewegung so effektiv machte, war ein Trick. Der von allen beschworene Geist des Konzils – also die zwar zunächst noch scheinbar unausgesprochene, aber doch genügend in die Konzilsdokumente eingearbeitete Lehre bzw. Irrlehre von der neuen Kirche – legitimierte die Revolution, ohne sie konkret faßbar zu machen. Von den allermeisten Katholiken wurde darum die Tatsache nicht wahrgenommen, daß der Motor dieser Revolution Rom war, d.h. der „Papst“. Denn ganz offensichtlich hat nicht irgendwer, sondern die römische Autorität diesen neuen Geist der ganzen katholischen Welt aufgezwungen. Nicht irgendwer, sondern Rom schuf am Schreibtisch die neuen Riten für alle Sakramente, Rom schuf ein neues ökumenisches Kirchenverständnis mit interkonfessionellen Religionstreffen, Rom schuf ein neues Kirchenrecht, Rom schuf neue „Heilige“, Rom anerkannte die charismatischen Gemeinschaften usw.

Die Revolutionäre hatten es so leicht, weil die Katholiken mit dieser Möglichkeit nicht gerechnet hatten, ja sie niemals für möglich hielten und sie deswegen auch nicht für wahr halten wollten und vielmals bis heute – nachdem schon alles Wesentliche geschehen ist – immer noch nicht wahr haben wollen. Viele gutwillige Katholiken verteidigten daher selbst die liberalsten, modernistischen, synkretistischen bis apostatischen „Päpste“, die doch die eigentlichen Totengräber der „alten“ Kirche waren – und nicht ein Küng oder Rahner oder Teilhard de Chardin oder Schillebeeckx oder Henri de Lubac und wie sie alle heißen mögen. Das dialektische Spiel funktionierte einwandfrei: Während die progressiven Theologen die Blicke und  die  Aufmerksamkeit  der  Masse  auf  sich  zogen, konnten  die „gemäßigten“ Bischöfe und Päpste Kirche neu erfinden und den Leuten dabei immer wieder einreden, im Grunde hätte sich nichts geändert und die Exzesse der Progressisten seien ihnen auch nicht recht. Seltsamerweise blieben aber all die Bischöfe, Priester und Kapläne auch bei ihren wildesten liturgischen Spielen vollkommen unbehelligt, während man all diejenigen Bischöfe und Priester bis aufs Blut verfolgte, die es wagten, an der „alten“ Messe festzuhalten.

Dieser kurze und recht summarische Überblick über das Geschehene war deswegen notwendig, weil es seit geraumer Zeit unternommen wird, den inzwischen postmodernen Gläubigen einzureden, im Grunde sei alles nicht so schlimm, es hätte sich wesentlich nichts geändert, im Grunde käme es nur auf die richtige Interpretation des Konzils an. Daß eine solche Lüge inzwischen möglich ist, ohne daß sie mit schallendem Gelächter quittiert wird, zeigt, wie weit der Glaubenssinn inzwischen zerstört worden ist. Fast niemand kennt noch die wahre Kirche Jesu Christi und niemand weiß mehr über die wahre Lehre genügend Bescheid, die allermeisten sind mit einem Zerrbild mehr als zufrieden. Die Revolution in Tiara und Chorrock hat letztlich ihr Ziel erreicht.

Damit dieses Geschehen noch ein wenig greifbarer wird, wollen wir versuchen, die Revolution auch inhaltlich etwas genauer zu fassen. Dabei müssen wir uns natürlich in diesem Rahmen auf das Wesentliche beschränken. Wer eine umfangreichere Auseinandersetzung mit der Lehre (oder besser gesagt Irrlehre) des Konzil sucht, der findet sie in dem Buch von Anton Holzer: „Vatikanum II Reformkonzil oder Konstituante einer neuen Kirche“. Wer dieses Buch aus dem Jahr 1977 eingehender studiert, ist sicher über die Klarheit der Einsichten erstaunt, eine Klarheit, die man bei den allermeisten Texten, die vielleicht Jahrzehnte später geschrieben wurden und die nachkonziliare Entwicklung vor Augen haben, vergeblich sucht. Man kann im Nachhinein dem Autor einen gewissen prophetischen Geist nicht absprechen, was ihn als echten Philosophen und Theologen ausweist.

