Maria Brogsitter: DIE JUNGFRAU VON ORLEANS (1412 – 1431)

Aus dem Immaculata-Archiv:


Die Jungfrau von Orleans
1412 – 1431

Ein Zeit- und Lebensbild
von
Maria Brogsitter, Studienassessorin

Dem Andenken meines Vaters und meiner Schwester Irmgard – M. Immaculata – gewidmet!
Nihil obstat: J. Dévaud, libr. censor; Imprimatur: Friburgi Helv. 13 Oct. 1932. L. Ems, vic. gen.


Einleitung

500 Jahre sind seit dem Heimgange der Heldenjungfrau Jeanne d’Arc verflossen. Heute wie nie steht sie uns in überzeitlicher Verbundenheit so nahe. Ihr kurzes Leben war Kampf und Opfer, war Sieg durch Gott, Martyrium durch den Neid und den Wankelmut der Menschen. Heroisch hat sie es zu Ende geführt: ihr Tod war ewiges Zeugnis für die Wahrheit, für ihre Sendung von Gott, – ihre Glorie ist immerwährendes Heiltum und mächtiger Schutz für gläubige Menschen, für christliche Völker. -

Tief ergreifend sind die historischen Quellen. Sie sind ursprünglich, sie sind kritisch, sie sind mannigfaltig, sie sind verbürgt: Ursprünglich, da die Aussagen von ihr selbst und den Zeitgenossen stammen;
Kritisch, da es Zeugnisse aus harten Prüfungsstunden sind;
mannigfaltig, da ihre Träger aus Volk und Adel und der Geistlichkeit, Vertreter vieler Berufe sind;
verbürgt, da die Jungfrau selbst zum Zeugnis der Wahrheit das Leben hingab und die Makellosigkeit der Urteile standhielt vor lautern Gewissen der Ritenkongregation. -

Die folgende Schrift hält sich in allen Teilen getreu an die Quellen und eng an das Werk, das in umfassendster Weise auf diesen fußt, an die “grande histoire illustrée” von Mgr. Henri Debout. Manche Stellen sind wörtlich zitiert, in freier Bearbeitung andere.

Zeitbild!

Aus den festbewehrten Städten des 15. Jahrhunderts ragen allerorts in Frankreich die hohen Türme gotischer Kirchen und weitläufiger Klosterbauten hervor. Wie abgeschlossene Inseln muten sie an, diese Städte mit Mauerkranz und Wachttürmen, mit Laufgräben und Zugbrücken. Starke, schöne Einheit des Stils! Aber noch viel wundersamer der Gedanke, dass ein Glaube die Herzen beseligt, und wenn der Angelus läutet, der Pilger den frommen Erlösungsgruß anhebt, der Ritter mit seinem Tross eine Weile das rauhe Waffenhandwerk vergisst und der Kaufmann mit seinem Warenzug einen Augenblick den reichen Nutzen aus dem Sinne lässt. Frommer Väterglaube, der das Land aus tiefster Not in letzter Stunde rettet! Schon dräuen Wetterwolken allüberall! Traurige Kunde vom abendländischen Schisma dringt nach Frankreich herüber, die Türkengefahr steigt wiederum am Horizont christlicher Staaten Europas auf. Frankreichs Erde aber zerstampfen englische Truppen im Norden bis zur Loire, im Süden aufwärts, nimmer weit entfernt vom nämlichen Flußgebiet. Es ist der unselige Krieg, den der englische König Eduard III., durch seiner Mutter Geschlecht aus dem Hause der Capetinger Anwartschaft heischend auf den französischen Thron, eröffnet hat mit den furchtbaren Schlachten bei Sluys 1340 und Cressy 1346 und Poitiers 1356, den Heinrich V. nun fortsetzt mit dem Sieg zu Agincourt 1415 und besiegelt mit dem ungeheuerlichen Vertrag zu Troyes, der bestimmt, dass er die Tochter des französischen Königs heirate, für den kranken König Philipp VI. die Regentschaft führe und bei seinem Tode Frankreichs Herrscher werde. Königin Isabeau von Frankreich gibt eigenes Land und eigenen Erbfolger, den jungen Dauphin Karl verloren. – Mehr noch des Unglücks! Der mächtige Herrscher von Burgund droht im Osten das Vaterland zu zerreißen. Nichts will er mehr von Versöhnung wissen, seit aus dem Gefolge der Königlichen einer seinen Vater ermordete. Was im großen sich abspielt, erlebt der Grenzwinkel Frankreichs: Lothringen, im kleinen. Geplänkel der Königstreuen, Armagnac und Burgund, kleinerer Fürsten. Im Bereich des Dörfchens Domremy an der Maas tragen selbst die Kinderkriegsspiele blutige Ausgänge davon. So sind die kleinen Köpfchen erhitzt durch eigenes Schauen, durch das Tagesgespräch der Eltern. Was aber geht vor am 6. Januar 1412? Eine unerklärliche Heiterkeit ergreift die Bewohner des Dörfchens, die Hähne fangen zu ungewohnter Stunde an zu krähen. – Erst spätere Zeiten haben es enthüllt.

An diesem Tage, dem Feste der Erscheinung des Herrn, wurde in einem Hause im Schatten des Heiligtums von Domremy ein Mägdlein geboren, von Gott auserwählt, die Retterin Frankreichs zu werden.

Kindheit

Wer aber waren die Eltern des Mägdleins? Jakob d’Arc ist ein angesehener Landmann des Ortes und seine Frau Isabella, mit dem Zunamen Romée, paart tiefe Frömmigkeit mit großer Energie. Drei Söhne nennen sie ihr eigen: Jacquemin, Johann und Peter. (Ihre Familie erweitert sich später durch eine zweite Tochter, Katharina.) Allen Kindern wird von den rechtschaffenen Eltern eine vorzügliche christliche Erziehung zuteil. Nach der Sitte des Landes hat das neugeborene Mägdlein eine Reihe Taufpaten und Taufpatinnen, wovon die meisten den Namen Johann und Johanna tragen. So wird ihr der Name Jeanne (Johanna) gegeben. Ist’s ein Symbol? – Jeannette bleibt ihr Rufname im Elternhaus. Sie wächst heran wie andere Kinder. Alle gewinnen sie lieb wegen ihres sanften, freundlichen, allzeit hilfsbereiten Wesens und erbauen sich an ihrer Andacht. Eifrig besucht das Kind das heilige Messopfer, geht oft zur heiligen Beichte und seit dem schönen Tage der ersten heiligen Kommunion naht sie sich öfters dem Tische des Herrn. Wenn immer es ihre Arbeiten erlauben, eilt sie fort zum nahen Gotteshaus. Da kniet sie denn vor dem Bild des Gekreuzigten oder liegt in Anbetung auf den Fließen. Mit Munterkeit verrichtet Jeannette die Arbeiten in Haus und Feld. Ihre Mutter lehrt sie Hanf und Flachs spinnen; ihrem Vater führt sie das Gespann des Pfluges und hilft beim Einfahren der Ernte. Der Gemeinde hütet sie, ist die Reihe an ihr, getreulich die Schafe. Für die Armen hat sie ein mitleidiges Herz; Kranke pflegt sie in Liebe und Geduld. Sie ergötzt sich wie die anderen Mädchen ihres Alters beim kindlichen Spiel; ihre liebsten Gefährtinnen sind Mengette und Hauviette. Mit ihnen teilt sie Arbeit und Freude. Wie die anderen nimmt sie am schönsten Dorffeste auf Mittfasten teil. Dann zieht die Jugend, groß und klein, hinaus zur alten großen Buche, dem “Beau May”. “L’arbre des Dames”, “l’arbre des Fées” oder “logis des Dames” wird er auch wohl genannt, obwohl sich die Jugend der alten Legende vom Zauberbann des Baumes nimmer entsinnt. Jeannette hat später nur ein mitleidiges Lächeln dafür, als man sie fremdenorts danach fragt. Unter Spiel, Tanz und Rundgesang vergehen die fröhlichen Stunden. Man windet Girlanden und wandert zum Schlusse zu einem Quell, – “faire ses fontaines” heißt die Sitte -, und lässt sich zum stärkenden Abendimbiss nieder. Auch die Adligen von Bourlémont schätzen das wunderschöne Fleckchen Erde und halten Laetare ihr Hauptfest dort; dann bringen die jungen Mädchen von Domremy Brot, Wein und Eier dorthin, und gemeinsam erfreut man sich bei frohem Zeitvertreib. Der “Beau May” hat jedoch noch eine andere Bestimmung: bei der dritten Bittprozession wird unter seinen Zweigen das Johannisevangelium verlesen.

Jeannes Lieblingswege aber führen zu einem Heiligtume. So schließt sie sich öfters Samstags mit ihrem Schwesterchen dem Bittgang frommer Frauen an zur Kapelle Unserer Lieben Frau von Bermont. Blumen der Au und Kerzen vom Wachse der fleißigen Bienen bringen sie zum Opfer dar unter innigem Flehen zu Gott. Denn schwer ist das Leid des Landes. Jeannette sieht oft ihre Eltern im ernsten Gespräch und hört ihre trüben Worte vom Niedergang französischer Waffen, von Raub und Mord, von der Unsicherheit der nächsten Wege, ach, und von Geistlichen, die ihre Pflichten versäumen und mehr auf die Ehre ihres Amtes und ihr eigenes Vorwärtskommen als auf das arme, verzweifelte Volk sehen, das aller Willkür preisgegeben ist! Sie hört das Seufzen der Mutter: “Mein Gott, rette Frankreich!” und tiefe Trauer zieht ein in das Herz des zwölfjährigen Kindes.

Eines Tages – gerade sind die letzten Töne des Angelus verhallt – hört Jeannette im Garten zweimal ihren Namen rufen: Sie schaut zur Kirche hinüber. Da umgibt sie plötzlich ein Licht, – und aus dem Lichte heraus strahlen ihr Gestalten entgegen, und sie erkennt besonders deutlich eine, die edle, sanfte Züge hat. Die spricht zu ihr mit lieber und doch hoheitsvoller Stimme: “Jeannette, Jeannette, sei gut und fromm! Liebe Gott, besuche die Kirche!” Angstvoll fällt sie auf die Knie. Dann aber weicht all das Schreckhafte in ihr einem unaussprechlichen Glücksgefühl. Es ist ihr, als habe Gott sie in diesem Augenblick ausersehen für sein Werk; als solle sie jeder irdischen Neigung entsagen. Und wie sie nun so daliegt in seligem Erstaunen, weiht sie Gott für ewig ihre Jungfräulichkeit. Dann steht sie auf, mutig, gefasst. Was alles wohl zu bedeuten hat? Sie denkt darüber nach in der kommenden Zeit, aber ihr Eifer in Arbeit und Gebet erlahmt nicht. Nur ihrem Beichtvater, Wilhelm Fronte, vertraut sie das seltene Begebnis an. Der Pfarrer aber gibt ihr den Rat: “Sei gut und fromm, damit der Geist des Bösen niemals über deine Seele Herrschaft gewinne!” -

Die Erscheinungen wiederholen sich, bis eines Tages der Anführer der himmlischen Heerschar sich offenbart: “Ich bin Michael, der Beschützer Frankreichs!” – Das Kind macht eine tiefe Verneigung. “Es ist großer Jammer im Königreich Frankreich”, fährt der Erzengel fort, und dann enthüllt er ihr ein trostloses Bild vom tiefen Unglück ihres Vaterlandes. Das Kind vergießt reichliche Tränen… Da kündet ihr der himmlische Geist einen Retter an. Es jubelt ihre Seele auf, und sie dankt ihm für die Gottesbotschaft und fragt nach dem Namen des Kommenden, der Frankreich aus aller Not erlösen soll:

“Du bist es, Kind Gottes!… Nimm Abschied! Geh nach Frankreich, du sollst!…”

Da fängt die Kleine an zu zittern und zu schluchzen: “Ich bin nur ein armes Mädchen”, antwortet sie, “ich kann weder ein Pferd besteigen, noch Krieg führen.” Der Engel aber wiederholt: “Nimm Abschied! Geh nach Frankreich! Du sollst!” Und er verschwand. -

Und wiederum erscheint der himmlische Bote. Da weist sie auf ihre Bauernkleider, streckt ihm fast abwehrend die Arme entgegen, zeigt ihm die Hände, die nur mit Kunkel und Karst umgegangen sind und möchte so gerne noch einmal ihm ihre ganze Ohnmacht ausdrücken: “Ich bin nur ein armes Mädchen, ich kenne weder a noch b; ich kann weder reiten noch Krieg führen.” Aber sie will gehorchen. – Der Lohn folgt. Sankt Michael gibt ihr die tröstliche Versicherung: “Gott sorgt für alles, was dir fehlt. Ich führe dir zwei Heilige zu. Es sind dies die Jungfrauen Katharina und Margareta. Gott hat sie beauftragt, dich zu leiten; du brauchst nur ihrem Rat zu folgen.” Und schon sieht Jeannette in himmlischer Klarheit zwei wunderliebliche Gestalten. Goldkronen tragen sie. Die Heiligen heißen die Kleine näherkommen, liebreich umarmen sie das Mädchen. Dies aber betrachtet sie entzückt, gibt ihnen die Hand und küßt sie in tiefer Ehrfurcht.

Von nun an suchen die beiden Heiligen sie mehrmals in der Woche auf und belehren sie über ihre Aufgabe. Jeannette aber nennt sie voll demütiger Dankbarkeit “ihren Rat” oder “ihre Stimmen” und dankt Gott für die außergewöhnliche Gnade.

Frankreichs Lage wird immer düsterer und auch die “Lothringischen Marken” werden vom ehernen Schritt des Krieges nicht verschont. Die Bewohner von Domremy, darunter die Familie Jakob d’Arc, flüchten nach Neufchâteau. Vier Tage des Jahres 1425 verharren sie dort. Dann kehren sie heim. Wohl denen, die Habe und Herde mit sich geführt; denn der anderen Häuser und Ställe waren leer. Die Kirche ist zum Teil zerstört. Was aber ist’s, das dem treusorgenden Vater von Jeannette die Ruhe raubt? Immer und immer wieder hat er denselben Traum. Er sieht eine Frauengestalt – inmitten von Soldaten reitet sie -, sie gibt ihnen Befehle. Dann erkennt er auf einmal in ihr seine Tochter. Sollte seiner geliebten Jeannette in diesen Kriegszeiten etwas Schlimmes zustoßen? Lieber sähe er sie tot zu seinen Füßen. Noch weiß der Vater nichts von den himmlischen Erscheinungen. Noch weiß er nicht, dass der Erzengel im Auftrage des Allerhöchsten von seiner Tochter Jeannette gefordert, hinzugehen nach Vaucouleurs, den Hauptmann daselbst zu bitten, ihr Begleitschaft zu geben, um zum Dauphin hinzueilen.

Arme Jeannette! dein Stand ist schwer, aber die Vorsehung wacht. Am 1. Mai 1428 klopft ein Verwandter, Durand Laxart, an die Pforte des väterlichen Hauses und bittet um Besuch des jungen Mädchens. Die Eltern bewilligen es gerne. So wandern die beiden nach Burley-le-Petit. Vom Geiste Gottes getrieben, offenbart Jeannette die Geheimnisse der letzten Jahre und bittet ihn, sie nach Vaucouleurs zu führen. Durand versucht sogleich, den Hauptmann zu sprechen. Robert de Baudricourt hört sich alles an und meint, man solle sie ins Vaterhaus zurückführen und ihr einige Ohrfeigen geben. Jeannette ist nicht entmutigt ob dieser Antwort. Ihre himmlischen Berater haben es ihr vorausgesagt. Aber sie verzagt nicht. Bald erhält sie selbst Zutritt zum Hauptmann. Sie erkennt ihn unter allen heraus, sagt ihre Botschaft vom Herrn. “Wer ist dein Herr?” fragt Robert de Baudricourt. “Es ist der König des Himmels”, gibt sie, die Gottgesandte, zur Antwort. Nachdem sie einige Zeit in Burley-le-Petit geweilt hat, kehrt sie nach Hause zurück.

Etwas später zeigen die Heiligen Jeannette die Abschiedsstunde an. Ihr Herz möchte zerreißen vor Weh. Wie Vater und Mutter das Leid antun? Lebewohl sagen den Freundinnen der Kindheit, all den guten, treuen Menschen?… Doch nein, es muss sein! Durand gibt sie Nachricht vom Befehl des Himmels. Noch einmal durchwandert sie das Haus, den Garten, wo sie die erste Botschaft empfing, eilt zur Kirche, die ihr lieb und teuer ward durch die Taufe, die erste heilige Kommunion… Durand kommt sie holen zur Pflege seiner Frau, die ein Kindlein erwartet. Vergebens sucht Durand den Hauptmann umzustimmen. Da schreitet Jeannette wiederum selbst zur Tat. Sie wird empfangen, doch die Antwort ist abweisend. Da hält sie’s nicht länger. Sie legt die Männerkleidung, die Durand ihr von sich beschaffte, an: anders darf sie nicht vor dem Heer erscheinen. Mit Durand und Jakob Alain bricht sie auf. Unterwegs kehrt sie in eine Kapelle, die Sankt Nikolaus geweiht ist, ein und betet lange, lange. Da wird ihr das Geheiß, umzukehren, den Widerstand Baudricourts zu brechen, der ihr eine angemessene Waffenrüstung verschaffen soll. Sie gehorcht. Ihre Natur ist traurig ob der Verzögerung, aber unerschütterlich fest bleibt ihr Vertrauen auf den mächtigen und alleinigen Herrn.

“Wann werde ich weggehen?” fragt sie Katharina Le Royer, in deren Hause sie in Vaucouleurs Wohnung genommen hat. “Gott hat mir versichert, daß unser Vaterland nur durch mich gerettet werde. Erinnert Ihr Euch der Prophezeiung, Katharina, die man überall wiederholt: Frankreich ging durch eine Frau verloren; es wird durch eine Jungfrau gerettet werden, die aus den Grenzbezirken Lothringens kommt?”

Ein Ritter, der ihr herzlich zugetan war, hieß Bertrand von Poulengy. Er war Zeuge einer der Unterhandlungen zwischen Jeannette und Baudricourt gewesen und sann über den Sinn all ihrer Worte ernstlich nach.

Der Jungfrau Name war nun nicht mehr unbekannt im Lande. Der kranke Herzog von Lothringen, Karl II., verlangte das wundersame Mädchen zu sehen. Mit Begleitschaft zog sie dahin, kehrte zurück, nachdem sie sich für seine verstoßene Gemahlin verwandt, mit reichem Geldgeschenk und einem Rappen aus dem herzoglichen Marstall bedacht.

Bald schlägt die Stunde des Erfolges. Sie tritt vor Baudricourt hin und sagt ihm in aller Bestimmtheit Tag und Umstände der Schlacht bei Rouvray voraus: “Im Namen Gottes, Ihr zögert zu sehr, mich zu senden. Heute hat der edle Dauphin bei Orleans großen Schaden gelitten. Und er wird Gefahr laufen, noch größeren zu erleiden, wenn Ihr mich nicht bald zu ihm schickt.” Ihre Vorhersage bestätigte sich. Baudricourt war darob so erschüttert, dass er vorsorglich alles zum Aufbruch der Jungfrau rüsten ließ – (die Bewohner von Vaucouleurs hatten ihr begeistert alles zur Auskleidung bereitet) -, ihren Führern den Eid abnahm, Jeannette unversehrt zum Dauphin zu bringen. Mit wahrer Herzlichkeit rief er ihr beim Abschied zu: “Geh! geh, und mag kommen, was will!”

Am Königshof

Jeanne la Pucelle – Johanna, die Jungfrau, wie sie von jetzt ab genannt wird – stand offensichtlich unter Gottes Schutz. Ein böser Anschlag unwilliger Fahrtgenossen, denen es zu wenig dünkte, ein Mädchen zu geleiten, wurde verhindert. Gott lenkte ihr unwiderstehlich die Herzen zu, dass man von nun an freudig gehorchte. Weder schlechte Wege, noch Hochwasser, noch Räuberhorden schreckten die Jungfrau ab, die so oft den anderen Mut zusprach. So langte man am 6. März 1429 in Chinon an. Wunderbar ist das Erkennen Johannas. Beim Empfang auf dem Königsschloss will man sie irreführen, sie aber findet den Dauphin unter allen heraus. Als Zeichen ihrer Sendung von Gott offenbart sie ihm seine Gebete, beruhigt ihn über seine Zweifel, tut ihm kund, daß sie gekommen sei, sein Königreich zu retten. Da schenkt der König ihr Glauben. Es wird ihr ein Gemach in seinem Schlosse angewiesen, er übergibt sie der Obhut einer der edelsten Frauen am Hofe und bestimmt Ludwig von Coutes ihr als Pagen. Bald nun tritt Jeanne den Großen des Reiches näher, immer die weibliche Würde wahrend, aber furchtlos und bestimmt. So werden ihr Freunde und Feinde im Rate des Königs. Die Guten halten sich zu ihr, wer aber eigenes Interesse über das Wohl des Ganzen stellt, wird ihr lauteres Wesen nicht verstehen können, ja, sie hassen. Marie von Anjou, die junge Gemahlin des Dauphins, und der Herzog von Alençon gehören zu den ersteren, wie auch der Beichtvater des Dauphins Gérard Machet, anders aber verhalten sich Georg von la Trémoïlle, der mächtige Günstling von Karl VII. und Regnault von Chartres, Erzbischof von Reims und Frankreichs Kanzler.

Eine bedeutsame Unterhaltung findet zwischen dem Dauphin und Jeanne in Gegenwart von la Trémoïlle und dem Herzog von Alençon in den ersten Tagen statt. Wir müssen uns dabei in das Feudalwesen der damaligen Zeit versetzen. Jeanne bittet Karl, sein Königreich dem König des Himmels zu geben; “denn”, fügt sie hinzu, “wenn die Übergabe einmal geschehen ist, wird der König des Himmels für Sie arbeiten, wie er es für die Vorgänger getan hat und wird Frankreich wieder in den Zustand versetzen, in dem es in der Vergangenheit war.” Und dann schließt sie die dringliche Bitte an, allen zu verzeihen, die gegen ihn gewesen sind oder ihm ein Leid zugefügt haben, alle in Demut freundlich aufzunehmen, es sei Freund oder Feind. Trémoïlles Pläne waren letzterer Forderung zuwider. Nach diesen Grundsätzen musste er eine Aussöhnung zwischen dem Dauphin und dem Connetable Arthur von Richemont befürchten. War er es doch, der Undankbare, der zwischen ihnen Zwietracht gesät! Nur durch Richemont war er beim Dauphin eingeführt worden. Zwar wollte dieser ihn ablehnen. “Ihr übergebt ihn mir”, sagte er abwehrend, “und werdet es eines Tages bereuen, denn ich kenne ihn besser als Ihr.” Und so geschah es, Tremoïlle ruhte nicht eher, bis Richemont vom Hofe verbannt war und hinderte fortwährend mit allen erdenklichen Mitteln die Annäherungsversuche des im Grunde treuesten Vasallen, wie wir in der Folgezeit noch sehen werden.