Ein oft zitiertes Urteil über das Vatikanum II soll an den Anfang unserer Erwägungen über den wesentlichen Irrtum des Konzils gestellt werden. Das Schicksal dieses Zitates spiegelt den Umgang mit dem unseligen Konzil vollkommen treffend wieder: Denn genauso wie man das, was in dem Zitat ganz und gar unmißverständlich gesagt wird, niemals ernst genommen hat – weil man es nämlich niemals zu Ende denken wollte – genauso wird auch das, was eigentlich im und nach dem Konzil geschehen ist und von den maßgeblichen Autoritäten unzählige Male eingestanden wurde, bis heute nicht ernst genommen und zu Ende gedacht – selbst wenn das Ende inzwischen Wirklichkeit geworden ist.

Der damalige Erzbischof von München und Freising, nachmaliger Kardinal und Präfekt der Glaubenkongregation, nachmaliger Benedikt XVI. schrieb:

Wenn man nach der Gesamtdiagnose für den Text sucht, so könnte man sagen, daß er in Verbindung mit den Texten über die Religionsfreiheit und die Weltreligion eine Revision des Syllabus Pius‘ IX. darstellt, eine Art Antisyllabus“.

Wenn menschliche Sprache einen Sinn haben soll, dann ist mit diesem Satz gesagt: Das Zweite Vatikanische Konzil stellt seinem Wesen nach eine Lehre dar, die dem, was Pius IX in seinem sog. Syllabus formuliert bzw. verurteilt hat, kontradiktorisch entgegengesetzt ist. Das Konzil stellt eine Anti-Lehre, also eine Gegenlehre zur Lehre der katholischen Kirche über die moderne Zeit und ihre Irrtümer dar, denn das ist der Inhalt des sog. Syllabus. Während der Syllabus Pius IX. die wesentlichen Grundlagen des modernen Denkens (Liberalismus, Relativismus, Minimalismus, Ökumenismus) verurteilt, bejaht das Konzil dieses Denken und übernimmt die damit verbundenen Irrtümer.

Sechs Jahre nach der Eröffnungsansprache zum Konzil erklärte Paul VI.:

„Eine dieser Weisungen (des Zweiten Vatikanischen Konzils), die unsere Lebensweise und noch mehr unsere praktische Haltung verändert, betrifft die Sicht, die wir Katholiken von der Welt haben müssen, in der wir leben. Wie sieht die Kirche die Welt heute? Diese Sicht hat das Konzil genau dargelegt, vertieft und erweitert bis zu einer beträchtlichen Veränderung des Urteils und der Haltung, die wir gegenüber der Welt haben müssen… Diese neue Haltung muß das Kennzeichen der Kirche heute werden, die erwacht und aus ihrem Herzen neue apostolische Energien schöpft.“ Abgesehen davon, daß die Worte Pauls VI., die Kirche wäre durch das Konzil erwacht und hätte neue apostolische Energien geschöpft, heute angesichts des weltweiten Ruins äußerst naiv und weltfremd klingen – ist diese neue (?) Sicht der Welt durch die Konzilskirche nicht genau das, was im Syllabus von 1864 als typisch liberaler Satz verworfen worden ist: „Der Papst muss und kann sich mir dem Fortschritt, mit dem Liberalismus und mit der neuen Zivilisation versöhnen und abfinden“?