Prüfung und Ausrüstung

Es handelte sich um eine Tat von weltgeschichtlicher Bedeutung. Der Dauphin durfte sich als der verantwortungsvolle Repräsentant von Frankreichs Krone unter keinen Umständen vor anderen Nationen bloßstellen. So ordnet er die genaue Prüfung von Jeannes Aussagen durch hervorragende Geistliche und Laien an; ihre Sitten lässt er durch die Mutter seiner Gemahlin, Königin Yolande von Sizilien, überwachen; Boten schickt man in die Heimat des Mädchens, über sie und die Familie nachzuforschen. Alles fällt zur Zufriedenheit aus. Der König aber beruhigt sich noch nicht. Ein erweiterter Rat tritt in Poitiers zusammen, der soll den Glauben der Jungfrau prüfen. Jeanne wird dorthin beschieden. Ein paar Züge seien vermerkt. Der Erzbischof Regnault von Chartres führt den Vorsitz, ein Unterpfand, dass die Prüfung kritisch ist und Jeanne keinen leichten Stand hat. Die Sitzungen finden im Hause eines bedeutenden Rechtsgelehrten, Jean Rabateau statt, im nämlichen, wo Jeanne Wohnung genommen hat und zahlreiche Besuche aus allen Ständen empfängt.

Alle Kreuz- und Querfragen der gelehrten Theologen beantwortet das junge Mädchen voll Treffsicherheit; den Spitzfindigkeiten begegnet sie mit einem Anflug von Heiterkeit.

Wilhelm Aymeri, Dominikaner:
“Du erklärst, dass die Stimmen dir sagen, Gott wolle das Volk Frankreichs aus der Not, in der es sich befindet, retten. Wenn er es befreien will, braucht er keine Bewaffnete.”
Jeanne: “Im Namen Gottes, die Soldaten kämpfen und Gott verleiht den Sieg.”
Seguin von Seguin, Dominikaner:
“Welche Sprachen sprechen deine Stimmen?”
Jeanne: “Eine bessere als die Eurige ist.” (Er war nämlich von Limosin, dessen hässlicher Dialekt bekannt ist.)
Seguin von Seguin: “Glaubst Du an Gott?”
Jeanne: “Besser als Ihr!”
Seguin von Seguin: “Nun wohl, Gott verbietet uns, deinen Worten Glauben zu schenken, wenn du nicht durch ein Wunder beweisest, dass du auf seinen Befehl hin handelst. Wir raten gewiss nicht dem König an, dir auf deine einfache Behauptung hin eine Armee anzuvertrauen und in Gefahr zu stürzen.”
Jeanne: “Im Namen Gottes, ich bin nicht nach Poitiers gekommen, um Wunder zu wirken; aber führt mich nach Orleans, da zeige ich die Wunder, um derentwillen ich ich gekommen bin. Man gebe mir eine beliebige Anzahl Soldaten und ich werde die Belagerung dieser Stadt aufheben.”

Dreizehn Tage dauerten die Verhandlungen; am Schlusse konnte man nicht umhin, als Endergebnis zusammenzufassen: “Es hieße dem Heiligen Geiste widerstehen und sich der Hilfe Gottes unwürdig machen, wollte man noch länger zögern.”

Die Waffenrüstung wird vom Dauphin in Tours beordert. Nur das Schwert lehnt Jeanne ab. Es ist ihr eines aufbewahrt – so künden die Stimmen – drüben in der Kirche der hl. Katharina von Fierbois, nahe beim Altar. Fünf Kreuze führt es im Wappenschild. – Man sendet hin, niemand weiß davon. Gottes Geheimnis umhüllt es noch. Doch siehe! Man sucht, sucht lange und entdeckt endlich in der Nische der Wand eine alte Truhe: verrostete Schwerter sind darin, auch jenes mit den Kreuzen. Keine lange Reinigung ist vonnöten; wie von selbst fällt der Rost ab.

Auch die Fahne entstammt himmlischem Geheiß. Erst hatte sie sich nur ein Wappenschild gewählt: blau der Grund -weiß die Taube, die darüber schwebt, und die Losung: “De par le Roy du Ciel”. St. Michael und die Heiligen schreiben anders vor: Jesus Christus im Glorienscheine. Seine Rechte streckt er zum Segen aus; seine Linke hält die Weltkugel, überragt vom Kreuze. Zwei Engel knien anbetend zur Seite, opfern eine Lilie. Die Parole, aus der Ewigkeit geholt: “Jesus, Maria.” Und die Kehrseite: die Verkündigung: ein Engel auf den Knien vor der Jungfrau zu Nazareth mit dem Erlösungsgruße: Ave Maria! Oben das Wappen Frankreichs, von zwei Engeln betragen, unten das selbstgewählte Wappenschild: “De par le Roy du Ciel”, auf weißem Felde lauter Lilien von Gold…

St. Katharina und St. Margareta loben nach der Fertigstellung durch Hennes Polnoir das junge Mädchen: “Weil du gehorcht hast und den König des Himmels auf dein Banner malen hießest, nimm es ohne Furcht und trage es mit kühnem Mut!”

Einmarsch in Orleans – Kampf und Sieg

Ehe Jeanne Tours verlässt, hat sie noch eine liebe Freude. Ein Gruß der Mutter erreicht sie, ihre liebe Sorge schickt ihr einen frommen Priester Fr. Johann Pâquerel zu, der ihr als Feldgeistlicher von nun an treu zur Seite steht. Am Wallfahrtsort Puy-en-Velay war Isabelle Romée mit Jeannes treuen Gefolgsmannen Johann von Metz und Bertrand von Poulengy zusammengetroffen. Ach, wie viel Herzensangst hatten Vater und Mutter um ihr Kind ausgestanden, wie viele bittere Zähren um sie geweint! Es war, als sei der Sonnenschein aus ihrem Hause gewichen. Mit ihnen trauerten die Geschwister. Nun aber kann die Mutter trostreiche Botschaft nach Hause bringen. Auch Jeannes Brüdern soll die Ehre zuteil werden, in des Dauphins Heer zu dienen und ihrer Schwester nahe zu sein. Sie wird in den Grafenstand erhoben. Ihr Gefolge wird erweitert. Johann von Aulon wird ihr Waffenmeister. Sie wird dem Heere als Führerin zugeführt.

Aber die Hauptleute spotten über sie und murren über des Dauphins Anordnungen. Da tritt La Hire, einer der tapfersten Ritter, vor und schwört, ihr mit seiner Kompanie zu dienen, möge sie diese führen, wohin immer sie wolle. Das Beispiel wirkte; der Widerstand war gebrochen. Nun bereitete Jeanne die Soldaten zum Kampf vor – anders, als andere Heerführer es bisher getan. Die Gottgesandte verlangte, dass die Soldaten in der Beichte ihr Gewissen reinigten, verbot die Unsitte des Fluchens, hieß schlechte Weiber von ihnen weichen. Am 27. April 1429 brach die Truppe von Blois nach Orleans auf. Voran schritt die Geistlichkeit, Hymnen singend, unter der Fahne des Gekreuzigten. Am Mittag des 28. April kamen die Mauern von Orleans in Sicht. Der Bâtard, Graf von Dunois, kommt ihnen auf seinem Boote entgegen und es entspinnt sich folgendes Gespräch zwischen ihm und der Jungfrau: “Seid Ihr der Bâtard von Orleans?” “Ich bin es und freue mich über Deine Ankunft!” “Seid Ihr es, der den Rat gegeben hat, von dieser Seite des Flusses anzukommen und nicht in direkter Richtung, wo Talbot und die Engländer sind?” “Ja, der Sicherheit wegen und auf Rat jener, die weiser sind als ich.” “Im Namen Gottes”, schließt Jeanne, “der Rat unseres Herrn ist sicherer und weiser als der Eurige. Ihr glaubtet, mich täuschen zu können und Ihr habt Euch selbst getäuscht; denn ich führe Euch bessere Hilfe zu als jemals einem General oder einer Stadt zuteil geworden ist: ist es doch die Hilfe des Himmels. Sie geht nicht von mir aus, sondern von Gott selbst, der auf Bitten von Sankt Ludwig und Sankt Karl dem Großen mit der Stadt Orleans Mitleid hatte und nicht dulden konnte, dass die Feinde mit dem Herzog zugleich die Stadt in Besitz hätten.” Gott bekräftigte ihre Worte durch ein Wunder, indem er im selben Augenblick den Schiffen günstigen Wind sandte zum Erstaunen aller. So gelangten die Lebensmittel ohne Behinderung von Seiten der Engländer unversehrt in die Feste, wie Jeanne es vorausgesagt hatte.

Freitag Abend, den 29. April, hielt die Jungfrau ihren Einzug in die Stadt. Jubelnd eilten Bürger und Soldaten herbei, um sie in Ehrfurcht zu begrüßen. Fackeln leuchteten auf und erhellten das Bild. Da sah man ein siebzehnjähriges Mädchen in voller Waffenrüstung, mit kräftig schönen Zügen, in edler Haltung den weißen Zelter reitend, vorauf der Fahnenträger, zur Seite Graf Dunois, gefolgt von den Heerführern: Marschall von Boussac, Florent von Illiers, La Hire, Xaintrailles, Adligen und den Angesehensten der Bürgerschaft. Zur Kathedrale ging der Zug, Dank zu sagen für die Wunder des Himmels, – dann zu ihrer Wohnung im Hause des Schatzmeisters Jakob Boucher, im “Hotel de l’Annonciade”. Auch ihr ganzes Gefolge, darunter ihre beiden Brüder, wurden dortselbst freundlich aufgenommen. Trotz der Strapazen des Tages lehnte sie dankend den reichlichen Abendimbiss ab, nahm nur etwas Bot, das sie in Wasser und Weint tunkte, getreu der Sitte, Freitags zu fasten. Sie teilte das Schlafgemach mit dem zehnjährigen Töchterchen des Hauses, Charlotte.

Am folgenden Morgen empfing sie in frommer Andacht die heilige Kommunion im Oratorium des Hauses. Eine Unmenge Volkes aber harrte schon draußen und verlangte stürmisch, sie zu sehen. Kaum konnte sie ihr Pferd durch die Volksmenge leiten. Ihr erster Besuch galt der Kirche; ihr zweiter Graf Dunois. Botschaften gingen zum englischen Heer. Scheinbar wurden sie verschmäht, und doch bezeugt Graf Dunois selbst: “Seit jener Stunde, in der die von Jeanne diktierten Briefe Talbot abgeliefert wurden, hat die Sachlage sich geändert: vorher haben 200 Engländer 800 oder 1000 Königliche verjagt, danach aber haben 400 oder 500 Königliche gegen die ganze Kriegsmacht der Engländer gekämpft, so dass sie kaum mehr gewagt haben, aus ihren Bastionen und Deckungen herauszugehen.” Am 2. Mai besichtigt sie kühn die Befestigungen der Feinde. Niemand rührt sich.

Am 3. Mai, dem Feste Kreuzerfindung, erbittet die Bevölkerung von Orleans zusammen mit den streitbaren Truppen den Waffensegen durch eine feierliche Prozession. Als sie in die Kathedrale einziehen, macht ein angesehener Theologe Jeanne auf die schwierige Lage zur Befreiung Orleans aufmerksam. “Bei Gott ist kein Ding unmöglich”, antwortet sie beherzt. Am 3. Mai stoßen die Garnisonen von Montargis, Gien und Chateaurenard zu den übrigen. Am 4. Mai zieht unter dem Gesang der Priester die 2. Abordnung mit Lebensmitteln unversehrt vor den Augen der Engländer in Orleans ein. Böse Nachricht: Falstolf, der gefürchtete englische Heerführer, naht mit Truppen und Proviant. Jeanne bittet Graf Dunois um nötigen Bescheid. Er sagt zu, – handelt aber anders. Jeanne, ermüdet, hatte sich aufs Lager hingestreckt. Plötzlich wecken sie ihre Stimmen: “Das Blut unserer Leute fließt zur Erde!” – Meine Waffen! – mein Pferd!…” Jean d’Aulon eilt herbei. Zum großen Erstaunen aller reitet sie gleich zum rechten Ort. Verwundete kommen ihr entgegen. Zum ersten Male sieht sie die Schrecken des Krieges, ganz nahe, ganz furchtbar. Ihr mitleidiges Herz erzittert, – aber sie stürmt voran, den Flüchtigen entgegen. Sie gibt das Zeichen zum Angriff. – Nach drei Stunden des Kampfes ist das Fort Saint-Loup in ihren Händen. Sie gebietet Schonung den Gefangenen, fordert zur Buße auf für Plünderung, lässt Dank sagen in allen Kirchen Orleans Gott, dem großen Helfer, und jubelnd verkünden es die Glocken über der Stadt, der leise, ganz leise wie Frühlingsahnen die Hoffnung auf wundersame Rettung erwacht. Te Deum laudamus…

Der Morgen des Festes Christi Himmelfahrt stieg herauf. Jeanne holt sich wie fast täglich Kraft und Stärke in der heiligen Beichte und Kommunion. Und wie so oft erging an die Truppen strikter Befehl, das Bußsakrament zu empfangen und die Frauen von schlechtem Lebenswandel vom Heere zu verjagen; “denn”, so begründete es die Gottgesandte, “Gott lässt den Verlust der Schlachten zu, um die Sünden der Menschen zu bestrafen”. – Noch ein letztes Mal ergeht die Botschaft an die Feinde:

“Euch, Männer Englands, die Ihr kein Recht auf das Königreich Frankreich habt, gebietet der König des Himmels und verlangt durch mich, dass Ihr die Festungen zurücklasset und weggehet in Euer Land. Wenn das nicht geschieht, werde ich euch eine solche Niederlage bringen, dass sie in ewigem Gedächtnis bleiben wird. Das schreibe ich nun zum dritten und letzten Male und ich werde nun nicht mehr schreiben. (gez.) +Jhesus – Maria.”

Sodann bittet sie um Austausch ihres gefangenen Herolds Guyenne. Umsonst. Man beleidigt sie tief. Jeanne weint bitterlich und betet. Siehe da, ihre Stimmen trösten sie. Am 6. Mai zieht sie an der Spitze von 4000 Mann aus der Stadt. Es gilt, die schreckenerregende Festung “des Augustins” einzunehmen. Kampfessturm, Kampfesnot. Schon hat die Jungfrau die Fahne auf den Wall gepflanzt, da geht ein Erschrecken durch die Reihen – man flieht vor der Überzahl der Gegner -, nur noch 5 oder 6 Krieger sind bei der Jungfrau und diese ziehen sie mit Gewalt zurück. Nicht lange hält sie es, da geht sie mit La Hire und anderen Hauptleuten zum Gegenstoß vor. Erstaunen und lähmender Schrecken und sinnlose Flucht auf der Seite des Feindes. Jeanne pflanzt zum zweiten Male ihr Banner auf; ihre Verwundung achtet sie nicht. Die Bastille ist gewonnen. – Kriegsrat wird am Abend gehalten. Der Lebensmittel sind genug, Verstärkung hat der Dauphin versprochen. Entgegen den Voraussagen Jeannes soll am folgenden Tage der Kampf abgesagt werden. Ein Bote meldet es ihr. Da kündet sie feierlich: “Ihr seid bei Eurem Rat gewesen, ich bei dem meinigen. Wisst denn, dass der Rat unseres Herrn sich erfüllen wird und fest bleibt, der eure dagegen wird zuschanden.” Frater Pâquerel aber fordert sie auf, frühzeitig aufzustehen und in ihrer Nähe zu bleiben, da sie viel zu besorgen hat. “Ich werde die größten Dinge tun, wie ich sie bisher noch nicht vollbrachte.” Sie sagt ihre Verwundung durch einen Pfeil voraus (wie schon zur Zeit in Chinon vor dem Könige), die Einnahme, aber auch den siegreichen Einzug in Orleans.

Am Morgen des 7. Mai hört Jeanne die heilige Messe, kommuniziert mit großer Andacht, zieht die Waffenrüstung an und verlässt nüchtern das Haus. Auf Befehl des obersten Rates aber hat man das Tor de Bourgogne verriegelt, Raoul von Gaucourt ist der gestrenge Hüter. Die Bürger aber bestürmen Jeanne und flehen: “Edle Jungfrau, wir bitten Euch, die Mission zu erfüllen, die Gott und der König euch anvertraut haben.” Sie lässt das Tor öffnen, sammelt die Hauptleute außerhalb Orleans, von selbst folgen die anderen. Der Kampf beginnt. Jeanne nimmt eine Leiter und versucht, damit den Wall zu erklettern – ein Pfeil trifft sie. Sie sinkt zurück und das Blut entfließt ihrer Wunde. Sie bricht in Tränen aus, – aber die Heiligen trösten sie. Ein abergläubisches Mittel weist sie ganz energisch zurück; vernünftige Heilmittel mag man ihr bringen. Das geschieht. Sie selbst zieht den Pfeil heraus, – dann beichtet sie unter Tränen. Den Augenblick benutzen die Generale zu kurzem Kriegsrat. Einstimmig ist der Beschluss: “Zurück!” Jeanne bittet um Verzögerung! Aber der Bâtard von Orleans lässt schon zum Abmarsch blasen. Da fährt Jeanne zusammen, sie springt auf, nicht achtend ihrer Wunde, und mit aller Bestimmtheit, der niemand wagt entgegenzutreten, erklärt sie: “Im Namen Gottes, bald werdet Ihr in das Fort des Tourelles einziehen. Wenn Ihr meine Standarte gegen die Bastille wehen seht, ergreift die Waffen, sie ist Euer! Nun aber ruht Euch noch aus, trinkt und esst, um neue Kraft zu schöpfen.” Man gehorcht. Sie selbst steigt zu Pferde, übergibt ihre Fahne d’Aulon. Einen Ritter beauftragt sie: “Lasst nicht meine Fahne aus den Augen, wenn sie den Wall berührt, verständigt mich!” Sie aber kniet am Rande eines Weinbergs nieder und betet. D’Aulon hält’s nicht länger; die Fahne reicht er einem Soldaten le Basque. Sie stürmen zum Graben. “Jeanne”, ruft der Ritter aus, “das Ende berührt sie.” Jeanne springt aufs Pferd: “Vorwärts! Vorwärts!” ruft sie aus. – Alles ist Euer!” Sie setzt über den Graben, entreißt dem Soldaten die Fahne, pflanzt sie auf: “Alles ist Euer.” Da fährt unerklärliche Kraft in die Truppen, – Kinderspiel scheint ihnen der Kampf. Siegreicher Angriff! Die Engländer erfasst Todesschrecken. Sie verlassen den Mittelwall, schließen sich in die Feste ein. Glasdall, der Ritter, der die Jungfrau beleidigte, führt die Nachhut. “Ergib dich dem König des Himmels!… ich hab’ großes Mitleid mit euren Seelen.” Er hört nicht, will nicht hören, obwohl vor ein paar Tagen Jeanne ihm im Weigerungsfalle den Tod voraussagte. Er betritt die Brücke, – da – ein Krach, – Flammen steigen auf, – sie weicht unter seinen Füßen. Glasdall versinkt in den Fluten der Loire und mit ihm seine Krieger. Orleans Bewohner haben eine Brücke geschlagen. Nikolaus von Giresme eilt darüber hinweg, legt eine Sturmleiter an die Feste Tourelles an; – Jeanne dringt von der anderen Seite ein, – pflanzt hoch auf die Zinne ihre siegreiche Standarte. Noch verweilt sie zur Vorsicht ein paar Stunden in der obersten Feste. – Te Deum laudamus! – läuten die Kirchenglocken von nah und fern. Nun zieht sie in Orleans ein, wie sie vorhergesagt, über die Brücke der Loire. Jubel umfängt sie. – D’Aulon holt einen Arzt, ihre Wunde zu pflegen. Dann ruht sie aus. – Wein mit Wasser gemischt ist ihre einzige Labe, die einzige Stärkung des ganzen Tages. “Schlaf wohl, Tochter Gottes, schlaf wohl!”…

Dank an Gott! 

Die Engländer halten am 8. Mai schweren Kriegsrat. Verloren ist ihnen die Bastille Saint Loup rechts der Loire, verloren die festen Stützpunkte des Augustins, les Tourelles. Wohl verblieben ihnen im Westen noch Forts, stark befestigt und verteidigt durch treffliche Artillerie. Allein was tat’s, wenn es den Soldaten an Mut gebrach? Sie fürchteten die Jungfrau, sie, die tapfere und geschickte Kriegerin, sie, das übernatürliche Wesen, deren Stimme sie erstarren ließ, deren Fahne sie erschreckte. War’s nicht, als ob Gott an ihrer Seite gegen sie kämpfte?… Die Führer fühlten dasselbe, aber sie gingen hin, – teuflisch war ihr Beginnen – und streuten ein Wort in die Reihe der Soldaten, ein Wort, das ihnen die Furcht nehmen sollte. Hexe nannten sie die Jungfrau. Die Universität in Paris sollte der gemeinen Verleumdung den nötigen Nachdruck geben. Kriegsrat wurde gehalten. Talbot verordnete: die Truppen verlassen die Bastille, stellen sich in Schlachtreihe auf. Die Bewohner Orleans merken auf: das war Kampfansage. Diesesmal fragt man Jeanne sofort. Da reitet sie einher, totenbleich, – im einfachen Waffenrock. Schnell finden unter ihrer Anweisung Führer und Mannen sich zur Kampfforderung ein. “Es ist Gottes Wille, dass man die Engländer abziehen lasse, wenn sie wollen. Jedoch greifen sie uns an, verteidigt Euch kühn, hegt keine Furcht; denn Ihr werdet Meister sein.”

Es ist der Tag des Herrn: vor den Augen der Engländer lässt sie im Freien einen Altar herrichten. Angesichts des ganzen Volkes beginnt die heilige Messe, dann eine zweite. Tiefe Sammlung bei den Franzosen, fassungsloser Schrecken bei den Engländern. Jeanne übergibt ihre Sache ganz der Vorsehung und erbittet ein Zeichen. Ihre Stimmen beraten sie. “Nach welcher Richtung schauen die Feinde?” “Ville de Meung”, lautet die Antwort Umstehender. “Im Namen Gottes, sie gehen fort, lasset sie ziehen!”

Während Dankgesänge zum Himmel emporsteigen, hat sich eine eigenartige Gruppe genaht: ein Augustinermönch, der einen französischen Ritter auf den Schulten trägt. Talbot hatte ihn gefesselt zur strengen Überwachung seinem Beichtvater anvertraut. Erwartete er doch hohes Lösegeld durch ihn! Der Adelig le Borug du Bar jedoch zwang beim Rückzug den Mönch, ihn nach Orleans hineinzutragen. Beim Durchsuchen der Bastille des Tourelles fand man einen anderen Gefangenen, – angekettet, Guyenne, dessen Befreiung Jeanne vorausgesagt hatte.