Genau das haben die Päpste nach dem Konzil offensichtlich gemacht. Auch nach Paul VI. ändert die „Kirche“ durch das Zweiten Vatikanischen Konzil ihr Urteil über die sog. „Welt“ grundlegend, weil sie selbst eine grundlegende lehrmäßige Neuorientierung vorgenommen hat. Die neue Sicht der „Welt“ besteht darin, daß man nunmehr die trennenden Irrtümer nicht mehr beachtet – bzw. sich diese Irrtümer sogar selbst zu eigen gemacht hat. Die neue „Kirche“ ist eine „Kirche“ des liberalen, modernen Geistes, d.h. eines Geistes, der nicht mehr nach der Wahrheit fragt, weil er nicht mehr glaubt, daß es eine objektive Wahrheit gibt. Daher denkt diese neue „Kirche“ nicht mehr diakritisch, sondern dialogisch. Es geht ihr nicht mehr darum, die Wahrheit zu verteidigen und den Irrtum zu verurteilen, sondern es geht darum, miteinander zu sprechen und nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen, der uns doch jetzt schon verbindet. Nicht das Trennende ist wichtig, sondern das Verbindende. Das ist die neue „Kirche“ des Aggiornamento, die mit allen auf gleicher Ebene steht und redet. Das ist die dialogische „Kirche“ des Konzilsgeistes, wie sie uns der „größte Theologe des zwanzigsten Jahrhunderts“, Josef Ratzinger ist damit gemeint, schon vorstellt hat und noch etwas ausführlicher so beschreibt:

„Die Kirche kooperiert mit der Welt, um die Welt aufzubauen… Das Verhältnis zwischen Kirche und Welt wird also als ‚Colloqium‘ betrachtet, als Miteinander-Reden … Wenn man nach der Gesamtdiagnose für den Text sucht, so könnte man sagen, daß er in Verbindung mit den Texten über die Religionsfreiheit und die Weltreligion eine Revision des Syllabus Pius‘ IX. darstellt, eine Art Antisyllabus … daß der Text die Rolle eines Gegensyllabus spielt und insofern den Versuch einer offiziellen Versöhnung der Kirche mit der seit 1789 gewordenen neuen Zeit darstellt… Mit ‚Welt‘ ist im Grunde der Geist der Neuzeit gemeint, dem gegenüber sich das kirchli- che Gruppenbewußtsein als ein getrenntes Subjekt empfand, das nun nach heißem und  kaltem Krieg  auf Dialog  und  Kooperation drängte“ (Joseph Ratzinger, Theologische Prinzipienlehre, München 1982). Nochmals: Wenn Sprache einen Sinn haben soll, dann sagt der größte Theologe des zwanzigsten Jahrhunderts, durch das Konzil wurde die von Pius IX. verkündete Verurteilung des modernen Denkens revidiert und zudem eine Versöhnung mir der Revolution von 1789 vollzogen. Mit anderen Worten: Die Diener der Kirche sind zum Feind übergelaufen.

Im Jahre 1865 hatte Papst Leo XIII. noch erklärt:

„Es gab einmal eine Zeit, da die Philosophie der Heilsbotschaft die Staaten beherrschte, da der Einfluss der christlichen Weisheit und göttlichen Vollkommenheit in Gesetzen, Einrichtungen und Volksbräuchen, in allen Ständen und Beziehungen des Gemeinwesens zutagetrat, da der von Christus gegründete Glaube jenen Rang einnahm, der ihm zukommt, und unter dem gebührenden Schutz von Fürsten und Staatsbehörden blühte, da Eintracht und wechselseitige Hilfsbereitschaft Priesterschaft (sacerdotium) und Herrschaft (imperium) miteinander glücklich verband … Leider aber kam es zu jenen verderblichen, unglückseligen Neuerungen, die im 16. Jahrhundert hervorbrachen. Sie verwirrten zunächst den Begriff des christlichen Glaubens, griffen dann in einer fast zwangsläufigen Bewegung auf die Philosophie über und von der Philosophie auf alle Gebiete der staatlichen Gemeinschaft. Aus dieser Quelle stammen die neueren Formeln jener zügellosen Freiheit, die beim schrecklichen Umsturz des vorigen Jahrhunderts ausgeheckt und verkündet wurden als Grundlagen und Leitsätze eines sog. neuen Rechtes, das vordem niemand kannte und das sowohl mit dem christlichen als auch mit dem Schöpfungsrecht in mehr als einer Beziehung im Widerspruch steht…“ (Enz. Immortale Dei vom 1. Nov. 1885).