Für den Nachmittag und den folgenden Tag ordnet sie Dankgottesdienste an, Predigt und Prozession, in der sich in glanzvoller Weise Geistlichkeit, Militär und Bürgerschaft vereinen. Dann ordnet sie den Aufbruch der Truppen, die der solange bedrückten Stadt nicht weiter zur Last fallen sollten, an. In tiefer Dankbarkeit bereiten die Bewohner Orleans der Jungfrau beim Abschied ehren, wie man sie nur den Großen der Welt erzeigt. Niemals wird das Andenken an die Wundertat ausgelöscht werden: ein siebzehnjähriges Mädchen, von Gott gesandt, befreit in wenigen Tagen die Stadt aus tiefster Feindesnot, was die alten erfahrenen Heeresführer lange Wochen hindurch vergebens erstrebten. -

Siegeszug nach Reims 

Unterdessen weilt der Dauphin Karl inmitten seiner Familie auf dem königlichen Schlosse in Chinon. Er lässt im Lande Dankgottesdienste halten, sendet Siegesbotschaft hinaus. In einem Brief an die Bewohner von Narbonne zeigt sich seine Dankgesinnung Jeanne gegenüber: “Ihr könnt nicht genug die hohen Taten und wunderbaren Handlungen der Jungfrau, die persönlich zur Ausführung der großen Dinge gearbeitet hat, ehren.” Zwei angesehene Würdenträger der Kirche sprechen offiziell ihr Urteil über Jeanne als die Gottgesandte aus: es sind der unsterbliche Johann Gerson und der Erzbischof von Embrun, Jakob Gélu.

Am 13. Mai trifft Jeanne mit dem Dauphin in Tours zusammen. Nun hat sie nur mehr eine Bitte: “Edler Dauphin, kommen Sie nach Reims, die heilige, königliche Weihe zu empfangen. Es drängt mich, Sie inständig darum zu bitten, dorthin zu gehen. Zögern Sie nicht, ich flehe Sie an, dort die heilige Salbung zu empfangen.” Ein wenig später erneuert sie in Gegenwart des Königlichen Rates dieselbe Bitte.

Später offenbarte sie noch einmal die Vorschläge ihrer Heiligen. Ihr Antlitz erstrahlte, ihre Augen erhoben sich mit Seherblick zum Himmel. Das Ganze verfehlte den Eindruck nicht. Man drängt den Dauphin zur Tat. Der endgültige Befehl zum Vormarsch auf Reims wurde gegeben. Nur einer störte den Frieden, Tremoïlle, der sein eigenes Ich nicht bezwingen konnte, um rückhaltlos der großen Sache mit großem Herzen zu dienen. Aber die Vorsehung wachte. Ein neuer Siegeszug der Jungfrau beginnt. Viel kluge Taktik kostet der Kampf, viel harte Mühen und nimmermüdes Vorausstürmen viel Ermutigung für andere. Ihre Opferbereitschaft ist grenzenlos und ihr Vertrauen verliert sich bedingungslos in der liebenden Allmacht Gottes. “Ich glaube, dass Jeanne von Gott geschickt ist”, erklärt der Bâtard von Orleans. “Ihre Handlungen und Kriegstaten scheinen mir nicht die Frucht menschlichen Könnens, sondern göttlicher Eingebung zu sein.”

Am 11. Juni erreicht Jeanne, gefolgt vom Herzog von Alençon, Dunois, La Hire, Gaucourt und anderer Führer, Orleans. Welch ein Empfang! Man reicht ihr den Ehrentrunk, schenkt ihr reiche Kleider, rüstet ihre Kämpfer mit allem nötigen Kriegsmaterial aus. Selbigen Tags zieht Jeanne an der Spitze von 8000 Mann gegen Jargeau. Suffolk tritt ihnen entgegen. Inmitten des Kampfes ruft Jeanne Alençon zu: “Zur Seite, mein Herzog, und schnell, wenn diese Maschine da Sie nicht töten soll.” Er folgt sofort dem Worte. Wenige Sekunden nachher ist Sire du Lude an jenem Platze zu Tode getroffen. “Gott war mit uns!” sagt später Alençon, “denn die Nachtwache war gering und ein Überfall der Feinde hätte der Armee große Gefahr gebracht.” Hefti tobt der Kampf am folgenden Morgen weiter. Suffolk will verhandeln, lehnt aber die Bedingungen stolz ab. Von neuem Schlachttrompeten und Heroldsruf. Der Herzog zögert: “Ach, mein Herzog, hast Du Furcht, weißt Du nicht, dass ich Deiner Gemahlin versprach, Dich heil und gesund zurückzuführen?” Vier Stunden todbringender Kampf. Jeanne heißt eine Leiter herrichten, mit der Fahne in der Hand steigt sie empor. Ein großer Stein trifft ihre Sturmhaube, sie taumelt in den Graben. Die nächste Sekunde erhebt sie sich wieder: “Freunde! Freunde! drauf! drauf! Unser Herrgott hat die Engländer verdammt. In dieser Stunde sind sie unser! Habt guten Mut und vorwärts!” Im Sturm wird die Stadt genommen. Graf Suffolk ergibt sich als Gefangener. Mit mildreicher Sorge läßt Jeanne ihn und seine Begleitschaft in Sicherheit bringen. 6-700 tote englische Krieger decken das Schlachtfeld. Währenddessen aber genießt der Dauphin auf dem Schlosse Sully in vollen Zügen die Gastfreundschaft des eigennützigen Ministers Tremoïlle. Fortwährend sucht dieser Karl vom übernatürlichen Einfluss Jeannes fernzuhalten. Noch kann er nicht den Kriegsruhm des jungen Kindes schmälern. Aber Verwirrung bringen, das kann er schon. Von ihm aufgehetzt, verbietet der Dauphin dem Herzog, den Connetable Richemont als Streiter in die Reihen aufzunehmen. Was nun tun? Draußen stand das englische Heer, ausgerüstet durch Bedford, befehligt von Falstoff. Talbot, in grimmigem Hass, drängt zum Kampf. Da greift die Gottgesandte ein. Sie stellt den Connetable an den rechten Platz, reiht seine wohlorganisierte Schar in die französiche Armee. Die Garnison des Schlosses Beaugency ergibt sich von selbst, – in Eile räumen die Feinde Meung. Verfolgung der Feinde ist diesesmal Jeannes Losungswort: “Der edle König von Frankreich wird heute den größten Sieg davon tragen, den er jemals gehabt hat; meine Stimmen haben mir gesagt, dass die Engländer unser sind.” Ein flüchtiger Hirsch stöbert versteckte Feinde auf. La Hire schickt Ordre: 1000 kampfbereite Krieger in Vorhut. “habt Ihr Sporen?” fragt Jeanne die Generale. Verängstigt rufen sie alle aus: Wie denn, müssen wir fliehen?” “Nein, nein”, antwortet sie, “geht ohne Furcht auf sie los, sie eerden geschlagen; nur wenige Leute verliert Ihr, die Engländer werden fliehen und Ihr müsst gute Sporen haben, sie zu verfolgen.” In Blitzeseile stürmt La Hire voran, nimmt Talbot und seine Bogenschützen gefangen. Lord Scales, Thomas Rampton, Sire de Honguerfort, sie alle fallen in die Hände der Franzosen. Glorreicher Tag von Patay! Falstoff und der Rest fliehen. – Jeanne aber geht über das Schlachtfeld. 2000 Tote schlafen den letzten Schlaf, – 200 gehen der Gefangenschaft entgegen. Sie sucht die Verwundeten und Sterbenden, – schwesterlich töstet sie, lässt Hilfe herbeiholen für Leib und Seele.

Am Abend vereinigen sich die Generale mit Jeanne im Dankgebet zu Gott. Dann holt man den englischen Feldherrn Talbot. “Sie dachten nicht diesen Morgen, dass Ähnliches Ihnen begegne”, sagt Herzog von Alençon zu ihm. “Das ist Kriegsglück”, antwortet der Besiegte, trotzig und kühn. Die Sieger kehren nach Orleans zurück. Vergeblich erwartet man den Dauphin. Tremoïlle weiß ihn zurückzuhalten. Da reitet Jeanne am 21. Juni gen Sully. Die erste Bitte an den König ist die Bitte zur Aussöhnung mit dem Connetable von Richmont. Wohl will der König ihm verzeihen, aber er verweigert seine Teilnahme an dem Zuge nach Reims. Das ist Jenanes erste Enttäuschung vonseiten des Dauphins. Endlich am 29. Juli bricht der König auf. Jeanne ist vorausgeeilt, um zu den Truppen zu stoßen. Tremoïlle bemächtigt sich der Person des Herrschers. Marie von Anjou, die nach dem ersten Plan ebenfalls in Reims gekörnt werden sollte, ließ man in Gien zurück. Am ersten Juli lagerte man vor den Mauern von Auxerre. Leicht hätte man die Festung einnehmen können. Tremoïlles Rat war ausschlaggebend für den Dauphin. Sie solle ruhig ihre Tore geschlossen halten, wohl aber Lebensmittel für das Heer liefern. Saint Florentin-Brienon, Saint Phal ergeben sich dem angestammten Herrscherhause. Ein schwieriger Fall war Troyes.Wegen des Vertrages mit Burgund verweigert man den königlichen Truppen den Einlass. Die aber schmachteten schon fünf Tage, da der Proviant ausgegangen war. Der Kanzler gab den Rat umzukehren, befragte aber danach noch Robert le Masson. Der schlug vor, Jeanne zu rufen. Sollte man darüber abstimmen? Da trat nach energischem Klopfen schon die Jungfrau ein. Ihre Stimmen hatten sie erleuchtet. Der Kanzler unterrichete sie vom Vorgefallenen. “Glaubt Ihr meinen Worten, Sire?” “Ich weiß nicht”, antwortete dieser, “wenn Du mir vernünftige und nützliche Dinge sagst, glaube ich gerne.”

“Wird mir geglaubt?” wiederholt sie: “Ja, je nachdem was du sagst”, ist die zweifelnde Antwort. “Edler Dauphin”, nimmt sie darauf das Wort, “befehlen Sie Ihren Leuten, Troyes zu belagern, und halten Sie nicht mehr lange Konferenzen; denn im Namen Gottes, ehe drei Tage verstrichen sind, führe ich Sie in diese Stadt – mit Güte oder Gewalt, und der falsche Burgunder wird bestürzt werden.” Ungläubig meint der Erzbischof, man solle wohl warten, wenn man in sechs Tagen nur da sei, aber man wisse nicht, ob es wahr sei. Schmerzlich empfindet es Jeanne, dass man dem Himmel so wenig Vertrauen schenkt. Sie schaut den Dauphin an: “Hören Sie auf zu zweifeln, morgen sind Sie Herr der Stadt.” Und o Wunder! Am anderen Morgen öffnen sich die Tore der Stadt, im selben Augenblicke, als Jeanne das Zeichen zum Kampfe gibt. Heraus treten der Bischof und angesehene Bürger und bitten um schonungsvolle Übergabe. Welch’ ein Umschwung! Was war die Ursache? Die Garnison von Troyes hatte das große Feldherrentalent Jeannes erkannt und mit Staunen die allgemeine begeisterte Bereitwilligkeit, ihrer Weisung zu folgen, wahrgenommen; zudem wirkte für ihre Mission ein Mönch, der beim Herannahen noch ihr Gegner gewesen war. Man konnte das Wunder kaum fassen. Jubel der Versöhnung lang getrennter Stammesbrüder! Unter Freudentränen umarmt man einander. Die englischburgundischen Truppen marschierten anderen Tags aus der Garnison. Die Bewohner von Troyes senden Kunde an die Reimser, fordern sie auf, ihrem Beispiele zu folgen. Jeanne eilt mit dem Heere voran. Auf ihre Botschaft: “Ergebt Euch dem Könige des Himmels und dem edlen König Karl!” öffnen sich weitere Pforten von Schlössern und Städten dem Einzuge des angestammten Herrschers.

Die Krönung 

Im Schlosse zu Septsaulx empfängt der Dauphin die Schlüssel der Stadt Reims. Regnault von Chartres macht sich auf, zum ersten Male von seinem Bischofsitze Besitz zu nehmen. Am Abend des 16. Juli werden die Truppen an den Toren der Stadt feierlich empfangen. Die Bewohner lassen ihrer Freude freien Lauf, und der jahrhundertealte Ruf bei der Weihe des Königs “Noël! Noël! Weihnachten! Weihnachten! klingt dem Dauphin jubelnd entgegen. Niemand aber wird ehrfurchtsvoller begrüßt als Jeanne d’Arc, die Jungfrau, die zur Seite des Königs reitet. Der folgende Tag wird als Krönungstag angesetzt. Ungeheure Arbeit ist zu leisten. Annähernd 12000 Mann müssen untergebracht werden, – und dann die Vorbereitungen zum seltenen Feste. Allenthalben schmückt man die Stadt, holt feierlich die heilige Ampulle, schickt Eilboten aus, die Würdenträger von der Zeremonie zu benachrichtigen. Wie wird Jeanne die stille Seele des Ganzen gewesen sein, Dankesjubel gegen Gottes wundersame Führung im Herzen! Und nun zieht er wirklich herauf, der Tag des Herrn! “Das Geheimnis des Königs verbergen, ist gut; aber die Werke Gottes zu offenbaren und zu preisen, ist ehrenvoll.” (Tobias 12,7.) Während nur 20 Kilometer weit entfernt Frankreichs grausame Feinde Böses sinnen, vollzieht sich nach alter Tradition in der hohen Kathedrale zu Reims die feierliche Weihe des rechtmäßigen Königs. Dem Gott den Weg hierher bahnte durch ein Mägdlein, das seinem Willen untertan. Heil erklingen die Silberposaunen. Es schart sich das Volk um seinen Herrscher. Es stehen die Großen des Reiches um seinen Thron und neben ihm die Fahne, das Zeichen des himmlischen Königs in der hand tragend, die Gottgesandte. Karl VII. aber spricht klar und fest die ehrwürdigen Eidesworte:

“Im Namen Jesu Christi verspreche ich dem christlichen Volke, das mir unterworfen ist, diese drei Dinge: Allezeit nach meiner Kraft die Kirche Gottes und alle Gläubigen im wahren Frieden zu erhalten, – den verschiedenen Ständen des Reiches Erpressung und Ungerechtigkeit zu untersagen, für die richterlichen Sprüche Gerechtigkeit und Erbarmen zu verordnen, um für mich und alle das Wohlergehen des gütigen Gottes zu erlangen, der da lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit!”

Und er bekleidet sich mit den königlichen Gewändern. Zum Ritter schlägt ihn der Herzog von Alençon, der Erzbischof von Reims salbt ihn mit heiligem Öl aus der Ampulle von Reims und spricht die Worte: “Ich salbe dich mit diesem heiligen Öl im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.”

Dann wird er gekrönt und König Karl VII. besteigt den Thron. Der Erzbischof von Reims ruft aus zu dreien Malen:

“Es lebe der König für immer!”

Das Volk fällt ein: “Noël, Noël!” Die Trompeten erklingen. Jeanne d’Arc, die Jungfrau, tief im Herzen bewegt, wirft sich vor dem König nieder und redet ihn an:

“Edler König, jetzt ist der Wille Gottes vollbracht, der mir gebot, die Belagerung Orleans aufzuheben. Sie in die Stadt Reims zu führen, die heiligen Weihen der Königskrönung zu empfangen, die zeigen, dass Sie der rechtmäßige König sind, derjenige, dem das Königreich Frankreich gehören soll!”

Die Zeugen der einzigartigen Handlung vergießen Freudentränen. Ritterschlag, Erhebung in den Grafenstand und andere Zeremonien belohnen die Treue französischer Untertanen. Ach, dass kein Unwürdiger darunter wäre! Jeanne wird beim Verlassen der Kathedrale von edlen Frauen von Reims umringt. Der Königin und ihrer Mutter sendet man am selben Tage noch Freudenbotschaften zu.

Jeanne aber verbringt den Nachmittag mit ihrem geliebten Vater. Welch selige Stunden werden es gewesen sein! Noch einmal darf sie von Herzen so recht glücklich sein. Freudiger Stolz liegt auf den Zügen des lieben väterlichen Antlitzes. War er doch Zeuge all des Großen, zu dem Gott sein Kind ausersehen! Alles Leid der langen Trennung ist vergessen, ist verziehen. Der Muttertreue Grüße bringt er mit. Wird das ein Fragen und Erzählen gewesen sein! Als Fahrtgenossen hat er Durand Laxart mitgenommen, ihn, der zuerst der Jungfrau glaubte und die ersten Schritte zur Verwirklichung der Gottesbotschaft tat. Welch schönen Lohn hat sein Vertrauen gefunden! Peter d’Arc, der Bruder, kommt herüber, so oft es sein Dienst erlaubt. Der König empfängt beide in Audienz und lässt Jakob d’Arc zum Abschied und Dank Geschenke überbringen.

Treuer, besorgter Vater, Du siehst Dein Kind zum letztenmal!

Verrat! 

Verrat zieht um die Lichtgestalt der Gottesgesandten seine verderblichen Netze. Seine Träger sind Tremoïlle, Burgund, die Engländer und zuletzt ihre französischen Bundesgenosen im noch besetzten Gebiet, vor allem ein vertriebener Bischof Cauchon, vor allem die erkaufte Universität Paris. Noch weiß die Menge, wissen die Soldaten nichts von ihren teuflischen Plänen. Der Herrscher ist wankelmütig und verhindert das Gotteswerk. – Jeanne aber leidet unendliche Seelenqual, dass sie es nicht zum glorreichen Ende führen kann. Niemals, so will es Tremoïlle, soll die Jungfrau Paris dem König übergeben. Sein Diplomatenmeisterstück soll es werden. Der Herzog von Burgund hat ja die Übergabe in Aussicht gestellt. Aber traut er denn dessen Gesandten, die nach Reims kommen, Waffenstillstand zu erbitten? Traut er denn den lügnerischen Konferenzen, die doch im Grunde nur da sind, dem Feinde Vorschub zu leisten? Denn Bedford sammelt Truppen in der Normandie. 5000 Mann des Kardinals Winchester, eigentlich um Kampf gegen die Ungläubigen bestimmt, ziehen mit diesen nach Paris. Der Herzog von Burgund schickt ein Korps Picarden als Hilfskräfte.

Tremoïlle aber raunt dem König stichelnd ins Ohr von Jeannes hochmütigem Geiste, der nur nach eigenem Gutdünken handeln will. Bewusst übergeht er Jeannes übernatürliche Sendung, aus der heraus sie allein handelt. Wie kann er’s denn weiter ansehen, dass scharenweise die Bevölkerung ihr naht und mit dem Namen des Königs zugleich den Namen der Jungfrau jauchzend nennt, statt seinen. Er wird schon seinen Einfluss spielen lassen. Jeanne ist ja fern auf dem Wege nach Paris. Von selbst erschließen sich ihr die Städte Compiègne, Crepy en Valois, Selis, Creil, Ponte-Sainte, Maxence-Choisy, Chantilly. Beauvais vertreibt den Bischof Cauchon, der mehr Politiker als Kirchenfürst ist. In St. Denis, der alten Königsstadt, erwarte man den Herrscher.Doch vergebens! Tremoïlle weiß ihn zurückzuhalten. Die Konferenzen von Arras, von Compiègne sollen schon dem letzten Erfolg der Jungfrau den Riegel vorschieben. Jean von Luxemburg erbietet Frieden, trügerischen Frieden mit Burgund. Der König lässt sich täuschen, will selbst auf friedliche Rückgabe der weiteren Städte verzichten. Warum verlässt denn Bedfort jetzt Reims? Warum lässt er zuvor durch Louis von Luxemburg die Pariser feierlichen Eidschwur leisten? Seiner Sache treu zu bleiben? War das denn Frieden? Der sieht anders aus. Jeanne, nicht wissend von dem kläglichen Verrat, wartet vor Paris. Sie schreitet zur vorbereitenden Tat: lässt über die Seine die Schiffsbrücke schlagen, Lebensmittel werden beschafft, Soldaten angeworben, Montjoye und Bethemont, zwei Festungen, die zur Deckung dienen, eingenommen. Das Heer hält sie in strenger Zucht, – ach, sie zerbricht ihr Gottesschwert an einer Frau von bösen Sitten, die sie verjagt. -

“Sie wird den König in Paris einführen, wenn er selbst ihr kein Hindernis bietet”, geht’s durch das Volk. Der aber folgt dem treulosen Berater. – Schon erzittert Paris, – eine Bastion ist erobert, – mit schwerer Verwundung kämpft die Jungfrau weiter. – Da ergeht der Ruf: “Zurück!” die Führer des Heeres sind trostlos. “Ich nehme Paris ein oder ich sterbe”, wehrt Jeanne dem bösen Rat! Gegen ihren Willen trägt man sie aus den Reihen. Der Feldzug hat ein Ende. In St. Denis uralte Feierlichkeit der Könige, – dann Rat auf Rat, das Heer entlassen. 3 Wochen Aufenthalt in Bourges. Heerführerin des Herzogs d’Alençon soll Jeanne werden. Der Königliche Rat versagt’s – in seinen Diensten soll sie bleiben. 4 Wochen Sully, tiefste Seelennot: nach Gottes Gebot soll sie Frankreich befreien, Menschenklügelei versperrt den Weg. Sie flieht, findet eine Truppe kampfbereit. In Paris will eine Partei dem rechtmäßigen König die Tore öffnen. Die Absicht wird entdeckt. Melun steht im Begriffe, sich zu ergeben. Da wird Jeanne die traurige Offenbarung: “Du wirst gefangen genommen. Nimm alles freudig auf: Gott wird Dir helfen!” Jeanne will Choisy zu Hilfe eilen. Da stoßen der Erzbischof Regnault von Chartres und Graf Vendôme zu ihr mit falschem Rat. Wegziel: Soissons! Das aber war der Jungfrau unfreundlich gesinnt. Die Führer mit einer kleinen Truppe erhalten Einlass. Die draußen aber bereden den Gouverneur der Feste und die Königlichen Minister, Jeannes Fahne zu verlassen. Dies geschieht! Das Herz voll Todesangst setzt sie mit den wenigen Getreuen ihren Weg nach Compiègne fort. Am Morgen hört sie in der Kirche St. Jakob die heilige Messe, beichtet und kommuniziert. Dann sucht sie ein verborgenes Plätzchen auf, betet und weint. Als sie aufschaut, gewahrt sie sich unter einer Schar von Gläubigen. Wohl über 100 Kinder schauen sie mitleidig an. “Meine Kinder, liebe Freunde, wisst, dass man mich verkauft und verraten hat. Bald werde ich dem Tode überliefert werden. ich beschwöre euch, für mich zu Gott zu beten; denn ich werde nimmer Macht haben, dem König und dem Königreich Frankreich zu dienen.”