Der viel gepriesene neue Geist des Konzils ist der Liberalismus, jener moderne Geist ungeordneter, zügelloser Freiheit, der fast schon die ganze Welt erobert hat. Dieser Geist wurde von der wahren Kirche seit seinem Aufkommen verurteilt. Don Félix Sarda y Salvany führt dazu aus: „Am Tag der Darstellung Jesu im Tempel sagte der Greis Simeon unter dem Anhauch des prophetischen Geistes zur Allerseligsten Jungfrau, ihr göttlicher Sohn werde als Zeichen des Widerspruchs in die Welt kommen, das für viele den Untergang und für viele die Auferstehung mit sich bringen werde. Den Charakter seiner göttlichen Sendung hat Jesus Christus seiner Kirche übertragen, und dies liefert die Erklärung dafür, daß in der Frühzeit des Christentums die Häresie zum Angriff auf die Glaubenswahrheiten antrat. Dieser Widerspruch hat seither nicht aufgehört, doch hat er sich gewissermaßen in jedem Jahrhundert gewandelt und ein neues Gesicht angenommen, sobald der vorhergehende Irrtum vollständig vernichtet oder entlarvt worden war. Um uns auf die letzten drei Jahrhunderte zu beschränken: Im sechzehnten dominierte die protestantische Häresie; der Jansenismus versuchte das siebzehnte zu korrumpieren und im achtzehnten strebte der philosophische Naturalismus danach, die Grundlagen der Gesellschaft selbst umzustürzen. Im neunzehnten Jahrhundert stieß zu den Überresten dieser Irrtümer ein neuer hinzu, der womöglich noch gefährlicher als die früheren, weil subtiler ist: Statt diesen oder jenen Punkt der Lehre ins Visier zu nehmen, versucht er die Lehre als Ganzes zu unterwandern, um sie durch und durch zu verderben … Es handelt sich um den Liberalismus. Auf praktischer Ebene ist er eine Sünde gegen die heiligen Gebote Gottes und der Kirche, weil er sie alle überschreitet. Um es klarer zu sagen: Auf der Ebene der Lehre ist der Liberalismus die radikale und universale Häresie … Auf praktischer Ebene ist er die universale und radikale Verletzung des Gesetzes Gottes, weil er sämtliche Verstöße gegen dieses erlaubt … Er leugnet die absolute Herrschaft Jesu Christi, Gottes, über die Einzelmenschen und  menschlichen  Gemeinschaften …  Er  leugnet  die Notwendigkeit der göttlichen Offenbarung und die Verpflichtung eines jeden Menschen, sie anzunehmen, wenn er seine letzte Bestimmung erreichen will … Nach dieser allgemeinen, allumfassenden Leugnung leugnet der Liberalismus jedes Dogma ganz oder teilweise, je nachdem, wieweit es im Widerspruch zu seinem rationalistischen Urteil steht. Beispielsweise leugnet er den Glauben an die [Notwendigkeit der] Taufe, wenn er die Gleichheit der Religionen annimmt oder voraussetzt … Auf praktischer Ebene ist der Liberalismus die radikale Unmoral. Er ist dies, weil er das Prinzip oder die Grundregel jeder Moral zerstört, welches die ewige, der menschlichen Vernunft überlegene Vernunft Gottes ist; weil er das absurde Prinzip der unabhängigen Moral verficht, die im Grunde die Moral ohne Gesetz, die freie Moral ist … Ja, der Liberalismus ist in all seinen Abstufungen und in all seinen Formen sehr wohl formell verurteilt worden, so daß, abgesehen von der ihm innewohnenden Hinterlist, die ihn böse und verbrecherisch macht, für jeden glaubenstreuen Katholiken gegen ihn die höchste und unwiderrufliche Erklärung der Kirche steht, die ihn als böse und verbrecherisch verurteilt und dementsprechend in Acht und Bann getan hat…“ (Le libéralisme est un péché, S. 8, 9, 10, 37; Ed. Téqui 1910, vom heiligen Pius X. gelobtes Werk).

Wer diese Ausführungen Don Félix Sarda y Salvanys aufmerksam liest und erwägt und sodann in Verbindung setzt mit dem, was Josef Ratzinger über das Konzil gesagt hat, der wird sich nicht mehr über all das wundern, was in der modernen Kirche seit jenem unseligen „Konzil“ geschehen ist. Vielmehr wird er begreifen, daß all die Irrlehren und Mißstände der Nachkonzilszeit durchaus keine Überspanntheiten und Entgleisungen von einzelnen, besonders progressiven Päpsten oder Bischöfen oder Priestern oder Laien waren oder sind, sondern notwendig aus dem liberalen System folgen, das man übernommen hat.