Am 22. Mai erfährt Jeanne von den Vorbereitungen von Philipp dem Guten, des Herzogs von Burgund, zur Einnahme von Compiègne. Wehe, Wilhelm von Flavy, der ehrgeizige und eifersüchtige Gouverneur der Festung, ist den Verrätern Helfershelfer. Am 23. Mai rät er Jeanne zu einem Ausfall. Im selben Augenblick läuten die Glocken von Compiègne. Das war ein Zeichen für die Feinde. Heroisch verteidigen sich die Franzosen gegen Burgunder, gegen die Engländer, gegen die Truppen von Johann von Luxemburg. Flavy fürchtete eine Wundertat der Jungfrau. Er ließ die Zugbrücke hochziehen, die Tore schließen, die Artillerie von Compiègne gab keinen Schuss auf die heranstürmenden Feinde. Die Heldin verteidigte sich tapfer mit 5 oder 6 Mann gegen die Übermacht. Keine Hilfe naht. Ein Picarde aus der Kompanie von Lionel von Wandonne ergreift sie. Mit ihr werden Peter, ihr Bruder, Johann von Aulon, ihr treuer Waffenmeister, Fr. Paquerel, ihr Beichtvater und Poton le Bourguignon gefangen genommen. So hat sich auch diese ihre Weissagung erfüllt. Arme Jeanne!

Der Leidensweg 

Nun beginnt der qualvolle Leidensweg der Jungfrau. Wo ist ihr Mut größer, auf dem Schlachtfeld oder in tiefer Kerkernacht?

Der Bâtard von Wandonne übergibt sie seinem Herrn Johann von Luxemburg. Dieser ist abhängig vom Herzog von Burgund. Man bringt sie auf Schloss Beaulieu, nach einem Fluchtversuch auf die Feste Beaurevoir. Noch einmal tritt Liebe ihr entgegne, die Edeldamen umgeben und pflegen sie in tiefer Verehrung. Nun bieten die Engländer eine hohe Geldsumme bei Auslieferung an. Jeanne macht einen weiteren Fluchtvesuch. In schweren Ketten schickt man sie nach Rouen.

 “Alles geben die Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz:
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen ganz.”

 Ist es nicht auch im Christentum so? Bedford und sein willenloses Werkzeug, der Bischof von Winchester, sinnen Jeannes Verderben. Pierre Cauchon und die Universität Paris müssen ihren hinterlistigen Plan ausführen. Man setzt einen Gerichtshof zusammen, vorsichtig. Eine Inquisitionssitzung folgt der andern. Mutig und beherzt, trotz aller schmachvollen Behandlung während eines langen, bangen Jahres Haft, beantwortet Jeanne das immer wieder erneute Kreuzfeuer übelwollenden Verhörs. Aber alle feindseligen Aschläge sind im Grund vergebens. Wer ermisst die Macht des Gebetes! Ihre Seele bleibt Gott geeint. Und der Allmächtige schickt ihr Trost, der Allwissende lässt sie warnen, der Allheilige hält sie im Guten. So mag ihr selbst die verwirrende Szene auf dem Friedhof zu Ouen zutiefst nichts schaden. Die Grausamkeit ihrer Feinde kennt keine Grenzen. Selbst am Tage des Todes steigen die Peiniger in den Kerker, sie möchten so gerne durch verfängliche Fragen dem ermatteten Kinde irgendeine unsichere Antwort ablauschen, die den Schein des Unrechts trüge und das falsche Todesurteil bemäntelte. Vergebens! Unverrichteter Sache ziehen sie sich zurück. Peter Maurice ist der letzte. Er ist der Jungfrau wohl gesonnen. “Wo werde ich heute abend sein?” fragt sie den Doktor. “hast Du denn kein großes Vertrauen zu Gott?”, entgegnet er. “O ja”, antwortet sie, “mit Hilfe Gottes werde ich heute abend im Paradiese sein!” Er ging. Nun war sie mit Frater Martin allein. Sie sprach ihren sehnlichsten Wunsch aus, den Heiland zu empfangen. Seit sechs Wochen hatte man es ihr trotz aller Bitten versagt. Der Dominikaner überlegte. Wie konnte man da für sie, die als “Ketzerin” verbrannt werden sollte, erreichen? Er schickte eilends zu Bischof Cauchon. Im Kreise seiner Beisitzer entschied dieser mit Ja. auch alles übrige, was sie wünschte, solle ihr gewährt werden. Ein wenig später trat schon ein Priester mit der hl. Hostie ein. “Kehrt um”, rief ihm Ladvenu entrüstet zu, und kommt wieder, wenn die nötigen Zeremonien bereit sind.” Der Priester tat, was ihm befohlen. In feierlichem Zuge nahte sich darauf der Priester, manche Fackeln beleuchteten ihren Weg, Gebetsruf verkündigte ihr Kommen. Mit engelgleicher Andacht empfängt Jeanne die heilige Kommunion. Die Anwesenden weinen.

Am 30. Mai 1431 aber weinen draußen auf dem Alten Markt Scharen rauher Männer. Da kniet sie denn, die Jungfrau, die nur Gutes tat, und ruft mit lauter Stimme die allerheiligste Dreifaltigkeit, die Gottesmutter, die Heiligen des Paradieses an. Noch einmal bekennt sie feierlich ihren Glauben, erfleht vom Himmel Verzeihung für alle Fehler ihres Lebens, bittet den König um Verzeihung, sollte irgend etwas durch sie geschehen sein, was nicht recht, bittet um Verzeihung alle Umstehenden, selbst die Feinde. Dann bittet sie alle insgesamt um Gebet und die Priester insbesondere um eine Messe für ihre Seelenruhe. Nach einem Kreuz verlangt sie. Ein Soldat, voll Mitleid gerührt, bildet eines aus zwei rauhen Stämmen und reicht es ihr. Innig küsst sie das Zeichen der Erlösung und birgt es unter ihrem Gewand. Sie verlangt ein andere Kreuz, das den Heiland, den Mann der Schmerzen trägt. Als sie dann den Scheiterhaufen bestiegen hat, fleht sie den Dominikaner Massieu, der aus dem nahen Gotteshause ein Kruzifix geholt: “Ich bitte Euch, haltet das Kreuz mir vor die Augen und lasst nicht ab, es mir zu zeigen.” Dann bekennt sie noch einmal laut und feierlich. “Ich erkläre noch einmal, meine Stimmen waren von Gott. Auf göttlichen Befehl tat ich alles Gute. Nein, nein, meine Stimmen haben mich nicht getäuscht, sie kamen in Wahrheit vom Himmel.” Sie lässt den Dominikaner hinuntersteigen. “Haltet das Kreuz hoch empor vor meine Augen, bis zum letzten Augeblick.” Rauch umhüllt sie. “Weihwasser”, ruft sie. Todesnot. “Jesus, Jesus!” betet sie mit ermattender Stimme. Ein Soldat tritt in ihre Nähe. Böse von Herzen, will er ein Scheiterholz beisteuern. Da nimmt die Heldenjungfrau noch einmal alle Kraft zusammen: “Jesus!” ruft sie mit lauter Stimme. Dann neigt sie sanft das Haupt. Der Soldat aber sieht im selben Augenblick eine weiße Taube aus den Flammen zum Himmel emporsteigen. Vor Schrecken ohnmächtig, sinkt er nieder.

Noch ist das Feuer nicht verlöscht, da erheben sich Stimmen zum Lobpreis der Jungfrau. “Möge es Gott gefallen”, ruft Johann Alépée, ein Priester Rouens, unter Tänen aus, “dass meine Seele dort sei, wo ich glaube, dass sie Seele dieser Frau ist.” Joann Tressart, der Sekretär des englischen Königs, bekennt rotz seiner hohen amtlichen Stellung öffentlich. “Eine treu Christin ist soeben gestorben; ich glaube, dass ihre Seele in den Händen Gottes ist, und ich glaube, dass alle die verdammt werden, die zu ihrer Verurteilung beigetragen haben.” Das lauteste Zeugnis aber legt der Henker ab. Unter der glimmenden Asche findet er das blutende Herz. Er nimmt Öl, Schwefel, Kohle, um es zu verbrennen. Die Flamme steigt auf, – aber – o Wunder, das Herz bleibt unversehrt. Es blutet. Er erschauert und flieht vom Ort, flieht ins Kloster der Dominikaner. “Niemals werde ich von Gott Verzeihung erlangen”, stöhnt er auf, “denn ich habe ein heilige Frau verbrannt.” Er beichtet, wie es Martin Ladvenu und Isambard de la Pierre ihm raten. Die Behörde bleibt noch kalt: “Werft all das in die Seine!” o blutendes herz, o heilige Asche!” – – -

Des Volkes Stimme bricht sich gewaltsam Bahn: “Eine Heilige! Man hat eine Heilige verbrannt!”

Verherrlichung! 

Gottes Urteil erweist sich in der Bestrafung der Ungerechten. Gottes Urteil erweist sich in der Erfüllung der Weissagungen der Jungfrau. – Gottes Urteil erweist sich in der Wiederherstellung ihrer Ehre von seiten der Zeitgenossen und der Nachwelt.

Furchtbar ist der Arm Gottes in der Rache für die qualvollen Leiden seiner Gottgesandten: Nikolaus Midi, den Prediger auf dem Alten Markt, trifft der Aussatz.

La Toremoïlle wird vom Hofe verbannt; an seine Stelle tritt wieder der ein, den er in blindem Hasse verfolgt, Richemont, der Connetable.

Der Bischof Cauchon wird auf dem Konzil in Basel exkommuniziert; das Erzbistum Rouen hat er nicht erhalten. Er stirbt eines plötzlichen Todes.

Jean d’Estivet findet man ertränkt in einer Kloake.

Der englische König Heinrich VI. stirbt, verraten von den Seinen, eines gewaltsamen Todes.

Loyseleur wird vom Kapitel zu Rouen verworfen, er stirbt in Basel, wohin er geflüchtet, plötzllich. Um manchen Namen könnte man die Liste noch verlängern.

Die Weissagungen Jeannes erfüllen sich:

1. Am 21. September 1435 kommt das große Ereignis zustande, das das Königreich in Staunen versetzt: der Herzog von Burgund versöhnt sich mit Karl VII., diese Einigung stärkt unberechenbar die Waffenkraft Frankreichs.
2. Am 16. April 1436 nimmt der Connetable Richemont im Namen des Königs Besitz von Paris; am 12. November hält der Herrscher seinen feierlichen Einzug.
3. Der Herzog Karl von Orleans kehrt 1440 aus der englischen Gefangenschaft zurück.
4. Allmählich unterwirft ganz Frankreich sich dem gesetzmäßigen Herrscher, die Engländer sind vom Lande vertrieben: 1449 kehrt die Normandie in französischen Besitz zurück. 1451 Guyenne. Talbot versucht das Verlorene zurückzuerobern. Am 17. Juli 1453 findet er in der furchtbaren Schlacht bei Castillon den Tod. Am 9. Oktober 1453 nannten die Engländer nur noch ihren alten Seehafen Calais ihr eigen. Karl VII. herrschte nun ganz über das eroberte Land.

Wie mag dem König nur zumute gewesen sein, als er zum ersten Male das wiedereroberte Rouen betrat, den Ort, wo die Heldenjungfrau litt und starb? Die Erinnerungen lassen ihn nicht los. Er erlässt eine Aufforderung an Wilhelm Bouillé, den gelehrten Doktor der Theologie, genaueste Erkundigungen über den Prozess einzuziehen, wegen dem Jeanne, wie er sagt, “durch den großen Hass der Feinde grausam sterben musste”. Er selbst lässt sieben Zeugen zu sich bitten, u.a. Martin Ladvenu, Jean Massieu, Machon. Auf Betreiben der Familie von Jeanne d’Arc bereitet man in Rom den Rehabilitierungsprozess vor.