Daß die konziliare Entwicklung inzwischen ihr Ziel erreicht hat und zur Normalität im Leben der Konzilskirche geworden ist, soll zum Schluß unserer Gedanken durch folgende aktuelle Meldung ganz einfach noch einmal kurz dokumentiert werden:

Genf (kath.net/KNA). Katholiken und Lutheraner haben sich auf eine gemeinsame Darstellung der Reformationsgeschichte geeinigt. Der Lutherische Weltbund nahm am Montag bei seiner Ratstagung in Genf das in mehrjähriger Arbeit erstellte Studiendokument «Vom Konflikt zur Gemeinschaft» entgegen, das eine gemeinsame lutherisch-katholische Aufarbeitung der Geschichte enthält. In fünf „ökumenischen Imperativen“ für die Zeit zum 500. Jahrestag des Beginns der Reformation 2017 fordert es Katholiken und Lutheraner auf, „immer von der Perspektive der Einheit und nicht von der Perspektive der Spaltung auszugehen, um das zu stärken, was sie gemeinsam haben, auch wenn es viel leichter ist, die Unterschiede zu sehen und zu erfahren“.

Beide Konfessionen sollten sich ständig durch die Begegnung mit dem anderen und durch das gegenseitige Zeugnis des Glaubens verändern lassen, heißt es weiter in dem 90-seitigen Dokument. Ferner sollten Katholiken und Lutheraner die sichtbare Einheit der Kirchen suchen, die Kraft des Evangeliums von Jesus Christus wiederentdecken und zusammen Zeugnis für Gottes Gnade ablegen.

Der Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, verwies auf die unterschiedliche Bedeutung des Reformationsgedenkens für die jeweiligen kirchlichen Traditionen. „Es ist verständlich, dass für Lutheraner die Freude über die reformatorische Wiederentdeckung vor allem des Evangeliums von der Rechtfertigung des Menschen allein in Gnade im Vordergrund steht“, so Koch. Diese Freude teilten Katholiken. Für Katholiken sei „das Reformationsgedenken aber auch mit tiefem Schmerz verbunden, weil es zur Spaltung der Kirche und vielen negativen Auswirkungen“ geführt habe. Man könne die tragischen Folgen der Kirchenspaltung nicht feiern, aber das Positive gemeinsam sehen und gemeinsam Wege in die Zukunft suchen.

Vor Journalisten erläuterte Koch, dass es sich bei dem neuen Papier nicht um ein lehramtliches Dokument der Kirchen handele. Aber schon Benedikt XVI. habe in seiner Amtszeit die Erarbeitung des Dokumentes unterstützt und Franziskus I. unterstütze es ebenfalls. Aufgabe der katholischen Kirche sei es nun, den Text in Bischofskonferenzen und Ortskirchen bekanntzumachen.

Anna Katharina Emmerich beschreibt uns das ganze seltsame Geschehen vor etwa 180 Jahren so:

Sie bauten eine große, wunderliche, tolle Kirche, da sollten alle darin sein und einig und mit gleichen Rechten, evangelisch, katholisch und alle Sekten, und es sollte eine wahre Gemeinschaft der Unheiligen sein und ein Hirt und eine Herde werden. Es sollte auch ein Papst sein, er sollte aber gar nichts besitzen und besoldet werden. Es war alles schon vorbereitet und vieles fertig; aber wo der Altar war, da war es wüst und gräulich. Das sollte die neue Kirche werden, und so steckte er das Haus der alten Kirche an.“ (P. K. E. Schmöger, Bd. I, 1870, S 563)

Das also ist die Menschenmachwerkskirche – wer könnte diese mit der katholischen Kirche verwechseln, so denkt man und ist erstaunt, feststellen zu müssen: Fast alle! Das nennt man im modernen Sprachgebrauch Bewußtseinsveränderung – oder auf neudeutsch: learning by doing (lernen durch das Tun) …

Mit  priesterlichem  Segensgruß Ihr

P. Hermann Weinzierl