Geht uns für den 7. November 1455 und seine Auswirkung nicht das Wort der Schrift durch den Sinn: “Sie, die Weisheit, die als Lügner darstellte, so ihn bemakelten, und die ewige Glorie ihm verlieh – der Herr, unser Gott!” (Weisheit 10,14) Im Dome unserer Lieben Frau zu Paris warten als Delegierte des Papstes Erzbischof Johann Juvénal des Ursins von Reims und der Bischof Wilhelm Chartier und Jean Bréhal, Inquisitor Frankreichs. Die Pforte tut sich auf und herein tritt eine Dame in Trauer, gestützt auf den Arm ihres Sohnes. Es ist die Mutter von Jeanne d’Arc und deren Bruder Peter. In der Hand hält sie ein Schreiben von Papst Calixtus III. Sie kniet nieder und erzählt unter Schluchzen einfach und schlicht den Lebensgang ihrer Tochter Jeanne und bittet, mit Hilfe ihres Rechtsanwaltes Peter Maugier in Gegenwart noch vieler kirchlicher und weltlicher Persönlichkeiten um Revision des ungerechten Urteils. Der Mutter Klage greift ans Herz. Sie aber will sich ganz dem Urteile der Kirche, wie immer es sei, unterwerfen.

Am 17. November folgte in ihrem Beisein im bischöflichen Palais eine Beratung der angesehensten Theologen der Zeit. Der folgten Vorladungen der Zeugen. Die Eröffnung des gerichtlichen Verfahrens wurde an den Kirchentüren bekannt gegeben. Nun stehen die Zeugen auf, im ganzen 115: Graf Dunois, Raoul de Gaucourt in Orleans, in Paris der Herzog von Alençon, in Rouen der Gelehrte Seguin von Seguin, Johann d’Aulon reicht schriftlichen Bericht ein. In Paris prüfen die Delegierten des Apostolischen Stuhles die Unterlagen. In Rouen reiht sich Sitzung an Sitzung, aber niemand meldet sich, das gesammelte Material zu widerlegen.

Am 7. Juli 1456 wird im erzbischöflichen Palais zu Rouen der endgültige Urteilsspruch durch den Erzbischof von Reims, Johann Juvénal des Ursin feierlich verkündet. Es sind zugegen die Bischöfe von Paris und Coutances, der Generalinquisitor Frankreichs Johann Bréhal, ein Bruder Jeanne d’Arcs, der Dominikaner Fr. Martin Ladvenu, eine Schar auserlesener Theologen und Laien. Tiefe Stille herrscht im Saale. Andachtsvoll lauscht die Menge. Da ertönen die Schlussworte, voll Ewigkeitswert: “Nachdem alles und jedes, was zu prüfen war, reiflich überlegt ist, erklären wir, Richter, in dieser Sache, in dem wir Gott allein vor Augen haben, in dieser Sitzung diesen Urteilsspruch:

“Wir sagen, sprechen aus, setzen fest und verkünden, dass besagter Prozess und die Urteilsgründe tatsächlich und von Rechts wegen von Betrug, Verleumdung, schwerer Ungerechtigkeit, Inkonsequenz und offenbaren Irrtümern angefüllt sind, wir sagen, dass sie, sowohl als die obenangeführte Abschwörung, ihre Ausführung und alles, was folgte, null und nichtig, ohne Wert und Wirkung gewesen sind, sind und sein werden. Desungeachtet zerreißen wir sie, vernichten sie, heben wir sie auf und erklären sie für wirkungslos, so weit als nötig und es die Vernunft befiehlt.”

Und es bekräftigen weitere Erklärungen das Urteil, es besiegeln dies Anordnungen heiliger Tat: “am selbigen Tage werde es feierlich verkündigt auf dem Platze Saint-Quen, wo Jeanne öffentlich bitter Unrecht gelitten, dort werde zur Wiederherstellung ihrer Ehre predigt und Bittgang gehalten – am anderen Tage aber werde nach fromme Ansprache zum ewigen Gedächtnis der Heimgegangenen auf dem Alten markt, der Leidensstätte, ein Kreuz errichtet.” Und dann trägt die Urteilsstimme durchs ganze Königreich Frankreich hin; denn der Erzbischof hebt zum letzten Male feierlich an:

“Wir erklären uns außerdem vorzubehalten, besagtes Urteil in den Städten und anderen bedeutenden Orten, überall, wo wir es für nötig halten, ausführen zu lassen, zu veröffentlichen und zu Ehren ihres Gedächtnisses feierlich zu begehen, unter Vorbehalt endlich aller anderen Formalitäten, die noch zu erledigen nötig sind!”

Dieses Urteil findet im ganzen Lande begeisterten Widerhall.

* * *

Jahrhunderte sind verstrichen! Da geschieht ein weiterer bedeutsamer Schritt zu Ehren von Jeanne d’Arc. Monsignore Dupanloup, Bischof von Orleans, ist der Träger des Gedankens. Am 8. Mai 1869 hält er aus Anlass der uralten Dankprozession eine glanzvolle Rede über die Heiligkeit der Heldin. Das zündet: 1874 geht man ernstlich ans Werk. Der gelehrte römische Advokat Hilaire Alibrandi widmet der Bearbeitung der Sache die letzte Kraft seines Lebens. – Und eigen, am selben Tage, zur selben Stunde, in der Jeanne d’Arc der Titel “ehrwürdig” von der Kirche zugelegt wird, geht er heim zum ewigen Frieden. Es war am 27. Januar 1894.

Einmal begonnen, ruhte man nicht. Gleichviel interessierte man sich in Orleans und Rom. Der Erzbischof Touchet war die Seele der neuen Untersuchung über das Heroische von Jeanne d’Arcs Tugend. Leo XIII., der große weitsichtige Papst, prägte indessen das schlichte und doch so triefe Wort: “Ioanna nostra est. Johanna gehört uns.” Auf seinem Sterbebette freute er sich, dass man in Orleans seiner in frommer Fürbitte bei der Heldenjungfrau gedenke.

Am 18. April 1909 pflückte Papst Pius X., der kindlich-fromme Heilige Vater, die reife Frucht langer Geistesarbeit. 40000 Franzosen, unter ihnen Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Mitglieder des Parlamentes, Offiziere, ein Herzog von Alençon, Nachfahren der Familie d’Arc eilen zur St. Peterskriche in Rom, um Zeuge der Seligsprechung von Jeanne d’Arc zu sein. Freudenfeste folgen in ganz Frankreich und fernab in den Kolonien.

Doch naht ein Hochfest für die ganze christliche Welt. Erzbischof Touchet von Orleans ist am 6. Januar 1910 im Namen vieler französischer Kirchenfürsten der offizielle Antragsteller zur Heiligsprechung Jeannes. Die Wunder auf Fürbitte Jeannes werden von der Ritenkongregation bestätigt. Konsistorialsitzung folgen. Dann kommt der Tag, auf den Jahrhunderte gewartet. Wieder eilen Tausende nach Rom, jene, die auserlesen sind durch die Bande der Familie, den Adel der Geburt, die Würde des Amtes, den Segen frommen Wesens, 60 Mitglieder der Familie d’Arc, der belgische König, Herzog und Herzogin von Vendôme, der Kardinal Begin von Quebec mit 2 Erzbischöfen, 3 Bischöfen und 20 Priestern aus Kanada. Frankreichs offizieller Vertreter war der frühere Außenminister Hanotaux, der sich als Historiker mit Jeannes Leben befasste, ferner sechs Kardinäle, 69 Bischöfe Frankreichs, 16 Missionsbischöfe und mehr als 600 Priester.

Mit den Vertretern der anderen Nationen vereint, füllen sie St. Peters, der Weltkirche, unendliche Hallen. Die Allerheiligenlitanei, das Miserere, das Veni creator spiritus ist verklungen. Da ergeht der dreimalige Anruf: “Nun ist die Stunde gekommen, die die Guten seit so langer Zeit erwartet haben. Die Autorität St. Petes steht im Begriffe, die allgemein hervorragende Tugend Jeannes d’Arc zu heiligen. Dass das katholische Weltall aufhorche und in der Heldin verehre die bewunderungswürdige Befreierin ihres Vaterlandes, ein herrliches Licht der triumphierenden Kirche!”

Es erhebt sich die ganze Versammlung und der Papst Benedikt XV. verkündet es der Welt:

“Zu Ehren der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit, der Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstum der christlichen Religion, durch die Autorität Unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und der Unsrigen, nach reiflicher Überlegung, und nachdem Wir oft den göttlichen Beistand angerufen haben, nach Ansicht Unserer ehrwürdigen Brüder der Kardinäle der heiligen römischen Kirche, der Patriarchen, Erzbischöfe und der Bischöfe gegenwärtig in der Stadt, bestimmen Wir und erklären heilig und schreiben in den Katalog der Heiligen die selige Jeanne d’Arc ein, indem wir verordnen, dass ihr Gedächtnis alle Jahre am 30. Mai in der Gesamtkirche gefeiert werde!”

Eine Weile Stille! – – – tiefinnerster Seelenjubel! – Die Glocken St. Peters erschallen, – es klingen alle Glocken über die Hügel der Ewigen Stadt.

“Heilige Jeanne d’Arc, bitte für uns, auf dass wir würdig werden der Verheißung Christi. Alleluja!” Das feierliche Amt beginnt. Der Heilige Vater verliest das Evangelium. Sein ist die Festansprache des Tages: “Gott erwählt die Schwachen in dieser Welt, um die Mächtigen zuschanden zu machen” … “Wahrlich, geheimnisvolle Stimmen, die sie hörte, haben ein armes, kleines, junges, unwissendes Mädchen in eine Heldin verwandelt, die die härtesten Opfer bringt, die militärische Wissenschaft kennt, menschenunmögliche Siege davonträgt, in die Geheimnisse der Herzen dringt und die Zukunft weissagt, das alles zeigt, dass der Finger Gottes da ist.

Sie aber rettet ihr Vaterland, um die Herrschaft Jesu Christi wieder herzustellen, sie aber schrieb alles dem ewigen Meister zu.” Schön spricht er von ihrem Leben, ergreifend von ihrem Sterben. Kraftvoll gibt er der Gegenwart eine warnende Lehre: “Fast 500 Jahre sind seit dem Heimgange der Heldenjungfrau verstrichen. Fügung des Himmels ist es, dass ihr Gedächtnis gerade jetzt gefeiert wird, wo die Regierungen das Reich Christi nicht anerkennen wollen. Und doch: “Er muss herrschen, er, dem der Vater die Herrschaft über alles gegeben hat.”

Wir aber, die Kinder des sturmbewegten zwanzigsten Jahrhunderts, wollen zu ihr flehen mit den Worten der Weihefahne des denkwürdigen Tages:

S. Joanna invicta, Christi miles, impetra nobis de hoste maligno victoriam. Amen. – Heilige Johanna, du Unüberwundene, Christi Kämpferin, erbitte uns Sieg über arglistige Feinde. Amen.

Quellen und Literatur

Jules Quicherat, Procès de Condamnation et de Réhabilitation de Jeanne d’Arc dite la Pucelle. Publiés pour la première fois d’après les manuscrits de la Bibliothèque nationale, suivis de tous les documents historiques qu’on a pu réunir et accompagnés de Notes, et d’éclaircissements. I-V 1841-1849. Paris.

Mgr. Henri Debout, Jeanne d’Arc. Grande Histoire Illustrée. Ouvrage couronné par l’Académie Française. I. 1913 II, 1922, Paris

Ph. H. Dunand, Jeanne d’arc. Paris 1904.


Transkription von P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell